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Fankultur und Sicherheit in deutschen Stadien

Eine Befragung zu den Präventionsmaßnahmen des DFL-Sicherheitspapiers und deren Wirkung

Masterarbeit 2013 127 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fankultur im deutschen Fußball
2.1 Fangruppierungen und Kategorien
2.2 Entwicklung des Zuschauerverhaltens und der Fankultur
2.3 Fankultur im internationalen Vergleich

3 Sicherheit in deutschen Stadien
3.1 Gewalt im Fußball und der Gesellschaft
3.2 Verantwortliche, Mitwirkende und deren Verhältnis
3.3 Maßnahmen zur Gewaltprävention

4 Das Sicherheitskonzept „Sicheres Stadionerlebnis“
4.1 Inhalte des Sicherheitspapiers
4.2 Reaktionen und Standpunkte

5 Fragestellung und Hypothesen der Untersuchung

6 Methodik der Untersuchung
6.1 Instrument
6.2 Stichprobe
6.3 Durchführung
6.4 Variablen und Skalen
6.5 Auswertungsstrategien

7 Ergebnisse der Untersuchung
7.1 Grundauswertung
7.2 Überprüfung der Hypothesen zur wahrgenommenen Sicherheit in Deutschland
7.3 Überprüfung der Hypothesen zur wahrgenommenen Gewaltzunahme
7.4 Überprüfung der Hypothesen zur Einschätzung der Präventionsmaßnahmen
7.5 Weitere Erkenntnisse
7.6 Interpretation
7.7 Reflexion

8 Fazit

9 Ausblick

10 Literatur

11 Anhang

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Übersicht der Bewertungskategorien von Fußball-Fans

Tab. 2: Zuschauerzahlen 1./2. Bundesliga 2002-2012

Tab. 3: Gewaltformen im Fußball

Tab. 4: 12-Jahresvergleich der Daten aus dem ZIS-Jahresbericht

Tab. 5: Strafverfahren der Saison 2011/12

Tab. 6: Daten des ZIS-Berichtes im Zusammenhang mit den Zuschauerzahlen

Tab. 7: Einsatzstunden der Polizei pro Zuschauer

Tab. 8: Kurzinformationen „Polizeiliche Kriminalstatistik 2011“

Tab. 9: Maßnahmen der Polizei

Tab. 10: Altersstruktur der Befragten

Tab. 11: Häufigkeit der Stadionbesuche der Befragten

Tab. 12: Fanzugehörigkeit der Befragten

Tab. 13: Übersicht „Sicherheitsgefühl“ der Befragten

Tab. 14: Übersicht Skala „Gewaltzunahme“

Tab. 15: Skalen zur „Effektivität der Sicherheitsmaßnahmen“ vor und nach..
der Kritik

Tab. 16: Skalen zur Fankultur

Tab. 17: Skalen zur Informiertheit und Akzeptanz

Tab. 18: Mittelwerte und Standardabweichung Frage 11

Tab. 19: Mittelwerte und Standardabweichung Frage 12

Tab. 20: Mittelwerte und Standardabweichung Frage 13

Tab. 21: Mittelwerte und Standardabweichung Frage 14

Tab. 22: Skalen zur Effektivität von Sicherheitsmaßnahmen

Tab. 23: Mittelwerte und Standardabweichung Frage 17

Tab. 24: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Häufigkeit der Stadionbesuche

Tab. 25: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Geschlecht

Tab. 26: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Besuch erfolgt mit/ohne Kind

Tab. 27: Kreuztabelle Besuchverhalten * Geschlecht

Tab. 28: Kreuztabelle Besuchverhalten * Besuch erfolgt mit/ohne Kind

Tab. 29: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Fanzugehörigkeit

Tab. 30: Korrelation von gleichnamigen Items der Fragen 14 + 15

Tab. 31: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Alter

Tab. 32: Kreuztabelle Sicherheitsgefühl * Fanzugehörigkeit nach Liga

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Übersicht der Fangruppierungen

Abb. 2: Räumliche Verteilung von Gewalt nach Häufigkeit

Abb. 3: Akteure der Fußball-Sicherheitsarchitektur in Deutschland

Abb. 4: Modell der Wechselbeziehungen im sozialen System Fußball

Abb. 5: Weiteres Vorgehen vom 27.09.2012

Abb. 6: Weiteres Vorgehen vom 15.11.2012

Abb. 7: Befragungsmethoden im Überblick

Abb. 8: Familienstand der Befragten

Abb. 9: Übersicht mit wem die Befragten das Stadion besuchen

Abb. 10: Besuchverhalten der Befragten in Prozent

Abb. 11: Gründe für die Unsicherheit der Fans

Abb. 12: Umsetzung der Maßnahmen 1

Abb. 13: Umsetzung der Maßnahmen 2

Abb. 14: Mitwirkende aus Sicht der Fans

Abb. 15: geographische Übersicht der Bundesligavereine

Abb. 16: Ausstiegsanalyse

1 Einleitung

Im Fußball spielen die Fans auf den ersten Blick eine nebensächliche Rolle, denn ohne die Vereine würde auch das Fußballpublikum gar nicht existieren. Bei genauerer Betrachtung wird ihre Bedeutung allerdings umso größer, besonders im Zuge des kommerziellen Fußballs (Friedmann, 2009, S.4; ebenda, S.29). Zuschauer gehören schon immer zum Sport dazu, ebenso aber auch die Selbstdarstellung dieser Gruppe, welche sich teilweise in negativen Aktionen wie Diskriminierung, Gewalt oder ähnlichen Vergehen zeigt (Pilz, 2009, S.186f.). Der Sport Fußball ist zudem allzeit aktuell und fasziniert Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, was wiederum zeigt, welch große Bedeutung die Synthese von Fans und Fußball hat:

Fußball zog und zieht Millionen in seinen Bann unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand und sozialer Herkunft. Fankultur und Fanszene präsentieren sich entsprechend ebenso vielschichtig und bunt wie widersprüchlich. Das Spektrum reicht vom kleinen Jungen bis zum graubärtigem Opa, von dem „mit den Wölfen heulenden Mädchen“ bis zur gereiften Oma, vom hemmungslos jubelnden bis hin zum distanziert konsumierenden Fan, vom friedfertigen Schlachtenbummler bis hin zum gewaltfaszinierten Hooligan, vom Abstinenzler bis zum Alkoholiker, vom „Linken“ bis zum „Rechten“ (Pilz, 2006, S.68).

Weiterhin lässt sich feststellen, dass die Faszination des Fußballs sich nicht auf das Spiel allein bezieht, sondern erst die Emotionen das besondere Erlebnis eines Stadionbesuches ausmachen (Haslinger, 2011, S.17). Momentan bekommt das Thema Sicherheit in Stadien einen besonderen Stellenwert, denn Fanausschreitungen bei Fußballspielen rücken in jüngster Vergangenheit immer wieder in den Mittelpunkt der Berichterstattung (ebenda, S.17ff.). Gewalt scheint sogar neben Doping zu den größten Problemfeldern im Sport zu zählen (ebenda, 2009, S.186). Die logische Folge sind Diskussionen über neue Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen, die nun auch verstärkt umgesetzt werden sollen, mit der Intention die Sicherheit der anderen Zuschauer zu gewährleisten (Piastowski, 2010, S38). Gewalt im Fußball ist genaugenommen jedoch kein neues Problem; in der Geschichte des deutschen Fußballs kam es bereits häufiger zu Ausschreitungen aggressiver gewaltsuchender Fans, weshalb der Hooliganismus als zeitloses Problem gesehen wird, welches auch in der Öffentlichkeit ständig im Fokus steht (Behn, et.al., 2005, S.289; Kraus, 2010, S.183).

Aufgrund zunehmender Ausschreitungen und auf Nachdruck der Innenminister beschloss die Deutsche-Fußball-Liga (DFL) in der Kommission Sicherheit eine Überarbeitung und Ergänzung zur Verbesserung der bisherigen Präventionsmaßnahmen. Die DFL präsentierte die Lösung in Form des DFL-Sicherheitspapiers „sicheres Stadionerlebnis“ (DFL, 27.09.12). Die 16 Anträge des ersten Entwurfes haben für viel Aufsehen gesorgt, da Standpunkte von Fans, Vereinen, Verbänden, Polizei und Politik aufeinandertrafen und sich nur schwer vereinbaren ließen. Folglich stellte sich die Situation in deutschen Stadien als angespannt und verfahren heraus. In der allgemeinen Fanszene ist der Unmut über die neuen Sicherheitsmaßnahem der deutschen Fußball Liga (DFL) groß, meist war dies immer wieder an diversen Protesten durch die Initiative „12:12 – Ohne Stimme, keine Stimmung“ zu erkennen (http://www.12doppelpunkt12.de/protestaktionen/). Das Konzept wurde bis zur Mitgliederversammlung am 12.12.12, nach einem Dialog mit den Vereinen und aufgrund der vielen Fanproteste überarbeitet. Die 16 Anträge wurden erst danach auf der Versammlung der DFL von der Mehrheit der Vereine angenommen und verabschiedet (DFL, 13.12.2012).

Nach der Abstimmung über die überarbeiteten Anträge ist es ruhiger um die Sicherheits-Debatte geworden. Zuvor sahen viele Fanvertreter die positive Fankultur in Gefahr, fühlten sich zudem durch rechtswidrige Passagen des Sicherheitspapiers in ihren Fan- und Menschenrechten beschnitten und als Spielball der Politik. (http://www.fankultur.com/kurve/stellungnahme/item/849-fangipfel-mit-abschliessender-erklaerung; http://www.fankultur.com/kurve/stellungnahme/item/1012-innenminister-forderung-ist-taschenspielertrick-und-verfassungswidrig). Der Fußball ist auch über den Spieltag hinaus zu einer Verabredungskultur geworden, bei dem neben Jubel, Enttäuschung und Gewalt, auch Zusammenhalt, Witz, Ironie und Kreativität das Bild der Fankultur prägen (Dembowksi, 2004a, S.8).

Besonders die mangelnde Kommunikation zwischen Verband und Fans führte zu einer großen Unzufriedenheit, die sich bei einem Stillstand der Situation voraussichtlich nicht verbessern wird (Blickfang Ultra Nr.27, S.4ff.). Welchen Einfluss das Sicherheitspapier tatsächlich auf die Fankultur hat kann man noch nicht hinreichend beurteilen und wird sich erst in Zukunft zeigen, da die Maßnahmen zur neuen Spielzeit 13/14 umgesetzt werden sollen (DFL, 07.12.2012).

Die neuen Maßnahmen sollen in erster Linie der Sicherheit der Fans dienen, im Antragspaket 1 ist diese sogar explizit als Zielsetzung formuliert:

„Die Qualitätssicherung bzw. -verbesserung bei Spielen der 1. Bundesliga und der 2. Bundesliga zur Gewährleistung einer sicheren Veranstaltung“ (DFL, 12.12.12). Allerdings ist keinesfalls ausreichend untersucht worden, ob sich Zuschauer wirklich nicht sicher im Stadion fühlen und ob die anvisierten Präventionsmaßnahmen auch die gewünschte Wirkung zeigen. Es gilt daher passende Maßnahmen zu finden, die der aktuellen Entwicklung und Fanszene gerecht werden (Lösel et al., 2003, S.79f.). Zum Sicherheitsgefühl der Fans gibt es bisher lediglich eine Umfrage des Sport-Informations-Dienst (SID) und eine der Hochschule Fresenius. Die erstere ist sehr umstritten, da sie offensichtlich nicht den Gütekriterien von wissenschaftlichen Studien ausreichend entspricht bzw. die falschen Leute befragt werden (schwatzgelb.de, 14.12.12), die andere umfasste gerade einmal 150 Teilnehmer (Hochschule Fresenius, 04.06.2012). Genaue Daten wurden auch auf Anfrage leider nicht herausgegeben.

Diese wissenschaftliche Arbeit soll einen Beitrag zum genannten Problem leisten und sich speziell mit der subjektiven Wahrnehmung der Fans von Präventionsmaßnahmen am Beispiel des DFL-Sicherheitspapiers beschäftigen. Es handelt sich dabei um eine explorative Studie, die erste Erkenntnisse über die vielschichtige Meinung in deutschen Stadien geben soll. Aufgrund der starken Beeinträchtigungen für die Fans hat das Thema der Gewaltprävention eine besonders hohe gesellschaftliche Relevanz und es stellt sich die Frage, welche der neuen Präventionsmaßnamen verzichtbar oder sogar unnötig sind. Die Arbeit soll vor allem die Meinung der Fans skizzieren und evaluieren welchen Einfluss die Präventionsmaßnahmen aus Sicht derer haben.

Folglich wird der Fragstellung nachgegangen: Sind die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen der DFL notwendig und wirkungsvoll?

Die wissenschaftliche Arbeit erörtert in einem theoretischen Teil die Hintergründe der Fankultur und Sicherheitsdebatte, wodurch im Anschluss die oben genannte Fragestellung durch zusätzliche empirische Erkenntnisse beantwortet werden kann.

Um die Meinung der Fans beurteilen zu können muss sich in erster Linie ein Bild darüber gemacht werden, was überhaupt die Fankultur im deutschen Fußball ist (Kapitel 2). Zu Beginn wird daher differenziert was für Zuschauerkategorien und Fangruppierungen im Stadion zu finden sind (2.1). Im nächsten Abschnitt wird die Entwicklung des Zuschauerverhaltens und Fankultur genauer betrachtet (2.2). Häufig wird der Prozess der Selbstreinigung in diesem Zusammenhang genannt, jedoch wird dieser erst explizit in den Kapiteln 3.2 und 3.3 behandelt, weil er in gewisser Weise eine Maßnahme gegen Gewalt im Stadion darstellt. Ebenso finden sich Feindbilder, die im Laufe der Entwicklung entstanden sind, unter 3.3 wieder, um genauer auf das Verhältnis der Beteiligten einzugehen. Anschließend wird auf die Fankultur im internationalen Vergleich eingegangen, da viele Fußballfans kritisieren, dass durch das Sicherheitspapier die Identität des deutschen Fußballs verloren gehen könnte (2.3).

Das Thema Sicherheit hat im Verlauf des modernen Fußballs eine immer größere Bedeutung bekommen (Kapitel 3), daher ist neben der Entwicklung der Fankultur auch zu berücksichtigen, wie sich die Gewalt in Stadien und der Gesellschaft entwickelt hat. Statistiken der zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) sollen dabei helfen einen Überblick zu bekommen, wie sich die Straftaten und die notwendige Sicherheit innerhalb der letzten Jahre in Deutschland gewandelt haben. Um die Daten in ein Verhältnis setzen zu können wird vergleichend die Entwicklung der gesamten Gewaltstraftaten in Deutschland anhand von Berichten des Bundeskriminalamts untersucht (3.1). Ferner wird näher betrachtet, welche Personen und Parteien bei der Sicherheit in deutschen Stadien mitwirken und wie deren Zusammenarbeit verläuft (3.2). Entsprechend ist es von großer Bedeutung, die Maßnahmen der Mitwirkenden zur Gewaltprävention zu kennen, damit ein Eindruck über die verschiedenen Positionen und den Aufwand zur Sicherheit erlangt werden kann (3.3).

Im Zusammenhang der letzten Ereignisse ist es auch unabdingbar, die Inhalte und Entstehung des Sicherheitskonzeptes „sicheres Stadionerlebnis“ zu erörtern, damit die neuen Maßnahmen und deren Umfang richtig eingeschätzt und beurteilt werden können (Kapitel 4). Das Sicherheitskonzept hat innerhalb weniger Monate eine starke Entwicklung durchlaufen, so dass explizit auf Inhalte und Neuerungen des Sicherheitspapiers eingegangen wird (4.1). Darauf folgen die bisher publizierten unterschiedlichen Standpunkte und Reaktionen zum DFL-Sicherheitspapier, um einen genaueren Überblick über unterschiedliche Standpunkte der Diskussion zu bekommen (4.2).

Im Anschluss an die Erörterung des Sicherheitskonzeptes schließt sich die Befragung zu den Präventionsmaßnahmen und der Sicherheit in deutschen Stadien an, wobei aus der vorangegangen Theorie gezielt Fragestellungen und zugehörige Hypothesen gebildet werden (Kapitel 5). Es handelt sich um eine quantitative Untersuchung in Form einer anonymen Online-Befragung, die mittels eines standardisierten Fragebogens durchgeführt wurde (Kapitel 11). Die Umfrage soll eine möglichst breite Meinung von Fans widerspiegeln und wurde deshalb in verschiedenen Fan-Foren der 18 Bundesligamannschaften verbreitet, um so viele Rückmeldungen aus ganz Deutschland zu bekommen. In einem ersten Schritt wird genauer auf die Methodik der Untersuchung eingegangen (Kapitel 6): Es erfolgt dabei eine Beschreibung des Instrumentes (6.1), der Stichprobe (6.2) und der Durchführung (6.3). Im nächsten Abschnitt wird speziell auf die Inhalte der Befragung eingegangen und die Variablen, sowie Skalen erläutert (6.4). Weiterhin werden Strategien zur Auswertung der Hypothesen festgelegt, um das Vorgehen auch wissenschaftlich zu fundieren (6.5).

Die aus der Untersuchung erhaltenen Ergebnisse (Kapitel 7) werden daraufhin zunächst allgemein ausgewertet (7.1), bevor eine Überprüfung der Hypothesen stattfindet (7.2 - 7.4). Es folgt eine kurze Thematisierung weiterer Erkenntnisse (7.5), bevor als letzten Schritt dieses Kapitels die Ergebnisse interpretiert (7.6) und die Untersuchung selbst diskutiert wird, bzw. Empfehlungen für weitere Studien gegeben werden (7.7).

Die wissenschaftliche Arbeit schließt mit einem Fazit (Kapitel 8) zu den bestehenden und gewonnenen Erkenntnissen, sowie einem kurzen Ausblick auf die mögliche Entwicklung des Themas „Sicherheit und Fankultur in deutschen Stadien“ (Kapitel 9).

2 Fankultur im deutschen Fußball

Der Begriff Fankultur wird häufig im Zusammenhang mit verändernden Maßnahmen im deutschen Fußball und Stadien genannt. Auch nach der Veröffentlichung des DFL-Sicherheitspapiers meldeten sich Vertreter und Gruppen zu Wort, die die Fankultur gefährdet sahen, im Internet findet man zudem Bündnisse, die kontinuierlich für den Erhalt kämpfen (http://www.fankultur.com/; http://erhalt-der-fankultur.de/)

Vor diesem Hintergrund scheint es so, als wäre „Fankultur“ eindeutig definiert, jedoch erweist sich eine Bestimmung gar nicht als so einfach (Spannagel, 27.01.2012). Das Institut für Fankultur charakterisiert den Begriff als einen Zusammenschluss von Fans, die durch gewisse Rituale, Mythen und Symboliken eine kollektive Identität entwickeln. Diese kollektive Identität, die aus der leidenschaftlichen Unterstützung und Treue gegenüber dem Verein hervorgeht kann als Fankultur bezeichnet werden. Aufgrund des gemeinsamen Ziels spielen Nationalität, Schicht und soziale Herkunft eine untergeordnete Rolle (http://www.fankultur-institut.de/). Das Leitbild des Instituts gibt einen ersten Einblick, wie diese Fankultur gesehen werden kann:

Wir verstehen Fußball als einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens, als permanenten Ort für emotionale, individualitäts- und sinnstiftende Gemeinschaftsinszenierungen. Rund um den Fußball formieren sich seit langer Zeit bunte, vielfältige und friedvolle Fankulturen immer wieder neu. Diese aus kultur-, verhaltens- und sozialwissenschaftlicher Perspektive zu beschreiben und zu verstehen ist unser Ziel (http://www.fankultur-institut.de/leitbild.html).

Das Leitbild hebt vor allem die positiven Aspekte einer Fankultur hervor. Mittlerweile gibt es sogar ausgiebige Illustrationen über die vielfältige und kreative Unterstützung der Fans, jedoch gingen diese während der historischen Entwicklung auch immer wieder mit Auseinandersetzungen und Protesten in den Fankurven einher (Stadionwelt, 2010; ebenda, 2011).

Fans unterstützen ihren Verein sehr leidenschaftlich und identifizieren sich durch ihre Zugehörigkeit. Durch die enge Bindung hängt das eigene Selbstwertgefühl unmittelbar vom Schicksal des Vereins ab, was einen wesentlichen Unterschied zwischen Zuschauern und Fans ausmacht (Kabs, 2008, S.123).

Horak (2010) beschreibt den Fußball als „massenkulturelles Phänomen“ und stellt die Wechselwirkung und Dynamik von Konkurrenz und Kooperation in den Vordergrund. Nach Vinnai (2010) beinhaltet der Fußballsport ein breites Spektrum an Möglichkeiten von Gruppenprozessen und Identitätsentwicklung, die es schaffen, Massen zu bewegen. Diese Begeisterung kann auf der einen Seite einen sozialen Zusammenhalt stiften, zum anderen aber auch die Freiheit des Individuums einschränken. Es wird in diesem Zusammenhang klar, dass Fankultur viele Facetten hat und sich so selbst bei wissenschaftlicher Betrachtung verschiedene Sichtweisen ergeben können.

Um die deutsche Fankultur besser verstehen und analysieren zu können wird im folgenden Abschnitt zwischen verschiedenen Gruppierungen unterschieden, die die Fankultur ausmachen. Weiterhin gehört es auch dazu typische Kategorisierungen, die für Statistiken und eine Gewaltprävention relevant sind, zu erörtern, um auch die politische Sichtweise zu berücksichtigen. Darauffolgend wird die Entwicklung des Zuschauerverhaltens und der Fankultur in Deutschland betrachtet, da diese sich in einem stetigen Wandlungsprozess befindet und weiterentwickelt. Hierbei stellt vor allem der Übergang vom Zuschauer zum Fan einen entscheidenden Wendepunkt dar. Abschließend wird in diesem Kapitel hervorgehoben was genau die deutsche Fankultur auszeichnet und besonders macht, indem internationale Fankulturen und Entwicklungen vergleichend herangezogen werden.

2.1 Fangruppierungen und Kategorien

Immer wieder werden die Zuschauer auf verschiedene Variablen zwecks Kategorisierung untersucht, allerdings erweist es sich trotz mancher Ähnlichkeiten als schwierig bestimmte Eigenschaften und Fantypologien herauszuarbeiten. Dennoch gibt es für dieses heterogene Phänomen durchaus immer wieder Versuche die Fans in Gruppen zusammenzufassen, um die Fanszene zu umreißen (Conzen, 2011, S.32). Trotz dieser Versuche existieren auch kritische Stimmen, die ein solches „Schubladendenken“ als unzureichend und verkürzt sehen, da es Millionen von Gründen und Motiven für einen Stadionbesuch geben kann (Dembowski, 2004a, S.22); welcher Natur diese sind erklären beispielsweise Strauß et al. (2006, S.379). Das Fußballpublikum wird in Deutschland häufig als Beispiel herangezogen wenn es um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Zuschauerphänomen geht, da diese Sportart einen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert hat und die Zuschauerzahlen konstant hoch sind. Eine erste Unterscheidung lässt sich zwischen Zuschauern und Fans machen, wobei die Zuschauer eine weniger enge Bindung an den Verein und das Spielgeschehen haben (Brenner, 2009, S.21f.) Es ist auch festzuhalten, dass die weiteren Gruppierungen sich nicht unterschiedslos auf andere Sportarten transferieren lassen, da die Fankultur beim Fußball sehr ausgeprägt und besonders auffällig ist (Moser, 2009, S.22).

Weiterhin zeichnet sich auch die Fanszene selbst nicht durch Einheitlichkeit aus. Die Kategorisierung von Fans ist in der Vergangenheit vor allem auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen. Viele werden zudem häufig nicht als übertragbar und zeitgemäß gesehen. Eine Unterscheidung die sich hingegen durchgesetzt hat stammt von Heitmeyer; diese differenziert zwischen drei Motiven von Fans (ebenda, S24.f):

1. Der konsumorientierte Fan
Diese Art von Fans finden sich meist im Sitzplatzbereich wieder, Grund für seinen Besuch ist neben der Leistung des Teams hauptsächlich die Unterhaltung; von ihm geht in der Regel keine Gefahr aus
2. Der fußballzentrierte Fan
Die Leistung der Mannschaft hat auch hier einen hohen Stellenwert und soziale Relevanz, jedoch wird auch bei Misserfolg die Treue gehalten. Ein Großteil der Fanszene ist fußballorientiert und zeichnet sich durch eine starke Gruppenorientierung und Verbundenheit zum Verein aus
3. Der erlebnisorientierte Fan
Dieser Fan sucht spannende Situationen; findet er keine können auch selber welche erzeugt werden, die sich beispielweise durch körperliche Konflikte äußern. Der Fußball dient hierbei als Mittel zum Zweck und ist austauschbar (ebenda, S.25).

Weigelt (2004) verdeutlicht die wesentlichen Unterschiede der drei Kategorien detailliert:

Für die konsumorientierten Fans ist die Bedeutung des Fußballspiels sehr hoch und die Leistung spielt ein entscheidendes Kriterium. Sie sehen Fußball als Freizeitbeschäftigung und schauen alleine oder als Kleingruppe zu. Den typischen Fanblock meiden sie und weichen auf den Sitzplatzbereich aus.

Die Treue der fußballorientierten Fans ist extrem hoch und unabhängig vom Spielergebnis oder Tabellenplatz. Fußball stellt bei ihnen einen wesentlichen Lebensinhalt dar und ist nicht austauschbar, genauso wichtig ist die soziale Anerkennung durch den Fußball. Man findet diese Fans häufig im Fan-Block mit größeren Cliquen oder Fanclubs.

Die dritte Kategorie, die erlebnisorientierten Fans, sieht Fußball als Spektakel. Das Event bedeutet Spannung im Leben und ist dennoch austauschbar, da andere Massenveranstaltungen mit ähnlichen Gefühlen besucht werden können. Das Stadion und das Umfeld ist ein wichtiges Präsentationsfeld; sie befinden sich immer da, „wo was los ist“, haben also wechselnde Standorte (Weigelt, 2004, S.29).

Eine häufige Bezeichnung der Zuschauer zeigt sich in den „traditionellen Fans“. Diese begreifen sich als Teil des Vereins, unterstützen diesen lautstark und bekennen sich auch im Alltag dazu. Unter der Gruppe der traditionell eingestellten Fans befinden sich die Teilgruppen der Normalos, Kutten, Hooligans und Ultras (Vieregge, 2012, S.10).

Die traditionellen Fangruppierungen zeichnen sich ebenfalls durch die verschiedene Orientierungen und Beweggründe aus. Friedmann (2009) beschreibt die klassische Dreiteilung nach Heitmeyer und Peter als nicht mehr ausreichend für die komplexen Strukturen und unterteilt vier Grundformen eines Publikums. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch schon Pilz (2005). Folgendes Schaubild veranschaulicht die Überschneidungen und Unterschiede zwischen den Gruppen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Übersicht der Fangruppierungen (Pilz, 2005 in Brenner, 2009, S.26)

Die Fanszene wird hier in Relation zu Heitmeyers Modell dargestellt, dabei lässt sich auf der ersten Ebene zwischen drei Gruppierungen unterscheiden. Pilz hat jedoch in seiner Übersicht eine fußballzentrierte Fanszene ausgelassen. Anfang der 1990er Jahre sind zusätzlich die kritischen Fußballfans entstanden, sodass man eigentlich vier Gruppierungen auf der ersten Ebene berücksichtigen müsste. Durch Schnittmengen sind auf einer zweiten Ebene neue Gruppierungen entstanden, die Merkmale zweier Grupperungen mit derselben Orientierung vereinen (Brenner, 2009, S.26).

Kuttenfans

Die Kuttenfans sind heutzutage seltener bzw. als Minderheit im Stadion anzutreffen. Lange Zeit dominierten sie das Geschehen auf der Tribüne. Ihren Namen bekamen sich durch ihre Kleidung, denn sie trugen sogenannte Kutten. Kutten sind Jeansjacken mit Aufnähern des jeweiligen Vereins; häufig trugen sie noch diverse andere Fanartikel wie Trikots, Schals, Mützen und Fahnen um ihre Identifikation auszudrücken. Sie halten ihrem Verein in jeder Situation die Treue, feuern sie lautstark an und begleiten das Team auch zu Auswärtsspielen; das Spielgeschehen ist eng mit dem eigenen Schicksal verbunden. Die Kuttenfans werden in der aktuellen Fanszene vermutlich seltener so wahrgenommen, da die Kutte als „Relikt vergangener Tage“ gilt. Moderne Kuttenfans tragen meist nur noch Trikot und Schal, die dominante Rolle haben sie hingegen trotzdem an die Ultras verloren (Brenner, 2009, S.63f.; Pilz, 2006, S.70f.).

Ultras

Ultras sind gut organisierte und eingeschworene Anhänger eines Vereins, die häufig gemeinsame Aktionen von Fans organisieren. Das Phänomen der Ultras wird nicht nur als Zugehörigkeit zu einer Gruppe gesehen, sondern auch als Lebenseinstellung:

„Ultra sein bedeutet dabei, eine neue Lebenseinstellung zu besitzen, extrem zu sein, durchzudrehen, Spaß zu haben, Teil einer eigenen neuen Fußballfan- und Jugendkultur zu sein. Im Gegensatz zu den Hooligans besitzen sie nur eine Identität“. (Pilz, 2006, S.75)

Die Ultras stehen der Vereinsführung meist kritisch gegenüber, drücken ihre Meinung im Stadion aus und feuern das Team durch Fangesänge an. Sie sehen sich als aktivster und kritischster Part der Fanszene und stellen auch bei Auswärtsfahrten in der Regel die größte und auffälligste Gruppe (Gabriel, 2010, S.49). Zur weiteren Inszenierung gehören Choreographien, Schriftbanner, Plakate, Konfetti und bengalische Feuer (Kähler & Marg, 2012, S.143); dafür investieren die Ultras viel Geld und Zeit in die Vorbereitung und drücken so die Verbundenheit zu ihrem Verein aus (Pilz & Wölki, 2006, S.271). Weiterhin zeichnet sich diese Subkultur als besonders gut organisiert aus. Innerhalb der Gruppe gibt es eine „gewachsene Fan-Hierarchie“ mit meist vier bis fünf Führungspersonen, die verschiedene Aufgabengebiete haben (ebenda, S.274).

Es lassen sich kurzum zwei wesentliche Merkmale aller Ultras feststellen:

1. Die Unabhängigkeit vom Verein
2. Die unbedingte Präsenz und Aktivität als Ultra, was oftmals als bedingungslose und fanatische Unterstützung des eigenen Vereins bezeichnet wird (Friedmann, 2009, S.15).

Die Gruppierung der Ultras wird im Folgenden etwas ausführlicher behandelt, da sie einen Generationswechsel in der deutschen Fanszene eingeleitet hat und als recht junge Bewegung zurzeit besonders hervorsticht (Gabriel, 2004, S.179). Zudem zeichnet es die Ultras aus, dass sie sich gegen Repressionen wehren und sich aktiv für die Fankultur und ihre Freiheiten einsetzen, so auch in der Debatte um das DFL-Sicherheitspapier.

Die Ultras verstehen sich selbst als Gegenpol der fortschreitenden Kommerzialisierung im Fußball (ebenda, S.270). Hierbei ist jedoch festzuhalten, dass zu Beginn der Ultra-Bewegung der Einsatz für Fanrechte keineswegs im Mittelpunkt stand, sondern die Inszenierung von Stimmung im Stadion. Erst durch die Eingrenzung der Freiräume wurde dieses Engagement zum festen Bestandteil (Verma, 2012, S.51). Andere politische Positionen werden in der Regel nicht bezogen oder lassen sich zumindest nicht vereinheitlichen, eine solche Aussparung dient der Aufrechterhaltung der Gemeinschaft (Wark, 2012, S.87). Allgemein scheinen die Ultras der verschiedenen Vereine sehr unterschiedlich und teilweise sogar uneinig zu sein, so kritisieren sich beispielsweise Gruppen sogar für das Auffordern zu „erwachsenem Verhalten“ und Kompromissbereitschaft (Blickfang Ultra Nr.26, S.4f.).

Pilz & Wölki (2006) sehen die Ultras als Beispiel dafür, dass die Zuschauer sich heutzutage, aufgrund der sich entfernenden Sportler, mehr und mehr mit sich selbst befassen. Die Gruppe bildet ein „regelgerechtes Auffangbecken“ für junge Fans, diese können ihre Identität und gruppenspezifisches Verhalten ausbilden; die Selbstverwirklichung spielt eine große Rolle.

Verma (2012) und Gabler (2012) führten Interviews durch um über diese Gruppe mehr zu erfahren und sie zu verstehen.

Gabler legte den Schwerpunkt auf Ideale, Normen und Regeln der Ultras, dabei kam er zu folgenden Erkenntnissen:

- Wichtige Ideale der Ultras äußern sich in Freiheit, Selbstbestimmung, Präsenz, Leidenschaft, Fanatismus, Vertrauen, Unabhängigkeit, Dinge selber machen und Ehrlichkeit
- Das Kollektiv steht immer an erster Stelle, hierbei müssen Kompromisse eingegangen werden und jeder sich dennoch individuell einbringen
- Die Mitbestimmung und Einwirkung der Ultras findet vor allem statt wenn etwas in ihren Augen nicht richtig läuft
- Es gibt innerhalb der Gruppen keine festen Regularien, sondern ungeschriebene Grenzen. Meist werden diese von Mitgliedern überschritten die nicht zum „festen Kern“ gehören.

(Gabler, 2012, S.91ff.)

Verma hingegen fokussierte eher die Beweggründe und fand heraus, dass die intrinsische Motivation, also die Befriedigung durch das Handeln selbst, bei den meisten Ultras im Vordergrund steht. Es gibt jedoch auch weitere Motive die hier kurz erläutert werden sollen:

„Etablierung von Strukturen zur Auslebung subkultureller Vorbilder“: Hier steht in erster Linie der Traum im Vordergrund, die Kurve im Stadion anzuführen und die kollektive Unterstützung zu inszenieren (Verma, 2012, S.41).

„Austreten aus dem passiven Fandasein“: Die Fans möchten nicht mehr bloßer Konsument sein, sondern selbst ein Akteur im Wettbewerb der Vereine werden. Die unterschiedlichen Ultragruppierungen führen ihren eigenen Wettkampf auf Ebene der Anfeuerung durch, so dass das eigentliche Spielgeschehen teilweise nebensächlich ist (ebenda, S.42f.).

„Ersatz für verlorengegangene Identifikationsflächen der Vereine“: Da den Fans immer mehr Identifikationspunkte verloren gehen, liefern die Ultras sich eigene Punkte zur Orientierung und Identifikation (ebenda, S.45f.).

„Schaffung eines Freiraums zur erlebnisorientierten Persönlichkeitsentfaltung und Identitätsentwicklung“: Besonders junge Stadiongänger finden in der Gruppe der Ultras Anschluss und der Jugendliche kann seine „Suche nach dem, was er ist und was er gerne sein möchte“ fortsetzen. Sie versuchen sich selbst zu verwirklichen und dadurch zu entfalten (ebenda, S.48f.).

Mittlerweile gibt es mehrere Untersuchungen, die sich auch genauer mit der inneren Struktur der Ultras beschäftigen, eine aktuelle und gehaltvolle Studie zeigt sich zum Beispiel in der von Kathöfer & Kotthaus (2013). Keines der Motive ist per se verwerflich und die Ultras bilden durchaus eine geeignete Alternative für jüngere Fans, da die Erlebnisorientierung wesentlich geringer durch Gewalt bestimmt wird, als die der Hooligans (Verma, 2012, S.52).

Hooligans

Hooligans stellen die radikale Seite der Erlebnisorientierung dar. Das Ziel dieser Gruppierung besteht darin, gewalttätige Auseinandersetzungen zu suchen oder diese zu planen. Hervorzuheben ist, dass Hooligans aus allen Sozialschichten stammen und der „Kick“ als wesentlicher Beweggrund gilt. In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft sich ausgiebig mit dieser Gruppe beschäftigt, jedoch kann man die Hooligans kaum noch zur aktuellen Fanszene zählen. Die Zahlen der Mitglieder sind aufgrund gut greifender Präventionsmaßnahmen stark zurückgegangen und Hooligans gelten als Auslaufmodell (Pilz, 2012, S.214). Die verbliebenen Hooligans haben sich auf die Sitzplätze zurückgezogen und die Gewalt hat sich außerhalb der Stadien verlagert. Heutzutage finden solche Auseinandersetzungen sogar vollkommen ohne Bezug zu Fußballspielen statt (Brenner, 2009, S.65f.). Hooligans selbst bezeichnen Gewalt als „Tankstelle für das Selbstbewusstsein“. Hooligans haben zwei Identitäten, die sie in verschiedenen Situationen ausleben: Auf der einen Seite steht die bürgerliche Alltagsidentität und auf der anderen die sub- und jugendkulturelle Hooliganidentität (Pilz, 2006, S.72f.) Es scheint also so, dass die Hooligans den Jugendlichen, ähnlich wie die Ultras, eine Möglichkeit zur Identitätsfindung liefern.

Kritische Fußballfans

Die kritischen Fußballfans haben sich mittlerweile neben den Ultras etabliert und mit ihnen teilweise vermischt. Ihre Wurzeln liegen in der kritischen Fanbewegung in England, die nach den Katastrophen von Heysel und Hillsborough entstand. Besonders die englische Fankultur wurde durch diese Ereignisse geprägt (vgl. 2.3), was zu dem Motto „Holt euch das Spiel zurück“ führte. Auch in Deutschland gibt es diese kritischen Fans, die auf Missstände aufmerksam machen wollen und auf das Recht der Fans nach Mitbestimmung pochen. Die derzeitigen Mitglieder der Ultras lassen sich nur schwer davon abgrenzen, da auch diese Subkultur sich mittlerweile aktiv mit der Vereinspolitik auseinandersetzt. Weitere charakteristische Merkmale sind, neben dem Willen die Entwicklung des Fußballs beeinflussen zu wollen, das Zuschreiben von mehr Bedeutung an das Drumherum (An- und Abreise, Atmosphäre), sowie die Kombination aus Leidenschaft für den Verein und kritischer Haltung (Brenner, 2009, S.67f.). Es gibt daher offensichtlich sehr viele Parallelen zur Gruppierung der Ultras.

Hooltras & Supporter

Bei den Gruppen der zweiten Ebene handelt es sich um Mischformen. So sind Hooltras Ultragruppierungen, die „hooligantypische“ Verhaltensweisen aufzeigen (Kraus, 2010, S.184). Man bezeichnet demnach Ultras so, die sich offen zur Gewalt bekennen (Pilz, 2012, S.214). Supporter orientieren sich hingegen an den friedlichen Kuttenfans, sie wollen wie die Ultras Stimmung erzeugen, verzichten jedoch auf verbotene Aktionen und werden Teil des Events; sie pflegen eine gute Beziehung zu den Vereinen und werden von diesen unterstützt. Supportergruppen werden jedoch in manchen Zusammenhängen lediglich als Dachverband aller Fans gesehen und nicht als neue Gruppierung (Brenner, 2009, S.82).

Mediensportfans

Im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung und Medialisierung des Fußballs sind Vereine auch über die regionalen Grenzen hinaus bekannt geworden und es ist eine neue Art von Fans entstanden. Diese Gruppe beruft sich nicht auf die traditionellen Merkmale des Fantums, sondern verfolgt den Erfolg des Teams hauptsächlich über Medien wie Fernsehen und Internet, so dass diese Gruppe den Namen „globale Mediensportfans“ zugesprochen bekam (Brenner, 2009, S.63). Es gibt inzwischen also neben den Motiven der Konsumierung auch das Abgrenzungsmerkmal direkte oder indirekte Konsumierung, da Fans sich nicht nur am Spielort vorfinden (Friedman, 2009, S.5).

Polizeiliche Bewertung

Abschließend muss im Zusammenhang mit Sicherheitsmaßnahmen und Prävention im Fußball eine weitere Kategorisierung skizziert werden. So verfolgen die Ordnungsinstanzen eine Einordnung der Zuschauer in die Kategorien A, B und C (ebenda, S.27). Bei der polizeilichen Bewertung handelt es sich um eine Einteilung, die das Störerpotential festlegt und eine einheitliche Bewertung auf nationaler und internationaler Ebene ermöglicht (Moser, 2009, S.23).

Folgende Übersicht zeigt die Verbindung der soziologischen und polizeilichen Betrachtungsweise:

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Tab. 1: Übersicht der Bewertungskategorien von Fußball-Fans (Moser, 2009, S.23)

Moser (2009) beschreibt die Bewertungen größtenteils als deckungsgleich, so das eine gesonderte Erläuterung der Kategorien A, B und C entfallen kann und auf die entsprechende Beschreibung der soziologischen Bewertung verwiesen wird. Eine Besonderheit jedoch ist, dass die Fans der Kategorie C mittlerweile sehr wohl Interesse am Spiel zeigen, sich klar von den Kuttenfans abgrenzen möchten und auf Alkohol verzichten, damit die Gewaltausübung nicht beeinträchtigt wird (ebenda, S.28).

Allein anhand der vielfältigen Motive eines Stadionbesuches kann man erkennen, dass die Fankultur sich nicht vereinheitlichen lässt und die Zusammensetzung im Stadion durch diverse Überschneidungen äußerst komplex ist. Man sollte jedoch auch berücksichtigen, dass eine solch vielschichtige Fanszene sich erst entwickeln musste und die Fan- und Zuschauerkultur auf eine entsprechend lange Vergangenheit blickt.

2.2 Entwicklung des Zuschauerverhaltens und der Fankultur

Zuschauer sind als spezielle Beobachter definiert, die (1) während des beobachteten Geschehens kein Bestandteil davon sind, (2) aus personeninternen Gründen beobachten und (3) etwas für das Beobachten bezahlen müssen (Strauß, 2012, S.11).

Eine solche Definition und die aktuelle Fankultur hat sich allerdings über Jahrhunderte entwickelt und ihren Ursprung weit in der Vergangenheit. Bereits bei den „Olympischen Spielen der Antike“ in Griechenland und dem „Circus Maximus“ in Rom lässt sich das Interesse von externen Personen an sportlichen Wettkämpfen erkennen (Moser, 2009, S.9f.; Strauß et al., 2006, S.378). Eine detaillierte Beschreibung der frühen Zuschauerkultur liefert Krüger (2012) und zeigt, dass die Bedeutung früher wie heute extrem hoch war bzw. ist. Damals schüttete man extra für Zuschauer Erdwälle auf, richtige Sitzplatzgelegenheiten entwickelten sich erst später. Die aktuell größte erfasste Menschenmenge befand sich 1950 mit 200.000 Menschen im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro (Strauß, 2012, S.7f.). Meilensteine der Massenunterhaltung haben sich in Form der Olympischen Spiele der Neuzeit oder auch in den Welt- und Europameisterschaften des Fußballs durchgesetzt (Conzen, 2011, S.30). Der deutsche Fußball hat seinen Ursprung aus England, jedoch existierte die Spielform dort zuerst nur als „Village Football“. Es spielten ganze Dörfer gegeneinander ohne ein festes Spielfeld; eine Abgrenzung von Spielern und Zuschauern gab es zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Diese entstand erst mit der modernen Spielvariante und Verregelung, so dass der Fußball sich zu einem Zuschauersport entwickelte (Brenner, 2009, S.27).

Auch die Entstehung der Fanidentität weist viele Parallelen zu der englischen Fankultur auf; so wird die Einführung des Acht-Stunden-Tages als wesentliche Voraussetzung für die Verbreitung des Fußballs in der Nachkriegszeit gesehen. Als Folge entwickelten sich sportliche Wettkämpfe zwischen Bürger- und Arbeitervereinen, in denen die Fans mitfieberten. Fußball galt allgemein als Arbeitersport, gewann letztlich jedoch aber an Ansehen in allen Schichten (Sommerey, 2012, S.28f.; Gabler, 2011, S.19; Friedmann, 2009, S.2ff).

Pilz (2006) beschreibt das Verhältnis zwischen Spielern und Zuschauern von den 1930ern bis weit in die 1950er Jahre als sehr nah und von Interaktion geprägt. Die Anhänger wurden vor allem in den 20er Jahren als „Schlachtenbummler“ bezeichnet, was hauptsächlich die militärische Herkunft widerspiegelt. In den 30er Jahren wurden Nachbarschaftsderbys als Möglichkeit für Ausflüge genutzt, in denen Verein, Anhänger und Spieler eine sozial und kulturell enge Beziehung hatten. Oft wurde die ganze Familie mitgenommen und man saß nach dem Spiel noch in geselligen Runden beisammen (Pilz, 2006, S.69f.).

Gegen Ende der 50er Jahre durchlief der Fußballsport einen Wandel; dieser ging einher mit einer vielschichtigen Zuschauerkrise. Grund für diese Krise war die fortschreitende Professionalisierung des Fußballs in England, welche sich daraufhin auch in Deutschland verstärkt ausbreitete. Es entstand der „Star“ als Spielertypus, die Interaktion zwischen Akteuren und Publikum flachte ab und die greifbaren Repräsentanten verschwanden immer mehr. Ebenso wandelte sich jedoch auch die Erwartung der Zuschauer, der die Spieler fortan als Unterhalter ansah und das Spektakel suchte (Friedmann, 2009, S.7; Gabler, 2011, S.21f.). Die Professionalisierung wurde zudem durch einen gesellschaftlichen Wandel begleitet: Aufgrund des steigenden Wohlstands und mehr Freizeit entwickelte die Zuschauerkultur sich weiter, was zu einem höheren Komfortwunsch führte, der im Zuge der Kommerzialisierung umgesetzt wurde (Gabler, 2011, S.23).

Es folgte 1973 mit der Einführung von Trikotwerbung ein weiterer Schritt der Kommerzialisierung und damit eine weitere Entfremdung zum ursprünglichen Fußball, wodurch die Spaltung zwischen „wählerischen Konsumenten“ und „fußballorientierten Kuttenfans“ entstand (Heith & Pauler, 2007, S.146). Durch stadionbauliche Veränderungen wie Zäune wurde zudem eine räumliche Trennung ermöglicht und es entwickelte sich eine eigenständige jugendliche Fankultur, die sich auf den günstigen Stehplätzen hinterm Tor wiederfand. Es entstand eine Trennung zwischen den Zuschauern und Fans, wobei die einen hauptsächlich kamen um das Spiel zu sehen, die anderen um ihre Mannschaft zu unterstützen (Sommerey, 2012, S.29; Gabler, 2011, S.23). Zudem wurde auch festgestellt, dass es vor allem die jüngeren Stadionbesucher auf die Stehplätze zieht, hingegen ältere Zuschauer die übrigen Bereiche bevorzugen (Verma, 2012, S.4).

Geld bekam eine immer größere Bedeutung und das Fußballspiel erhielt einen Show-Charakter, so dass letztendlich die Repräsentation des eigenen Viertels oder der Stadt bei vielen Fans verloren ging. Diese Nicht-Beachtung der Spieler gegenüber den Fans kann nach Pilz ein möglicher Grund für die zunehmende Gewalt sein (Pilz, 2006, S.70f.).

Der Begriff Hooliganismus kam in Deutschland das erste Mal in den 70er und 80er Jahren über die Medien auf, da in England bereits öfter die Rede von gewalttätigen Fanausschreitungen war (Willms, 2009, S.127). Es entstand auch hierzulande eine neue Fanszene, die sich als äußerst gewaltbereit erwies, folglich erreichten die Ausschreitungen eine neue Qualität und traten immer häufiger auf (Brüggemeier, 2006, S.39 ff.). Der Fußball in England diente lange Zeit als Vorbild, als dort jedoch aufgrund häufiger Ausschreitungen und Katastrophen Konsequenzen gezogen wurden musste man sich ein anderes Beispiel suchen. Diese Suche führte zur südeuropäischen Fanszene im italienischen Fußball (Sommerey, 2012, S.31).

Der zusätzliche Aufschwung des Fußballs seit Anfang der 1990er Jahre hat zu einer immer größeren Vermarktung geführt; die Medialisierung spielt hierbei eine zentrale Rolle (Willms, 2009, S.131). Inzwischen wird der Konsument mit einem extrem großen Angebot an Fußball bedient, da der Zuschauersport als Quotengarant gilt (Resch & Steinert, 2010, S.214). Die Fußballfankultur wurde daher auch auf eine gewisse Weise entraditionalisiert und deterritorialisiert, da das Fansein in immer mehr „imaginären“ - also unpersönlichen - Gemeinschaften ausgelebt wird (Mikos, 2008, S.75ff.).

Die Kommerzialisierung führte zudem dazu, dass die Eintrittspreise kontinuierlich anstiegen und die Zusammensetzung der Zuschauer sich deutlich veränderte. Auch heutzutage findet man immer mehr besser Verdienende oder auch Frauen und Familien im Stadion (Brüggemeier, 2006, S.42). Allgemein lässt sich feststellen, dass Frauen immer mehr Bestandteil der früher rein maskulinen Fankultur geworden sind, so gibt es mittlerweile in allen Altersklassen fußballinteressierte Frauen und Männer (TU Braunschweig, 2012, S.10; Horak, 2010, S.132f,). Der Frauenanteil in Stadien hat sich durch das Ansprechen neuer Zielgruppen auf 24% erhöht (Naß, 2010, S.57), jedoch mangelt es immer noch an Untersuchungen zu dieser Gruppe (Sülzle, 2011, S.20). Welches Aufsehen die Bundesliga erregt zeigt sich unter anderem darin, dass eine renommierte Fachzeitschrift die Bundesliga dieses Jahr als beste Liga der Welt kürte. Berücksichtigt wurden Zuschauerzahlen, die Club-Finanzen, der liga-interne Wettbewerb, die Stadien-Infrastruktur, die Anzahl der Tore pro Spiel, die Qualität von Trainern und Spielern sowie der Erfolg bei kontinentalen Wettbewerben (Weber, 25.04.13).

Die „echten“ Fans fühlten sich in der Vergangenheit immer mehr aus den deutschen Stadien vertrieben und sahen den Verein als unnahbar, ähnlich wie beim neuen Vorbild in Italien. Die Kommerzialisierung und schlechte Stimmung führten Mitte der 90er zu zwei neuen Gruppierungen, den kritischen Fans und den Ultras (Brenner, 2009, S.77).

Während die kritischen Fans sich hauptsächlich gegen den Bedeutungsverlust der Fans wehren, setzten sich die Ultras fortan verstärkt für traditionelle Stimmung und Stadionatmosphäre ein. Die Ultras erhielten einen großen Zuspruch, was zu einem rapiden Anstieg der Ultra-Gruppierungen führte (ebenda, S.78). Der Ultra-Fan glich lange Zeit dem von Pilz beschriebenen „Schlachtenbummler“ (Pilz, 2006, S.75). Im Jahr 2000 hatten sich die Ultras größtenteils durchgesetzt und waren in fast allen Bundesligastadien präsent (Sommerey, 2012, S.33). Die Ultraszene stellt nach modernen Untersuchungen eine heterogene und junge Bewegung dar, die jedoch das Problem hat, dass sie nur einen gemeinsamen Nenner kennen, nämlich die Liebe zum Verein. Der Drang zur größtmöglichen Unterstützung hat hierbei eine wichtigere Stellung als eine politische Richtung oder sich von auffälligen und gewalttätigen Personen zu distanzieren (Behn et al., 2005, S.292 f.). In diesem Zusammenhang wird auch von einer Vermischung der verschiedenen Fanszenen berichtet, so das eine sozialwissenschaftliche Separierung zwischen gewaltbereiten Fans, Hooligans und Ultras sich als schwierig erweist (Sommerey, 2012, S.34).

Die Vielfalt der verschiedenen Fangruppen lässt sich auch in unterschiedlichen Einstellungen wiederfinden, so gibt es vollkommen verschiedene Aspekte, die in den Gruppen als positive und negative Entwicklung der Fankultur eingeschätzt werden (Stadionwelt, 2004, S.16).

Vieregge (2012) erkennt im deutschen Profifußball zwischen 2000 und 2010 grundlegende Veränderungen, die sich auf die Fanszene ausgewirkt haben. Diese Veränderungen lassen sich genaugenommen als Verstärkung der vorherigen Entwicklung begreifen, wesentliche Aspekte sind die gesteigerte Aufmerksamkeit der Medien, ein breiteres Zuschauerpublikum und größere Einnahmen der Klubs. Für die Fans bedeutete dies jedoch, dass die Vereine sich zunehmend an den wirtschaftlichen und medialen Interessen orientierten (Vieregge, 2012, S.11f.).

Es ist unverkennbar, dass der deutsche Fußball in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs an Zuschauern und damit Aufmerksamkeit bekommen hat (Tab.2). Betrachtet man die letzten 10 Jahre, so stieg die Gesamtzuschauerzahl der ersten beiden Ligen von rund 12,9 Mio. Zuschauern auf ca. 19,1 Mio., was einen Zuwachs von fast 50% bedeutet.

Tab. 2: Zuschauerzahlen 1./2. Bundesliga 2002-2012 (http://www.dfb.de/?id=82912)

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Mit der erhöhten Aufmerksamkeit hat sich wie bereits beschrieben auch die Zusammensetzung in den Stadien geändert. Die Zahl der Normalos (Zuschauer), welche ohnehin den größten Teil der Fanszene ausmachte, stieg weiter an, bei den Fans verschwanden die Kutten größtenteils, Hooligans fallen in Stadien weniger auf und die Ultras etablierten sich (Vieregge, 2012, S.19).

Neben der weiteren Kommerzialisierung spielt in der aktuellen Entwicklung auch der Widerstand gegen Repressionen eine zentrale Rolle, Fans empfinden die Fankultur durch diese Faktoren am stärksten bedroht (Gabriel, 2010, S.48). Wörter wie „Kommerzialisierung“ und „Polizei- und Ordnerwillkür“ galten beispielsweise als Wörter des Jahres 2004. Das Verhältnis zwischen Vereinen, Zuschauern und Ordnungskräften zeichnet sich seitdem als merklich angespannt ab. Ansonsten lässt sich der Trend feststellen, dass im Zuge des Zuschauerbooms immer mehr aktive Fans versuchen Einfluss zu nehmen und diesen zu untermauern, damit zwischen Vereinen und Fans wieder ein Wir-Gefühl entsteht (Stadionwelt, 2004, S.10ff). Während dieser Entwicklung haben sich unterschiedliche Feindbilder der Fans herauskristallisiert; diese zeigen sich in DFB und Polizei aufgrund repressiver Maßnahmen (Gabriel, 2010, S.49) und in Konzernen oder personalisierten Unterstützern von Vereinen, da diese die Eventisierung zusätzlich fördern (Vieregge, 2012, S14f.).

Die Fanszene scheint sich mit der Kommerzialisierung des Fußballs gewandelt zu haben, so das neue Gruppierungen mehr Gewicht bekommen und eine Auflösung der Fankultur verhindert wird (Brenner, 2009, S.63). Grund dafür ist mit Sicherheit auch der Widerstand aus den Reihen der Fans durch diverse Proteste und Demonstrationen in denen sich die Fanszene Gehör verschaffte (ProFans, 2012; Dembowski,2004a, S.20f.; Weinmann, 2004, S.82). Aktuell existieren vor allem auch Fangruppen in Stadien nebeneinander, die durch Unwissenheit der anderen gegenüber voreingenommen sind, doch sollte laut Fanforscher Martin Thein die Skepsis zugunsten der vielfältigen Fankultur mit Hilfe der Vereine ausgeräumt werden (WDR, 30.05.2012).

Es wird allerdings stetig eine Auflösung der Fankultur durch die zunehmende Eventisierung und Sicherheitsdebatten befürchtet. Die deutsche Fankultur wird im Zuge dieser Entwicklung als besonders und schützenswert dargestellt und dabei kritisch auf andere Länder verwiesen (http://erhalt-der-fankultur.de/blog/body/demo/c.html).

2.3 Fankultur im internationalen Vergleich

Die Fankulturen der verschiedenen Länder haben ähnlich wie die in deutschen Stadien eine langfristige Entwicklung hinter sich, doch wäre eine Beschreibung an dieser Stelle zu umfassend. Fast jede internationale Liga hat andere Charakteristika, die als typisch gelten, diese können sowohl als positiv und negativ bewertet werden. Besonders Fans, die zu internationalen Spielen reisen, berichten von den sehr unterschiedlichen Erfahrungen; allgemein lassen sich diese jedoch unter die Begriffe Kommerzialisierung, Stimmung, Gewalt und Repression fassen, die je nach Land unterschiedlich stark ausgeprägt sind (Stadionwelt, 2005a, S,60ff.).

Es lässt sich feststellen, dass die Zuschauerkultur ähnlich wie der Fußballsport ihren Ursprung in England hat (Brenner, 2009, S.27; Sommerey, 2012, S.26), doch besonders im Mutterland des Fußballs empfinden viele Fans den Wandel als besorgniserregend (Stadionwelt, 2006, S.20).

In England haben die Fans keine Stehplätze mehr und nur wenig Mitspracherecht. Der Grund dafür sind mehrfach auftretende Katastrophen wie beispielsweise die Hillsbourough-Katastrophe: Im Jahr 1989 kamen im Hillsbourough-Stadion in Sheffield bei dem FA-Cup-Finale zwischen Liverpool und Nottingham 96 Zuschauer ums Leben. Es drangen immer mehr Menschen in das Stadion, was zu einer Paniksituation führte. Die Schuld wurde zunächst bei den Anhängern gesucht, mittlerweile macht man die Sicherheitskräfte maßgeblich dafür verantwortlich (Gabriel, 2004, S.182). Beachtlich ist, dass in der Auflistung der größten Katastrophen in Stadien keine auf deutschem Boden zu finden ist (Kähler & Marg, 2012, S.145f.).

Die Versitzplatzung der Stadien bringt nur wenige Vorteile mit sich, wird doch gerade der Stehplatzbereich häufig als traditioneller Ort von Fankultur und stehende Fans im Sitzplatzbereich als Sicherheitsrisiko gesehen. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass von den Stehplätzen das meiste Risiko ausgeht, da sie im Notfall schnell geräumt sind und zum Beispiel Hooligans sich auf die Sitzplätze zurückgezogen haben (Dembowski, 2004b, S.74ff.). Es hat sich daher herausgestellt, dass die Abschaffung von Stehplätzen sich nicht als Präventionsmaßnahme eignet (Verma, 2012, S.48). Als Kernproblem gilt auch hier die Kommerzialisierung: Die Fans fühlen sich dabei durch ein neues Publikum ersetzt, obwohl die meisten die modernen Stadien als positiv bewerten (Stadionwelt, 2006, S.21ff.).

Weitere Folgen zeigten sich in drastischen Preiserhöhungen sowie einer Personalisierung der Tickets; zudem schrieb die Regierung neben der Abschaffung der Stehplätze auch ein Alkohol- und Pyrotechnikverbot vor (Gabriel, 2004, S.181). Der Versuch der Fans die Stehplätze wieder einzuführen scheiterte, da auch die Vereine nicht hinter dem Vorhaben standen. Die englischen Fans schauen daher neidisch auf die Fußballanhänger der Bundesliga und wünschen sich eine ähnliche Stadionatmosphäre. Einige Fußballfans wollen die Entwicklung der englischen Fankultur nicht schweigend hinnehmen und gründeten sogar einen eigenen Fußballverein um dem kommerziellen Fußball zu entfliehen. Der Verein spielt in der siebten Liga, Stehplätze sind dort erlaubt und Gewalt gibt es auch nicht (Peschke, 11.12.2012). Es ist zu erwarten, dass gegen die Kommerzialisierung nur von einer kleinen Gruppe Fans Widerstand entgegengebracht wird; ein Großteil des Publikums hat sich mit der Situation abgefunden, andere werden dem Fußball fern bleiben (Stadionwelt, 2006, S.25f.).

In Italien stechen seit Anfang der 1970er Jahre die Ultras hervor, als sich eine linksgerichtete Protestbewegung durch Studenten und Arbeiter bildete. Die Proteste richteten sich in erster Linie gegen die sozialen Ungleichheiten, welche in den Kurven der Stadien inszeniert wurden. Der Einfluss auf die Vereine und die Anzahl an Ultragruppierungen ist in Italien äußerst hoch, hierbei ist jedoch auch festzuhalten, dass Gewalt und Kriminalität dort gang und gebe geworden sind (Sommerey, 2012, S.27f.).

Die deutschen Fans nahmen sich die italienischen Ultras als Vorbild in Sachen Stimmung und Stadionatmosphäre, dennoch gibt es signifikante Unterschiede zwischen den beiden Entwicklungen. Ähnlich wie bei den deutschen Ultras gilt es die Mannschaft mit allen möglichen Mitteln zu unterstützen, jedoch war es von vornherein das Hauptziel die gegnerische Gruppe zu besiegen und Gewalt dabei keineswegs ausgeschlossen (Brenner, 2009, S.75f.). Gemeinsamkeiten finden sich in dem Feindbild der Polizei und dem Ultra-Sein als Lebenseinstellung. Ein großer Unterschied zeigt sich jedoch darin, dass die deutschen Ultras die Position vertreten „Politik gehört nicht ins Stadion“. Mit dieser Einstellung distanzieren sie sich zugleich von den mittlerweile rechtsradikalen Attitüden der italienischen Vorbilder (ebenda, S.79f.).

Die Kommerzialisierung nimmt nicht nur in Deutschland eine wichtige Position ein, sondern auch in anderen Ländern. Vor allem in Spanien hat der wirtschaftliche Einfluss zugenommen; so beschreibt DFL-Präsident Rauball die Preise in der Bundesliga im Vergleich noch als gering und auch die Bundesliga als Veranstaltung die präsentiert werden muss (Ide, 18.12.2011). Ein anderer Aspekt ist, dass Fangruppen in Spanien systematisch zerstört und in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt wurden, gebündelt mit Repressionen und einem „Sicherheitswahn“. Aufgrund der kleinen und wenigen Fangruppen gibt es dort nur noch wenig Auswärtsfahrer (Stadionwelt, 2005a, S.62).

Die internationalen Fans tauschen sich über die Entwicklungen aus und versuchen sich gegenseitig Tipps zu geben, um von den Erfahrungen der anderen zu profitieren. So berichteten auf dem Fankongress 2012 die Spanier von auseinandergezogenen Anstoßzeiten, die Engländer von überteuerten Ticketpreisen, die Italiener von großer Gewalt und die Norweger über eine Lösung für den Gebrauch von Pyrotechnik (ProFans, 2012).

Es ist durch den voranstehenden Vergleich offensichtlich, dass die Fankulturen und Freiräume in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ausfallen können. So berichtet auch die Geschäftsführerin eines Netzwerkes von europäischen Fußballfans aus 37 Ländern darüber, dass die Fankultur stark mit dem Umgang der Gesellschaft korreliert und daher nicht von einer einheitlichen europäischen Fankultur gesprochen werden kann (Spannagel, 27.01.2012).

Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Ultra-Gruppierungen in Europa, es gibt keine einheitliche europäische Ultraszene. Es existieren landespezifische Unterschiede, als kleinster gemeinsamer Nenner lässt sich das „Anfeuern“ finden, welches den Ursprung in der südländischen Kultur hat (Pilz & Wölki, 2010, S.4). So ist auch festzustellen, dass keine der Bewegungen grundsätzlich auf Gewalt aus ist, es aber unterschiedliche Ausprägungen in den Ländern und teilweise keine Unterscheidung zwischen Hooligans und Ultras gibt. Eine äquivalente Aussage lässt sich auch zum Thema Politik treffen, so sind manche unpolitisch und wiederrum andere rechts- oder linkspolitisch. Das Feindbild der Polizei hingegen ist bei allen stark ausgeprägt, da diese das Verhalten der Sicherheitsinstanz häufig als überzogen ansehen. Oft mangelt es in den Kurven an Selbstreflexion, es gibt jedoch ebenso positive Beispiele - wie in der Schweiz – wo Fans selbstregulierend einschreiten (ebenda, S.17ff.).

Es zeigt sich auch, dass es bereits negative Entwicklungen in anderen Ländern gibt, die durch die Kommerzialisierung entstanden sind, so dass die derzeitige Fankultur in Deutschland tatsächlich als besonders gelten kann und man sogar im Ausland viel Anerkennung bekommt (Stadionwelt, 2005a, S.54 + 66ff.).

Gewalt bekommt vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Einflusses eine neue Bedeutung: Es erscheint so, dass das Thema Sicherheit in erster Linie gesellschaftlich konstruiert und eine Folge der nationalen Entwicklung ist. Man sollte auf der anderen Seite jedoch auch die verstärkte Diskussion über Sicherheit nicht herabsetzen, da sich in Italien die Gewalt durch eine neue Fankultur – welche unserer Ultrabewegung als Vorbild dient – verselbstständigt hat.

3 Sicherheit in deutschen Stadien

Die Diskussionen um mehr Sicherheit in deutschen Stadien sind allgegenwärtig, runde Tische mittlerweile selbstverständlich (DFL, 01.05.2011). Dabei haben die modernen Arenen bereits stark an Komfort und Sicherheit gewonnen und spätestens seit der Fußball-WM 2006 befindet sich die Sicherheit in Deutschland auf höchstem Niveau, was vor allem auf die bauliche Infrastruktur und geschultes Personal zurückzuführen ist (van der Koi, 2010, S.52ff.). Zuvor stand Zuschauergewalt bereits in den 70er und 80er Jahren im Fokus und somit auch neue Sicherheitsmaßnahmen (Behn et al., 2005, S.289), woraus auch eine verstärkte Präsenz der Polizei entstand (Friedmann, 2009, S.1). Fortan war es der Anspruch Gewalt vor allem durch präventive Maßnahmen entgegenzutreten (Behn et al., 2005, S.289).

Sicherheit stellt auch heute noch in erster Linie ein logistisches Problem dar, da an mehreren Orten gleichzeitig für Sicherheit gesorgt werden muss. Im Notfall müssen Einsatzkräfte schnell am Ort sein oder Fans evakuiert werden, jedoch tragen auch selbstverständliche und präventive Maßnahmen zur Sicherheit in und um Stadien bei (Brüchert, 2010, S.1f.). Es wird allerdings auch betont, dass die Gewalt an sich innerhalb von 30 Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und nun besonders in der ersten Bundesliga angekommen ist (Kraus, 2010, S.183).

Das Thema Sicherheit im Sport ist eng verbunden mit Gewalt und stellt neben dem Doping eines der meistdiskutierten Problemfelder dar. Häufig werden Ausschreitungen in Verbindung mit dem Massensport Fußball als neues Phänomen dargestellt, jedoch ist Gewalt eben keineswegs eine jüngere Entwicklung (Pilz, 2009, S.186). Für die Sicherheit in deutschen Stadien sind neben dem Veranstalter auch die Sicherheitsbehörden verantwortlich. Es ist offensichtlich, dass Staat und Vereine nicht dieselben Standpunkte haben. Zudem spielen jedoch auch noch weitere Gruppen wie die Fans, Medien und Ordnungsdienste eine Rolle, die Lage zwischen verschiedenen Akteuren ist aufgrund verschiedener Sichtweisen durchaus als verfahren zu bezeichnen (Bündnis aktiver Fußballfans, 2004, S.167ff.; TU Darmstadt, 2011, S.10; Sülzle, 2011, S.159). Im Fußball gilt die Spannung und Dynamik als eine Art Katalysator für Gewalt, jedoch macht es noch einen Unterschied ob diese Atmosphäre eine beiläufige Begleiterscheinung ist oder von Leuten gewollt inszeniert wird (Friedmann, 2009, S.6). In diesem Zusammenhang ist sogar historisch belegt, dass Zuschauer den Fußball aufsuchten um aggressive Handlungen auszuüben und der Sport dadurch einen Teil seiner Attraktivität ausmacht (Moser, 2009, S.12; Sülzle, 2011, S.162ff.); so ist auch zwischen der weiterentwickelten Fankultur und dem Sicherheitsproblem eine Verbindung zu erkennen:

„Dominierten bis in die 1990er Jahre die fußballzentrierten Kutten und gewaltgeneigte sogenannten Hooligans die Fanszene, so übernahmen die ab Mitte/Ende der 1990er Jahre bis heute sogenannten Ultras diese Rolle in den größten Fangruppierungen der Vereine, wobei (zunächst) weniger Gewaltbereitschaft als vielmehr ausgefeilte Choreografien und eine Abneigung gegen die zunehmende Kommerzialisierung im Vordergrund standen. (…) In der jüngeren Vergangenheit wird den Ultras jedoch von zahlreichen Autoren eine höhere Gewaltbereitschaft bescheinigt (Herold, 2012, S.145).

Im Sachstandsbericht über die Sicherheitsmaßnahmen im deutschen Fußball ist festgehalten, dass die Ultra-Kultur eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat. Die gewalttätige Hooligan-Kultur hatte bei der WM 1998 ihren negativen Höhepunkt, als deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel schwer verletzten (TU Darmstadt, 2011, S.13).

Dennoch ist die Sicherheitslage in Deutschland eigentlich kaum als bedenklich zu bezeichnen, da trotz vereinzelten gewalttätigen Auseinandersetzungen, keine schweren Gewaltexzesse oder Schwerverletzte in der Chronologie belegt sind (ebenda).

Auffällig ist aber, dass selbst Funktionäre dem Thema Gewalt im Fußball kritisch gegenüberstehen, so zum Beispiel der ehemalige DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn: „(…) wir werden die Gewalt aus dem Fußball genauso wenig völlig verbannen können, wie es eine Gesellschaft ohne Kriminalität geben wird“ (Kraus, 2010, S.186). Weiter merkt er an, dass die Gewalt den Zahlen nach zugenommen hat, ein höheres Niveau jedoch nicht erkennbar ist und vor allem die Masse an Zuschauern stark gewachsen ist, so dass im Verhältnis gesehen vielleicht sogar eine positive Entwicklung vorhanden ist (Linkelmann & Thein, 2012, S.238).

Es wird daher im folgenden Abschnitt verstärkt auf die Gewalt im Fußball und der Gesellschaft eingegangen (3.1) und die unterschiedlichen Parteien die mitwirken und deren Verhältnis zueinander erläutert (3.2). Abschließend werden die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen genauer betrachtet, um den Beitrag der jeweiligen Mitwirkenden und die große Fülle an Maßnahmen zu beleuchten (3.3).

3.1 Gewalt im Fußball und der Gesellschaft

„Obwohl die Anwendung direkter körperlicher Gewalt in unserer Gesellschaft unter Strafe steht, ist sie überall präsent. Der Fußball macht dabei keine Ausnahmen“(Gabler, 2011, S.122).

Gewalt bei Sportveranstaltungen existiert seit dem es den Sport gibt, lässt sich weit bis vor Christus verfolgen und es verging keine Phase der Geschichte in denen der Sport frei von Gewalt war (Friedmann, 2009, S.6). Weigelt (2004) berichtet beispielsweise von Überlieferungen, in denen 450 vor Christus in Delphi betrunkene Zuschauer randalierten oder es im Mittelalter Krawalle gab. Von 1895 bis 1914 kam es zu ca. 200 Fällen von Ausschreitungen pro Jahr (Weigelt, 2004, S.23f.). Der Verband und die Politik griffen zur Hochzeit der Gewalt gegen den Hooliganismus ein um diesen aus deutschen Stadien zu verbannen (Bündnis aktiver Fußballfans, 2004, S.165). Hier hatte die fortschreitende Professionalisierung des Fußballs zunächst einen positiven Einfluss, so dass die gewalttätigen Ereignisse in Stadien nach dem Höhepunkt Mitte der 1980er Jahre zurückgingen. Nach der Wiedervereinigung kam es jedoch zu einem rapiden Anstieg, welcher sich auf die hohe Gewaltbereitschaft der ostdeutschen Fußballfans zurückführen lässt. Anschließend stabilisierten sich die Zahlen ein wenig, auch wenn eine Trendwende nicht erkennbar ist (Bliesener, 2006, S.290; Weigelt, 2004, S.37).

Die deutsche Geschichte ist ein erster Hinweis auf den gesellschaftlichen Zusammenhang von Gewalt. In der DDR wurde der Sport politisiert und Talente extrem gefördert. Den Bewohnern sollte verinnerlicht werden wie überlegen man dem „Klassenfeind“ ist, doch auch hier wurden immer wieder jugendliche Stimmen laut, die durch rassistische Sprüche auffielen um zu protestieren. Mit den steigenden Sicherheitsvorkehrungen wie Zäunen und zusätzlichen Beamten stieg auch die Gewalt. Die Anzahl der Aufstände nahm zu und verlagerte sich dafür außerhalb der Stadien (Weigelt, 2004, S.33+35).

Ein weiteres Anzeichen für einen solchen Zusammenhang zeigt sich darin, dass die Ultras zu Beginn ihrer Entwicklung keineswegs gewaltbereit waren, jedoch aufgrund ihrer „extremen“ Einstellung dafür gehalten wurden. Der Druck durch die stigmatisierende Gesellschaft ging an den Ultras nicht spurlos vorbei, so dass sie tatsächlich gewaltbereit wurden. Diese Etikettierung lässt sich auch allgemein auf die Fanszene des Fußballs übertragen (Pilz & Wölki, 2006, S.277; Kabs, 2008, S.124). Die Polizei hingegen sieht den Wandel in der Fanszene schon länger als sehr bedenklich und verweist auf die steigende Anzahl an Ermittlungsverfahren, Verletzten und Einsatzstunden (Radek, 2010, S.24). Zudem trägt zusätzlich die nachlässig recherchierte oder auch beabsichtige Berichterstattung der Medien zu einer stigmatisierenden Darstellung der Fans bei, welche das Bild in der Gesellschaft prägt (Gabriel, 2010, S.48f.; Gabler, 2011, S.154). Man muss jedoch auch festhalten, dass es immer weniger Ultras gibt, die sich deutlich von Gewalt distanzieren, was letztlich zu der weiteren Ausdifferenzierung in Form der Hooltra-Gruppierung führte (Pilz, 2009, S.193).

Leistner (2008) versuchte die Gewalt im Fußball etwas differenzierter zu betrachten und unterscheidet daher zwischen spieltagsbezogener Gewalt und spieltagsunabhängiger Gewalt. Weiterhin spielt die Form der Ausübung und die Intensität der Gewaltausübung eine Rolle.

Es zeigen sich in der Tabelle verschiedene Formen der Gewalt, die unterschiedliche Motive oder kriminelle Energie mit sich bringen. So sind spieltagsbezogene und ritualisierte Gewaltformen für die jungen Fans eine Art Einstieg, da aufgrund der Sicherheitsinstanzen das Risiko kalkulierbar bleibt (Pilz, 2009, S.195f.). Die Erkenntnisse (Tab.3) lassen sich gut auf die oben genannte Ausdifferenzierung der Ultras übertragen. Besonders junge Ultras scheinen die Grenzen immer weiter auszuloten, speziell die spieltagsbezogenene Gewalt hat sich in dreifacherweise brutalisiert. So verlagern sich (1) die Auseinandersetzungen von öffentlichen Räumen teilweise in das Privatleben der Beteiligten, (2) die Gewalt richtet sich auch gegen unbeteiligte Personen und (3) es werden auch Waffen eingesetzt (ebenda). Pilz, (2012), beschreibt jedoch Repression als letztes Mittel, das zur Lösung des Problems herangezogen werden sollte und setzt auf die Einsicht der Fans.

Tab. 3: Gewaltformen im Fußball (Leistner, 2008, S.129)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einer Studie der Hochschule Fresenius wurden bereits erste Erkenntnisse zur Sicherheit in deutschen Fußballstadien gewonnen, hierbei stellte man fest, dass viele Zuschauer bei Auswärtsspielen und vor allem nach dem Spiel Angst vor gewalttätigen Übergriffen haben. Allerdings spiegelte diese Studie lediglich die Meinung von 150 Zuschauern wieder, so dass kein umfassendes Bild von der Meinung der Fans erzeugt werden konnte (Hochschule Fresenius, 04.06.2012).

Eine Möglichkeit die Gewalt in Stadien quantitativ zu betrachten stellt die Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) dar, die jährlich von der Polizeibehörde erstellt wird. Zur Veranschaulichung wird die Übersicht der letzten 12-Jahre herangezogen. Die absoluten Zahlen weisen alle einen Anstieg aus und auch die Entwicklung der letzten 5 Jahren zeigt konstant einen steigenden Trend:

- Die Personen der Kategorien B (gewaltgeneigt) und C (gewaltsuchend) haben insgesamt um 1.688 Personen zugenommen, was 17,5% Zuwachs entspricht
- Die 1.142 verletzten Personen setzen sich aus 235 Polizeibeamten, 514 Störern und 393 Unbeteiligten zusammen, der Zuwachs zum Vorjahr beträgt 296 Personen und damit ca. 35%.

Tab. 4: 12-Jahresvergleich der Daten aus dem ZIS-Jahresbericht (ZIS, 2012, S.26)

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Auch die Strafverfahren sind signifikant auf 2.074 angewachsen, im Vorjahr waren es noch 1.525. Wie signifikant die Zunahmen sind zeigt sich in folgender Grafik, die Vorjahreswerte stehen in Klammern:

Tab. 5: Strafverfahren der Saison 2011/12 (ZIS, 2012, S.12).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Besonders der enorme Zuwachs in den Bereichen Landfriedensbruch und Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz fallen ins Auge, jedoch macht der Landfriedensbruch anders als die Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz nur einen kleinen Anteil der Gesamtmenge aus. Am häufigsten kommt es immer noch zu Strafverfahren aufgrund von Körperverletzungen.

In der Zusammenfassung der ZIS-Statistik heißt es, dass die gewalttätigen Ausschreitungen seit der Saison 2000/01 sich auf einem saisonal schwankenden, jedoch höheren Niveau bewegen. Grundlage für die Datenerhebung sind die jeweils 18 Vereine aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga (ebenda, S.3f.). Die Gruppierung der Ultras wird in dem Bericht gesondert erwähnt mit dem Hinweis, dass von dieser Gruppe ein zunehmendes Gefahrenpotential ausgeht. Beispiele zeigen sich laut Polizei im Abbrennen von Pyrotechnik, Erschweren von und Solidarisieren gegen Eingriffe der Beamten und sogenannten Blockstürmen (ebenda, S.5f.). Weiterhin wurde festgestellt, dass der Tatort meist das Stadion, bzw. Stadionumfeld ist, es jedoch auch immer häufiger zu Übergriffen auf Reisewegen kam (ebenda, S.15f.).

Fans beanstanden, dass die Statistik keineswegs neutral ist (Blickfang Ultra Nr.27, S.6f.) und auch Recherchen von Zeitungen führten zu einem kritischen Urteil. So wird beispielsweise der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, kritisiert, weil er sich auf die Zahlen stützt und diese als Alarmsignal betitelt. Der Fananwalt Benjamin Hirsch erläutert im Interview, dass die Empirie der Daten stark fragwürdig ist und die absoluten Zahlen an sich keine Aussagekraft haben. So führte zum Beispiel der verstärkte Polizeieinsatz zu einer höheren Aufklärungszahl an Verbrechen und der neue Fokus auf Pyrotechnik lässt diese Zahl umso mehr steigen. Weiter zeigt sich in den relativen Zahlen, dass aufgrund der steigenden Zuschauerzahlen Verletzte, Festnahmen und Strafverfahren nur geringfügig gestiegen sind; hinzu kommt, dass Verletzte durch aggressives Verhalten der Polizei nicht gesondert aufgeführt werden (Buschmann et al., 21.11.2012). Ebenso kritisch sieht Fananwalt Tobias Westkamp den Bericht, der viele eingestellte Strafverfahren anführt (Betzholz, 09.12.2012). Ob der Einsatz von Bengalos als gewalttätiges Verhalten gewertet werden kann bezweifelt Fanforscher Martin Thein, da Verletzte in der Regel nur in der Gruppe der zündenden Ultras vorkommen. Ferner empfindet er die Gewalt in Relation zu den Zuschauerzahlen auf einem gleichbleibend sehr geringen Niveau (WDR, 30.05.2012). Auch Gabler ist der Meinung, dass berücksichtigt werden muss, dass bei einer großen Menschenmasse zwangsläufig mehr Straftaten auftauchen (Gabler, 2011, S.154). Die folgenden Tabellen zu den Erkenntnissen aus dem ZIS-Bericht (Tab.4) berücksichtigen die Anzahl der Zuschauer (Tab.2) und spiegeln entsprechend die prozentualen Anteile (Tab.6), sowie die Einsatzstunden pro Person (Tab.7), in den letzten 5 Jahren wieder. Ein Anstieg ist in den Tabellen mit rot hinterlegt, eine Abnahme mit grün:

[...]

Details

Seiten
127
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656682141
ISBN (Buch)
9783656682295
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275832
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Fakultät 16
Note
1,3
Schlagworte
Sicherheit Fankultur Sicherheitspapier Hooligans Ultras Prävention Gewalt

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Titel: Fankultur und Sicherheit in deutschen Stadien