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Mode und Persönlichkeit. Vergleich zweier Essays von Elfriede Jelinek und Siri Hustvedt

Hausarbeit 2013 10 Seiten

Zusammenfassung

Diese Hausarbeit möchte beleuchten, wie Mode genutzt wird, um die eigene Persönlichkeit herauszustellen oder um sie in den Hintergrund treten zu lassen. Zu diesem Zweck wird ein Essay von Siri Hustvedt mit einem Essay von Elfriede Jelinek verglichen. Beide schreiben darüber, was Mode für sie persönlich bedeutet. Auf den ersten Blick wirken die Modekonzepte grundsätzlich verschieden. Nutzt die österreichische Schriftstellerin die Mode als Möglichkeit, um sich selbst dahinter zu verstecken, so ist „ideale“ Mode für die amerikanische Autorin dagegen in der Lage die eigene Persönlichkeit optimal zu verkörpern.

Leseprobe

1. Einleitung

Diese Hausarbeit möchte beleuchten, wie Mode genutzt wird, um die eigene Persönlichkeit herauszustellen oder um sie in den Hintergrund treten zu lassen. Zu diesem Zweck wird ein Essay von Siri Hustvedt mit einem Essay von Elfriede Jelinek verglichen. Beide schreiben darüber, was Mode für sie persönlich bedeutet. Auf den ersten Blick wirken die Modekonzepte grundsätzlich verschieden. Nutzt die österreichische Schriftstellerin die Mode als Möglichkeit, um sich selbst dahinter zu verstecken, so ist „ideale“ Mode für die amerikanische Autorin dagegen in der Lage die eigene Persönlichkeit optimal zu verkörpern.

In dieser Einleitung wird kurz erläutert werden, was unter dem Selbst, dem Ich und der Identität verstanden wird, um eine Wissensbasis zu schaffen. Zu diesem Zweck wird psychologische Fachliteratur aus dem Bereich der Integrativen Therapie herangezogen, die sich stark mit diesen Themen beschäftigt. Im Hauptteil folgen Analysen der beiden Essays und ein Abschnitt über deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

In der Integrativen Therapie gilt das Selbst als Grundlage und Gesamtbereich des Körpers. Es umfasst sowohl das Leibliche, als auch die persönliche Geschichte und Verhaltenstendenzen, sowie die gegenwärtigen Beziehungen. Es handelt sich also um Physisches und Psychisches. Entscheidend für das Selbst ist das Selbst-Gefühl, einem Bewusstsein dafür, dass stetig Erfahrungen aufgenommen, organisiert und integriert werden. Das Selbst wird zur eingängigeren Beschreibung und Betrachtungsweise in „Leib-Selbst“ und „Rollen-Selbst“ unterteilt.

Das Leib-Selbst umfaßt die organismische Basis und alle leiblich fundierten Prozesse der Persönlichkeit.1

Der Mensch wird als ein Wesen in Bewegung verstanden, dass in Beziehung zu anderen Menschen steht. Alle Menschen entwickeln Vorstellungen von ihrem Körper, vom äußeren Bild und den inneren Zusammenhängen. Zwar kennen wir nur unser Spiegelbild, das wir mehr oder weniger intensiv an unser Idealbild anzupassen versuchen können, aber trotzdem haben wir diese bewussten oder unbewussten Vorstellungen von unserem Körper, die die Identität stark prägen, obwohl sie mit der Realität häufig nicht viel gemeinsam haben. Der Kerngedanke der Integrativen Therapie besagt, dass alle unsere Kontakte körperlicher Natur sind. Berührung und Abgrenzung sind dabei wichtige Stichworte.

Auch unsere Identität, „wer wir sind“, welche Rollen wir spielen, drückt sich leiblich aus in der Art, wie wir uns bewegen, reden, uns kleiden […] Wir verkörpern uns.2

Dieser Aspekt wird als „Rollen-Selbst“ bezeichnet, wobei „Rolle“ hier nicht negativ konnotiert wird als etwas Falsches, Unechtes, sondern eine Rolle ist etwas, was wir legitimerweise annehmen, wenn uns die Situation ein solches Verhalten nahe legt. Rollen haben sich aus Strukturen herausgebildet und haben auch im weiteren Verlauf des Lebens strukturbildende Wirkung, da sie die Art und Weise festlegen, wie wir auf die Umwelt reagieren.

Die aktivere, direktere Form des Selbst ist das Ich. Das Selbst existiert auch ohne Bewusstsein, zum Beispiel im Schlaf, das Ich entsteht nur im bewussten Zustand und im Kontakt mit anderen Menschen. Um sich die Welt zu organisieren und zu bewältigen, entwickelt das Ich Handlungsstrategien und Konzepte zu verschiedenen Bereichen des Lebens. Diese Strukturen sind Persönlichkeitsstrukturen.

Abschließend nun eine kurze Erläuterung zur Identität. Identität steht im Mittelpunkt von zwei Perspektiven. Es handelt sich nicht nur um unverwechselbare Daten der Person, Persönlichkeitsstruktur und einem Verständnis für die eigene Identität, sondern unsere Mitmenschen partizipieren ebenfalls an unserer Identität. Einerseits erfährt man sich aus seinem eigenen Erleben heraus, andererseits in den Reaktionen anderer. Man erlebt sich also möglicherweise andersartig, nachdem man von den aktuellen Bezugspersonen gespiegelt wurde. Sie zeigen wann man sich in ihren Augen angemessen oder unangemessen verhalten hat.

Identität ist das Bild und das Gefühl, das ich von „mir selbst“ habe. Es entsteht dadurch, daß ich mich sehe, fühle, bewerte, vergleiche, Entwürfe von mir mache, Rollen übernehme usw., und dadurch, daß ich von anderen gesehen werde, daß sie auf mich gefühlsmäßig reagieren, mich bewerten, vergleichen, Entwürfe von mir machen und mir Rollen zu schreiben.3

2. Analysen

2.1 Analyse von Elfriede Jelineks Essay „Mode“

Elfriede Jelineks Essay lässt sich in zwei, von der Autorin durch Absätze gekennzeichnete, Abschnitte unterteilen. Der erste Abschnitt beginnt mit der Frage, ob Mode als eine Art Anker fungiere, mit dem man sich auf der Erde fixieren kann. Die Frage ist offensichtlich an die Verfasserin selbst gerichtet und macht somit schon in der ersten Zeile deutlich, dass es hier um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person geht. Schnell wird deutlich gemacht, dass für die eigene Person jedoch nur Desinteresse aufgebracht wird und die Mode als Ersatz dient, der um Längen interessanter scheint. Es folgt eine allgemeinere Passage mit einem Gedanken von Roland Barthes, der Jelinek stark beschäftigt und geprägt zu haben scheint, nämlich, dass der Körper keine Spur in seiner Kleidung hinterlasse. Für den Rezipienten wird sehr deutlich, dass die Autorin sich nicht für besonders schön hält, worüber sie allerdings resigniert zu haben scheint. Fraglich bleibt, was Jelinek unter dem Begriff des „Nichts“ versteht. Sie fragt sich, ob sie die Mode zwischen sich und das „Nichts“ stellt.4 Was ist darunter zu verstehen? Handelt es sich um eine Jenseitsvorstellung? Um eine beängstigende Vorstellung, was die personale Identität und die Körperidentität betrifft, das nämlich die personale Identität ohne den Körper gar nicht existieren kann? Die Antwort ist für die Autorin so selbstverständlich, dass der erste Abschnitt mit Fragen endet, die sich gar nicht mehr darauf beziehen, somit erhält der Rezipient kein weiteres Indiz, worum es sich handeln könnte. Naheliegend wäre allerdings das „Nichts“ mit dem Tod zu assoziieren und die Mode so mit der Vergänglichkeit in Verbindung zu bringen.

Der zweite Abschnitt beginnt mit einer vagen Antwort auf ihre vielen Fragen - vielleicht. Vielleicht möchte sie ihre eigene Spur verlieren, damit sie von niemandem gefunden werden kann, auch nicht von sich selbst. Jelinek erläutert nun, warum unauffällige Kleidung für sie nicht in Frage kommt. Diese kann nicht als Ablenkungsmanöver von der eigenen Person genutzt werden, weil sie schlicht und ergreifend zu langweilig ist. Mit extravaganter Mode kann das nicht passieren, die eigene Person tritt ganz weit in den Hintergrund, sie kann sich in Sicherheit wiegen. Sie selbst und die Mode ergänzen sich somit perfekt und die eine hinterlässt keinerlei Spuren in der Anderen. Erneut erhält der Rezipient in diesem radikal ehrlichen und schonungslos offenen Essay die Meinung der Autorin zu ihrem eigenen Körper vorgehalten und es drängt sich der Gedanke auf, dass ein solches Modekonzept aus eben so einer, das eigene Aussehen abwertenden Einstellung, entstand. Eine andere Interpretation ist zu bevorzugen: Jelineks Texte sind in der Regel scharfsinnige Beobachtungen und in diesem Rahmen pointierte Kritiken. Durch ihre extravagante Mode wird ihr erlaubt, in allen öffentlichen Situationen einen stillen Beobachterposten einzunehmen, der ihr ermöglicht auf diese Art zu schreiben. Sie ist quasi unsichtbar, schließlich hinterlässt sie sogar in ihrer Kleidung nur flüchtige Spuren, und bleibt so unbehelligt von jeglicher Ablenkung und bewussten Einflussnahme. Mode ist für Jelinek also perfekt, um sich selbst zu „verlieren“, da die Mode, laut Simmel, als Form gleichgültig gegenüber ihrem Inhalt ist, sie ist in ihrem innersten Wesen überindividuell. Auffällig an Jelineks Stil ist das kreative Spiel mit Worten, was häufig zu Paradoxien führt5, die dem Rezipienten viele Ebenen eröffnen. Fest steht, dass für Jelinek der Körper, beziehungsweise der bekleidete Körper also das Äußerliche und die Persönlichkeit zu trennen sind. Schließlich stellt sie einen perfekt modisch gekleideten Körper in die Öffentlichkeit und ihr kritisches Selbst schleicht, bildlich gesprochen, derweil durch die sozialen Schichten und beobachtet und reflektiert das Gehörte und Erlebte. Dies ist möglich, da laut Barthes, Tätigkeiten in der Mode immer nur schmückende Attribute eines Seins sind und nur als psychologische Wesenszüge und Leitbilder wichtig, von der modischen Erscheinung sind sie getrennt. Verschleiert Jelinek sich durch ihre Mode, so entblößt sie sich fürderhin in ihren Texten als Person ohne wenn und aber. Darin ist die Erklärung für ihr Modekonzept zu finden, es ist ihrer Arbeit als Schriftstellerin dienlich. Zusätzlich schwingt im Subtext eine deutliche Kritik an der Tendenz mit, sein Selbstbild nur über den Körper und die Schönheit zu erlangen, vor allem in Bezug auf die weibliche Identität, die stets stark mit der körperlichen Identität verbunden war. Die Kritik steht vor dem Hintergrund, dass irgendwann das Konzept „Schöner Körper = Schöner Mensch“ nicht mehr aufgeht.

[...]


1 Dorothea Rahm, Hilke Otte, Susanne Bosse, HanneloreRuhe-Hollenbach: Einführung in die Integrative Therapie. Grundlagen und Praxis. In: Innovative Psychotherapie und Humanwissenschaften, Bd. 15, Hg.: Hilarion Petzold. Paderborn, 1993, S. 94.

2 s. Anm. 1, S.105.

3 s. Anm. 1, S.148.

4 „Schiebe ich die Kleidung zwischen mich und das Nichts, damit ich dableiben kann, ohne daß man merkt, daß ich da war?“

5 „Zerbrechen Sie sich aber nicht den Kopf, dieses Alles ist Nichts. [ … ] Daß einfach nichts da ist, indem möglichst viel da ist.“

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656674801
ISBN (Buch)
9783656674740
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Erscheinungsdatum
2014 (Juni)
Note
1,7
Schlagworte
mode persönlichkeit vergleich essays elfriede jelinek siri hustvedt

Autor

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Titel: Mode und Persönlichkeit. Vergleich zweier Essays von Elfriede Jelinek und Siri Hustvedt