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Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Humboldt'schen Bildungstheorie und der Bologna Reform von 1999

Hausarbeit 2014 52 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Humboldts Bildungsweg und Grundzüge der Humboldt´schen Bildungstheorie
2.2 Bologna-Reform

3 Merkmale der Humboldt’schen Bildungstheorie bezüglich des Verständnisses von Forschung und Lehre
3.1 Freiheit
3.1.1 Ideelle Freiheit
3.1.2 Materielle Freiheit
3.2 Einheit von Forschung und Lehre
3.3 Allgemeine Menschenbildung
3.4 Gemeinschaft von Lernenden und Lehrenden

4 Merkmale der Bologna-Reform bezüglich des Verständnisses von Forschung und Lehre
4.1 Employability
4.2 Freiheit
4.3 Forschung als Weiterentwicklung der Lehre
4.4 Qualität
4.5 Lebenslanges Lernen

5 Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Merkmale der Humboldt´schen Bildungstheorie und der Bologna-Reform
5.1 Freiheit
5.2 Einheit von Forschung und Lehre
5.3 Allgemeine Menschenbildung
5.4 Gemeinschaft von Lernenden und Lehrenden

6 Aktualität der Humboldt´schen Bildungstheorie im heutigen Studiensystem
6.1 Fehlende Vereinbarkeit der Humboldt´schen Bildungstheorie mit dem heutigen Studiensystem
6.2 Vereinbarkeit der Humboldt´schen Bildungstheorie mit dem heutigen Studiensystem

7 Kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Humboldt´sche Bildungstheorie gilt als klassisches Theoriegebäude der universitären Forschung und Lehre, die über einen langen Zeitraum hinweg Einfluss auf die Struktur und die Inhalte des Studiums hatte.

Die von Wilhelm von Humboldt verfasste Bildungstheorie sieht die Universität als einen Ort an, an dem sich Menschen eigenständig herausbilden und an dem sich alle, am Wissenschaftsprozess Beteiligten, austauschen. Die Universität sollte dementsprechend ein Ort der akademischen Freiheit sein. Diese Freiheit bezieht sich sowohl auf die Studienwahl, Mobilität und Studienorganisation der Studierenden, sowie auf die Unabhängigkeit vom Staat. Aufgabe der Universität ist es, Erkenntnisse zu generieren und Bildung zu vermitteln.[1]

Entsprechend des Humboldt´schen Bildungsideals steht die freie und individuelle Menschenbildung im Vordergrund eines Universitätsstudiums. Wahre Bildung erlangt man nach dem Verstehen Humboldts nicht nur durch die rezeptive Wissensaufnahme, sondern durch produktive und innere Tätigkeit. Erworbene Kenntnisse werden gedanklich verarbeitet. Ideelle Zusammenhänge müssen erfasst werden; eine Beschreibung oder Darstellung ist nicht ausreichend. Humboldts Auffassung nach sollten Wissenstatsachen in ihren Zusammenhängen als Ganzheit dargestellt werden. Dies sollte im Zusammenhang der Wissenschaft geschehen. Der Unterricht an einer Universität soll den Studenten dazu anleiten, die Wissenschaft als Einheit zu begreifen und hervorzubringen[2]. Humboldts Theorie zufolge ist es wichtig, die Wissenschaft so zu betrachten, als wäre sie noch nicht in ihrer Ganzheit durchschaut und könnte auch nie ganz durchschaut werden. Wissenschaft muss aus der Tiefe des Geistes erschaffen werden. Dies setzt bei den Studenten innere Willensaktivität des Denkens voraus. Diese innere Willensaktivität des Denkens wiederum kann nur in Freiheit geschehen, durch welche der Verstand zu Vernunft werden kann.[3]

Im Zuge der im Jahr 1999 von 29 Ländern beschlossenen Bologna-Reform kam es zu einem Reformprozess des Hochschulsystems in Deutschland. Kernpunkt des Bologna-Prozesses war die Einführung des neuen zweistufigen Bachelor-Master-Systems. Als die drei Leitziele der Reform wurden Beschäftigungsfähigkeit, internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Förderung der Mobilität innerhalb der Bildungsräume genannt.

Die Humboldt´sche Bildungstheorie beinhaltet unterschiedliche Ansätze im Vergleich zu der Bologna-Reform im Bezug darauf, was unter Forschung und Bildung verstanden wird.

Ziel dieser Masterarbeit ist es, die Merkmale der Humboldt´schen Bildungstheorie als Theoriegebäude der universitären Forschung und Lehre herauszuarbeiten, welche beschreiben, was Humboldt unter Forschung und Lehre verstand. Im zweiten Schritt wird darauf aufbauend untersucht, welche Merkmale bei der Bologna-Reform zu finden sind. In Folge dessen wird erarbeitet, wo genau sich diese Merkmale unterscheiden und ob der heutige Aufbau des Studiums im Zuge der Bologna-Reform mit der Humboldt’schen Bildungstheorie vereinbar ist. Folgende Fragestellungen werden dazu im Folgenden beantwortet:

- Welche Merkmale sind in der Humboldt’schen Bildungstheorie zu finden, die das Verständnis von Forschung und Lehre beschreiben?
- Welche Merkmale weißt die Bologna-Reform auf, die das Verständnis von Forschung und Lehre beschreiben?
- Wo genau liegen die Unterschiede dieser Merkmale?
- Ist der heutige Aufbau des Studiums mit der Humboldt’schen Bildungstheorie vereinbar?

2 Grundlagen

2.1 Humboldts Bildungsweg und Grundzüge der Humboldt´schen Bildungstheorie

Im Folgenden werden die Grundzüge der Humboldt´schen Bildungstheorie beschrieben, sowie die Bologna Reform näher erläutert.

Die Gebrüder Humboldt hatten einen bedeutenden Einfluss auf die Wissenschaft. Alexander von Humboldt, der jüngere der beiden Geschwister war einer der bedeutendsten deutschen Naturforscher. Der ältere Bruder Wilhelm dagegen beschäftigte sich mit der Kulturwissenschaft und Bildungswissenschaft. Er ist Namensgeber der Humboldt Universität in Berlin.

Wilhelm von Humboldt selber erhielt Hausunterricht; er besuchte nie eine öffentliche Schule. An der Universität Frankfurt/Oder studierte Humboldt Rechtswissenschaften, nahm aber auch an Vorlesungen über die Geschichte der Kirche und des Reiches teil sowie an Vorlesungen über Themen der Ökonomie. Nach einem Semester wechselte er an die Universität in Göttingen, wo er sein juristisches Studium vernachlässigte und sich verstärkt für andere Studienbereiche interessierte. So beschäftigte er sich im Selbststudium mit den Schriften der Philosophen Kant und Jakobi und mit Schriften über das griechische Altertum. Er interessierte sich verstärkt für bedeutende Menschen und erlangte so ein immer breiteres Wissen.

Wilhelm von Humboldt war ein Bekannter Friedrich Schillers und von Johann Wolfgang von Goethe sowie von weiteren wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit. Der geistige Austausch mit ihnen schärfte sein Bewusstsein dafür, welche hohe Bedeutung die menschliche Individualität hat. Zudem verdeutlichte es ihm die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit der inneren Bildung und Entwicklung der Menschen. Des Weiteren erkannte er, wie wichtig eine intensive Menschenkenntnis ist, um verschiedenste Wissenschaften weiterzuentwickeln. 1789 schloss Humboldt sein Studium in Göttingen nach drei Semestern ab.[4]

Nach einigen Jahren der Selbstbildung wurde Humboldt 1809 Leiter der Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht im preußischen Ministerium des Inneren. Dieses Amt bekleidete er allerdings nur etwas länger als ein Jahr und konnte daher seine Ideen nicht vollständig verwirklichen. Diese hatten allerdings nachhaltig Einfluss auf die Gestaltung des Universitätslebens in Deutschland.[5]

Humboldts Ansichten waren geprägt von den Strömen der Romantik. Allerdings ist er nicht ausschließlich der Epoche der Romantik zuzuordnen; so findet man in seinen Schriften auch Einflüsse der Klassik und der Aufklärung.[6]

Humboldt zur Folge kann der Verstand Welterscheinungen lediglich analytisch erfassen. Die Vernunft hingegen beschreibt die Fähigkeit, Ideen aufzufassen. Nur durch sich selbst kann ein Mensch Einsicht in die reine Wissenschaft erlangen. Voraussetzung ist zudem ein sinnlichkeitsfreies Denken, welches erworben werden kann, indem der Student mathematische Übungen macht oder philosophische Texte studiert, welche ebenfalls durch sinnlichkeitsfreies Denken verfasst wurden. Die Philosophie ist laut Humboldt eine Grundwissenschaft, welche es Menschen verschiedener Studienfächer erlaubt, ihre Kenntnisse auszutauschen und zu verknüpfen.[7] Humboldt sah nicht nur das Studium als solches, sondern auch gemeinschaftliches Studieren als wichtig an. So verstand Humboldt das Lernen in der Schule als gemeinschaftliches Lernen, während er das Lernen an Universitäten als einsames Studieren beschrieb. So sollte der Student an der Universität selber Forschung betreiben und dabei von seinem Professor geleitet und unterstützt werden. So wäre der Studierende in der Lage, Zusammenhänge zwischen erlerntem Wissen zu erfassen und wissenschaftlich wiederzugeben. Das Finden neuer Tatsachen stand hierbei im Hintergrund. Diese Form des Studierens sollte charakterbildend wirken. Dazu war es wichtig, dass der Student die Möglichkeit bekam, sich neben seiner gewählten Fachrichtung auch in anderen Wissenschaftsgebieten einzuarbeiten, die er für seine individuelle Bildung meinte zu benötigen. Daher sollte laut Humboldt das Studium nicht nach einem strengen Lehrplan strukturiert werden, sondern vielmehr hatte die Universität die Aufgabe, das theoretisch vermittelte Wissen auch durch praktische Anwendung an den Studenten zu übermitteln.[8]

Zu einem genaueren Verständnis der Bildungstheorie Humboldts ist es nötig, einen Blick auf sein Verständnis von Bildung werfen. Der Mensch sollte seine moralischen, ästhetischen und intellektuellen Kräfte möglichst breit gefächert entwickeln. Bildung bedeutete für Humboldt nicht eine einseitige Entwicklung der zum Beispiel praktischen oder intellektuellen Fähigkeiten. Er ging davon aus, dass sich die ganze Menschheit in einem höheren Maße weiterentwickeln würde, wenn jedes Individuum eine solche, breit ausgelegte Ausbildung aller Kräfte erfährt.[9]

Humboldt sah die universitäre Bildung, die durch den Staat geleitet und/oder finanziert wird, kritisch, da es ihm zufolge bei der Bildung um eine höchstmögliche Vielfältigkeit geht. Bildung durch den Staat hingegen verläuft immer nach einer bestimmten Form. Der Staat lähmt eine freie Entfaltung. Zudem steht für den Staat nicht die Bildung des Studenten zum Menschen im Vordergrund, sondern die Schaffung eines guten Bürgers. Dies spricht Humboldts Forderung nach einer Bildung in Freiheit entgegen.[10]

Noch heute werden Humboldts Vorstellungen überwiegend nicht etwa in Deutschland, sondern in den USA umgesetzt. Die amerikanischen Elite Universitäten Harvard und Yale lehren nach dem Humboldt´schen Bildungskonzept. In den amerikanischen Universitäten, dem tertiären Bildungsbereich, wird in den ersten vier Studienjahren allgemeine Menschenbildung vermittelt, welche mit dem Bachelorabschluss abgeschlossen wird. Darauf folgt das Masterstudium, welches auf die Anforderungen in der beruflichen Praxis ausgerichtet ist.[11]

2.2 Bologna-Reform

Ihren Anfang nahm die Bologna-Reform 1999 in Bologna, Italien, wo dreißig europäische Staaten, darunter Deutschland, den Aufbau eines gemeinsamen und einheitlichen Hochschulraumes beschlossen. Dieser Hochschulraum sollte bis zum Jahre 2010 geschaffen werden. Ziel der Reform war es, eine Förderung des Austausches zwischen den Staaten sowie eine bessere Nutzung des gemeinsamen Wissenspotentials zu erreichen.[12]

In der Bologna-Deklaration von 1999 wurden sechs Schritte vereinbart, um die gesetzten Hauptziele zu erreichen. Zum ersten sollte ein System mit leicht vergleichbaren und verständlichen Abschlüssen eingeführt werden. Dies sollte einerseits die arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen der Europäer fördern, und andererseits die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems stärken.[13]

Das neue System besteht aus zwei Stufen, Bachelor- und Masterstudium. Gemäß der Reform ist die Zulassungsvoraussetzung für das Masterstudium der erfolgreiche Abschluss des Bachelorstudiums. Das Bachelorstudium soll dem Studenten alle nötigen Qualifikationen und das nötige Wissen vermitteln, um auf dem europäischen Arbeitsmarkt tätig sein zu können. Die Ausbildung zum Bachelor sollte mindestens drei Jahre umfassen. Der Abschluss des Masterstudiums ist Voraussetzung für eine Promotion.

Bei dem Bachelor- sowie dem Masterstudium muss der Student eine vorgegebene Anzahl von Credit Points erzielen, um den angestrebten Abschluss zu erreichen. So können Qualitätsstandards und akademische Abschlüsse besser vergleichen werden. Im Zuge dieser Umstellung kam es zu einer Abschaffung der bis daher zu erzielenden Diplom-, Master- und Magisterabschlüsse. Während des Prozesses der Umstellung erhöhten sich die Anforderungen an die Studiengänge. Dies führte zu einer erhöhten Arbeitsbelastung für die Studierenden.[14]

Um eine größtmögliche Mobilität der Studenten zu ermöglichen, sollte im dritten Schritt ein System aus Leistungspunkten, genannt European Credit Transfer System, eingeführt werden. Es besteht die Möglichkeit, diese Leistungspunkte auch außerhalb der eigenen Hochschule zu erwerben. Sie können beispielsweise durch Lebenslanges Lernen erlangt werden, wenn die jeweilige Hochschule dies anerkennt.[15] In Deutschland sind für die Erreichung des Bachelor-Abschlusses 180 bis 240 Credit Points nötig. 60 bis 120 Credit Points muss der Student erzielen, um einen Master-Abschluss zu erhalten.[16] [17] Die Mobilität soll zudem gefördert werden, indem Hindernisse überwunden werden, die derselben im Wege stehen. So sollen Studierende im Ausland Zugang zu Ausbildungs- und Studienangeboten sowie zu den entsprechenden Dienstleistungen bekommen. Dem Lehrpersonal werden Aufenthalte im Ausland zu Lehr-, Forschungs- oder Ausbildungszwecken bei den gesetzlichen Rentenansprüchen angerechnet. Durch die europäische Zusammenarbeit bei der Erarbeitung von vergleichbaren Methoden und Kriterien soll eine hohe Qualität des Studiums gewährleistet werden. Die europäischen Dimensionen der Hochschulausbildung sollen gefördert werden; umgesetzt unter anderem durch die Kooperation von Hochschulen, sowie durch integrierte Forschungs-, Ausbildungs- und Studienprogramme.[18]

In Folge der Konferenz in Bologna fanden von 1999 an, im Zwei-Jahres-Rhythmus bis zum Jahr 2009 fünf weitere Konferenzen der Wissenschafts-und Bildungsminister statt. Im Zuge dieser Konferenzen wurden weitere Ziele festgelegt und überprüft. Des Weiteren wurde beurteilt, wie der Fortschritt der Umsetzung verläuft. Zu den konkret vereinbarten bildungspolitischen Zielen gehört unter anderem eine Reform der Promotion als dritter Zyklus des Studiums. Das Lebenslange Lernen soll gefördert werden, sowie die Beteiligung von Studierenden und Hochschulen an der Schaffung eines gemeinsamen Hochschulraumes. Ein weiteres Ziel war, auf nationaler Ebene in den beteiligten Ländern Qualifikationsrahmen einzuführen, auf deren Basis ein solcher Europäische aufgebaut werden kann. Ein gemeinsamer Standard der Qualitätssicherung soll geschaffen werden sowie gemeinsame Studienprogramme eingerichtet werden, wie auch die Anerkennung und Verleihung gemeinsamer Abschlüsse. Im Hochschulbereich sollen flexible Lernangebote zur Verfügung gestellt werden und Leistungen, die außerhalb des Studiums erbracht werden Anerkennung finden. Zudem sollen sozial benachteiligte Studenten stärker Berücksichtigung finden.[19] Für Studenten aus Drittstaaten soll ein Studium im Europäischen Hochschulraum attraktiver gemacht werden.[20]

In Deutschland war eine Erprobung des neuen Systems bereits vor der vollständigen Umsetzung des Bologna-Prozesses möglich. Als Regelangebot erlaubte es das Hochschulrahmengesetz ab 2002 Studiengänge, die zu einem Bachelor- oder Masterabschluss führen, zu implementieren. Es oblag den einzelnen Bundesländern, dieses Gesetz umzusetzen. 2003 wurden ländergemeinsame Strukturen bei der Kultusministerkonferenz beschlossen. Die Rahmenbedingungen für die neuen Studiengänge wurden geregelt, worauf es 2009 zu Protesten von Studierenden kam. Diese bemängelten die Ausgestaltung der Lehrpläne, die Lehrqualität sowie eine in der Praxis nicht vorhandene wechselseitige Anerkennung innerhalb des deutschen Hochschulsystems. Die geäußerte Kritik wurde von den Kultusministern aufgenommen, welche diese 2009 in ihren Beschluss zur Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses aufnahmen. 2010 wurde die Kritik ebenfalls in neue ländergemeinsamen Strukturvorgaben integriert.

Die Forderungen an die Hochschulen beinhalteten, durch größere Prüfungseinheiten die Anzahl der Prüfungen zu verringern, zu einer Verbesserung der gegenseitigen Anerkennung der Studienleistungen beizutragen und den Studenten ein Mobilitätsfenster einzuräumen.[21]

Vor der Bologna-Reform umfasste das Studium die Erschließung der Grundlagen des jeweiligen Faches, die Spezialwissensaneignung und die Übung von forschenden Tätigkeiten. Im Zuge der Bologna-Reform findet nun eine Aufteilung in ein Bachelor- und ein Masterstudium statt.[22] Im erstgenannten Studium werden Methodenkompetenz und wissenschaftliche Grundlagen vermittelt, um den Studenten für den Berufseinstieg zu qualifizieren. Im darauf folgenden Master-Studium werden diese wissenschaftlichen Grundlagen vertieft und ausgeweitet. Der Schwerpunkt der Masterstudiengänge liegt in einer Forschungs- und Anwendungsorientierung.[23]

Neben der Abschaffung der Diplom-, Magister- und Examensabschlüsse sowie einer erhöhten Arbeitsbelastung für die Studenten im Zuge der erhöhten Anforderungen an die Studiengänge gab es weitere Änderungen im deutschen Hochschulsystem. So wurde das bereits beschrieben System der Credit Points als Leistungspunktesystem eingeführt und es erfolgte eine Modularisierung der Studiengänge. Für das Bachelorstudium, sowie für das Masterstudium wurden verbindliche Regelstudienzeiten eingeführt. Die Studenten sind nach Einführung der Bologna-Reform nun verstärkt dazu angehalten, diese vorgegebenen Regelstudienzeiten einzuhalten. Die Bachelorstudiengänge in Deutschland sind in der Mehrheit auf eine Regelstudienzeit von sechs Semestern ausgelegt. Bei dem Master-Studium liegt die Regelstudienzeit zum Großteil bei vier Semestern.[24] Im Auftrag des Akkreditierungsrates akkreditieren nun Agenturen die Studiengänge und überprüfen jeweils die Studierbarkeit.[25]

Im Jahr 2013 arbeiteten bereits 47 Staaten, die EU-Kommission und acht weitere Organisationen, wie der Europarat und die European University Association[26], an dem Bologna-Prozess mit.[27] 87 Prozent aller Studiengänge in Deutschland wurden zum Wintersemester 2012/2013 auf die neue Studienstruktur mit Bachelor und Master umgestellt. Nicht umgestellte Studiengänge waren insbesondere kirchliche und staatliche Abschlüsse. An Fachhochschulen war die Umstellung zu fast 100% abgeschlossen.

3 Merkmale der Humboldt’schen Bildungstheorie bezüglich des Verständnisses von Forschung und Lehre

3.1 Freiheit

3.1.1 Ideelle Freiheit

Die Merkmale der Humboldt´schen Bildungstheorie, die Humboldts Verständnis von Forschung und Lehre beschreiben, sind die Freiheit, die Einheit von Forschung und Lehre, die allgemeine Menschenbildung, sowie die Gemeinschaft von Lernendem und Lehrendem.

Dem Humboldt’schen Gedanken nach ist es die Aufgabe der Universität, die subjektive Bildung, die in der Schule übermittelt wird, mit der objektiven Wissenschaft der Universität zu verbinden. Diese Verbindung soll unter dem Hauptgesichtspunkt der Wissenschaft unter der eigenen Leitung der Universität vorgenommen werden. Nur wenn dies unter dem Hauptgesichtspunkt der Wissenschaft vollzogen wird, kann diese auch richtig ergriffen werden. Diesen Zweck kann die Universität nach Humboldts Verständnis nur dann erreichen, indem Freiheit als zentrales Prinzip gilt. Innerhalb der Universität müssen die Menschen zusammenwirken; so können sich die Menschen wechselseitig ergänzen und gegenseitig immer wieder begeistern. Dieses Zusammenwirken muss von Ungezwungenheit und Absichtslosigkeit gekennzeichnet sein.[28] So wollte Humboldt, dass die Studenten die Möglichkeit haben, die Universität während des Studiums zu wechseln.[29]

Freiheit bedeutete für Humboldt, dass jeder Mensch das tun kann, was er möchte. Aufgabe des Staates ist es, diese Freiheit zu ermöglichen.[30] Die Wissenschaft muss zudem als ein Problem anerkannt werden, dass nie ganz gelöst ist und nie vollständig gelöst werden kann. Sobald aufgehört wird, Wissenschaft zu suchen oder die Ansicht aufkommt, dass Wissenschaft nicht aus der Tiefe des Geistes hervorzubringen ist, sondern nur Informationen gesammelt und aneinander gereiht werden, ist sie auch für den Staat verloren. Denn kommt Wissenschaft nicht aus dem Inneren und kann nicht in das Innere eines Menschen implementiert werden, bildet sich kein Charakter aus. Dies ist als negativ für den Staat und die ganze Menschheit zu sehen. Um dies zu verhindern, muss der Geist des Menschen lebendig bleiben und der Geist danach streben, alles aus einem ursprünglichen Prinzip ableiten zu wollen, alles zu einem Ideal zusammenfassen zu wollen und dieses Prinzip und dieses Ideal zu einer Idee zu verbinden. Dieses Streben ist nur bei wenigen Menschen zu finden, was aber ausreichend ist um dennoch lange zu wirken[31]. Lernen durch Forschen ist ein nie endender Prozess und somit kann eigentlich nicht gemessen werden, ob eine gewisse Reife erlangt wurde. Für Humboldt stand im Vordergrund, dass der Student zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Eintritt in das Berufsleben einige Jahre mit dem Nachdenken über wissenschaftliche Themen verbringt. Das Examen wurde daher nicht als Universitäts- sondern als Staatsprüfung abgehalten.[32] Ziel war es, dass der Mensch eine Individualität entwickelt. Es ging ihm nicht um die Ausbildung vorgegebener Eigenschaften.[33] Hier zeigt sich nach Ansicht Humboldts der Unterschied zur Schule, in der lediglich feststehende Kenntnisse vermittelt werden. Dies hat an der Universität auch Auswirkungen auf das Verständnis von Dozent und Student. Beide stehen hier in der Pflicht der Wissenschaft.

Während des Universitätsstudiums muss sich, nach Humboldt, der Student aus sich selbst heraus weiterbilden. Während der Schulzeit soll der Unterricht bei den Schülern durch Harmonie, Schönheit und innere Präzision Freude am geistigen Arbeiten erzeugen. Wenn der Schulunterricht allerdings so ausgelegt ist, dass dem Schüler lediglich möglichst viel und schnell Wissen vermittelt wird, wird an der Universität das Streben nach Wissenschaft und die Fähigkeit, diese aus sich selber hervorzubringen, fehlen. Der Student wird in diesem Fall danach streben, schnellstmöglich alle nötigen Kenntnisse zu erfassen, um einen bestimmten Beruf auszuüben und dabei das entsprechende Fachgebiet nicht wissenschaftlich durchdringen. Er kann das erlernte Wissen später nicht richtig anwenden, da eine völlige Beherrschung des Fachgebietes fehlt. Findet eine schulische Vorbildung im Sinne Humboldts statt, strebt der Student nach der wahren Wissenschaft. Er bearbeitet sein Interessengebiet mit Eifer und Begeisterung und versucht, ideelle Grundlagen und Zusammenhänge dieses Gebietes möglich weit zu erfassen.[34]

Ist die Universität frei und vom Staat unabhängig ist es nicht sie, die die Menschen zu Wissenschaft und Forschung führt, sondern „das geistige Leben der Menschen, die äußere Muße oder inneres Streben“[35]. Auch ohne die Universität würden die Menschen nachdenken, sich mit Menschen gleichen Alters verbinden oder Ältere und Jüngere zusammenbringen. Dessen muss sich der Staat bewusst sein, wenn er dieses natürliche Verhalten in eine feste Form, die Universität, bringen will. Humboldt erkannte hingegen an, dass es in einer Gesellschaft nötig ist, dass es festgesetzt Mittel und Formen gibt, und dass dies auch für die Wissenschaft gelten müsse. Er formulierte aber auch, dass der Staat mit diesem Bewusstsein immer weniger in die Universität eingreift und ihre Freiheit somit größer wird.[36]

[...]


[1] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), Der Bologna-Prozess und Beiträge aus seinem Umfeld, S.13.

[2] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S 29.

[3] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S.30.

[4] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S.21-22.

[5] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S.24.

[6] Vgl. Kaehler (1963), Wilhelm von Humboldt und der Staat, S.110.

[7] Vgl. Hofmann (2010), Welche Bedeutung hat das Humboldt'sche Erbe für unsere Zeit?, S.9.

[8] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S.31-32.

[9] Vgl. Spitta (2006), Menschenbildung und Staat, Stuttgart, S.23.

[10] Vgl. Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. (2009), S.32-33.

[11] Vgl. Hofmann (2010), S.9.

[12] Vgl. Konegen-Grenier (2012), Die Bologna-Reform, S.4-5.

[13] Vgl. Europäische Bildungsminister (1999), Der Europäische Hochschulraum, S.4.

[14] Vgl. Autor unbekannt (Jahr unbekannt), Bologna Prozess Hintergründe zum Bachelor-System, S.1.

[15] Vgl. Europäische Bildungsminister (1999), S.4.

[16] Vgl. Autor unbekannt (Jahr unbekannt), S.1.

[17] Vgl. Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (Erscheinungsjahr unbekannt), Leistungspunkte, S.1.

[18] Vgl. Europäische Bildungsminister (1999), S.4-5.

[19] Vgl. Konegen-Grenier (2012), S.5-6.

[20] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2013a), Der Bologna-Prozess: eine europäische Erfolgsgeschichte, S.1.

[21] Vgl. Konegen-Grenier (2012), S.6-7.

[22] Vgl. Konegen-Grenier (2012), S.4.

[23] Vgl. Autor unbekannt (Jahr unbekannt), S.1.

[24] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2013b), Die Umsetzung der Bologna-Reformen in Deutschland, S.1.

[25] Vgl. Autor unbekannt (Jahr unbekannt), S.1.

[26] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2011), Organisation und Aufbau des Bologna-Prozesses, S.1.

[27] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2013a), S.1.

[28] Vgl. Humboldt (1809), Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, S.1-2.

[29] Vgl. Humboldt (1999), Sämtliche Werke Band 6, S.185-186.

[30] Vgl. Giesinger (Erscheinungsjahr unbekannt), S.3-4.

[31] Vgl. Humboldt (1809), S.3-5.

[32] Vgl. Konrad (2010), S.71.

[33] Vgl. Giesinger (Erscheinungsjahr unbekannt), S.3.

[34] Vgl. Spitta (2006), S.63.

[35] Humboldt (1809), S.2.

[36] Vgl. Humboldt (1809), S.2-3.

Details

Seiten
52
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656680703
ISBN (Buch)
9783656680697
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275116
Note
Schlagworte
humboldt´sche bildungstheorie theoriegebäude forschung

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Titel: Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Humboldt'schen Bildungstheorie und der Bologna Reform von 1999