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Stereotypisierung und Stigma in Bezug auf persönliche und soziale Identität

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Ambivalenz von Stereotypisierung
2.1 Warum sind wir auf Stereotype angewiesen?
2.2 Warum kann Stereotypisierung verletzen?

3.Identität und Stigma
3.1 Persönliche Identität
3.2 Soziale Identität
3.3 Ich-Identität
3.4 Stigma - Erklärung anhand der Identitätsbegriffe

4. Stigma-Management
4.1 Möglichkeiten des Stigma-Managements
4.2 Hannah Arendt: „Wir Flüchtlinge“

5. Resümee

6. Abbildungsverzeichnis

7.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In der vorliegenden Arbeit geht es um die Verbindung von Stereotypisierung und Stigma. Hierzu wird zunächst die Ambivalenz von Stereotypisierung erläutert, wobei deutlich wird, dass Stereotypisierung auf der einen Seite Vorteile mit sich bringen kann und auf der anderen Seite einschränkend und verletzend wirken kann.

Daran anschließend wird der Begriff Stigma näher betrachtet und ein Bezug zum Identi- tätsaspekt hergestellt, um danach anhand der drei Identitätsbegriffe von Goffman Stigma zu erklären. Goffman zufolge ist ein Stigma eine spezielle Verbindung von einem Attribut einer Person und den stereotypen Vorstellungen der Menschen, die kein Stigma tragen und als „normal“ gelten (vgl. Hellmann 1991, S. 6). Hier kommt es nach Goffman auch darauf an, ob es sich um angeborene Eigenschaften, von der Norm abweichende, um so- zial vererbte, oder um erst spät erworbene Eigenschaften handelt. Dies hat jeweils eine andere Auswirkung auf die Entwicklung, bzw. nach Goffman auf den moralischen Werde- gang (vgl. Goffman 1992, S. 45). Desweiteren geht es darum, wie die soziale Interaktion beeinflusst wird, wenn Stigmatisierte und Nicht-Stigmatisierte zusammentreffen und dar- um wie sich dies auf die Identität der Personen auswirken kann? Goffman gibt hierzu an, dass innerhalb einer Interaktion mit einer unbekannten Person Eigenschaften auffallen können, die von den eigentlich gebildeten stereotypen Vorstellungen abweichen und die Person in der Vorstellung herabgemindert wird (vgl. Hellmann 1991, S. 7). Es soll darges- tellt werden, welche Probleme im Zuge von Stigmatisierung auftreten können und es werden Möglichkeiten aufgezeigt, mit dem Stigma umzugehen.

Es gibt sichtbare stigmatisierte Eigenschaften und nicht sichtbare stigmatisierte Eigen- schaften. Zu ersteren kann z.B. eine Behinderung, oder ein auffälliges Verhalten entgegen der Norm gezählt werden. Nicht sichtbare stigmatisierte Eigenschaften lassen derweilen vermuten, dass bestimmte Personen als Stigmatisierte hervortreten, indem sie in Kontakt mit bestimmten Instanzen treten, oder sich an speziellen Orten aufhalten. Hier können z.B. Lernbehinderte als Beispiel für eine stigmatisierte Gruppe genannt werden. Treten die Kinder und Jugendlichen in Kontakt mit der Instanz Sonderschule, so wird es augenschein- lich bekannt, dass bestimmte Defizite vorliegen „(…) es ist in unerwünschter Weise an- ders, als wir es antizipiert hatten“ (Goffman 1992, S. 13). Durch diese Abgrenzung zum „normalen“ Schüler und den damit verbundenen Erwartungen aus der Gesellschaft, wird das Kind stigmatisiert und erhält einen neuen Status. An dieser Stelle ist dann auch die Identität des Kindes in Gefahr, wenn es bemerkt, dass es den normativen Erwartungen nicht entsprechen kann. Sonderschüler machen oft Erfahrungen der Ablehnung und Aus- grenzung, wenn sie in Kontakt mit anderen Kindern, bzw. Nicht-Sonderschülern treten. Diese negativen Erfahrungen können dann wiederrum dazu führen, dass betroffene Kin- der schon grundlegend davon ausgehen, als negativ betrachtet zu werden und sich auch dementsprechend verhalten. Diese Änderung des Verhaltens aufgrund bestimmter Erwar- tungen nennt man „selbsterfüllende Prophezeiung“. Da innerhalb der sozialen Interaktion ein auffälliges Verhalten, oder die Ausdrucksweise häufig schnell offensichtlich wird, liegt der Schwerpunkt der Betroffenen nicht in der Verheimlichung ihres Stigmas, sondern in der Bewältigung der entstehenden Folgen. Bei einer Lernbehinderung kann diese jedoch dem Interaktionspartner so gut wie möglich vorenthalten und kontrolliert werden.

Die Folgen von Stigmatisierung liegen also in der Teilhabe Betroffener an der Gesellschaft, in der möglichen Änderung der Identität, sowie in den sozialen Interaktionen mit NichtStigmatisierten. Es kann u.a. zum Abbruch sozialer Kontakte kommen, zu einem verminderten Status, sowie zu allgemeiner Ausgrenzung (vgl. Brusten/Hohmeier 1975, S. 13). Im Zuge dessen soll ein Bezug zum Essay „Wir Flüchtlinge“ von Hannah Arendt hergestellt werden, indem es auch um eine Gruppe stigmatisierter Personen geht. Ein möglicher Umgang mit Stigmatisierung soll in Folge dessen erläutert werden.

Die genannten Problemstellungen sind insgesamt wichtig für den pädagogischen Alltag und den Umgang mit verschiedenen Menschen. Es gibt immer Gruppen, sei es eine Schul- klasse, oder eine Sportmannschaft, in der Individuen vorkommen, die sich von den Ande- ren äußerlich, oder verhaltenstechnisch abgrenzen und abheben. Genau wie bei Men- schen mit einer Behinderung muss eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft verhindert werden. An dieser Stelle ist es wichtig die Gesellschaft aufzuklären und zu informieren und darüber die „Außenseiter“ zu integrieren und als normale Mitglieder unserer Gesell- schaft anzusehen und zu verstehen.

2. Ambivalenz von Stereotypisierung

Stereotypisierung kann fast überall auf der Welt auftreten. Aber warum werden fremde Personen in „Schubladen“, oder Kategorien gesteckt?

In den beiden folgenden Unterkapiteln soll der Begriff und die Ambivalenz von Stereotypi- sierung dargestellt werden. Es soll gezeigt werden, dass Stereotype positive Aspekte beinhalten, wie auch negative Aspekte.

2.1 Warum sind wir auf Stereotype angewiesen?

Zunächst einmal sollte der Begriff des Stereotyps geklärt werden. Hier gibt es viele ver- schiedene Definitionen, aus denen im Folgenden zwei dargestellt werden. Ein Stereotyp kann beschrieben werden als „eine Generalisierung über eine Gruppe von Menschen, bei der man praktisch allen Mitgliedern der Gruppe identische Eigenschaften zuschreibt, oh- ne Beachtung gegebener Variationen unter den Mitgliedern“ (Aronson 2004, S. 485 f.). Eine weitere mögliche Definition beschreibt Stereotype als „die mentalen Repräsentatio- nen sozialer Gruppen im Gedächtnis, die Wissen, Überzeugungen und Erwartungen be- züglich sozialer Kategorien und ihrer Mitglieder beinhalten“ (Hamilton & Sherman 1994; zit. n.: Beelmann 2009, S. 76). Jeder hat bestimmte Bilder von Menschen im Kopf. Stereo- typisierung dient meist nur als eine Art Vereinfachung und Strukturierung der Sicht des Menschen auf die Welt (vgl. Aronson 2004, S. 486). Klauer gibt an, dass Stereotypisierung z.B. in bestimmten Situationen von Vorteil sein kann, in denen zweideutige Beobachtun- gen dann besser gedeutet werden können (vgl. Klauer 2008, S. 24). Aber auch in Situatio- nen, in denen nur wenige Informationen vorliegen, können soziale Kategorien und damit verbundene Stereotype ein Wegweiser für unser Handeln und Denken sein (vgl. Beel- mann 2009, S. 87). Zudem weist Klauer (2008, S. 24) darauf hin, dass Stereotype dabei hilfreich sein können, gegebene Gedächtnislücken aufzufüllen, d.h. vergessene Inhalte können mit Hilfe von Stereotypen rekonstruiert werden. Treten Schwierigkeiten auf, eine Entscheidung zu fällen, so kann Stereotypisierung hilfreich sein und der Ambivalenz so aus dem Weg gegangen werden. Stereotypisierung kann also in gewissen Punkten die Handlungsfähigkeit des Menschen verbessern.

2.2 Warum kann Stereotypisierung verletzen?

Stereotypisierung kann die Handlungsfähigkeit zwar, wie bereits dargestellt, verbessern, aber diese auf der anderen Seite auch einschränken. Stereotype bestehen nicht von Ge- burt an, sondern werden häufig über die Gesellschaft (Eltern, Medien etc.) weiter gege- ben und erworben. Deshalb kann es auch sein, dass vorgefestigte Bilder im Kopf entste- hen, ohne sich vorher eine eigene Meinung bilden zu können. Aber auch eine direkte, selbst produzierte Meinung im Kontakt mit z.B. einem Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe kann Verzerrungen unterliegen. Hier gibt es u.a. sogenannte „Korrespondenzver- zerrungen“, oder „illusorische Korrelationen“, die zur Entstehung und Persistenz von Ste- reotypen beitragen können. Stereotype werden auch häufig als Informationsquelle ge- nutzt, um andere Menschen zu beurteilen. Demnach kommt es oft zu Verallgemeinerun- gen in der Beurteilung einer bestimmten Gruppe, obwohl natürlich nicht immer jede Ei- genschaft auf jede Person zutrifft. Bestehen nun bestimmte Eindrücke oder Wahrneh- mungen aufgrund von Stereotypisierung, so passt sich das Verhalten der Wahrnehmung an. Hier ist es wichtig zu wissen, dass Stereotypisierung auch häufig unbewusst abläuft und sich somit nicht kontrollieren lässt (vgl. Beelmann 2009, S. 77f.). Thomas (2006) ist der Ansicht das Stereotype die Urteilsbildung, die Wahrnehmung, die Emotionen und das soziale Verhalten lenken. Er geht in diesem Zusammenhang auch auf Ergebnisse von Taj- fel ein, der in einem Experiment heraus fand, „dass bereits die Bildung von Gruppen auf- grund belangloser und völlig unbedeutender Merkmale zu einer deutlichen Bevorzugung der eigenen Gruppenmitglieder und einer Ablehnung der Mitglieder anderer Gruppen führt (…)“ (Tajfel 1982; zit. n.: Thomas, Online-Quelle 2006, S. 9). Weiter gibt er an, dass im Zuge des Unterscheidens zwischen der eigenen Gruppe und der Fremdgruppe soziale Vergleichsprozesse stattfinden, die dazu führen, dass die eigene Gruppe im Ergebnis posi- tiver da steht. Hierzu muss sich die Eigengruppe von der Fremdgruppe distanzieren und unterscheiden. Wird also z.B. ein „Ausländer“ als Fremdgruppenmitglied angesehen, von welcher man die eigene Gruppe abheben möchte, so sieht man diesen eher in einer nega- tiven Kategorie. Es kommt dazu, dass die individuellen Aspekte der Fremdgruppenmitg- lieder (hier: Ausländer) nicht mehr gesehen werden und es kommt zu Stereotypisierung, Depersonalisierung und Stigmatisierung der Fremdgruppenmitglieder (vgl. Thomas, Onli- ne-Quelle, 2006, S.10-16). Das Stereotyp kann die Gruppe, zu der man selbst nicht gehört, herabwürdigen. Stereotypisierung kann also in vielerlei Hinsicht verletzten. Guan gibt hierfür u.a. an, dass Stereotype vereinfachend sind und somit häufig alle Mitglieder einer Gruppe gleichgestellt werden, womit wiederrum die Person als Individuum verletzt wird. Damit zusammenhängend verlässt man sich auf bereits gemachte Erfahrungen und ver- letzt so mit einer unüberlegten Zuordnung. Fehlt die Erfahrung gar, so werden Stereotype oft unhinterfragt übernommen. Weiter ist er der Ansicht, dass das Bestehen starrer Stereotype die Aggressivität beim Sprechen und Handeln erhöht (vgl. Guan 1995; zit. n.: Yu, Online-Quelle, 2006, S. 121). Die Verletzung von Stereotypen erklärt Guan, indem er angibt, „dass der mit der Tatsache unstimmige Teil im Stereotyp ein Vorurteil ist. Und „die Diskriminierung ist die Handlungstendenz der Vorurteile. Die negativen Vorurteile und Handlungen gegen andere Gruppen (…) sind die Diskriminierung der Gruppe (…)“ (Guan 1995; zit. n.: Yu, Online-Quelle, 2006, S. 117). Guan schließt jedoch nicht aus, dass sich Stereotype auch im Laufe der Zeit verändern können.

3.Identität und Stigma

Es gibt verschiedene Ansichten und Ansätze über Identität. Der Psychoanalytiker Eric Erikson geht davon aus, dass jedes Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Identität erreicht und diese dann auch beibehält. Goffman zufolge ist Identität ein lebenslanger Aushandlungsprozess, in dem ein Individuum sich immer wieder neu positionieren muss (vgl. Zwengel 2004, S. 101f.).

Im Folgenden geht es um die verschiedenen Identitätsformen, die Erving Goffman in sei- nem Werk Stigma beschreibt. Es geht dabei auch um die Frage, wie eine Person versucht die eigene Identität zu schützen, wenn sie in sozialen Interaktionen von anderen Perso- nen nicht akzeptiert wird. Um daran anschließend darzustellen, wie anhand dieser drei Identitätsbegriffe Stigma erklärt werden kann, soll zunächst der Begriff Stigma näher be- trachtet und definiert werden.

Ein Stigma, ein ursprünglich von den Griechen stammendes körperliches Zeichen, welches auf eine negative, oder abweichende Moral seines Trägers hinweisen sollte (vgl. Goffman 1992, S. 9), bezieht sich heute vielmehr auf die Unehrenhaftigkeit einer Person, oder Gruppe, die aus gesellschaftlichen Vorstellungen resultieren, welche nicht denen der „Normalität“ entsprechen (vgl. Hellmann 1991, S. 5). Hellman (1991) beschreibt Stigmati- sierung weiter als abweichendes Verhalten bestimmter Gruppen, die sich durch ihre An- dersartigkeit von der Mehrheit der Bevölkerung abgrenzen und eine randständige Positi- on einnehmen. Goffman bezeichnet Stigma als eine Eigenschaft eines Menschen „die zu- tiefst diskreditierend ist“ (Goffman 1992, S. 11).

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656671992
ISBN (Buch)
9783656671961
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274531
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Stereotyp Stigma Stigmatisierung Hanna Arendt Diskriminierung Identität

Autor

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