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Türkische Unternehmer in Berlin

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Entwicklung und Struktur der ethnischen Ökonomie
2.1 Quantitative Entwicklung der Selbständigkeit
2.2 Betriebsgrößen- und Branchenstruktur

3 Die rechtliche Situation als Einflussfaktor

4 Die ethnische Community als Einflussfaktor
4.1 Der Begriff der „ethnischen Ressourcen“
4.1.1 Nischenmarkt.
4.1.2 Soziale Netzwerke
4.2 Empirische Befunde
4.2.1 Kundenorientierung
4.1.1 Sozialer Einbindung und Migrationshintergrund

5 Arbeitsmarkt und ökonomische Situation als Einflussfaktor
5.1 Arbeitslosigkeit und Selbständigkeit
5.2 Motive und ökonomische Situation

6 Fazit

Literatur

1 Einleitung

„Ich kaufe meine Tomaten immer beim Türken um die Ecke, da sind sie am frischesten.“ – eine Aussage, die in Berlin nicht ungewöhnlich sein dürfte. Gerade in der Hauptstadt, zumindest im westlichen Teil, sind türkische oder türkisch stämmige Unternehmer sehr präsent, im Lebensmitteleinzelhandel, im handwerksnahen Bereich, in der Gastronomie, aber auch in den hochwertigen Dienstleistungen. Türkische Unternehmer sind in Verbänden organisiert und im Internet präsent (vgl. TDU 2003). Ihre Zahl hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Unternehmerische Aktivitäten von Einwanderern werden wohlwollend zur Kenntnis genommen und positiv konnotiert, belegen sie doch scheinbar gelungene Integration, Fleiß, Aufstiegsorientierung und wirtschaftlichen Erfolg. Häufig werden dabei den Unternehmern bestimmte ethnische oder kulturelle Eigenschaften zugeschrieben, die zur Erklärung ihres Erfolges herangezogen werden. So sind Chinesen, so sagt man, besonders fleißig, freundlich und diszipliniert, und der türkische Gemüsehändler hat die exklusivsten Verbindungen sowie die sicherste Nase für frische Tomaten. Doch bei näherer Betrachtung stellen sich viele dieser Annahmen als Klischees heraus. Gerade die Vorstellung vom türkischen Unternehmer als erfolgreichem, gut integrierten Geschäftsmann verdient es, genau überdacht zu werden. Diese Arbeit beschäftigt sich mit türkischen und türkisch stämmigen Unternehmern in Berlin und den Faktoren, die türkisches Unternehmertum in Deutschland beeinflussen. Ergebnisse empirischer Untersuchungen werden in Begriffe und theoretische Konzepte zum „Immigrant Business“ eingeordnet. Türkische Unternehmer werden als Beispiel für die allgemeinen Bedingungen der ethnischen Ökonomie in Deutschland betrachtet. Zunächst wird grob die quantitative Entwicklung türkischer Selbständiger in Deutschland skizziert. Daran anschließend werden verschiedene Einflussfaktoren vorgestellt: erstens die Bedeutung der ethnischen Community als Basis für die Entwicklung unternehmerischen Engagements, zweitens die rechtlichen Barrieren für die Selbständigkeit türkischer Immigranten, drittens die Situation der Türken und anderer Immigranten auf dem Arbeitsmarkt.

2 Entwicklung und Struktur der ethnischen Ökonomie

2.1 Quantitative Entwicklung der Selbständigkeit

Vor einer quantitativen Bestandsaufnahme ist zunächst der Begriff der ethnischen Ökonomie zu klären. Aus der Sicht von Interessenvertretern, beispielsweise türkischer Unternehmerverbände, gehören alle Unternehmer zur ethnischen (türkischen) Ökonomie, die einen entsprechenden Migrationshintergrund haben, möglicherweise auch nur in der zweiten Generation, unabhängig davon ob sie bereits die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder noch die des Herkunftslandes. Dieser Definition folgendes Zahlenmaterial ist nur durch Stichproben, Befragungen oder Angaben der entsprechenden Verbände zu erhalten. Die amtliche Statistik dagegen unterscheidet nur zwischen deutschen und nicht-deutschen Staatsbürgern, unabhängig davon ob sie eine besonders von ihrer Herkunft geprägte Biographie haben. Gewerbeanmeldungen werden jedoch nicht überall nach Nationalität differenziert erfasst. In Berlin ist dies der Fall, doch auf gesamtdeutscher Ebene ist man wiederum auf Schätzungen angewiesen.

Die Zahl der deutschen Selbständigen veränderte sich seit Anfang der 80er Jahre eher schwach, dennoch ist ein eindeutiger Trend zu beobachten: Bis Anfang der 90er Jahre nahm sie von 3,1 Mio. (Selbständigenquote 12,3% 1981) auf 2,9 Mio. (Quote 11,2% 1989) ab, um dann wieder langsam anzusteigen auf 3,1 Mio. (11,6% 1995). Die Zahl der ausländischen Selbständigen stieg im gleichen Zeitraum kontinuierlich an, absolut und relativ: von 102.000 (4,7% 1981) auf 242.000 (8,5% 1995). Die Quote der ausländischen Selbständigen lag also deutlich unter der der Deutschen, wuchs aber sehr viel stärker (Rudolph/Hillmann 1997 S. 95). Heute dürften beide etwa gleich auf liegen mit einer Selbständigenquote von 10,6% bei den Deutschen im Jahr 2000 (Statistisches Bundesamt 2002 S. 94).

Die Zahl der türkischen Selbständigen zeigt noch eine deutlichere Dynamik, wobei die Entwicklung der Zahl der Türken in Deutschland insgesamt und deren Erwerbspersonen-Anteil zu berücksichtigen sind. In den 60er Jahren stieg die Zahl der türkischen Arbeitskräfte, die in Folge eines Anwerbeabkommens als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, sprunghaft auf über 600.000 an und weiter auf über eine Million 1975. Ursprünglich handelte es sich um eine reine Erwerbsbevölkerung; erst mit dem Anwerbestop 1973 und dem danach beginnenden Familiennachzug kamen auch mehr Nicht-Erwerbstätige. Mitte der 90er Jahre lag die Zahl der türkischen Wohnbevölkerung in Deutschland bei knapp über zwei Millionen (Münz u. a. 1999 S. 53; Goldberg/Sen 1997 S. 64). Heute liegt sie bei 1,95 Mio. zuzüglich von 450.000 Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund (Pütz 2003 S. 26). Deren Selbständigenanteil entwickelte sich rapide: Waren 1975 gerade einmal 100 türkische Staatsangehörige in Deutschland selbständig, so waren es 1985 20.100 und 1995 40.500 (Goldberg/Sen 1997 S. 65). Im Jahr 2000 dürften es etwa 60.000 gewesen sein (Pütz 2003(a) S. 26; vgl. Hillmann 2002 S.23 ff.).

In Berlin (126.000 Einwohner mit türkischer Staatsangehörigkeit und 50.000 Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund) lässt sich die Gründungsdynamik im ethnischen Gewerbe gut nachvollziehen (siehe oben). Besonders in der ersten Hälfte der 90er Jahre vollzog sich ein wahrer „Gründungsboom“ mit bis über 14 Gewerbeanmeldungen pro 1000 Einwohner und Jahr. In der Gesamtbevölkerung lagen die Gewerbeanmeldungen weit darunter, jedoch auch die Gewerbeabmeldungen. Unternehmensgründungen von Türken unterliegen also einer weit stärkeren Fluktuation. Der Saldo lag 1995 bei etwa 500 Gewerbeanmeldungen und stabilisierte sich bis 2000 bei etwa 200. Der Saldo in der Gesamtbevölkerung entwickelte sich ähnlich, wenn auch auf niedrigerem Niveau von An- und Abmeldungen. 2002 existierten in Berlin rund 5200 Betriebe von Selbständigen türkischer Herkunft (Pütz 2003(a) S. 26). Bundesweit machten türkische Unternehmer 1999 einen Umsatz von 46 Mrd. DM (!), in Berlin waren es etwa 4 Mrd. (Hillmann 2002 S. 24).

2.2 Betriebsgrößen- und Branchenstruktur

Die Betriebe der türkischen Ökonomie in Berlin sind überwiegend Kleinbetriebe. Jedes siebte Unternehmen ist ein 1-Person-Unternehmen, die durchschnittliche Zahl der Angestellten ist 2,4. In etwa der Hälfte dieser Betriebe werden ausschließlich Familienangehörige beschäftigt. Allerdings sind auch etwa 20% der Unternehmen Mehrbetriebsunternehmen, haben also eine Expansion hinter sich gebracht. Etwa ein Achtel der Unternehmen sind in wissens- oder kapitalintensiven Bereichen, hauptsächlich Dienstleistungen, aktiv – das Bild ist also durchaus differenziert (Pütz 2003(a) S. 26 f.). Die beschriebenen Verhältnisse bilden auch ungefähr die Situation auf gesamtdeutscher Ebene ab (vgl. Rudolph/Hillmann 1997 S. 87 f.). Abbildung 1 zeigt die aktuelle Branchenstruktur in Zusammenhang mit der Einbindung von Familienangehörigen in den Betrieb. Der Schwerpunkt der türkischen Ökonomie liegt eindeutig auf Gastronomie und Lebensmitteleinzelhandel. Weitere wichtige Bereiche sind haushaltsorientierte Dienstleistungen, Einzelhandel allgemein und haushaltsorientiertes Handwerk (inklusive handwerksähnliche Dienstleistungen, siehe 3). Hochwertige Dienstleistungen und Produktion spielen eine vergleichsweise kleine Rolle. Viele Aspekte dieser Struktur werden im Folgenden genauer betrachtet. Zahlen vom Ende der 90er Jahre weisen auf je nach Branche unterschiedliche Tendenzen hin: Während der Einzelhandel und der Nahrungsmittelhandel schrumpfen, wachsen einerseits die marginalen Bereiche (Kleinstbetriebe wie Imbissstuben) und andererseits die Bereiche, die sehr gut in den formellen nationalen Markt integriert sind, wie Friseur- und Kosmetikdienstleistungen (Hillmann 2002 S. 25). Der bei weitem stärkste Sektor, die Lebensmittelbranche (hier inklusive Gastronomie), verdient eine gesonderte Betrachtung. Von grob 1.130 Betrieben 1996 waren laut Türkisch-Deutschem Unternehmerverband Berlin-Brandenburg u. a. 422 Imbisse, 204 Lebensmittelgeschäfte, 150 Restaurants, 38 Obst-und-Gemüse-Großhandel und 35 Döner-Produktionsbetriebe. Das Übergewicht von wenig kapital- und qualifikations­intensiven Bereichen ist offensichtlich (Rudolph/Hillmann 1997 S. 98).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638295437
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27511
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Türkische Unternehmer Berlin Seminar Strukturwandel Migration Beschäftigungsstrategien

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