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Die Lage der sozioprofessionellen Gruppe der "laboureurs" am Vorabend der Französischen Revolution

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Der regional- und sozialhistorische Begriff laboureur

Der laboureur als Angehöriger der bäuerlichen Oberschicht- soziale, ökonomische und politische Merkmale

Die laboureurs der Picardie- kontrastive Einordnung in heterogene bäuerliche Sozialstrukturen

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Politisch rechtlos, in prekärer Lebenslage und vom sog. „complexum feudale“ unter Existenzdruck gesetzt. Dies ist nur eine; die provokative Sichtweise auf die Bauern im Frankreich des 18. Jh. Gelten aber die oben formulierten Schlagworte für alle Bauern gleichermaßen? Unumstritten ist heute, dass der Absolutismus dem Frankreich des 18. Jh. ein gedanklich, politisch und wirtschaftlich problematisches Erbe hinterlassen hat. Das volkreichste Land Europas ist zu dieser Zeit ein Agrarstaat, in dem laut einer Volkszählung aus dem Jahr 1846 75% der 25 Mio. Einwohner[1] zur Landbevölkerung zählen. Daraus leitet sich zunächst, wie schon Soboul betont hat, eine Prägnanz des Verhaltens dieser Bevölkerungsschicht vor und während der Revolution ab.[2] Für Kropotk, zitiert in Ados Aufsatz, stellen die Bauern sogar die „wesentliche Kraft der Revolution überhaupt“[3] dar. Der Untersuchungszeitraum fällt zusammen mit einer zunehmenden Sensibilisierung der Bauern und schließlich ihrer Mobilisierung im 18. Jh. unter Eindruck der Krise des Ancien Régime. In diese Krisenzeit fallen neben steigende Steuer- und Abgabelasten ansteigende Agrarpreise, die maßgeblich Großpächter begünstigten und die die bäuerliche Mittel- und Unterschicht marginalisierten. Die Überproduktionskrise im Weinbau sowie der 1786 geschlossene französisch-englische Handelsvertrag, der besonders die Tuchindustrie in Lyon betraf und zur Arbeitslosigkeit zahlloser Textilarbeiter durch die Konkurrenz führte, belasteten die bevölkerungsreichste europäische Nation. Aus eben genannten Aspekten leiteten sich wiederum Hungerkrisen und Brotaufstände ab. Hinzu kam die Missernte von 1788, die Bauern um die Chance brachte, ihre Produkte, darunter besonders Getreide, auf dem Markt zu verkaufen und genügend Futter für die Tiere zurückzuhalten. Nur die grundherrlichen und kirchlichen Kammern waren weiterhin durch den abzuleistenden Zehnt gefüllt, woraus sich erste bäuerliche Forderungen nach „gerechten Preisen“ ableiteten und nach und nach immer stärker verschiedene Interessenkonflikte innerhalb der Bauernschaft hervortraten. Beschäftigt man sich näher mit der Gesellschaftsgruppe der Bauern, so wird man allerdings nicht ihrer der oben implizit postulierten Egalität konfrontiert, sondern vielmehr mit ihrer sich herauskristallisierenden Heterogenität, sei es sozial, ökonomisch oder politisch: Die Bauern konstituierten eine heterogene Gesellschaftsschicht, an deren sozialer Spitze sich u.a. die sog. laboureurs befanden. So sprechen bestimmte Merkmale dafür, dass sie wohlhabende oder reiche Bauern mit Grundbesitz waren, die ihre Grundversorgung sichern konnten, wohl deshalb bezeichnet Soboul sie als „ländliche Bourgeoisie“[4]. Dieses Bild zeichnen auch die beiden verwendeten Quellen von den Beobachtern Bedigis und Feydel an die Innenminister Garat und Paré, beide aus dem Jahr 1793, die erkennen lassen, dass die laboureurs als „[…] reichere[…] Bauern“[5], also als Angehörige der bäuerlichen Oberschicht, eingestuft werden.[6] Geht man von einem solchen Bauerntyp aus, zählt der laboureur zu einer kleinen, aber einer wirtschaftlich und sozial umso mächtigeren Gruppe gegenüber den Klein- und Kleinstbauern, den métayers, oder den Landarbeitern, den manouvriers. Diese Disparitäten kommen besonders im Aufsatz von Moriceau zum Ausdruck.[7] Darin konstatiert der Autor sich vergrößernde soziale Diskrepanzen und Kontraste, schreibt plakativ von „deux classes d´hommes“[8], einer agrarischen Oligarchie der reichen Bauern und stellt einen Mangel an sozialer Mobilität bäuerlicher Mittel- und Unterschichten fest: „On naît fermier […]“[9]. Allgemein besaßen die eigentlichen ökonomischen Staatsträger, der Großteil der bäuerlichen Mittel- und Unterschicht, wenig Grund und Boden, der mit hohen Abgaben belegt war, doch ist dieses undifferenzierte Bild, dass die Bauern zu vereinheitlichen sucht, nicht hinreichend, da nicht alle Bauern einer prekären Lebenslage ausgesetzt waren. Van den Heuvels Monographie[10] bietet zu dem gewählten Thema einen guten Überblick über die Sozialstruktur der Bauern in Frankreich mit Rekurs auf die Französische Revolution sowie den Wandel der Agrarstruktur vom 18. ins 19. Jh., wobei nützlich verschiedene Beiträge und regionalhistorische Forschungen integriert werden, u.a. Lefebvres Regionalstudie des Départements du Nord.[11] Ähnlich wie Moriceau äußert sich van den Heuvel über eine „Polarisierung“[12] zwischen der kleinen aber mächtigen bäuerlichen Oberschicht und der Masse an konsumierenden Bauern. Kareréiw analysiert epochenübergreifend und ausführlich ausgehend von mittelalterlichen Strukturen bäuerliche Lebensvoraussetzungen, setzt sich u.a. mit der Dehnbarkeit von Bezeichnungen des Bauern und der Differenzierung innerhalb der Bauernschaft auseinander.[13] Lefebvre untersucht seinerseits in seiner außerordentlich detailreichen Regionalmonographie anhand von statistischem Datenmaterial die soziale und ökonomische Situation der Bauern im Ancien Régime. Darunter finden sich Aspekte wie die Bodenverteilung, die Belastung der Bauern, die Cahiers oder das tägliche Leben der Bauern und ihre Essgewohnheiten. Auch Lefebvre weist auf die Dominanz der reichen Bauern in den Dorfgemeinschaften hin, jedoch sind die laboureurs für ihn nicht Teil der bäuerlichen Oberschicht.[14] Diese Annahme kommt ebenso in Gauthiers Regionalstudie zum Ausdruck, wo die laboureurs u.a. im Licht der „paysans pauvres bzw. moyens“, also der bäuerlichen Unter- und Mittelschicht, erscheinen, was einen deutlich eingeschränkten sozialen, ökonomischen und politischen Wirkungsradius innerhalb der Dorfgemeinschaft zur Folgt hat. Daneben fixiert Gauthiers Regionalstudie[15] plausibel die Picardie und stellt nicht nur die sozialen Kategorien der Bauern, ihre Bodenbesitzverhältnisse und deren Kampf gegen ihre Enteignung, sondern auch den Verlauf des „mouvements paysan“[16] dar. Das selbst definierte Hauptanliegen, die Sichtweise der Bauern der Entwicklung des Kapitalismus auf dem Land in Frankreich zu analysieren, gelingt über schlüssige Argumentationen. Zusammen mit Gauthiers Studie bilden die Titel von Lefebvre und van den Heuvel die Hauptbezugswerke für diese Hausarbeit. Daneben vertritt Soboul die These der zunehmenden Proletarisierung unterer bäuerlicher Schichten durch die Bodenkonzentration in Händen der Großpächter und damit der gegensätzlichen Interessen der bäuerlichen Bevölkerung. Außerdem erläutert er einleuchtend die verschiedenen zu leistenden Abgaben der Bauernschaft.

[...]


[1] Vgl. Soboul, Albert : Die große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte (1789-1799), Frankfurt am Main 1973, S.35.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Ado, Anatoli v. : Über die Bauernbewegung während der Französischen Revolution, In: Middell, Katharina (Hg.) u.a.: 200. Jahrestag der Französischen Revolution. Kritische Bilanz der Forschungen zum Bicentenaire, Leipzig 1992, S.176-184, hier: S.176.

[4] Ebd. S. 36

[5] Die „Leiden und Qualen“ der Großbauern- der öffentliche Beobachter Bedigis an Innenminister Garat am 17. Juli 1793 aus Dieppe über die Stimmung auf dem Lande, In: Petersen, Susanne: Die große Revolution und die kleinen Leute. Französischer Alltag 1789/95. Kommentare, Dokumente, Bilder, Köln 1988, S.86-87, hier: S. 86.

[6] Vgl. Das politische Bewusstsein von Großbauern im Midi- der Beobachter Feydel an Innenminister Paré (Anfang September 1793), In: Petersen, Susanne: Die große Revolution und die kleinen Leute. Französischer Alltag 1789-1795. Kommentare, Dokumente, Bilder, Köln 1988, S. 88.

[7] Vgl. Moriceau, Jean-Marc: Les gros fermiers en 1789 : Vice-Rois de la plaine de France, In : Les paysans et la révolution en pays de France. Actes du Colloque de Tremblay-les-Gonesse 15-16 octobre 1988, hg.v. Association pour la Célébration du Bicentenaire de la Révolution Française en pays de France, 1998, S.35-74.

[8] Ebd. S. 36.

[9] Ebd. S. 42.

[10] Vgl. Van den Heuvel, Gerd: Grundprobleme der französischen Bauernschaft 1730-1794. Soziale Differenzierung und sozio-kultureller Wandel vom Ancien Régime zur Revolution, Ancien Régime, Aufklärung und Revolution Band 6, München 1982.

[11] Vgl. Lefebvre, Georges: Les paysans du Nord pendant la révolution française, Paris 1972.

[12] Van den Heuvel, Gerd: Grundprobleme der französischen Bauernschaft 1730-1794, S.40.

[13] Vgl. Karéiew, Nikolai Ivanovich: Les paysans et la question paysanne en France dans le dernier quart du XVIII siècle, Genève 1974.

[14] Vgl. Lefebvre, Georges: Les paysans du Nord pendant la révolution française, S.309.

[15] Vgl. Gauthier, Florence: La voie paysanne dans la révolution française. L´exemple de la picardie, Paris 1977.

[16] Ebd. S. 205.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656683964
ISBN (Buch)
9783656683940
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275134
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Geschichtswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
lage gruppe vorabend französischen revolution

Autor

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