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Verstehen und Interpretieren. Die Gefahr des Zirkels des Erkenntnisprozesses

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Sprachlicher Unterschied

3. Hermeneutik

4. Verstehen und Interpretieren in der Hermeneutik
4.1. Interpretieren in der Hermeneutik
4.2. Verstehen in der Hermeneutik

5. Methode des Verstehens von Alltäglichem
5.1. Rationalität in der Soziologie
5.2. Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis
5.3. Indexikalität

6. Verstehen und Interpretieren als Erfahrungen

7. Der intendierte Ausdruckssinn

8. Schluss

Quellenverzeichnis

Verstehen und Interpretieren

1. Einleitung

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Verstehen und einem Interpretieren? Welche Aktionen und Hintergründe stehen hinter diesen beiden Handlungen? Was macht den Unterschied zwischen einem Verstehen einer Sache und dem zu diesem scheinbar nicht identischen Interpretieren?

Dieser Frage möchte ich hier nun nachgehen unter Bezugnahme auf die Bedeutung eines solchen Unterschieds innerhalb der soziologischen Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens. Dadurch, dass sich das Verstehen vom Interpretieren unterscheidet, verändert sich auch die Grundlage der wissenschaftlichen Arbeiten mittels dieser beiden Methoden.

2. Sprachlicher Unterschied

Der Unterschied zwischen einem Verstehen und einem Interpretieren ergibt sich bereits alleine im Hinblick auf die beiden Worte.

Beim Verstehen handelt es sich um eine sichere punktuelle Definition dessen, was verstanden werden will. Man spricht dann von einem Verständnis einer Sache, wenn klar ist, was sie bedeutet und welche Bedeutung sie im Folgenden nach sich zieht. Ein Verstehen beschreibt eine absolute Erkenntnis einer Sache. Wenn zum Beispiel eine Mutter ihr Kind danach fragt, ob es aufgestellte Regeln verstünde, so ist mit dieser Frage gemeint, ob dem Kind klar ist, was gesagt wurde und folglich welche Bedeutung und Handhabe das Gesagte nach sich zieht. Eine Wissenschaft, welche auf dem Verstehen aufbaut ist die Hermeneutik, welche in den Geisteswissenschaften ihre Anwendung findet. Der Begriff des Verstehens stammt ab vom Begriff des Verstandes. Unter dem Verstand wird die Fähigkeit des Geistes verstanden. Die Fähigkeit des Geistes zeichnet sich aus, durch analytisches und diskursives Denken. Das Verstehen nahm durch Immanuel Kant eine Position ein, aus welcher es relevant ist, für ein vernünftiges Erkenntnisvermögen.[1]

Anders verhält es sich mit einer Interpretation. Wenn ich interpretiere, dann verstehe ich nicht im Sinne eines absoluten Verständnisses. Eine Interpretation ist eine Mutmaßung auf Grundlage theoretischer wie auch personaler Überlegungen. Das was ich Interpretiere erhält seine Bedeutung durch eine mentale Verarbeitung des bereits bekannten, unter theoretischer Kombination und Sinngebung. Das Wort Interpretation stammt aus dem Lateinischen, vom Wort 'interpretatio'. 'Interpretatio' ist die Bezeichnung für die Aktion, etwas dazwischen zu setzen.[2]

Die Aktion des Interpretierens ähnelt dem Verstehen. Der Unterschied besteht hier jedoch darin, dass Wissen, welches durch Interpretation geschaffen wird, die Form einer Erklärung, bzw. einer Deutung einnimmt. Handelt es sich beim Verstehen um ein Arbeiten mit Tatsachen, so sind Interpretationen sinngebende Verfahren. Die Methodik des Interpretierens spielt ebenso eine große Rolle innerhalb der Hermeneutik, da die Hermeneutik eine Bezeichnung ist für „ein weites Feld unterschiedlicher philosophischer Begründungen und Zielsetzungen, sowie methodischer Konzepte für den verstehenden Umgang mit Texten“.[3]

3. Hermeneutik

Sowohl das Verstehen, wie auch das Interpretieren sind Teil der philosophischen Methodik der Hermeneutik. Daher soll nun näher erläutert werden, was unter der Hermeneutik zu verstehen ist, um dadurch einen besseren Einblick in die Grundlagen des Verstehens und Interpretierens zu erlangen.

Die traditionelle Hermeneutik gilt als definiert durch z.B. Gadamer in seinem Werk „Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“. Gadamer definiert die Hermeneutik dahingehend, dass methodologische Grundprinzipien dadurch entwickelt werden, dass man rekonstruktiv vorgehe. In diesem Vorgehen beruft er sich, nach Ansicht von Habermas, auf den Zirkel des Erkenntnisprozesses. Nach einem solchen hermeneutischen vorgehen, wie es Gadamer definiert hat, wird der Fehler begangen, dass man sich in seiner Argumentation auf Regeln beruft, welche gefestigt werden durch die Einhaltung eben dieser Regeln, auf welche man sich beruft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode, 1960, S.250ff., 275ff)

Habermas gilt in der heutigen Zeit als einer der produktivsten und größten Soziologen. Auch er sieht sich vertreten durch die Sichtweise der traditionellen Hermeneutik, jedoch bricht er mit dem Fehler des Zirkels des Erkenntnisprozesses. Habermas wendet sich ab von einer rekonstruktiven Entwicklung der Erkenntnis und beruft sich seinerseits auf linguistische Kompetenztheorien und auf eine Entwicklungspsychologie.

Hinter den Rücken der bisherigen Interpreten entwickelten sich, durch eine hermeneutische Skepsis und die methodischen Zweifel, eine Vielzahl an Deutungsalternativen. Aus der daraus geborenen Detailarbeit, auf der Suche nach einer Möglichkeit eines rekonstruktiven Verstehens, entwickelte sich eine Arbeitsweise als wissenschaftliche „Methodologie des Verstehens und des bewussten Versuches, die wissenschaftliche Auslegung um eine Phänomenologie der Deutungsakte und Deutungsleistungen zu ergänzen“.[4]

4. Verstehen und Interpretieren in der Hermeneutik

Die Techniken des Verstehens und des Interpretierens dienen innerhalb dieser neuen Deutungsmethodologie der Wissenschaft, als methodische Zugänge. Um diese Zugänge der Deutung innerhalb der Methodologie der Hermeneutik besser verstehen zu können, gehe ich nun vertiefender in die beiden Handlungen der Hermeneutik ein, um ihre jeweiligen Bedeutungen zu klären.

4.1 Interpretieren in der Hermeneutik

Die Sozialwissenschaften, anders als Naturwissenschaften, sind abhängig von der Fähigkeit des Interpretierens. Die Daten, mit welchen Sozialwissenschaftler arbeiten, sind vor-interpretierte Daten. Es handelt sich bei ihnen um „Konstruktionen von Konstruktionen“.[5] Die Daten mit welchen die Sozialwissenschaft arbeitet sind nicht von vornherein als solche gegeben. Um in den Sozialwissenschaften an die Daten zu kommen bedarf es eines vorangestellten Schrittes der Methodik. Da die Sozialwissenschaft und somit auch die Soziologie sich mit dem Menschen und seinen Zwischenräumen untereinander beschäftigt, obliegt es den Wissenschaftlern zunächst einmal zu untersuchen, prüfen und zu definieren, womit gearbeitet werden soll, bevor es unter Nutzung der erarbeiteten Daten, an die Arbeit gehen kann.

Diese Daten werden im Rahmen interpretativer Vorgehensweisen gewonnen. Diese Vorgehensweisen richten sich nach alltäglichen Handhabungen. Die meisten Aktionen und Handlungen des Alltags erfolgen nicht im Rahmen einer exakten Planung und Prüfung, sondern sie sind eine Folge impliziten Wissens der Handelnden. Eine Gruppe an Individuen agiert aus Routine miteinander, ohne, dass es zu Komplikationen kommen muss, wegen fehlender Kenntnis des richtigen Umgangs miteinander. Innerhalb einer solchen Gruppe wirken unterschiedliche Rollenbilder aufeinander, welche ihre jeweilige Bedeutung untereinander haben. Um ein individuelles Handeln interpretieren zu können, muss auch erkannt werden, in welcher Rolle das Individuum agiert.

Innerhalb einer Gruppe wird unterschieden zwischen zwei Rollentypen: Gruppenbildungsrollen und individuellen Rollen. Die Gruppenbildungsrollen dienen dem Zweck eine Gruppeneinstellung aufrechtzuerhalten. Die individuellen Rollen dienen eigenen Motiven und agieren somit der Gruppenrolle konträr entgegen. Der Sinn solcher Aufgabenverteilungen, entsprechend der jeweiligen Rollen, dient dazu, gemeinsam ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Die entsprechende Rollenübernahme innerhalb einer Gruppe ist keine individuelle Eigenschaft, sondern ergibt sich entsprechend der Gruppenbildung und dem angestrebten Ziel.[6]

[...]


[1] Vgl. Wolfgang Hilber, Lexikon der Philosophie (2006), area Verlag GmbH, Erfstadt, S. 405

[2] Vgl. Langenscheidts großes Schulwörterbuch; Lateinisch – Deutsch, Bearbeitet von der Langenscheidt Redaktion (2001), Langenscheidt, Berlin/München, S. 676

[3] Ralf Bohnsack, Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung (2011), 3. Auflage, Verlag Barbara Budrich, Opladen, S. 83

[4] Enzyklopädie der Psychologie, Bd.1, Methodologische Grundlagen der Psychologie, Dieter Frey (1994), Hogrefe Verlag, Göttingen, S. 101f

[5] Ebd. S. 104

[6] Psychologie, Ingeborg Wagner (1983), Bertelsmann, Gütersloh, S. 223

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656689119
ISBN (Buch)
9783656689089
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275847
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Hermeneutik Soziologie qualitative Sozialforschung

Autor

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