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Die Rolle der Erstprache im Zweitsprachenerwerb

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ziel und Gegenstand der Arbeit

2 Zweitspracherwerb

2.1 Grundlegende Aspekte des Zweitspracherwerbs

2.2 Theorien des Zweitspracherwerbs

3 Transfer in der aktuellen Disskussion

4 Implikationen für die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Ziel und Gegenstand der Arbeit

„Was ganz ohne jeden Zweifel in aller Natur nur die Menschen besitzen, das ist […] die Fähigkeit, mehrere natürliche Sprachen zugleich oder nacheinander zu lernen.“ (List 1982:149)

Das Lernen einer neuen Sprache gehört zu den alltäglichen Dingen der Welt. So beherrschen mittlerweile viele Menschen neben der Erstsprache eine weitere Sprache, manche sogar mehrere, die mehr oder weniger ausdifferenziert sind. Der Zweitspracherwerb ist ein komplexes Phänomen, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Neben dem Erwerbskontext und lernerbezogenen Faktoren wie z.B. Alter und Begabung spielt auch dieErstspracheeine Rolle für den Verlauf des Zweitspracherwerbs, indem der Lerner strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der Erst- und der Zielsprache feststellt und diese in sein lernersprachliches Wissen integriert. Die Einschätzungen zum Transfer, d.h. zum Einfluss des erstsprachlichen Wissens auf die Zweitsprache, gehen in der Spracherwerbsforschung weit auseinander und werden kontrovers diskutiert. Eine klare Lösung ist nicht in Sicht. Fest steht jedoch, dass kaum jemand, der sich mit dem Zweitspracherwerb beschäftigt, das Transferphänomen unberücksichtigt lassen kann. Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die kontroverse Diskussion hinsichtlich der Bedeutung der Erstsprache für den Zweitspracherwerb zu geben.

Dabei sind folgende Fragestellungen von zentraler Bedeutung:

Inwiefern wird der Zweitspracherwerb durch die Erstsprache beeinflusst? Welche unterschiedlichen Auffassungen werden diesbezüglich vertreten? Welche Rolle spielt die Erstsprache in der Zweitsprachendidaktik?

Nach einigen definitorischen Anmerkungen zurZweitsprachesollen zunächst einige grundlegende Aspekte zum Spracherwerb dargestellt werden. Um einen Einblick in die kontroverse Diskussion zu geben, werden daraufhin einige wichtige theoretische Ansätze zum Zweitspracherwerb vorgestellt. Im Anschluss daran wird die Bedeutung des Transfers im Spracherwerbsprozess in der aktuellen Diskussion thematisiert. Auf Basis dieser Erkenntnisse wird die Bedeutung der Erstsprache in didaktischen Konzepten dargestellt. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung.

2 Zweitspracherwerb

2.1 Grundlegende Aspekte des Zweitspracherwerbs

Das Ziel eines Menschen, der sich eine Zweitsprache aneignet, ist es eine sprachliche Kompetenz aufzubauen und dabei in der Regel dem Niveau der Zielsprache möglichst nahe zu kommen. Dieser Aneignungsprozess kann unter sehr unterschiedlichen Bedingungen erfolgen und je nachdem, auf welche Weise, in welchem Alter und mit welchen Zielen die neue Sprache erworben wird, kann man verschiedene Formen des Zweitspracherwerbs unterscheiden. In der Zweitsprachenerwerbsforschung ist insbesondere die Unterscheidung zwischen ungesteuertem und gesteuertem Spracherwerb von großer Bedeutung. Von ungesteuertem Zweitspracherwerb spricht man dann, wenn der Spracherwerb in einer Umgebung stattfindet, in der die Zielsprache gesprochen wird. Dieser Prozess vollzieht sich weitgehend unbewusst und ohne formale Unterweisungen, vielmehr wird die Zweitsprache in natürlichen Alltagssituationen erworben. Der gesteuerte Zweitspracherwerb, häufig auch als Fremdsprachenerwerb bezeichnet, erfolgt hingegen systematisch infolge bewusster Lehrmaßnahmen bzw. Selbstlernmaßnahmen in der Regel in einem institutionellen Rahmen. Als Beispiele par excellence sind insbesondere Sprachunterricht in der Schule oder Sprachkurse an der Universität zu nennen. (vgl. Klein 1984:28ff) Die Grenzen zwischen gesteuertem und ungesteuertem Zweitspracherwerb sind jedoch teilweise fließend, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Grad der Bewusstheit des Lernprozesses für den Lernenden nicht immer reflektierbar ist.

Ebenfalls besteht in der Spracherwerbsforschung keine klare Trennung zwischen dem Erst- und dem Zweitspracherwerb, da letzerer jederzeit einsetzen kann, während ersterer noch läuft. (vgl. ebenda:27) Im Rahmen dieser Hausarbeit bezeichnetZweitspracheeine Sprache, die neben der Erstsprache gesprochen werden kann und deren Erwerb, anders als beim Bi- oder Multilingualismus, nachzeitig zum Erstspracherwerb erfolgt. Die Erstsprache ist somit zu Beginn des Zweitspracherwerbs bereits weitgehend ausgebildet. Der BegriffErstsprachesoll an dieser Stelle nicht problematisiert werden und im Folgenden als die Sprache verstanden werden, die das Kind als Erstes erwirbt, mit der es aufwächst und die es zur spontanen Kommunikation nutzt.

Der Erwerb der Zweitsprache weist einige Gemeinsamkeiten zum Erstspracherwerb auf. So sollen beide Spracherwerbsformen im Ergebnis das Gleiche leisten, nämlich neue sprachliche Informationen über einen längeren Zeitraum, im optimalen Fall für ein Leben lang, im Gedächtnis speichern und anwenden. Das zentrale Ziel sowohl des Erst- als auch des Zweitspracherwerbs ist dabei die Ausbildung einer kommunikativen Kompetenz. Darüber hinaus bestehen gewisse Ähnlichkeiten in der prozessualen Vorgehensweise des Erst- und Zweitsprachenlerners. In der Spracherwerbsforschung besteht die Annahme, dass in beiden Erwerbsprozessen die gleichen kognitiven Mittel verwendet werden. (vgl. Vogel 1990: 99ff) Trotz der Gemeinsamkeiten beruhen die beiden Spracherwerbsformen auf sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, wobei der offensichtlichste Unterschied darin besteht, dass der Zweitsprachenlerner deutlich älter ist als der Erstsprachenlerner, welcher seine Sprache im Kleinkindalter erwirbt. Anders als beim frühen Erstspracherwerb ist der Zweitsprachenlerner mit einem entwickelten Artikulationsapparat und einem ausgereiften Zentralnervensystem ausge- stattet. Damit entfallen Einschränkungen, die beim Erstspracherwerb wirken. Im Gegensatz zum Zweitspracherwerb erwirbt ein Kind mit der Erstsprache seine soziale Identität, einen erheblichen Fundus an Sprachwissen sowie Welt- und Erfahrungswissen. Auf all das kann der Zweitsprachenlerner in seinem Lernprozess zurückgreifen. (vgl. Dietrich 2007: 126)

Entgegen der Feststellung der Identitätstheorie herrscht heute in der Spracherwerbsforschung im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass das erstsprachliche Wissen bei der Ausbildung der Zweitsprache durchaus eine Rolle spielt. (vgl. Steinhauer 2006:10f) Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Bedeutung der Erstsprache und des bisherigen Sprachwissens in verschiedenen theoretischen Ansätzen als unterschiedlich groß beurteilt wird. Fest steht, dass sich der Zweitsprachenlerner gerade zu Beginn des Erwerbsprozess besonders an der Erstsprache orientiert. Dadurch, dass der Lerner zu diesem Zeitpunkt nur über wenig zweitsprachliches Wissen verfügt, versucht er Ähnlichkeiten zwischen der Zweitsprache und der Ausgangssprache festzustellen, indem er z.B. auf das semantische Netzwerk und auf die grammatischen Strukturen der Erstsprache zurückgreift (vgl. Vogel 1990: 212) Es kommt zu Erscheinungen wie Transfer und Interferenzen. Je ähnlicher sich dabei die Ausgangs- und die Zielsprache sind, desto größer und leichter ist der Transfer für den Lernenden. Im Laufe des Erwerbsprozesses bildet der Zweitsprachenlerner eigene Vorstellungen über sprachliche Strukturen und Regeln der Zweitsprache und entwickelt auf dieser Basis eineLernersprache. Diese Lernersprache besteht aus Annahmen über Strukturen und Regelhaftigkeiten der Zweitsprache, ohne mit dieser völlig identisch zu sein. Im Gegenteil, gerade zu Beginn des Zweitspracherwerbs ist die Lernersprache instabil und lückenhaft. (vgl. ebenda:13f) Voraussetzung für die Entwicklung einer Lernersprache ist der Input sprachlicher Informationen der Zielsprache. Das neue Wissen wird mit dem bereits vorhandenden Sprachwissen, auch dem erstsprachlichen Wissen, und im optimalen Fall mit den Normen der Zielsprache verglichen, wo- rauf hin die neuen Informationen entweder verworfen oder in die Lernersprache integriert werden. Dabei kann es vorkommen, dass auch falsche Informationen in das lernersprachliche Wissen aufgenommen werden. Die Lernersprache besteht somit auch aus unangemessenen bzw. falschen Annahmen über bestimmte Strukturmuster der zu erlernenden Sprache. (vgl. Knapp-Potthoff 2007:379) Der Erwerb einer Zweitsprache erfordert somit hohe Bewusstheit für den Lerner. Je mehr metasprachliche Fähigkeiten der Lerner hat, also je mehr der Lerner die Konstruktions- und Kategorisierungsprinzipien in seiner Erstsprache durchschaut, desto leichter fällt ihm die Anwendung lernersprachlichen Wissens. (vgl. Vogel 1990: 212)

Der Lerner befindet sich in einem ständigen Prozess, in dem sich das lernersprachliche Wissen stetig verändert, im Regelfall verbessert. Er nähert sich also immer mehr der Zielsprache an, löst die Abhängigkeit zur Erstsprache zunehmend auf und kann das zweitsprachliche Wissen mehr und mehr automatisiert anwenden. Dabei gelingt es dem Zweitsprachenlerner in der Regel jedoch nicht, das Niveau einesnative speakerszu erreichen, da sich der Lernprozess im Allgemeinen vor Erreichung des Zielsprachenniveaus verlangsamt oder gar stagniert. Man spricht von „der Fossilierung des lernersprachlichen Systems auf einem mehr oder weniger zielsprachnahen Niveau.“ (vgl. Dietrich 2007:127)

2.2 Theorien des Zweitspracherwerbs

Beschäftigt man sich mit dem Phänomen des Zweitspracherwerbs, erscheint das Gebiet zunächst sehr undurchsichtig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es zahlreiche Versuche in der Wissenschaft gibt, den Zweitspracherwerb zu beschreiben. Die aus unterschiedlichen Perspektiven entstandenen Theorien bzw. theoretischen Ansätze gehen weitauseinander, widersprechen sich teilweise sogar ganz. „Konsens besteht vielmehr darin, dass der Zweitspracherwerb als ein dynamischer und mehrdimensionaler Prozess aufzufassen ist. (Henrici/Riemer 2007:38)

Im Folgenden werden einige Theorien vorgestellt und diskutiert, die in der Zweitspracherwerbsforschung eine bedeutsame Rolle spielen. Die einzelnen Theorien lassen sich zwar in eine zeitliche Abfolge bringen, man sollte jedoch im Hinterkopf haben, dass es in jeder Zeit Vertreter und Anhänger der verschiedenen Richtungen gegeben hat und diese auch heute noch, wenn auch teilweise in deutlich abgeschwächter Form, vertreten werden. (vgl. Steinhauer 2006: 11)

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656684503
ISBN (Buch)
9783656684466
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275506
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
rolle erstprache zweitsprachenerwerb

Autor

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Titel: Die Rolle der Erstprache im Zweitsprachenerwerb