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Gestaltung des Anfängerunterrichts nach der Einschulung

Akademische Arbeit 2005 50 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufgaben des Anfangsunterrichts

3. Individualität annehmen und stärken

4. Soziale Integration – Erfahrungen in einer Klassengemeinschaft

5. Lernförderlicher Anfangsunterricht: Offene Unterrichtformen
5.1 Tages-/Wochenplanarbeit
5.2 Freie Arbeit
5.3 Projektarbeit

6. Schülerbeobachtung

7. Der Klassenraum als Lern- und Lebensraum

8. Rhythmisierung

9. Regeln und Rituale

10. Spiel und Bewegung

11. Stille und Entspannung

12. Zusammenarbeit mit den Eltern

13. Hausaufgaben

14. Zusammenfassung

15. Quellennachweis (inklusive weiterführender Literatur)
15.1 Abbildungsverzeichnis
15.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Anfangsunterricht oder auch als Erstunterricht bezeichnet man den Unterricht nach der Einschulung. Hinsichtlich der Dauer des spezifischen Unterrichts für Schulneulinge gibt es keine klare zeitliche Begrenzung. (vgl. Speck-Hamdan 1993, S. 12) Die unterschiedlichen Auffassungen in der wissenschaftlichen Literatur gehen in diesem Punkt weit auseinander, in der Regel beginnen sie mit den ersten Schulwochen und enden mit dem zweiten Schuljahr. Ich persönlich teile die Vorstellung der zuletzt genannten, da die spezielle Ausrichtung dieses Unterrichts länger als ein paar Wochen andauern muss, um allen Kindern ausreichend Gelegenheit zu geben, sich allmählich an Schule und Formen des Lernens und Arbeitens zu gewöhnen. Nur dann kann ein erfolgreicher Schulbesuch gewährleistet werden.

In dieser Arbeit werde ich mich mit den pädagogischen und didaktischen Anforderungen des spezifisch gestalteten Unterrichts für Schulanfänger auseinandersetzen. Ich habe eingangs bereits erwähnt, wie wichtig ein guter Start in die Schule für das Kind ist. Die erste Zeit in der Schule kann das Bild eines Kindes nachhaltig prägen und Weichen für lebenslange Ansichten und Haltungen stellen. Da man sich über die Ausmaße der Bedeutung beim Schuleintritt bewusst ist, stellt die Gestaltung für den Anfangsunterricht eine besondere pädagogische Herausforderung für Grundschullehrerinnen und -lehrer dar. Wenn Kinder in die Schule kommen, haben sie bereits eine ganz bestimmte Erwartungshaltung an die Schule, die sich dann entweder bestätigt oder nicht. Das Verständnis der Schulanfänger von Schule ist entscheidend für ihre Erfahrungen, deshalb ist die Gestaltung des Anfangsunterricht durch den Lehrer vom Kinde aus zu bedenken und zu strukturieren.

„Was mit dem Schulanfang zusammenhängt, muss von den Sechsjährigen her empfunden, geplant und realisiert werden, um ihnen eine Erfahrung von Schule zu vermitteln, die ihr Kindsein nicht nur durch das Schülersein verändert, sondern es bereichert und erweitert.“ (Lichtenstein-Rother/Röbe 1987, S. 50)

Die mit der Übernahme einer ersten Klasse verbundene Organisation muss deshalb rechtzeitig beginnen, da eine kindgemäße Übergangsgestaltung Zeit braucht und über die konkrete Gestaltung der Rahmenbedingungen bereits im alten Schuljahr nachgedacht und entschieden wird. (vgl. Sanner 1999, S. 30)

Schul- und Unterrichtsaktivitäten orientieren sich nach der Einschulung an den individuellen Lernvoraussetzungen der Schulneulinge. Der Übergang in den neuen Lebensbereich ist für Kinder erleichternd, wenn der Anfangsunterricht bekannte Umgangsformen und Tätigkeiten aus dem vorschulischen Bereich beinhaltet. Neben solchen Anknüpfungspunkten eines gleitenden Übergangs sind die bis hierher unbekannten Anforderungen, die die Institution Schule an die Kinder stellt, leichter zu bewältigen. (vgl. von den Steinen 1996, S. 42f)

Da es Aufgabe der Grundschule ist, alle Kinder optimal zu fördern, muss jeder einzelne Schulanfänger mit seiner individuellen Lernausgangslage dort abgeholt werden, wo er aufgrund seiner persönlichen Lern- und Lebenserfahrungen steht. Um diesen Auftrag zu ermöglichen, ist es sinnvoll, dass individualisierende und differenzierende Lernverfahren eingesetzt werden. Durch eine Öffnung des Unterrichts erhalten die Schulanfänger die Chance, in einem für sie geeigneten Tempo zu arbeiten und auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel zu gelangen. (vgl. Portmann 1995, S. 13) Für die pädagogische Gestaltung des Anfangsunterrichts bedeutet dies, dass den Schülerinnen und Schülern vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten mit ihrer Umwelt angeboten werden sollen. Außerdem ist es notwendig, dass das Kind innerhalb der Gemeinschaft Orientierungshilfen erhält. Darüber hinaus muss die Lehrkraft in vielfältigen Formen mit den Erziehungsberechtigten zusammenarbeiten.

2. Aufgaben des Anfangsunterrichts

„Da aber nicht alle Kinder mit denselben Vorerfahrungen und den gleichen Lernvoraussetzungen in die Schule kommen, besteht die Zielsetzung des Unterrichts während der ersten Schulwochen darin, so zu arbeiten, dass eventuelle Entwicklungs- und Lernunterschiede angeglichen werden können, [ ... ] . Erst dann kann das schulische Lernen im eigentlichen Sinne beginnen, [ ... ] .“ (Weigert/Weigert 1997, S. 50)

Um das Ziel grundlegender Bildung für alle zu sichern, ist es Aufgabe des Anfangsunterrichts, den Entwicklungsunterschieden jedes einzelnen Kindes gerecht zu werden. Dazu sollen die Anforderungen an die Schüler auf deren individuelle körperliche, geistige, emotionale und soziale Voraussetzungen richtig abgestimmt werden. (vgl. Baumann/Nickel 1997, S. 182) Um dem überhaupt gerecht werden zu können, müssen die Kinder vielfältige Lern- und Arbeitsformen kennen lernen. Von dem Lehrer erfordert die Vorausplanung des Anfangsunterrichts Sensibilität und ausreichend Zeit. Nur wenn Schule und Lehrer sich pädagogisch und organisatorisch auf die unterschiedlichen Erfahrungen, Voraussetzungen und Erwartungen der Schulanfänger einstellen, kann es gelingen, die Lernfreude der Kinder zu erhalten, da diese nicht ständig über- oder unterfordert werden.

Hacker schreibt, dass der Anfangsunterricht heute nur noch zu einem geringen Teil inhaltliche Aufgaben erhält. (vgl. Hacker 2001a, S. 398) Statt dessen sieht er die Förderung der Lernkompetenz und der Selbstkonzeptentwicklung, sowie die Gestaltung eines angemessenen Übergangs vom natürlichen zum schulischen Lernen, mit Rücksichtsnahme auf die steigende Entwicklungsheterogenität der Kinder, als zentrale Aufgabe zu Beginn des Primarunterrichts. (vgl. ebd.)

Knauf liefert eine ausführlichere und treffende Beschreibung der spezifischen Aufgaben des Anfangsunterrichts. (vgl. Knauf 1998, S. 73ff; Knauf 2001, S. 24ff) Da die Aufgabenbereiche hinsichtlich der aktuellen Diskussionen entwickelt worden sind, steht die einführende Funktion in die Schulfächer nicht mehr im Mittelpunkt des Anfangsunterrichts. Die Aneignung des Lesens, Schreibens und Rechnens bilden zwar eine Grundlage für das Weiterlernen und sind deshalb Ziele des Anfangsunterrichts, aber sie bilden nicht mehr das Zentrum der ersten Schulzeit. Vielmehr sollen die Schulneulinge auf unterschiedlichen Ebenen gefestigt und gefördert werden, denn dann sind sie eher in der Lage, in ihrem Leben mit Situationen jeglicher Art umgehen zu können und sie zu bewältigen.

„Anfangsunterricht muss im Hinblick auf die Verschiedenheit der Kinder Entwicklungsprozesse auf mehreren Ebenen stimulieren, sichern, unterstützen und fördern.“ (Knauf 2001, S. 24)

Die Sicherung und Förderung betreffen die fünf Ebenen der (1) Ich-Kompetenz, der (2) sozial-emotionalen Kompetenz, der (3) kommunikativen Kompetenz, der (4) Planungs- und Handlungskompetenz und die der (5) Sachkompetenz.

Auf der ersten Ebene, die das Selbstwertgefühl stärken soll, muss dem Schulanfänger Anerkennung und Bestätigung bezüglich seines Lern- und Leistungsverhalten entgegengebracht werden. Um den Kindern gleichzeitig zur Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit und der individuellen Fähigkeiten zu verhelfen, sollte der Unterricht Möglichkeiten zur Selbstbestimmung, Selbsterprobung und Selbstkontrolle bieten. Wird das mündige Verhalten durch Rückmeldungen des Lehrers und auch durch andere Kinder ergänzt, lernt das Kind bereits im Anfangsunterricht eine realistische Einschätzung seiner selbst. Die Ebene sozial-emotionaler Kompetenz entwickelt das Erfahren und Erleben einer Klassengemeinschaft und das Entstehen emotionaler Bindungen zu den Mitschülern. Je mehr Verantwortung den Kindern für ihr eigenes soziales Handeln übertragen wird, desto besser können sie Regeln verstehen und einhalten. Über die Förderung der kommunikativen Ebene sollen die Kinder zahlreiche verschiedene Ausdrucks- und Mittelungsformen vermittelt bekommen. Vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten machen es den Schülern in ihren künftigen Lebenswelten leichter, in verschiedensten Situationen angemessen sprachlich zu reagieren. Auf der Ebene der Planungs- und Handlungskompetenz sollen die Schüler schon am Anfang ihrer Schulzeit lernen, zielorientiert zu arbeiten. Die letzte Ebene formuliert die Aufgabe der Stimulierung von Sachkompetenz. Kinder sollen nicht nur Wissen vermittelt bekommen, sondern sie sollen sich vielmehr aktiv mit dem Leben und dem Sinn des Lernens auseinandersetzen. (vgl. ebd., S. 24ff)

Eine konkrete Umsetzung solcher Aufgaben und den damit einhergehenden Zielen ist nur zu verwirklichen, wenn den Schulanfängern ein kindgerechter, sozial integrativer, differenzierter Unterricht geboten wird. Um den Anfangsunterricht hinsichtlich der von Knauf genannten Kompetenzen förderlich zu gestalten, sind viele Faktoren wichtig. Mit einigen wichtigen werde ich mich nun im Anschluss auseinandersetzen.

3. Individualität annehmen und stärken

Jeder Schulanfänger ist eine einmalige Persönlichkeit. Bereits bei den ersten Kontakten vor der Einschulung müssen Schule und Lehrkräfte jedem Kind vermitteln, dass es ihnen wichtig ist, dass sie es ganz und gar ernst nehmen und dass sie sich darüber freuen, dass es bald zu ihrer Schule gehören wird.

Die Gestaltung des ersten Schultages und der ersten Schulzeit können so ausgerichtet sein, dass jedem Einzelnen das Gefühl vermittelt wird, persönlich in der Schule willkommen zu sein. (vgl. Knörzer/Grass 2000, S. 263f) Der Klassenlehrer kann anstatt leerer, tonloser Begrüßungen oder Verabschiedungen vielleicht besser das ein oder andere Kind individuell begrüßen bzw. verabschieden oder ihm eine Frage zu seinem persönlichen Befinden stellen. Dabei ist es wichtig, dass der Lehrer die Freude, die er ausdrückt, auch tatsächlich spürt, denn die jungen Schulkinder sind empfindsam für unechte Gefühlsäußerungen und Fassaden.

„Wenn Kinder in die Schule kommen, ist es wichtig, dass sie in ihrer Individualität angenommen werden und Möglichkeiten erhalten, ihren eigenen Lerntyp zu entdecken, einen eigenen Lernstil aufbauen und nach eigenem Lerntempo arbeiten können.“ (Knauf 2001, S. 32)

Zusätzlich müssen die Prozesse des Lernens im Anfangsunterricht in besonderem Maße herausgefordert und unterstützt werden. Der für die Neulinge bisher unbekannte Lebens- und Lernort Grundschule sollte von Anfang an Lernformen bieten, die das Kind als Subjekt seines Lebens und Lernens ernst nehmen und es im Lernprozess stärken. (vgl. Cwik/Risters 2004, S. 16) Nur wenn die Kinder sich wirklich in ihrer Persönlichkeit angenommen fühlen, können positive Einstellungen für das Lernen entstehen.

4. Soziale Integration – Erfahrungen in einer Klassengemeinschaft

„Aufgabe ist es, ein soziales Klima zu schaffen, das nicht vom Neben- und Gegen-, sondern vom Miteinander geprägt wird und das es jedem Kind ermöglicht, sich zu integrieren.“ (Schorch 1998, S. 100)

Zunächst möchte ich an dieser Stelle auf die typischen Kennzeichen der sozialen Situation der Schulanfänger zu Schulbeginn eingehen und daran anschließend Möglichkeiten zur Unterstützung der Integration in die Klassengemeinschaft im Anfangsunterricht nennen.

Mit dem Beginn des Schulalltags werden von den Schulneulingen viele neue soziale Erfahrungen gemacht. Die Kinder begegnen ihren Klassenkameraden, älteren Schülern, dem Rektor und dem Hausmeister; all diese Personen bilden die Schulgemeinschaft. Um zur Gruppe der Schulkinder gehören zu können, müssen die jungen Schüler von den älteren Schulkindern angenommen werden. Patenschaften älterer Schüler (meist Viertklässler) mit den Erstklässlern haben sich für das Einleben in vielen Fällen bewährt. Durch seinen Paten knüpft ein Schulanfänger auf dem Pausenhof in der Regel schneller soziale Kontakte zu Personen außerhalb der Klasse. Dies erleichtert dem jungen Schulkind, sich schon bald als ‚Schüler der Schule’ zu begreifen. (vgl. Herbert 1981, S. 156)

Da den Erfahrungen innerhalb der Klassengemeinschaft am Anfang der Schulzeit mehr Bedeutung zukommt als den Erfahrungen in der Schulgemeinschaft, werde ich mich im Weiteren mit denen in der Klasse beschäftigen. Nach der Einschulung ist eine erste Klasse nicht von Beginn an eine Gemeinschaft. Vielmehr besteht die neue Lerngruppe aus Kindern mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Charakteren, deren Zusammenhörigkeitsgefühl sich erst im Verlauf gemeinsamen Lernens und Lebens entwickelt. (vgl. Jahn/Wölk 1999, S. 15) Die Kinder haben sich ihre Mitschüler nicht ausgesucht, sondern sind ihnen fremdbestimmt zugeteilt worden. Im Allgemeinen achtet eine Grundschule bei der Konstitution einer Klasse darauf, falls dies möglich ist, dass sich etwa zur einen Hälfte Mädchen und zur anderen Hälfte Jungen in der Gruppe befinden. Außerdem versucht man, eine Klasse so zusammenzusetzen, dass möglichst viele Schulanfänger bereits das ein oder andere Kind aus dem Kindergarten oder der näheren Wohnumgebung kennen. Manchen Kindern geben vertraute bzw. bekannte Personen ein Gefühl von Sicherheit, andere hingegen sind ganz begierig auf neue soziale Kontakte und freundschaftliche Beziehungen. (vgl. Hanke 2002, S. 43) Hans Petillon hat im Jahre 1993 eine Untersuchung durchgeführt, in der er Schulanfänger zu ihren sozialen Erfahrungen befragt hat. Diese Befragung führte er jeweils nach sechs Schulwochen sowie am Ende des ersten und am Ende des zweiten Schuljahres durch. Ein Ergebnis der Befragung lautet, dass sich Gruppenstrukturen schon im Verlauf des ersten Schuljahres herausbilden und festigen. (vgl. Faust-Siehl 1999a, S. 62) Im Bereich der sozialen ‚Rangfolge’ wirken sich in den Klassen eins und zwei gute schulische Leistungen meist auf die Beliebtheit aus, schlechte Leistungen hingegen machen viele Kinder in der Klasse zum Außenseiter. Petillons Untersuchung macht in erster Linie auf die Bedeutsamkeit sozialer Beziehungen und Freundschaften zu den Klassenkameraden am Schulanfang deutlich.

„Eine Freundin oder einen Freund zu finden, kann für Kinder bedeutsamer sein als die Lerninhalte der Schule; in die Gruppe einbezogen zu werden, ist ihnen oft wichtiger als der Unterricht und gibt Sicherheit – Voraussetzungen dafür, dass sie lernen mögen und wollen.“ (Schwarz 1994, S. 14)

Das Verhältnis zu ihren Mitschülern ist den Schulanfängern nicht nur wichtiger als Schule und Unterricht, soziale Kontakte zu den anderen Kindern bedeuten ihnen in dieser Zeit auch weit mehr als die Erfahrungen mit dem Klassenlehrer. (vgl. ebd.)

Da positive soziale Erfahrungen in den meisten Fällen im Zusammenhang mit dem Lern- und Leistungsvermögen eines Schulneulings stehen, muss sich insbesondere der Klassenlehrer überlegen, wie er die sozialen Entdeckungs- und Lernprozesse im Anfangsunterricht unterstützen kann. Wenn Kinder in die Schule kommen, lernen sie zunächst, sich in der neuen Sozialsituation ‚Schulklasse’ zurechtzufinden. Als Grundschullehrer sollte man bei der Übernahme einer ersten Klasse nicht davon ausgehen, dass die Kinder mit der Zeit automatisch zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen werden. Vielmehr muss die Gestaltung des Anfangsunterrichts gezielt Einheiten bieten, die den Schülerinnen und Schülern das Kennenlernen und Sich-wohl-Fühlen im sozialen Gefüge der Klasse erleichtern. Dafür sind z. B. viele Übungen der Partnerarbeit anzubahnen, denn so wird der Banknachbar nicht nur als Platznachbar, sondern als Partner erfahren und verstanden. Neben der Partnerarbeit lässt sich auch das Kennenlernen der Tischgruppe durch gezielte Gruppenarbeit fördern. Um die Klasse beim Zusammenwachsen zur Gemeinschaft zu unterstützen, müssen im Unterricht der Eingangsphase bewusste Situationen des Miteinanders inszeniert werden. Möglichkeiten können hier beispielsweise ein offener Anfang mit einem Gesprächskreis, ein gemeinsames Frühstück, ein gemeinsamer Abschlusskreis usw. sein. (vgl. Jahn/Wölk 1999, S. 17)

Eine gelungene Gestaltung des Unterrichts kann die Konkurrenzsituation am Schulanfang aufheben. Da die Rollen im sozialen Gefüge einer Schulklasse sehr schnell entstehen und sich verfestigen, ist es Aufgabe der Lehrkraft, im Unterricht der ersten Wochen zu versuchen, den Schülern soziale Kompetenzen wie Toleranz und Sensibilität gegenüber anderen zu vermitteln. Um das zu verwirklichen, muss der Unterricht die Schulanfänger zu Erweiterung ihrer sozialen Kompetenzen herausfordern, d.h. der Lehrer muss Lernformen wie Gespräche, Rücksichtsnahme, Kooperation und Hilfegebung untereinander bereits bei der Planung des Unterrichts in den Vordergrund stellen. (vgl. Schwarz 1994, S. 14f)

Eine Einführung in die Sozialformen des Unterrichts kann in der ersten Schulzeit selbst zum Thema des Anfangsunterrichts werden, denn Verhaltensweisen wie das Miteinanderlernen und

-arbeiten, gegenseitiges Verständigen und Helfen sowie gemeinsames Planen und Entscheiden, müssen im Anfangsunterricht erst einmal erlernt werden. (vgl. Röbe 1999, S. 74)

Eine Unterstützung der Kinder in der neuen Sozialsituation durch eine entsprechende Gestaltung des Anfangsunterrichts, setzt eine professionelle und regelmäßige Beobachtung und Deutung des Soziallebens der Schüler durch den Lehrer voraus. (vgl. Hanke 2002, S. 46) Denn um die Kinder in Prozessen sozialen Lernens sinnvoll herauszufordern, muss der Lehrer über Kenntnisse bezüglich der Rollenverteilungen, Freundschaften, Konflikte etc. unter den Kindern der Klasse verfügen. Die zuvor bereits erwähnte Untersuchung von Petillon ergab jedoch, dass Lehrer nur selten wirklich über das soziale Leben ihrer Schülerinnen und Schüler informiert sind, obwohl die dazu notwendigen Beobachtungen in vielen unterschiedlichen Situationen (z. B. bei der Freiarbeit, im Kreisgespräch und in der Pause) möglich sind. (vgl. ebd.)

5. Lernförderlicher Anfangsunterricht: Offene Unterrichtformen

Offener (Anfangs-)unterricht ist ein Versuch, bestimmte Forderungen, die seit der Reformpädagogik Anfang der 70er Jahre bestehen, mit der aktuellen Situation schulischen Lernens zu verbinden. Die seitdem viel diskutierte Alternative des offenen Unterrichts unterliegt aber bis heute keiner einheitlichen Definition und keinem genau festgelegten Konzept. (vgl. Kasper 1993, S. 191f) Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenzen von 1970 und 1994 fordern Lehrer zu offenerem bzw. freieren Unterricht auf. Seitdem setzen sich diese Unterrichtsformen langsam durch, mittlerweile begeistern sich viele Lehrer für offenen Unterricht.

„Offenheit heißt, Kindern innerhalb des schulischen Lebens- und Lernfeldes Freiräume zu geben, ohne die sie nicht lernen könnten und damit sie lernen, selbstgesteuert und selbstverantwortlich die Grenzen ihres Könnens und Wissens auszudehnen. Offenheit aber auch, damit sie lernen, durch Regeln gezogene Grenzen, auf die sie bei ihren Aktivitäten stoßen, einzuhalten.“ (Schwarz 1994, S. 13)

Im Mittelpunkt des offenen Unterrichts steht die Individualität des Schülers, denn reformpädagogische Ansätze (z. B. Montessori, Freinet, Key) verlangen das ‚Denken vom Kinde aus’. (vgl. Wallrabenstein 1994, S. 12) Eine Öffnung des Unterrichts kann allen Kindern die persönlich erforderlichen Entwicklungsmöglichkeiten und gleichzeitig Situationen des gemeinsamen Lernens bieten. Schülerinnen und Schüler können bereits im Anfangsunterricht lernen, sich selbst für Arbeitsmittel, Inhalte, Methoden und Sozialformen zu entscheiden. Darüber hinaus kann jedes Kind in bestimmten Arbeitsphasen eigene Idee, Kreativität und Selbständigkeit entfalten. Durch die mögliche Einteilung der individuellen Lernzeit für jeden einzelnen Schüler können die Kinder einen sehr hohen Lernerfolg erzielen.

Je mehr Selbst- und Mitbestimmungsrechte der Lehrer seinen Schülern überträgt, umso offener ist die Gestaltung des Unterrichts. Jedoch heißt mehr Offenheit nicht auch gleichzeitig eine bessere Qualität. (vgl. Hegele 1997, S. 192) Rücksicht auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder ermöglichen ein selbstgesteuertes Lernen in der Zeit des ersten und zweiten Schuljahres. Kinder sollten Schritt für Schritt an das selbstgesteuerte Lernen herangeführt werden und da jede Klasse anders ist, muss der unterschiedliche Grad des offenen Unterrichts je nach Besonderheiten der Klasse eingesetzt und akzeptiert werden.

Um die Gestaltung offenen Unterrichts zu realisieren, müssen bestimmte Bedingungen und Voraussetzungen gegeben sein. (vgl. Nicolas 1997, S. 22f) Der Lehrer übernimmt eine veränderte Rolle, da er den Unterricht nicht mehr direkt führt, sondern indirekt leitet. Dabei hilft er den Schulanfängern und erteilt ihnen Ratschläge und weitere Anregungen aus dem Hintergrund. Bei der Gestaltung des Klassenzimmers macht es Sinn, den Schülern Möglichkeiten zur Beantwortung entstehender Fragen bereitzustellen. Da der Klassenraum gleichzeitig die Lernumwelt der Grundschüler ist, ist es sinnvoll, wenn der Raum zum entdeckenden Lernen anregt. Die Kinder des Anfangsunterrichts müssen verschiedene Sozialformen wie Partner- und Gruppenarbeit kennen, wichtige Regeln einhalten können und mit Arbeits- und Lerntechniken vertraut sein.

Die Öffnung des Unterrichts erweist sich, vor allem unter der Berücksichtigung des Aspektes veränderter Kindheit, als geeigneter Ansatzpunkt auf die immensen Veränderungen in der Sozialisation von Schulanfängern angemessen zu reagieren. Auch im Zusammenhang mit heterogenen Lerngruppen spielt offener Anfangsunterricht eine große Rolle. Eine solche Öffnung wird den aktuellen Bedingungen in besonderer Weise gerecht und kann auf verschiedenen Ebenen verwirklicht werden. Ich werde hier nicht auf alle Ebenen eingehen, sondern mich nur mit dem Unterricht selbst beschäftigen, der inhaltlich und methodisch-organisatorisch offen gestaltet werden kann. Bei der offenen Gestaltung des Unterrichts in der Eingangsphase sind z. B. folgende besondere Unterrichtsformen denkbar: Freie Arbeit, Tages- und Wochenplanarbeit, Projektunterricht und Werkstattunterricht, als weitere feste Bestandteile sind im Allgemeinen der Stuhlkreis, der Klassenraum, die Arbeitsmittel und das Schulleben zu nennen. (vgl. Wallrabenstein 1994, S. 92f) Außerdem sollten bei der Planung fachorientierte Arbeitsblöcke eingerichtet werden, mit deren Inhalten sich jeder Schüler individuell auseinandersetzen kann. (vgl. Hinz/Sommerfeld 2004, S. 182) Im Anschluss werde ich noch näher auf die offenen Unterrichtsformen Wochenplanarbeit, Freiarbeit und Projektunterricht eingehen.

Ein offenes Unterrichtskonzept kann die richtige Antwort auf die Entwicklungsunterschiede der heutigen Schulanfänger sein. Mit einer durchdachten Planung und Durchführung wird der Unterricht in den Anfangsklassen den vielfältigen Voraussetzungen und Vorlieben einer heterogenen Klasse gerecht, in der mehrere verschiedene Denkstrukturen vertreten sind und unterschiedliche Lernzeiten, Lernorte, Lernmethoden und Sozialformen bevorzugt werden. (vgl. Hanke 2002, S. 91) Kinder sind schon im ersten und zweiten Schuljahr in der Lage, selbstgesteuert zu lernen, sie lernen sich selbst angemessene Ziele zu setzen und ihre Fähigkeiten einzuschätzen. Ich möchte an dieser Stelle noch betonen, dass offene Unterrichtsformen niemals gleichzusetzen sind mit Beliebigkeit, denn es gibt klare Strukturen und Vereinbarungen beim Miteinanderleben und -lernen. Die Gestaltung eines kindgerechten Anfangsunterrichts muss die Schulanfänger in die selbstverantwortlichen Formen des offenen Unterrichts einführen, denn nur durch eine Einführung im Interesse des Kindes macht ein individuelles und zugleich zielgerichtetes Lernen möglich. (vgl. Weitz/Ziesmer 1998, S.5)

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Details

Seiten
50
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656671879
ISBN (Buch)
9783656671862
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275049
Note
1,0
Schlagworte
gestaltung anfängerunterrichts

Autor

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Titel: Gestaltung des Anfängerunterrichts nach der Einschulung