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Die Bedeutung kognitiver Faktoren für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien

Doktorarbeit / Dissertation 2010 338 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Einleitung

Theoretischer Hintergrund
1. Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit
1.1 Definition der Begrifflichkeiten Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit
1.2 Prävalenzen zur Alkoholproblematik in Deutschland
1.3 Folgeschäden von Alkoholabhängigkeit
2. Alkoholabhängigkeit und Familie
2.1 Kinder aus alkoholbelasteten Familien
2.2 Familiäres Transmissionsrisiko von Alkoholabhängigkeit
2.3 Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien
2.3.1 Externalisierende Auffälligkeiten
2.3.1.1 Hyperkinetische Störungen
2.3.1.2 Störungen des Sozialverhaltens
2.3.1.3 Weitere externalisierende Auffälligkeiten
2.3.2 Internalisierende Auffälligkeiten
2.3.2.1 Depressionen
2.3.2.2 Angststörungen
2.3.2.3 Somatische und somatoforme Störungen
2.4 Zusammenfassung und Fazit
3. Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten
3.1 Risikofaktoren
3.1.1 Umgebungsbezogene Risikofaktoren
3.1.2 Personenbezogene Risikofaktoren
3.1.3 Übersicht
3.2 Schutzfaktoren
3.2.1 Umgebungsbezogene Schutzfaktoren
3.2.2 Personenbezogene Schutzfaktoren
3.2.3 Übersicht
3.3 Zusammenfassung und Fazit

Empirischer Teil
4. Fragestellungen und Hypothesen der Untersuchung
4. 1 Primäre Fragestellungen und Hypothesen
4.1.1 Verhaltensauffälligkeiten
4.1.2 Kognitive Faktoren
4.2 Sekundäre Fragestellungen und Hypothesen
5. Methode
5.1 Stichprobenbeschreibung
5.1.1 Jugendliche
5.1.1.1 Untersuchungsgruppe
5.1.1.2 Kontrollgruppe
5.1.1.3 Vergleichbarkeit der UG mit der KG
5.1.2 Fallbeispiele
5.2 Inzentive
5.3 Untersuchungsinstrumente
5.3.1 Jugendliche
5.3.1.1 Soziodemographische Merkmale
5.3.1.2 Children of Alcoholics Screening Test (CAST)
5.3.1.3 Weitere Angaben zur elterlichen Suchtproblematik
5.3.1.4 Alkoholkonsum
5.3.1.5 Fragebogen zu Stärken und Schwächen (SDQ)
5.3.1.6 KIDCOPE
5.3.1.7 Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartungen (SWE)
5.3.1.8 Schema Questionnaire for Children (SQC)
5.3.1.9 Fragebogen für negative und positive automatische Gedanken (FAG)
5.3.1.10 Family Assessment Measurement-III (FAM-III)
5.3.1.11 Familien-Beziehungs-Skalen (FBS)
5.3.1.12 Übersicht
5.3.2 Eltern
5.3.2.1 Soziodemographische Merkmale
5.3.2.2 Angaben zur elterlichen Suchtproblematik
5.3.2.3 Alcohol Use Disorder Identification Test (AUDIT)
5.3.2.4 Skala „Medikamenteneinnahme“ aus dem Fragebogen zur Erfassung des Gesundheitsverhaltens (FEG)
5.3.2.5 General Health Questionnaire (GHQ-12)
5.3.2.6 Fragebogen zu Stärken und Schwächen (SDQ) - Elternversion
5.3.2.7 Family Assessment Measurement-III (FAM-III)
5.3.2.8 Familien-Beziehungs-Skalen (FBS)
5.3.2.9 Übersicht
5.4 Untersuchungsablauf
5.4.1 Ablauf der Untersuchung für die Untersuchungsgruppe
5.4.2 Ablauf der Untersuchung für die Kontrollgruppe
5.5 Datenanalyse
6. Ergebnisse
6.1 Verhaltensauffälligkeiten
6.1.1 Psychische Symptombelastung
6.1.2 Alkoholkonsum
6.2 Kognitive Variablen
6.2.1 Vergleiche zwischen der UG und der KG
6.2.1.1 Bewältigungsverhalten
6.2.1.2 Selbstwirksamkeitserwartungen
6.2.1.3 Dysfunktionale Schemata
6.2.1.4 Automatische Gedanken
6.2.2 Geschlechts- und altersspezifische Auswertungen in Hinblick auf kognitive Variablen innerhalb der UG
6.2.3 Analyse der Bedeutung kognitiver Variablen für die psychische Symptombelastung
6.2.3.1 Bewältigungsverhalten
6.2.3.2 Selbstwirksamkeitserwartungen
6.2.3.3 Dysfunktionale Schemata
6.2.3.4 Automatische Gedanken
6.2.3.5 Ergebnisse univariater Varianzanalysen in Hinblick auf kognitive Variablen
6.2.3.6 Ergebnisse linearer Regressionsanalysen in Hinblick auf kognitive Variablen
6.3 Variablen der Eltern-Kind-Beziehung
6.3.1 Vergleiche zwischen der UG und der KG
6.3.2 Geschlechts- und altersspezifische Auswertungen in Hinblick auf Variablen der Eltern- Kind-Beziehung innerhalb der UG
6.3.3 Analyse der Bedeutung von Variablen der Eltern-Kind-Beziehung für die psychische Symptombelastung
6.3.4 Ergebnisse univariater Varianzanalysen in Hinblick auf Variablen der Eltern-Kind-Beziehung
6.3.5 Ergebnisse linearer Regressionsanalysen in Hinblick auf Variablen der Eltern-Kind-Beziehung
6.4 Ergebnisse linearer Regressionsanalysen in Hinblick auf kognitive Variablen und Variablen der Eltern-Kind-Beziehung
6.5 Resilienzen
6.5 Explorative Fallbeispiele
6.5.1 Fallbeispiel 1: Familie B. aus A
6.5.1 Fallbeispiel 2: Familie W. aus N
6.5.2 Zusammenfassung und Fazit
7. Diskussion
7.1 Verhaltensauffälligkeiten
7.2 Kognitive Faktoren
7.3 Variablen der Eltern-Kind-Beziehung
7.4 Limitationen der vorliegenden Untersuchung
7.5 Fazit für die Praxis und weitere Forschungsvorhaben

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Die vorliegende Untersuchung soll zunächst zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien mehr psychische Auffälligkeiten aufweisen als unbelastete Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus soll untersucht werden, ob sich Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in Hinblick auf kognitive Muster wie Bewältigungsstrategien, Selbstwirksamkeitserwartungen, dysfunktionale Schemata und automatische Gedanken von nicht-betroffenen Kindern unterscheiden. Schwerpunktmäßig wird im Anschluss die Bedeutung kognitiver Faktoren in Bezug auf psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien analysiert. Zudem werden mögliche Unterschiede in der Eltern-Kind-Beziehung zwischen belasteten und unbelasteten Kindern und Jugendlichen untersucht. Auch wird die Bedeutung dieser familiären Faktoren für die Entwicklung einer psychischen Symptombelastung bei betroffenen Kindern und Jugendlichen untersucht.

Für dieses Vorhaben wurde eine Fragebogenuntersuchung mit 72 Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien und 109 unbelasteten Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Ferner wurden zwei Kasuistiken alkoholbelasteter Familien näher betrachtet. Hier wurden nicht nur die Kinder befragt, auch die Sicht der Eltern wurde mithilfe telefonischer Interviews erfasst.

Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien eine höhere Symptombelastung aufweisen als unbelastete Kinder und Jugendliche, vor allem in Bezug auf emotionale Probleme und Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen. Wider Erwarten zeigen betroffene Kinder und Jugendliche kein riskanteres Alkoholkonsumverhalten als nicht-betroffene Kinder und Jugendliche. In Hinblick auf kognitive Muster und Variablen der Eltern-Kind-Beziehung unterscheiden sich die beiden Gruppen kaum bzw. nicht voneinander.

Es stellte sich jedoch heraus, dass kognitive Muster eine besondere Bedeutung für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien besitzen. Dies gilt ebenso für familiäre Faktoren. Diese Befunde stellen jedoch kein Spezifikum für betroffene Kinder und Jugendliche dar, sondern sind auch für Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien zutreffend. Der Bearbeitung kognitiver Muster und familiärer Faktoren kann somit eine besondere Bedeutung sowohl in der selektiven Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien, als auch in der universellen Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus unbelasteten Familien zukommen. Im Idealfall werden auch die Eltern der Kinder und Jugendlichen in diese Arbeit integriert.

Einleitung

„Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien eine erhöhte psychische Symptombelastung aufzeigen, sowohl in Hinblick auf internalisierende als auch auf externalisierende Störungsbilder. Dies ist das Resultat bestimmter vorhandener Risikofaktoren und einer Ermangelung an protektiven Faktoren. Die vergleichsweise erhöhte psychische Symptombelastung betroffener Kinder soll in der vorliegenden Studie repliziert werden. Des Weiteren sollten bisherige Befunde bestätigt werden, dass Kinder und Jugendliche mehr Alkohol konsumieren als nicht-betroffene Gleichaltrige.

Wenig untersucht wurde bislang die Bedeutung kognitiver Faktoren für die Entstehung psychischer Auffälligkeiten im Kontext von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien. Die vorliegende Untersuchung soll diese Lücke in der Forschung füllen. Hierzu werden zunächst potentielle Unterschiede zwischen belasteten und unbelasteten Kindern und Jugendlichen in Hinblick auf kognitive Muster erfasst. Im Anschluss wird die Bedeutung der kognitiven Muster für die Entstehung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien analysiert. Des Weiteren soll auch die Rolle familiärer Faktoren für die Entwicklung psychischer Störungsbilder beleuchtet werden. Auch hier sollen zunächst potentielle Unterschiede zwischen betroffenen und nicht-betroffenen Kindern und Jugendlichen aufgedeckt werden. Es folgt eine Analyse der Bedeutung familiärer Faktoren für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien. Die Ergebnisse werden einen maßgeblichen Beitrag zu der künftigen Entwicklung präventiver Programme für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien leisten.

Die vorliegende Arbeit ist in zwei große Abschnitte unterteilt. Im theoretischen Teil erfolgt zuerst eine kurze Beschreibung der Störungsbilder Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit. Im Folgenden werden die Auswirkungen eines elterlichen Alkoholproblems auf die betroffenen Kinder dargestellt. Ein besonderer Fokus wird hierbei auf die Entwicklung eigener Suchtstörungen sowie auf die Entstehung weiterer psychischer Störungsbilder gelegt. Nachfolgend werden bisher erforschte umgebungs- und personenbezogene Risiko- und Schutzfaktoren erörtert, die die Entstehung psychischer Probleme begünstigen bzw. diesen vorbeugen können.

Der empirische Abschnitt stellt zunächst die Fragestellungen der Untersuchung und die zu prüfenden psychologischen Hypothesen vor. Danach werden die Stichprobe der Studie, die Erhebungsinstrumente, der Untersuchungsablauf und die Art der Datenauswertung detailliert dargestellt. Nachfolgend werden die Ergebnisse der Untersuchung präsentiert. Zunächst werden hier die Resultate hinsichtlich der psychischen Symptombelastung vorgestellt. Es folgen die Ergebnisse zu den erfassten kognitiven Variablen, die das Kernstück der Studie darstellen. Im Anschluss werden die Befunde zu den untersuchten familiären Variablen erörtert. Im letzten Abschnitt des Ergebnisteils werden die Resultate der beiden Fallbeispiele beschrieben.

Der Diskussionsteil bespricht die gefundenen Ergebnisse vor dem Hintergrund der bisherigen Forschungslage und stellt die Konsequenzen für die aufgestellten Hypothesen dar. Ebenso werden methodische und inhaltliche Einschränkungen der vorliegenden Studie diskutiert. Zuletzt werden Implikationen für die praktische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien und für die künftige Forschung auf diesem Gebiet abgeleitet.

Theoretischer Hintergrund

1. Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit

Alkoholkonsum ist fest in das soziale Leben und in die traditionellen Strukturen der westlichen Gesellschaft integriert und ihm werden situationsbedingt ganz unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen beigemessen, welche vom akzeptierten Bestandteil von Mahlzeiten bis hin zum alterstypischen jugendlichen Experimentierkonsum reichen. Grundsätzlich steht die deutsche Gesellschaft jedoch dem Konsum psychoaktiver Substanzen und somit auch dem Konsum von Alkohol ambivalent gegenüber. Auf der einen Seite wird die Einnahme (legaler) psychotroper Substanzen von den meisten Mitgliedern unserer Gesellschaft akzeptiert und zu manchen Gelegenheiten sogar erwartet und erwünscht (z.B. bei festlichen Anlässen). Ziel dieser „lustvoll selbstbestimmten Rauschhaftigkeit“ (Legnaro, 2000, S. 19) ist die zumindest temporäre Entziehung von alltäglichen Verpflichtungen. Auf der anderen Seite erwartet unsere Gesellschaft jedoch auch, dass die konsumierenden Personen das Ausmaß und die Intensität des Rausches determinieren und damit den Konsum selbst kontrollieren können, so dass ein permanentes Versagen vor den Anforderungen des Alltags trotz der Einnahme von Rauschmitteln vermieden wird (Legnaro, 2000). Eine Person, die durch ihren Konsum alkoholbezogene Probleme entwickelt, wird daher von der Gesellschaft eher abgelehnt. Diese Sichtweise entspricht Pittman (1964) zufolge einer „Ambivalenzkultur“, wie sie in vielen englischsprachigen und nordeuropäischen Staaten zu finden ist.

1.1 Definition der Begrifflichkeiten Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit

Der gesellschaftlich anerkannte Konsum von Alkohol sowie seine einfache Verfügbarkeit bereiten oftmals den Weg für potentiellen Missbrauch alkoholischer Getränke (Davison & Neale, 2002). Lange Zeit galt das therapeutische Interesse ausschließlich schwer Alkoholabhängigen, deren jahrzehntelanger und exzessiver Konsum zur Abhängigkeit und zu schweren organischen Schäden geführt hatte. Die Vielfalt alkoholbedingter Störungen ist in Bezug auf ihre Begleit- und Folgeerkrankungen jedoch wesentlich breiter. Ebenso beruht die Mehrzahl aller alkoholbedingten Folgeschäden auf weniger schweren Störungsformen (Schmidt & Schmidt, 2003a). Um diesen Erkenntnissen gerecht zu werden, wurden neue fachliche Begrifflichkeiten eingeführt, um die verschiedenen Störungsformen differenzierter und adäquater beschreiben zu können. Der diagnostischen Einteilung der ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 10. Revision, 1994) oder der Klassifizierung des DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, 1994) der Amerikanischen Psychologischen Assoziation (APA) zufolge wird daher heutzutage in Bezug auf pathologischen Alkoholkonsum ein „schädlicher Gebrauch“ (ICD-10) bzw. ein „Missbrauch“ (DSM-IV) von einer „Alkoholabhängigkeit“ unterschieden. Darüber hinaus gibt es von der Weltgesundheitsorganisation WHO im Vorfeld dieser Störungsbilder den „riskanten Konsum“ (Schmidt & Schmidt, 2003a). Dieser liegt vor, wenn Männer täglich mehr als 30g (ca. 3-4 Gläser Wein oder Bier) und Frauen täglich mehr als 20g reinen Alkohols konsumieren (ca. 2-3 Gläser Wein oder Bier).

In der Bundesrepublik Deutschland wird in der Regel nach der ICD-10 diagnostiziert (Lindenmeyer, 2005). Gemäß dieser Klassifikation geht „schädlicher Gebrauch“ in der Regel mit einem gewohnheitsmäßigen Alkoholkonsum einher, bei dem der Alkohol meist in größeren Mengen getrunken wird (Dilling, Mombour & Schmidt, 2004). Ziel dieses Konsum-musters ist es, die positiven Wirkungen des Alkohols immer wieder erleben zu können, ohne dass ein übermächtiger, unkontrollierbarer Konsumwunsch oder -zwang besteht. Grundsätzlich erfordert die Diagnose „schädlicher Gebrauch“ nach ICD-10 zusätzlich zum oben beschriebenen Konsummuster in jedem Fall auch eine tatsächliche Schädigung der psychischen oder körperlichen Gesundheit. Das Konsumverhalten allein bildet somit keine Grundlage für die Diagnostik eines schädlichen Gebrauchs. Mögliche negative soziale Folgen oder Schwierigkeiten mit dem Gesetz allein sind kein Beweis für schädlichen Gebrauch bzw. Missbrauch. Ebenso gelten eine akute Intoxikation oder ein „Kater“ nicht als der Gesundheitsschaden, der für die Diagnose „schädlicher Gebrauch“ erforderlich ist. Abbildung 1 fasst die Diagnosekriterien von „schädlichem Gebrauch“ nach ICD-10 zusammen.

Abbildung 1

Diagnostische Kriterien für Alkoholmissbrauch nach ICD-10 (modifiziert aus: Schmidt, 1999, S. 71)

ICD-10: Schädlicher Gebrauch (F10.1)

Ein Konsummuster in Bezug auf Alkohol, das zu einer Gesundheitsschädigung führt. Diese kann eine körperliche Störung, etwa eine Lebererkrankung sein oder eine psychische Störung, z.B. eine depressive Episode nach massivem Alkoholkonsum.

Bei einer „Alkoholabhängigkeit“ wird zwischen psychischer und körperlicher Abhängigkeit unterschieden. Eine psychische Abhängigkeit liegt grundsätzlich dann vor, wenn folgende vier Symptome auftreten: a) ein starker, übermäßiger Wunsch, Alkohol zu konsumieren, b) Zentrierung des Denkens und des Interesses auf den Alkoholkonsum, c) verminderte Kontrolle, den Alkoholkonsum zu steuern und d) Fortsetzung des Konsums trotz subjektiv wahrgenommener negativer Konsequenzen (Klein, 2005a).

Eine psychische Abhängigkeit ist vor allem subjektiv erlebbar und ist oft unmerklich entstanden und somit nur schwer objektiv erkennbar (Klein, 2005a). Körperliche Alkoholabhängigkeit hingegen ist objektiv zu benennen. Eine Abhängigkeit ist durch das Auftreten von einer Toleranzsteigerung und von Entzugserscheinungen (z.B. vegetative und neurologische Entzugssymptome wie Mundtrockenheit, Beschleunigung des Pulses, Anstieg des Blutdrucks und der Körpertemperatur sowie Tremor der kleinen Muskulatur oder Delirium tremens (Davison & Neale, 2002; Schmidt & Schmidt, 2003a)) definiert. Abbildung 2 stellt die Diagnosekriterien von Alkoholabhängigkeit der ICD-10 ausführlich dar.

Abbildung 2

Diagnostische Kriterien für Alkoholabhängigkeit nach ICD-10 (modifiziert aus: Schmidt, 1999, S. 72)

ICD-10: Abhängigkeitssyndrom (F10.2)

Eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzmissbrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom.

Die sichere Diagnose „Alkoholabhängigkeit“ soll nur gestellt werden, wenn irgendwann während des letzten Jahres drei oder mehr der folgenden Kriterien vorhanden waren.

- Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren („craving“).
- Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Alkoholkonsums.
- Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch substanzspezifische Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden.
- Nachweis einer Toleranz: Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen des Alkohols hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich (eindeutige Beispiele hierfür sind die Tagesdosen von Alkoholikern, die Konsumenten ohne Toleranzentwicklung schwer beeinträchtigen oder sogar zum Tode führen würden).
- Ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol wie z.B. die Tendenz, Alkohol an Werktagen wie an Wochenenden zu trinken und die Regeln eines gesellschaftlich üblichen Trinkverhaltens außer Acht zu lassen.
- Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums.
- Anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen. Die schädlichen Folgen können körperlicher Art sein, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, oder sozialer Natur wie z.B. Arbeitsplatzverlust durch alkoholbedingte Leistungseinbußen oder psychischer Art, wie bei depressiven Zuständen nach massivem Alkoholkonsum.

Zu den Diagnosekriterien der ICD-10 sei angemerkt, dass dieser Klassifikation zufolge „schädlicher Alkoholgebrauch“ und „Alkoholabhängigkeit“ im eigentlichen Sinne zwei voneinander unabhängige Phänomene sind. Allerdings besteht bei vielen Alkoholabhängigen neben der eigentlichen Abhängigkeit streng genommen auch ein „schädlicher Gebrauch“ in dem Sinne, dass durch den Alkoholkonsum negative gesundheitliche oder psychische Konsequenzen aufgetreten sind. Den Konventionen der ICD-10 zufolge spricht man in diesem Fall jedoch nur von einer Alkoholabhängigkeit (Schmidt & Schmidt, 2003a).

Die Kriterien des DSM-IV, welche zur Diagnose in den USA verwendet werden, entsprechen größtenteils den Kriterien des ICD-10. Saß, Wittchen und Zaudig (1998) sind sogar der Meinung, dass die beiden Klassifikationen ICD-10 und DSM-IV im Grunde „unterschiedliche Dialekte der gleichen Sprache“ (S. 10) bilden. Trotzdem bestehen einige Unterschiede zwischen diesen beiden Klassifikationen, die sich vor allem auf die Diagnosekriterien und die Differenzierungen der Diagnosen beziehen. Für eine bessere, internationale Vergleichbarkeit der zukünftigen Entwürfe der ICD-11 und des DSM-V, welche in den Jahren 2011 vorgelegt (ICD-11) bzw. 2012-2014 implementiert (DSM-V) werden sollen, wäre es daher wünschenswert, wenn die beiden Systeme angeglichen würden (Rounsaville, 2002; Schmidt, 2006). Erste konkrete Vorschläge hierfür bestehen bereits, insbesondere für das Diagnosekriterium Toleranzentwicklung.

1.2 Prävalenzen zur Alkoholproblematik in Deutschland

Alkoholkonsum ist in Deutschland weit verbreitet. Im internationalen und europäischen Vergleich nimmt Deutschland seit vielen Jahren eine Spitzenposition in Bezug auf den Pro-Kopf-Konsum ein (Produktschap voor Gedestilleerde Dranken, 2001; World Health Organization, 2008). Es erscheint daher wenig überraschend, dass Alkoholabhängigkeit eine der häufigsten vorkommenden chronischen Erkrankungen in der Bundesrepublik darstellt (Klein, 2005a).

Aktuelle Ergebnisse des repräsentativen Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) 2006 zeigen auf, dass derzeit in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 7,9% der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren einen riskanten Alkoholkonsum aufweisen (Pabst & Kraus, 2008). 2,4% der befragten Männer und Frauen zeigen ein gefährliches Konsumverhalten und 0,4% sind als Hochkonsumenten zu bezeichnen. Darüber hinaus belegt das ESA, dass 2,4% der deutschen Bevölkerung (ca. 1,6 Mio. Menschen) als alkoholabhängig zu bezeichnen sind (nach DSM-IV). 3,8% der Bevölkerung (ca. 2,7 Mio. Menschen) betreiben Alkoholmissbrauch (nach DSM-IV). Beide Befunde sind bei Männern deutlich weiter verbreitet als bei Frauen.

1.3 Folgeschäden von Alkoholabhängigkeit

Es wurde mehrfach nachgewiesen, dass starker Alkoholkonsum neben zahllosen Folgeschäden auf medizinischer Ebene (z.B. gastrointestinale Krankheiten, kardiovaskuläre Krankheiten, respiratorische Störungen, Stoffwechselstörungen oder Krebs) (Babor et al., 2005; Bühringer et al., 2000) auch unterschiedliche negative Konsequenzen auf der individuellen psychologischen Ebene zur Folge hat. Alkoholabhängige Personen sind neben ihrer Suchterkrankung häufig von psychischen oder psychiatrischen Problemen wie Angststörungen, affektiven Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder suizidalen Tendenzen betroffen. Diese Störungen können unmittelbar durch den Konsum von Alkohol verursacht werden oder eine Reaktion auf suchtbedingte psychosoziale Veränderungen darstellen (Lindenmeyer, 2005).

Jedoch können nicht nur für das betroffene Individuum problematische Konsequenzen seiner Alkoholabhängigkeit auftreten. Häufig entstehen kritische Auswirkungen des Alkoholgebrauchs auch auf der sozialen Ebene, z.B. am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit. Typische Kategorien alkoholbedingter sozialer Probleme sind Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Verlust der Arbeit, Probleme im Erziehungs- oder Schulbereich, finanzielle Probleme, öffentliche Ruhestörung sowie zwischenmenschliche Probleme mit Freunden und Kollegen (Bühringer et al., 2000).

2. Alkoholabhängigkeit und Familie

Eine Alkoholabhängigkeit stellt zumeist nicht nur für das Individuum und sein weiteres Umfeld eine schwere Belastung dar, sondern auch das enge soziale Umfeld des Alkoholabhängigen ist von seiner Erkrankung deutlich mitbetroffen. Durch ihre Abhängigkeitserkrankung bzw. ihren intoxikierten Zustand können Alkoholabhängige ihre Angehörigen sowie andere Personen gefährden oder schädigen. Aktuellen Schätzungen zufolge sind zwischen drei und fünf Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland als Angehörige von Alkoholabhängigen mitbetroffen (Schmidt & Schmidt, 2003b). Dies bezieht sich in erster Linie auf den Partner oder die Partnerin sowie die Kinder des Alkoholabhängigen (Bühringer et al., 2000).

2.1 Kinder aus alkoholbelasteten Familien

Besonders schwerwiegende Konsequenzen hat der problematische Alkoholkonsum eines Elternteils auf die Entwicklung seines Kindes. Eine prospektive Längsschnittstudie an einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe Jugendlicher und junger Erwachsener zwischen 14 und 24 Jahren zeigte in Bezug auf Lebenszeitprävalenzen, dass in Deutschland ca. jeder siebte Jugendliche mit einem Elternteil zusammenlebt, der eine alkoholbezogene Störung aufweist (Lachner & Wittchen, 1997). Aus diesen Zahlen lässt sich ableiten, dass in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt ca. 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im Laufe ihres Lebens mit einem Elternteil mit der Diagnose Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit zusammengelebt haben (Klein, Kürschner & Ferrari, 2003). Aktuellen Schätzungen des European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA) (2008) zufolge sind in der Bundesrepublik Deutschland sogar 5-6 Millionen Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren von einer elterlichen Alkoholabhängigkeit betroffen. Dies würde bedeuten, dass 15,4% der deutschen Kinder und Jugendlichen mindestens einen Elternteil mit Alkoholproblemen haben.

Eine allgemeingültige Definition für „Kinder aus alkoholbelasteten Familien“ gibt es nicht. Dennoch gibt es Ansätze, um diese Gruppe von betroffenen Kindern identifizieren zu können. Eigen und Rowden (1995) inkludieren in diese Gruppe Kinder,

1. deren biologische Eltern (Mutter und/oder Vater) Alkoholiker sind oder gewesen sind,
2. die aktuell mit einem alkoholkranken Elternteil/Stiefelternteil leben oder
3. die jemals mit einem alkoholkranken Elternteil/Stiefelternteil gelebt haben.

Kinder aus alkoholbelasteten Familien wurden in der Forschung zum Thema Alkoholabhängigkeit lange vernachlässigt. Erst im Jahre 1969 erschien von Cork die Arbeit mit dem Titel „The forgotten children“, welche sich erstmalig mit auffälligen Symptomen von Kindern aus Suchtfamilien befasste. Später beschäftigten sich auch amerikanische Klinikerinnen wie Black (1988), Wegscheider (1988), Woititz (1990) oder die deutsche Pädagogin Lambrou (1990) mit den Lebenswelten, die Kinder von Alkoholabhängigen im Zusammenleben mit ihren Eltern erfahren. Durch ihre Werke wurde das Thema „Kinder aus alkoholbelasteten Familien“ erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (Zobel, 2000). In diesen frühen Werken wird deutlich, dass der Alkohol in den betroffenen Familien eine zentrale Rolle einnimmt (Sher, 1991) und somit das tägliche Leben aller anderen Familienmitglieder grundlegend verändern kann (Lambrou, 1990).

In aktuellen internationalen Untersuchungen zum Thema Kindeswohl und Entwicklungspathologie gilt eine elterliche Alkoholabhängigkeit mittlerweile als einer der gefährlichsten Risikofaktoren für eine gesunde körperliche und psychische Entwicklung des Kindes (Klein, 2008). Dementsprechend ist die Rate von Kindern mit Entwicklungsstörungen bei Kindern von Alkoholabhängigen deutlich erhöht (Lindenmeyer, 2005).

2.2 Familiäres Transmissionsrisiko von Alkoholabhängigkeit

Die Transmission, also die Weitergabe oder „Vererbung“ von Alkoholproblemen innerhalb der Familie ist eines der am häufigsten untersuchten Phänomene in der Forschung zum Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien. Zahlreiche nationale und internationale Studien konnten mehrfach nachweisen, dass bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien eine erhöhte Wahrscheinlichkeit vorliegt, dass sie a) früher mit dem Alkoholkonsum beginnen als nicht-betroffene Gleichaltrige (Alford, Jouriles & Jackson, 1991; Rothman, Edwards, Heeren & Hingson, 2008; Wong et al., 2006), b) früher erste Betrunkenheitserfahrungen erleben (McKenna & Pickens, 1981; Wong et al., 2006), c) mehr „binge drinking“ (Konsum von fünf oder mehr alkoholischen Getränken bei einer Trinkgelegenheit (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2007) betreiben (Weitzmann & Wechsler, 2000) und d) einen schnelleren Übergang vom ersten Konsum alkoholischer Getränke bis zu alkoholbezogenen Problemen vollziehen als Kinder aus diesbezüglich unbelasteten Familien (Hussong, Bauer & Chassin, 2008).

Ein frühes Review über 39 Studien zeigte außerdem, dass Verwandte von Alkoholabhängigen eine höhere Rate von eigenen alkoholbezogenen Abhängigkeitserkrankungen aufweisen als Verwandte von Nicht-Alkoholikern (Cotton, 1979). In einer Vielzahl von Studien aus dem angloamerikanischen und deutschen Raum konnte weiterhin bestätigt werden, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien überzufällig häufig selbst eine substanzbezogene Störung entwickeln: ca. 33% bis 40% von Kindern aus alkoholbelasteten Familien weisen im Verlauf ihrer Entwicklung Symptome einer Suchterkrankung auf (Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Sher, 1991; Windle & Searles, 1990; Zobel, 2000). In Bezug auf alkoholbezogene Störungen ist insgesamt davon auszugehen, dass Kinder von Alkoholikern ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko aufweisen, selbst einmal alkoholbezogene Probleme in Form von Missbrauch oder Abhängigkeit zu entwickeln (Grant, 2000; Klein & Zobel, 1999). Jüngste Untersuchungsergebnisse bestätigen das hohe Transmissionsrisiko für Kinder aus alkoholbelasteten Familien. Barnow, Lucht, Fischer und Freyberger (2001) weisen in ihrer Studie „Kinder alkoholkranker Eltern“ im Rahmen des Projektes „Study of Health in Pomerania (SHIP)“ nach, dass junge Leute mit alkoholkranken Eltern im Vergleich zu nicht-betroffenen jungen Menschen etwa dreimal so häufig ein problematisches Trinkverhalten aufzeigen (23% vs. 7%).

Erste Studien zur Transmission alkoholbezogener Störungen innerhalb der Familie ergaben, dass insbesondere Söhne aus alkoholbelasteten Familien eine deutlich erhöhte Vulnerabilität für die Entwicklung einer eigenen Alkoholabhängigkeit aufweisen (Klein et al., 2003). Eine bedeutsame bevölkerungsrepräsentative Langzeitstudie, welche sich mit der Epidemiologie von Alkoholstörungen bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien in Deutschland befasste, bestätigt, dass betroffene Kinder bereits im Alter zwischen 14 und 24 Jahren insgesamt signifikant erhöhte Risiken für Alkoholstörungen aufweisen (Lachner & Wittchen, 1997). Hierbei wird deutlich, dass bei einer väterlichen Alkoholdiagnose Söhne ein zweifach und Töchter ein 8,7-fach erhöhtes Risiko aufzeigen, selbst eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln. Im Fall einer mütterlichen Alkoholdiagnose weisen Söhne ein 3,3-faches und Töchter ein 16-faches Risiko auf. Haben beide Elternteile eine Alkoholstörung, erhöht sich das Risiko einer eigenen alkoholbezogenen Störung bei Söhnen um das 18,8-fache und bei Töchtern um das 28-fache. Die deutsche „Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP)“-Studie, eine repräsentative, prospektive Längsschnittuntersuchung, verfolgte ebenso eine differenzierte Sicht auf mütterliche und väterliche Alkoholprobleme und das damit verbundene Transmissionsrisiko für ihre Kinder (Lieb, Merikangas, Höfler, Pfister, Isensee & Wittchen, 2002). Die Ergebnisse belegen, dass Kinder von Müttern mit Alkoholproblemen dazu neigten, im Laufe der Zeit von einem gelegentlichen zu einem regelmäßigen Alkoholkonsum überzugehen. Wenn der Vater an einer alkoholbezogenen Störung leidet, tendieren betroffene Kinder dazu, im Laufe der Zeit von einem regelmäßigen in ein riskantes Trinkverhalten abzugleiten. Kinder von betroffenen Vätern weisen insgesamt signifikant höhere Raten von Alkoholmissbrauch (23,1% vs. 19%) und -abhängigkeit (14,3% vs. 7,7%) auf als Kinder von nicht-betroffenen Vätern. Für Kinder von alkoholabhängigen Müttern wurde kein solcher Effekt gefunden. Lieb et al. (2002) zeigen, dass die Inzidenzrate für eine Alkoholabhängigkeit bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien bereits ab einem Alter von ungefähr 13 Jahren zu steigen beginnt und den steilsten Anstieg im Alter von 14 Jahren erreicht. Ab einem Alter von 17 Jahren bleiben die Raten stabil hoch. Somit ist nicht nur das Geschlecht des Kindes eine beachtenswerte Variable, sondern auch das Geschlecht des alkoholabhängigen Elternteils.

Wiers (1994) leitet auf Basis früherer Untersuchungen zwei Wege ab, die zu einer Transmission von elterlichen Konsummustern und Alkoholproblemen auf ihre Kinder führen. Die familiäre Häufung von Alkoholproblemen in der Verwandtschaft lässt zum Einen vermuten, dass die Transmission von Alkoholproblemen durch genetische Faktoren verursacht wird. Diese Annahme konnte durch mehrere Zwillings- und Adoptionsstudien, zumindest für Männer, belegt werden (Klein et al., 2003). Kinder von Alkoholikern scheinen beispielsweise einen leicht dysfunktionalen prefrontalen Kortex vererbt zu bekommen (Wiers, 1994). Die damit zusammenhängende verminderte Inhibierung von sozial unerwünschtem Verhalten (Kalat, 1998; Miller, 1985) kann zu übersteigerten Alkoholwirkungserwartungen und zu einer Vulnerabilität für Suchtstörungen im Allgemeinen führen, was die Wahrscheinlichkeit für einen Alkoholmissbrauch deutlich erhöht. Als weitere Belege für den Einfluss von genetischen Faktoren gelten Studien über Söhne von Alkoholikern, die aufzeigen, dass Jungen und junge Männer aus alkoholbelasteten Familien aufgrund genetischer Besonderheiten sowohl subjektiv (d.h. in ihrem eigenen Empfinden) als auch objektiv (d.h. mit physiologischen Parametern) oft anders auf Alkohol reagieren als nicht-betroffene Jungen und junge Männer (Klein, 2005a). Schuckit (1991) zeigt beispielsweise in seiner Längsschnittstudie, dass betroffene Söhne im Alter von 18 bis 25 Jahren eine subjektiv weniger stark empfundene Alkoholwirkung berichten und weniger Körperschwankung nach dem Konsum alkoholischer Getränke aufzeigen als die unbelastete Kontrollgruppe. Junge Männer aus alkoholbelasteten Familien nahmen die Wirkung von Alkohol außerdem erst bei einer höheren Konzentration wahr und verspürten die später einsetzenden unangenehmen Effekte („Kater“) in geringerem Maße als Vergleichspersonen. Eine verminderte Sensitivität auf Alkohol wird generell mit einer drei- bis vierfach höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, eine alkoholbezogene Störung zu entwickeln (Schuckit, 1994a; Schuckit & Smith, 2001a; 2001b)

Die Vorstellung einer vollkommen genetisch determinierten Transmission von Alkoholabhängigkeit ist allerdings im Hinblick darauf, dass nur ein Teil der Nachkommen selbst alkoholbezogene Probleme entwickelt, nicht haltbar (Klein et al., 2003). Eine Metaanalyse von Familienstudien von Schuckit (1994b) bestätigt, dass die Transmission von Alkoholproblemen nicht überwiegend genetisch bedingt sein kann. Bei etwa 50% der weiblichen und 30% der männlichen Alkoholiker bestand keine familiäre Belastung unter Angehörigen ersten und zweiten Grades. Alle Ergebnisse der genetischen Studien räumen zudem ein, dass auch ein möglicher Einfluss von Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren, entweder als unabhängige Faktoren oder im Zusammenspiel mit genetischen Variablen, nicht außer Acht gelassen werden darf (Sher, 1991).

Dies bekräftigt den zweiten Weg zur Alkoholabhängigkeit bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien nach Wiers (1994), welcher sich mit bestimmten Persönlichkeits- und Umweltfaktoren befasst, die in der Entstehung von Alkoholproblemen bei betroffenen Kindern im Jugend- und Erwachsenenalter eine bedeutsame Rolle spielen. Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien erleben mehr widrige Kindheitsereignisse (wie z.B. innerfamiliäre Konflikte, häusliche Gewalt oder Vernachlässigung) und sind oftmals stressvolleren Milieubedingungen (z.B. niedrigerer sozioökonomischer Status oder Komorbidität des Elternteils) ausgesetzt, was verschiedenen Studien zufolge die Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung begünstigen kann (Barnow, Schuckit, Lucht, John & Freyberger, 2002; Zobel, 2000; Zucker, Ellis & Fitzgerald, 1994). Sher (1991) hat darüber hinaus frühzeitig Transmissionsmodelle postuliert, die zwar den wichtigen Einfluss von Umgebungsfaktoren bestätigen, jedoch auch verstärkt eigene Persönlichkeitsmerkmale des betroffenen Kindes einbeziehen. Ihm sowie Windle (1992, 1997) zufolge sind Persönlichkeitscharakteristika des betroffenen Kindes (z.B. Temperament oder Intelligenz) wichtige Mediatorvariablen, die bei der Entwicklung von eigenen alkoholbedingten Störungen eine wesentliche Rolle spielen.

Weitere Studien belegen, dass am Anfang der Entstehung von eigenen Alkoholproblemen auch ein Modelllernen das Trinkverhalten des betroffenen Kindes im Jugend- und jungen Erwachsenenalter maßgeblich beeinflussen kann (Chassin, Pitts, DeLucia & Todd, 1999; Ellis, Zucker & Fitzgerald, 1997). Dies bezieht sich nicht nur auf die Übernahme von Substanzgebrauchmustern der Peergruppe; auch der Alkoholkonsum der Eltern besitzt eine starke Vorhersagekraft für das Trinkverhalten ihrer Kinder (Otten, van der Zwaluw, van der Vorst & Engels, 2008). Zobel (2000) geht aufgrund von Ergebnissen aus früheren Studien davon aus, dass der spätere Alkoholkonsum des Kindes in der Tat auf einen einfachen Nachahmungseffekt zurückzuführen ist und dass Jugendliche die Trinkmuster ihrer Eltern im Wesentlichen übernehmen. Alkohol wird oftmals als vermeidende Bewältigungsstrategie bei Problemen oder als Selbstmedikation bei Schmerzen von den Eltern eingesetzt und somit vorgelebt. Dieses Verhalten wird dann im späteren Entwicklungsverlauf von den Kindern unkritisch übernommen, da sie keinerlei alternative Strategien zur Verarbeitung von Schwierigkeiten erlernt haben. In diesem Zusammenhang wird weiterhin vermutet, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien auch häufiger positive Alkoholwirkungserwartungen aufweisen als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien (Barnow, Stopsack, Spitzer & Freyberger, 2007; Brown, Tate, Vik, Haas & Aarons, 1999). Alkoholwirkungserwartungen sind die Überzeugungen, die Menschen in Bezug auf die verhaltensbezogenen, kognitiven und emotionalen Effekte des Alkoholkonsums aufweisen und die unabhängig davon auftreten, ob schon einmal Alkohol konsumiert wurde oder nicht (Brown et al., 1999). Alkoholwirkungserwartungen besitzen eine starke Vorhersagekraft für den Alkoholkonsum von Personen (Stacy, Newcomb & Bentler, 1991). Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zeigen auf, dass positive Wirkungserwartungen die Variabilität des Alkoholkonsums nicht nur bis zu 50% vorhersagen können (Goldman, Del Boca & Darkes, 1999; Leigh & Stacy, 1993; Wiers, Hoogeveen, Sergeant & Gunning, 1997), sondern auch als wesentliche kognitive Mediatorvariablen in der Ätiologie alkoholbezogener Störungen anzusehen sind (Barnow, Stopsack et al., 2007; Schuckit & Smith, 2001b). Obwohl Eltern mit Alkoholproblemen ihren Kindern oftmals auch die positive Seite des Alkoholtrinkens präsentieren, sollte an dieser Stelle jedoch erwähnt werden, dass bei betroffenen Kindern auch ein umgekehrter Effekt eintreten kann: einige Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien reduzieren oder vermeiden bewusst den Konsum von Alkohol, um den negativen Konsequenzen, denen sie bei ihren abhängigen Eltern direkt exponiert waren, bewusst aus dem Weg zu gehen (Trim & Chassin, 2004).

2.3 Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien

Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien gelten nicht nur als die größte Risikogruppe für die Entwicklung einer eigenen alkoholbezogenen Störung, sondern es konnte auch mehrfach belegt werden, dass betroffene Kinder und Jugendliche häufig auch andere Störungen mit klinischer Relevanz entwickeln (Klein, 2008). Zahlreiche Familienstudien bei Alkoholabhängigen zeigen in vielfältiger Weise Beziehungen zwischen der alkoholbezogenen Störung und den psychischen Auffälligkeiten der betroffenen Kinder (Klein et al., 2003).

2.3.1 Externalisierende Auffälligkeiten

Aus unterschiedlichen Reviews wird deutlich, dass bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien verhältnismäßig häufig externalisierende Störungen diagnostiziert werden (Harter, 2000; Johnson & Leff, 1999; Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Lachner & Wittchen, 1997; Sher, 1991). Edwards, Eiden und Leonard (2006) zeigen, dass bereits Kleinkinder im Alter zwischen 18 und 36 Monaten mit alkoholabhängigen Vätern mehr externalisierende Symptome aufweisen als Kinder ohne alkoholabhängigen Vater. Eine Interviewstudie von Marmorstein, Iacono und McCue (2008) mit 626 Familien (bestehend aus Zwillingspaaren und deren Eltern) aus der Allgemeinbevölkerung konnte ebenso aufweisen, dass durch eine elterliche Suchtbelastung das Risiko für betroffene Jugendliche, eine externalisierende Störungen zu entwickeln, im Vergleich zu nicht-betroffenen Jugendlichen um ein Dreifaches erhöht ist. Eine prospektive Langzeitstudie aus den USA von Hill, Shen, Lowers, Locke-Wellman, Matthews und McDermott (2008) mit Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren belegt, dass insbesondere Kinder von alkoholabhängigen Müttern ein besonders hohes Risiko aufweisen, eine externalisierende Störung zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass externalisierende Verhaltensauffälligkeiten als stabile Prädiktoren für spätere alkohol- oder andere substanzbezogene Störungen gelten und somit eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung der betroffenen Kinder spielen (Chassin et al., 1999; Clark, Parker & Lynch, 1999; Marshal, Molina, Pelham & Cheong, 2007; King & Chassin, 2008).

2.3.1.1 Hyperkinetische Störungen

Eine Reihe von Studien zeigt auf, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien geringere Aufmerksamkeitsspannen und eine erhöhte Hyperaktivität aufzeigen (Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Zobel, 2000). Im Rahmen der SHIP-Studie von Barnow et al. (2001) mit Jugendlichen aus Familien mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil sowie mit Jugendlichen aus Normalfamilien aus Mecklenburg-Vorpommern wurde repliziert, dass Jugendliche von abhängigen Eltern mehr Symptome einer Aufmerksamkeitsstörung berichten als Jungen und Mädchen aus diesbezüglich unbelasteten Familien. Eine amerikanische Längsschnittstudie mit Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien im Alter von 7 bis 18 Jahren von Barnow, Schuckit, Smith, Preuss und Danko (2002) zeigt darüber hinaus, dass insbesondere Kinder und Jugendliche mit drei oder mehr engen Verwandten mit Alkoholproblemen höhere Werte in Bezug auf Aufmerksamkeitsprobleme aufzeigen als betroffene Kinder mit nur ein oder zwei Verwandten bzw. keinem Verwandten mit Alkoholproblemen. Spanische Ergebnisse zu betroffenen und nicht-betroffenen Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren von Diaz et al. (2008) konnten bisherige Forschungsbefunde weiter spezifizieren: Kinder und Jugendliche mit alkoholabhängigen Familienangehörigen weisen im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen aus unbelasteten Familien ein dreifach erhöhtes Risiko für die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf.

Obwohl ältere und aktuelle Untersuchungen ein erhöhtes Vorkommen von hyperkinetischen Störungen bei betroffenen Kindern aufzeigen, bestätigen sich diese Befunde nicht in allen Studien. Eine Studie mit betroffenen Kindern im Durchschnittsalter von 11 Jahren von Schuckit, Smith, Radminski und Heynemann (2000) zeigt beispielsweise, dass eine elterliche Alkoholbelastung nicht in direkter Verbindung zu einem höheren Risiko für ADHS steht, sondern dass ein Zusammenhang über weitere Variablen wie ein niedriger sozioökonomischer Status oder elterliche Antisozialität verläuft. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Barnow, Lucht, Hamm, John und Freyberger (2004). Ihre Ergebnisse zeigen, dass familiäre Alkoholprobleme bei Jugendlichen mit einem Durchschnittsalter von 14 Jahren nicht per se mit einem erhöhten Risiko für Aufmerksamkeitsprobleme einhergehen. Der einzige Risikofaktor für Aufmerksamkeitsprobleme ist laut ihren Untersuchungen die Erfahrung von elterlicher Zurückweisung. Ein Zusammenhang von elterlichen Alkoholproblemen und aufmerksamkeitsbezogenen Störungen scheint diesen Untersuchungen gemäß höchstens indirekt gegeben, da eine elterliche Alkoholproblematik zu bestimmten Veränderungen des elterlichen Verhaltens führen kann, die wiederum eine Aufmerksamkeitsstörung des Kindes begünstigen können.

2.3.1.2 Störungen des Sozialverhaltens

Eine erhöhte Rate an impulsivem, aggressivem und delinquentem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien konnte in früheren Studien bereits belegt werden (Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Zobel, 2000). Daten aus der Bundesrepublik Deutschland, z.B. die aus der SHIP-Studie von Barnow et al. (2001) weisen auf, dass Jugendliche alkoholabhängiger Eltern sich selbst als delinquenter einschätzen als nicht-betroffene Jugendliche aus der Kontrollgruppe. Barnow, Schuckit, Smith et al. (2002) belegen zusätzlich, dass diesbezüglich insbesondere Kinder und Jugendliche mit drei oder mehr alkoholabhängigen Verwandten betroffen sind. Furtado, Laucht und Schmidt (2002) zeigen im Rahmen der Mannheimer Risikokinderstudie, dass sich die Gruppe der Kinder aus alkoholbelasteten Familien vor allem durch signifikant erhöhte Symptome expansiver Störungen wie z.B. oppositionelles Verhalten, Wutanfälle, Aggressivität, destruktives Verhalten, Distanzlosigkeit, Disziplinproblem in der Schule und Delinquenz von einer unbelasteten Kontrollgruppe unterscheidet. Repräsentative, amerikanische Daten von Obot und Anthony (2004) aus dem epidemiologischen „National Household Survey on Drug Abuse (NHSDA)“ mit 1.729 Eltern-Kind Konstellationen belegen, dass Jugendliche mit akut alkoholabhängigen Eltern in Interviews von einem erhöhten Aufkommen an aggressiven und delinquenten Verhalten sowie sozialen Problemen berichten.

Schuckit et al. (2000) hingegen fanden in einer Studie mit 162 Kindern aus alkoholbelasteten und nicht-betroffenen Familien heraus, dass zwischen einer elterlichen Alkoholbelastung und Störungen des Sozialverhaltens bzw. oppositionellem Verhalten des Kindes kein direkter Zusammenhang besteht. Ebenso sind einer amerikanischen Studie von Schuckit, Smith, Barnow, Preuss, Luczak & Radziminski (2003) zufolge Töchter und Söhne von alkoholkranken Eltern nicht häufiger von ausagierenden Symptomen betroffen als Kinder aus Normalfamilien. Betroffene Kinder sind jedoch eher von externalisierenden Symptomen betroffen, wenn die Großeltern ein Alkoholproblem haben oder hatten. Ergebnisse aus der San Diego-Studie von Schuckit, Smith, Pierson, Trim & Danko (2008) zeigen ebenfalls keine erhöhten Raten von Störungen des Sozialverhaltens bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien. Die Ergebnisse der Greifswalder Familienstudie weisen darauf hin, dass kein direkter Zusammenhang zwischen elterlichen Alkoholproblemen und Störungen des Sozialverhalten besteht (Barnow et al., 2004). Jedoch stehen Variablen wie elterliche Zurückweisung (Barnow et al., 2004) oder eine väterliche antisoziale Persönlichkeitsstörung (Barnow, Schuckit, Smith, Spitzer & Freyberger, 2007; Barnow, Ulrich, Grabe, Freyberger & Spitzer, 2007) in direktem Zusammenhang mit einem erhöhten Aufkommen von Aggressivität oder Delinquenz bei den untersuchten Kindern. Somit scheint auch in Bezug auf Störungen des Sozialverhaltens nicht unbedingt ein linearer Zusammenhang mit einer elterlichen Alkoholproblematik zu bestehen, sondern der Zusammenhang verläuft über moderierende oder mediierende Variablen.

2.3.1.3 Weitere externalisierende Auffälligkeiten

Neben einer Vielzahl von Studien zu Aufmerksamkeitsstörungen und Störungen des Sozialverhaltens bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien, konzentrierte sich ein weiterer Teil der Forschung auf andere externalisierende Auffälligkeiten wie suizidale Tendenzen oder problematisches Verhalten im schulischen Kontext.

In einer Zwillingsstudie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Glowinski, Theodore, Buchholz, Scherrer, True und Heath (2004) konnte belegt werden, dass eine väterliche Alkoholbelastung in Zusammenhang mit suizidalen Tendenzen bei den betroffenen Kindern steht. Die Studie von Klein et al. (2003) mit insgesamt 251 Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien mit sowohl behandelten und unbehandelten Eltern sowie Kindern und Jugendlichen aus Normalfamilien bekräftigt, dass vor allem jene Kinder und Jugendliche, die der elterlichen Alkoholproblematik länger als vier Jahre exponiert waren, häufiger Selbstmordgedanken hegen oder gar wünschen tot zu sein, als Kinder und Jugendliche mit geringem oder keinem Expositionszeitraum.

Andere Forschungsstudien zu Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien konzentrieren sich auf die Bereiche Schulverhalten und Schulleistung. Klein et al. (2003) berichten differenzierte Ergebnisse hinsichtlich eines Zusammenhangs zwischen elterlichen Alkoholproblemen und schlechten Schulleistungen. In einigen Studien zeigte sich tatsächlich eine beeinträchtigte Leistung bei betroffenen Kindern, in anderen Untersuchungen konnten keine Abweichungen der Leistungen oder des Betragens beobachtet werden. Neueren Berichten zufolge schwänzen Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien jedoch häufiger die Schule als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien, bleiben öfter sitzen oder werden häufiger an Schulpsychologen verwiesen (NACOA Deutschland, 2006). Die Studie von Diaz et al. (2008) bestätigt, dass Nachkommen von alkoholabhängigen Eltern ein neunfach erhöhtes Risiko für schlechtere Schulleistungen aufweisen als Kinder und Jugendliche aus Normalfamilien; selbst wenn Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status und familiärer Zusammenhalt in der Analyse berücksichtigt werden. Darüber hinaus mussten betroffene Kinder und Jugendliche doppelt so häufig eine Klasse wiederholen wie nicht-betroffene Kinder und Jugendliche und brachen auch doppelt so häufig die Schule ab. Diese Befunde ähneln denen aus weiteren Studien (Casas-Gil & Navarro-Guzman, 2002; McGrath, Watson & Chassin, 1999; Poon, Ellis, Fitzgerald & Zucker, 2000). Eine mögliche Erklärung für diese Ergebnisse wäre, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien oftmals kognitiv beeinträchtigter sind als Kinder aus unbelasteten Familien (Poon et al., 2000; Tarter, Laird & Moss, 1992; Sher, 1991). Eine alternative Erklärung wäre, dass betroffene Kinder häufig Schwierigkeiten haben, sich auf ihre Mitschüler und Lehrer einzulassen (NACOA Deutschland, 2006). Oftmals spielt auch die Angst, die eigenen Fähigkeiten zu zeigen oder die Angst vor Versagen eine große Rolle. Zuletzt ist auch der Bildungshintergrund der Familie entscheidend. Kinder aus alkoholbelasteten Familien wachsen häufiger in bildungsfernen Familien auf als nicht-betroffene Kinder (Ellis et al., 1997). Daher werden sie in der Regel von ihren Eltern weniger gefördert, was später zu schlechteren Schulleistungen führen kann.

2.3.2 Internalisierende Auffälligkeiten

Die bisherige Forschungslage zeigt, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien erhöhte Raten von Depressionen und Angststörungen aufweisen (Harter, 2000; Johnson & Leff, 1999; Lachner & Wittchen, 1997; Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Sher, 1991). Auch aktuelle Studien entdecken ebenso Zusammenhänge zwischen familiärer Alkoholbelastung und Symptome internalisierender Störungen bei betroffenen Kindern. Edwards et al. (2006) zeigen beispielsweise, dass bereits Kleinkinder eher von internalisierenden Auffälligkeiten betroffen sind als Kinder aus unbelasteten Familien. Dieser Befund manifestiert sich bei den Kindern im Jugendalter. DeLucia, Belz und Chassin (2001) sowie Barnow, Lucht und Freyberger (2002) belegen erneut, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien mehr internalisierende Auffälligkeiten als die unbelastete Kontrollgruppe aufzeigen. Auch Obot und Anthony (2004) zufolge zeigen betroffene Kinder vermehrt Symptome von Angststörungen und Depressionen, wenngleich dieser Effekt nicht vergleichbar stark auftritt wie bei den externalisierenden Symptomen. Aktuell replizierten Hussong, Cai, Curran, Flora, Chassin und Zucker (2008) in zwei Langzeitstudien, dass sich sowohl durch eine väterliche als auch durch eine mütterliche alkoholbezogene Diagnose internalisierende Symptome bei ihren Kindern vorhersagen lassen, selbst dann, wenn der Einfluss elterlicher Depressionen oder antisozialer Persönlichkeitsstörungen ausgeschlossen werden konnte (Hussong, Flora, Curran, Chassin & Zucker, 2008). Es wird vermutet, dass internalisierende Symptome den Weg zu einer später entwickelten substanzbezogenen Störung bereiten können. Substanzen werden in diesem Zusammenhang als Selbstmedikation gebraucht, um Angst- oder Depressionszustände zu lindern oder zu beseitigen (Lieberman, 2000).

2.3.2.1 Depressionen

Eine Vielzahl an Forschungsstudien konnte einen Zusammenhang von depressiven Störungen und einer familiären Alkoholproblematik aufzeigen (vgl. Klein et al., 2003; Klein, 2005a; Zobel, 2000).

Die Untersuchung von Cuijpers, Langendoen und van Bijl (1999) konnte des Weiteren anhand einer repräsentativen niederländischen Bevölkerungsstichprobe belegen, dass a) erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien eine höhere Lebenszeit-, Jahres- und Monatsprävalenz an affektiven Störungen aufweisen, insbesondere wenn sie mit einem alkoholabhängigen Vater aufgewachsen sind, b) das erste Auftreten von entsprechenden Symptomen zu einem früheren Zeitpunkt zu beobachten ist als bei der unbelasteten Kontrollgruppe und c) eine elterliche Alkoholproblematik generell als gewichtiger Prädiktor für psychiatrische Störungen bei den direkten Nachkommen zu betrachten ist. Die amerikanische Studie von Hill et al. (2008) konnte darüber hinaus aufzeigen, dass eine elterliche Alkoholabhängigkeit das Risiko für betroffene Kinder und Jugendliche, eine majore Depression zu entwickeln, deutlich erhöht. Eine dänische Untersuchung spezifizierte, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien im Vergleich zu unbelasteten Kindern ein zweifach erhöhtes Risiko für depressive Störungen haben (Christensen & Bilenberg, 2000). Des Weiteren zeigen die dänischen Daten, dass Töchter von alkoholabhängigen Müttern mehr depressive Symptome aufweisen als Söhne von suchtkranken Müttern. Umgekehrt zeigen Söhne mit alkoholabhängigen Vätern eine höhere Depressivität als Töchter von Vätern mit Alkoholproblemen. McCauley Ohannessian et al. (2004) beleuchteten ebenfalls den Zusammenhang zwischen elterlichem Substanzmissbrauch und psychologischen Problemen bei deren Kindern unter Berücksichtigung des Geschlechts der Eltern und der Kinder. Im Gegensatz zu Christensen und Bilenberg (2000) fanden sie heraus, dass ein mütterlicher Alkoholmissbrauch die Entwicklung einer schweren depressiven Störung sowohl bei adoleszenten Töchtern als auch bei Söhnen stärker beeinflusst als eine väterliche alkoholbezogene Störung. Eine schriftliche Befragung von Klein und Quinten (2002) mit jungen Erwachsenen, deren alkoholabhängiger Elternteil vor durchschnittlich acht Jahren eine stationäre Entwöhnung absolviert hatte, ergab wiederum, dass erwachsene Kinder mit einem suchtkranken Vater eher von Depressionen betroffen sind als junge Erwachsene mit einer suchtkranken Mutter. Sowohl erwachsene Kinder von abhängigen Müttern als auch erwachsene Kinder von erkrankten Vätern sind jedoch insgesamt weniger von affektiven Störungen betroffen als erwachsene Kinder mit zwei suchtkranken Elternteilen oder erwachsene Kinder von Eltern, die nicht dauerhaft abstinent blieben. Obwohl alle drei Studien konträre Ergebnisse in Bezug auf die Wechselwirkung des Geschlechts des abhängigen Elternteils und des betroffenen Kindes liefern, so belegen sie doch alle einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer elterlichen Alkoholproblematik und depressiven Symptomen bei den betroffenen Kindern.

Ähnlich wie in der Forschung zu externalisierenden Störungen bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien, gibt es jedoch auch hier weniger eindeutige Studienergebnisse, die auf einen direkten Zusammenhang von einer elterlichen Alkoholbelastung und einer depressiven Störung schließen lassen. Gilder, Wall und Ehlers (2002) fanden in ihrer amerikanischen Studie beispielsweise keinerlei Hinweise darauf, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien häufiger unter depressiven Störungen leiden als Kinder aus unbelasteten Familien. Barnow et al. (2001) bestätigen, dass bereits eine Vielzahl von Studien mit Querschnittsdesign keinen direkten Zusammenhang zwischen elterlichen Alkoholproblemen und einer depressiven Symptomatik beim betroffenen Kind belegen konnten. Sie räumen jedoch ein, dass es geringe Differenzen zwischen alkoholbelasteten und unbelasteten Gruppen geben könnte, welche sich erst in einer Längsschnittbeobachtung weiter manifestieren können. Preuss, Schuckit, Smith, Barnow und Danko (2002) postulieren darüber hinaus, dass ein elterliches Alkoholproblem weniger ursächlichen Einfluss auf eine kindliche und jugendliche depressive Störung hat als andere Belastungen, die in der Familie vorkommen können. Anda et al. (2002) bekräftigen, dass der Zusammenhang zwischen einer elterlichen Alkoholbelastung und späteren depressiven Störungen bei betroffenen Kindern nicht unbedingt auf die elterliche Alkoholabhängigkeit allein zurückzuführen sei, sondern eher auf die Tatsache, dass Kinder in alkoholbelasteten Familien oftmals widrige Kindheitserfahrungen wie z.B. emotionalen und sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt oder Scheidung sammeln. Je mehr widrige Kindheitserfahrungen ein betroffenes Kind erlebt, desto höher ist das Risiko des Kindes, im Erwachsenenalter eine Depression zu entwickeln. Klein (2005a) bestätigt, dass eine elterliche Alkoholstörung zu bestimmten Merkmalen innerhalb der Familie führt, welche eine depressive Erkrankung beim Kind begünstigen können (z.B. angespannte häusliche Atmosphäre, Zerrüttung, psychopathologische Komorbidität des trinkenden Elternteils).

2.3.2.2 Angststörungen

Eine Vielzahl früherer Untersuchungen berichtet über Symptome von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien (vgl. Klein et al., 2003, Klein, 2005a, Zobel, 2000).

Cuijpers et al. (1999) weisen in ihrer niederländischen Studie darüber hinaus nach, dass betroffene erwachsene Kinder in Bezug auf depressive Symptome höhere Lebenszeit-, Jahres- und Monatsprävalenzen für Angststörungen aufzeigen als nicht-betroffene erwachsene Kinder. Außerdem weisen betroffene erwachsene Kinder entsprechende Symptome zu einem früheren Zeitpunkt auf als unbelastete Gleichaltrige. In der Studie von Klein und Quinten (2002) fanden sich Hinweise darauf, dass Angststörungen die am häufigsten vorkommende internalisierende Störung bei erwachsenen Kindern aus alkoholbelasteten Familien darstellt. Etwa ein Viertel der befragten Betroffenen leidet unter Ängsten. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die Betroffenen mit zwei suchtkranken Elternteilen oder mit Eltern ohne dauerhafte Abstinenz aufgewachsen sind. Die Ergebnisse der Studie von Reich, Earls, Frankel und Shayka (1993) zeigen für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien zudem ein deutlich erhöhtes Risiko für überängstliches Verhalten. Maynard (1997) befand darüber hinaus, dass betroffene erwachsene Kinder in ihrer Persönlichkeit generell ängstlicher sind als erwachsene Kinder aus nicht-betroffenen Familien. Darüber hinaus reagieren betroffene Erwachsene in bestimmten, subjektiv als bedrohlich empfundenen Situationen (Zustandsangst) ängstlicher als Erwachsene, die in unbelasteten Familien aufgewachsen sind. Post und Robinson (1998) sowie MacPherson, Stewart und McWilliams (2001) zeigen in ihren Studien, dass betroffene Kinder und junge Erwachsene mehr Ängste aufwiesen als Kinder und junge Erwachsene aus unbelasteten Familien, sowohl in Bezug auf generelle Angst als Persönlichkeitseigenschaft als auch in Hinblick auf Ängstlichkeit in bedrohlichen Situationen. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei ebenso die sogenannte Angstsensitivität, d.h. das Ausmaß, in dem ein Individuum befürchtet, dass es durch seine Angst negative Konsequenzen erleben wird. Erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien weisen nach MacPherson et al. (2001) eine höhere Angstsensitivität auf als nicht-betroffene junge Erwachsene. Sie belegen darüber hinaus, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien im Studentenalter häufiger von spontanen Panikattacken (im nicht-klinischen Sinne) berichten als junge Erwachsene aus unbelasteten Familien. Spanische Daten zeigen ergänzend, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien signifikant mehr subklinische Symptome von phobischen Angststörungen aufweisen als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien (Diaz et al., 2008).

Gleichwohl gibt es Studien, die keinerlei Hinweise auf einen direkten Zusammenhang zwischen elterlicher Alkoholbelastung und Angststörungen liefern. Gilder et al. (2002) zeigen beispielsweise, dass sich Kinder aus alkoholbelasteten Familien weder in Bezug auf eine Störung mit Überängstlichkeit noch in Bezug auf Trennungsängste signifikant von nicht-betroffenen Kinder unterscheiden. Preuss et al. (2002) zufolge besteht zwar ein Zusammenhang zwischen einer mütterlichen Alkoholbelastung und Angststörungen bei ihrem betroffenen Kind im Kindes- und Jugendalter, jedoch sollte die elterliche Alkoholproblematik nicht als hauptsächliche Ursache für die Angststörung gewertet werden. Ähnlich wie in Bezug auf depressive Störungen bei betroffenen Kindern gibt es andere Faktoren, die bei der Entwicklung einer Angststörung eine stärkere, ursächliche Rolle spielen. Klein (2005a) zufolge haben hier erneut Faktoren wie eine als dysfunktional erlebte familiäre Umgebung, Zerrüttung der Familie oder eine elterliche Komorbidität eine entscheidendere Bedeutung als die elterliche Alkoholbelastung allein.

2.3.2.3 Somatische und somatoforme Störungen

Frühe Studien zum Zusammenhang zwischen einer elterlichen Alkoholbelastung und somatischen und somatoformen Störungen wiesen zunächst ambivalente Ergebnisse auf. Eine ältere französisch-kanadische Langzeitstudie mit Kindern aus alkoholbelasteten Familien im Alter von 6 bis 10 Jahren von Dobkin, Tremblay, Desmarais-Gervais und Dépelteau (1994) konnte, außer in Bezug auf Geburtsgewicht und Körpergröße, keine Unterschiede in Bezug auf körperliche Gesundheit bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien im Vergleich zu unbelasteten Kindern finden. Jedoch wurde zuvor bei Rubio-Stipec, Bird, Canino, Bravo und Alegria (1991) sowie bei West und Prinz (1987) deutlich erkennbar, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien im Vergleich zur Kontrollgruppe vermehrt Symptome oder Diagnosen von somatoformen und somatischen Störungen aufweisen. Die Studie von Klein und Quinten (2002) bekräftigt später, dass erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien relativ häufig andauernde körperliche Beschwerden berichten. Hart, Fiissell und McAleer (2003) zeigen, dass sich erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien von nicht-betroffenen Erwachsenen unterschieden: Betroffene verfügen über mehr diagnostizierte Gesundheitsprobleme wie Krebs, Lebererkrankungen, Diabetes, hohen Blutdruck oder Geschwüre. Darüber hinaus berichten betroffene Erwachsene häufiger über Beschwerden wie Magenprobleme, Herzrasen, Schwindelgefühle, Nervosität, „Kloß im Hals“ oder innere Unruhe. Die Autoren gehen davon aus, dass die zuletzt genannten Beschwerden oftmals mit psychologischen Variablen wie negativen Gefühlen, Angst oder Verzweiflung einhergehen und somit psychosomatischer Natur sein könnten. Einer deutschen Evaluationsstudie über Modellprojekte für Kinder aus suchtbelasteten Familien entsprechend sind hauptsächlich Mädchen von physischen Beeinträchtigungen betroffen (Klein, 2005b). Fast jedes dritte Mädchen aus einer suchtbelasteten Familie leidet unter körperlichen Beschwerden, vor allem unter asthmatischen und allergischen Beschwerden. Klein (2005b) geht davon aus, dass diese als psychosomatische Reaktionen auf familiäre Stresssituationen zu betrachten sind. Baltruschat, Geissner und Klein (2005) konnten bei essgestörten jungen Frauen zwischen 13 und 26 Jahren nachweisen, dass sich für die Frauen eine Rate von elterlichen Alkoholerkrankungen von 47% ergab (Grundrate in der Bevölkerung ca. 1 bis 4%). Außerdem untersuchten sie weiterhin Eltern mit Alkoholerkrankungen und fanden eine töchterliche Rate an Essstörungssymptomen in Höhe von 40%. Die Autoren folgern, dass ein elterlicher Alkoholmissbrauch einen bedeutsamen Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung bei betroffenen Töchtern darstellt.

2.4 Zusammenfassung und Fazit

Eine Vielzahl von Studien zu Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien belegt, dass betroffene Kinder nicht nur als die größte Risikogruppe für eigene substanzbezogene Störungen gelten, sondern dass sie auch häufig andere psychische Störungen mit klinischer Relevanz aufweisen.

Der aktuellen Forschungslage gemäß ist jedoch nicht unbedingt davon auszugehen, dass diese erhöhten Risiken in linearem Zusammenhang mit der elterlichen Abhängigkeitserkrankung stehen. Bei der Transmission von alkoholbezogenen Störungen spielen neben genetisch übertragenen Risikofaktoren auch Persönlichkeits- und Umweltfaktoren eine bedeutsame Rolle. Der indirekte Zusammenhang zwischen einer elterlichen Suchterkrankung und einer Symptombelastung beim Kind wird in Bezug auf andere psychische Erkrankungen, wie internalisierende, externalisierende oder psychosomatische Störungsbilder, noch deutlicher: ein Großteil der Forschungsergebnisse weist darauf hin, dass nicht die elterliche Suchterkrankung als hauptursächlicher Faktor für Beschwerden beim Kind gilt, sondern dass auch andere Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren einen gewichtigen Beitrag leisten. Diese Faktoren sollen im folgenden Kapitel ausgeführt und in der vorliegenden Untersuchung näher beleuchtet werden.

3. Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten

Wie bereits angedeutet, dürfen Studien, die das höhere Entwicklungsrisiko von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien belegen, nicht den falschen Eindruck erwecken, dass die elterliche Alkoholproblematik als einzige oder direkte Ursache für Entwicklungsprobleme bei betroffenen Kindern zu bezeichnen ist (Uhl, Springer, Kobrna & Matt, 2008). Klein et al. (2003) machen deutlich, dass die mit einer elterlichen Alkoholabhängigkeit verbundenen Entwicklungsrisiken vielmehr einem komplexen Gefüge miteinander agierender Risiko- und Schutzfaktoren entspringen, welche sowohl in der Umwelt als auch in der Person des Kindes aufzufinden sind (Zobel, 2000). Außerdem entwickeln nicht alle Kinder aus suchtbelasteten Familien zwangsläufig eine psychische Störung (Klein, 2007; Uhl et al., 2008). Studien haben gezeigt, dass nur ca. ein Drittel der betroffenen Kinder gravierende Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter zeigt, die zur Chronifizierung neigen (Werner, 1992, 1993; Werner & Smith, 1982). Etwa ein weiteres Drittel entwickelt leichte bis mittelschwere Probleme, die die Funktionsfähigkeit nur leicht bis mittelschwer beeinträchtigen und oft nur vorübergehender Natur sind. Etwa ein Drittel entwickelt keine relevanten Probleme oder bleibt psychisch vollkommen gesund bzw. stabil. Dieser Befund impliziert ebenfalls, dass das elterliche Alkoholproblem nicht allein entscheidend für die Entstehung von psychischen Beeinträchtigungen sein kann, sondern dass bestimmte Faktoren dazu beitragen, ob ein Kind psychische oder substanzbezogene Probleme entwickelt oder nicht. Basierend auf dem Modell von Klein et al. (2003), welches in Abbildung 3 dargestellt wird, werden im Folgenden bis dato identifizierte Risiko- und Schutzfaktoren berichtet, die für die Entwicklung psychischer Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen von suchtkranken Eltern eine herausragende Bedeutung besitzen.

Abbildung 3

Schema der Risiko- und Schutzfaktoren in der kindlichen Entwicklung in alkoholbelasteten Familien (Klein et al., 2003, S. 29; adaptiert aus Scheithauer, Petermann & Niebank, 2002, S. 71 und Zobel, 2000, S. 179)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Risikofaktoren

Risikofaktoren, die einen psychopathologischen Entwicklungsverlauf eines Kindes begünstigen, können in unterschiedlicher Intensität auftreten und nicht jedes Individuum reagiert gleich stark auf bestimmte Umstände (Petermann & Niebank, 1999). Je nach Ausprägung der Risikofaktoren und je nach Sensitivität für diese erhöht sich das Entwicklungsrisiko des Kindes bzw. schwächt sich ab (Klein et al., 2003). Petermann und Niebank (1999) zufolge ist jedoch nicht nur die Ausprägung eines Risikofaktors, sondern auch die Anzahl verschiedener Risikofaktoren insgesamt relevant, weil Risikofaktoren in ihrer Wirkung nicht nur additiv sind, sondern multiplikativ wirken und somit miteinander in Wechselwirkung stehen (Scheithauer & Petermann, 1999) oder sich gegenseitig verstärken (Mattejat, Wüthrich & Remschmidt, 2000). Dies bedeutet, je mehr negative Veränderungen durch das elterliche Alkoholproblem in der Familie entstehen, desto höher ist in der Regel das Risiko für das betroffene Kind, eine psychische Auffälligkeit zu entwickeln.

3.1.1 Umgebungsbezogene Risikofaktoren

Jene Risikofaktoren, welche ausschließlich in der Umgebung aufzufinden sind, in welcher das Kind aufwächst und lebt, und die eine psychopathologische Entwicklung des entsprechenden Kindes begünstigen, werden als „Stressoren“ bezeichnet (Petermann, 2000; Petermann & Niebank, 1999). Die bisherige Forschung zum Thema Kinder aus alkoholbelasteten Familien konnte eine Vielzahl von Stressoren identifizieren, die eine psychische Störung oder eine eigene Suchtproblematik bei betroffenen Kindern beeinflussen oder begünstigen können.

Sozioökonomische Stressoren

Sozioökonomische Benachteiligungen gehören zu den typischen Stressoren für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien, da die materiellen und finanziellen Bedingungen in alkoholbelasteten Familien oftmals schlechter sind als in unbelasteten Familien, teilweise als Konsequenz des elterlichen Suchtproblems (Furtado et al., 2002; Hussong, Bauer, Huang, Chassin, Sher & Zucker, 2008; Klein et al. 2003; Zobel, 2000). Laut Roosa, Beals, Sandler und Pillow (1990) sind insbesondere Kinder aus alkoholbelasteten Familien mit niedrigem Einkommen gefährdet, eine psychische Verhaltensauffälligkeit zu entwickeln. Ein niedriger sozioökonomischer Status stellt somit einen der riskanten Faktoren in einem Netzwerk vieler Stressoren dar, denen Kinder aus alkoholbelasteten Familien exponiert sind.

Alkoholeffekte

Zu den Alkoholeffekten zählt an vorderster Stelle eine ausgeprägte Stimmungs- und Verhaltenslabilität beim alkoholabhängigen Elternteil als Konsequenz seines Alkoholkonsums (Klein et al., 2003; Templeton et al., 2009). Kinder erleben ihre Eltern grundsätzlich verändert, wenn diese Alkohol getrunken haben. Dies muss nicht bedeuten, dass der Elternteil zwangsläufig aggressiv wird oder undeutlich spricht, sondern dass er vielleicht nur lauter wird, besonders verschmust oder ironisch ist. Dies verstehen Kinder als sprunghaftes Verhalten, welches sie verunsichert (Lindemann, 2008). Kinder aus alkoholbelasteten Familie erfahren eine solche Volatilität des elterlichen Betragens in Bezug auf Häufigkeit und Intensität verstärkt. Betroffene Kinder erhalten oft den Eindruck, auf unvorhersehbare Weise mit zwei verschiedenen Personen konfrontiert zu sein, jeweils abhängig vom aktuellen Intoxikationsstatus des abhängigen Elternteils (Klein et al., 2003). Diese Unkontrollierbarkeit löst nicht nur eine große Verunsicherung aus (Bühringer et al., 2000), sondern erzeugt bei den Kindern auch Gefühle der Ohnmacht und der Schuld, für das Verhalten der Eltern verantwortlich zu sein (Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, 2007). Barber und Gilbertson (1999) zufolge ist Inkonsistenz im elterlichen Verhalten derjenige Faktor, der Kinder aus alkoholbelasteten Familien von nicht-betroffenen Kindern am deutlichsten differenziert. Daten der Studie „Kinder alkoholkranker Eltern“ deuten darauf hin, dass Inkonsistenz im elterlichen Verhalten einen wesentlichen Risikofaktor für externalisierende Störungen darstellt (Barnow et al., 2001).

Trotz dieser Unvorhersehbarkeit des elterlichen Verhaltens lernen betroffene Kinder rasch, dass sie sich grundsätzlich wechselnd auf „nasse“ und „trockene“ Phasen einzustellen haben. Der Zyklus von Intoxikation und Nüchternheit des Suchtkranken beherbergt für die Kinder insofern gewisse vorhersehbare Elemente, als dass das Kind relativ genau weiß, welche Verhaltensweisen es vom betreffenden Elternteil zu erwarten hat, sobald es den Intoxikationsstatus des Elternteils identifiziert hat (Steinglass, Bennett, Wolin & Reiss, 1989; Steinglass, 1989). Daraufhin folgt eine flexible Anpassung des eigenen Verhaltens beim Kind, welches dazu führt, dass es seine eigenen Befindlichkeiten oder Bedürfnisse - zumindest temporär - ignorieren muss (Klein et al., 2003; Steinglass, 1989).

Abhängig von den abwechselnden Phasen zwischen Nüchternheit und Intoxikation kann auch der Kommunikation sstil des Alkoholabhängigen - und auch der seiner Familie - sehr stark variieren. Aus frühen experimentellen Beobachtungsstudien mit alkoholbelasteten Familien geht hervor, dass sich interaktionale und affektive Aktivitäten aller betroffenen Familienmitglieder drastisch verändern, wenn der abhängige Elternteil intoxikiert ist (Steinglass, Davis & Berenson, 1977; Steinglass, 1980; Steinglass et al., 1989). Im intoxikierten Zustand reagiert nicht nur der abhängige Elternteil, sondern die gesamte Familie als Gruppe in der Regel stärker und überspitzter als im nüchternen Zustand (Steinglass et al, 1989), was beispielsweise dazu führen kann, dass die Familienmitglieder rascher als in nüchternen Zustand in heftige Streitereien verwickelt werden (Steinglass et al., 1977).

Familieneffekte

Familieneffekte beziehen sich auf Aspekte innerhalb der Familie, die durch die elterliche Alkoholabhängigkeit beeinflusst wurden (Arenz-Greiving, 2009). Bedeutsame Familieneffekte beinhalten einerseits objektive Variablen in Bezug auf die Familie, z.B. Trennung oder Scheidung der Eltern oder sogar der Tod eines Elternteils infolge seiner Abhängigkeitserkrankung. Anda et al. (2002) erachten die Trennung oder Scheidung als eine wesentliche widrige Kindheitserfahrung und konnten belegen, dass eine solche Erfahrung zu erhöhten Raten von Alkoholmissbrauch sowie zu internalisierenden Störungen führen kann. Aktuelle Daten zeigen, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien häufiger eine Trennung der Eltern erleben als Kinder aus nicht suchtbelasteten Familien (Hussong, Bauer, Huang et al., 2008).

Inwieweit Kinder aus alkoholbelasteten Familien jedoch von psychischen Beeinträchtigungen betroffen sind oder sein werden, hängt entscheidend auch davon ab, inwiefern noch weitere innerfamiliäre Belastungen vorhanden sind, welche häufig einer Trennung oder Scheidung vorangehen (Chassin, Rogosch & Barrera, 1991; Sher, 1991; Zobel, 2000). Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien erleben zum Beispiel häufig Disharmonie und Instabilität in der elterlichen Partnerschaft (Cork, 1969; Furtado et al., 2002; Hussong, Bauer, Huang et al., 2008; Hussong & Chassin, 2002) und werden dementsprechend häufig Zeuge von elterlichen verbalen Auseinandersetzungen (Templeton, Velleman, Hardy & Boon, 2009; Velleman, Templeton, Reuber, Klein & Moesgen, 2008). Bereits Roosa et al. (1990) konnten belegen, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien signifikant häufiger von negativen Erfahrungen wie „Mama und Papa haben sich vor mir gestritten“ oder „Mama oder Papa war in der Öffentlichkeit betrunken“ berichten als Kinder aus unbelasteten Familien. Wiederholte Konflikte und Spannungen und damit einhergehende Verlust- und Trennungsängste führen zu negativen Empfindungen beim Kind und bringen es in einen Loyalitätskonflikt, durch den es sich an keinen Elternteil emotional wirklich binden kann (Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, 2007; Templeton et al., 2009).

Aus dem Review von Barber und Gilbertson (1999) wird zudem deutlich, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien öfter selbst in Konflikte mit ihren Eltern involviert sind als Kinder und Jugendliche aus diesbezüglich unbelasteten Familien. Betroffene Kinder und Jugendliche berichten in diesem Zusammenhang häufig von Ambivalenzerfahrungen, insbesondere gegenüber ihrem alkoholabhängigen Elternteil (Klein, 2005c). Zeitweise hassen sie den abhängigen Elternteil und verachten ihn extrem. Dennoch begleitet die Kinder ein stetiges Gefühl von Besorgnis um den Alkoholkonsum des abhängigen Elternteils und die damit verbundene Sorge um dessen psychischen und physischen Gesundheitszustand (Orford et al., 2005). Dieses Verhalten manifestiert sich häufig im Erwachsenenalter in der Form, dass die Kinder den Elternteil noch immer kontrollieren wollen. Roosa et al. (1991) sowie Loukas, Zucker, Fitzgerald und Krull (2003) zufolge sind Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien insbesondere dann gefährdet, eine internalisierende oder externalisierende psychische Auffälligkeit zu entwickeln, wenn ihnen die elterliche Alkoholproblematik die angeführten Konflikterfahrungen bereitet.

Konflikte innerhalb der Familie werden in alkoholbelasteten Familien allerdings oftmals nicht nur verbal ausgetragen, sondern können auch körperliche Gewalt beinhalten (Olszeweski, Burkhart & Bo, 2010). Ellis et al. (1997) berichten, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, Zeuge oder Opfer von häuslicher Gewalt zu werden als Kinder aus Normalfamilien. Jester, Jacobson, Sokol, Tuttle und Jacobson (2000) haben berechnet, dass in Familien mit einem stark trinkenden Elternteil das Risiko für häusliche Gewalt um ein Dreifaches erhöht ist. Der Untersuchung von Velleman et al. (2008) zufolge sind die Ausmaße der berichteten häuslichen Gewalt in alkoholbelasteten Familien bisweilen extrem und bringen schwerwiegende Konsequenzen mit sich (z.B. Ohnmacht, gebrochene Knochen oder Arztbesuche). Die Mehrzahl der Gewalttaten spielte sich zwischen den Ehepartnern ab, bei denen die Kinder Zeugen wurden; in einem geringeren Ausmaß wurden jedoch auch Gewalthandlungen zwischen Eltern und Kind berichtet. Die Studie von Velleman et al. (2008) zeigt ebenso eine erhöhte psychische Symptombelastung bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass auch die Wechselwirkung von elterlicher Alkoholbelastung und häuslicher Gewalt als bedeutsamer Risikofaktor für eine psychische Symptombelastung beim betroffenen Kind bzw. Jugendlichen zu betrachten ist.

Die Abhängigkeitserkrankung eines Elternteils kann jedoch auch abseits von ausgetragenen Konflikten negative Auswirkungen auf das gesamte Familienleben haben (Steinglass et al., 1989). Versprechungen, Planungen oder gemeinsam getroffene Entscheidungen, wie z.B. geplante Familienausflüge oder Geburtstagsfeiern, werden oftmals hinfällig oder es müssen spontan notwendige Änderungen oder Anpassungen vollzogen werden (Klein, 2005c; Templeton et al., 2009). Dies kann ernsthafte Konsequenzen für Familienrituale, wie z.B. ein gemeinsames Abendessen oder Familienausflüge am Wochenende (Zobel, 2000), mit sich bringen. In der Regel stabilisieren familiäre Rituale das Familienleben, da sie erwartete Rollen klarstellen, Grenzen innerhalb der Familie beschreiben und Regeln so definieren, dass jedes Familienmitglied sich darüber bewusst wird, wie die Familie funktioniert (Wolin, Bennett, Noonan & Teitelbaum, 1980). Wolin et al. (1980) haben in ihrer Interviewstudie mit alkoholbelasteten Familien beleuchtet, inwiefern das Trinkverhalten des alkoholabhängigen Elternteils sich auf etablierte Familienrituale auswirkt. Die Ergebnisse der Studie zeigen auf, dass je mehr die Familienrituale durch die elterliche Alkoholabhängigkeit beeinträchtigt bzw. verändert werden oder sogar zerbrechen, umso größer wird das Risiko, im jungen Erwachsenenalter die Alkoholabhängigkeit von den Eltern auf die Kinder zu übertragen. Dies ist partiell durch den Mangel an Struktur und Planbarkeit im Familienleben zu erklären. Die Studie von Steinglass et al. (1989) zeigt jedoch auch, dass eine zu strikte Aufrechterhaltung der Rituale trotz einer Alkoholproblematik innerhalb der Familie den Familienmitgliedern die Energie für andere Angelegenheiten raubt und somit die Rigidität von Familienritualen fördert, was ebenfalls zu negativen Konsequenzen führen kann.

Ein alkoholabhängiger Elternteil ist in der Regel aufgrund seiner Suchterkrankung oftmals nicht mehr in der Lage, seine alltäglichen und familiären Verpflichtungen in einem adäquaten Maß wahrzunehmen. Dementsprechend häufig werden die familiären Verantwortlichkeiten und Aufgaben innerhalb der Familie neu aufgeteilt, so dass das Versagen des Alkoholabhängigen weniger schwerwiegend und offenkundig ist (Nastasi & DeZolt, 1994). Durch die neuen Rollenverteilungen bekommen die Kinder häufig Aufgaben zugeschrieben, die aufgrund ihres Entwicklungsstandes als nicht altersangemessen zu bezeichnen sind (Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, 2007). Oftmals fungieren betroffene Kinder als Trostspender und Ratgeber für den nicht-abhängigen Elternteil, welcher durch Gespräche mit dem Kind versucht, die eigenen Schwierigkeiten mit dem Suchtproblems des Partners zu bewältigen. In Extremfällen kann es sogar zu einer Rollenumkehr kommen, in der das Kind die Fürsorgerrolle für den abhängigkeitserkrankten Elternteil übernehmen muss („Parenting“) (Bancroft, Wilson, Cunningham-Burley, Backett-Milburn & Masters, 2004). Diese zusätzlichen Belastungen stellen für die weitere Entwicklung des Kindes eine große Gefahr dar, da betroffene Kinder ihre kindliche Seite zunehmend vernachlässigen oder verleugnen (Klein et al., 2003).

Durch eine elterliche Suchterkrankung ergibt sich eine Vernachlässigung des Kindes als weiteres Problem (Olszewski, Burkhart & Bo, 2010). Barber und Gilbertson (1999) berichten, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien zweimal soviel Vernachlässigung durch die Eltern erfahren wie Kinder aus diesbezüglich unbelasteten Familien. Auch Cuijpers et al. (1999) fanden heraus, dass betroffene Kinder häufig unter emotionaler Vernachlässigung leiden und dass dies als signifikanter Prädiktor für psychiatrische Störungen im jungen Erwachsenenalter zu bezeichnen ist. Wesentlich ist jedoch nicht nur die objektiv beobachtbare emotionale und körperliche Vernachlässigungshandlung durch die Eltern, sondern auch die vom Kind subjektiv wahrgenommene Ablehnung durch die Eltern. Kinder und Jugendliche von alkoholkranken Eltern berichten häufig von Ablehnung seitens der Eltern (Barnow et al., 2001; Barnow, Schuckit, Lucht et al., 2002). Externalisierende Auffälligkeiten wie delinquentes Verhalten werden mit einem solchen negativen Erziehungsverhalten durch die Eltern assoziiert. Barnow et al. (2004) konstatieren, dass elterliche Ablehnung ein Hauptrisikofaktor für externalisierende Störungen wie aggressives und delinquentes Verhalten sowie für Aufmerksamkeitsprobleme ist.

Es sollte an dieser Stelle jedoch ausdrücklich betont werden, dass alkoholabhängige Eltern nicht aus böser Absicht heraus handeln. Durch die Abhängigkeitserkrankung sind ihre Fähigkeiten zu einer angemessenen Aufsicht und Betreuung herabgesetzt (Zobel, 2000). Dies kann sich insofern negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken, als dass mögliche Fehlentwicklungen oft zu spät oder gar nicht entdeckt werden. Auch der nicht-abhängige Elternteil kann sich oft nicht ausreichend um das Kind kümmern, da er durch das Suchtproblem des Partners und die dadurch zusätzlich anfallenden Aufgaben stark überlastet ist.

Eine Alkoholabhängigkeit von beiden Elternteilen erschwert die Situation zusätzlich. Laut der „Michigan Longitudinal Study (MLS)“ ist in diesem Fall das Risiko für das Kind, eine psychische Störung zu entwickeln, stark erhöht (Fitzgerald, Puttler, Refior & Zucker, 2007). Laut Zobel (2000) wird durch die Abhängigkeitserkrankung beider Elternteile die Möglichkeit einer festen und vertrauensbasierten Bindung an zumindest den nicht-abhängigen Elternteil verhindert, weswegen die entwicklungsbelastenden Effekte in der Familie deutlich verstärkt werden (Klein et al., 2003). Auch eine Komorbidität des abhängigen Elternteils belastet die Situation zusätzlich. Alkoholabhängige leiden sehr oft unter zusätzlichen psychischen Störungen wie z.B. Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen (Klein et al., 2003; Sher, 1991). Die Studie von Puttler, Zucker, Fitzgerald und Bingham (1998) konnte bestätigen, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien, in denen zusätzlich eine elterliche antisoziale Persönlichkeitsstörung vorlag, signifikant mehr externalisierende und internalisierende Störungen aufweisen als Kinder aus nicht-alkoholbelasteten Familien, in denen keine elterliche antisoziale Persönlichkeitsstörung vorhanden war. Ebenso lassen die Ergebnisse der Studie von Preuss et al. (2002) den Schluss zu, dass internalisierende Symptome bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien häufiger vorkommen, wenn beim abhängigen Elternteil zusätzlich noch affektive Störungen vorhanden waren. In vielen Fällen ist auch der Partner des Alkoholabhängigen von psychischen, oftmals internalisierenden, Störungen betroffen. Diese zusätzlich auftretenden psychischen Störungen seitens der Eltern potenzieren die familiäre Belastung und tragen zu einer mangelnden Aufsicht der Kinder bei (Zobel, 2000).

Zieht man die bisher erwähnten Stressoren in Betracht, erscheint es wenig überraschend, dass die vorherrschende Atmosphäre innerhalb alkoholbelasteter Familien von betroffenen Kindern häufig als sehr bedrückend erlebt wird. Empirische Daten von Klein und Quinten (2002) konnten belegen, dass die Atmosphäre in der Herkunftsfamilie rückblickend von betroffenen erwachsenen Kindern als disharmonisch, kalt, verschlossen, unberechenbar, verlogen, bedrückt, hemmend, instabil oder angespannt erlebt wurde. Die Untersuchung von Zobel (2000) verdeutlicht zudem, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien weniger Geborgenheit, Beistand und Trost von ihren Eltern erfuhren. Harter (2000) zeigt, dass erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien häufiger unsicher-vermeidende oder unsicher-ambivalente Bindungsstile zu ihren Eltern aufzeigen. Derartig schwach ausgeprägte emotionale Bindungen zu den Eltern können psychische Auffälligkeiten und abweichendes Verhalten begünstigen.

Grundsätzlich ist trotz der oftmals schwierigen Umstände dennoch davon auszugehen, dass betroffene Kinder ihre Eltern lieben und sich ihnen gegenüber bedingungslos loyal verhalten. Infolgedessen sind es die Kinder oft gewohnt, die familiäre Alkoholproblematik nach außen hin zu verschleiern, um der Umwelt ein vermeintlich intaktes, „normales“ Familienbild zu präsentieren (Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, 2007). Oft führen auch die Scham, aus einer dysfunktionalen Familie zu stammen, oder die Angst vor Stigmatisierung dazu, dass Kontakte nach außen eingeschränkt werden. Durch diese soziale Isolation kreieren die Familienmitglieder ein dysfunktionales familiäres System, welches sich vor allem durch eine Tabuisierung des Problems auszeichnet.

Wenn das Kind die beschriebenen schwierigen Umstände zu bewältigen versucht, wird es vor eine große Herausforderung gestellt. Wegscheider (1988) stellt in diesem Zusammenhang die Theorie auf, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien dysfunktionale Rollenmuster annehmen müssen, um sich vor den widrigen Umständen zu schützen und sich den Verhältnissen anzupassen. Wenn das Kind von seinen Eltern weder Wärme noch Liebe, Schutz, Stabilität, Förderung, Interesse oder Respekt erhält, verfällt es Wegscheider (1988) zufolge in eines von vier bestimmten Rollenmustern, durch die sich das Kind (unbewusst) entweder als Held, Sündenbock, Clown oder als verlorenes Kind der Familie darstellt. Diese Rollenmuster basieren auf wiederholten Beobachtungen von Praktikern, konnten in der empirischen Studie von Klein et al. (2003) jedoch nicht hinreichend untermauert werden.

3.1.2 Personenbezogene Risikofaktoren

Betrachtet man die oben beschriebenen Forschungsergebnisse zu den umgebungsbezogenen Risikofaktoren, erscheint der aktuelle Befund von Hussong, Bauer, Huang et al. (2008) wenig überraschend: Kinder aus alkoholbelasteten Familien berichten häufiger als Kinder aus unbelasteten Familien, belastenden Ereignissen in ihrer Umwelt ausgesetzt zu sein und sie beurteilen diese auch als schwerwiegender. Dennoch bestehen für betroffene Kinder nicht nur umgebungsbezogene Risiken für ihre weitere Entwicklung, sondern es gibt ebenso Risikofaktoren, die in der Person des Kindes zu finden sind. Derartige personenbezogene Risikofaktoren werden auch als „Vulnerabilitäten“ bezeichnet (Petermann, 2000). Vulnerabilitäten beziehen sich in der Regel auf genetische Dispositionen oder auf Persönlichkeitseigenschaften des Kindes.

Genetische Faktoren

Obwohl es im Bereich der klinischen Kinder und Jugendpsychologie verschiedene Studien gibt, die die bedeutsame Rolle von neuro- und biopsychologischen Risikofaktoren bei der Entwicklung psychischer Störungen belegen können (Petermann, 2000), gibt es in Bezug auf Kindern aus alkoholbelasteten Familien kaum Studien, die sich mit genetischer oder biologischer Vulnerabilität des betroffenen Kindes befassen. Ein Großteil der bisher durchgeführten Studien zu genetischen Risikofaktoren untersuchte, wie bereits in Kapitel 2.2 beschrieben, deren Einfluss auf die Entwicklung einer eigenen substanzbezogenen Störung, z.B. die Bedeutung der physiologischen Reaktion betroffener Kinder auf Alkohol oder deren genetische Disposition für eigene Alkoholstörungen (Schuckit, 1991, 1994a; Schuckit & Smith, 2001).

Temperament

Ein kleiner Anteil an Untersuchungen identifiziert Faktoren in der Persönlichkeit von Kindern aus alkoholbelasteten Familien, welche die Entwicklung einer psychischen Auffälligkeit begünstigen können. Die Studie von Jansen, Fitzgerald, Ham & Zucker (1995) weist darauf hin, dass Jungen in Kleinkindalter mit externalisierenden Symptomen oftmals ein schwieriges Temperament sowie auch überzufällig häufig Eltern mit Alkoholproblemen haben. Eine Studie von Edwards, Leonard & Eiden (2001) bestätigt, dass Kleinkinder von Alkoholikern häufig über ein schwieriges Temperament (dickköpfig/unbeeinflussbar) verfügen. Fitzgerald et al. (2007) befanden, dass die drei Temperamentsdimensionen Aktivität, Ablenkbarkeit und Reaktivität bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien mit externalisierenden Auffälligkeiten zusammenhängen; sich Zurückziehen hingegen geht eher mit internalisierenden Auffälligkeiten einher.

Kognitionen in Bezug auf das Selbst

Selbstwertgefühl ist eine Variable, welche ausschlaggebend mit Familienstressoren aus der Kindheit und mit negativen Erlebnissen mit den Eltern verbunden ist und somit in alkoholbelasteten Familien oftmals entstehen kann (Klein, 2005a). Obwohl die Forschungslage uneinheitliche Ergebnisse aufweist (Amodeo, Griffin, Fassler, Clay & Ellis, 2007; Hall, 2007), kann in der Summe konstatiert werden, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien sowohl über insgesamt weniger Selbstwertgefühl verfügen als Kinder und Jugendliche aus nicht-betroffenen Familien (Klein et al., 2003; Morey, 1999; Post & Robinson, 1998; Ritter, Stewart, Bernet, Coe & Brown, 2002). Dies bezieht sich auf unterschiedliche Ebenen von Selbstwertgefühl, wie z.B. allgemeines Selbstwertgefühl oder Selbstwert in Hinblick auf den Umgang mit Gleichaltrigen, schulische Leistung oder das Verhältnis zu den Eltern. Lösel und Bender (2008) zufolge haben es junge Menschen mit einem negativen Selbstwertgefühl und wenig Selbstvertrauen schwer, multiple Entwicklungsrisiken zu bewältigen. Ein schwaches Selbstwertgefühl führt überdies zu einer allgemein geringer ausgeprägten Lebenszufriedenheit, vor allem im Erwachsenenalter (Harter, 2000).

Laut Drucker & Greco-Vigorito (2002) sind internalisierende Störungen bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien am besten durch deren negatives Selbstkonzept zu erklären. Ein negatives Selbstkonzept beinhaltet vor allem Gedanken wie „Ich mache alles falsch“, „Ich hasse mich selbst“ oder „Nichts macht Spaß“. Eine quasi-experimentelle Studie von Viganó Zanot-Jeronymo und Pimenta Carvalho (2005) bestätigt, dass Kinder mit alkoholabhängigen Eltern ein negativeres Selbstkonzept besitzen als Kinder aus unbelasteten Familien. Sedikides und Skowronski (1997) gehen davon aus, dass das Selbstkonzept eines Menschen unter anderem aus einer Ansammlung von ausgearbeiteten kognitiven Strukturen besteht, die als Selbstschemata bezeichnet werden. Ein solches Schema ist ein relativ stabiles kognitives Muster, welches der Mensch nutzt, um Informationen über sich selbst zu verarbeiten und zu interpretieren (Aronson, Wilson & Ekert, 2004; Beck, Rush, Shaw & Emery, 1999; Brehm, Kassin & Fein, 1999). Adoleszente mit einer Ansammlung von wenig positiven und vielen negativen Schemata zeigen laut Corte und Zucker (2008) ein erhöhtes Risiko für verfrühten Alkoholkonsum im Vergleich zu Jugendlichen mit weniger negativen Schemata. Den Autoren zufolge ist anzunehmen, dass Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien häufig über eine dysfunktionale (unangemessene, selbstschädigende) Schema-Struktur verfügen, weil chaotische Familienverhältnisse das Kind im jungen Alter behindern, sein soziales Umfeld ausreichend zu explorieren. Dadurch ist das Kind kaum in der Lage, positive Selbstschemata zu entwickeln.

Perez-Bouchard, Johnson und Ahrens (1993) zeigen des Weiteren, dass Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien eher zu einem pessimistischen Attributionsstil tendieren als Kinder und Jugendliche aus Normalfamilien. Betroffene Kinder und Jugendliche attribuieren negative Ereignisse häufig internal, stabil und global, was negative Empfindungen in Bezug auf die eigene Person verstärken und die Entwicklung einer depressiven Erkrankung begünstigen kann (Seligman, 1992). Auch Shoal und Giancola (2001) befanden in ihrer Untersuchung, dass kognitive Fehler von männlichen Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien, wie z.B. Übergeneralisierung und Personalisierung von negativen Ereignissen, signifikanten Einfluss auf eine negative Affektivität ausüben. Hoff und Klein (2005) berichten aus ihrer Untersuchung geschlechtsspezifische Ergebnisse: Mädchen im Kindes- und Jugendalter attribuieren den elterlichen Alkoholmissbrauch stärker internal als Jungen, d.h. sie geben sich häufiger zumindest teilweise die Schuld oder die Verantwortung für die elterliche Alkoholproblematik. Auch beschäftigen sie sich gedanklich deutlich intensiver mit dem elterlichen Alkoholproblem als Jungen und sind somit häufig belasteter. Zuletzt neigen Töchter aus alkoholbelasteten Familien in höherem Maße auch zu irrationalen Einstellungen als Söhne. Ursachen von eigenem Misserfolg schreiben sie daher häufiger der eigenen Person zu. Auch beschäftigen sich Mädchen eine längere Zeit mit in der Vergangenheit begangenen Fehlern.

Die genannten Befunde liefern erste Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien besonders anfällig für dysfunktionale Denkmuster sind. Solche negativen kognitiven Muster können beispielsweise durch eine permanente Exposition gegenüber einer dysfunktionalen familiären Umgebung, wie sie oftmals in suchtbelasteten Familien vorkommt, verursacht werden (Perez-Bouchard et al., 1993; Drozd & Dalenberg, 1994) oder entstehen dadurch, dass der alkoholabhängige Elternteil dem Kind gegenüber ablehnendes Verhalten aufzeigt (Johnson, Rolf, Tiegel & Mc Duff, 1996). Eine weitere Erklärung wäre, dass die suchtkranken Eltern ihnen eine depressogene Denkweise vorleben und somit als Modell dienen (Perez-Bouchard et al., 1993). Stallard (2002, 2007) führt an, dass dysfunktionale, kognitive Denkmuster schon im jungen Alter als relativ stabile Strukturen substantielle negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben können. Diese Vermutung besitzt einige Parallelen mit der kognitiven Theorie nach Beck (Beck & Clark, 1988; Beck et al., 1999), welcher zufolge davon ausgegangen wird, dass elementare kognitive Muster, wie dysfunktionale Schemata oder negative automatische (reflexhaft auftretende, subjektiv plausibel erscheinende) Gedanken bestimmen, wie sich Menschen fühlen und verhalten. Somit sind es nicht unbedingt die Einflüsse oder Stimuli aus der Umwelt, die unsere Emotionen bestimmen, sondern es ist eher die Art und Weise, wie wir Ereignisse und Situationen interpretieren und bewerten, die unser Erleben und Verhalten steuert (Wilken, 2010). Detaillierte Forschungsergebnisse, die wesentliche Elemente der kognitiven Theorie nach Beck (Beck & Clark, 1988; Beck et al., 1999) im Kontext von Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien vertiefend untersuchen, z.B. den Einfluss von negativen Selbstschemata oder automatischer Gedanken auf die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten, liegen bis dato nicht vor.

3.1.3 Übersicht

Tabelle 1 enthält eine Übersicht derjenigen Risikofaktoren, die dem bislang vorliegenden Erkenntnisstand gemäß eine externalisierende oder internalisierende Verhaltensauffälligkeit bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien begünstigen können.

Tabelle 1

Umgebungs- und personenbezogene Risikofaktoren für pathologische Entwicklungsverläufe bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien nach dem aktuellen Erkenntnisstand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Schutzfaktoren

Während die Risikoforschung untersucht, welche Risiken in welchem Ausmaß und auf welche Weise mit Entwicklungsbeeinträchtigungen verknüpft sind, fragt die Forschung zu Schutzfaktoren danach, warum sich Kinder trotz Entwicklungsrisiken zu psychosozial gesunden Persönlichkeiten entwickeln. War die Erforschung zu Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien eine lange Zeit darauf konzentriert, die Ursachen von pathologischen Entwicklungsverläufen und Fehlkompetenzen zu beleuchten, hat sich in der jüngeren Forschung ein Paradigmenwechsel vollzogen, so dass das Individuum mit seinen Schutzmechanismen und Möglichkeiten der Lebensbewältigung zunehmend in den Blickpunkt gerückt ist (Laucht, Esser & Schmidt, 1997). Somit hat sich die Forschung von dem gängigen Störungsmodell, welches Kinder aus suchtbelasteten Familien ausschließlich als auffällig und behandlungsbedürftig ansieht („Damage Modell“, Wolin & Wolin, 1995, 1996), mehr und mehr abgewandt und dem Ansatz, der die Möglichkeiten positiver Entwicklungen einbezieht, vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt (Klein et al., 2003). So konnte bislang eine Reihe spezifischer Schutzfaktoren identifiziert werden, die eine gesunde Entwicklung bei Kindern aus suchtbelasteten Familien ermöglichen können. Einige dieser Schutzfaktoren sind bereits aus der Risikoforschung bekannt, nur werden sie in diesem Kontext als Gegenpole oder als das Fehlen der Risikomerkmale definiert (Laucht et al., 1997). Wie aus Abbildung 3 auf Seite 36 bereits deutlich wurde, lässt sich auch bei den Schutzfaktoren eine Unterteilung in kind- und umgebungsbezogene Faktoren vornehmen.

3.2.1 Umgebungsbezogene Schutzfaktoren

Soziales Netzwerk und enge Beziehungen zu anderen Personen

Eine günstige Entwicklungsprognose zeigen Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien, die stabile und tragfähige Beziehungen und Bindungen zu anderen Personen außer dem alkoholabhängigen Elternteil aufbauen können (Klein et al., 2003). Zobel (2000) erklärt, dass in alkoholbelasteten Familien im Idealfall der nicht-suchtkranke Elternteil eine tragfähige, emotionale Bindung zu den Kindern entwickelt. Werner und Johnson (2004) sowie Edwards et al. (2006) bestätigen, dass ein sicherer Bindungsstil des Kleinkindes gegenüber der nicht-abhängigen Mutter das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, deutlich verringern kann. Allerdings ist dies aufgrund der spezifischen Anforderungen in betroffenen Familien nicht immer möglich, da auch der nicht-abhängige Elternteil mit der Situation überfordert ist und den Kindern nicht immer ausreichend emotionale Zuwendung zukommen lassen kann (Zobel, 2000). In der Literatur wird daher häufig die Beziehung unter betroffenen Geschwisterkindern als wichtiger Schutzfaktor diskutiert (Klein, 2005a). Walker und Lee (1998) zufolge bilden Brüder und Schwestern in Familien starke Subsysteme, auf die als Ressource für die Bewältigung mit alkoholbezogenem Stress zurückgegriffen werden kann, denn das jeweilige Geschwisterkind ist häufig das einzige Familienmitglied, welches stetig dieselben Erfahrungen sammelt. Dadurch kann zwischen Geschwisterkindern ein sehr intensives, emotionales Band entstehen. Werner und Johnson (2004) belegen, dass eine positive Unterstützung durch ein älteres Geschwisterkind insbesondere für Jungen bedeutsam ist. Der positive Effekt ist dann stärker wirksam, wenn die geschwisterliche Beziehung durch gegenseitige Unterstützung geprägt ist, als wenn ein Geschwisterkind ersatzweise die Elternrolle übernimmt.

Alternativ kann auch der sozialen Unterstützung durch Personen außerhalb der Kernfamilie, wie z.B. gleichaltrige Freunde oder andere erwachsene Bezugspersonen, ein positiver Einfluss auf die Entwicklung des betroffenen Kindes bzw. des Jugendlichen zugeschrieben werden (Klein et al., 2003; Klein, 2005a, Templeton et al., 2009). Ein stabiles Netzwerk mit externen Personen kann den Betroffenen die emotionale Zuwendung und Bestätigung von Gefühlen und Wahrnehmung bieten, welche dem Kind in der Kernfamilie versagt bleiben (Zobel, 2000). Das betroffene Kind hat dadurch die Gelegenheit, außerhalb der Familie die für eine gesunde Entwicklung benötigte Wertschätzung, Resonanz und Anerkennung zu erfahren. In der Interviewstudie von Moe, Johnson und Wade (2007) berichten die befragten Kinder, sich weitaus wohler zu fühlen, wenn sie die Möglichkeit haben, jemandem anderen ihre Gefühle anzuvertrauen. Templeton et al. (2009) fanden aktuell heraus, dass kontinuierliche Unterstützung durch eine nahestehende Person als wichtigster protektiver Faktor bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien zu betrachten ist. Gleichzeitig befanden sie jedoch auch, dass betroffene Kinder und Jugendliche eine solche Unterstützung häufig nicht erhalten.

Geringe Exposition gegenüber dem elterlichen Trinken

Zobel (2000) berichtet, dass betroffene Kinder weniger psychische Störungen und Auffälligkeiten ausbilden, wenn sie dem elterlichen Trinken selten direkt ausgesetzt sind. Auch Ritter et al. (2002) zeigen in ihrer Untersuchung, dass eine hohe Exposition gegenüber dem elterlichen Alkoholproblem mit Störungen des Sozialverhaltens sowie mit eigenen substanzbezogenen Problemen bei betroffenen, adoleszenten Mädchen zusammenhängt. Eine Studie von Duncan et al. (2006) hingegen misst dem Faktor Exposition weniger Bedeutung bei: in ihrer Studie hat eine Exposition gegenüber dem väterlichen Alkoholproblem keinerlei Auswirkungen auf die spätere Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung bei betroffenen Kindern. Trotz dieses Befundes halten Klein et al. (2003) und Zobel (2000) die negative Auswirkungen einer hohen Exposition gegenüber dem elterlichen Trinkverhalten auf die psychische Gesundheit des Kindes für hinreichend belegt.

Andreas, Fals-Stewart und O´Farrell (2006) zeigen in ihrer Studie, dass eine erfolgreich absolvierte, abstinenzorientierte und stationäre Entwöhnungsbehandlung des abhängigen Elternteils auch der psychischen Gesundheit des betroffenen Kindes zugute kommt. Bevor alkoholabhängige Väter aus ihrer untersuchten Stichprobe eine stationäre Behandlung antraten, wiesen ihre betroffenen Kinder eine höhere Symptombelastung auf als eine gleichaltrige, nicht-belastete Kontrollgruppe. Nachdem die Väter das Behandlungsprogramm erfolgreich durchlaufen hatten, verbesserte sich auch die psychische Gesundheit der Kinder: Kinder von stabil remittierten Vätern wurden ähnlich unauffällig wie Teilnehmer aus der Kontrollgruppe und zeigten weniger Verhaltensausfälligkeiten als Kinder von rückfälligen Vätern. Auch Langzeiteffekte zeigen, dass die Verhaltensprobleme jener Kinder, deren Väter auch im weiteren Verlauf abstinent blieben, weiterhin abnahmen. Wurden die Väter jedoch rückfällig, stieg auch gleichzeitig das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten bei ihren Kindern (Andreas & O´Farrell, 2007). In der Interviewstudie von Moe et al. (2007) berichten betroffene Kinder selbst, dass das Erreichen der Abstinenz durch den Elternteil einen wesentlichen Beitrag zu einem besseren Leben leisten würde.

3.2.2 Personenbezogene Schutzfaktoren

Resilienzmerkmale

Als besonders bedeutsame, kindbezogene Schutzfaktoren in der Person des Kindes sind die konstitutionellen Resilienzen zu nennen. Der Begriff der Resilienz leitet sich von dem englischen Wort „resilience“ (Spannkraft, Elastizität, Widerstandskraft) ab und bezeichnet allgemein die Fähigkeit, erfolgreich mit besonders ungünstigen Umweltbedingungen und hohem psychosozialen Stress umzugehen und diesen zu bewältigen (Werner, 1986). Das Konzept der Resilienz als psychische Widerstandsfähigkeit beschreibt somit die Fähigkeit einer Person, relativ unbeschadet mit den Folgen belastender Lebensumstände umzugehen und Bewältigungsfähigkeiten entwickeln zu können (Haggerty, Sherrod, Garmezy & Rutter, 1994; Laucht et al., 1997). Resilienz wird in der Regel jedoch nicht als angeborenes, statisches Persönlichkeitsmerkmal eines Kindes verstanden, sondern beschreibt eine Bewältigungskompetenz, die im Laufe der Entwicklung in einer Kind-Umwelt-Interaktion erworben wird (Kumpfer, 1999; Luthar, Cicchetti & Becker, 2000; Rutter, 2001; Velleman & Orford, 1999). Resilienzen sind jedoch nicht nur im Falle einer Risikobelastung positiv wirksam. Auch unter allgemein-förderlichen Entwicklungsbedingungen verfügen Resilienzen über einen positiven Einfluss auf die Entwicklung von Kindern (Brooks, 2006; Laucht et al., 1997).

Als Pionierstudie zur Resilienzforschung gilt die Kauai-Studie (Werner, 1992, 1993; Werner & Smith, 1982). Diese entwicklungspsychologische Langzeitstudie verfolgte die Entwicklung von knapp 700 Kindern von der hawaiianischen Insel Kauai und definierte jene Kinder als Risikokinder, die vier oder mehr Risikofaktoren bis zum Alter von zwei Jahren aufwiesen. Von diesen Risikokindern zeigten zwei Drittel im Alter von zehn Jahren schwerwiegende Lern- und Verhaltensstörungen, oder sie wurden bis zum 18. Lebensjahr straffällig bzw. psychiatrisch auffällig. Ein Drittel der Risiko-Kinder entwickelte sich jedoch trotz Belastungen unauffällig. Werner bezeichnete diese Kinder, die psychisch besonders widerstandsfähig waren, als „invulnerabel“.

Die Ergebnisse der Kauai-Studie führten des Weiteren erstmalig zu einer Identifizierung bestimmter Resilienzmerkmale, welche speziell Kinder aus suchtbelasteten Familien ohne auffällige Verhaltensweisen von jenen belasteten Kindern mit Problemverhalten unterschied (Werner, 1986, 1997). Die individuell wichtigsten Resilienzen, die betroffene Kinder vor dysfunktionalen Einflüssen aus dem Elternhaus schützten, sind: 1) Temperament des Kindes, welches positive Aufmerksamkeit hervorruft, 2) eine mindestens durchschnittliche Intelligenz und ausreichende Kommunikationsfähigkeiten im Schreiben und Lesen, 3) hohe Leistungsorientierung, 4) eine verantwortungsvolle, sorgende Einstellung, 4) ein positives Selbstwertgefühl, 5) internale Kontrollüberzeugungen sowie 6) positive Selbstwirksamkeitserwartungen, d.h. der Glaube an die Möglichkeit, sich selbst helfen zu können. Trotz einiger methodischer Mängel (Vitaro, Dobkin, Carbonneau & Tremblay, 1996) gilt die Kauai-Studie als Meilenstein, die die Basis für viele weitere Untersuchungen in der Resilienzforschung bildet.

Auch Wolin und Wolin (1993, 1995, 1996) untersuchten Resilienzfaktoren bei Kindern aus suchtbelasteten Familien und fügen dem traditionellen „Damage Modell“ von belastenden Familiensituationen in ihrem „Challenge Modell“ den Resilienzaspekt hinzu und stellen Vulnerabilität und Resilienz einander gegenüber. Das „Challenge Modell“ postuliert zwei grundsätzlich unterschiedliche Reaktionsweisen von Kindern aus suchtbelasteten Familien: nimmt ein Kind die negativen Erfahrungen und Erlebnisse der Familienumwelt als Herausforderung („challenge“) wahr, kann das Kind die Situation aktiv bewältigen und in der weiteren Entwicklung Stärken und Resilienzen aufweisen. Wenn die Familiensituation als vorrangig schädigend und belastend erlebt wird, besteht ein hohes Risiko eines pathologischen Entwicklungsverlaufs. Wolin und Wolin (1993) identifizierten vor dem Hintergrund dieses Modells mithilfe retrospektiver klinischer Interviewdaten bei jenen Personen mit guter psychischer Gesundheit insgesamt sieben Resilienzen, die es Kindern ermöglichen, sich gegen die dysfunktionale Familiensituation aktiv zu schützen und die Probleme kreativ zu bewältigen: 1) Einsicht, 2) Unabhängigkeit, 3) Beziehungsfähigkeit, 4) Initiative, 5) Kreativität, 6) Humor und 7) Moral. Einsicht bezieht sich auf die Erkenntnis des Kindes, dass sich das Familienleben anders gestaltet als bei Anderen und weniger vertrauensvoll und sicher ist. Durch das Wissen über Alkohol und seine Effekte entsteht mehr Verständnis für sich selbst und die anderen Familienmitglieder. Einsicht schließt dementsprechend eine Verdrängung des Problems aus. Mit Unabhängigkeit wird sowohl die emotionale Distanz (innere Unabhängigkeit) als auch die physische Distanz (z.B. Unternehmungen mit Freunden, sportliche Aktivitäten, Freizeitaktivitäten) zu den familiären Problemen bezeichnet. Eine weitere wichtige Resilienz stellt das Vorhandensein von emotional bedeutsamen Beziehungen zu stabilen Bezugspersonen außerhalb der Familie dar (Beziehungsfähigkeit). Mit Initiative wird das spielerische Erkunden der Umwelt, das Erkennen von Ursache- und Wirkungszusammenhängen und die Ausübung zahlreicher Aktivitäten außerhalb der Familie sowie die daraus resultierenden Selbstwirksamkeitserwartungen bezeichnet. Die Fähigkeit zur Kreativität umfasst die Möglichkeit, innere Konflikte mit ästhetischen Mitteln auszudrücken und sich vom Alltag abzulenken. Humor haben Wolin und Wolin (1993) zufolge viele Kinder in suchtbelasteten Familien aufgrund der familiären Verhältnisse oft wenig erlebt, weshalb sie die natürliche Fähigkeit zum Spaß haben und Lachen verlernt haben. Humor kann jedoch, bisweilen auch durch Ironie oder Sarkasmus, zur emotionalen Distanzierung beitragen und weist somit eine entlastende Funktion auf. Als letzter Resilienzfaktor wurde Moral identifiziert. Durch die Entwicklung eines eigenen differenzierten und sozial verantwortlichen Werte- und Moralsystems wird den Kindern ein ethischer Rahmen für Bewertungen und Struktur ermöglicht.

In jüngster Zeit konnten die bisher identifizierten Resilienzen repliziert sowie um weitere Merkmale ergänzt werden (van der Kreeft, 2008; Velleman, 2007): 1) ausdrückliches Vorhaben des Kindes, ein anderes Erwachsenenleben zu führen als die Eltern, 2) positives Selbstbild und ausgeprägtes Selbstvertrauen, 3) Gefühl von Sinnhaftigkeit und Orientierung im Leben, Zielgerichtetheit, 4) Selbständigkeit, 5) Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen, 6) eigene Talente nutzen, 7) Problemlösefähigkeit, 8) Zukunftsbilder kreieren können, 9) Gefühl zu haben, dass man selbst wählen kann, 10) Gefühl, Kontrolle über sein eigenes Leben zu besitzen (internale Kontrollüberzeugungen) sowie 11) Erfolgsmomente, das Gefühl, schon etwas erreicht zu haben.

Als bedeutsame Langzeitstudie zu Risikofaktoren und Resilienz im deutschsprachigen Raum ist die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie von Bender und Lösel (1998) zu nennen. Bender und Lösel (1998) entdeckten in dieser Studie mit einer Hochrisikogruppe von Jugendlichen, deren Eltern teilweise Alkoholprobleme hatten, dass ihre Ergebnisse gut mit denen Werners (Werner, 1992; Werner & Smith, 1982) übereinstimmen. Ihre Studie zeigt außerdem, dass potentielle Schutzmechanismen insbesondere dann von großer Bedeutung sind, wenn eine Kumulation einer Vielzahl von Risikofaktoren vorliegt. Je mehr objektive und subjektive Belastungen vorliegen, desto mehr Schutzmechanismen sind seitens der Kinder erforderlich; aber je mehr Risikofaktoren vorliegen, desto geringer ist auch die verbleibende Varianz für mögliche Schutzmechanismen.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen einen direkten, negativen Zusammenhang zwischen Resilienzen und psychischen Auffälligkeiten (Lee & Cranford, 2008) und verfrühtem Alkoholkonsum (Wong et al., 2006).

Kognitive Schutzfaktoren

Laut Brooks (2006) ist eine Resilienz des Kindes weitestgehend durch die Anwesenheit bestimmter Denkmuster geprägt. Schon Kagan (1984) beschrieb, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien weniger durch das objektive Verhalten oder die Krankheitsdiagnose des Elternteils an sich belastet sind, sondern vielmehr durch die eigene subjektive Wahrnehmung und Bewertung der dadurch entstehenden Situation. Auch das „Challenge Modell“ von Wolin und Wolin (1995, 1996) basiert darauf, dass es neben den objektiven Umständen, in denen ein Kind aufwächst, vor allem deren subjektive Bewertung ausschlaggebend dafür ist, wie die weitere Entwicklung des Kindes verläuft. Der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung der Situation durch das Kind wird demnach eine zentrale Rolle zugeschrieben. Kumpfer und Summerhays (2006) betrachten die kognitive Umstrukturierung von dysfunktionalen Wahrnehmungen der äußeren Stressoren in herausfordernde Erfahrungen dementsprechend als einen wesentlichen Bestandteil von Maßnahmen für risikobelastete Kinder, um stressvolle Erfahrungen emotional positiver bewerten zu können.

Seefeldt und Lyon (1994) bemängeln, dass Modelle zur Ätiologie psychischer Auffälligkeiten bei Kindern aus alkoholbelasteten Familien keine kognitiven Komponenten in Bezug auf das Selbst beinhalten. Sie entwickelten daher ein Modell, in welchem Verhaltensauffälligkeiten und subjektiv erlebter Stress das Resultat einer komplexen Interaktion von externen Risikofaktoren und selbstbezogenen Kognitionen darstellen. Auch Drozd und Dalenberg (1994) befanden, dass eine positive Wahrnehmung des Selbst einen wesentlichen Einfluss darauf ausüben kann, ob ein belastetes Kind in der Lage ist, Vertrauen zu entwickeln und eine hohe Lebenszufriedenheit zu erwerben und somit der Entwicklung einer eigenen alkoholbezogenen Störung vorbeugen kann. Eine positive Selbstwahrnehmung hat diesen Befunden zufolge einen größeren Einfluss auf das psychische Wohlbefinden als die elterliche Alkoholbelastung per se. Petermann (1995) schlägt daher vor, die Umkehrung von dysfunktionalen Gedankenmuster in positive Denkstrukturen in Bezug auf das Selbst als festen integralen Bestandteil in Präventionsprogramme für Kinder aus suchtbelasteten Familien einzubinden. Betroffene Kinder müssen zum Beispiel überzeugt werden, dass das elterliche Verhalten nicht durch ein fehlerhaftes Verhalten ihrerseits entsteht und dass sie auch keine schlechteren Menschen sind als andere Kinder. Nur so ist es letztendlich möglich, Entwicklungsrisiken abzubauen. Emshoff und Price (1999) weisen darauf hin, dass bei Interventionen auch stets zu beachten ist, dass sich Kognitionen bei Kindern und Jugendlichen im Laufe der Zeit altersentsprechend entwickeln. Weil Kinder im Grundschulalter in der Regel über keine realistische Wahrnehmung in Bezug auf Kausalzusammenhänge besitzen, geben sie sich häufig die Schuld für das elterliche Trinkproblem. Jugendliche haben in der Adoleszenz bereits ein relativ ausgereiftes, negatives Selbstkonzept entwickelt, welches sich oftmals in einem geringen Selbstwertgefühl manifestiert. Die speziellen Bedürfnisse der unterschiedlichen Altersgruppen hinsichtlich der Entwicklung ihrer Selbstkonzepte müssen in Interventionen somit stets berücksichtigt werden.

Weitere kognitive Aspekte, welche bei der Entwicklung von Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten eine tragende Rolle spielen können, wurden erst in jüngster Zeit von der Forschung aufgegriffen und näher beleuchtet. Verschiedene Studien belegen beispielsweise die wichtige Rolle von allgemeinen und sozialen Selbstwirksamkeitserwartungen bei der Bewältigung schwieriger Lebensanforderungen (Klein et al., 2003, Klein, 2005a). Selbstwirksamkeitserwartungen bezeichnen die Annahme, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich ausführen zu können (Schwarzer & Jerusalem, 2002). Wenn eine Person daran zweifelt, selbst etwas bewirken zu können und in schwierigen Situationen nicht selbständig handeln zu können, entwickelt sich eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung sowie eine erlernte Hilflosigkeit (Klein et al., 2003; Klein, 2005a). Beides tritt insbesondere dann auf, wenn ein Individuum zu wenig Erfahrung mit erfolgreichen Interaktionen macht und es seine Handlungsziele überwiegend nicht durchsetzen kann. Dies trifft für suchtbelastete Familien häufig zu, da in ihnen durch Unvorhersehbarkeiten, Desorganisation und geringe Stabilität innerfamiliärer Stress verursacht wird. Dennoch zeigen aktuelle Untersuchungsergebnisse, dass auch Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung haben können und dass diese als wesentlicher protektiver Faktor zu betrachten ist: in der Untersuchung von Moe et al. (2007) berichten betroffene Kinder, dass es für ihr Wohlbefinden besonders wichtig sei, eine positive Lebenseinstellung zu haben und das Gefühl zu besitzen, später ein besseres Leben als ihr Jetziges wählen zu können. Auch Zobel (2000) bekräftigt den Aufbau von Selbstwirksamkeitserwartungen als zentralen Faktor in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien, da sie dadurch ein Gefühl der Leistungs- und Handlungsfähigkeit erreichen können.

Weitere Studien befassten sich näher mit Kontrollüberzeugungen („Locus of Control“) von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien. Aus Harter (2000) wird ersichtlich, dass das Konzept der Kontrolle eine bedeutsame Rolle für die psychische Gesundheit von betroffenen erwachsenen Kindern spielt. Der Theorie der Kontrollüberzeugungen von Rotter (1966) zufolge besitzt jeder Mensch eine stabile Neigung, externe oder interne Faktoren für Erfolg und Misserfolg im Leben verantwortlich zu machen. Bei internalen Kontrollüberzeugungen betrachtet sich das Individuum als „Glückes Schmied“ seines eigenen Lebens. Bei vorliegenden externalen Kontrollüberzeugungen hingegen sieht sich das Individuum von den Umständen seines Handelns abhängig. Im Extremfall führt dies zu Ohnmachtsgefühlen sowie zu einer fatalistischen Lebenseinstellung. Trotz kontroverser Forschungsergebnisse (Harter, 2000) machen einige Studien deutlich, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien eher zu externalen Kontrollüberzeugungen neigen (Klein et al., 2003) und dass dies in engem Zusammenhang mit der Entwicklung von internalisierenden Auffälligkeiten steht (Drucker & Greco-Vigorito, 2002; Post & Robinson, 1998). Sofern allerdings vorhanden, liefern internale Kontrollüberzeugungen einen positiven Beitrag dazu, dass betroffene Kinder und Jugendliche eine positive Entwicklung vollziehen. Dies mag damit zusammenhängen, dass internale Kontrollüberzeugungen einen positiven Einfluss auf das Selbstwertgefühl von Kindern aus alkoholbelasteten Familien ausüben, vor allem im Erwachsenenalter (Cermak, 1986; Markowitz & Craig, 1992; Rangarajan, 2008). Ein positives Selbstwertgefühl ist als wesentlicher individueller Schutzfaktor für die psychische Gesundheit eines Kindes zu bezeichnen (Heinrichs, Saßmann, Hahlweg & Perrez, 2002).

Um mit schwierigen Lebensumständen und kritischen Ereignissen umzugehen, bedarf es darüber hinaus geeigneter Bewältigungsmechanismen. Brooks (2006) zufolge sind effektive Bewältigungsstrategien ein besonders bedeutsames Resilienzmerkmal. In der Regel gibt es eine Vielzahl von Strategien, wie Menschen schwierige Situationen und Probleme bewältigen und verarbeiten können („ Copingstrategien“). Die große Anzahl von Bewältigungsmöglichkeiten kann Lazarus und Folkman (1984) gemäß grundsätzlich in zwei verschiedenen Kategorien eingeteilt werden. Die erste Kategorie umfasst das problemfokussierte Coping, in dem betroffene Personen a) sich um Hilfe und weitere Informationen bemühen, b) problemlösend handeln, wie z.B. alternative Pläne erstellen und neue Fertigkeiten zur Problemlösung erlernen und c) nach neuen Aufgaben streben. Beim emotionsfokussierten Coping hingegen betreiben Menschen a) affektive Steuerung, welche sich auf direkte Versuche der Person bezieht, sich nicht durch negative Gefühle beeinträchtigen zu lassen, ambige Gefühle auszuhalten oder im Gegenteil Gefühle zu akzeptieren und intensiv zulassen, b) emotionales Ausleben bzw. Entladen, z.B. durch Schreien, Essen, Rauchen und anderweitiger Substanzkonsum sowie sonstiges „acting out“ und c) resigniertes Akzeptieren bzw. sich seinem Schicksal ergeben fühlen aus dem Entschluss heraus, dass die Situation nicht mehr zu ändern sei.

Da Kinder aus alkoholbelasteten Familien einem Dauerstressgefüge exponiert sind, dürfte es laut Klein et al. (2003) eher ineffektiv sein, in einem überhöhten Ausmaß emotionsregulierende Aktivitäten einzusetzen (z.B. Ärger an anderen auslassen). Als eher günstig ist ein problemlösungsorientiertes Verhalten zu bewerten, wie z.B. die Suche nach sozialer Unterstützung. Auch Clair und Genest (1987) gehen davon aus, dass je mehr problemfokussierte Anstrengungen Kinder aus suchtbelasteten Familien verwenden, um das elterliche Alkoholproblem zu bewältigen, desto geringer ist ihr Risiko, Symptome eines psychischen Störungsbildes zu entwickeln. Eine Längsschnittstudie von Seiffge-Krenke (2000) belegt, dass stabile, problemfokussierte Bewältigungsstrategien das Risiko für internalisierende Störungen deutlich senken. Emotionsfokussiertes Coping hingegen kann bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien zu einer erhöhten Symptombelastung führen (Orford et al., 2001; Seiffge-Krenke, 2000; Velleman & Templeton, 2003). Markowitz (2004) erklärt die Ursache der negativen Auswirkungen der emotionsfokussierten Strategien auf die psychische Gesundheit mit der fortwährenden Unterdrückung tatsächlicher Gefühle und Bedürfnisse. Verschiedene Studien zeigen allerdings auf, dass Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien eher dazu tendieren, passive, emotionsregulierende Verhaltensweisen zur Bewältigung von Konflikten zu nutzen (Amodeo et al., 2007; Clair & Genest, 1987; Orford et al., 2001). Die vermehrte Anwendung emotionsfokussierter Strategien mag darin begründet liegen, dass betroffene Kinder oftmals nicht imstande sind, die sie umgebende, stressvolle Situation aus eigener Kraft zu ändern. Laut Dundas (2000) ziehen betroffene Kinder im Grunde ein aktiv-problemorientiertes Bewältigungsverhalten vor, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben ist. Da dies allerdings oft nicht mehr möglich ist, versuchen sie durch emotionsfokussierte Strategien stressvolle Situationen zu bewältigen.

Aus den Studien von Velleman et al. (2008) und Templeton et al. (2009) wird jedoch deutlich, dass auch emotionsfokussierte Bewältigungsstrategien von betroffenen Kindern und Jugendlichen als sehr unterstützend erlebt werden. Viele betroffene Kinder und Jugendliche berichten, sich häufig von ihren Problemen abzulenken, zurückzuziehen oder ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, und dies auch als sehr effektiv bewerten. Vielhaber (1996) berichtet ebenso von emotionsbezogenen Bewältigungsstrategien, die betroffenen Kindern bei der Bewältigung und Verarbeitung ihrer Probleme tatsächlich helfen können. Hall (2007) sowie Templeton et al. (2009) befanden in ihren Studien, dass Jugendliche und erwachsene Kinder aus alkoholbelasteten Familien einen positiven Nutzen aus einer kognitiven Umstrukturierung zur Wahrnehmung der Situation vom Negativen ins Positive zu ziehen, während sie trotzdem die Realität als Gegeben akzeptieren. Emshoff und Price (1999) zufolge sind emotionsfokussierte Bewältigungsfähigkeiten für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien von großem Belang, eben weil diese Kinder und Jugendlichen keinerlei Kontrolle auf das elterliche Trinkverhalten und die damit einhergehenden familialen Konsequenzen ausüben können. Ideal erscheint es somit, betroffene Kinder und Jugendliche in sowohl adäquaten emotionsfokussierten Strategien (z.B. Abstand suchen, kognitive Umstrukturierung zur Wahrnehmung der Situation) als auch in problemfokussierten Bewältigungsverfahren (z.B. Unterstützung suchen, Umgang mit schwierigen Situationen, wie beispielsweise das Genieren vor Freunden aufgrund des elterlichen Verhaltens oder „Nein“ sagen, wenn der betrunkene Elternteil möchte, dass das Kind mit dem Auto mitfährt) zu stärken, um so einer Entstehung von psychischen Störungen vorbeugen zu können. Werner und Johnson (2004) bestätigen die Bedeutsamkeit von verschiedenen, erfolgreichen Copingstrategien in aktuellen Ergebnissen der Kauai-Langzeitstudie: diejenigen Kinder, die das Trauma, in einer alkoholbelasteten Familien aufgewachsen zu sein, erfolgreich bewältigt hatten, haben sich im Erwachsenenalter zu kompetenten, selbstbewussten und fürsorglichen Persönlichkeiten entwickelt.

3.2.3 Übersicht

Tabelle 2 enthält eine Zusammenstellung von Faktoren, denen aufgrund bisher vorliegender Erkenntnisse eine protektive Wirkung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien zugeschrieben wird.

Tabelle 2

Umgebungs- und personenbezogene Schutzfaktoren für positive Entwicklungsverläufe bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien nach dem aktuellen Erkenntnisstand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3 Zusammenfassung und Fazit

In der bisherigen Forschung zu Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien konnte bisher eine Reihe von Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert werden, die eine Entwicklung suchtbezogener oder psychischer Störungsbilder begünstigen oder abmildern konnten. Diese Faktoren sind oftmals in der Umgebung des betroffenen Kindes aufzufinden und beziehen sich häufig auf Effekte in der Familie, in welcher das Kind aufwächst. Diese Effekte sind direkt beeinflusst durch den Alkoholkonsum des abhängigen Elternteils oder hängen mit Dynamiken zusammen, die durch die Abhängigkeitserkrankung des Elternteils entstehen. Andere Risiko- und Schutzfaktoren sind in der Person des Kindes zu finden und beziehen sich auf genetische, persönlichkeits- oder temperamentsbezogene Variablen.

In der jüngeren Forschung finden sich ebenso erstmals Hinweise darauf, dass auch kognitive Faktoren, wie z.B. Selbstschemata oder Bewältigungsstrategien, eine entscheidende Rolle in der Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bzw. in der Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien spielen können. Eindeutige Hinweise hierzu liegen jedoch bislang nicht vor. Um diese Lücke in der Forschung zu schließen, sollen in der vorliegenden Untersuchung derartige kognitive Faktoren im Kontext von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien näher beleuchtet werden.

Empirischer Teil

Die vorliegende Untersuchung fand im Rahmen des europaweiten Projektes „Reducing Harm and Building Capacities for Children Affected by Parental Alcohol Problems in Europe“ (Akronym: ChAPAPs = Children Affected by Parental Alcohol Problems; deutscher Titel: “Kinder und Alkohol in der Familie - Gesundheitsförderung und Schadensbegrenzung”) statt. Dieses europäische Projekt wurde von August 2007 bis Juli 2010 vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP) an der Katholischen Hochschule NRW (KatHO NRW) geleitet und koordiniert und von der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz (DG SANCO) der Europäischen Kommission im Bereich öffentliche Gesundheit finanziell unterstützt.

Übergeordnetes Ziel und Aufgabe des Projektes war es, negative gesundheitliche Konsequenzen für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien, die durch den elterlichen Alkoholmissbrauch verursacht wurden, zu vermeiden bzw. zu vermindern. Um dieses Ziel zu erreichen, war das Projekt in neun Teilprojekte unterteilt, die sich entweder auf die praktische Arbeit mit betroffenen Kindern konzentrierten oder einen empirischen Forschungsschwerpunkt hatten. Die damit verbundenen Aufgaben wurden auf 20 Projektpartner aus 17 EU-Ländern verteilt. Ein wesentliches Teilprojekt war die empirische Analyse der Auswirkungen der elterlichen Alkoholproblematik auf die Gesundheit ihrer Kinder. Die vorliegende Studie und ihre Ergebnisse basieren auf der Datenerhebung innerhalb dieses empirischen Teilprojektes, beziehen sich jedoch ausschließlich auf in der Bundesrepublik Deutschland erhobene Daten.

4. Fragestellungen und Hypothesen der Untersuchung

Bisherige Forschungsergebnisse weisen auf, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in ihrer familiären Umgebung einer Reihe von belastenden Umständen ausgesetzt sind, die negative Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben können (z.B. Barnow et al., 2001, 2002, 2004; Furtado et al., 2002; Klein et al. 2003; Templeton et al., 2009; Velleman et al., 2008; Zobel, 2000). Hierbei zeigt sich, dass betroffene Kinder und Jugendliche nicht nur als die größte Risikogruppe für die Entwicklung einer eigenen Suchtstörungen gelten (Grant, 2000; Klein & Zobel, 1999; Klein, 2005; Sher, 1991; Windle & Searles, 1990; Zobel, 2006), sondern häufig auch andere psychische Störungen mit klinischer Relevanz entwickeln (z.B. Barnow et al., 2001; Cuijpers et al., 1999; Diaz et al., 2008; Hill et al., 2008; Klein et al., 2003; Marmorstein et al., 2008). Ein großer Anteil der bisherigen Forschung hat sich der Untersuchung von Risiko- und Schutzfaktoren gewidmet, welche sich entweder in der unmittelbaren Umgebung der betroffenen Kinder oder in deren Persönlichkeitsstruktur befinden und die einen pathologischen Entwicklungsverlauf der Kinder begünstigen oder verhindern bzw. mildern können. Einige wenige Studien haben überdies belegt, dass auch kognitive Faktoren, wie z.B. negative Gedanken in Bezug auf das Selbst oder ineffektive Bewältigungsstrategien, den Entwicklungsverlauf betroffener Kinder und Jugendlicher negativ beeinflussen können. Gleichzeitig wurde befunden, dass positive Gedanken in Bezug auf das Selbst, positive Selbstwirksamkeitserwartungen oder effektive Bewältigungsstrategien als wesentlicher Schutzfaktor für die weitere Entwicklung betroffener Kinder und Jugendlicher gelten können (z.B. Bender & Lösel, 1998; Klein et al., 2003; Velleman & Templeton, 2003, Amodeo et al, 2007; Velleman et al., 2008). Detaillierte Forschungsergebnisse zu kognitiven Faktoren, die in der Entstehung psychischer Auffälligkeiten bzw. in der Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit im Kontext von Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien eine wichtige Rolle spielen können, liegen bis dato jedoch nicht vor.

In der vorliegenden Untersuchung, die einerseits Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien sowie andererseits Kinder und Jugendliche aus diesbezüglich unbelasteten Familien studiert, sollen daher in erster Linie kognitive Muster, die zu einem pathologischen Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien beitragen bzw. diesen verhindern können, vertiefend erforscht werden. Hierbei soll vor allem auf Bewältigungsstrategien und Selbstwirksamkeitserwartungen sowie auf wesentliche Elemente aus der kognitiven Therapie nach Beck (Beck & Clark, 1988; Beck et al., 1999), z.B. dysfunktionale Schemata und automatische Gedanken, fokussiert werden. Darüber hinaus soll die Bedeutung von familiären Merkmalen aus der Eltern-Kind-Beziehung für die psychische Gesundheit betroffener Kinder und Jugendlichen beleuchtet werden.

Die vorliegende Arbeit beinhaltet zunächst eine Replikation der Befunde, dass Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien über eine höhere psychische Symptombelastung verfügen als Kinder und Jugendliche aus diesbezüglich unauffälligen Familien. Dies bezieht sich auf sowohl internalisierende als auch externalisierende Störungsbilder sowie auf den eigenen Alkoholkonsum. Im Anschluss werden die kognitiven Muster der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie die der unbelasteten Kinder und Jugendlichen analysiert und miteinander verglichen. Als zentraler Bestandteil der Studie wird die Bedeutung der kognitiven Muster für die psychische Symptombelastung bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien untersucht. Des Weiteren werden mögliche Unterschiede in der Eltern-Kind-Beziehung in den beiden verschiedenen Gruppen untersucht und deren Bedeutung für psychische Auffälligkeiten bei betroffenen Kindern und Jugendlichen analysiert.

Zusätzlich zu den oben genannten Vorhaben werden explorativ zwei Falldarstellungen von alkoholbelasteten Familien beleuchtet. Hierzu werden die Angaben der Kinder und Jugendlichen aus den beiden Familien in Hinblick auf psychische Gesundheit, kognitive Variablen und Variablen der dyadischen Eltern-Kind-Beziehung beschrieben und mit den Angaben ihrer Eltern verglichen. So können zusätzliche Ergebnisse gewonnen werden, die die Sicht einer vollständigen familialen Triade integrieren und miteinander in Beziehung setzen.

4. 1 Primäre Fragestellungen und Hypothesen

In Anlehnung an das oben beschriebene Vorhaben lassen sich die unten aufgeführten primären und sekundären Fragestellungen und Hypothesen[1] formulieren. Die primären Fragestellungen und Hypothesen beziehen sich auf die Untersuchung von Konstrukten, die den Fokus der vorliegenden Arbeit darstellen. Die sekundären Fragestellungen und Hypothesen beziehen sich auf zu analysierende Konstrukte, die darüber hinaus von Interesse sind. Die lediglich explorativ zu prüfenden Fallbeispiele werden nicht in die Hypothesenformulierung einbezogen.

4.1.1 Verhaltensauffälligkeiten

Fragestellung 1: Zeigen Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien mehr Verhaltensauffälligkeiten als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien?

Aus dieser Fragestellung lassen sich auf Basis bisheriger Forschungsergebnisse folgende Hypothesen ableiten:

Hypothese 1: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien zeigen eine signifikant höhere psychische Symptombelastung (Gesamtproblembelastung, „Emotionale Probleme“, „Verhaltensprobleme“, „Hyperaktivität“, „Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen“, „Prosoziales Verhalten“) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Zusätzlich werden geschlechts- und alterspezifische Unterschiede in Hinblick auf die psychische Symptombelastung innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien untersucht.

Hypothese 2: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien konsumieren mehr Alkohol (in Hinblick auf Lebenszeitprävalenz und „binge drinking“ im letzten Monat) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Außerdem werden geschlechts- und alterspezifische Unterschiede in Hinblick auf das Konsumverhalten innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien untersucht.

4.1.2 Kognitive Faktoren

Die vorliegende Studie verfolgt eine detaillierte Untersuchung dysfunktionaler und positiver kognitiver Faktoren (i.e. Bewältigungsstrategien, Selbstwirksamkeitserwartungen, dysfunktionale Schemata, automatische Gedanken), die möglicherweise einen Einfluss auf die psychische Gesundheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen ausüben. Hieraus ergeben sich folgende Fragestellungen und Hypothesen:

Fragestellung 2: Unterscheiden sich Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien von Kindern und Jugendlichen aus diesbezüglich unbelasteten Familien in Hinblick auf kognitive Muster (Bewältigungsstrategien, Selbstwirksamkeitserwartungen, dysfunktionale Schemata, automatische Gedanken)?

Aus dieser Fragestellung ergeben sich folgende Hypothesen:

Hypothese 3: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien unterscheiden sich in ihrer Verwendung von effektiven Bewältigungsstrategien („Ablenkung“, „Sozialer Rückzug“, „Kognitives Umordnen“, „Beschuldigung der Anderen“, „Problemlösen“, „Affektäußerung“, „Soziale Unterstützung“) im Umgang mit einem allgemeinen, nicht auf die elterliche Sucht bezogenen, Problem signifikant von Kindern und Jugendlichen aus unbelasteten Familien.

Hypothese 4: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien unterscheiden sich in ihrer Verwendung von ineffektiven Bewältigungsstrategien („Selbstkritik“, „Wunschdenken“, „Resignation“) im Umgang mit einem allgemeinen Problem signifikant von Kindern und Jugendlichen aus unbelasteten Familien.

Hypothese 5: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien verfügen über signifikant weniger Selbstwirksamkeitserwartungen als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Hypothese 6: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien verfügen über signifikant mehr dysfunktionale Schemata („Minderwertigkeit“, „Persönliche Vulnerabilität“, „Persönliche Fähigkeiten[2] “, „Schutzbedürftigkeit“) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Hypothese 7: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien verfügen über signifikant mehr negative automatische Gedanken (in Bezug auf „Negative Selbstaussagen“) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Hypothese 8: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien verfügen über signifikant weniger positive automatische Gedanken (in Bezug auf „Wohlbefinden“ und „Selbstvertrauen“) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Zusätzlich werden geschlechts- und alterspezifische Unterschiede in Hinblick auf kognitive Faktoren innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien beleuchtet.

Als Herzstück der vorliegenden Arbeit soll innerhalb der belasteten Gruppe die Bedeutung kognitiver Faktoren für die psychische Symptombelastung von den Kindern und Jugendlichen näher analysiert werden. Daraus ergibt sich folgende Fragestellung:

Fragestellung 3: Welche Bedeutung besitzen kognitive Muster für die psychische Symptombelastung von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien?

Aus dieser Fragestellung ergeben sich folgende Hypothesen:

Hypothese 9: Je häufiger Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien effektive Bewältigungsstrategien („Ablenkung“, „Sozialer Rückzug“, „Kognitives Umordnen“, „Beschuldigung der Anderen“, „Problemlösen“, „Affektäußerung“, „Soziale Unterstützung“) für den Umgang mit dem elterlichen Suchtproblem verwenden, desto geringer ist ihre psychische Symptombelastung.

Hypothese 10: Je häufiger Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien ineffektive Bewältigungsstrategien („Selbstkritik“, „Wunschdenken“, „Resignation“) für den Umgang mit dem elterlichen Suchtproblem verwenden, desto höher ist ihre psychische Symptombelastung.

Hypothese 11: Je mehr Selbstwirksamkeitserwartungen Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien besitzen, desto geringer ist ihre psychische Symptombelastung.

Hypothese 12: Je stärker die Ausprägung der dysfunktionalen Schemata („Minderwertigkeit“, „Persönliche Vulnerabilität“, „Persönliche Fähigkeiten“, „Schutzbedürftigkeit“) bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien ist, desto höher ist ihre psychische Symptombelastung.

Hypothese 13: Je mehr negative automatische Gedanken Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien (in Bezug auf „Negative Selbstaussagen“) haben, desto höher ist ihre psychische Symptombelastung.

Hypothese 14: Je mehr positive automatische Gedanken Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien (in Bezug auf „Wohlbefinden“ und „Selbstvertrauen“) haben, desto geringer ist ihre psychische Symptombelastung.

Bei den in Hypothesen 11 bis 14 erwarteten Zusammenhängen sollte es sich um für die belastete Untersuchungsgruppe spezifische Phänomene handeln. Dementsprechend sollten sich solche Zusammenhänge nicht innerhalb der unbelasteten Kontrollgruppe finden lassen.

4.2 Sekundäre Fragestellungen und Hypothesen

Zusätzlich zu den kognitiven Faktoren sollen Variablen aus der Eltern-Kind-Beziehung sowie deren Bedeutung für eine psychische Symptombelastung der betroffenen Kinder und Jugendlichen näher untersucht werden. Hieraus ergeben sich folgende Fragestellungen und Hypothesen:

Fragestellung 4: Sammeln Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in ihrer Beziehung zu ihren Eltern mehr negative Erfahrungen als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien?

Aus dieser Fragestellung ergibt sich folgende Hypothese:

Hypothese 15: Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien erleben eine signifikant negativere Eltern-Kind-Beziehung (in Hinblick auf „Kontrolle“ durch die Eltern, „Kommunikation“ mit den Eltern, Übereinstimmung bei „Wert- und Normvorstellungen“, „Investment“ von den Kindern für die Eltern, erlebte „Verlässlichkeit im Alltag“ durch die Eltern, „Emotionale Ambivalenz“ gegenüber den Eltern) als Kinder und Jugendliche aus unbelasteten Familien.

Zusätzlich sollen geschlechts- und alterspezifische Unterschiede in Bezug auf Variablen der Eltern-Kind-Beziehung innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien untersucht werden.

Des Weiteren soll ebenso innerhalb der belasteten Gruppe die Bedeutung von Variablen aus der Eltern-Kind-Beziehung für die Symptombelastung der Kinder und Jugendlichen näher analysiert werden. Daraus ergibt sich folgende Fragestellung:

Fragestellung 5: Welche Bedeutung besitzen Variablen der Eltern-Kind-Beziehung für die psychische Symptombelastung von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien?

Aus dieser Fragestellung ergibt sich folgende Hypothese:

Hypothese 16: Je mehr negative Erfahrungen Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in der Eltern-Kind-Beziehung sammeln (in Hinblick auf „Kontrolle“ durch die Eltern, „Kommunikation“ mit den Eltern, Übereinstimmung bei „Wert- und Normvorstellungen“, „Investment“ von den Kindern für die Eltern, erlebte „Verlässlichkeit“ durch die Eltern, „Emotionale Ambivalenz“ gegenüber Eltern), desto höher ist ihre psychische Symptombelastung.

Es wird vermutet, dass es sich bei diesem angenommenen Zusammenhang um ein für die belastete Untersuchungsgruppe spezifisches Phänomen handelt. Demzufolge sollte sich ein solcher Zusammenhang nicht innerhalb der unbelasteten Kontrollgruppe zeigen.

Zuletzt soll beleuchtet werden, ob sich weitere Aspekte der Resilienz, wie z.B. „Prosoziales Verhalten“ oder das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern, auf die psychische Symptombelastung der betroffenen Kinder und Jugendlichen auswirken.

5. Methode

5.1 Stichprobenbeschreibung

Das Kernstück der vorliegenden Studie beruht auf einer Fragebogenuntersuchung mit Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien, welche im Zeitraum Juni 2008 bis Dezember 2009 vom DISuP im Rahmen der ChAPAPs-Studie durchgeführt wurde. Um die Daten der betroffenen Kinder und Jugendlichen aussagekräftiger interpretieren zu können, werden Ergebnisse dieser Untersuchungsgruppe (UG) mit jenen einer gleichaltrigen, unbelasteten Kontrollgruppe (KG) verglichen.

Neben der Untersuchung mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen und den unbelasteten Kindern und Jugendlichen aus der KG, werden ferner exemplarisch bei zwei alkoholbelasteten Familien aus der UG nicht nur die Daten der Kinder, sondern auch die Angaben von deren Eltern näher beleuchtet, d.h. sowohl vom abhängigen Elternteil als auch vom nicht-abhängigen Elternteil. Die Daten der Eltern wurden im Rahmen telefonischer Interviews durch geschulte Interviewer durchgeführt. Diese zusätzliche Untersuchung von zwei Fallbeispielen erlaubt es, verschiedene Sichtweisen der familialen Triade einzubeziehen und diese miteinander zu vergleichen.

5.1.1 Jugendliche
5.1.1.1 Untersuchungsgruppe

Die Gesamtstichprobe der UG bestand ursprünglich aus insgesamt 89 Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien im Alter zwischen 11 und 19 Jahren. Zu den Einschlusskriterien der Studie gehörte, dass diese Kinder und Jugendlichen aus der UG mindestens einen Elternteil[3] mit Alkoholproblemen haben. Der Terminus „Alkoholproblem“ beinhaltete in der vorliegenden Untersuchung, dass beim betroffenen Elternteil die ärztliche Hauptdiagnose „Alkoholabhängigkeit“ (F10.2) oder „schädlicher Gebrauch“ nach ICD-10 (F10.1) gestellt wurde. Der suchtkranke Elternteil befand sich während der Untersuchung wegen des Alkoholproblems in Behandlung oder war vor der Studie in ambulanter oder stationärer Behandlung in einer der folgenden, mit der Projektleitung kooperierenden Einrichtungen (s. Tabelle 3).

Tabelle 3

Name und Standort der stationären und ambulanten Einrichtungen, über welche die Stichprobe der UG rekrutiert wurde

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weitere psychische Störungen außer der alkoholbezogenen Störung konnten beim betroffenen Elternteil als Zusatz- oder Nebendiagnosen vorhanden sein, duften allerdings nicht im Vordergrund stehen. Kinder und Jugendliche, deren betroffener Elternteil an Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen (z.B. antisoziale Persönlichkeitsstörungen) oder anderen substanzbezogenen Störungen leidet, konnten somit an der Untersuchung teilnehmen, sofern diese Störungen nicht die Hauptdiagnose darstellen. Eine elterliche unvollständig remittierte Störung aus dem schizophrenen Formenkreis oder schwere Formen affektiver Störungen waren jedoch ein Ausschlusskriterium.

Darüber hinaus war es für die vorliegende Studie Voraussetzung, dass das Kind oder der Jugendliche in den letzten zwei Jahren mindestens ein halbes Jahr mit dem suchtkranken Elternteil im selben Haushalt zusammengelebt hat und somit dessen Suchterkrankung mindestens über diesen Zeitraum hinweg exponiert war.

Als nächstes Einschlusskriterium musste das teilnehmende Kind oder der teilnehmende Jugendliche in der Lage sein, den Fragebogen korrekt auszufüllen, d.h. es sollte keine Intelligenzminderung oder geistige Behinderung vorliegen und das Kind oder der Jugendliche sollte über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Letztes Einschlusskriterium war die schriftliche Einverständniserklärung der Eltern für die Teilnahme an der Studie sowie die schriftlich festgehaltene Teilnahmebereitschaft des Kindes oder des Jugendlichen. Für 18- oder 19-jährige Jugendliche war eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern nicht mehr notwendig. Abbildung 4 fasst die Einschlusskriterien für die UG zusammen.

Abbildung 4

Einschlusskriterien für die UG

Mindestens ein Elternteil hat die Hauptdiagnose „Alkoholabhängigkeit“ (ICD: F10.2) oder „schädlicher Gebrauch“ von Alkohol (ICD: F10.1).

Voraussetzung ist die alkoholbezogene Hauptdiagnose. Andere Störungen durch psychotrope Substanzen können als Zusatz-/ Nebendiagnosen vorkommen.

Elternteil muss nicht aktuell in Behandlung sein.

Elternteil hat keine schwerwiegende psychische Begleiterkrankung.

Z.B. unvollständig remittierte Störung aus dem schizophrenen Formenkreis oder schwere Form affektiver Störungen.

Entscheidend ist, dass keine andere psychische Erkrankung im Vordergrund steht. Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder Angststörungen können eingeschlossen werden.

Elternteil hat leibliche(s) Kind(er) im Alter zwischen 11-19 Jahren.

Elternteil hat in den letzten 2 Jahren mindestens 6 Monate mit dem Kind/Jugendlichen in einem Haushalt gelebt.

Kind/Jugendlicher ist in der Lage, an der Untersuchung teilzunehmen.

D.h. ausreichende Deutschkenntnisse,

keine mittelgradige, schwere, schwerste Intelligenzminderung bzw. geistige Behinderung.

Schriftliche Einverständniserklärung der Eltern und des Kindes/Jugendlichen für die Teilnahme an der Studie.

Nach der Datenerhebung sollte für die Ergebnisauswertung bei den Kindern und Jugendlichen aus der UG sichergestellt werden, dass nicht nur tatsächlich eine väterliche oder mütterliche diagnostizierte, alkoholbezogene Suchterkrankung vorlag, sondern dass diese auch von den Kindern bzw. Jugendlichen wahrgenommen wurde. Dies geschah mithilfe des Selbstbeurteilungs-Screeninginstruments Children of Alcoholic Screening Test (CAST) (Jones, 1982; Pilat & Jones, 1985; s. 5.3.1.2). Erreichte ein Kind oder ein Jugendlicher aus der UG einen niedrigeren Wert als den kritischen Cut-Off Wert von 5 Punkten für einen der beiden Elternteile oder machte beim CAST mehr als zwei fehlende Angaben, wurde er nicht in die weiteren statistischen Analysen einbezogen. Dies führte zu einem Ausschluss von acht Jugendlichen.

Außerdem wurde anhand der im Fragebogenheft integrierten Frage „Hast Du in den letzten zwei Jahren mit dem Elternteil, der Alkoholprobleme hat, zusammengelebt?“ (Antwortmöglichkeiten: „Ja, die ganze Zeit“, „Ja, länger als ein Jahr“, „Ja, länger als ein halbes Jahr“, „Ja, aber weniger als ein halbes Jahr“ und „Nein“) zusätzlich kontrolliert, dass das Kind oder der Jugendliche tatsächlich den Einschlusskriterien gemäß mit dem alkoholabhängigen Elternteil in den letzten zwei Jahren mindestens 6 Monate in einem Haushalt zusammengelebt hat. Hatte der Jugendliche die Antwortmöglichkeit „Ja, aber weniger als ein halbes Jahr“ oder „Nein“ gewählt, wurde er aus der weiteren Ergebnisauswertung ausgeschlossen. Aufgrund dieses zusätzlich formulierten Kriteriums mussten sieben weitere Kinder und Jugendliche der UG aus weiteren Analysen ausgeschlossen werden.

[...]


[1] Bei den genannten Primär- und Sekundärhypothesen der vorliegenden Arbeit handelt es sich immer um die Alternativhypothese. Die Nullhypothese ist bekanntlich „[…] eine Negativhypothese, mit der behauptet wird, dass die zur Alternativhypothese komplementäre Aussage richtig sei“ (Bortz, 1999, S. 109) und ergibt sich somit jeweils aus der Alternativhypothese.

[2] Die Begründung warum „Persönliche Fähigkeiten“ in diesem Zusammenhang als dysfunktionales Schema verstanden wird, wird in Abschnitt 5.3.1.8 näher erläutert.

[3] Zur Erklärung: Der Begriff „Elternteil“ umfasste in der vorliegenden Untersuchung nur den alkoholkranken, leiblichen Elternteil der Kinder und Jugendlichen, jedoch nicht den/die Adoptiv-, Pflege-, Stiefvater oder -mutter bzw. den Lebensgefährten der Mutter oder die Lebensgefährtin des Vaters. Im Fragebogen der Studie (s. Anhang 2) steht jedoch geschrieben: „ACHTUNG: Bei allen kommenden Fragen im Fragebogen, in denen nach Deinen „Eltern“, bzw. „Vater“ oder „Mutter“ gefragt wird, meinen wir die Erziehungspersonen, mit der Du in den letzten zwei Jahren hauptsächlich zusammengelebt hast. Es kann also auch Dein Stief-, Adoptiv- oder Pflegevater oder der Partner Deiner Mutter, der bei Euch lebt gemeint sein bzw. Deine Stief-, Adoptiv- oder Pflegemutter oder die Partnerin Deines Vaters, die bei Euch lebt!“ Für die vorliegende Arbeit galt dies jedoch nicht. Machten Kinder und Jugendliche aus der UG somit Angaben zu alkoholkranken Stief-, Pflege- oder Adoptiveltern bzw. Lebenspartner des Elternteils, wurden sie für die hier beschriebene Studie nicht weiter berücksichtigt. Dies war bei einem befragten Mädchen der Fall.

Details

Seiten
338
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656663362
ISBN (Buch)
9783656663355
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274512
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Psychologie Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Diagnostik
Note
1,0
Schlagworte
bedeutung faktoren entwicklung auffälligkeiten kindern jugendlichen familien

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Titel: Die Bedeutung kognitiver Faktoren für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien