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Beratung in der stationären Kinderkrankenpflege. Besonderheiten und Konzepte

Hausarbeit 2014 25 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemlage
2.1 Die Entwicklung der Kinderkrankenpflege in Deutschland
2.2 Arbeitsgebiet der Kinderkrankenpflege
2.3 Beratung in der Kinderkrankenpflege

3. Fragestellung

4. Methodisches Vorgehen

5. Beratungskonzepte
5.1 Der humanistisch personenzentrierte Ansatz
5.2 Konzept der integrativen Beratung nach Klaus Sander
5.3 Der vermittlungsorientierter Ansatz
5.4 Der verhaltensorientierter Ansatz
5.5 Der handlungsorientierter Ansatz
5.6 Der Systemische- konstruktivistische Ansatz
5.7 Das systemische Beratungsmodell HUGADO
5.8 Der Lösungs- und ressourcenorientierte Ansatz
5.9 Das pflegerische Beratungsmodell von Hellige und Hüper
5.10 Der integrative leiborientierte Beratungsansatz
5.11 Die „Wittener Werkzeuge“ Beratungsansatz für die Pflege

6. Ergebnisse

7. Diskussion

8. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1: Personenzentrierte Beratung (Sander 1999:36) 13

Diagramm 1: Systemisches Beratungsmodell HUGADO….17

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Beratung spielt seit je her in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege eine wesentliche und wichtige Rolle. So erschien eine Säuglingspflegefibel von Schwester Antonie Zerwer bereits 1914 und hatte zum Ziel Mütter und ältere Geschwisterkinder in die Pflege von Säuglingen und Kleinkindern zu unterweisen (vgl. Zerwer 1914). Die Beraterfunktion wurde bislang von Pflegenden häufig als selbstverständliche „Nebenaufgabe“ gesehen und findet oft spontan und ungeplant statt. Sie wird eher als Alltagsberatung und weniger als professionelle Beratung angesehen und ist derzeit vom Engagement der einzelnen Pflegekraft stark abhängig. Die „Dolmetscher-Aufgabe“ zwischen Arzt und Patient hat im stationären Bereich eine große Bedeutung und ist für Patienten und deren Angehörige sehr wichtig (vgl. Petter-Schwaiger 2011: 10). Häufig werden Ärzte als zu beschäftigt wahrgenommen und Patienten klären ihre Fragen mit dem Pflegepersonal ab, bevor sie sich an Ärzte wenden (vgl. Benner 2000: 90). Gesprächssituationen in der Pflege sehen häufig so aus, dass es kein spezielles Beratungszimmer gibt und keinen vorher vereinbarten Termin. Die Beratung findet Ad-hoc zu jeder Uhrzeit statt (vgl. Segmüller, Kocks 2013: 26). Viele Gespräche beruhen nicht auf einem Konzept, werden nicht dokumentiert und es fehlt an Fachbegriffen und Routine das Besprochene schriftlich festzuhalten (vgl. Segmüller, Kocks 2012: 61).

Das alte Krankenpflegegesetz von 1985 wurde im Jahr 2003 überarbeitet und am 01.01.2004 trat das neue Krankenpflegegesetz in Kraft. Die Berufsbezeichnung der Krankenschwester, bzw. des Krankenpflegers, wurde durch die Bezeichnung Gesundheits- und (Kinder) Krankenpfleger/in abgelöst. Mit der Novellierung verfolgte der Gesetzgeber das Ziel die Ausbildung an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen und mit dieser veränderten Berufsbezeichnung wird nun auch ein salutogenetischer Schwerpunkt gesetzt. Im Ethikkodex des International Council of Nursing für Pflegende werden vier grundlegende Aufgaben definiert: Gesundheit zu fördern, Krankheit zu verhüten, Gesundheit wiederherzustellen und Leiden zu lindern (ICN Ethikkodex 2010: 1). Dieser Kodex wurde erstmals 1953 vom ICN erstellt und seit dem mehrmals überarbeitet. In dieser Beschreibung finden sich zwei Bereiche, die sich mit Gesundheit befassen und einen präventiven Ansatz verfolgen und zwei Bereiche, die sich mit Krankheiten auseinandersetzen und einen kurativen Schwerpunkt haben. Beratungsbedarf ergibt sich in der Pflege in allen vier Aufgabenbereichen. Jedoch erst seit 2003 ist im Krankenpflegegesetz Beratung als Ausbildungsziel im Bereich der eigenverantwortlichen Aufgaben aufgeführt. „Die Ausbildung soll befähigen zur eigenständigen Ausführung von Beratung, Anleitung und Unterstützung von zu pflegenden Menschen und ihrer Bezugspersonen in der individuellen Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit,“ (KrPflG 2003, §3 Abs. 2. Nr. 1c).

Der Stellenwert der Beratung in der Pflege nimmt aufgrund der demografischen Entwicklung, der verkürzten Krankenhausverweildauer und veränderter Familienstrukturen zu. Die Patientenrolle hat sich vom passiven Pflegeempfänger zum mündigen Partner gewandelt (vgl. Petter-Schwaiger 2011: 6). Gesellschaftliche und gesundheitspolitische Forderungen nach einer professionell durchgeführten Beratung werden immer lauter. Nun existieren zahlreiche Modelle und Konzepte zur Umsetzung von Beratung, die meist aus anderen Fachrichtungen kommen. Eine Vielzahl von theoretischen Konzepten kommt aus der Sozial- und Humanwissenschaft (vgl. Engel, R. 2011: 18).

Die Beratung in der stationären Kinderkrankenpflege bezieht sich auf die Gespräche mit Kindern und ihren Eltern (vgl. Rohde, S. 2013: 123). Beratung in der Kinderkrankenpflege muss in einem Rahmen stattfinden, der die Eltern und Angehörigen mit einbezieht. Das ist in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege keine Besonderheit und gängige Praxis.

Nach dieser Einleitung erfolgt im zweiten Kapitel eine Darstellung der Problemlage, es wird auf die Entwicklung der Kinderkrankenpflege, das Arbeitsgebiet und die Beratung in der Kinderkrankenpflege eingegangen. Im dritten Kapitel wird die Fragestellung dieser Arbeit erläutert und Kapitel vier umschreibt das methodische Vorgehen. Im Kapitel fünf werden die verschiedensten Beratungsansätze beschrieben und analysiert. Das sechste Kapitel widmet sich den Ergebnissen, die daraus entstanden sind. Im Anschluss wird dieses in Kapitel sieben diskutiert. Dem Literaturverzeichnis folgt eine Eigenständigkeitserklärung für diese Arbeit.

2. Problemlage

2.1 Die Entwicklung der Kinderkrankenpflege in Deutschland

„Die These << Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener>> wurde für die Entwicklung der Kinderheilkunde und Kinderkrankenpflege richtungsweisend“ (Holoch et al. 1999:4).

Die Kinderkrankenpflege als eigenständiger Beruf entwickelte sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Nachdem zahlreiche Säuglingsheime und Kinderkrankenhäuser entstanden und sich die Pädiatrie als neue medizinische Disziplin verselbstständigte, entwickelte sich eine Spezialisierung des Pflegeberufs. Die Säuglingssterblichkeit lag zu dieser Zeit bei 25%. Arthur Schlossmann (1867 -1932) bildete in Dresden seit 1897 die ersten Säuglings- und Kinderkrankenschwestern in einer einjährigen Ausbildung aus (vgl. Wolff, H. P.; Wolff, J. 2011: 193).

Danach wurden in Deutschland zahlreiche Ausbildungsstätten für Kinderkrankenpflegerinnen gegründet. Antonie Zerwer (1873 -1956) leistet einen frühen Beitrag im Bereich der Beratung mit ihrer Säuglingspflegefibel die bis 1940 in zehn Auflagen verkauft wurde und in acht Sprachen erschien (vgl. Wolff, H. P.; Wolff, J. 2011: 194). In Berlin eröffnete Arthur Keller (1868 -1934) im Jahre 1909 das Kaiserin Auguste Victoria Haus als Zentralstelle zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Mit Walter Birk verfasste er 1911 ein Kinderkrankenpflegelehrbuch. Neben der Kinderheilkunde und Pflege finden sich in diesem Werk keine Hilfestellungen zur Anleitung oder Beratung (vgl. Birk, Keller, 1917). Im Jahre 1900 konnten unter der Leitung von Adolf Baginsky (1843 -1918) in Berlin, über die Dauer von sechs Monaten am Kaiser- und Kaiserin Friedrich Kinderkrankenhaus, die ersten Kinderkrankenschwestern eine Ausbildung erhalten. Diese Ausführungen skizzieren grob die ersten Schritte einer spezialisierten Ausbildung (vgl. Wolff, H. P.; Wolff, J. 2011: 194). In der damaligen Zeit wurden typisch weibliche Eigenschaften wie: Wärme und Sensibilität, Geduld und Opferbereitschaft, Liebe zum kranken Kind, soziales Engagement und Pflichtbewusstsein von den Ausbildungsanwärterinnen verlangt. Die Kinder in der Klinik wurden zu dieser Zeit von ihren Familien getrennt und die Kinderkrankenschwester wurde zur Ersatzmutter auf Zeit (vgl. Holoch et al. 1999: 7). Aufgrund diesem Umstands und einer völlig anderen Patienten- und Familiensicht ist es geschuldet, dass Beratung zu dieser Zeit nicht so im Fokus stand wie heute und daher auch vergebens in Lehrbüchern zu finden ist.

1957 trat das 1. Krankenpflegegesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Die Ausbildung dauerte 3 Jahre und beinhaltete 400 Stunden Theorie. Die Bezeichnung „Säuglings- und Kleinkinderkrankenschwester“ wurde durch „Kinderkrankenschwester“ ersetzt und staatlich geschützt. Veränderungen gab es dann 1965 mit dem 2. Krankenpflegegesetz, so dass die Theoretische Stundenzahl auf 1200 erhöht wurde (vgl. BeKD 2014). Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es weitere wesentliche Veränderungen mit Auswirkung auf den Beruf, wie die offene Besuchsregelung und die Mitaufnahme der Eltern, eine verkürzte Krankenhausverweildauer und die Erweiterung der Kinderheilkunde mit Ausprägung verschiedenster Subdisziplinen (vgl. Holoch et al. 1999: 9). Eine 3. Novellierung fand 1985 statt mit der Heraufsetzung der Theoriestunden auf 1600 und der geschützten Bezeichnung des Kinderkrankenpflegers (vgl. Holoch et al. 1999: 8). Zuletzt wurde das Krankenpflegegesetz 2004 überarbeitet, wie in der Einleitung beschrieben.

2.2 Arbeitsgebiet der Kinderkrankenpflege

Der Berufsverband der Kinderkrankenpflege umschreibt das Fachgebiet der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege unter der Rubrik: „Unser Fachgebiet“ auf seiner Internetseite folgendermaßen:

„Kindsein braucht unsere Pflege, vom Früh- und Neugeborenen bis zum Jugendlichen“ (BeKD 2014).

„Im Sinne von Prävention, Kuration von Erkrankungen, bei der Gesundheitsförderung und Rehabilitation übernimmt die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege innerhalb des Gesundheitswesens eine wichtige Aufgabe. Die Tätigkeitsfelder der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege umfassen: Die Gestaltung eines Entwicklungsfördernden Umfeldes, Beratung über entsprechende Maßnahmen und Gesundheitsaufklärung, Entlastung der pflegenden Angehörigen, physische und psychische Betreuung, Entwicklung von Krankheitskonzepten, Unterstützung bei der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und Gutachtertätigkeit“ (BeKD 2014).

Kinderkrankenpfleger und Kinderkrankenpflegerinnen haben ihre Handlungsfelder im stationären Bereich in Abteilungen, wie beispielsweise der Neuropädiatrie, Chirurgie, Orthopädie oder der Stationen für kranke Neugeborenen und Säuglinge. Des Weiteren gibt es Spezialisierungen für pädiatrische Intensivpflege, Onkologie und der Neonatologie. Im außerklinischen Bereich sind Kinderkrankenpfleger/- innen unter anderem in der ambulanten Versorgung, in Kinderarztpraxen oder integrativen pädagogischen Einrichtungen zu finden. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ambulant wie auch stationär ein weiteres sehr umfangreiches Arbeitsfeld bieten (vgl. Holoch et al. 1999: 19 ff.). Bei Weitem ist das Tätigkeitsfeld nicht auf reine pflegetechnische Maßnahmen zu reduzieren.

2.3 Beratung in der Kinderkrankenpflege

Beratung in der Pflege wird nicht einheitlich definiert. Es werden unterschiedliche Begriffe, wie Pflegeberatung, Beratungspflege oder Patientenberatung, benutzt (vgl. Doll et al. 2007: 15). Für den pädiatrischen Bereich konnte ebenfalls auf keine einheitliche Definition zurückgegriffen werden.

Doll et al. definieren Beratung folgendermaßen: „Beratung ist ein Beziehungsprozess zwischen Pflegekräften und Patienten bzw. seinen Bezugspersonen (Familienangehörigen und/oder Freunden) mit dem Ziel, sie bei der Krankheits- und Krisenbewältigung zu unterstützen.

Dies geschieht durch:

- Unterstützen beim Bewältigen von Problemen
- Unterstützen beim Finden von Entscheidungen
- Fördern, Entdecken und Erhalten von Ressourcen
- Unterstützen beim Auseinandersetzen mit veränderten Lebensumständen und den daraus resultierenden Emotionen.“ (Doll et al. 2007: 16)

In der Literatur werden in diesem Zusammenhang häufig auch die Begriffe Information, Schulung, Anleitung und Edukation genutzt. Es soll an dieser Stelle eine kurze Operationalisierung der Begriffe erfolgen. Alle Aspekte können jedoch auch Inhalt einer Beratungssituation in der Pflege sein.

- Information stellt die Bereitstellung von Fakten dar. Kenntnisse und Wissen werden hierbei vermittelt. Dies kann sowohl schriftlich durch Informationsbroschüren als auch mündlich stattfinden.
- Schulungen greifen neben einem Wissenserwerb noch weiter. Hierbei werden mithilfe didaktischer Methoden Fertigkeiten vermittelt.
- Anleitung dient dem Erlernen von Neuem. Es werden neben praktischen Unterweisungen auch Hintergrundinformationen geliefert.
- Edukation vereinigt schulende, informierende und beratende Aspekte (vgl. Petter- Schwaiger 2011: 13 ff.).

Beratung ist ein prozesshaftes Vorgehen, deshalb soll hier kurz der Beratungsprozess erläutert werden.

Je nach Ausrichtung und Beratungsansatz existieren verschiedene Ablaufmodelle. Ein am Pflegeprozess orientiertes Phasenmodell hilft den Beratungsprozess zu strukturieren (vgl. Doll et al. 2007: 28).

Phase 1: Eine Beziehung herstellen, Kontaktaufbau und eine Vertrauensbasis schaffen. In der Kinderklinik ist das zum Beispiel möglich durch echte Anteilnahme und einer offenen Frage.

Phase 2: Der Beratungsbedarf soll nun erfasst werden. Objektiver und subjektiver Beratungsbedarf kann im diagnostischen Denken durch die Pflegekraft erfasst werden. Wie sieht die Problemsituation für den Klienten aus und wo zeigen sich Ressourcen? Durch aktives Zuhören, Verbalisieren oder durch zirkuläre Fragen kann man sich der Situation nähern und den Bedarf konkretisieren.

Phase 3: Beratungsziele mit dem Klienten aushandeln und klären was erreicht werden soll. Der Berater fasst die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammen.

Phase 4: Im Dialog werden Lösungen gemeinsam entwickelt, weitere Ressourcen werden ausfindig gemacht.

Phase 5: Beratungsprozess reflektieren und Lösungen überdenken. Der Klient hat nun die Möglichkeit zu äußern, wie hilfreich der Beratungsprozess war. Eventuell ergibt sich in dieser Phase weiterer Beratungs- und Verbesserungsbedarf.

Phase 6: Die Beratung beenden und weitere Vereinbarungen treffen. Nun kann ein neuer Zyklus anschließen oder es ist ggf. nötig andere Experten zu konsultieren. Diese Fragen können hier geklärt werden (vgl. Doll et al. 2007: 29 f.).

Prozesshafte Vorgehensweisen sollten dokumentiert werden. Dieser Aspekt wird in der Diskussion nochmals aufgegriffen.

Beratung durch Pflegende in der Kinderheilkunde befasst sich nun im speziellen mit den Kindern der verschiedensten Altersgruppen und deren Eltern, Geschwistern und weiteren Angehörigen. Die Kommunikation muss immer wieder alters- und adressatengerecht gestaltet werden und erfordert eine umfassende Zusammenarbeit mit Eltern und Angehörigen (vgl. Segmüller, Kocks 2013: 26). Das stellt eine zusätzliche große Herausforderung in der Pädiatrie dar.

Zu den allgemeinen Dimensionen der Beratungskompetenz können die fachliche-, soziale-, personale- und methodische Kompetenz gezählt werden (vgl. Petter-Schwaiger 2011: 22 ff.).

Die Kompetenzen der Pflegenden im Bereich Beraten und Betreuen wurde von Benner wie folgt benannt:

- „Das richtige Timing: den Zeitpunkt erfassen, an dem sich der Patient auf neue Erfahrungen einlassen kann
- Dem Patienten dabei helfen, die Folgen seiner Krankheit in sein Leben zu integrieren
- Den Patienten sein Krankheitsverständnis aussprechen lassen und seine Sichtweise nachvollziehen
- Dem Patienten eine Deutung seines Zustands anbieten und Eingriffe erklären
- Die Funktion der Betreuung: kulturell heikle Aspekte der Krankheit zugänglich und verstehbar machen“ (Benner, P. 2000: 92).

Auf die Kinderkrankenpflege bezogen heißt das, den Zeitpunkt sensibel zu erfassen an dem sich das Kind und sein Umfeld auf neue Erfahrungen einlassen können. In der Pädiatrie ist das Modell der Bezugspflege häufig zu finden. Das heißt eine Pflegekraft betreut den Patienten über eine Schicht und ist dann ganzheitlich für ihn zuständig. Diese Betreuungsform ermöglicht eine zeitlich individuelle Vorgehensweise.

Dem Kind und seiner Familie soll Unterstützung geboten werden, wenn eine Krankheit vorübergehende oder dauerhafte Folgen mit sich bringt. Auch hier werden alle Dimensionen der Beratungskompetenz benötigt um adäquate Lösungen mit der Familie zu entwickeln.

Das Gesundheits- und Krankheitsverständnis kann von Familie zu Familie sehr unterschiedlich aussehen. Dieses ist von der Pflegeperson zu respektieren. Die Betroffenen sollen diese Interpretation zum Ausdruck bringen, damit ihre Sichtweise von der Pflegeperson nachvollzogen werden kann.

Informationen und Erklärungen gehen im pädiatrischen Bereich an Kinder verschiedener Altersklassen und ihren Angehörigen. Sehr individuell muss das Vokabular und der Umfang an Informationen von Pflegenden gewählt werden.

Kulturell heikle Aspekte, wie Krankheit, Schmerz, Behinderung, Entstellung oder Tod stellen Ausnahmesituationen dar. Hier werden Eltern, Kinder und Angehörige unterstützt. Kinder benötigen unter Umständen ganz andere Methoden die Krankheit zu verstehen als die Eltern oder Großeltern.

Benner erläutert in der Zusammenfassung zu diesen fünf Kompetenzen der Beratung, dass Schwestern, die in der Geburtshilfe arbeiten, ihre Rolle als Betreuerinnen bzw. Beraterin am weitesten entwickelt haben (vgl. Benner 2000: 104).

Katrin S. Rohde erläutert in einem Fachartikel „Was macht Beratung in der Kinderkrankenpflege aus?“ ganz allgemeine Aspekte zum Umgang mit Beratungssituationen in der Pädiatrie.

- Wenn es sich um Säuglinge oder Kleinkinder handelt, stehen die Eltern in der Beratung im Mittelpunkt. Es geht dann um die Betreuung und Pflege des Kindes.
- Bei älteren Kindern richtet sich die Beratung auch zunehmend an die Kinder direkt oder an die Eltern, die dann diese Informationen weitergeben. Bei Gesprächen mit den Eltern, wenn die Kinder mit im Raum sind, sollten die Kinder stets bedacht werden. Ein sensibler Umgang ist gefordert bei Themen, die unter Umständen nicht oder noch nicht angesprochen werden sollten.
- Gespräche und Beratungsbedarf wird von älteren Kindern und Jugendlichen dann auch selbst eingefordert, ob mit oder ohne Bezugspersonen. Die Compliance und die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen ist stark von der Kommunikation abhängig (vgl. Rohde 2013: 123).

Spezifische Beratungsangebote gibt es in dem Bereich des Case Management, Stillberatung, Diabetesberatung, Schwangerschaftsberatung oder in externen Beratungsstellen. Weiterbildungen existieren in den Aufgabenfeldern der Familienpflege (vgl. Rohde 2013: 124).

Dies ist nun eine Aufzählung von spezifischen Beratungsangeboten in der Kinderkrankenpflege. Doch Beratung findet nicht nur in einem speziellen Bereich statt, sondern ist im Klinikalltag überall zu finden. Es gibt in der täglichen Pflegearbeit kein klar definiertes Beratungssetting. Ein Vorteil dieser Situation ist, Beratung findet überall dort statt, wo sie gerade gebraucht wird. So ergibt sich der Bedarf einer Beratung beispielsweise bei der Körperpflege, beim ersten Stillversuch oder dem ersten Wickeln im Inkubator. Der Nachteil dieser ungeplanten Beratungssituationen ist der Zeitdruck, der häufig auf Pflegende lastet.

In einer Untersuchung des National Nursing Research Institute wurden ca. 3000 Pflegefachkräfte befragt, welche Tätigkeiten und wie oft Pflegetätigkeiten aus Zeitmangel unerledigt bleiben. Dort gaben 66% an, aus Zeitmangel auf Patientenbetreuung/ Patientengespräche zu verzichten, 52% verzichteten auf Patientenedukation und 47% sahen keine Zeit für die Anpassung und Entwicklung der strukturierten Pflegeplanung (vgl. Müller-Wolff, T. 2013: 1230 f.).

Gespräche gelten in der Pflege nicht als „richtige Arbeit“ und werden bei hohem Arbeitsaufwand mit einem schlechtem Gewissen betrachtet (vgl. Segmüller, Kocks 2013: 26). Im Theoretischen wird Beratung anhand von Kommunikationsmodellen und längerfristigen Beratungsansätzen in der Ausbildung gelehrt. Die Voraussetzungen im Pflegealltag sehen jedoch ganz anders aus. Kein geplanter Termin und kein separater Besprechungsraum sind vorhanden (vgl. ebenda). Diesen Umständen sind Pflegende in der Pädiatrie genauso ausgesetzt.

3. Fragestellung

Beratung in der stationären Kinderkrankenpflege. Wo liegen die Besonderheiten und welche Konzepte können genutzt werden?

Der Fokus der vorliegenden Arbeit zum Studienschwerpunkt Patientenedukation und Beratung ist, wie Beratung in der stationären Kinderkrankenpflege abläuft. Wo liegen die Besonderheiten in der Pädiatrie und welche Konzepte können genutzt werden?

4. Methodisches Vorgehen

Der Fragestellung wurde mittels Literaturrecherche und Literaturanalyse nachgegangen. Gesucht wurde in den Datenbanken Carelit, Google Scholar und im Onlinearchiv der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.

Eine Handsuche in Fachbüchern zum Thema Beratung und in Fachzeitschriften, wie Die Schwester Der Pfleger, Pflege, Mabuse, JuKip und PADUA erfolgte zusätzlich.

5. Beratungskonzepte

Einige klassische Beratungsansätze und Pflegeberatungsmodelle wurden ausgesucht und sollen mit der besonderen Ausrichtung auf den Bezug zur Kinderkrankenpflege überprüft werden. Es erfolgt jeweils eine Darstellung des Beratungskonzeptes mit einem exemplarischen Beispiel aus der Kinderkrankenpflege.

5.1 Der humanistisch personenzentrierte Ansatz

Der humanistisch personenzentrierter Ansatz hat seine Wurzeln in der humanistischen Psychologie. Carl Rogers (1902- 1987) entwickelte die klientenzentrierte Beratung im Rahmen seiner therapeutischen Arbeit (vgl. Petter-Schwaiger 2011: 46). Hier geht man von einem entscheidungsfähigen, selbstbestimmten und entwicklungsfähigen Menschen aus. Die Beratung zielt auf eine Vertrauensbildung und eine gleichberechtigte Beziehung ab. Dabei sollen keine fertigen Lösungen präsentiert oder kritische Ratschläge erteilt werden. Vielmehr zählt die „Hilfe zur Selbsthilfe“ und die Unterstützung der eigenen Fähigkeiten (vgl. Doll et al. 2007: 19).

Drei zentrale Merkmale werden von Rogers beschrieben:

- „Akzeptanz und Wärme im Sinne unbedingter Wertschätzung
- Empathie und einfühlendes Verstehen
- Authentizität oder Echtheit als eine Haltung unverfälschter Kommunikation“ (Petter-Schwaiger 2011: 46)

Die reale Qualität der Beziehung zeichnet dieses Beratungskonzept aus. In dieser Interaktion zweier Personen sollen beide sie selbst sein (vgl. Sander 1999: 54). Die Beziehungsmerkmale Akzeptanz, Empathie und Echtheit müssen dem Klienten gegenüber auch ausgedrückt und vermittelt werden. Umständliche Erklärungen, unpersönliche Formulierungen oder fehlende Mimik und Gestik machen es dem Klienten schwer, das Verhalten und die Einstellung des Beraters zu deuten (vgl. Sander 1999: 68).

Für den Bereich der Kinderkrankenpflege ist dieser Beratungsansatz wegen seiner starken Orientierung am Individuum gut denkbar. In der Versorgung spielen die drei Grundmerkmale, Wertschätzung, Empathie und Authentizität ohnehin eine entscheidende Rolle.

Beispielhafte Situationen wären die Stillanleitung und die Stillberatung. In diesen Situationen ist den Frauen mit einer bloßen fachlichen Information über Durchführung, Sinn und Zweck des Stillens wenig geholfen. Hierbei geht es um Einfühlungsvermögen und den sensiblen Umgang. Das subjektive Erleben muss erkannt werden. Für die Pflegekraft stellen sich Fragen, wie: Ist es das erste Kind? Welche Erkrankungen hat der betroffene Säugling? Welche Ängste und Unsicherheiten bestehen bei der Mutter? Eine angstfreie und vertrauensvolle Beziehung muss aufgebaut werden.

Eine Weiterentwicklung dieses Konzeptes stellt die integrative Beratung nach Sander dar.

5.2 Konzept der integrativen Beratung nach Klaus Sander

Sander beschreibt verschiedene Perspektiven (praxeologische-, theoretische- methodische- und die institutionelle Perspektive) in denen Beratungsgeschehen in der Literatur erfasst wird (vgl. Sander 1999: 33). Die Vielfalt der Ansätze, die unterschiedlichen Fragestellungen und die verschiedensten Faktoren, die auf einen Beratungsprozess einwirken sieht er als Ursache für eine unübersichtliche Literaturlandschaft im Bereich der Beratung (vgl. Sander 1999: 32). Diesem stellt er ein integratives Modell unterschiedlicher Beratungstypen gegenüber.

Dabei stellt er drei Felder in denen das Problem erfahren wird vor:

- Lebenswelterfahrung,
- Beziehungserfahrung,
- Selbsterfahrung,
und drei Lösungs- und Bewältigungsformen:
- Angebote der Information und Orientierung,
- Angebote der Klärung und Deutung,
- Angebote der Handlung und Bewältigung (vgl. Sander 1999: 34).

Aus der Kombination der Problem- Erfahrungsfelder und der drei Lösungs- und Bewältigungsformen ergibt sich eine Typologie (Neun verschiedene Typen) von Beratungsvorgängen (vgl. Sander 1999:36).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Personenzentrierte Beratung (Sander 1999:36)

Das Modell soll einer Zusammenschau und Verständigung dienen. Anwendung kann es finden, um inhaltliche Abläufe zu protokollieren, zur übersichtlichen Verfolgung von Beratungsverläufen, bei der Supervision, um Klientenerwartungen mit dem Angebot des Beraters abzugleichen und für Trainings- und Ausbildungszwecke (vgl. Sander 1999:41 f.).

Des Weiteren definiert Sander vier unterschiedliche Formen der Beratung.

- Informatorische Beratung wenn das Problem bei mangelnder Information liegt oder es an Orientierungshilfen fehlt.

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656685753
ISBN (Buch)
9783656685708
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275612
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
2,0
Schlagworte
beratung kinderkrankenpflege besonderheiten konzepte

Autor

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Titel: Beratung in der stationären Kinderkrankenpflege. Besonderheiten und Konzepte