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Rechtliche Vorgaben der Sozialen Arbeit und ihre Umsetzung: Jugendhilfe

Hausarbeit 2011 10 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Strukturelle Begünstigung negativer Fallverläufe - drei Hypothesen
1.1. Vorbemerkung
1.2. Kategorisierung der Adressaten durch Zuordnung zu Paragraphen
1.3. Sabotage einer Partizipation durch Interessenskonflikte
1.4. Fehler bei der Auswahl von Angeboten/Fachkräften generieren Scheitern

2. Fünf Standards für eine positive Fallwendung

3. Möglichkeiten / Folgen neuer Trägerstrukturen für eine Fallbearbeitung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Strukturelle Begünstigung negativer Fallverläufe - drei Hypothesen

1.1. Vorbemerkung

„Alle Kinder müssten doch jemanden haben, der sie ermahnt, ... Und darum bestimmten alle Mütter und Väter, dass das kleine Mädchen in der Villa Kunterbunt sofort in ein Kinderheim solle.“ Kurz darauf fanden sich zwei Polizisten ein, die das Kind abholen wollten.[1],[2] Diese Sätze spiegeln eine gesellschaftliche Einstellung zu abweichenden kindlichen Lebenssituationen (Schweden 1945), und bei Betrachtung der vorliegenden Fallgeschichten[3] scheint sich trotz ausführlicher - wenn auch manchmal ungenauer[4] - moderner rechtlicher Vorgaben, für manche daran nicht viel geändert zu haben.[5]

1.2. Kategorisierung der Adressaten durch Zuordnung zu Paragraphen

In Hinblick auf die vorgegebenen Strukturen Sozialer Arbeit ergibt sich zunächst, dass die Gesetzgebung oft nicht im Sinne des Adressaten angewandt wird, sondern im Gegenzug der Adressat selbst den im Gesetz genannten Verfahren zugeordnet wird.[6] Die „Karrieren“ des Kindes Robert, aber auch des Jugendlichen A. zeigen ein „Schnittstellen-Problem“ auf, jeweils dort, wo Subsumption stattfindet. Die Auslegung des KJHG obliegt den Fachkräften der tätigen Träger in Übereinkunft mit dem finanzierenden örtlichen Träger.[7] So werden sozialpädagogische und therapeutische Hilfeformen kategorisiert als „Fälle von“[8] verschiedenen Verfahren, die wie generalisierte Schlagworte verwendet werden. Träger können sich Verantwortungen entziehen, wenn sie nur genug Bezüge zu bestimmten gesetzlichen Regelmöglichkeiten herstellen können.[9],[10],[11] Die Schwelle der Überforderung einer Fachkraft ist ausschlaggebend für die Grenzen der Hilfe.[12] Der Betroffene ist meist nicht umfassend informiert über seine Rechte und Möglichkeiten,[13] und die Feststellung des eigentlichen, oft in der Biographie verankerten Hilfebedarfs wird „machbaren“, arbeitssparenden und nicht integrierenden Arbeitsansätzen[14] geopfert.[15],[16] So nimmt das dargestellte System hin, was Usus geworden ist,[17] und grenzt aus, was sich der „...Einflußnahme (sic!) entziehen will“[18].

1.3. Sabotage einer Partizipation durch Interessenskonflikte

Die unterschiedlichen Interessen der Perspektiven von Trägern, Fachkräften und Adressaten können eine reguläre Partizipation sabotieren. Das „Auseinanderklaffen von Lebensrealität und politisch-pädagogischen Programmen...“[19] bezüglich der jugendlichen Leistungsempfänger stellt eine eigene Problematik dar. Partizipation wäre hier, dass die Betroffenen bei der Erstellung z. B. von Hilfeplänen idealerweise zumindest in Grundzügen über Rechte und Abläufe informiert sein sollten, was man aber i. d. R. bei den Adressaten nicht annehmen kann[20]. Meistenteils interessiert sie die bloße Dienstleistung und deren Ergebnis. Die Fachkräfte wiederum fordern vom Träger die fachlichen Standards als erforderliche Arbeitsvoraussetzungen für das Erbringen ihrer Dienstleistung. Die freien Träger beachten hauptsächlich ihre ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen, und die Kostenträger ihr Finanzpotential.[21] In den beiden Falldarstellungen hatten die Eltern keine realistische Möglichkeit zur Partizipation, und die Kinder waren diejenigen, die die Probleme „hatten“[22], die sich also nicht selbst helfen konnten. Die Fachkräfte unterlagen der Routine, wie die Psychologen im Fall Robert, oder waren menschlich überfordert.[23] Das Jugendamt im Fall A. veranlasste alles, was aus seiner Sicht nötig war[24], aber hatte keinen Einfluss auf die Umsetzung der Leistungen, und A. entzog sich – letztlich unverstanden .[25]

1.4. Fehler bei der Auswahl von Angeboten/Fachkräften generieren Scheitern

Die Freiheit der Träger bei der Auswahl der Fachkräfte und Angebote generiert z. T. untaugliches Vorgehen. Die Eignung einer Leistung hängt maßgeblich nicht nur von der gebotenen Fachlichkeit, sondern auch dem Jugendhilfeverständnis ab.[26] So war das Verständnis von Jugendhilfe[27] in den neuen Bundesländern im Fall Robert vorrangig noch an der ehemaligen sozialistischen Interessenswahrung orientiert[28], und die Sozialadministration zu Anfang der 90er Jahre aufgrund ihrer schwachen Personaldecke[29] und der Mitarbeiter-Sozialisation m. E. noch nicht in der Lage, die rechtlichen Grundlagen des KJHG wünschenswert umzusetzen. Die ausgeprägte Normenverinnerlichung der früheren DDR-Heimpädagogik setzte sich in manchen Punkten bezüglich des angewandten Pädagogikbegriffs noch durch.[30] Im Fall Robert war eine sehr frühzeitige medikamentöse Behandlung und deren Folgen für den Jungen[31] wohl der Tendenz von Organisationen geschuldet, einmal entwickelte Entscheidungsroutinen zu verfestigen.[33] Im Falle des A. kamen „unprofessionelle“ Betreuungspersonen zum Zuge[33], von denen er zwar positiv beeindruckt war, deren Einfluss jedoch nicht nachhaltig blieb, so absolvierte er eine „Angebotstour“, die letztlich Halt- und Orientierungslosigkeit hinterließ.[34]

[...]


[1] vgl. Lindgren 1986, S. 45

[2] Kollidiert mit dem Artikel 37 der UN-Kinderrechtskonvention und BGB § 1631 b

[3] vgl. Blandow 1997, Niemeyer 1997

[4] vgl. Arnold 2003, S. 6 „Aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ableitbare Regeln...“

[5] Der kleinen Pippi Langstrumpf blieb die womöglich folgende „Heimkarriere“ im Gegensatz zu Robert und A. erspart, weil sie a) über genügende finanzielle Mittel verfügte, und b) in einer Gesellschaft lebte, in der die „Kraft“ eines Adressaten noch ausreichte, um unerwünschte Interventionen auf Distanz zu halten – der Charakter der Geschichte ist märchenhaft.

[6] vgl. Arnold 2003, S. 10

[7] ebd., S. 10

[8] vgl. Müller 2009, S. 42

[9] vgl. Niemeyer 1997, S. 4

[10] vgl. Blandow 1997, S. 175

[11] SGB VIII, §§ 78a)-d), auch §§ 34-35a)

[12] vgl. Niemeyer 1997, S. 3 und Blandow 1997, S. 175/176

[13] vgl. Arnold 2003, S. 11

[14] ebd., S. 9

[15] vgl. Niemeyer 1997, S. 5 „...business as usual.“

[16] vgl. v. Spiegel 2011, S. 87

[17] vgl. Blandow 1997, S. 179

[18] vgl. Niemeyer 1997, S. 10

[19] vgl. Münchmeier, S. 818

[20] vgl. Arnold 2003, S. 11

[21] ebd., S. 24/25

[22] vgl. Niemeyer 1997, S. 1

[23] vgl. Blandow 1997, S. 176

[24] ebd., S. 178

[25] ebd., S. 180

[26] vgl. Arnold 2003, S. 7

[27] vgl. Kuhlmann, S. 110 „..., sodass es keinen Sonderbereich wie die Jugendhilfe mehr brauchte.“

[28] vgl. Seidenstücker 2005, S. 237-241, Jugendhilfe

[29] ebd., S. 239 „Die insgesamt lediglich ca. 1500 hauptamtlichen Mitarbeiter...“

[30] vgl. Niemeyer 1997, S. 5 und 12, sowie Herrmann 2007, S. 7 „Auf gute Tischmanieren achten“ - im Zusammenhang mit Essstörungen (!)

[31] vgl. Niemeyer 1997, S. 3

[32] vgl. Arnold 2003, S. 13

[33] vgl. Blandow 1997, S. 174 die Tagesmutter, und S. 176, eine „Erzieherfamilie“

[34] ebd., S. 180

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656684978
ISBN (Buch)
9783656685012
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275503
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Organisation Soziale Arbeit

Autor

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Titel: Rechtliche Vorgaben der Sozialen Arbeit und ihre Umsetzung: Jugendhilfe