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Peter Singer - Weshalb ist Töten verwerflich ?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Singers Hauptthese

3. “Weshalb ist Töten verwerflich?”
3.1. Selbstbewusstes Leben
3.2. Bewusstes Leben
3.3. Unbewusstes Leben

4. Kritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist die Frage „Weshalb ist Töten verwerflich?“. Ihr liegt das gleichnamige Kapitel des Buches „Praktische Ethik“ von Peter Singer zu Grunde.

Einleitend erfolgt eine kurze Zusammenfassung der Hauptthese Singers. Anschließend wurde der Text so gegliedert und bearbeitet, dass der Leser in der Lage ist, Singers Thesen und daraus folgende Konsequenzen gut nachzuvollziehen. Nach dieser Darstellung erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit Singers Argumentation, anhand des letzten Kapitels „Sind alle Menschen Personen?“ aus Robert Spaemanns Buch „Personen - Versuche über den Unterschied zwischen etwas und jemand “.

2. Singers Hauptthese

Peter Singer stellt in seinem Werk „Praktische Ethik“ eine strikte Trennung zwischen Mensch und Person auf. Seiner Ansicht nach ist nicht jeder Mensch eine Person, und umgekehrt gibt es Personen, die keine Menschen sind. „Person“ stellt für ihn einen Status dar, den man erlangen und zugleich auch jederzeit wieder verlieren kann, unabhängig davon, ob man Mensch ist oder nicht. „Daher sollten wir die Lehre, die das Leben von Angehörigen unserer Gattung über das Leben der Angehörigen anderer Gattungen erhebt, ablehnen. Manche Angehörigen anderer Gattungen sind Personen: manche Angehörigen unserer eigenen Spezies sind es nicht. Keine objektive Beurteilung kann den Standpunkt unterstützen, dass es immer schlimmer ist, Mitglieder unserer eigenen Spezies, die keine Personen sind, zu töten, als Mitglieder anderer Spezies, die es sind. Im Gegenteil gibt es, wie wir sahen, starke Gründe dafür, der Überzeugung zu sein, daß es an sich schwerwiegender ist, Personen das Leben zu nehmen, als Nicht-Personen. So scheint es, daß etwa die Tötung eines Schimpansen schlimmer ist als die Tötung eines menschlichen Wesens, welches aufgrund einer angeborenen geistigen Behinderung keine Person ist und nie sein kann.“1 Dieses Zitat verdeutlicht Singers eigenwillige Verwendung des Begriffs Person und gibt den Hinweis darauf, dass er Personen einen höheren Lebensschutz zubilligt als Nicht- Personen. Eine bloße Zugehörigkeit zur Gattung Homo Sapiens begründet für Singer keinen besonderen „Wert“ des Lebewesens und stellt kein Kriterium für den Lebensschutz dar. Wer dies meint, den sieht Singer auf einer Stufe mit Rassisten, was aus folgendem Zitat ersichtlich wird: „Die biologischen Fakten, an die unsere Gattung gebunden ist, haben keine moralische Bedeutung. Einem Leben bloß deshalb den Vorzug zu geben, weil das Lebewesen unserer Gattung angehört, würde uns in dieselbe Position bringen wie die Rassisten, die denen den Vorzug geben, die zu ihrer Rasse gehören.“2

Welche Gründe Singer für seine Hauptthese „Mensch ungleich Person“ angibt, und welche Konsequenzen dies für ein Recht auf Leben hat, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

3. „Weshalb ist Töten verwerflich ?“

3.1. Selbstbewusstes Leben

Alles Leben lässt sich laut Singer in zwei Hauptbereiche einteilen: bewusstes und unbewusstes Leben. Bewusstes Leben zeichnet sich durch Lust - und Schmerzempfinden aus. Unbewusstes Leben besitzt hingegen diese Fähigkeit nicht. Innerhalb der Gruppe bewusster Lebewesen sticht eine Gruppierung heraus, die sich durch besondere Fähigkeiten von allen anderen Lebenwesen unterscheidet und zwar durch „ [...] Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Sinn für Zukunft, Sinn für Vergangenheit, die Fähigkeit, mit anderen Beziehungen zu knüpfen, sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier.“3 Auf den Punkt gebracht: Es handelt sich um rationale und selbstbewusste Lebewesen,4 die Peter Singer als Personen bezeichnet.

Den Status einer Person besitzt der Mensch allerdings nicht auf Lebenszeit und auf keinen Fall von Geburt an. Als Beispiel könnte man sich ein Kleinkind denken, das bis zu einem gewissen Alter noch über keinerlei Selbstbewusstsein verfügt, es im Laufe seines Lebens entwickelt und dadurch erst zur Person wird. Umgekehrt denke man an Koma- oder Demenzpatienten, die ihr Selbstbewusstsein vorübergehend oder dauerhaft verlieren und somit auch den Status der Person einbüßen müssen.

Es wurde bereits aufgezeigt, dass Singer den Lebensschutz eng mit dem Begriff der Person verbindet. An dieser Stelle wirft er die Frage auf, ob Personen ein Recht auf Leben besitzen und welche Gründe es dafür geben könne. Er bejaht diese Frage und argumentiert wie folgt:

Ein selbstbewusstes und rationales Wesen ist in der Lage, „ [...] Wünsche hinsichtlich seiner eigenen Zukunft zu haben.“5 Wird diese Person getötet, durchkreuzt man ihre Wünsche für die Zukunft und handelt somit unrecht. In diesem Zusammenhang verweist Peter Singer auf den klassischen Utilitarismus6. Dieser „beurteilt Handlungen nach ihrer Tendenz zur Maximierung von Lust und Glück und zur Minimierung von Schmerz und Unglück.“7 Das Ziel aller Lebewesen muss also die Vermehrung der Lust in der Welt und zugleich die Verminderung des Leides darstellen. Nach dieser Hauptforderung des klassischen Utilitarismus spielt es keine Rolle, dass die Wünsche einer Person nach dem Tod durchkreuzt werden. Es hat keinerlei Auswirkungen auf die „Summe von Lust oder Leid“8, da die getötete Person ihren Mangel an Wünschen nicht mehr als Leid wahrnimmt. Somit ist die Tötung einer Person nach den Prinzipien des klassischen Utilitarismus nicht direkt verwerflich.

Allerdings würde durch den Tod einer Person allen anderen Personen ihre endliche Existenz, die jederzeit beendet werden könnte, vor Augen geführt. Dies verursacht bei den Betroffenen wiederum Angst vor dem Tod, was folglich eine Steigerung des Leides bedeutet. Insofern wäre das Töten einer Person indirekt verwerflich, da es das Leid auf der Welt steigert und das Glück minimiert.9 Peter Singer hebt an dieser Stelle hervor, dass der angeführte indirekte Grund

[...] ein Argument dafür liefert, das Töten einer Person unter gewissen

Bedingungen ernster zu nehmen als das Töten eines nicht-personalen Wesens.“10 Letztere besitzen nach Singer keinen Sinn für ihre Zukunft und werden daher nicht über eine Verkürzung ihrerer eigenen Existenz Sorge tragen.

Das nächste Argument liefert der von Singer bevorzugte sogenannte „Präferenz- Utilitarismus“. Dabei dreht es sich nicht mehr primär um die Maximierung von Lust und Minimierung von Lied, sondern um die Interessen bzw. Präferenzen der Handelnden oder der von einer Handlung Betroffenen. Eine Handlung ist nur dann als legitim anzusehen, wenn sie keiner Präferenz des betroffenen Wesens entgegensteht und diese Präferenz durch entgegengesetzte Präferenzen ausgeglichen wird.

„Eine Person zu töten, die es vorzieht, weiterzuleben, ist daher falsch, die übrigen Umstände gleichbleibend vorausgesetzt.“11

Ein Präferenz-Utilitarist berücksichtigt allein die Interessen der Beteiligten; der Status der Betroffenen spielt dabei keine Rolle. Somit wäre es ohne weiteres möglich, auch Nicht-Personen solche Präferenzen zuzuschreiben. Singer bestreitet nicht, „ [...] daß ein solches Wesen gegen eine Situation ankämpfen kann, in der sein Leben in Gefahr ist, so wie ein Fisch kämpft, um sich von dem Angelhaken in seinem Maul zu befreien; aber dies bezeichnet lediglich eine Präferenz für das Aufhören eines Zustandes, der als schmerzlich oder bedrohend empfunden wird.“12 Dies beweist jedoch für Singer nicht, „ [...] daß der Fisch fähig ist, seine eigene künftige Existenz der Nicht-Existenz vorzuziehen.“13 Das präferenz-utilitaristische Modell liefert somit keinen Grund gegen das Töten einer Nicht-Person mit Hilfe einer Methode, die nicht als schmerzlich oder bedrohend empfunden wird.

Ein weiterer Grund, weshalb Personen ein Recht auf Leben besitzen, ist der von Michael Tooley stammende Gedanke, dass eine Verbindung zwischen dem Wunsch eines Wesens und dem Recht auf das Gewünschte existiert.14 In bestimmten Fällen, man denke an Schlaf oder vorübergehende Bewusstlosigkeit, ist es in der Regel nicht möglich, Wünsche zu äußern. Tooley erweitert daher seinen Gedanken und verbindet die bloße Fähigkeit zu relevanten Wünschen mit dem Recht auf das Gewünschte.

Wünscht sich ein Wesen, dass es weiterhin als eine distinkte Entität in der Zeit existiert, dann hat es auch ein Recht darauf. Nur rationale und selbstbewusste Lebewesen sind in der Lage, „ [...] sich selbst als eine in der Zeit dauernde distinkte Entität zu begreifen, das heißt, nur eine Person könnte diesen Wunsch haben.“15 Wer sich theoretisch wünschen kann, nicht getötet zu werden, der hat somit auch ein Recht auf Leben.

Der vierte und letzte Grund, warum das Töten von Personen verwerflich ist, konzentriert sich nicht wie bisher auf die Fähigkeit, die „ [...] Zukunft ins Auge zu fassen und auf die Zukunft bezogene Wünsche zu haben.“16 Es geht hier vielmehr um eine Richtung der Moralphilosophie, die den Respekt vor der Autonomie als ein grundlegendes moralisches Prinzip betrachtet.17 „Mit Autonomie ist die Fähigkeit gemeint, eine Wahl zu treffen, eine Handlung nach eigener Entscheidung zu vollziehen.“18 Niemand wird bestreiten, dass Personen im Sinne von selbstbewussten und rationalen Wesen diese Fähigkeit besitzen. Somit stellt das Töten einer Person, die sich dafür entschieden hat, nicht zu sterben, eine grobe Verletzung der Autonomie dieser Person dar. Man würde ein grundlegendes moralisches Prinzip, nämlich den Respekt vor der Autonomie, missachten und somit moralisch falsch handeln.19

[...]


1 Peter Singer, Praktische Ethik (1994), 2. Auflage, Seite 156

2 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 107

3 Ebd. Seite 104 Diese Aufzählung stammt von Joseph Fletcher, einem protestantischen Theologen. Er bezeichnet diese Liste als „Indikatoren des Menschseins“

4 Vgl. Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 104 Diese Kriterien stammen von John Locke. Locke definiert eine Person als „ein denkendes intelligentes Lebenwesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann, als das selbe denkende Seiende in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten“

5 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 109

6 Vgl. Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 110 Der klassische Utilitarismus wurde von Jeremy Bentham entwickelt und durch spätere Philosophen wie John Stuart Mill und Henry Sidgwick weiter verfeinert.

7 Ebd. Seite 110

8 Ebd. Seite 110

9 Vgl. Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 110/111 Singer nennt dies einen indirekten Grund, da man sich nicht auf ein direktes Unrecht bezieht, das einer Person zugefügt wird. Man zielt eher auf die Folgen ab, die sich aus dem Tötungsverbot für andere Personen ergeben. Er gibt selbst zu, dass es „etwas merkwürdig [ist], einen Mord nicht wegen des dem Opfer zugefügten Übels, sondern wegen der Wirkung auf andere zu beanstanden. Man muß schon ein hartgesottener Anhänger des klassischen Utilitarismus sein, um von dieser Merkwürdigkeit nicht verwirrt zu werden.“

10 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 111

11 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 112 „Daß die Opfer nach der Ermordung nicht mehr da sind, um sich darüber zu beklagen, daß ihre Präferenzen nicht beachtet worden sind, ist unerheblich.“

12 Ebd. Seite 112/113

13 Ebd. Seite 113

14 Ebd. Seite 114 Zitat Tooley: „Es ist eine grundlegende Empfindung, daß ein Recht etwas ist, das verletzt werden kann, und daß die Verletzung des Rechtes auf etwas bei einem Individuum gleichbedeutend ist mit der Enttäuschung des entsprechenden Wunsches. Nehmen wir zum Beispiel an, du besitzt ein Auto. Dann habe ich die offenkundige Pflicht, es dir nicht wegzunehmen. Allerdings gilt die Pflicht nicht bedingungslos: sie ist teilweise abhängig von der Existenz eines entsprechenden Wunsches von deiner Seite. Wenn es dir gleichgültig ist, ob ich dir deinen Wagen wegnehme, dann verletzte ich damit im allgemeinen dein Recht nicht.“

15 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 115

16 Ebd. Seite 115

17 Vgl. Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 115 Diese Moralphilosophie findet man bei Kant wie auch bei vielen modernen Nicht-Kantianern.

18 Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 115

19 Vgl. Peter Singer, Praktische Ethik (1991), Seite 116 Singer steht dieser Auffassung kritisch gegenüber und verweist auf die von ihm angeführten Formen des Utilitarismus. Utilitaristen respektieren Autonomie nicht um ihrer selbst willen, wobei sie dem Wunsch einer Person, weiterzuleben, großes Gewicht beimessen. Anhänger des Präferenz-Utilitarismus müssen unter Umständen akzeptieren, dass der Wunsch nach dem Weiterleben von anderen Wünschen aufgehoben werden kann. Im Fall des klassischen Utilitarismus kann es sein, dass eine Person getötet wird, obwohl sie nicht den Wunsch danach hat, da sie andernfalls ein elendes Leben führen würde.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638295093
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27467
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für Philosophie III
Note
1
Schlagworte
Peter Singer Weshalb Töten Hauptseminar Person Personalität

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Titel: Peter Singer - Weshalb ist Töten verwerflich ?