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Grounded Theory als Methodologie qualitativer Sozialforschung

Eine intensive Auseinandersetzung mit der Forschungsstruktur und -logik

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Qualitative Sozialforschung - Paradigmen

3. Grounded Theory (nach Strauss & Corbin)
3.1 Theoretische Sensibilität
3.2 Theoretisches Sampling
3.3 Vergleichende Analyse
3.4 Theoretisches Kodieren - Herzstück der Grounded Theory
3.4.1 Offenes Kodieren
3.4.2 Axiales Kodieren
3.4.3 Selektives Kodieren

4. Kritik

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Theoretisches Sampling in Anlehnung an Haller 2000, 14.

Abbildung 2: Genese formaler Theoriebildung in Anlehnung an Lamnek 2005, 113.

Abbildung 3: Offenes Kodieren in Anlehnung an Strauss/Corbin 1996, 44ff.

Abbildung 4: Entwickeln von Kategorien in Bezug auf ihre Ei- genschaften und Dimensionen in Anlehnung an Strauss/Corbin 1996, 50ff.

Abbildung 5: Anordnung von Kategorien mittels des Kodier- Paradigmas in Anlehnung an Strauss/Corbin 1996, 104f.

1. Einführung

In der qualitativen, wie auch quantitativen Sozialforschung herrscht eine zunehmende methodische Vielfalt, mit einer jeweils inhaltlich unterschiedlichen Komplexität. Aus diesem Grund und in Hinblick auf eine Masterarbeit, war es ein großes Anliegen meinerseits, sich näher mit einer ausgewählten Methode zu beschäftigen.

In dieser Ausarbeitung wird daher ausführlich auf die Methodologie der Grounded Theory nach Anselm Strauss und Juliet Corbin eingegangen.

Dabei wird zunächst allgemein in die qualitative Forschungsweise eingeführt (Kapitel 2). Anschließend folgt in Kapitel 3 der Kern der Arbeit: Die Grounded Theory wird in ihrer Vorgehensweise ausführlich expliziert. Schließlich folgt ein kritischer Teil (Kapitel 4) und das Schlusswort (Kapitel 5).

2. Qualitative Sozialforschung - Paradigmen

Das Ziel qualitativer Sozialforschung ist die möglichst unverfälschte Erfassung von sozialer Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang wird die quantitative Methodologie kritisiert, da sie an der empirischen Überprüfung vorab formulierter Hypothesen und Theorien interessiert sei und somit ‚nur‘ einen abstrakten Bezug zur Welt besitze.

Stattdessen setzt die qualitative Methodologie auf eine Hypothesenentwicklung wäh- rend des Forschungsprozesses: Kennzeichnend ist hier der offene Charakter theoreti- scher Konzepte. Der Forschungsprozess muss demnach soweit offen dem Gegens- tand gegenüber gehalten werden, dass Neufassungen, Präzisierung, Modifizierung und Revision von Theorien und Hypothesen als auch der Methoden möglich sind - sofern der Gegenstand es verlangt (Lamnek 2005, 89). Daraus ableitend, ist die in- duktive Vorgehensweise kennzeichnend für eine qualitative Forschung.

Idealerweise findet ein ständiger Austausch zwischen den qualitativ erhobenen Daten und dem vorerst noch wenig vorhandenen theoretischen Vorverständnis statt. Dabei ist das Auffinden neuer Fakten, deren Existenz vorher unbekannt war, oder aber die Entdeckung vorher nicht bedachter Hypothesen, abhängig von dem Grad der Struktu- riertheit der Technik der Datensammlung und -Auswertung, für die sich der Forscher entscheidet (vgl. ebd.).

Trotz der Offenheit betont Mayring die Wichtigkeit eines methodisch kontrollierten Vorgehens während des gesamten Forschungsprozesses. Die einzelnen Schritte müssen erläutert und dokumentiert werden, sowie nach gut begründeten Regeln ab- laufen.

Alle qualitativen Erhebungs- und Auswertungsverfahren unterliegen Grundlagen qualitativer Forschung. Im Folgenden werden die fünf Wichtigsten knapp erläutert, um in qualitatives Denken eintauchen zu können Dabei wird ausschließlich auf Mayring 2002, 19ff. Bezug genommen.

Zunächst einmal sind Gegenstand qualitativer Forschung immer Menschen, also Subjekte. Sie sind Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchungen. Dabei muss das Subjekt in seiner Ganzheit und Historizität berücksichtigt werden. Schließlich soll an den konkreten praktischen Problemen des Subjekts angesetzt werden (ÄProblemorientierung“). Die nächste Forderung ist die genaue und umfassende Deskription des Gegenstandsbereiches am Anfang einer Analyse. Damit ist gemeint, dass am einzelnen Subjekt angesetzt werden muss (ÄEinzelfallbezogenheit“). Diese genaue Beschreibung wird erreicht, indem der Forscher mit einer großen Offenheit ins Feld geht, gleichzeitig aber sein methodisches Vorgehen genau kontrolliert.

Das dritte Postulat bezieht sich auf die Interpretation von Bedeutungen. Da vorurteils- freie Forschung nie ganz möglich sei und beobachtbare Handlungen sowohl abhängig vom Beobachter als auch vom Akteur völlig unterschiedliche Bedeutungen haben können, muss das Vorverständnis bezüglich des Forschungsgegenstandes offenge- legt werden. Dabei kann das eigene Vorverständnis durchaus als legitimes Erkenn- tnismittel dienen. Demzufolge ist qualitative Forschung Äals [ein] Prozess der Ausei- nandersetzung mit dem Gegenstand, als Forscher-Gegenstands-Interaktion aufzufas- sen“ wobei das Vorverständnis schrittweise am Gegenstand überprüft und weiterent- wickelt wird (ebd., 25).

Qualitative Forschung fordert weiterhin, möglichst nahe an dem natürlichen, alltägli- chen Umfeld anzuknüpfen. Damit wird die quantitative Vorgehensweise kritisiert, die in einer unnatürlichen Laborsituation versucht, durch Isolation und Kontrolle der zu untersuchenden Variablen möglichst alle Verzerrungen zu vermeiden - wobei bereits die Laborsituation selbst eine Verzerrung der Realität darstelle. Trotzdem soll und darf der qualitative Zugang nicht als das verzerrungsfreie Verfahren gesehen werden, denn jegliches Forschen entwirft eine unscharfe Abbildung der Realität und ist somit nie losgelöst von Verzerrungen. Durch eine große Alltagsnähe sollen aber diese Un- schärfen verringert werden.

Zu guter Letzt soll, anders als in der quantitativen Forschung keine Repräsentativität angestrebt werden, sondern eine argumentative Verallgemeinerung. Das bedeutet, dass eine Verallgemeinerbarkeit der Forschungsergebnisse immer am Einzelfall be- gründet werden muss. Es müssen Argumente angeführt werden, warum die gefundenen Ergebnisse für andere, bestimmte Situationen und Zeiten gelten und generalisiert werden können. Allerdings besteht oftmals ein Problem der Verallgemeinerbarkeit aufgrund der oft sehr kleinen Fallzahlen. Daher sind fundierte Begründungen umso mehr von besonders hoher Relevanz.

3. Grounded Theory (nach Strauss & Corbin)

Die Grounded Theory wurde innerhalb der amerikanischen Soziologie in den 50er- und 60er- Jahren ursprünglich von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt. In der deutschen Übersetzung hat sich der Begriff der ‚gegenstandsbezogenen Theorie‘ etabliert. Sie ist ein Auswertungsverfahren qualitativer Forschung. Ihr klassisches Anwendungsgebiet ist die Feldforschung, in die der Forscher, vorwiegend durch teilnehmende Beobachtung, selbst involviert ist.

Das Besondere an der Grounded Theory liegt in der Vorgehensweise: Während der Erhebungsphase findet ein systematisches Analysieren von Daten statt, die sich auf ein untersuchtes Phänomen beziehen, um im Anschluss eine Theorie oder Hypothese zu entdecken, weiter auszuarbeiten und vorerst zu bestätigen.

Anders als in vielen Vorgehensweisen, steht zu Anfang der Forschungsarbeit also nicht eine vorformulierte Theorie. Vielmehr lässt die Grounded Theory bewusst eine Theoriebildung durch offene Feldforschung zu und macht diese dadurch transparen- ter. Was in einem Untersuchungsbereich relevant ist, Äwird sich erst im Forschungs- prozeß herausstellen“ (Strauss/Corbin 1996, 8). Damit wird deutlich, dass es sich hier um eine induktive Vorgehensweise handelt, wobei das Interesse in der Erfassung von sprachvermittelten Handlungs- und Sinnzusammenhängen sozialer Wirklichkeit be- steht (ebd.).

Um zu einer gegenstandsverankerten Theorie zu gelangen, ist eine systematische Reihe von Analyseschritten entwickelt worden, die in Kapitel 3.3 dargestellt werden. Für ein besseres Verständnis des Analyseverfahrens, müssen zuvor basale Charakteristika der Grounded Theory geklärt werden: die theoretische Sensibilität, das theoretische Sampling und die vergleichende Analyse.

3.1 Theoretische Sensibilität

Theoretische Sensibilität ist ein wichtiger, ‚kreativer‘ Aspekt der Grounded Theory und bezieht sich auf eine persönliche Kompetenz des Forschers. Mit anderen Worten ist die Fähigkeit gemeint, ÄEinsichten zu haben, den Daten Bedeutung zu verleihen, [… sie] zu verstehen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen“ (ebd., 25). Dabei ist der Grad an Sensibilität abhängig von zwei verschiedenen Quellen: Einer- seits von der theoretischen Vorbildung und andererseits von den beruflichen und per- sönlichen Erfahrungen, die entweder im Phänomenbereich selbst gemacht wurden oder für diesen Bereich von Bedeutung sind. Zudem entfaltet sich theoretische Sensi- bilität während des gesamten Forschungsprozesses weiter. Durch diese Kompetenz ist es dem Forscher eher möglich, eine aus den Daten hervorgehende Theorie kon- zeptualisieren und formulieren zu können (ebd.).

Wieso wird nun von einer ‚kreativen‘ Kompetenz gesprochen?

Laut Strauss/Corbin soll der Forscher während des gesamten Forschungsprozesses die eigenen Erfahrungen, sowie die Literatur für die Analyse der Daten Äphantasievoll nutzen […] und [diese Daten] mit analytischem Tiefgang ‚sehen‘“(ebd., 27; 56). Sinn und Zweck des Ganzen sei, die Forschungssituation und die Daten auf eine neue Weise betrachten zu können und nicht mit ÄScheuklappen […] die aus Voran- nahmen, Vorerfahrung und ausgiebigem Literaturstudium bestehen“ (ebd., 56). Diesen anderen Blick erlangt man, indem die eigenen Vorannahmen stets in Frage gestellt werden, über die Erfahrungen hinaus nach mehr Antworten gesucht und über die Literatur hinausgeschaut wird. Dabei soll nicht der Gedanke aufkommen, dass die persönlichen Erfahrungen negativ zu bewerten seien. Wie oben bereits erwähnt, sind sie durchaus nützlich beim Entwickeln von theoretischer Sensibilität.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass theoretische Sensibilität die Fähig- keit ist zu erkennen, was in den gesammelten Daten wichtig ist und diesen eine Be- deutung zu geben. Dabei besteht theoretische Sensibilität aus dem, was der Forscher an Fachwissen und Vorerfahrungen mitbringt, gleichzeitig entwickelt sich seine theo- retische Sensibilität während des Erhebens und Analysierens selbst kontinuierlich weiter. Die Aufgabe des Forschers und die Schwierigkeit ist es nun, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was von ihm selbst und theoretisch fundiert stammt und dem, was er wirklich in den Daten (durch ablegen der ‚Scheuklappen‘) vorfindet.

Reflexiver Umgang ist dabei Hilfreich, sowie eine durchgehende skeptische Haltung gegenüber den eigens eingebrachten Hypothesen. Kurz gesagt geht es darum, Ägleichzeitig wissenschaftlich und kreativ [zu] sein“ (ebd., 27ff.). Das Entwickeln von theoretischer Sensibilität ist für die methodische Umsetzung der Grounded Theory notwendig, da sie im gesamten Forschungsprozess Eingang findet.

3.2 Theoretisches Sampling

Zu Beginn der Forschung gibt es keinen festen theoretischen Bezugsrahmen, weil dieser sich erst herauskristallisieren soll. Schließlich soll der Forscher durch ein zurückhaltendes Verhalten im Feld zu ersten Hypothesen gelangen. Am Anfang geht es also um die Sammlung von Daten.

Durch das sogenannte ‚theoretische Kodieren‘ werden aus den ersten gewonnenen Daten ‚Kategorien‘ und ihre ‚Dimensionen‘ gebildet (genauer in Kapitel 3.3). Diese werden nun wiederrum am Untersuchungsfeld überprüft.

Da Datensammlung und Analyse während der Untersuchung abwechselnd und systematisch stattfinden, ergibt sich zwangsläufig die Frage, nach welchen Kriterien der Forscher zurück ins Feld gehen und welche Ereignisse und Vorfälle untersucht werden sollen. Hierzu wird das theoretische Sampling benutzt.

Sampling erfolgt Äauf der Basis von Konzepten, die eine bestätigte theoretische Rele- vanz für die sich entwickelnde Theorie besitzen“ (Strauss/Corbin 1996, 148). Geht es beim anfänglichen Sampling noch darum, so viele Kategorien wie möglich zu generie- ren und somit unspezifisch im themenrelevanten Bereich zu erheben, verändert sich der Blick später auf Entwicklung, Dichte und Sättigung von Kategorien. Es geht also darum, spezielle Daten zu erheben, von denen man weiß, dass sie wichtige Informa- tionen für die Beantwortung der Forschungsfrage enthalten. Jedesmal wenn der For- scher zurück ins Feld geht, geschieht es durchdacht, trotzdem immer auch mit einem Maß an Flexibilität.

Das Sampeln und Analysieren erfolgt stets aufeinander, wobei die Ergebnisse der Analyse die Datensammlung bestimmen. Zentrale Momente des Samplings sind das Aufstellen von Vergleichen und das Stellen von Fragen. Sie helfen beim Entdecken und In-Beziehung-setzen von relevanten Kategorien, ihren Eigenschaften und Dimensionen (vgl. ebd., 150). Das Sampling wird solange fortgesetzt, bis eine ausreichende ‚Sättigung‘ der Kategorien erreicht und die hauptsächliche Auswertungsarbeit bereits vollzogen ist (vgl. Mayring 2002, 103f.).

In der Grounded Theory laufen also Ädie verschiedenen Stufen der Datenanalyse, d.h. [...] Datensammlung, Kodierung, Kategorienbildung, Hypothesen- und Theorieentwick- lung, […] gleichzeitig ab und unterstützen sich wechselseitig im Verlauf des For- schungsprozesses“ (ebd.). Demzufolge stehen Datensammlung, Analyse und Theoriebildung in einem korrelativen Verhältnis zueinander. Dieses Hin-und-Her wird in Abbildung 1 veranschaulicht.

Datenerhebung Datenerhebung Stichprobe Datenanalyse Stichprobe Datenanalyse (unspezifisch) (spezifischer) usw.

(bis Ätheore- tische Sätti- gung“)

Konzepte, Kategorien, Konzepte, Kategorien,

Hypothesen (provisorisch) Hypothesen (provisorisch)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Theoretisches Sampling

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Haller 2000, 14.

3.3 Vergleichende Analyse

Die vergleichende Analyse ist sowohl bei der Entwicklung von Hypothesen, als auch bei der Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit zentral. Denn durch das Anstellen von Vergleichen kann der Forscher sowohl implizit als auch explizit seine vorläufigen Annahmen und Ergebnisse anhand des Datenmaterials ständig überprüfen.

Vergleichendes Analysieren findet in der Grounded Theory im gesamten Forschungsprozess statt, sei es nun der Vergleich zwischen Kategorien, Fakten oder Hypothesen. Auch schlagen Glaser und Strauss (1967) die Bildung möglichst vieler Vergleichsgruppen auf der Basis des theoretischen Samplings vor. Dabei sollen solche Vergleichsgruppen ausgewählt werden, die für die Weiterentwicklung der emergierenden Theorie von Nutzen sind. Die Gruppen sollen unter einigen wenigen zentralen Gesichtspunkten, beispielsweise durch den Vergleich bestimmter Kategorien, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede untersucht werden.

Es entsteht so der Vorteil, die Glaubwürdigkeit einer Hypothese erhöhen und allge- meinere Aussagen treffen zu können - beispielsweise in dem der Forscher anhand der Vergleichsgruppen abschätzen kann, wo eine bestimmte Ereignisfolge mit großer Wahrscheinlichkeit auftreten oder nicht auftreten wird (vgl. Lamnek 2005, 106f.).

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