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Ludwig Tiecks "Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen - eine Tragödie" im Verhältnis zur Märchentradition

Bachelorarbeit 2013 44 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stoffgeschichte
2.1 Ursprünge des Märchenstoffes Rotkäppchen und deren Einflüsse auf Perrault
2.2 Le Petite Chaperon rouge
2.3 Entwicklungen nach Perrault

3 Leben und Tod des kleinen Rotkäppchens. Eine Tragödie
3.1 Entstehungs - und Publikationsgeschichte
3.1.1 Tiecks Phantasus
3.2 Analyse und Interpretationsansätze
3.2.1 Erste Szene
3.2.2 Zweite Szene
3.2.3 Dritte Szene
3.2.4 Vierte Szene
3.2.5 Fünfte Szene
3.3 Tragödie oder Parodie?
3.4 Rezensionsgeschichte

4 Vergleich: Perrault - Tieck - Grimm
4.1 Abweichungen von Perrault
4.2 Das Rotkäppchen der Brüder Grimm

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kaum eine andere Gattung kann eine so lange Tradition und ungebrochene Popularität vorweisen, wie die des Märchens. Einige Märchenmotive, die uns heute bekannt sind, lassen sich schon in den Schriftzeugnissen der frühen Hochkulturen des Orients finden. Lange vor der Zeit der Kreuzzüge brachten Seefahrer, Kaufleute und Pilger die Stoffe der Märchen nach Europa. Märchen (mittelhochdeutsch Maere: Kunde, Nachricht, Bericht) sind kurze Prosaerzählungen von phantastischen, wundersamen Begebenheiten. Diese Erzählungen haben zwei unterschiedliche Ursprünge: So entstammt das Volksmärchen mündlicher Überlieferung des Volkes, ein Autor ist in der Regel unbekannt, während das Kunstmärchen aus der Feder eines eindeutigen Verfassers entstanden ist. Schon im Mittelalter wurden jedoch einige mündliche Volksmärchen verschriftlicht, sodass diese alte Textgattung hier bereits Eingang in die Literatur fand.1 Das Märchen als Textgattung ist bis heute ein bedeutender Forschungsgegenstand verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wie die der Literaturwissenschaft, der Psychologie oder der Volkskunde. Zudem sind Märchen ein kulturelles Gut, das bereits schon in den jüngeren Schulklassen der Grundschule als Unterrichtsgegenstand an Kinder herangetragen wird.

Der vorliegenden Arbeit liegt das Märchen Rotkäppchen zugrunde. Dieser Märchenstoff des Rotkäppchens ist besonders häufig neu aufgegriffen, bearbeitet und interpretiert worden. Dies geschah auch schon bevor das Märchen 1812 im ersten Band der Kinder- und Hausmärchen 2 der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm erschien und allseits bekannt wurde. So ist die Grimmsche Fassung, anders als ihre Popularität vermuten lässt, keineswegs die erstmalige Niederschrift dieses Stoffes. Oft wird durch die Fixierung auf schriftliche Versionen, insbesondere eben jener traditionellen der Brüder Grimm, vergessen, dass ein Märchen eine Wandlung gleich einer Metamorphose erfährt, die sein Wesen ausmacht. Ein klassisches Märchen, wie wir es von den Brüdern Grimm kennen, bleibt weiter lebendig, wenn es an unterschiedlichen Orten in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen neu erzählt und variiert wird.

In der vorliegenden Arbeit soll das eher außergewöhnliche Beispiel einer Bearbeitung des Rotkäppchenmärchens in Form eines Dramas behandelt werden: das weitgehend unbekannte und in der Literatur wenig diskutierte Werk Leben und Tod des kleinen Rotkäppchens. Eine Tragödie von Ludwig Tieck aus dem Jahre 1800. Die Abhandlung beinhaltet einen Vergleich des Tieckschen Dramas mit Entwicklungen sowohl vor dessen Entstehung, insbesondere mit der französischen Rotkäppchenfassung von Charles Perrault, als auch mit dem bereits erwähnten, erst nach Tiecks Fassung entstandenen Märchen der Brüder Grimm, das sich an Tiecks Inhalt orientiert.

Im ersten Teil der Arbeit sollen der Ursprung und die Entwicklungsgeschichte des Märchenstoffes dargestellt werden, um die Grundlagen von Tiecks Drama zu verdeutlichen. Es folgt eine Analyse der Tieckschen Fassung, in der auf ihre Entstehungs- und Publikationsgeschichte, auf die einzelnen Szenen mit ihren Figuren und deren Konstellationen, den Titel und nicht zuletzt auf den Autor eingegangen wird. Das Ziel der Arbeit ist es, den eben genannten Vergleich herzustellen, mögliche Abweichungen oder Parallelen zwischen Tieks Drama und anderen Fassungen - sowohl der älteren von Perrault, als auch der jüngeren der Brüder Grimm - herauszuarbeiten und diese unterschiedlichen Versionen in einen Zusammenhang mit ihrem jeweiligen Entstehungshintergrund zu stellen. Das Ergebnis soll die Veränderungen verdeutlichen, die an dem Märchen Rotkäppchen im Verlauf der Zeit stattgefunden haben.

2 Stoffgeschichte

Die Entstehungsgeschichte des Rotkäppchenmärchens reicht über die erste bekannte schriftliche Version des Franzosen Charles Perrault von 1697 bis hin zu einer sich bereits während des Spätmittelalters, überwiegend in Frankreich, herausbildenden Erzähltradition. Zwar setzen ältere Forschungen von Kulturhistorikern und Volkskundlern bei Mythen an, die noch weiter in der Vergangenheit angesiedelt werden; so wurde beispielsweise die rote Kappe des Rotkäppchens als Symbolik des Sonnenauf- bzw. untergangs verstanden. Der Wolf verkörperte dabei die Dunkelheit.3 Neuere Ergebnisse widerlegen derlei Annahmen aber, da das Element der roten Kappe oder im allgemeinen der Farbe Rot nicht schon vor oder während des Mittelalters, sondern tatsächlich erst in Perraults schriftlicher Version zum ersten Mal erscheint.4 Bevor nun eine nähere Betrachtung des literarischen Märchens von Perrault erfolgt, sollen zunächst Einflüsse und Ursprünge, die sich in unterschiedlichem Maße auf sein Werk ausgewirkt haben, dargelegt werden.

2.1 Ursprünge des Märchenstoffes Rotkäppchen und deren Einflüsse auf Perrault

Im 15. und 16. Jahrhundert waren durch die Armut der Bauern und damit einhergehender Hungersnöte Gewalttaten und Morde, vor allem an Kindern, keine Seltenheit. Zu diesem oft durch Hunger hervorgerufenen Anstieg der Gewaltbereitschaft gesellte sich ein aus heutiger Sicht eher irrationales Moment: der starke Aberglaube vieler Menschen an „Hexen und unbeherrschbare magische Naturkräfte“5. Er ließ Ängste vor feindlichen Kräften und lasterhaften Geschöpfen entstehen. Diese Ängste fanden Eingang in die Geschichten, die sich zu dieser Zeit im Volk mündlich ausbreiteten. Es entwickelte sich eine Gruppe von Märchen, die sogenannten Warn- oder Schreckmärchen. Diese Märchen waren in der Regel für Kinder gedacht und sollten - wie der Name bereits vermuten lässt - eine Warnung ausdrücken, eine Warnung vor Gefahren, wenn Kinder sich allein im Wald aufhielten oder mit Fremden sprachen. Der Wald war dunkel, geheimnisvoll und Furcht einflößend.

Die Märchen sollten abschreckend wirken, indem Unholde wie z.B. Riesen oderMenschenfresser hilflose Kinder bedrohten und angriffen. Die Berliner Volkskundlerin Marianne Rumpf bezeichnet in ihrer Dissertation Rotkäppchen. Eine vergleichende Märchenuntersuchung das Rotkäppchenmärchen als ein solches Warnmärchen und definiert den Begriff folgendermaßen:

„Diese Art Märchen sind Kindern von ,Ammen‘ erzählte Märchen, in denen die Folgen der Unachtsamkeit und des Ungehorsams möglichst drastisch und gefahrenträchtig geschildert werden. Die Kinder, denen man diese Geschichten erzählt, sollen gewarnt und abgeschreckt werden. […] Sie haben eine ähnliche Funktion wie der ,Kinderschreck‘ zu erfüllen, von dem man den Kindern erzählt, wenn sie nicht ans Wasser oder ins Kornfeld gehen sollen.“6

Diese Art von Märchen war sowohl innerhalb Frankreichs, als auch in ganz Europa bis in den asiatischen Raum weit verbreitet. Der Gedanke, dass Perrault sie gekannt hat und dass insbesondere diejenigen, in denen Elemente des Rotkäppchenmärchens enthalten waren, ihn beeinflussten, liegt also nahe.7

Marianne Rumpf hat in ihren vergleichenden Analysen mehrerer Rotkäppchenversionen feststellen können, dass die Verschlingergestalt, die Perrault in seinem Märchen als einen einfachen Wolf darstellt, ursprünglich ein Werwolf war.8 Als Werwolf wird in der Mythologie, Dichtung und Sage ein Mensch, meistens ein Mann, bezeichnet, der sich zeitweilig in einen Wolf verwandeln kann. R. Leubuscher verwendet für die von ihm als Krankheit bezeichnete „Wehrwolfssucht“ auch den Begriff der Lykanthropie (altgr. lýkos: Wolf, ánthrōpos: Mensch).9 Es gibt einige Sagen, in denen es heißt, diese Männer haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.10 Der heute in West- und Mitteleuropa weitestgehend ausgerottete Wolf war bis vor einigen Jahrzehnten noch wesentlich stärker verbreitet. Er wurde als Feind des Menschen angesehen, da er durch Einbrechen in Schafherden und Reißen von Lämmern oder anderen Nutztieren dem Menschen wirtschaftlichen Schaden zufügte. Auch Überfälle, zum Teil ganzer Wolfsrudel, auf den Menschen machten den Wolf in dessen Augen zur Bestie. Die Angst vor solch einem Tier und der bereits erwähnte ausgeprägte Aberglaube der Menschen führten in Frankreich zu einer Blütezeit von Aberglauben-Märchen über Werwölfe in der Zeit des Mittelalters und der Renaissance.11 Verstärkt wurde dies durch die historischen Hintergründe aus jener Zeit: Im 16. und 17. Jahrhundert durchlief Frankreich eine Welle von Prozessen gegen junge Männer, die beschuldigt wurden, Werwölfe zu sein.12 Gleich den Hexenprozessen, die sich gegen Frauen richteten, wurden zahlreiche Männer der Werwolfverwandlung und damit einhergehenden Morden an kleinen Mädchen und Jungen bezichtigt. Ein berühmter Vorfall, der M. Rumpf als einer der frühesten geläufig ist, ist jener der beiden angeklagten Franzosen Pierre Bourgot und Michel Verdun. Diese standen im Jahre 1521 in Besançon vor Gericht und wurden wegen mehrerer Morde an Kindern angeklagt. Beide gestanden ihre Taten und ihre angeblichen Verwandlungen in Werwölfe. Diese Selbstdämonisierung und Eigenbeschuldigung, die in vielen der Fälle eintrat, diente oft der Distanzierung und Rechtfertigung der eigenen Schuld. Bourgot und Verdun wurden beide laut ihren Aussagen jedesmal vom Tatort verjagt und waren somit nicht mehr in der Lage, ihre Opfer zu fressen. Das Ergebnis der Gerichtsverhandlung war die Hinrichtung der Angeklagten.13 Rumpf schreibt weiterhin in ihrem Aufsatz Ursprung und Entstehung von Warn- und Schreckmärchen, dass diese grausame Phase der Hinrichtungen von vermeintlichen Werwölfen genug Grundlage bot für eben jene Märchen, die als Warngeschichten dienten, um Kinder eindringlich auf derlei Gefahren hinzuweisen. Sie hat die interessante Feststellung gemacht, dass im 19. und 20. Jahrhundert überlieferte Varianten des Rotkäppchenmärchens genau dort sichergestellt werden konnten, wo in Frankreich zuvor im 15. und 16. Jahrhundert gehäuft Werwolfprozesse stattgefunden hatten.14

Ein weiterer Aspekt, der als charakteristisch für die mündlichen Volksversionen des Rotkäppchenstoffes gilt, ist der des Kannibalismus. Es sind mehrere französische und italienische Rotkäppchenvarianten aufgezeichnet worden, in denen der Wolf die Großmutter tötet und ihr Fleisch und Blut aufbewahrt.15 Es heißt im weiteren Verlauf der Geschichte häufig, dass das kleine Mädchen beim Erreichen der Wohnung seiner Großmutter hungrig ist und der Wolf es daraufhin auffordert, sich an Speis und Trank zu bedienen, womit er eben jenes Fleisch und Blut der Großmutter meint. Das Mädchen nimmt dies nichtsahnend zu sich. Diese kannibalischen Elemente lassen die sowieso schon furchteinflößende Erzählung noch grauenvoller erscheinen. Der Italiener Anselmo Calvetti hat folgende Theorie zur Erklärung des skurrilen kannibalischen Anklangs aufgestellt: Er knüpft eine Verbindung der Erzählung zu alten frühgeschichtlichen

Initiationsriten, die zur Aufnahme von Jugendlichen in den Stammesclan zu Beginn ihrer Pubertät vollzogen wurden. Dabei wurden die jungen Männer symbolisch von einer Bestie verschlungen, um dann neugeboren aus ihr wieder aufzuerstehen. Derlei Akte waren verbunden mit körperlichen Qualen und kannibalischen Vorgängen.16

2.2 Le Petite Chaperon rouge

Die wohl älteste bekannte und gesicherte schriftliche Version des Rotkäppchens ist die des französischen Schriftstellers und Beamten Charles Perrault (1628 - 1703) mit dem Titel Le petit chaperon rouge (zu deutsch: Die Kleine mit der roten Kappe). 1697 erschien sie an erster Stelle in seiner Märchensammlung Histoires ou contes du temps pass é , avec des moralitez (Geschichten oder Märchen aus vergangener Zeit, mit anschließender Moral), allerdings unter dem Namen seines Sohnes Pierre Perrault Darmancour, „[…] vielleicht, weil er seinen Ruf als Verfasser gewichtiger literarhistorischer Werke nicht aufs Spiel setzen [wollte]“17. Berühmt wurde die Sammlung als Contes de ma m è re l ’ Oye („Märchen meiner Mutter Gans“). Die Bezeichnung Ma m è re l ’ Oye meint in Frankreich wie auch in England die Betitelung „Mother Goose Tales“18 Geschichten, die alt sind wie die sagenhafte Mutter Karls des Großen namens Bertha, auch Bertha mit dem Gänsefuß genannt.19 Die Perraultsche Sammlung besteht aus acht Prosamärchen, teils dem Volksmund entnommenen, teils von anderen Autoren überliefert und ist eines der ersten Volksmärchenbücher.

Sowohl Rumpf, als auch der französische Philosoph und Perrault-Spezialist Marc Soriano (1918 - 1994) sind der Meinung, dass Perrault, bevor er sein Rotkäppchen schrieb, diverse mündliche Volksversionen kennengelernt hatte.20 Er wurde beeinflusst von den Werwolfgeschichten, die in der Touraine - einer französischen Provinz - grassierten, genau dort, wo seine Mutter aufgewachsen war. Er lässt allerdings in seinem Märchen keinen Werwolf, sondern einen „echten“ Wolf auftreten, was darauf zurückzuführen sein mag, dass der Glaube an Werwölfe schon zum Ende des 16. Jahrhunderts in kultivierteren Kreisen immer mehr abnahm und Perrault es nicht wagte,eine solche Erscheinung beinahe noch ein Jahrhundert später in sein Märchen einzubinden und damit altmodisch oder gar lächerlich zu wirken.21 Auch säuberte er seine Geschichte von jeglichen kannibalischen Andeutungen. Er schrieb seine Märchen für französische Höfe und widmete sie hochgestellten Aristokraten, er passte seine Werke dem Publikum an und schockierte die Gesellschaft seiner Epoche nicht durch Grausamkeiten in der Literatur.22 Dennoch stirbt zum Schluss das Rotkäppchen, weil es vom Wolf gefressen wird. Perrault ist der erste, der dem heute geläufigen Titel des Märchens gerecht wird: Er erfindet die rote Kappe. Die Gründe hierfür sind nicht ganz klar, Jack Zipes jedoch hält in seiner Rotkäppchenbiografie fest, dass die Farbe Rot zur damaligen Zeit mit „Sünde, Sinnlichkeit und dem Teufel assoziiert [wurde]“23. Außerdem wollte Perrault möglicherweise andeuten, dass kleine Mädchen auf verschiedene Arten „verwöhnt“ werden können, zum einen durch Geschenke - wie die rote Kappe - oder aber durch Männer, die die Absicht hegen, sie zu entführen.24 Manfred Frank erläutert die Herkunft des Titels auf folgende Weise:

„Den Titel hat das Märchen nach einer bis ins 16. Jahrhundert verbreiteten

Kopfbedeckung (einem Käppchen mit Band und Quaste), das ursprünglich in den Steitigkeiten [sic] des Mittelalters den Parteien als Erkennungszeichen diente und später, vor allem in Nordfrankreich, zur bäuerlich-kleinbürgerlichen Tracht wurde; die Dorfmädchen wurden noch bis zu Perraults Zeit ,chaperonsʽ gerufen, bevor sie, nach einer anderen Kopftracht, ,calesʽoder ,bavolettesʽ genannt wurden.“25

Perrault pädagogisiert das Märchen, indem er ihm (wie allen seinen Werken aus Contes de ma m è re l ’ Oye) eine Moral anhängt. Diese Moral steht, im Gegensatz zum übrigen Prosatext, in Versen und drückt eindeutig eine Warnung aus. Nicht nur eine Warnung, die bereits bekannt war, nämlich Kinder auf die Gefahren des Waldes hinzuweisen, sondern eine direkte Warnung vor sexuellen Übergriffen von Männern auf Mädchen oder junge Frauen:

„Hier sieht man, dass ein jedes Kind

und dass die kleinen Mädchen (die schon gar,

so hübsch und fein, so wunderbar!)

sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind, und dass es nicht erstaunlich ist,

wenn dann ein Wolf so viele frisst.

Ich sag: ein Wolf; denn alle Wölfe haben beileibe nicht die gleiche Art:

Da gibt es welche, die ganz zart,

ganz freundlich leide, ohne Böses je zu sagen,

gefällig, mild, mit artigem Betragen

die jungen Damen scharf ins Auge fassen

und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen. Doch ach, ein jeder weiß,

gerade sie, die zärtlich werben,

gerade diese Wölfe locken ins Verderben.“26

Die Moral soll Kinder, insbesondere Mädchen, darauf aufmerksam machen und dazu erziehen, wachsamer zu sein und sich vor fremden Männern, „die mit schönen Reden böse Absichten verhüllen“27, in Acht zu nehmen. Und nicht nur die Moral macht deutlich, dass der Wolf einen Vergewaltiger verkörpert. Anklänge an Sexualität gibt es bereits schon im Verlauf des Märchens. So sagt der Wolf zum Rotkäppchen, als es das Haus seiner Großmutter betritt: „ ,Stell den Fladen und den kleinen Topf Butter auf den Backtrog und leg dich zu mir‘“28. Und im Folgenden heißt es: „Das kleine Rotkäppchen zieht sich aus, geht hin und legt sich in das Bett, wo es zu seinem allergrößten Erstaunen sah, wie seine Großmutter ohne Kleider beschaffen war“29. Das bedeutet, dass das naive hilflose Rotkäppchen sich, auf die Bitte des Wolfes hin, nackt zu ihm ins Bett gesellt und das nicht aus dem einfachen Grund von Müdigkeit. In der französischen Originalversion lautet die Aufforderung des Wolfes noch unverblümter: „[…] viens te coucher avec moi“30. Perrault macht demnach aus dem Initiationsmärchen und dem schaurigen Schreckmärchen mit Werwolf und Kannibalismus einen „fabelähnlichen Zeigefingerzeig“31, der für ihn schnell zum Erfolg führte und dessen gedruckte Fassung in Frankreich äußerst populär wurde. Darüber hinaus erfolgte 1712 eine Übersetzung ins Englische (Little Red Riding Hood) und auch nach Amerika gelangte das Märchen, wo es ebenfalls sehr bekannt wurde. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde es ins Deutsche übersetzt, die erste Version wurde 1790 veröffentlicht.

2.3 Entwicklungen nach Perrault

Obwohl das Perraultsche Märchen in Frankreich dominierte, gab es nach ihm weiterhin ständige Bearbeitungen des Märchenstoffes. „Bis in den 1. Weltkrieg hinein gab es in Frankreich die verschiedensten Prosa- und Stückbearbeitungen von Perraults ,Rotkäppchenʽ.“32 Es fand so sekundär seinen Weg zurück in die mündliche Tradition. 1818 entstand sogar eine französische Oper Le petit chaperon rouge, basierend auf Perrault mit dem Libretto von Marie E.G.M. Théaulon de Lambert und der Musik von Adrien François Boieldieu.33 Es gibt zahlreiche weitere Bearbeitungen, weit bis ins 20. Jahrhundert hinein, deren Aufzählung oder Ausführung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Zu nennen sind allerdings noch in Kürze die Entwicklungen in Deutschland: Die erste eigenständige (also keine Perrault-Übersetzung) deutsche Fassung, die Hauptgegenstand der vorliegenden Arbeit ist und im folgenden Kapitel genauer untersucht wird, ist die von Ludwig Tieck Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen. Eine Tragödie. Sie erschien 1800 und geht auf Perrault zurück. Erst zwölf Jahre später entstand die Märchenfassung der Brüder Grimm, die sich sowohl an der dramatischen Bearbeitung Tiecks, als auch an der Perraultschen Version, orientiert. Auch der deutsche Schriftsteller Ludwig Beschstein (1801-1860) nahm das Rokäppchenmärchen in sein „Deutsches Märchenbuch“ von 1845 auf. Es wurde populär, „hat jedoch nie mit den Hausmärchen der Brüder Grimm um den ersten Platz in der Gunst der Leser gewetteifert.“34 Auf die Grimmsche Fassung wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit noch detaillierter eingegangen.

[...]


1 Wilpert (1969), S.463.

2 Im Folgenden durch KHM abgekürzt.

3 S. Zipes (1982), S. 22.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Rumpf (1989), S. 99.

7 Vgl. Zipes (1982), S. 22.

8 S. Rumpf (1955), S. 4.

9 S. Leubuscher (1850), S.1.

10 Ebd., S. 4.

11 S. Zipes (1982), S. 18.

12 S. Ritz (1983), S. 10 f.

13 S. Rumpf (1955), S. 6.

14 Ebd., S. 8.

15 Ebd., S. 5.

16 S. Calvetti (1975), S. 85 f.

17 Distelmaier-Haas (1986), S. 132.

18 Kühleborn (1982), S. 49.

19 Der karolingische Sagenkreis überliefert, dass einer ihrer Füße vom Treten des Spinnrades gleich einem Gänsefuß verformt und groß war.

20 S. Soriano (1968) / ders ( 1968), S. 429-443 / Rumpf bei Zipes 1982, S. 19.

21 S. Rumpf (1955), S. 8 f.

22 S. Zipes (1982), S. 24.

23 Ebd., S. 25.

24 Ebd., S. 26.

25 Frank (1985), S. 1340.

26 Perrault (1998), enthält keine Seitenzahlen.

27 Ritz (1983), S. 16.

28 Perrault (1998).

29 Ebd.

30 Ritz (1983), S. 15.

31 Ebd.

32 Zipes (1982), S. 41.

33 S. ebd., S. 33.

34 Ebd., S. 47.

Details

Seiten
44
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656801245
ISBN (Buch)
9783656796855
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275324
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
ludwig tiecks leben rotkäppchen tragödie verhältnis märchentradition

Autor

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Titel: Ludwig Tiecks "Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen - eine Tragödie" im Verhältnis zur Märchentradition