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Familie. Eine multidisziplinäre Einführung

Human- und Gesellschaftswissenschaften am Beispiel der Institution Familie

Hausarbeit 2011 32 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Multidisziplinärer Blick auf Familie - Vorbemerkung

2. Familie im historischen und gesellschaftlichen Kontext

3. Erfassen von „Familie“ mit soziologischem und psychologischem Instrumentarium

4. Entwicklung und Erziehung in der Familie

5. Familienalltag am Beginn des 21. Jahrhunderts – ausgewählte Aspekte

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorausschicken möchte ich, dass ich nicht mit kompletten Familien arbeite, sondern in Maßnahmen (BaE, abH, VBO) der Agentur für Arbeit im Rahmen der Kolping-Bildungs-gGmbH Diözese Augsburg mit lern- und verhaltensauffälligen oder behinderten Jugendlichen. So habe ich nur indirekt Kontakt zu den betroffenen Familien, da die Jugendlichen ihre Problematiken in den Unterricht „mitbringen“. Umso mehr bemühe ich mich um Einblicke, wie die Jugendlichen in die jeweiligen Maßnahmen gekommen sind bzw. wie man ihre Konflikte im Privat- und Familienleben für sie fassbar und bewältigbar machen kann. Ich bin 52 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Töchter im Alter von 14 und 22 Jahren und einen 2-jährigen Enkelsohn.

1. Multidisziplinärer Blick auf Familie - Vorbemerkung

Diese Arbeit spiegelt in einem kurzen Abriss Thesen, Theorien und Erkenntnisse zu dem Komplex und Begriff „Familie“. Aufgrund der vielfältigen Facetten ergibt sich in der Praxis die Notwendigkeit, mithilfe verschiedener Disziplinen dieses Thema zu beleuchten. Explizit betrachtet wird Deutschland regional als Vertreter der westlichen Industrienationen. Ich gehe aus von der Auffassung nach Nave-Herz (2009): Es konstituieren das Bestehen zweier Generationen, wechselseitige Fürsorge und die „biologisch-soziale Doppelnatur“ (König, 1946) die „Familie“. Die Abhandlung durch die diversen Disziplinen stellen sich mir als fünf „W-Fragen“ dar:

Warum? Die Beantwortung dieser Frage übernimmt die Familienpsychologie. Zuhilfegenommen werden Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie und Interaktionsforschung. Die individuelle psychische Entwicklung eines jungen Menschen in der Familie und seinem sozialen Umfeld wird vor allem betrachtet, weil in ihr oft späteres Verhalten wurzelt. Wie ? Unter Berücksichtigung des Zeitfaktors, der sich durch Prozesse ausdrückt, werden Kommunikation, Interaktionen und Lernen beobachtet. Dies ist Aufgabe der Erziehungswissenschaft (Pädagogik), die oft erst interveniert, wenn Weitergeben von „...psychischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten...“ (Marx 2011, S. 6) durch elterliche Erziehung nicht gelingt. Wer ? Soziologische Theorien untersuchen die diversen, evtl. tradierten Rollen innerhalb der Familie, die Rolle der Familie in der Gesellschaft und Entwicklungen im Rahmen von Strukturen. Außerdem werden verschiedene Familienformen und/-konstellationen beleuchtet. Wessen Interesse ? Sozialpolitik behandelt die Familie im gesellschaftlichen Interesse und regelt rechtliche Verhältnisse, um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu erhalten bzw. herzustellen. Woher ? Der Begriffskomplex „Familie“ unterlag im Laufe der Geschichte wechselnden Vorstellungen, die mit einem historischen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und politisch/wirtschaftlich/soziale Umstände eingeordnet und analysiert werden.

M. E. letztlich ausschlaggebend für Folgerungen aus Familienentwicklungen und -interaktionen ist die Historie, da Überlebensstrategien tradiert wurden, welche heute überdacht und ggfs. geändert oder gelöscht werden müssten, um Emanzipation und Gerechtigkeit in den Familien zu gewährleisten. Genaue Analysen helfen dabei, die unveränderten menschlichen Verhaltensmuster aufzuzeigen und zu berücksichtigen. Liegen Muster fest, können daraus die diversen Disziplinen Konsequenzen ermitteln.

2. Familie im historischen und gesellschaftlichen Kontext

Den ersten grundlegenden Einblick in „Familie“ erhält man durch die Betrachtung der Verhältnisse und Entwicklungen, in und mit denen Menschen im Laufe der Zeit leben. Gesellschaftliche Veränderungen in Hinblick auf Politik, Wirtschaft und Technik brachten entsprechende Veränderungen der Familiengrößen, Lebensorte, Wirtschaftskraft und Bildungs- und Kulturangebote mit sich. Statistiken erfassen Haushaltszahlen, temporale und formale Strukturdaten, um politisch und wirtschaftlich reagieren zu können, wenn starke soziale Differenzen auftreten. So kristallisieren sich im Verlauf des bearbeiteten Modultextes etliche Thesen heraus, von denen hier zehn Aussagen aufgegriffen werden.

1.: Es ist zu berücksichtigen, dass die Verwandten-Familie und deren Gründung durch eine in Liebe begründete Eheschließung (rechtlich und kirchlich) ein historisch relativ junges Modell ist. Nach Sippe (multilokal mit Blutsverwandtschaft) und Haushaltsfamilie (durch Produktionsmittel standortgebunden, mit erweiterter Erbregelung) folgte die Aufspaltung des „Hauses“ in kleinere Einheiten und Haushalte, vornehmlich durch Abwanderung in die im 18. Jahrhundert wachsenden und nach den napoleonischen Kriegen bürokratisierten Städte. Es fielen Betrieb und innerer Kern der Familie auseinander, arbeitsmäßige „Rationalität“ wurde von „Sentimentalität“ (Brunner 1988 in: Marx, S. 8) in den menschlichen Beziehungen getrennt. Dies fand größtenteils in den geschichtlichen Phasen der „Aufklärung“ (1720-1800) und „Romantik“ (1798-1835) statt.
2.: Folgt man dem Gedanken von Beck über die „Risikogesellschaft“ (1986), so produziert die mit dem Prozess der Industrialisierung verbundene Modernisierung technisch-ökonomisches Wachstum und bringt ökologische sowie soziale Risiken mit sich. Reflexionen hierüber finden sich auch in der Medienszene (STS1987, http://www.youtube.com/watch?v=ncnRAmFq2Io - Letzter Zugriff: 12.11.11).
3.: Soziale Mikrostrukturen ändern sich. Biographien lösen sich ab von tradierten Mustern und werden aufgrund ihrer steigenden Freiheitlichkeit, aber auch Unübersichtlichkeit komplizierter. Es findet eine dreifache Individualisierung statt (Beck 1986: 2006). Kinder mutieren zum einzig festen Punkt in der Familie.
4.: Es existiert ein feststellbarer Familienzyklus, zentrale familiale Ereignisse in einem Menschenleben werden in der Familienforschung (Beginn des 20. Jh.) aufgegriffen, nach dem 2. Weltkrieg dominiert die Vorstellung, dass die altersspezifische Entwicklung der Kinder phasenweise [„...Vorschulalter, im Schulalter und in der Adoleszenz sowie nach dem Auszug.“ (Marx, S. 15)] das Eltern-Kind-Verhältnis prägt. Kritikfähig ist hierbei die Festlegung auf geringe Kinderzahl, das Außer-Acht-Lassen von eventuellen Zweit- und Drittfamilien sowie ledigen Müttern.
5.: Feste Partnerschaften werden zu einem biographisch späteren Zeitpunkt eingegangen, weil Adoleszenz und Ausbildung länger dauern und mehr mögliche Partner „ausprobiert“ werden können. So sinkt auch die Kinderzahl und verkürzt damit die eigentliche Familienphase, die nachelterliche Phase wird entsprechend länger.
6.: Die Verkürzung der Familienphase auf ca. ein Viertel der Lebenszeit ermöglicht als Konsequenz, eine Zweitfamilie mit nochmals dem gesamten Familienzyklus zu gründen.
7.: Ehe und Familie haben einen Bedeutungswandel, aber keinen Bedeutungsverlust erfahren.
8.: Die Kernfamilie ist eine „ Normalitätsfolie“. (Marx, S. 18) Die Ehe mit Kindern ist nach wie vor statistisch und nach Ansicht der Bürger das Normalmaß.
9.: „Für die Identitätsbildung der Kinder ist es wichtig, dass sie wissen, wer ihr biologischer Vater ist.“ (Marx, S. 22) Dies ist bedeutsam vor allem unter dem Aspekt der Pluralität der Familienformen und Familien-Entstehungsformen, bei denen gleichgeschlechtliche Elternteile, reproduktionsmedizinisch entstandene Elternschaft und auch Adoption eine Rolle spielt. Diese These wird belegt durch den Verweis auf die Website der Spenderkinder und C. Hoffmann-Riem (1998).
10.: Zunehmend entstehen für Kinder sog. bi-nukleare Familiensysteme,
in denen nach Trennung/Scheidung beide Elternteile sorgeberechtigt sind, und sich die Kinder auch annähernd gleich oft in beiden Familien aufhalten.

Wichtig erscheint mir besonders, dass trotz pluralisierter Familienformen noch am idealisierten Familienbild festgehalten wird. Die Vater-Mutter-Kind-Familie wird auch in den Medien immer wieder genannt, m.E. um eine gewisse Sicherheit zu illustrieren, an der sich bei zunehmender Komplizierung des täglichen Lebens, Vereinzelung, körperlicher und kommunikativer Entfremdung durch elektronische Medien die Individuen mit ihrem Bedürfnis nach sozialem Anschluss festhalten können. Dessen muss sich ein Sozialarbeiter/Sozialpädagoge bei Familienberatungen bewusst sein, um den Eltern/Erziehungsberechtigten Ängste zu nehmen und Entscheidungen zu erleichtern. Eine „Grundsicherheit“ der Klientel könnte das Aufzeigen und Annehmen neuer Wege und Ansichten möglicher machen.

3. Erfassen von „Familie“ mit soziologischem und psychologischem Instrumentarium

Die Familie bietet ein weites Feld, mit dem man sich befassen kann. Für die meisten Menschen ist es grundsätzlich wichtig, sich im „eigenen Haus“ zurechtzufinden, und mit den anderen Familienmitgliedern lebenswerte Konstellationen und Interaktionsgrundlagen zu erreichen. Als Beispiel für wissenschaftliche Analysetätigkeit und Versuche, Komplexität in Systematik zu fassen, sind hier soziologische und psychologische Ansätze genannt. Die drei mir vorliegenden Überblicke soziologischer Theorien scheinen die Familie von „außen“ weitergehend nach „innen“ zu katalogisieren. Der Strukturfunktionalismus (Abb. 1-4) nach T. Parsons (1902-1979) gibt ein Raster vor, welches den festgestellten Strukturen Funktionen zuordnet. Sehr streng bleibt die Theorie im Beschreiben der „Bausteine“ oder Segmente, die strukturell organisiert gesehen werden und letztlich die Gesellschaft mit ihren Überlebensmechanismen übersichtlich skizzieren. Ich schließe mich insofern der Kritik Luhmanns an, als die Strukturen an sich nicht infrage gestellt, sondern hingenommen werden. Nur die Bedürfnisse der Individuen werden als „Motor“ für die Differenzierung gesellschaftlicher Systeme und des Ausbaus von Institutionen für die verlangte Bedürfnisbefriedigung betrachtet. In diesem Zusammenhang werden mit dem Konstrukt Familie fünf Funktionen verknüpft, die zwar bei ihrer Erfüllung das wahrscheinliche Einfügen der beteiligten Individuen in die Gesellschaft ermöglichen, aber nur im fünften und letzten Punkt seelische Regungen, Emotion, vermerken. Das von Parsons entwickelte AGIL-Schema analysiert soziale Phänomene jeweils zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Ob es geeignet ist, die Existenz von Systemen, ihre Entstehung oder den Grund ihres Fortbestehens zu erklären, kann infrage gestellt werden. Erklärt wird nur „…die zum jeweiligen Zeitpunkt gegebene Erfüllung des betreffenden funktionalen Erfordernisses.“ (Schimank 2000, S. 102). Kritikfähig wäre auch die Geschlossenheit des Schemas, als „Sackgasse in der Entwicklung einer spezifisch soziologischen Systemtheorie“ (Schimank 2000, S. 40), weil zur Beschreibung gesellschaftlicher Zustände, auch bei weiteren Differenzierungen, nur die vier AGIL-Funktionen dienen. Schließlich werden, der theoretischen Konsequenz folgend, der eigene Impetus der Akteure ausgespart, irrationale Handlungen ignoriert. Denn nicht nur Bedürfnisse steuern den Menschen, seine Überlegungen und Ziele dienen nicht nur dem bloßen Überleben mit und in der Gesellschaft. Einige große Religionen (Buddhismus, Islam, Christentum), die doch sehr gesellschafts- und strukturprägend sowie gesetzesstiftend waren und sind, haben als Zentralpunkte Persönlichkeitsmuster, die im Ursprung konträr zu den Strukturen ihrer jeweiligen Zeitgesellschaft standen. So kann ich den Strukturfunktionalismus als dachgebende Gesellschaftstheorie verstehen, als Matrix verwenden, die zum tieferen Verständnis von „Familie“ als äußerer Rahmen fungiert. Im Zuge der teilweise recht rasanten gesellschaftlichen Sprünge in sozialer und politischer Richtung - bedingt durch Kriege und technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt - und den damit einhergehenden gestiegenen Anforderungen an die Familie sahen Soziologen die Notwendigkeit, diese Grundtheorie anzupassen. Weiterentwicklungen (Abb. 5) fanden in zwei Richtungen statt. Einerseits sich orientierend an der Familienform- und Selbstbildentwicklung, sog. modernisierungstheoretische Ansätze, andererseits eine Konkretisierung der allgemeinen Systemtheorie, die Familiensystemtheorie. Die vier Aspekte der Charakterisierung des Familienlebens nach K. A. Schneewind werden „persönlicher“ und für meine Sicht greifbarer als die Beschreibungen der Familienfunktionen im Strukturfunktionalismus, im Sinne einer Betrachtungsweise, die sich dem Menschen nähert. Die Formeln der Ganzheitlichkeit der Familie, der Zielorientierung ihres Handelns, der regelmäßigen Interaktionen innerhalb der Familie und die Notwendigkeit der Homöostase und daraus folgendem anpassenden Gestaltwandel sind schon nah an lebendiger Familienwirklichkeit angesiedelt. Die Anwendung der Modelle in Familientherapie und Familienpsychologie ist sinnvoll, wie eine Studie der Barmer GEK in der Publikation "Gesundheitswesen aktuell 2011" zeigt. Es werden z. B. zunehmend Depressionen und andere psychische Erkrankungen, häufig schon im Kindesalter, diagnostiziert, die Familien oft stark in ihrer Handlungsfähigkeit, alltäglichen Interaktionen und erforderlichen Abläufen einschränken. Auch Aggressionen innerhalb von Familien nehmen durch stärkeren, nicht ausgleichbaren Druck der Außenwelt zu. „2. Gewalthandeln in Familien scheint aufeinander bezogen und zugleich in voneinander abgekapselten, akteurzentrierten Deutungssystemen stattzufinden. Man könnte es paradox als soziales Handeln ohne Perspektivenübernahme beschreiben. 3. Dennoch folgen die Schilderungen und Erklärungen der Akteure sozial vorstrukturierten Handlungsentwürfen.“ (Honig 1987, S. 64) Noch näher am Menschen, dem zentral behandelten Subjekt der Sozialen Arbeit schließlich ist von den vorliegenden soziologischen Ansätzen die interpretative Soziologie. Vorgestellt wird als eine ihrer wichtigsten Quelltheorien der Symbolische Interaktionismus. (Abb. 6) Er steht in seinem Interaktionsbild und in Bezug auf die hier autonom entsprechend ihrem eigenen Bedeutungssystem agierenden handelnden Individuen ergänzend, aber auch etwas quer zu der Theorie des Strukturfunktionalismus. „Gleichgültig, ob man Kultur als Konzept nun als Brauch, Tradition, Norm, Wert, Regel oder ähnliches definiert, sie ist eindeutig abgeleitet von dem, was die Menschen tun. Ähnlich bezieht sich soziale Struktur in jedem ihrer Aspekte, wie sie durch solche Begriffe wie soziale Position, Status, Rolle, Autorität und Ansehen wiedergegeben werden, auf Beziehungen, die aus der Art der Interaktion zwischen verschiedenen Personen abgeleitet sind.“ (Blumer, S. 86) G. H. Mead als Sinnstifter und die Grundzüge des symbolischen Interaktionismus vorgebenden Theoretiker war es wichtig, die Facetten des Individuums in dessen Innenwelt darzustellen, er sprach von „I“, „me“ und „self“, übersetzt als “Ich“ und „ICH“, auch bezeichnet als „impulsives Ich“ und „reflektierendes Ich“, sowie das „self“ als „bewusstes Selbstverhältnis des Individuums“ (Jörissen 2010, S. 91 f.). Es konkretisiert sich die Theorie von einem sein beseeltes Universum selbst erschaffenden, in Bedeutungen und Interpretationen interagierenden Individuum im Menschen und ist auch intuitiv aus sich heraus verständlich, deshalb ist sie für mich in meiner Arbeit mit lern- und verhaltensauffälligen Schülern sehr nützlich.

Sehe ich die „Familie“ als Zentrum innerhalb dieser drei Theorien und Konzepte, so kann ich, je nach meiner gestellten Ausgangsfrage, den Weg über einbettende große Strukturen, Rollen, Regeln, Interaktionsmuster und personelle Bedeutsamkeiten zu einer brauchbaren Antwort für jeweils ein spezifisches Familienproblem finden. Auch wenn aus meiner Sicht ggfs. Kritikpunkte festzumachen sind – kein Konzept kann alle Phänomene erklären - , ist dieses Instrumentarium mit seinen dazugehörigen Gedankengängen unerlässlich für meine Arbeit.

Wird so in der Soziologie auch das Individuum in seinen Zusammenhängen betrachtet, geht die Psychologie (Abb. 8) auf das Seelenleben der Menschen, dessen Entwicklung und Entwicklungsbedingungen ein. Die verschiedenen traditionellen Richtungen der Psychologie werden berührt und verbunden durch die in neuerer Zeit entstandene Familienpsychologie, deren Aufgabe darin besteht, Familiensystembeziehungen abzuklären und die Reaktionen sowohl des komplexes Systems als auch einzelner Familienmitglieder auf Stresssituationen zu verfolgen und zu registrieren. Ein wichtiges Werkzeug der Therapeuten ist die Psychoanalyse (Abb. 9) nach Sigmund Freud, die ein komplexes, vielseitig verwendbares Begriffssystem besitzt. Freud widmete sich dem Unterbewussten auf der Suche nach Ursachen und Bedeutungen seelischer Krankheiten, um Heilungsmöglichkeiten zu finden, dabei erkannte er eine Struktur im Bewussten und Unbewussten, die als „erstes topisches Modell der psychischen Persönlichkeit“ bezeichnet wird. (Abb. 10) Diese Überlegung ist vermittelbar als räumliches Modell, das „Eisbergmodell“, und verharrt nicht in bloßer sprachlicher Beschreibung. Dieser räumliche Aspekt macht mir den Theorieansatz greifbarer, förmlich realitätsnah. Dadurch, dass mir modellhaft klargemacht wird, wie sich Bewusstes zu Unterbewusstem verhält und dass bestimmte Dinge nur im Kontext einer Therapie zugänglich sind, erhöht sich meine Verständnisfähigkeit für meine Klientel und ihre familienbedingten strukturellen Problemstellungen. Populärer ist noch das „Strukturmodell der psychischen Persönlichkeit“ (Abb. 11), mit seiner Trennung von „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“. Hierauf wird oft in der Analyse von Interaktionen Bezug genommen, z. B. bei Dr.med. Bernes (1910-1970) Aufschlüsselung von „Spielen“ innerhalb von Gesellschaft und Familie. Diese „Spiele“ beziehen sich u.a. auf Abläufe und Konstellationen in Alkoholikerfamilien, Schuldensituationen oder sexuelle Paarprobleme. (Berne 1970, S. 87-102, 124 f.) Die Jugendlichen in „meinen“ Maßnahmen stammen oft aus Familien, in denen solche Konstellationen vorliegen, die Eltern sind eventuell auch körperlich oder seelisch krank, oder die Jugendlichen leben z. B. nur mit einem Elternteil zusammen. Allein schon um hier Möglichkeiten des „Leben-Lernens“ zu eröffnen, kann ich die jeweiligen Befindlichkeiten und Familien meiner Klientel nicht unberücksichtigt lassen. Freud hat in seiner Forschung die Entwicklung der Kinder – auch im Familienverbund – beobachtet und in Phasen aufgeteilt. Dabei muss man berücksichtigen, dass bei entwicklungsgestörten Kindern diese Phasen auch unterschiedlich lang dauern können bzw. eine Phase noch nicht abgeschlossen sein könnte, wenn eine andere schon anfängt. Die Jugendlichen, mit denen ich arbeite, sind zum großen Teil noch in der Adoleszenz, auch wenn sie schon 20 Jahre und älter sind. Die Ansprüche in ihrer beruflichen Ausbildung werden jedoch an Erwachsene gestellt, so dass stets Konfliktpotential und eine Kluft zwischen sozialen Fähigkeiten und Anforderungen vorhanden sind. Betrachte ich meine Klientel in Hinsicht auf Entwicklungsstände und die Eltern dazu, kann ich sie in meiner Arbeit eher „da abholen, wo sie stehen.“

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656684718
ISBN (Buch)
9783656684725
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275504
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Familie

Autor

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Titel: Familie. Eine multidisziplinäre Einführung