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Zwei Seiten des Krieges in Remarques „Im Westen nichts Neues“

Ein Widerspruch in sich?

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die zwei Seiten des Krieges in ÄIm Westen nichts Neues“
2.1 Die negative Seite des Krieges
2.1.1 Leid und Tod
2.1.2 Die zerstörte und betrogene Jugend
2.2 Die positive Seite des Krieges
2.2.1 Frontkameradschaft und die Idylle hinter der Front
2.2.2 Die Andersartigkeit des Krieges

3 Ergebnis: Die Widersprüchlichkeit und der innere Zusammenhang der Kriegsdarstellung

4 Ausblick

5 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

ÄWie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden […].“1 Diese Gedanken hat der Protagonist des behandelten Romans ÄIm Westen nichts Neues“, als er im Lazarett liegt und über den Krieg nachdenkt. Doch Krieg, was ist das?

Mit seinem Kriegsroman ÄIm Westen nichts Neues“ hat Erich Maria Remarque ein Buch geschaffen, dass die Frage, was Krieg ist auf eine ehrliche und unerschrockene Weise beantwortet. Er stellt den Krieg als das darstellt, was er tatsächlich ist: etwas grausames, schreckliches und sinnloses. Kurz gesagt: etwas negatives. Jedoch zeigt er nicht nur eine negative Seite des Krieges auf, sondern auch eine positive. Für jeden Leser führt die Darstellungsweise des Krieges mit einer positiven und einer negativen Seite dazu, sich zu fragen wie das sein kann, denn der Krieg kann nicht gleichzeitig gut und schlecht sein. Genau um diesen scheinbaren Widerspruch, den Remarque hier aufmacht, soll es in der vorliegenden Arbeit gehen. Es soll herausgefunden werden, ob es sich tatsächlich um einen Widerspruch handelt oder ob die beiden Darstellungsweisen möglicherweise in einem inneren Zusammenhang stehen. Um sich der Antwort auf diese Frage zu nähern, werden zuallererst die beiden Seiten des Krieges, die Remarque darstellt, aufgezeigt. Dazu werden für jede Seite zwei Aspekte, die der Darstellung dieser jeweiligen Seite des Krieges dienen, herausgegriffen und ausgeführt. Die beiden Aspekte für die negative Seite des Krieges werden der des Leides und des Todes sowie der der zerstörten und betrogenen Jugend sein. Auf der positiven Seite werden der Aspekt der für die Soldaten so wichtigen und wertvolle Frontkameradschaft und der der Andersartigkeit des Krieges beziehungsweise der Faszination am Krieg als etwas andersartigem, neuem. herausgegriffen. Ist das geschehen soll in Kapitel drei die oben genannte Frage nach der Widersprüchlichkeit und dem inneren Zusammenhang der Kriegsdarstellung zu beantworten versucht werden.

2 Die zwei Seiten des Krieges in „Im Westen nichts Neues“

2.1 Die negative Seite des Krieges

2.1.1 Leid und Tod

Ein weiterer Aspekt, mit dem Remarque die negative Seite des Krieges darstellt, sind Tod und Leid. Er zeigt in schockierend realistischen Darstellungen auf, was Krieg für die Soldatengruppe um Paul Bäumer bedeutet: ÄLeiden, Ausgeliefertsein, zum Tode Verurteiltsein.“2 Remarque stellt diesen Aspekt ausschließlich an den einfachen Leuten, zu denen auch Paul Bäumer und seine Gruppe gehören, dar. Sie gehören alle zur unteren Gesellschaftsschicht, sind Bauern, Fischer oder Handwerker, die auch jenseits der Front ein besonders schweres Leben haben und hart arbeiten müssen. Neben diesen einfachen Leuten stehen vor allem junge Menschen im Fokus des Romans. ÄImmer wieder stellt Remarque deren Hilflosigkeit und Unerfahrenheit dar, nennt sie ‚Kinder‘, ‚Jungen‘ oder ‚Knaben‘, die an der Front nichts zu suchen haben und sinnlos abgeschlachtet werden.“3

Unsere frischen Truppen sind blutarme, erholungsbedürftige Knaben, die keinen Tornister tragen können, aber zu sterben wissen. Zu Tausenden. Sie verstehen nichts von Kriege, sie gehen nur vor und lassen sich abschießen.4

Auch Paul Bäumer und einige andere aus seiner Gruppe zählen noch zu diesen Kindern, auch wenn sie sich selbst immer zu den Äalten Soldaten“5 zählen. An genau solchen einfachen und jungen Leuten, die im Krieg zu Soldaten gemacht wurden, führt Remarque die Dinge auf, die das Leid der Soldaten im Krieg ausmachen: Hunger, Läuse, Ratten, Schmutz, Schmerz, Erniedrigung und Wahnsinn. Paul Bäumer berichtet mehrmals, wie er und seine Kameraden unter den knappen Essensrationen leiden:

Wir ziehen unsere Schmachtriemen enger und kauen jeden Happen dreimal so lange. Doch es reicht trotzdem nicht aus; wir haben verfluchten Kohldampf. Ich bewahre mir eine Kante auf; das Weiche esse ich heraus, die Kante bleibt im Brotbeutel; ab und zu knabbere ich mal daran. […] Wasser fehlt uns auch, aber noch nicht so sehr.6

Die schlechte Versorgung mit Essen ist für die deutschen Truppen mitunter sogar ein Grund zu einem überraschenden Vorstoß gegen die Franzosen, denn die haben genügend und vor allem gutes Essen, was die Deutschen in solchen Vorstößen versuchen zu ergattern, da ihre eigene Ernährung im allgemeinen schlecht ist und sie ständig Hunger haben.7 Ihre wenigen Essensvorräte müssen die Soldaten zudem noch vor den vielen Ratten, die sich in den Gräben tummeln, schützen, denn nicht nur die Menschen müssen in Zeiten des Krieges Hunger leiden, sondern auch die Tiere. So sind auch die Ratten enorm hungrig und machen den Soldaten das Essen streitig.

Wir müssen auf unser Brot achtgeben. Die Ratten haben sich sehr vermehrt in der letzten Zeit […]. Die Ratten hier sind besonders widerwärtig, weil sie so groß sind. Es ist die Art, die man Leichenratten nennt. Sie haben scheußliche, bösartige, nackte Gesichter, und es kann einem übel werden, wenn man ihre langen, kahlen Schwänze sieht. Sie scheinen recht hungrig zu sein. Bei fast allen haben sie das Brot angefressen.8

Doch Rattenplagen und knappe Essensrationen scheinen im Vergleich zu den physischen und psychischen Schmerzen, die die Männer an der Front ertragen müssen noch zu den geringeren Leiden der Soldaten zu zählen. Immer wieder lässt Remarque seinen Erzähler sehr detailliert von Soldaten berichten, die dem psychischen Druck und den psychischen Lasten des Krieges nicht gewachsen sind. Er zeigt ÄFolgen der Bedrohung, wie Wahnsinn, Frontkoller, Desertion und Kurzschlußhandlungen“9 in ausführlichen Szenen auf oder nennt sie immer wieder. Die Soldaten bekommen Angstanfälle oder Panikattacken, die sie, werden sie nicht abgehalten, dazu treiben Äohne Deckung irgendwohin [zu] rennen“10, was meist tödlich endet. Auch die physischen Leiden, also die Verwundungen und Schmerzen, die den Soldaten wiederfahren, sind Ausdruck des Leides, das die Soldaten an und hinter der Front ertragen müssen. Paul Bäumer selbst wird bei einem Angriff gegen Ende des Buches stark verwundet und beschreibt genau seine immer stärker werdenden Schmerzen, die Äwie Feuer brennen […] [und] unerträglich“11 sind. Etwas früher berichtet der Erzähler von einem Rekruten, der bei einem Angriff sehr stark verwundet wird.

Wir legen die Hüfte bloß. Sie ist ein einziger Fleischbrei mit Knochensplittern. Das Gelenk ist getroffen. Dieser Junge wird nie mehr gehen können. […] Jetzt ist er noch betäubt und fühlt nichts. In einer Stunde wird er ein kreischendes Bündel unerträglicher Schmerzen werden.12

Diese Textstelle zeigt deutlich, dass Remarque nicht nur die Schmerzen der Soldaten ausführt, sondern auch die Verwundungen detailgenau beschreibt um die Leiden, die die Männer ertragen müssen noch deutlicher hervorzuheben und die Darstellung des Krieges als etwas wahrhaftig grausames zu unterstreichen. Solche wie oben beschriebenen Verwundungen führen über kurz oder lang zum Tod und der Tod ist in Remarques Roman der Äletzte[…] und höchste[…] Ausdruck des Leidens“13. Tod und Sterben werden, weil es die Grausamkeiten des Krieges noch besser abbildet und unterstreicht, in diesem Roman noch ausführlicher und häufiger dargestellt als alle anderen bisher genannten Leiden. Remarque beschreibt, wie die Soldaten im Trommelfeuer liegen, Äohnmächtig wartend auf dem Schafott“14 und fühlen sich als Äzum Tode verurteilte“15. Häufig wir sehr genau beschrieben, wie ein Soldat stirbt, so wie bei Kemmerich, der bereits ganz zu Beginn des Buches stirbt:

Seine Lippen sind weggewischt, sein Mund ist größer geworden, die Zähne stechen hervor, als wären sie aus Kreide. Das Fleisch zerschmilzt, die Stirn wölbt sich stärker, die Backenknochen stehen vor. Das Skelett arbeitet sich durch. Die Augen versinken schon. In ein paar Stunden wird es vorbei sein.16

Auch die detaillierten Schilderungen des Getötet-werdens liefern ein sachliches, genaues Bild des Grauens. Erleben die Jugendlichen den Tod zu Beginn des Romans noch sehr erschreckt und schockiert, so stumpfen sie im Laufe der Handlung immer weiter ab: ÄWenn man so viele Tote gesehen hat, kann man so viel Schmerz um einen einzigen nicht mehr recht begreifen.“17 Der Krieg wird in ÄIm Westen nichts Neues“ Ädirekt oder metaphorisch mit dem Tod in Verbindung gebracht“18. Verschärft wird das Bild des Krieges als grausamstes aller Dinge durch die Zufälligkeit und damit die Sinnlosigkeit des Todes.19

[...]


1 Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Köln 2011³³.

2 Remarque: Im Westen nichts Neues. S. 93.

3 Rüter: Remarque. S. 94.

4 Remarque: Im Westen nichts Neues. S. 190.

5 Remarque: Im Westen nichts Neues. S. 122.

6 ebd. S. 79/80.

7 vgl. ebd. S. 87

8 ebd. S. 75.

9 Rüter: Remarque. S. 91.

10 Remarque: Im Westen nichts Neues. S. 81.

11 ebd. S. 166.

12 ebd. S. 56/57.

13 Rüter: Remarque. S. 96.

14 Remarque: Im Westen nichts Neues. S. 84.

15 ebd. S. 184.

16 ebd. S. 29.

17 ebd. S. 128.

18 Brandi, Maria/Lehmann, Nicole: ÄUnsere durchsiebten, durchlöcherten Seelen“ - Krieg und Kampf in sprachlichen Bildern bei Erich Maria Remarque, 'Im Westen nichts Neues'. In: Schlosser, Horst D.: Das Deutsche Reich ist eine Republik. Beiträge zur Kommunikation und Sprache der Weimarer Zeit. Frankfurt am Main 2003. S. 29-37. S. 35.

19 vgl. ebd. S. 35.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656683902
ISBN (Buch)
9783656683872
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275407
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,0
Schlagworte
Remarque Im Westen nichts Neues Kriegsliteratur Neue Sachlichkeit

Autor

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