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Rām Mohan Roy. Hindureformer oder Agent des christlichen Glaubens?

Essay 2009 9 Seiten

Südasienkunde, Südostasienkunde

Leseprobe

Rām Mohan Roy, Hindureformer oder Agent des christlichen Glaubens

In der ersten Hälfte des 19.Jh. gründete sich in Bengalen die erste offizielle religiöse Reformbewegung Indiens, die Brāhmo Samāj, welche durch ihre Existenz alle darauf folgenden Reformbewegungen in Indien ermöglichte. Ihr Gründer Rām Mohan Roy, für den oftmals die Bezeichnung Vater des neuen Indiens Verwendung fand, wurde von vielen einheimischen Kritikern als eine Art christlicher Spion angesehen, der vor hatte, christliche Doktrinen und Dogmen unter dem Deckmantel religiöser Veränderung, in Indien zu verbreiten. Für mich stellte sich die Frage, in wie weit diese Behauptungen begründet waren und durch welche Maßnahmen von Seiten Rām Mohan Roys sie in den Köpfen seiner Kritiker induziert werden konnten. Es erscheint mir eher, dass Rām Mohan Roy versucht hat, eine ethische Reinform hinduistischer Religion zu kreieren. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, ist es wichtig sich anfangs mit der Person Rām Mohan Roy und dem geschichtlichen Kontext Bengalens jener Zeit auseinander zu setzen.

Durch militärische Dominanz veränderte sich in der zweiten Hälfte des 18.Jh. die Rolle der Briten in Indien von vormals Händlern zu Bürokraten und Administratoren. Dieser Prozess vollzog sich natürlich auch in Bengalen, welches nach 1818 vollständig unter der Kontrolle Großbritanniens stand. Die Briten fingen an die indischen Sprachen, Religionen, sozialen Strukturen und die Literatur aus einem britischen Blickpunkt zu studieren , um eine bessere Kontrollfunktion über die Inder ausüben zu können. In diesem Prozess kam es zu einer starken Beeinflussung der höhergebildeten indischen Schichten. Dabei können drei Faktoren eine besondere Bedeutung zugeschrieben werden. Durch das Bestreben des bekannten Historikers Macaulay wurde Englisch zur offiziellen Sprache Indiens erklärt. Zweitens wurde das abendländische Wissen zum Gegenstand des höheren Unterrichts gemacht. Dadurch war es gegeben, dass sich politische und religiöse Ideen britischen Ideals gut ausbreiten konnten. Als dritten Faktor ist die Einsetzung von indischen Subalternbeamten, statt einer üblichen Assimilation zu benennen. Indische Vertreter bekamen einen festen Platz in der britischen Gesellschaft und wurden ausgebildet in Recht, Medizin, Geschäft und Lehre. Dadurch veränderten sich ihre Ideologien, ihre Werte und ihr Aussehen nach dem Vorbild der Briten, denen es wiederum dadurch ermöglicht wurde, eine indirekte Kontrolle über Indien ausüben zu können. Bevor Reformbewegungen in den niederen Klassen ohne englischsprachigen Background entstanden, entsprangen, egal ob Nationalisten, Universalisten, Konservative oder Liberale, alle Hindureformer der von der westlichen Welt unterrichteten Intelligenzija. Für sie dienten die westlichen Modelle als Bildungsvorbilder und sie konnten Vorteile genießen, die sich aus dieser Situation ergaben. Sie waren Teil der Elite, da sie sich im Kolonialsystem der Engländer verdient machten. Sie besaßen gute und komfortable Umstände und unterhielten soziale Kontakte zu den Briten, sowie zu ihrer eigenen höheren Gesellschaft.

Der junge Rām Mohan Roy befand sich in diesem System der Wechselwirkung. Er entsprang einer Familie von Kulīna-Brahmanen. Schon frühzeitig fing er an ihren orthodoxen Glauben zu hinterfragen, wodurch es zu einem Konflikt mit seinen Eltern kam. Er genoss eine Ausbildung an der muslimischen Hochschule in Patna und lehrte später in Benares Sanskrit und Englisch. Zwischen den Jahren 1803 und 1813 war er als Steuerbeamter im Dienste der Britischen Regierung tätig. Durch den Umgang mit seinen Vorgesetzten und seinen durch diesen Beruf gewonnenen Freunden, wurde er näher mit der englischen Literatur vertraut gemacht. Rām Mohan Roy besaß neben Englisch und Sanskrit auch hohe Sprachkenntnisse in Persisch, Griechisch und Latein, welche ihm ein tiefes Eindringen in die englische Kultur ermöglichten. Schon 1804 veröffentlicht er sein Werk „a gift of deists“, in dem er starke Kritik an der Götzenverehrung und dem Polytheismus übte. Beide Aspekte waren zu jenem Zeitpunkt noch wichtige Komponenten des vedischen Hinduismus. Nach dem Jahr 1814 lebte Rām Mohan Roy von seinem Vermögen und widmete sich dem Studium sozialer und religiöser Probleme. Er war der erste Inder, der obwohl er dadurch seine Kastenzugehörigkeit aufs Spiel setzte, als Gesandter des Großmoguls über den Ozean nach England reiste, um die englische Kultur und das Christentum aus erster Hand näher kennen zu lernen. Er hoffte auf diese Weise seinen Idealen dienen zu können, die in der Symbiose einheimischer Traditionen mit den englischen Aufklärungsideen bestanden. Leider erkrankte er im Zuge dieser Reise und verstarb in England.

Das Leben der indischen Bevölkerung war in jeder Weise ein Teil des Dharma. Es beruhte auf religiösen Grundlagen und spielte sich in geweihten Traditionen und rituellen Verpflichtungen ab. Seit dem Beginn des 19.Jh. gab es in verschiedenen Teilen Indiens Bestrebungen, die auf die Neugestaltung des Hinduismus abzielten und die als überholt angesehenen Bräuche und Lehren aus der eigenen Weltanschauung zu entfernen. Auf Grund dessen kam das Bedürfnis auf, sich mit den westlichen Religionen, Weltanschauungen und Wissenschaften auseinander zu setzen. Große Intensionen lagen in der Bekämpfung des Bilderkults, des Kastenwesens und der Witwenverbrennung. Standpunkte, die auch von Rām Mohan Roy vertreten wurden. Seine Arbeiten als Prosaschriftsteller, Bekämpfer sozialer Missstände, Journalist und theoretischer Politiker beinhaltetet des Weiteren die Einführung einer liberalen Demokratie nach dem Vorbild Englands und die Modernisierung des indischen Unterrichtssystems, besonders was die Naturwissenschaften anbelangte. Er befasste sich mit dem Studium alter Texte, übersetzte die Upanishaden und die Vedāntasūtras, wobei sich ihm aufzeigte, dass die Bräuche und Sitten, gegen die er sich sträubte, sich ganz allmählich in den Hinduismus eingeschlichen hatten. Er kam zu der Überzeugung, dass die upanishadische Religion ein reiner Monotheismus war, der jedoch im Laufe der Zeit durch Abirrungen verformt worden ist. Das stieß vielen orthodoxen Brahmanen bitter auf. So kam es zum Beispiel 1833 zu einer Kritik an Rām Mohan Roys Interpretationen Der Upanishaden von Seiten Krishna Mohun Bannerjis. Er befand die vedischen Traditionen nicht gleichgestellt mit dem Christentum und der christlichen Erlösung, welches durch den monotheistischen Aspekt impliziert werden würde.

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Details

Seiten
9
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656687412
ISBN (Buch)
9783656687429
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275571
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Rām Mohan Roy Rammohan Roy Brahmo Samaj Hinduismus

Autor

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Titel: Rām Mohan Roy. Hindureformer oder Agent des christlichen Glaubens?