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Leni Riefenstahl und ihr Film "Triumph des Willens". Nationalsozialistische Propaganda oder Meisterwerk?

Facharbeit (Schule) 2012 30 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

1. Der Kunstbegriff des 20. Jahrhunderts als Erklärung Riefenstahls für ihr Werk

,L'art pour l'art’ signifie, pour les adeptes, un travail dégagé de toute preoccupation autre que celle du beau en lui-même.”[1][2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Théophile

Dieses „L’art pour l’art“, das der französische Schriftsteller und Philosoph Théophile Gautier hier beschreibt und wörtlich übersetzt „Die Kunst für die Kunst“ bedeutet, stellt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine vollkommen neue Kunstauffassung dar, von der nicht nur Maler, sondern auch Kreative aus anderen Metiers stark beeinflusst werden. Gautier, der als Vater dieser Bewegung gilt, definiert in diesem Zitat bereits die Grundzüge der so neuen, revolutionären und gar exzentrischen Kunstanschauung. Das Objekt wird „um der Sache selbst willen erschaffen, ohne Hintergedanken an Anwendung, Geschäft, Nutzen“.[3] Nicht die Kausalität der Erschaffung oder der inhaltliche Kern des Werkes ist von Bedeutung, sondern einzig allein die Art und Weise der Umsetzung.

Auch Leni Riefenstahl, die wohl berühmteste Filmemacherin zur Zeit des Dritten Reiches und Regisseurin des nationalsozialistischen Propagandafilms „Triumph des Willens“, war ihren Angaben zufolge als Künstlerin stets von dieser neuen Auffassung inspiriert.[4] Vor allem nach Ende des nationalsozialistischen Regimes behauptete sie beharrlich, bei all ihren Filmen nur im Sinne der Kunst gehandelt und sich somit keinesfalls moralisch verwerflich verhalten zu haben. Ihrer Meinung nach stand und steht bis heute die Möglichkeit und Notwendigkeit der filmischen beziehungsweise gestalterischen Revolution zu jedem Zeitpunkt über dem Inhalt und dem Hintergrund des Werkes selbst. Doch in wie weit rechtfertigt dieser neuartige Kunstbegriff die Filmung und sogar Propagierung des Reichsparteitages einer so radikalen und extremistischen Partei wie der NSDAP? Kann hierbei wirklich die immense Wirkung gegenüber der offensichtlichen „Ästhetik der Bilder“ vernachlässigt werden?

Anbei soll die Person Leni Riefenstahl, mit all ihren Vorstellungen und Zielen, sowie ihr Film „Triumph des Willens“ über den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg, der für die Nationalsozialisten eine so immense Rolle spielte und gleichzeitig nach Ende des Regimes eine Differenzierung zwischen Gestaltung und Inhalt schwer möglich machte, porträtiert beziehungsweise analysiert werden. Hierbei soll besonders der drastische Einfluss der aggressiven Propaganda auf den Zuschauer betont werden.

2. Die Biographie Leni Riefenstahls

2.1 Kindheit und Jugend

Wer genau war diese Frau, die sich so verzweifelt gegen ihr negatives Image zu wehren versuchte? Und was gab überhaupt den Anstoß für die heftige Kritik an ihrer Person?

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Abb. 2: Riefenstahl als Kleinkind

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Abb. 3: Riefenstahls als 16-Jährige

Leni Riefenstahl wird am 22. August 1902 als Helene Bertha Amalia Riefenstahl in Berlin-Wedding geboren. Für ihre Eltern Alfred und Bertha Ida Riefenstahl ist es das erste Kind, der geliebte Bruder Heinz erblickt erst 2 Jahre später das Licht der Welt.[5] Schon früh kommt das junge Mädchen mit Sport und Musik in Berührung, sodass in ihr der Wunsch nach einer Karriere im künstlerischen Bereich reift, ein Gedanke, den sie aufgrund des streng patriarchalischen und autoritären Vaters, für den eine solide Schulausbildung von höchster Priorität ist, für sich behält. So kommt es, dass Riefenstahl 1918 nach Beendigung ihrer Schulausbildung mit der mittleren Reife ohne das Wissen ihres Vaters an der Berliner Kunstakademie Mal- und Zeichenkurse nimmt. Nebenbei beginnt sie eine Tanzausbildung und lernt dort Ballett und modernen Tanz.[6] Als es zur Konfrontation mit dem Vater kommt, zeigt der sich zunächst uneinsichtig, doch Lenis harte Arbeit und Kampfgeist bleiben auch ihm nicht verborgen, sodass er sich trotz Zögern letztendlich mit dem aufkeimenden Wunsch seiner Tochter, Tänzerin zu werden, arrangieren kann, aber auch muss.[7] Denn diese wird bald darauf von einer ehemaligen russischen Tänzerin entdeckt, die ihr eine professionelle Ballettausbildung anbietet. So kommt es, das die junge Frau schließlich am 23. Oktober 1923, mit gerade einmal 21 Jahren, ihren ersten Soloauftritt als Ballerina in München erleben darf.[8] Dem folgen Tourneen durch ganz Europa, die jedoch bereits 1924 durch eine schwerwiegende Bänderzerrung Riefenstahls ein jähes Ende finden.

2.2 Wirken als Schauspielerin

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Abb. 4: Filmplakat von „Der Berg des Schicksals“

Leni Riefenstahl ist Zeit ihres Lebens eine höchst sensible und verletzliche Persönlichkeit, der es oft schwer fällt, Niederschläge wegzustecken. So ist es nachvollziehbar, dass das Ende ihrer Tanzkarriere eine starke psychische Belastung darstellt und sie in ein tiefes Loch fallen lässt. Genau in dieser Depression sieht die junge Leni ein Filmplakat über den Film „Der Berg des Schicksals“ von Dr. Arnold Fanck[9], das die so gebeutelte Frau sofort anspricht.[10] Riefenstahl ist begeistert von der Natur- und Menschendarstellung darin, besonders von den Bergen, die voll Freiheit, Kraft und Unabhängigkeit nur so strotzen und gleichzeitig herrlich unbekannt für das Stadtkind Leni scheinen.[11] Mit dem Wunsch, diese fremde Welt zu entdecken, kontaktiert sie ihr neues Idol Fanck, der die bisher unerfahrene Frau, begeistert von ihrem Enthusiasmus, Charme und Auftreten, für sein nächstes großes Werk „Der heilige Berg“ als Hauptdarstellerin und Tänzerin engagiert. Dieser Film und auch nachfolgende Produktionen wie „SOS Eisberg“ und „Der weiße Rausch“ lassen Leni Riefenstahl schnell zu einer Leinwandgröße werden und ihre Popularität in unbekannte Höhen steigen. Doch dieser Ruhm hat auch Schattenseiten, die junge Künstlerin spürt innerlich eine immer stärker werdende Zerrissenheit zwischen ihrem hoffnungslosen Wunsch zu tanzen und ihrem Wirken als Schauspielerin.[12] Dazu kommt, dass sich der anfängliche Enthusiasmus über ihre Rollen immer mehr in Desinteresse und Apathie wandelt, was sie schließlich dazu veranlasst, die Schauspielerei hinter sich lassen und neu anfangen zu wollen.

2.3 Zeit des Nationalsozialismus

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Abb. 5: Filmplakat von „Das blaue Licht“

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Abb. 6: Riefenstahl bei ihrem ersten Treffen mit Heinrich Himmler

Dementsprechend sucht Leni Riefenstahl in diesem erneuten Zustand der Leere nach einer neuen Faszination, die sie schnell in der Welt hinter den Kameras zu finden scheint. Hatte sie schon immer ein gewisses Interesse für die filmischen und gestalterischen Möglichkeiten eines Regisseurs, beginnt sie letztlich 1931, mit nur 29 Jahren, ihr erstes eigenes Werk „Das blaue Licht“ zu konzipieren, das schließlich, trotz finanzieller Schwierigkeiten und kaum Unterstützung[13], am 24. März 1932 unter tosendem Beifall in Berlin seine Uraufführung erlebt. Genau diese Probleme, die im Vorfeld wohl unzählige schlaflose Nächte verursachten, erweisen sich schließlich als enorme Bereicherung für Riefenstahls Entwicklung als Filmemacherin. Ist sie bei der Produktion faktisch auf sich allein gestellt, lernt sie dadurch, mit wenig Mittel ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Ein Ergebnis, das ihr sogar eine Silbermedaille bei den Festspielen in Venedig einbringt. Doch genau dieser auf den ersten Blick erfreuliche Film stellt sich im Nachhinein wohl als erster Schritt in Richtung der Nationalsozialisten heraus, denen der ungemeine Erfolg Riefenstahls natürlich nicht verborgen bleibt.[14] Und auch die Regisseurin selbst ist, wider späteren Aussagen, keinesfalls abgeneigt. Schon vor Beginn der Machtergreifung besucht sie mehrere Parteiveranstaltungen, jedoch größtenteils nicht aus Interesse an der NSDAP und deren Ideologie, sondern lediglich aus Faszination für Hitlers rhetorische Fähigkeiten und seiner starken Ausstrahlung.[15] Dies veranlasst sie sogar zu einem persönlichen Brief an den Führer[16], der, von Riefenstahls schmeichelnden Worten begeistert, einem Treffen zustimmt und ihr anschließend sogar anbietet, für die NSDAP Wochenschauen und Parteifilme zu drehen. Riefenstahl, ein Mensch mit starkem Drang zu Freiheit und Autonomie, lehnt zunächst ab, doch finanzielle Probleme, gepaart mit dem Wunsch nach einer erfolgreichen Karriere im Filmbusiness, veranlassen sie schließlich doch dazu, dem Vorschlag zuzustimmen.

So kommt es, dass Leni Riefenstahl bereits 1933, nun als „künstlerische Leiterin“ der NSDAP, mit ihrer ersten Produktion beginnt, dem Film „Sieg des Glaubens“

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Abb. 7: Riefenstahl bei Dreharbeiten zum Olympiafilm

über den fünften Reichsparteitag der NSDAP 1933 in Nürnberg. Trotz schwieriger Umstände und wenig Akzeptanz der Nicht-Nationalsozialistin innerhalb der NSDAP[17] gelingt es, das Werk mit sensationellem Erfolg uraufzuführen. Dass dieses jedoch nach kurzer Zeit aufgrund des Röhm-Putsches wieder zurückgezogen werden muss[18], sieht Riefenstahl zu diesem Zeitpunkt als persönliche Kränkung und Angriff auf ihre Arbeit, woraufhin sie weitere Anfragen Hitlers zunächst strikt ignoriert. Doch erneute finanzielle Probleme lassen ihren Widerstand schnell schmelzen, sodass sie bald darauf mit ihrem nächsten Projekt beginnt, der Produktion des wohl größten und imposantesten Werks der Nationalsozialisten, das im Folgenden genauer analysiert werden soll. Dieser Film, „Triumph des Willens“, stellt sicher einen entscheidenden Punkt in Riefenstahls Karriere dar, denn die enthusiastischen Reaktionen der NSDAP-Führung lassen die junge Frau zu einem Star werden, zu einer Persönlichkeit, die richtiggehend angebetet wird. Ob ihr ihr eigenes Handeln und die Konsequenzen dessen zu diesem Zeitpunkt schon bewusst waren, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Fakt ist nur, dass Riefenstahl mit der Filmung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin bald darauf ihr nächstes Projekt in Angriff nimmt, eine Produktion, die die Regisseurin schnell an den Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere katapultiert. Sie habe, so heißt es weltweit, eine neue „Form des Dokumentarfilms [erschaffen], eine Art kompositorische Dokumentation mit formalen Elementen des Spielfilms, die einen ganz besonderen Eindruck hinterlässt.“[19]

[...]


[1] Gautier, Théophile: Du beau dans l’art, in: Revue des Deux Mondes, S.900.

[2] Freie Übersetzung des Zitats: ,L’art pour l’art’ bedeutet für die Anhänger eine freie Arbeit mit keinem anderen Anliegen als dem Schönen selbst.

[3] vgl. Hartmann, P.W.: Das große Kunstlexikon, beyars [online].

[4] vgl. Palm, Goedart: Die ewige Wiedergeburt der bösen Muse, heise [online].

[5] vgl. Hassheider, Klaus : Leni Riefenstahl, portal-der-erinnerungen [online].

[6] vgl. Schaake, Erich: Hitlers Frauen, S.270.

[7] vgl. Schaake, a.a.O., S.272.

[8] vgl. Schaake, a.a.O. , S.272.

[9] Anmerkung: Arnold Fanck war vor allem in den 1920er und 1930er Jahren als Regisseur weltweit bekannt und gilt bis heute als Pionier des Bergfilms (vgl. Staedeli, Thomas: Arnold Fanck, cyranos [online]).

[10] vgl. Flippo, Hyde: Leni Riefenstahl, jewishvirtuallibrary [online].

[11] vgl. Knopp, Guido: Hitlers Frauen und Marlene, S.158.

[12] vgl. Schmidt, Helmut: Leni Riefenstahl, helmut-schmidt-online [online].

[13] vgl. Knopp, Guido: „Hitlers Frauen und Marlene, S.164ff.

[14] vgl. Bertz, R.: The Fuhrer’s Filmmaker, hubpages [online].

[15] vgl. Nash, David: Leni Riefenstahl, holocaustresearchproject [online].

[16] Anmerkung: Riefenstahl schrieb Hitler folgende Zeilen: „Sehr geehrter Herr Hitler. Vor kurzer Zeit habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine politische Versammlung besucht... Ich muss gestehen, dass Sie und der Enthusiasmus der Zuhörer mich beeindruckt haben. Mein Wunsch wäre es, Sie persönlich kennen zu lernen“ (Knopp, Guido: Hitlers Frauen und Marlene, S.168).

[17] Anmerkung: Vor allem vielen älteren Nationalsozialisten missfiel Riefenstahls hohe Stellung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer fehlenden Mitgliedschaft in der NSDAP und ihres schnellen Aufstiegs.

[18] Anmerkung: Ernst Röhm war bis 1934 der Stabschef der SA und genoss dort sehr hohes Ansehen. Hitler fürchtete eine zu große Machtausdehnung Röhms, einem offen Homosexuellen, da bereits große Teile der SA Röhm ihm vorzogen. So ließ Hitler Röhm unter Vorwand eines Putschversuchs festnehmen und ohne jegliches Gerichtsverfahren ermorden.

[19] vgl. Schmidt, Helmut: Leni Riefenstahl, helmut-schmidt-online [online].

Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656675112
ISBN (Buch)
9783656675105
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275129
Note
15 Punkte
Schlagworte
leni riefenstahl film triumph willens nationalsozialistische propaganda meisterwerk

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