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Alkohol im Spannungsfeld von Islam und Medizin. Die Bedeutung von Nabidh hinsichtlich graeco-arabischer Medizin

Forschungsarbeit 2013 46 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Alkoholkonsum im Islam

3. Übersetzung des „Risalah fi an-nabidh“

4. Analyse des Textes und Anmerkungen zur arabischen Übersetzung von Qusṭā bin Lūqā

5. Weitere Schriften des Rufus von Ephesos über die medizinische Relevanz und Anwendung des Weines

6. Alkohol und der Islam: Welche Positionen vertreten werden

7. Schlusswort

Literatur

1. Einleitung

Rufus von Ephesos lebte wahrscheinlich um das Jahr 100 n. Chr. zur Regierungszeit des römischen Kaisers Trajan (98-117)1. Er entstammte einer wohlhabenden Familie und genoss eine exzellente, medizinische Ausbildung. Als Arzt folgte er den Anschauungen der Humorallehre des Hippokrates, fügte diesen jedoch seine eigenen Vorstellungen und Beobachtungen hinzu. Ebenso wie Hippokrates orientierte sich Rufus an der Säftelehre. Gesundheit herrsche dann im Körper des Menschen, wenn sich die vier Säfte (Blut, Phlegma, gelbe Galle und schwarze Galle) im Einklang befinden.

Manfred Ullmann schreibt hierzu:

„ Die vier Säfte bestimmen in ihrem Zusammenspiel das Temperament [ … ]. Das Temperament kann in eine bestimmte Richtung tendieren, es kann z.B. durch Wärme (7,2; 11,1; 16,7) oder Schärfe (3,4) charakterisiert sein, ohne daß damit schon ein krankhafter Zustand gegeben wäre. Aber auch einzelne Organe können ein Temperament besitzen, das unter Umständen mit dem Temperament desübrigen Körpers nichtübereinstimmt: In 11,2 ist das Temperament des Gehirns erkältet, während der junge Mann sonst ein heiß es Temperament besitzt. “ 2

Rufus galt als einer der berühmtesten Ärzte seiner Zeit und verfasste zahlreiche medizinische Schriften und Abhandlungen, die jedoch in großer Zahl nur noch als Fragmente vorliegen. Zu seinen berühmtesten Schriften zählen seine Abhandlungen zur Anatomie des Menschen, zur Urologie, zur Pulslehre, sowie sein Werk über die Melancholie. Des Weiteren bedeutsam sind die in Fragmenten erhaltenen „ Krankenjournale “, sowie die überlieferten „ Fragen des Arztes an den Kranken “.

Zum Teil liegen seine Schriften noch im griechischen Original vor, teilweise auch in lateinischer und arabischer Übersetzung, von denen jedoch die Namen der Übersetzer nicht immer bekannt sind.

So sagt Ullmann, dass der Name des Übersetzers der einundzwanzig Krankengeschichten nicht zu ermitteln war, ebenso bleibt die Frage unbeantwortet, ob die arabische Übersetzung direkt vom griechischen Original erfolgte oder über eine weitere syrische Übersetzungen.3

Da die Lehren und Überlieferungen des Rufus von Ephesos äußerst bedeutsam für die Entwicklung der Unani-Medizin waren, wird in dieser Arbeit die Frage behandelt, inwiefern bestimmte pharmakologische Behandlungen und Grundsätze (hier: Die Anwendung von Wein bzw. Nab īḏ), die offenkundig mit den Glaubens- und Rechtsgrundsätzen des Islam kollidieren, doch letztendlich in die arabische Medizin einfließen konnten. Es soll im Laufe dieser Arbeit ebenfalls versucht werden, eine klare Abgrenzung zwischen berauschendem Alkohol bzw. Wein und Nab īḏ zu ziehen und herauszufinden, an welchem Punkt sich die Demarkationslinie befindet, die den im

Islam verbotenen Genuss berauschender Substanzen (hier: Alkohol) von medizinisch legalen Substanzen unterscheidet.

Da Rufus zwar lange vor der Entstehung des Islam lebte und als Arzt wirkte, ist in seinen Schriften hierauf selbstverständlich keine Antwort gegeben, jedoch könnten sich aus diesen Hinweise ergeben, was für die spätere islamische Heilkunst ausschlaggebend war, Nab īḏ zu benutzen. So schreibt Rufus in seinem von Qusṭā ibn Lūqā ins Arabisch übersetzte Traktat „ Risalah 4 fi an nabidh - Schriftüber Nab īḏ “ über die Wirkung und die Vorzüge des Nab īḏ. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt daher auf der Übersetzung dieses Traktates vom Arabischen ins Deutsche, sowie der Darstellung verschiedener Positionen der islamischen Rechtsschulen zum Thema Alkohol und insbesondere zu Nab īḏ. Anhand von Hadith - und Fatwa Beispielen sollen diese Positionen verdeutlicht werden.

Einleitend wird nun eine kurze Definition gegeben, um was es sich bei Nab īḏ handelt. Peter Heine schreibt, Nab īḏ sei ursprünglich ein anderes Produkt gewesen, welches im Laufe der Zeit eine Bedeutungsänderung erlebte. So sei Nab īḏ vormals ein stark alkoholisches Getränk gewesen, welches aus den verschiedensten Zutaten hergestellt wurde. Zuweilen seien auch weitere berauschende Substanzen, wie zum Beispiel Cannabis hinzugefügt worden.5 Im Laufe der Zeit veränderte sich die Bedeutung von Nab īḏ. So kann man es nun vielmehr mit „Vergorenem“ oder „Fermentiertem“ übersetzen, welches mit dem anfänglichen „ Ur-Nab īḏ“ nicht mehr vergleichbar ist.

Heine zitiert eine Aussage Mu tazilī al-Ǧubbā’īs, indem er sagt, Gott habe Nab īḏ erschaffen und erlaubte es den Menschen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu erschaffen, wie der Wein im Paradies schmecken würde.6

2. Alkoholkonsum im Islam

Es ist durchaus bekannt, dass Wein bzw. Alkohol in vorislamischer Zeit gern und offenbar in größeren Mengen konsumiert wurde.

Auch Muḥammad verbot den Weingenuss nicht von Beginn an, änderte seine Einstellung aber im Laufe der Zeit, da ihm das zügellose Verhalten Betrunkener offenbar immer stärker zuwider wurde. So heißt es in Sure 5, Verse 90-91:

„ Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und des Satans Werk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen. Der Satan will

(ja) durch Wein und das Losspiel nur Feindschaft und Haß zwischen Euch aufkommen lassen und euch vom Gedenken Gottes und vom Gebet abhalten. “ 7

Trotz des expliziten und eindeutigen Verbotes, blieb und bleibt denjenigen Muslimen, die Alkohol konsumieren (möchten), ausreichend Platz für Interpretationen. So ist im Koran ausschließlich von „ Wein “ die Rede, dessen Genuss untersagt wird.

Dies bietet nicht nur Personen, die aus reinem Vergnügen andere alkoholische Getränke zu sich nehmen möchten, gegebenenfalls eine Argumentationsbasis, sondern wirft eine viel weitreichendere Problemfrage auf: Wie verhält es sich mit Nab īḏ ? Ist dessen Konsum zu Genusszwecken oder unter medizinischen Gesichtspunkten (zum Beispiel als Bestandteil bestimmter Pharmazeutika) legal?

Peter Heine führt einige Beispiele der möglichen Interpretationsbreite auf. So sagt er, dass es oft genug in der Geschichte des Weins ausreichte, ihm schlicht einen anderen Namen zu geben. Nach dem Motto: Was nicht „Wein“ (arabisch: Ḫ amr) heißt, ist auch kein Wein und somit nicht verboten.

Er schreibt:

„ Die alten arabischen Philologen und Lexikographen kennen weitüber 100 Worte für Wein, je nachdem, welche Farbe, welchen Geschmack, welches Alter oder welche Wirkung er hatte. Im Koran war aber nur von Ḫ amr die Rede. Darunter verstand man ungemischten Wein aus Weintrauben, der auf eine ganz bestimmte Art hergestellt worden war. Der Konsum von Wein aus Datteln oder anderen Früchten wurde durch eine solch philologische Interpretation für erlaubt erklärt. “ 8

Im darauf folgenden beschreibt er eine Anekdote über das Trinkverhalten eines Qādīs, welcher „ bei einem Gelage wissen wollte, was ihm denn da im Becher gereicht wurde. Bei Antworten wie kumait (Bezeichnung des Rotweins) oder sahb ā (Bezeichnung des Weiß weins) usw. leerte er den Becher wacker. Sagte man aber ḫ amr, wies er ihnärgerlich ab. “ 9

Heine gibt - über die Möglichkeiten der Interpretationen hinausgehend - auch zu beachten, dass (obschon mit dem Theologen Taqīyu d-Dīn Aḥmad b. Taimīya (gest. 1328) eine strengere Haltung gegenüber allen alkoholischen Getränken einsetzte) der Konsum des „Weins“ nicht als ḥ ar ā m (also als absolut verboten) gilt, sondern „nur“ verwerflich bzw. unbeliebt, also makrūh ist.10

Ungeachtet dieser Tatsache geht die Ablehnung vieler Muslime so weit, selbst leicht alkohol- bzw. nabīḏhaltige Medikamente - auch dann, wenn sie für die Heilung enorm wichtig wären - konsequent abzulehnen.

Im Folgenden soll auf die Bedeutung von Nab īḏ auf die Entwicklung der graeco-arabischen Medizin eigegangen werden.

Die anschließende deutsche Übersetzung beruht auf der arabischen Handschrift Qusṭā bin Lūqās (gest. um 912), welcher zahlreiche Schriften des Rufus aus dem Griechischen in das Arabische übersetzte. Hakim Syed Zillur Rahman übertrug die alte, sehr komplizierte Handschrift Qusṭā bin Lūqās in die moderne arabische Schrift.

Risalah fi an-nabidh - Schrift über Nabīḏ

Rufus (100 A.D.)

Arabischeübersetzung aus dem Griechischen von

Qus ṭā bin Lūq ā (820-912 A.D.)

Übertragung der arabischen Originalhandschrift in die moderne arabische Schrift und herausgegeben

von

Hakim Syed Zillur Rahman

Ibn Sina Academy

Aligarh, Indien

2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Zillur Rahman, Syed: Risalah fi an-nabidh - Rufus (100 A.D.) - Arabic Translation by Qusṭā b. Lūqā (820 - 912 A.D.). Aligarh 2007.

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Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Rufus' Schrift über Nabīḏ

Als Rufus an einem Gastmahl teilnahm, sollte er die Gäste unterhalten. Allerdings hieß er das, was er sah, als er seine Rede über Nabīḏ hielt, nicht gut. Ich gebe alles so wieder, wie ich es für richtig halte und hoffe, Sie sehen das ähnlich.

Ich beginne mit den Vorzügen von Nabīḏ und seinen positiven Auswirkungen auf die dauerhafte Gesundheit des Körpers. Dann folgt, was derjenige, der Nabīḏ zu trinken wünscht, beachten sollte, damit er (Nabīḏ) ihm bekommt und das Nabīḏtrinken keinen Anstoß erregt. Danach wird erklärt, wie derjenige, der betrunken ist, behandelt werden soll, damit ihm kein großer Schaden entsteht.

Dass Nabīḏ sowohl gut als auch schlecht sein kann, müssen wir nicht immer bedenken, da dies hier nicht unsere Absicht ist. Ich behaupte, dass die Wirkung von Nabīḏ und sein Nutzen vielfältig sind. Ich nehme nicht an, dass jemand die Vorzüge des Nabīḏ nicht kennen würde. Nun komme ich zum Zweck des Nabīḏtrinkens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Zillur Rahman, Syed: Risalah fi an-nabidh - Rufus (100 A.D.) - Arabic Translation by Qusṭā b. Lūqā (820 - 912 A.D.). Aligarh 2007.

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Ich sage, dass Nabīḏ der Verdauung sehr förderlich ist. Die Verdauung findet nicht nur im Magen statt. Die Nahrung beeinflusst den ganzen Körper. Sie wird in all seinen Teilen verdaut, formt ihn und steigert die Hitze in seinem Inneren. Es gibt keinen Stoff, der die Hitze des Körpers so verstärkt wie Nabīḏ. Bewirtest du zwei Männer und einer von beiden trinkt Wasser, während der andere Nabīḏ trinkt, so weißt du zweifellos, dass sich die Körpertemperatur der beiden sehr unterscheiden wird.

Wird die Nahrung im Magen und in allen Teilen des Körpers gut verdaut, so ist dies bestimmend für dauerhafte Gesundheit des Körpers und dient seiner Stärkung. Die Kraft in ihm wächst und damit die Hitze. Vermehrt sich die Hitze in einem Maß, das günstig ist, so beginnt auch der Körper zu glänzen. Nabīḏ steigert die Hitze und vermehrt das Blut.

Wenn du selbst daran denkst, welchen Vorzug der Mann hinsichtlich seiner Kraft gegenüber der Frau genießt, so verhält es sich bei der Stärke von Nabīḏ gegenüber der von Wasser ähnlich. Darum sind alle Bewegungen desjenigen, der mäßig Nabīḏ trinkt, kräftiger als die Bewegungen desjenigen, der Wasser trinkt.

Bei Bewegungen, die wir absichtlich ausführen, führt Nabīḏ zur Stärkung.

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Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Zillur Rahman, Syed: Risalah fi an-nabidh - Rufus (100 A.D.) - Arabic Translation by Qusṭā b. Lūqā (820 - 912 A.D.). Aligarh 2007.

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Nahrung und Nabīḏ wirken nicht ohne die Seele auf den Körper. Wir finden, dass derjenige, welcher Nabīḏ trinkt, Arbeit mit schnellen Bewegungen verrichtet. Sie geht ihm leichter von der Hand. Er vollendet sie schneller, es sei denn, er wird müde.

Und ich sehe den Dichter, wenn er daran denkt. Er sagt dies in seiner Dichtung den Leuten. Der Mann bekämpft die Leute, wenn er Fülle hat bei Speise und Trank. Trinkt er alle Tage, so ist Festigkeit in seiner Seele und Stärke in seinen Gliedern, die nicht ermüdet, bevor der Kampf sein Ende erreicht.

Dies sind die Taten, die Nabīḏ in der Seele vollbringt. Er sorgt für Freude, Glück, Entzücken und Vergnügen und lässt den Schmerz vergessen. Dies muss ich nicht erwähnen, weil ich annehme, dass jeder davon weiß.

Ich rede also von den wunderbaren Vorzügen des Nabīḏ. Er ist nützlich in allen Lebensaltern; jeder Mensch und jedes Land braucht ihn. Ich sehe, dass Kinder und Jungen von ihm etwas erhalten. Er gibt der Jugend, den jungen Menschen, den Erwachsenen und den Alten Zufriedenheit und er verleiht ihren Körpern Gesundheit, wenn sie etwas brauchen, das sie stark erhitzt. Wenn die Hitze in ihnen ist, hat ihre Jugend kein Ende. Ähnliches gilt für die Steigerung ihrer Moral.

Was ich über Nabīḏ im Zusammenhang mit den Lebensaltern des Menschen gesagt habe, trifft auch auf die Alterung zu.

[...]


1 Vgl. Pormann, Peter E.: Rufus of Ephesus - On Melancholy. Tübingen 2008: S.4.

2 Vgl. Ullmann, Manfred: Rufus von Ephesos - Krankenjournale. Wiesbaden 1978: S.27.

3 Ebd. S.30.

4 Hier: „Risalah“ nach Hakim Syed Zillur Rahman. Lt. DMG wäre die Transkription „Risāla“. Da in dieser Arbeit ausschließlich die Transkription der DMG Verwendung findet, sei hier darauf hingewiesen.

5 Vgl. Heine, Peter: Nabīdh. S.840. In: Encyclopaedia of Islam; VOL. VII (MIF-NAZ), Leiden / New York 1993: S.840.

6 Vgl. Ebd.

7 Der Koran. Übersetzt von Rudi Paret. Vierte Auflage, Stuttgart 1985: S.89.

8 Heine, Peter: Wein im islamischen Mittelalter? Wiesbaden 1980: S.8.

9 Ebd.

10 Vgl. Ebd. S.9.

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