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Voraussetzungen für die Umsetzung von jahrgangsgemischtem Unterricht

Akademische Arbeit 2006 31 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzechnis

1. Einleitung

2. Bereitschaft aller Beteiligten
2.1 Bereitschaft der Lehrer und des Kollegiums
2.2. Bereitschaft der Eltern

3. Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes

4. Entscheidung für ein geeignetes Modell
4.1 Dreijähriges Modell von Altersmischung
4.2 Mögliche Organisationsformen in der vierjährigen Grundschule
4.3 Das Eingangsstufenmodell
4.4 Das Zweistufenmodell
4.5 Dreijährige Altersmischung mit Jahrgangsklasse 4
4.6 Vollständige Jahrgangsmischung

5. Differenzierungskonzepte erarbeiten
5.1 Äußere Differenzierung
5.2 Innere Differenzierung

6. „Offener Unterricht“

7. Offene Unterrichtsformen
7.1 Freiarbeit oder Freie Arbeit
7.2 Weitere offene Unterrichtsformen

8. Vorbereitung der Umgebung

9. Veränderte Rolle des Lehrers

10. Fazit

11. Quellenverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)
11.1 Literatur
11.2 Internetseiten
11.3 Grafiken

1. Einleitung

„Nur wenn Altersmischung heißt, dass die Verschiedenheit von Kindern ernst genommen und als Bereicherung angesehen wird, wenn Altersmischung heißt, dass das Fortschreiten eines jeden Kindes im Lernen an seinem Können, seinen Bedürfnissen, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten je eigen gefördert und gemes-sen wird, wenn Altersmischung heißt, dass das einzelne Kind die ihm in unserer Gesellschaft meist vorenthaltenen Großfamilienerfahrungen machen kann, in den-en die Großen die Kleinen beschützen und diese von jenen lernen können, kann sie [laut Thurn] Mittel zur besseren Pädagogik in der Schule der Zukunft werden.“[1]

Um dieses Ziel und damit die Umsetzung eines jahrgangsgemischten Unterrichts, der sich nicht nur auf den Organisationsaspekt beschränkt, sondern in seinen altersheterogenen Lerngruppen eine neue Pädagogik vertreten soll, zu ermög-lichen[2], bedarf es vielfältiger Voraussetzungen die im Folgenden näher beschrie-ben werden.

2. Bereitschaft aller Beteiligten

Die Einführung von altersgemischten Klassen stellt eine neue Herausforderung dar und erwartet von allen Beteiligten Bereitschaft und Mut zur Veränderung.

Dabei ist es besonders wichtig aufzuzeigen, dass es sich bei diesem Prozess um einen bedeutenden Bestandteil qualitativer Schulentwicklung handelt, dessen Ziel dem gemeinschaftlichen Anliegen aller Mitwirkenden nach einer Optimierung der Lernprozesse entgegenkommt.[3]

2.1 Bereitschaft der Lehrer und des Kollegiums

Die Vorstellung des Lernens durch Heterogenität widerspricht dem traditionellen Verständnis des Lernens durch Lehren und erscheint einigen Lehrern somit als ab-wegig.[4] Durch die Einführung von altersgemischten Klassen werden Lehrer mit vielen oft unbekannten Anforderungen und mit einer neuen Rolle konfrontiert.

Aufgrund der zahlreichen Ansprüche die zurzeit an die Grundschule gestellt werden, kann man somit nicht unbedingt eine große Begeisterung des Kollegiums erwarten. Allerdings sind die Bereitschaft und die Mitgestaltung der Lehrer beim Planungs- und Einführungsprozess von Jahrgangsmischung „eine Grundvoraus-setzung für das Gelingen.“[5] Bei der Einführung von altersheterogenen Klassen ist es somit unerlässlich, vorerst das Kollegium von den vielfältigen Chancen dieser Unterrichtsorganisation zu überzeugen.[6]

Dabei ist es Aufgabe der Schulleitung durch entsprechende Impulse in der Lehrerkonferenz, Diskussions- und Planungsprozesse anzustoßen.[7] Wichtig ist, dass in einer vertrauensvollen und offenen Lehrergemeinschaft „die Ängste und Sorgen einzelner berücksichtigt werden.“[8] Gleichzeitig sollten Fortbildungs-programme und Hospitationen bei erfahrenen Kollegen angeboten werden.

Erst wenn die Verunsicherungen innerhalb des Kollegiums größtenteils bewältigt sind und die Bereitschaft zur Einführung jahrgangsübergreifender Klassen besteht, sollte man die Eltern in die Diskussion einbeziehen.

2.2. Bereitschaft der Eltern

Die Eltern sollten „als Hauptverantwortliche [der] Erziehung ihrer Kinder“[9] als wichtige Verbündete gesehen und möglichst intensiv in die Arbeit der Schule eingebunden werden. Für eine gute Zusammenarbeit ist es wichtig, dass Eltern an schulischen Vorhaben beteiligt, regelmäßig über Veränderungen informiert und nach ihrer Meinung gefragt werden.[10]

Schule ohne oder sogar gegen Eltern funktioniert nicht, schon gar nicht, wenn es um die Einführung neuer Unterrichtskonzepte wie z. B. der Jahrgangsmischung geht. Werden von der Schule grundlegende Strukturen geändert, so ist es unerlässlich die Eltern von deren pädagogischen Wert zu überzeugen und ihnen zu vermitteln welche Auswirkungen diese Veränderung mit sich bringt.[11]

Zur Benachrichtigen der Eltern bieten sich zuerst zentrale Informations-veranstaltungen zur Abfrage eines breiten Meinungsbildes und danach klassen-bezogene Elternpflegschaftssitzungen mit der Möglichkeit zur Klärung spezieller Fragen an.

Dabei geht es in erster Linie darum, die „Skepsis, Verunsicherung und [das] Misstrauen [der Eltern] auszuräumen und [ihre] Akzeptanz zu erreichen […]“.[12] Da Neues Eltern (und Menschen im Allgemeinen) oftmals verunsichert und es somit nicht einfach ist, ihre Zustimmung zu der geplanten Neuerung zu erhalten[13], sollte ein Kollegium in seiner Bemühung um das neue Konzept einheitlich und überzeugend auftreten.[14] Denn nur mit breiter Zustimmung der Elternschaft ist es möglich die Jahrgangsmischung erfolgreich umzusetzen.

3. Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes

Die organisatorische Grundlage altersheterogener Klassen „ist die Mischung aus Lebensalter und einer Kompetenz, die abgekürzt „Entwicklungsalter“ genannt werden soll.“[15] Für altersgemischtes Lernen in einer jahrgangsheterogenen Klasse sind undifferenzierte Unterrichtformen ungeeignet.

Daraus folgt, dass jahrgangsgemischte Klassen den Lehrer „unter Reformdruck setzen“[16], da ihm „nichts anderes übrig [bleibt], als die traditionellen Klassenunterrichtsformen zu verlassen, und statt dessen mehr differenzierende und individualisierende Unterrichtsangebote zu machen.“[17]

Mit der Jahrgangsmischung wird eine Pädagogik vertreten, die Kindern Raum für soziale Entwicklungen bietet, die trotz bestehender Unterschiedlichkeit Verständigung fördert, die Chancen zur Individualisierung bereithält und Differenz als Bereicherung erleben lässt.[18]

Die Organisationsform der Mischung von Jahrgängen allein gewährleistet allerdings noch keine neue Lernweise und somit auch nicht das Erreichen dieser umfassenden pädagogischen Ziele. So gibt es Untersuchungen in altershetero-genen Klassen, in denen die Lehrer die Schüler in „lehrstoffhomogene Gruppen“ einteilten, (wie im früheren Abteilungsunterricht) anstatt die Jahrgangsmischung für den Lernprozess zu nutzen.

Da allerdings in der Jahrgangsmischung die Unterschiedlichkeit zum „Motor vieler Lernprozesse“ wird, erfordert sie eine Umwandlung „unseres schul-unterrichtlichen Denkens.“[19]

Die Besonderheiten und Möglichkeiten von altersheterogenem Unterricht lassen sich somit nur nutzen, wenn die Organisationsform durch eine inhaltliche-methodische Gestaltung zu einem pädagogischen Konzept vervollkommnet wird. Ohne ein solches ist die jahrgangsgemischte Klasse wenig sinnvoll.

Verbindet sich aber die äußere Gestaltungsform (Modell von Jahrgangsmischung) mit innovativen, lebendigen Reformansätzen (Freiarbeit, Projekte, Wochen-planarbeit wird die altersheterogene Klasse wertvoll und trägt einen bedeutenden Schritt zur Schul- bzw. Unterrichtsreform bei.[20]

4. Entscheidung für ein geeignetes Modell

Für die praktische Umsetzung von altersheterogenen Klassen existieren unter-schiedliche Organisationsformen bzw. Modelle von Jahrgangsmischung. Jede Form von Altersmischung hat unterschiedliche Vor- und Nachteile, die im Hinblick auf das Wohl der Kinder, in der betreffenen Schule intensiv zu über-denken und abzuwägen sind.[21] Dabei hängt die Wahl des jeweiligen Modells allerdings nicht nur von pädagogischen Überlegungen, sondern auch „von dem Standort der jeweiligen Schule“[22] ab.

4.1 Dreijähriges Modell von Altersmischung

Da nur noch in Berlin und Brandenburg Unterricht in sechsjährigen Grundschulen praktiziert wird, lässt sich ausschließlich dort eine Zusammenfassung von je drei Jahrgängen (1.-3. und 4.-6. Klasse), wie es schon Montessori und Petersen befürworteten, praktizieren.[23]

Bei diesem Modell der drei Jahre umfassenden Jahrgangmischung wechselt jedes Jahr ein Drittel der Klasse nach dem 3. Schulbesuchsjahr in die nächste alters-heterogene Stufe, während ein „neues“ Drittel Erstklässler hinzukommt.

Dieses Modell kennzeichnet sich durch vielfältige Vorteile im Gruppensystem wie z. B. das Kennenlernen von unterschiedlichen Rollen (Jüngster, Mittlerer, Ältester), das Bestehenbleiben einer vorgeordneten Sozialstruktur, die durch die neu hinzukommenden Schüler Anregungen erhält, eine besonders geeignete Altersspanne usw.[24]

Aufgrund der Vorteile und der Erkenntnis Petersens, dass Kinder zwischen ca. sechs und acht bzw. neun und elf Jahren einer Entwicklungsstufe angehören, da sie „allgemein-menschlich“ besonders gut zusammen passen und einander viel bedeuten, wird dieses Modell oftmals als die sinnvollste Organisationsform angesehen.[25]

4.2 Mögliche Organisationsformen in der vierjährigen Grundschule

Seit der Unterteilung der Volksschulen in Grund- und Hauptschulen existiert in fast allen Bundesländern die vierjährige Grundschule, was dazu führt, dass sich nicht mehr je drei Jahrgänge zu einer Entwicklungsstufe zusammenfassen lassen. Da sich somit diese offenbar optimale Form von Altersmischung, die den Kindern schon aus dem Kindergarten vertraut ist, nicht mehr realisieren lässt, mussten die Schulen neue Modelle entwickeln.[26]

So werden die folgenden vier unterschiedlichen Organisationsmodelle von Jahr-gangsmischung, die „vor dem Hintergrund der pädagogischen Zielsetzung der neuen Schuleingangsphase in NRW“[27] vom Ministerium zugelassen wurden, in der Schule praktiziert. Jedes dieser Modelle hat ganz spezifische Vor- und Nachteile[28], so dass jede Schule für sich entscheiden muss, welche Organisationsform für sie, unter den gegebenen Rahmenbedingungen als besonders geeignet erscheint.

4.3 Das Eingangsstufenmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Modell von Jahrgangsmischung beinhaltet lediglich eine altersgemischte Eingangsstufe, während die 3. und 4. Klasse jahrgangshomogen unterrichtet wird.[29] Mit dem Wechsel aus der Eingangsstufe in die dritte Klasse, ändern sich nicht nur die Gruppenzusammensetzung und die Lehrperson, sondern auch das Unterrichtskonzept von Altersmischung zur Jahrgangsklasse, was Unruhen zufolge haben kann. Die zwei Jahrgänge umfassende Eingangsstufe hat darüber hinaus weitere Vor- als auch Nachteile. Zum einen gewährleistet sie eine ausreichend große Gruppe Gleichaltriger, die für die Entwicklung bedeutsam sind, zum anderen ist es für Schüler eine große Umstellung ab der 3. Klasse altershomogen unterrichtet zu werden.

[...]


[1] Ebd.: S.137

[2] Vgl.: Schweitzer 1999, S. 90

[3] Heimer, Reinhold: Planungskonzept: Schuleingangsphase. In: Christiani, Reinhold (Hrsg.): Schuleingangsphase: neu gestalten. Berlin 2004, S. 24 (künftig zitiert als „Heimer 2004“)

[4] Laging, Ralf: Altersgemischtes Lernen. In: Die Grundschulzeitschrift 84/1995, S. 9

[5] Heimer 2004, S. 25

[6] Heuss, Gertraud E.: Jahrgangskombinierte Klassen in der empirischen Forschung. In: Grundschule 7-8/1989, S.72

[7] Heimer 2004, S. 25

[8] Rösgen, Karin: Die Einführung des jahrgangsübergreifenden Arbeitens. Auf der Suche nach der richtigen Kombination. In: Burk, Karlheinz (Hrsg.): Jahrgangsübergreifendes Lernen in der Grundschule. Frankfurt am Main 1996, S. 85 (künftig zitiert als „Rösgen 1996“) Vgl.: Ebd.

[9] Christiani, Reinhold: Vertrautes aufgeben? In: Christiani, Reinhold (Hrsg.): Jahrgangsüber-greifend unterrichten. Berlin 2005, S. 15 (künftig zitiert als „Christiani 2005“)

[10] Vgl.: Waldmann, Elvira/Sommer, Denise u. a.: Das altersgemischte Lernen im Modell-versuch „Kleine Grundschule“ des Landes Brandenburg – Erfahrungen und Ergebnisse der Wissenschaft-lichen Begleitung. In: Laging, Ralf (Hrsg.): Altersgemischtes Lernen in der Schule. Hohengehren 1999, S. 107 (künftig zitiert als „Waldmann 1999“)

[11] Vgl.: Christiani 2005, S. 15

[12] Nicklaus, Ingrid: Eltern gewinnen. In: Christiani, Reinhold (Hrsg.): Jahrgangsübergreifend unterrichten. Berlin 2005, S. 234

[13] Gobbin-Claussens 2005, S. 226

[14] Vgl.: Christiani 2005, S. 15

[15] Diem, Isabell/Scholz, Gerold: Vom Lernen der Kinder – ein Paradigmenwechsel in Kindergarten und Schule. In: Laging, Ralf (Hrsg.): Altersgemischtes Lernen in der Schule. Hohengehren 1999, S. 39-53 (künftig zitiert als „Diem 1999“)

[16] Hagstedt 1999, S. 34

[17] Zoglowek, H.: Arbeiten und Lernen in altersgemischten Gruppen. Erfahrungen mit altersheterogenen Lerngruppen in kleinen Schulen in Norwegen. In: Sandfuchs, U. (Hrsg.): Kleine Grundschule und jahrgangsübergreifendes Lernen. Bad Heilbrunn 1997, S. 73

[18] Kaiser 1999, S. V

[19] Laging 1999, S. 22 f.

[20] Vgl.: Ebd., S.23 f.

[21] Vgl.: http://www.learn-line.nrw.de/angebote/schuleingang/jguebunter/jgsuebergreifend5.html (03.12.05) (künftig zitiert als „Learn-Line: Organisationsformen 2005“)

[22] Rösgen 1996, S. 81

[23] Vgl.: Hinz 2004, S.174

[24] Vgl.: Petersen, Peter (Hrsg.): Schulleben und Unterricht einer freien allgemeinen Volksschule nach den Grundsätzen neuer Erziehung. (Jena-Plan Bd. I) Weimar 1930, S. 20 (künftig zitiert als „Petersen 1930“)

[25] Vgl.:Hinz 2004, S.174

[26] Vgl.: Stein 2005, S. 132

[27] http.://www.bildungsportal.nrw.de/BP/Schule/System/Schulformen/Grundschule/Schuleingangs phase/Jahrgangsübergreifend/index.html (Lernen im jahrgangsübergreifend. Unterricht) (23.12.05)

[28] Die Vor- und Nachteile der Organisationsformen von Jahrgangsmischung, werden nur kurz an-gesprochen, da sie schon innerhalb der Kapitel über Möglichkeiten und Grenzen erwähnt wurden.

[29] Vgl.: Learn-Line: Organisationsformen 2005

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656669791
ISBN (Buch)
9783656670087
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274932
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Schlagworte
voraussetzungen umsetzung unterricht

Autor

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