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Gewaltprävention im Amateur- und Jugendfußball am Beispiel des Berliner Fußball-Verbandes

Eine exemplarische, qualitative Analyse von vier Berliner Tageszeitungen und Interviews mit Mitgliedern und Beratern des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt.

Masterarbeit 2014 251 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Fußball - Mehr als nur ein Spiel?: Aktualität der Gewaltproblematik im Berliner Fußball

2 Gewalt und Aggression : Zwei dem Fußball immanente Konstrukte?
2.1 Gewalt und Aggression im sportlichen Kontext: Wo beginnt es, wo hört es auf?
2.2 Die Gewalt als Resultat multikausaler Zusammenhänge?
2.2.1 Fußballspezifische Ansätze der Aggressionsentstehung
2.3 Gewalt und Sport - Ein Zwischenfazit

3 Gewaltprävention im Jugend- und Amateurfußball: Progressiv, verklärt, nutzbringend oder marginal?
3.1 Wissenschaftliche Überlegungen zur Realisierung präventiver Maßnahmen
3.2 Praktische Überlegungen zur Realisierung präventiver Maßnahmen
3.3 Abschließende Überlegungen zur Konstituierung von Gewaltprävention

4 Der BFV, mehr als nur ein Verband zur Koordinierung des Spielbetriebs?: Der Ausschuss für Fair Play und Ehrenamt
4.1 Landessportverbände als „lernende Organisationen“?
4.2 Die Entwicklung des Ausschuss für Fair Play und Ehrenamt
4.3 Einige etablierte Maßnahmen des Ausschusses zur Illustration
4.4 Bewertung des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt

5 Welche Resonanz erfährt der BFV in der Öffentlichkeit und seinen Mitgliedern und Beratern des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt?: Eine empirische Analyse
5.1 Eine qualitative Auswertung elektronischer Berliner Zeitungsformate
5.1.1 Methodische Vorgehensweise
5.1.2 Exemplarisch ausgewählte Ergebnisse der Auswertung von elektronischen Berliner Zeitungsformaten
5.1.3 Das Fazit der Zeitungsanalyse
5.2 Die Auswertung einer mündlichen Befragung von Ausschussmitgliedern und einer schriftlichen Befragung von Vereinsjugendleitern
5.2.1 Methodische Vorgehensweise der mündlichen Befragung
5.2.2 Die Auswertung der Leitfadeninterviews

6 Gewalt im Amateur- und Jugendfußball und der BFV: Ein Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Diese Masterarbeit hätte in ihrer Komplexität nicht ohne die Unterstützung vieler Personen realisiert werden können. Zunächst danke ich meinem betreuenden Professor Norbert Müller dafür, dass er mir die Thematik dieser Arbeit offerierte und zugänglich gemacht hat sowie mir jederzeit mit Rat zur Seite stand. Weiterhin gilt der Dank seinem Kollegen Professor Messing, welcher meine Arbeit mit zahlreichen literarischen Quellen und Anregungen bereicherte und mir bei der Erstellung eines Fragebogens äußerst behilflich war. Dieser Fragebogen wurde an die Jugendleiter des Berliner Raums gesendet, muss aber aufgrund der geringen Rücklaufquo- te aus der Arbeit ausgeschlossen werden. Spekulationen über ein gering ausgeprägtes Prob- lembewusstsein bezüglich der Gewaltproblematik im Berliner Amateur- und Jugendfußball seien dahingestellt. Sollte dennoch Interesse für die bisherigen Ergebnisse bestehen, werde ich diese gerne weiterleiten. Besonderer Dank gilt auch Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV, welcher mir stets umfangreiche Informationen zur Verfügung stellte und es mir ermöglichte, ein Wochenende beim BFV zu verbringen, an welchem ich tiefe Einblicke in das Verbandsle- ben erhalten konnte. In diesem Kontext danke ich ebenso allen Verantwortlichen des BFV, welche mir diesen Besuch arrangierten sowie den Interviewpartnern für ihre kooperative Be- reitschaft. Vor allem danke ich Janine Lacombe für das Aufopfern ihrer Zeit zum Korrektur- lesen dieser Arbeit. Zuletzt danke ich Felix und Anna.

Eidesstattliche Erklärung

Hiermit versichern ich, dass ich die Masterarbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt haben, alle Ausführungen, die anderen Schriften wörtlich oder sinngemäß entnommen wurden, kenntlich gemacht sind und die Arbeit in gleicher oder ähnlicher Fassung noch nicht Bestandteil einer Studien- oder Prüfungsleistung war.

Unterschrift der Verfasserin / des Verfassers

Zusammenfassung

Der Fußball ist weltweit die populärste Sportart. Die deutsche Gesellschaft ist im 21. Jahr- hundert geprägt von Individualisierung, Konkurrenzkampf und Leistungsorientierung. Diese handlungsleitenden Werte übertragen sich auch in die Subsysteme unserer Gesellschaft, so- dass sie ebenso im Teilsystem Sport, explizit dem Mannschaftssport und so auch im Fußball, federführend sind. Somit sind sowohl Jugendliche als auch Erwachsene mitunter danach be- strebt, ihren Erfolg mit allen Mitteln zu erreichen. Diese Mittel offenbaren sich dann u. a. auch in „fairen Fouls“ und weiteren unsittlichen Handlungsweisen auf dem Spielfeld. Doch nicht nur die Abmilderung des Fair Play-Ethos, sondern vielmehr die rüde Gewalt, welche auch im Amateur- und Jugendfußball, teilweise sozialisiert durch die negative Vorbildfunkti- on des Profifußballs, vorzufinden ist, stellt eine Problematik dar, welcher die Beteiligten des Fußballs sich nicht verschließen dürfen. Gewalt geht von Spielern, Trainer/Betreuern sowie Zuschauern und Eltern aus, richtet sich gegen andere Spieler, besonders häufig auch gegen den Schiedsrichter oder andere am Fußball Involvierte. Daher hat der Berliner Fußball- Verband, nicht zuletzt aufgrund der besonderen Problematik vieler verschiedener kultureller Gegebenheiten in Berlin, bereits seit 1997 begonnen, sich dem Kampf gegen Gewalt im Fuß- ball zu stellen und viele Konzepte für die Gewaltprävention zu entwerfen. Daher war es von Interesse herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung der Gewaltproblematik der Mitglieder und Berater des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt des BFV im Laufe der Jahre entwi- ckelt hat und wie auch die Resonanz der Gewaltpräventionsarbeit des BFV in den Berliner Medien (Zeitungen) ist, wenn man davon ausgeht, dass Medien in der Regel nach dem Motto berichten: Nur schlechte Nachrichten, sind gute Nachrichten! Hat das soziale Engagement des BFV überhaupt Platz in der medialen Berichterstattung? Zur Beantwortung der Fragen, wur- den vier elektronische Berliner Zeitungsverlage analysiert sowie Interviews mit Beteiligten des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt ausgewertet. Nachfolgend werden die Ergebnis- se der Zeitungsanalyse und Interviewauswertung dargestellt, getragen von einem üppigen Fundament theoretischer Überlegungen zu den Begriffen der Aggression und Gewalt sowie der Präventionsarbeit im Fußball.

Abstract

Worldwide, soccer may be regarded the most popular sport. In the 21st century, German socie- ty is largely characterized by industrialization, competitive battle, and achievement orienta- tion. These central values are also applicable and norm-providing for all subsystems of the society we live in, including the subsystem “sports”, or more explicitly “team sports”, e.g. soccer. Therefore, adults as well as youths aspire to succeed at all costs. Such costs may in- clude “fair fouls” and other illegitimate actions to be realized on the playing field. Not only the alleviation of the fair-play ethos, but also the cruelty of violence, which is also to be found in amateur and youth soccer, partially socialized by the negative role model function of pro- fessional soccer, are problematic issues and not to be ignored by anyone involved. Violence is initiated by players, trainers/advisors as well as by parents and members of the audience. It may be directed against other players, but oftentimes also against the referee or other people involved. Thus, since 1997 the “Berliner Fußball-Verband” has been focusing on banning violence from the soccer field by developing diverse concepts to prevent rowdy acts from escalating or even from happening in the first place. Especially the problematic nature of mul- ti-cultural encounters has been one central point of interest. Therefore, the raising of aware- ness towards violence in soccer on the part of members and advisors of the Fair Play and Vol- unteering Committee as well as the medial feedback in Berlin, resulting from violence pre- vention work of the BFV, constitute a central concern and a giant task. The significance of the media in terms of reporting about violence on and around the soccer field becomes apparent when considering the common medial mantra “Only bad news are good news!”. This raises the question if there is even room for reports about social engagement as implemented by the BFV within the media circus. In an attempt to answer this question, four electronic (online) Berlin newspaper publishers were analyzed and interviews with members of the Fair Play and Volunteering Committee were conducted and evaluated. Framed by a diverse theoretical base, including deliberations and considerations concerning the terminology of ´aggression`, ´violence`, and ´prevention` thereof in soccer, the final results of the newspaper analysis as well as the interview assessments are finally presented.

Fußball ist ein kollektives Kunstwerk. Die Spannung des Spiels erschöpft sich nie. Das ist in der Tat eine große Erfindung. “

Norbert Elias, zitiert in Grünitz und Arndt, 2002

„ Wer nur davon träumt, mich zu schlagen, sollte aufwachen und sich daf ü r entschuldigen. “

Muhammad Ali, zitiert in Waldherr, 2004

1 Fußball - Mehr als nur ein Spiel?: Aktualität der Gewaltproblematik im Berliner Fußball

„ Für viele liefert Fußball Leben und Dramatik, ein Gefühl von Gemeinschaft und männlicher Zugehörigkeit “ 1 (Weis, Soziologe, 1981, S. 199)

„Fußball ist der weltweit wohl populärste Zuschauersport“ (Moser, 2012, S. 67), bei dessen Begründung dieser populären Stellung oftmals Aspekte einer einfachen Spielanlage und histo- rischer Kontingenz herangezogen werden. In annähernd allen Bereichen des gesellschaftli- chen Lebens finden sich Fälle, in welchen die „Wirkungskraft des Fußballs“ (Brandt, Hertel & Stassek, 2012, S. 9) aufzuzeigen ist. Dementsprechend existiert eine beachtliche Fülle sozi- alwissenschaftlicher Literatur zu dieser Thematik, und dem Fußball wird eine gesellschaftspo- litische Dimension quittiert. Der Fußball hängt unüberschaubar mit Phänomenen der Globali- sierung zusammen. Gleich, ob der heutige Fußball ein Medienereignis, eine Körperpraxis oder eine künstlerisch-ästhetische Performance ist, er unterlag, wie die Sportwelt insgesamt, immer wieder Vorgängen der Zivilisation. Der Fußball vermochte es, sich epochenübergrei- fend durchzusetzen, da er die Wandlungen menschlicher Lebenszusammenhänge mitschritt und dadurch die Menschen erreichen konnte. Aus den sehr blutigen englischen Volksspielen wurde ein zivilisierter Fußball neugeboren. Dennoch vertreten Autoren wie Dunning oder Krüger die These „vom Fußball als zivilisierten Kampf“ (Brandt, Hertel & Stassek, 2012, S. 11), da Menschen seit jeher am Kämpfen und Töten Gefallen gefunden hätten und sie ihre Triebe nun in zivilisierter Art und Weise ausleben könnten. Im Rahmen des zivilisierten Kampfes können Rivalitäten ausgetragen werden, die auf einer sogenannten bipolaren Drama- turgie fußen. Durch den Kampf Spieler vs. Spieler, Verein vs. Verein, Nation vs. Nation ent- stehe eine „In and Out Group“-Konstellation. Zuletzt reizt der Fußball auch durch eine ganz andere Dramaturgie, nämlich die des ungewissen Ausgangs eines Matches, bedingt durch nicht abzuschätzende Faktoren wie Glück, Pech, und Zufall (z. B. einen „Sonntagsschuss“) (Vgl. Brandt, Hertel & Stassek, S. 9-11). Individuelle Leistungen können spielentscheidend werden, eine enorme Spannung entsteht, David kann möglicherweise Goliath bezwingen. Das „konstitutive Moment der Spannung“ (Schauerte & Schwier, 2008, S. 227), das dem Fußball innewohnt, macht sich ebenso die Medienwelt zunutze. Nicht mit totaler Gewissheit kann ein Dribbling oder Pass als erfolgreich vorhergesagt werden, es kann stets eine unkalkulierbare Wendung eintreten. Ein ständiger Wechsel der Wettkampfführung oder auch die Entschei- dung des Spielausgangs in letzter Minute reizen den Zuschauer. Vielen Menschen mögen Wettkämpfe, und der Fußball vermag es, immer wiederkehrend die Leidenschaft und Anteil-nahme von Millionen von Menschen zu erhalten (Vgl. Schauerte & Schwier, 2008, S. 226- 227).

Dass Fußball mehr als nur ein Spiel ist und schon immer war, lässt sich bereits bei den traditionellen Ballspielen vergangener Kulturen nachweisen. So war das Spiel mit dem Ball auf eine soziale Gruppe beschränkt (beispielsweise das Calcio-Spiel des aristokratischen Adels) und die praktische Ausübung oftmals an religiöse Feierlichkeiten geknüpft. In vergan- genen Zeiten, in welchen noch keine strikte Trennung zwischen erwerbstätigem Bemühen und Freizeit vorgenommen wurde, nahm die Unterhaltungsfunktion des Fußball ferner eine mar- ginale Stellung ein (Vgl. Eisenberg, 2004, S. 14). Auch wenn Eisenberg (2004) die Verbin- dung des traditionellen Fußballspiels abgelebter Kulturen und dem modernen Fußball negiert, so wies es ebenso zum Zeitraum seiner Neugründung 1863 in England Tendenzen auf, die über die bloße Freude an dem Spiel hinausgingen. In der Harrow School in England, einer sehr bekannten Public School, wurde das Fußballspiel mutmaßlich erstmals verpflichtend eingeführt, mit dem Ziele, männliche Heranreifende zu disziplinieren und die Schüler-Lehrer Beziehung zu vervollkommnen.

Der Ballsport galt von 1840 bis 1870 als pädagogisches Mittel, Schüler/innen zu selbstlosen und loyalen Menschen zu erziehen, wodurch das Ballspiel zum Bestandteil einer „britischen Konformitätskultur“ (Eisenberg, 2004, S. 16) und schweißtreibende sportliche Betätigung eine Modeerscheinung des elitären Kreises wurde. Hinzukommend war der Fuß- ball Element einer universitären Erziehung, sodass sich die Vertreter verschiedener Bildungs- institutionen im Herbst 1963 im Rahmen einer Zusammenkunft und im Kontext ihres exklusiv aristokratischen Verhaltenskodex, zukunftsweisend und zum Wohle einer Vereinheitlichung unterschiedlicher Spielregeln als Vorrausetzung für die Austragung von Wettkämpfen, für ein individuelles Dribbling-game (ohne Tragen des Balles und gegenseitiges Treten) entschieden (Vgl. Eisenberg, 2004, S. 16-19). Die Public Schools wurden von den Landadligen als „Schu- le fürs Leben“ bezeichnet, und durch das Fußballspiel wurde eine Schulung des Charakters verkündet, wo im Rahmen sportlicher Ertüchtigung sich die Heranreifenden soziale Kompe- tenzen, Kompetenzen der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, sowie die „Führungsqualitä- ten eines Gentleman“ aneignen konnten. Zunehmend beanspruchte die britische Elite die Public Schools als den Ort ihrer Rekrutierung und mittels des wüsten Fußballspiels wurden gruppeninterne Randordnungen festgelegt. Oftmals wurde das Spiel mit dem Ball auch als „Initiationsritus“ verwendet, wodurch Neuankömmlinge beispielsweise Torpfostendienst2 verrichten mussten. Letztlich diente diese Einführungsprozedur der Offenbarung schulinterner Regeln des Zusammenlebens und von Machtpositionen, wodurch sich der Schüler, aufgrund dieser rüden, schülerinternen Gesetzmäßigkeiten, am Ende seiner Schullaufbahn als durchsetzungsfähig und unabhängig beweisen konnte (Vgl. Rautenberg, 2008, S. 25-26).

Aus der Tatsache, dass der Fußball in den Public Schools zweckmäßig eingeführt wurde, um „überbordende Aggressivität“ von Jungen zu verlagern, schließt Schimank, dass der Sport ein „Teilsystem der modernen Gesellschaft“ (Schimank, 2008, S. 68) ist, welches sich erstmals in England ausdifferenzierte. Zwar beschreibt Hüther den Fußball in den Public Schools und Universitäten primär als „privates Freizeitvergnügen“ privilegierter Bürger bei Ausschluss der Öffentlichkeit (also kein Zuschauersport) und verweist dabei auf die zuvor ausgetragenen volkstümlichen Spiele, diese dürftige Argumentationsgrundlage überzeugt je- doch nicht in Kontrast zu Eisenbergs detaillierten Ausführungen (Vgl. Hüther, 1994, S. 7). Schnell übertrug sich der Fußball in England, angestoßen durch die Hochindustrialisierung, weg von der Gunst der bürgerlichen Gentlemen hin zu einem Element der Arbeiterkultur (Vgl. Eisenberg, 2006, S. 69). Somit wurde der Fußball diesbezüglich zu einem Instrument der Emanzipation und Selbstwertsteigerung der Arbeiterklasse, und die Einführung des „Pro- fitums“ brachte den Arbeitersöhnen soziale Anerkennung. Die Entwicklung der Sportart Fuß- ball und die darin enthaltene Emanzipation der Arbeiterkultur kann als Abbild3 gesamtgesell- schaftlicher Prozesse aufgefasst werden (Vgl. Hüther, 1994, S. 7-8).

Mit der Einführung von Pokalwettbewerben stieg das Maß örtlicher Rivalität, und langsam und behutsam bettete sich der Kommerz in das neue Sportspiel ein (beispielsweise Abwerben von Spielern oder Verschaffung eines Arbeitsplatzes). Die Entwicklungstendenzen liefen indes entgegen der Grundintention der Begründer der FA (Football Association), wel- che Fair Play, körperliche Fitness und eine sinnvolle Chance zur Erholung mit dem Fußball verbanden (Vgl. Eisenberg, 2004, S. 23-24). Soziale Aufsteiger bzw. Selfmademen, welche eine gewisse Aufgeschlossenheit für Neues in sich trugen, wurden durch das „spezifisch mo- derne Lebensgefühl der Jahrhundertwende“ (Eisenberg, 2006, S. 74), welches der Fußball offerierte, angezogen. Weiterhin galt es, dass Spiel in ethnische Subkulturen zu integrieren. So versuchten die Russen mittels des Fußballs einen Zusammenschluss der Slawen zu errei- chen, während das Deutsche Reich seinerzeit nationalen Stolz und Besinnung stärken wollte (Vgl. Eisenberg, 2006, S. 74). Auch in Deutschland fasste der Fußball erstmals unter pragma- tischen Gesichtspunkten Fuß, als der Gymnasiallehrer Konrad Koch bemüht war, nach Vor- bild des britischen Pädagogen Thomas Arnold, das Fußballspiel in seiner Schule in Braun- schweig zu etablieren. Er verband mit ihm das Ziel, in Anlehnung an das Selbstverwaltungs- system des Sports, wie es in den englischen Public Schools praktiziert wurde, Schülerverbin- dungen aufzubrechen und die Verhaltensschemata der Jugendlichen zu „korrigieren“ (Vgl. Lottermann, 1988, S. 42-32 & 48). Zu Zeiten der Weimarer Republik und auch des national- sozialistischen Regimes wurde der Fußball in Deutschland politischen Zielen unterworfen. Die Weimarer Regenten trachteten nach der Herausbildung körperlicher Gesundheit, um mit der Kraft des Leibes die Aufbauarbeiten nach dem 1. Weltkrieg anzutreiben. Die DFB- Führung sah analog dazu in Wettkampfaustragungen die Chance, Kämpfe auf dem Rasen als Stählung für den Kampf gegen den Feind zu betreiben. Als der Krieg verloren war und sich Verbitterung in den Gemütern der Größeren breit machte, wurde der Fußball zukunftsorien- tiert umfunktioniert und sportliche Betätigungen als „Kräfte der Erneuerung“ eingeordnet. Das NS-Regime strebte zu seinen Tagen mit dem körperlichen Training eine physische Volkskraft und Wehrhaftigkeit deutscher Bürger an. Es sollten soldatische Tugenden anerzo- gen werden. Besonders illustrierend ist hierbei Erbachs Abkommen vom Sport als bloße An- sammlung von „Punkten und Tabellen“, sondern die Prägung eines „wehrfähigen Charak- ters“, für welchen das Aufgeben angesichts eines starken Rivalen keine Option sei (Vgl. Ha- vemann, 2005, S. 50-51 & 174-175). Hat sich dieses zweckmäßige (gesellschaftlich, politisch, pädagogisch) Sich-Zu-Nutzbarmachen des Fußballs in Deutschland über die Jahre auch in die heutige Zeit transformiert? Ist Fußball gegenwärtig nur ein im Kommerz versunkener Profi- sport und ein Medienspektakel oder doch ein Kulturobjekt, welches mit der sportlichen Erzie- hung und dem Training seiner Jugend betraut ist (Vgl. Solbach, 2004, S. 112-114).

Der Fußball ist zweifelsohne integraler Bestandteil einer Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts, und als Ereignis offenbart das Spiel mehr, als nur die Ermittlung eines sportli- chen Ergebnisses. Kann Kultur begriffen werden, als ein Sachverhalt, welchem die meiste Kommunikation zugetragen wird, so könnte so mancher Fußball als den „Leitstern“ unserer Kultur mit ungeheurer Symbolkraft deklarieren (Vgl. Solbach, 2004, S. 115). Doch weist der Fußball heutzutage immer noch solch stark politische, gesellschaftliche und kulturelle Ten- denzen auf wie zu früheren Zeiten? Welt- und Europameisterschaften sowie länderübergrei- fende Spielertransfers fördern kulturellen Austausch und das Kennenlernen verschiedener Kulturen. Beispielsweise entfesselte die WM 2006 in Deutschland Erscheinungen des fairen Miteinanders in den Stadien, der Überbrückung kultureller und sozialer Klüfte und Verschie- denheiten, Dispositionen der Toleranz und des Respekts sowie den Zusammenhalt durch die Leidenschaft am Fußballspiel (Vgl. Berliner Fußball-Verband e.V., Sonderausgabe, S. 10).

Hält man sich an die Fakten, so lässt sich beispielsweise erkennen, dass die FIFA, nachdem sie in ihrer Gründungsphase nach 1904 darum bemüht war, internationale Beziehungen zu kanalisieren, sich in der heutigen Zeit in ihrer Phase der „Diversifizierung des Weltfußballs“ der Jugend der Welt und der Emanzipation der Frau im Fußball annimmt. Die FIFA verfolgt humanitäre Projekte und entwickelt in diesen Rahmen Entwicklungshilfsprogramme, vor allem in Afrika und Asien (Vgl. Eisenberg, 2004, S. 297-298). Nichtsdestotrotz existieren immer zwei Seiten einer Medaille. Während die eine Freude an dem Spiel mit dem Ball, kulturelles Gut oder die soziale Funktion der Integration beinhaltet, verbinden sich mit der anderen Negativphänomene des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Gewalt und Homophobie (Bündnis für Demokratie und Toleranz, 2008, S. 15).

Die Euphorie für den Fußball steigt stetig an und auch immer mehr Menschen füllen die Zuschauerränge in den oberen Ligen. Während in der Spielzeit 1991/92 11,4 Millionen Anhänger die 835 Austragungen der 1. und 2. Bundesliga vor Ort verfolgten, belief sich die Zahl der Stadionbesucher in der Spielzeit 2007/08 bereits auf 17,4 Millionen bei insgesamt 612 Spielen. Dieser Angebotsanfrage an Fußballrezeption kam beispielsweise die UEFA mit der Einführung der Gruppenphase in der Champions-League, als Änderung der Spielmodi, entgegen. Der DFB strukturierte seinerseits die Bundesliga um, indem er für die Saison 2008/09 eine 3. Bundesliga etablierte. Im selben Zuge wurden für die Vereine der dritten Liga infrastrukturelle und sicherheitstechnische Auflagen festgelegt, wie beispielsweise ausrei- chend Zuschauerkapazität, eine Überwachungsanlage für die Zuschauerbereiche, genug Platz für die Polizei oder Lautsprecheranlagen (Piastowski, 2009, S.11-12). Bedauerlicherweise rückt der Umstand der Gewalt im Fußball noch nicht ausreichend in die Wahrnehmung vieler Funktionäre und Politiker, entweder, weil solche dem keinen Zugang zu ihrem Bewusstsein gewähren wollen oder sie die Gewaltproblematik als minder wichtig erachten. Der Kampf gegen die Gewalt kann nur gemeinsam und mit der Unterstützung vieler beschritten werden. Unter der Maxine der Gewalt finden sich ebenfalls Hooligans, Ultras und Hooltras, welche sich verbaler und körperlicher Mittel zur Schädigung anderer bedienen, und durch das ge- meinsame „Feindbild“ der Polizei geeint werden (Vgl. Heß, 2011).

Der Blick auf die Gewalt im Fußball richtet sich im Kontext höherer Ligen gehäuft auf die Zuschauer und Fans (Vgl. Heß, 2011). Andreas Piastowski war Polizeirat und Leiter der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) in Düsseldorf. Als emsiger Arbeiter wurde er von der Presse als „Deutschlands Hooligan-Jäger Nummer eins“ getitelt (Vgl. Alex Sprin- ger SE, 2000). Er weist daraufhin, dass bei Plakatierungen des Fußballfans als Gewalttäter mit Obacht vorzugehen ist, da die Majorität der Zuschauer friedliche Fans sind. Vom Zeitraum der Saison 1991/1992 bis einschließlich der Saison 2007/08 war nur ein minimaler Anstieg von gewaltsuchenden oder gewaltbereiten Personen festzustellen (Von 12.050 auf 12.090). Das Problem, welches sich der Polizei jedoch im Laufe der Jahre offenbarte, sind neue Ver- haltensweisen von Ultras. Während sich ältere Generationen höchstenfalls spontan solidari- sierten, weisen jüngere Generationen Charakteristika von Demonstranten auf. Sie gebrauchen das Internet zur öffentlichen Verunglimpfung von Polizei und anderen Vereinen, nutzen zur Wahrung der Anonymität uniforme dunkle Kleidung, und vollziehen öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen die „mutmaßliche“ Polizeiwillkür. Selbst in den Oberligen, vor allem bei ehemaligen Profivereinen und Vereinen aus der ehemaligen DDR-Oberliga, herrscht ein ernstzunehmendes Problemfanpotenzial Gewaltgeneigter und Gewaltsuchender. So werden bestimmte Spielbegegnungen zwischen entsprechenden Vereinen zu gefährlichen Entzün- dungsfeuern der Gewalt und zu Sicherheitsrisiken (Vgl. Piastowski, 2009, S.12-15). Gleich- wohl sind auch die untere Ligen nicht vom Laster der Gewalt frei zu sprechen. Zwar überwie- gen hier in der Regel Tugenden des fairen Umgangs und der Ausgelassenheit bei der Interak- tion mit dem Ball und den Mitmenschen, jedoch treten aggressive Begleiterscheinungen wie- derholt zu Tage. So werden sowohl Spieler und Schiedsrichter als auch Zuschauer Protagonis- ten oder Opfer verbaler und körperlicher rüder Balgereien, oder werden von solchen tangiert (Vgl. Berliner Fußball-Verband e.V., Sonderausgabe, S. 10).

Ein Schatten wirft sich auf den Fußball, wenn Eskalationen aufgrund von Unzufrie- denheit mit der Spielsituation oder dem Referee die Gewalt in den Vordergrund rücken und den Sport nebensächlich erscheinen lässt. Der Wandel der Gesellschaft mündet in alle Berei- che des Lebens, auch dem Sport, ein. So kann es schnell geschehen, dass sich ethnische Kon- flikte auf den Sportplatz übertragen, ein Sachverhalt, welcher nicht direkt an den Sport und den Spielverlauf einer Wettkampfaustragung geknüpft ist. Vor allem erweisen sich diese problematischen Umstände in Berlin, in Anbetracht seiner Beherbergung vieler verschiedener Nationalitäten, als besonders alarmierend, wodurch diesen latenten Spannungslinien mit spe- zieller Sensibilität begegnet werden sollte. Gewalt fußt hierbei auch oftmals auf einem Defizit an ausgebildeter Streitkultur und der Fähigkeit, Konflikte als etwas Normales wahrzunehmen und sozial zu lösen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vergiften auch im Amateurbereich die positiven Erscheinungen von Leidenschaft und Freude an der körperlichen Ertüchtigung (Vgl. Berliner Fußball-Verband e.V., Sonderausgabe, S. 10-12). Die Gewalt im Amateurfuß- ball ist seit einigen Jahren ein populäres Medienthema (Vgl. Büser, 2008, S. 150).

„ Von wegen Fairplay: In Fußballvereinen lernen Jugendliche vor allem, geschickt den Schiedsrichter zu hintergehen. “ (Anhäuser, Wissenschaftsjournalist, 2005) Bereits 1986 wusste Maradona, dass er sein irreguläres Tor im WM-Viertelfinale gegen Eng- land einfach schlitzohrig feiern sollte, anstatt es fairerweise zuzugeben. Anders hätte sich 1986 vermutlich anstelle von Argentinien ein anderes Team den Weltmeisterschafts-Titel gesichert. Auch im Jahr 2005 ist sich der Wissenschaftsjournalist Anhäuser über das Problem des unfairen Vorbilds bewusst. Entgegen der Vorstellung vieler Politiker und Pädagogen, dass Sportvereine und Sportverbände Erziehungsstätten für Toleranz, Streitkultur und Regelaner- kennung, sogar ein „Königsweg in der Sucht- und Gewaltprävention“4 seien, zeigen wissen- schaftliche/empirische Studien ein etwas anderes und realistischeres Bild. Vereinsfußballer konsumieren am meisten Zigaretten und Alkohol (Sportwissenschaftler Brettschneider, Studie der Universität Paderborn), und Jugendfußballer verinnerlichen mit zunehmender Vereinszu- gehörigkeit ein anderes Bild von Fairplay. Viele Kinder und Jugendliche begreifen Fairplay als die Einbeziehung leistungsschwacher durch leistungsstarke Spieler und dem Mut machen bei einer schlechten Leistung, und keine Abstemplung als „Versager“. Pilz verweist darauf, dass Fairplay mehr ist, als nur das bloße Einhalten der Spielregeln (Vgl. Anhäuser, 2005). In einer Studie des Bundesgesundheitsblatts, bei welcher über 4500 jugendliche Kicker befragt wurden, konnte erhoben werden, dass sich Jugendliche, mit zunehmender Verweildauer in einem Verein, von der Vorstellung des Fair Play zunehmend „verabschieden“. Ebenso weiß Pilz, dass sich die Idee von Fairplay bei Jugendlichen im Laufe ihrer Fußball-Karriere wan- delt, sodass sie Fair Play als „fair zu foulen“ einschränken, also versuchen, den Gegner nicht zu verletzten. Solche Schlussfolgerung konnte Pilz aus den Befragungen zahlreicher Jugend- spieler ziehen, welche im Rahmen seiner Forschung Antwortvorgaben zustimmen konnten oder eben nicht (beispielsweise „Man muss gewinnen, auch mit Fouls“). Somit erwerben be- reits B-Jugendspieler die Einsicht, dass Erfolge auch unter Regelverletzungen zu realisieren sind (Vgl. Anhäuser, 2005).

Die umfassende Dichte medialer Berichterstattung untermalt weiterhin diesen Trend des unfairen und frustvollen Verhaltens auf und am Sportgelände. Beispielsweise erhielt Fuß- ballakteur Antonio Rüdiger vom VfB Stuttgart eine Sperre von drei Spielen, nachdem er Konkurrent Rafael Van der Vaart im Laufe eines Spieles lateral in die Magenregion boxte (Vgl. Ahrens, 2013). Ebenso sorgen immer wieder die Charakteristika von Derbys und ihr emotionaler Effekt auf den Zuschauer und Fan für Gesprächsstoff. Trifft Schalke im Bundes- ligawettstreit auf Dortmund, so bedarf es im Vorfeld wohlüberlegter Maßnahmen, um ein

Aufkommen maßloser, durch Emotionen und Empfindungen angeheizter, Gewalt vorzubeu- gen (Vgl. Peschke & Knack, 2013). Am Beispiel der Hooligan-Organisation „Division Duisburg“ lässt sich weiterhin illustrieren, wie stark der Rechtsextremismus mancherorts seine Wurzeln in das Fundament des Fußballs geschlagen hat, wenn solch rechtsmotivierte Gruppierungen im fußballerischen Umfeld linksorientierte Ultras überfallen oder ausländerfeindliche Lieder anstimmen (Vgl. Buschmann, 2013). Die Versorgung des Rezipienten mit Reporten über die Schattenseite des Fußballs erstreckt sich ebenfalls in die unteren Ligen. So kam es bei einem Heimspiel des Bezirksligisten BSG Chemie Leipzig zu einem brüsken Eingreifen der Polizei nach dem Spiel, um etwa 20 Fans festzunehmen, die im Vorfeld der Partie Alkohol gestohlen haben sollen (Vgl. Reisin, 2013), ein Bespiel dafür, wie sich fußballunabhängige Spannungen indirekt auf den Sportplatz übertragen.

Fakt ist weiterhin, dass die (regionalen) Medien gehäuft von Gewalteskalationen im Amateurfußball berichteten, bei welchen der Unparteiische zum Opfer von Übergriffen wird (Vgl. Büser, 2008, S. 150).

Die Gewalt ist ein Phänomen, deren Ernsthaftigkeit von Bundesland zu Bundesland differenziert abgewogen werden muss und somit Lösungsansätze zur Gewaltverminderung an die vorgegebenen Bedingungen abgeknüpft werden müssen. So fanden beispielsweise Schul- amts-Gewaltstudien heraus, dass die Gewaltphänomenologie sich regional sehr unterschied- lich darstellt. Des Weiteren waren zur Zeit der Erhebung die Ausprägungen rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Gewaltakte in den neuen Bundesländern stärker als in den alten (Vgl. Struck, 1995, S. 5).

Den Medien bleibt die Gesamtproblematik der Gewalt im Fußball nicht vorenthalten. So berichtete 2011 Hamann im Spiegel Online spitzfindig über die vielen Probleme und „null Lösungen“ in der populärsten Sportart Deutschlands. Ob Maßnahmen, wie Stadionausschlüs- se, Spielabsagen und Alkoholverbote sowie andere restriktive Vorschläge von Politikern ge- walteindämmend wirken, hinterfragt der Autor. 2010 debattierten Mitglieder des Bundesmi- nisteriums des Inneren über mehr Sicherheit und weniger Gewalt in den Stadien der Bundes- republik, woraufhin ein Zehn-Punkte-Plan erstellt und publiziert wurde. Viele Fan- Ausschreitungen sorgten derzeit für einen Handlungsbedarf bzgl. der Reduzierung von Ge- walt, beispielsweise auch als das Berliner Olympiastadion von Hertha-Fans gestürmt wurde.

18 Monate nach Verbreitung des 10-Punkte-Plans wurde ihm eine Wirkungslosigkeit attestiert und eine Zunahme von Gewalt wahrgenommen. Abermals tagte ein Runder Tisch zur Thema- tik der Gewalt im Ministerium, wobei man eine höhere Anzahl von Fan-Vertretern allerdings vermissen ließ und oder zum wiederholten Male anstelle von Lösungen und Diskursen, Ver- bote und Strafen den Inhalt der Debatte füllten. Ebenso lieferte die Sportministerkonferenz im November 2011 lediglich populäre Maßnahmen, wie Videoüberwachung, stärkere Einlass- kontrollen und Polizeieinsatz, aber auch die Forderung Spiele, bei Kenntnis über mögliche körperliche Auseinandersetzungen, abzusagen. Weiterhin fehle ein Kategorisierungskatalog, nach welchem Vorfälle unterschieden werden können. Ob Gewalt vor dem Spiel, im Stadion, ob diskriminierende Gesänge oder Pyrotechnik, alles werde in der Öffentlichkeit zusammen- geworfen, ohne die Ursachen zu reflektieren (Vgl. Hamann, 2001). Ebenso forderten ver- schiedene Vereine, wie beispielsweise Bayern München: „Kommunikation ist besser als dra- konische Strafe" (Karl-Heinz Rummenigge, zitiert in Hamann, 2011), wie auch Bayern Mün- chens Nationaltorhüter Manuel Neuer bewies, als er sich 2011 mit Vertretern der Ultra-Szene aussprach. Der gerade rezitierte Bericht wirkt sehr kritisch, man sollte sich allerdings vor Au- gen halten, dass Inhalt und Umfang medialer Berichterstattung von verschiedenen Motiven abhängig sind, und so bestimmt der Markt die Nachfrage, viele Menschen lesen gerne Kritik und so wird ihnen auch Kritik geboten, da sie sich gut verkaufen lässt. Methodische Mei- nungsmache und marktstrategische Politik spielen mitunter auch eine Rolle (Vgl. Scheu, 1993, S. 168).

Im Raum Berlin herrscht, wie bereits erwähnt, eine besondere Problematik der Gewalt und Aggression im Amateur- und Jugendfußfall, welcher sich der Berliner Fußball-Verband (BFV) durchaus bewusst ist und bereits seit längerer Zeit Maßnahmen der Gewaltprävention entwickelt und praktiziert. Es wäre herbei von Interesse, die mediale Resonanz bezüglich der gewaltpräventiven Verbandsarbeit zu analysieren. Entgegen vieler bestätigender Meinungen zur Zunahme an Gewalt im Fußball, hat sich, nach Angaben des BFV, langsam ein Problem- bewusstsein in den Gemütern vieler Betroffener und Beteiligter des Spiels mit dem Ball fest- gesetzt, und ein schärferer und mehr rügender Blick richtet sich gegen Gewalt, Intoleranz und Respektlosigkeit sportlicher und nicht-sportlicher Agitatoren. Fortan gilt es, der erhöhten me- dialen Aufbereitung von Negativschlagzeilen des Profi- und Amateurfußballs sowie dem Druck von Seiten vieler Vereine entgegen zu kommen und eine offensive Strategie gegen Gewalt und Aggression im Fußball, vor allem bei Jugendlichen, zu entwickeln (Vgl. Berliner Fußball-Verband e.V., Sonderausgabe, S. 44). Der BVF hat dem Fußball ab etwa 1997 seine dunkle Seite zugestanden und entsprechend manifeste Formen der Gegenarbeit eingeleitet. Zuvor waren die Vereine darauf angewiesen, solche Probleme der Aggression eigens und durch ehrenamtliche Unterstützung anzugehen. Insbesondere im Jugendbereich wurde ein Präventionsmodell entwickelt, das es u. a. vermag, kulturelle Unterschiede bezüglich Weltan- schauung, Religion, Hautfarbe sowie nationalen Ehrgeiz als positive Gelegenheit zu begreifen und der Gewalt prophylaktisch entgegenzuwirken (Vgl. Berliner Fußball-Verband e.V., Son- derausgabe, S. 16-17). Der BFV tauscht sich des Weiteren in Tagungen und landesweiten Sitzungen mit anderen Verbänden über ihre Fortschritte und Entwicklungen aus. Die Gewaltproblematik muss in einen langfristigen Kontext eingeordnet werden, wel- cher sachgerecht zu interpretieren ist und Entwicklungstrends aufzeigt. Glaubt man Norbert Elias, so sind heutzutage die Grobheit und Härte, mit welcher im Wettkampfsport Duelle aus- getragen werden, u. a. ein Ausdruck gesellschaftlicher Billigung. Allerdings hat der Sport im Laufe der Jahre eine Dämpfung physischer Gewalt erfahren, gewissermaßen eine Mäßigung von „Angriffs- und Grausamkeitsneigungen“. Diese Dämpfung kann an Veränderungen von Regelwerken illustriert werden, da die Historie des Regelwerks der Historie der zunehmenden Dämpfung leiblicher Gewalt parallel läuft. In ihren Ursprüngen und früheren Ausprägungen waren Sportarten weniger organisiert und ausdifferenziert und glänzten durch Brutalität und Wildheit, was zu jenen Zeiten ebenso gesellschaftlich anerkannt wurde, nur in einem viel hö- heren Ausmaß und Toleranzbereich als heutzutage. Auch wenn die Rohheit im Sport abge- nommen haben sollte, die körperliche Härte im Sport übertrumpft die des Alltagslebens im- mer noch um Weiten (z. B. Fußballer Tacklings5 ) (Vgl. Pilz, 2008, S. 288-289). Wie bedeutsam die Gewaltproblematik im Amateurfußball geworden ist, zeigt sich an einem Beitrag von Michael Büser, welcher verschieden Studien bzgl. der Entwicklungsten- denzen der Gewalt im Fußball zusammentrug. Im Fußball ist die Gewalt zwar zu einem all- täglichen Phänomen geworden, sie dominiert die Sportart aber nicht. Pulter, Pulter und Ribler nahmen sich der Verwaltungsentscheide (Saison 2003/2004) und Sportgerichtsurteile (Saison 2001/2002 & 2003/2004) des Hessischen Fußball-Verbandes an und fanden heraus, dass über 90 Prozent der Wettkampfaustragungen ohne Konflikte vollzogen wurden. Nichtsdestotrotz konnte ein quantitativer Anstieg von Konflikten im Amateurfußball festgestellt werden. Zwi- schen der Saison 2001/02 und der Saison 2002/04 stiegen die von den Sportgerichten zu be- handelten Konflikte von 933 auf 1142 Fälle. Ein Anstieg von 22 Prozent im Zeitraum der Erhebung. Eine quantitative Recherche des BFV im Erwachsenenfußball fand gleiches her- aus. Dort stiegen von 2004 bis 2008 die von den Sportgerichten zu beurteilenden gewaltsa- men Vorfälle von 690 Konflikten auf 976 Konflikte an. Ein Anstieg von 41 Prozent im Erhe- bungszeitraum. In einer Expertenbefragung ließ Pilz verlauten, dass seiner Ansicht nach nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Gewalt in der Sportart Fußball zunimmt. Während nun Pulter und Ribler ermittelten, dass die Seniorenfußballer im HFV sechsmal häu- figer Konflikte verursachten als die Jugendfußballer, erhob der BFV, dass Jugendspieler in der Saison 2006/07 mit 1117 aggressiven Vorfällen weniger oft gewaltsam auffielen als die Erwachsenspieler mit 976 Vorfällen. Gewalt spielt also sowohl im Jugend-, als auch im Erwachsenenbereich eine bedeutsame Rolle, ob es eher ein Problem von jungen oder alten Spielern darstellt, bleibt zu erörtern (Vgl. Büser, 2008, S. 151-153).

Die Analyse der Sportgerichtsurteile im HFV zeigte weiterhin, dass die Gruppe der Fußballer quantitativ am häufigsten an Gewalttaten und Beleidigungen beteiligt ist, jedoch auch Trainer (20% aller Gewaltakte in der Saison 2002/02, 22 % in der Saison 2003/04) so- wie Zuschauer (im Erhebungszeitraum ein Anstieg von 9% auf 13,1%). Pilz, der im Nieder- sächsischen Fußball-Verband (NFV) in der Saison 1998/1999 die Sportgerichtsurteile und Verwaltungsentscheide bzgl. Jugend- und Seniorenspieler untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass bei Konflikten deutsche Fußballer zumeist andere Spieler angreifen, während Spieler mit Migrationshintergrund oftmals den Referee als Ziel ihrer Aggressionsauslassung wählen. Von allen vor Sport- und Schiedsgericht vorgetragenen Spielabbrüchen waren es 61,7 %, bei de- nen der Täter einen Migrationshintergrund hatte. Ebenso sind es im HFV von allen Opfern von Gewalt und Aggression die Unparteiischen mit 57 %, die am meisten unter der Gewalt im Fußball leiden. Darüber hinaus fand man heraus, dass Spieler ethnischer Vereine doppelt so oft verurteilt wurden, wie Spieler deutscher Vereine. Lützenkirchen, der im Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) 63 Funktionsträger qualitativ befragte, kam zu dem Entschluss, dass die Urteile der Schiedsrichter eine wesentliche Ursache der Entstehung von Gewalt und Aggres- sion sind. Ein Fazit, welches eine gewisse Tendenz angibt: Die Majorität aller Amateurspiele im Fußball laufen friedvoll ab, der Schiedsrichter gerät regelrecht in eine Opferrolle. Sowohl Trainer und Zuschauer als auch Spieler sind Protagonisten der Gewalt und Aggression, und oftmals sind es Sportler mit Migrationshintergrund, die sich der Täterrolle annehmen (Vgl. Büser, 2008, S. 153-154).

Die Bundesliga kann zum Vergleich mit der Gewaltproblematik im Amateurbereich nicht zwangsläufig als Vorbild herangezogen werden, dort sind andere Gesetze als im Brei- tensport maßgebend, der Erfolg thront über allem. Erfreulich ist jedoch, dass sich der DFB seit 1996 mit der Aktion „Fair ist mehr“ versucht, Gewalt im Fußball zu bekämpfen und Fair- ness zu fördern. Durch solche Aktionen sollen faire Verhaltensweisen öffentlich gemacht und geehrt werden. Ob solche öffentlichen Aktionen auf das Verhalten von Fußballspielern Wir- kungen haben bleibt fraglich, da wissenschaftliche Expertise und Begleitung fehlt. Positiv ist ebenso der Umstand zu bewerten, dass viele Trainer, die ehrenamtliche Mitarbeiter sind, sich an Kurzlehrgängen für Fair Play beteiligen (Vgl. Anhäuser, 2005). Letztlich weiß auch Pilz, aufgrund zahlreicher Daten und Erhebungen, dass viele Befunde „Mut machend“ sind, denn sie „zeigen, dass wir über Trainer etwas erreichen können, wir sind nicht völlig ausgeliefert“ (Pilz, zitiert in Anhäuser, 2005).

Der BFV, wie auch der DFB, sind sich der Existenz von Gewalt und Aggression im Amateur- und Jugendfußball bewusst und investieren diesbezüglich Ideen und praktische Überlegungen in die Gewaltprävention. Der DFB beherbergt eine AG Fair Play, welche in regelmäßigen Abständen im Rahmen von Sitzungen tagt, in welchen über Projekte und An- regungen bzgl. Gewalt und Fair Play diskutiert wird, unter dem Vorsitz des Aggressionsfor- schers Prof. Dr. Gunter A. Pilz. So berichtet unter anderem Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV, im Rahmen der Sitzungen regelmäßig über die Vorgänge und Fortschritte der Prä- ventionsarbeit des BFV. An einer Sitzung am 13. August 2009 präsentierte Liesegang bei- spielsweise den Teilnehmern die DVD „ Prävention im Amateurfußball “, bestehend aus 34 Kurzfilmen. In derselben Sitzung brachte Prof. Dr. Norbert Müller internationale Erfahrun- gen, die er im Rahmen einer Fair Play-Tagung in Basel sammelte, mit in die Diskussion ein und berichtete seinerseits in Basel von der Berliner Gewaltprävention (Vgl. Deutscher Fuss- ball-Bund, 2009). Diese Tatsachen sollen verdeutlichen, wie präsent die Gewalt im (Ama- teur)Fußball und ebenso im Berliner Fußballraum vorhanden ist und wie diesbezüglich viele Menschen ihre Kraft in die Gewaltprävention fließen lassen.

Auch wenn pro Wochenende von rund 80.000 Fußballspielen nur zehn Wettkämpfe durch Spielabbrüche oder andere gewalterfüllte Vorfälle geprägt sind, so wird der Amateur- fußball stetig von Gewaltbereitschaft begleitet. Der Fußball kann nicht über die Thematik der Gewalt hinwegsehen und sie behandeln, als gäbe es sie nicht (Vgl. Deutsche Telekom AG - fussball.de, 2010).

Bereits 1997 vollzog der BFV seine erste verbandsumschließende Maßnahme gegen Gewalt6 (Vgl. Berliner Fußball-Verband, Sonderausgabe, S. 22). Seit dieser Zeit widmete sich der BFV fortwährend dem Thema der Gewaltprävention und entwickelte hierfür ver- schiedenste Maßnahmen. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen auf das Verhalten von Spie- lern zu untersuchen, übersteigt den wissenschaftlichen Arbeitsumfang. Jedoch ist für den Verband von großem Interesse, zu untersuchen, wie die Maßnahmen der Gewaltprävention in der Öffentlichkeit und bei den internen (= Mitglieder) und externen (= Berater) Kooperations- partnern des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt (AfFE) aufgenommen wird. Die Prob- lemfrage der Arbeit formuliert sich wie folgt:

Inwiefern wird das Angebot an Informationen und Maßnahmen vom BFV im Rahmen seiner Gewaltprä- vention von Seiten der regionalen Berliner Medien sowie Mitglieder und Berater des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt reflektiert?

Einleuchtend wäre der Gedanke, dass, umso mehr Präventionsarbeit der Verband leistet, desto mehr Bewusstsein im Berliner Raum für die Gewaltproblematik entsteht. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass die „innere Funktionslogik“ der Medien den Wert ihrer Nachrichten durch die beliebte Formel „Only bad news is good news!“ (von Alemann, 2010, S. 231) erhöht. Demnach hätte die Präventionsarbeit einen geringen medialen Stellenwert gegenüber Vorkommnissen der Gewalt im Fußball. Die These der Arbeit formuliert sich daher folgendermaßen:

Je mehr Informationen der BFV zur Gewaltprävention verlautbart und je mehr Projekte und Maßnah men er diesbezüglich im Amateurjugendfußball realisiert, desto effektiver können die Mitglieder und Berater des Ausschusses für Fair Play und Ehrenamt Problemlösungsansätze zur Gewaltvorbeugung erarbeiten und ein Problembewusstsein entwickeln, wobei die regionalen Medien die Gewaltpräventi onsarbeit in ihrer Berichterstattung nur minder berücksichtigen.

Zur Untersuchung der oben aufgeführten Frage und These werden in einem ersten Schritt die Begrifflichkeiten der Gewalt und Aggression theoretisch näher beleuchtet sowie fußballspezi- fische Ansätze der Aggressionsentstehung angeführt. Fußballspezifische Ansätze begründen Aggression aus der Beschaffenheit des Sportspiels und dem Charakter des Sports selbst her- aus, wie z. B. dem Regelwerk oder sportartspezifischer Normen. Auf die Erörterung allge- meinpsychologischer Zugänge (Triebtheorie, Frustrations-Aggressions-Hypothese, Lerntheo- rie), der rechtsextremen Gewalt sowie Ursachen der Gewalt, die fern des Sports in sozialen, gesellschaftlichen oder entwicklungspsychologischen Bezügen liegen, muss im Kontext die- ser Arbeit verzichtet werden. Anschließend werden theoretische und praktische Überlegungen zur Gewaltprävention im Sport erörtert. Nachdem dann der AfFE in seiner Entwicklung be- schrieben wurde, erfolgt der empirische Teil, bestehend aus den Ergebnissen einer qualitati- ven Zeitungsanalyse und einer qualitativen mündlichen Befragung. Von der Zeitungsanalyse vierer Berliner Online-Zeitschriften wird versucht, eine mediale Resonanz auf die Arbeit des Verbandes bezüglich der Gewalt im Fußball zu erfassen. Bevor nun vollends in die Thematik eingestiegen wird, noch eine kleine Anregung:

„ Die Geschichte des Fußballs, dies ist nur den wenigsten bewußt, ist bei genauerer Betrachtung eine Geschichte des Aufruhrs, der Ausschreitungen, der „ Unordnung “ , kurz „ des abweichenden Verhal tens “ (Dunning, 1981, S. 124).

2 Gewalt und Aggression : Zwei dem Fußball immanente Konstrukte?

Der moderne Wettkampfsport als Angelegenheit einer „ vulgären Verbissenheit des Siegens um jeden Preis “ (Pierre Bourdieu, Soziologe, 1986, S. 96).

Das Fußballspiel als rituelle Jagd, stilisierter Kampf und symbolisches Geschehen “ (Desmond Morris, Zoologe und Verhaltensforscher, 1981, S. 15)

Einst schrieb der Philosoph Adorno „Zu Anfang ist Aggressivität fast das gleiche wie Aktivität“ (Adorno, zitiert in Eisenberg & Gronemeyer, 1993, S. 69), was bedeutet, dass erst „ in der Reibung mit der Gegenstands- und Objektwelt […] aus Motilität und Aktivität Aggression“ (Eisenberg & Gronemeyer, 1993, S. 69) wird.

2.1 Gewalt und Aggression im sportlichen Kontext: Wo beginnt es, wo hört es auf?

Denkt man an Aggression, so wird damit oftmals unmittelbar ein Gefühl oder ein emotionales „Aufbauschen“ assoziiert. Somit wird Aggression mehrfach mit der Emotion des Ä rgers ver- bunden, welche die aggressive Handlung begleitet. Allerdings stellt die Aggression selbst ein bedeutsames wissenschaftliches Konstrukt, welches einer klaren Eingrenzung bedarf und be- reits diverse Definitionsversuche sich um eine solche Umgrenzung bemüht haben (Vgl. Städt- ler, 1998, S. 16).

Als sich Ende der 70er Jahre eine autonome Soziologie des Sports entgegen vieler missgönnender Betrachter etablieren konnte und somit die Relevanz des Sports in Gesellschaften zunehmend wissenschaftliche Beachtung fand, eröffnete sich eine Bandbreite zu untersuchender Themenfelder, sodass auch Fälle von Aggression und Gewalt ihren Platz inmitten sportsoziologischer Begutachtung fanden. Der Sportsoziologe Gunter Pilz sowie eine, vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft bezuschusste, Projektgruppe widmeten ihre wissenschaftlichen Bemühungen und Expertisen der Aufdeckung von Ursachen und Bedingungen von Gewalt im Sport (Vgl. Heinemann, 2007, S. 42-43).

Nach einer ersten, noch pauschaleren Definition von Schubert und Klein (2011) wird die allgemeine Gewalt als der Gebrauch physischen und psychischen Drucks gegenüber Menschen sowie des physischen Affizierens auf Tiere und Objekte begriffen. Die soziologische Gewalt manifestiert sich in der Verwendung psychischer und physischer Instrumente, um anderen Individuen gegen deren Willen zu schaden, ihnen den eigenen Willen zu oktroyieren oder der Gewalt anderer mit Gegengewalt zu entgegnen. Politisch wird mit Gewalt insbesondere die Staatsgewalt assoziiert, welche mit legitimen Instrumenten die bestehende Rechtsordnung durchsetzt (Vgl. Schubert & Klein, 2011).

Der Alltag logiert Gewalt in den verschiedensten Bereichen. Vorkommnisse der Prügelei oder des Mords, von Sexualdelikten oder gar Entführungen gehen von der leiblichen Stärke der Täter aus, welche die Handlungsoptionen ihrer Opfer beschneiden und ihnen ihren Willen aufzwingen (Machtausübung). In anderen Fällen, wie der Staatsgewalt, der Erziehungsgewalt oder der amtlichen Gewalt, wird das Verständnis von Gewalt ausgedehnt und nicht mehr nur auf die Körperlichkeit beschränkt und auch nicht mehr nur negativ betrachtet7 (Vgl. Gabler, 2003c, S. 226).

Nach Auffassung des Sportwissenschaftlers Jürgen Hofmann (2008, S. 50) ist bisher kein konsensfähiger bzw. einheitlicher Begriff der Gewalt existent, was auch der Bandbreite jeweiliger Forschung und derer theoretischer Ausgestaltung zu Schulden ist, an welche der Gewaltbegriff angepasst werden muss. Pilz & Trebels negierten 1976 (S. 33) sogar das Zuge- ständnis einer Universalität des Aggressionsbegriff, da unter solchem zu zahlreiche, heteroge- ne und teils konträre Verhaltensdispositionen8 eingeordnet werden. Damals stellte sich den Autoren noch die Frage, ob schon das „aktive Erobern der Umwelt“ (bzw. eine Muskelaktivi- tät) als Aggression zu verstehen sei. Eine weitgehende Einigkeit besteht just in der Ansicht, „dass Gewalt verletzt und gegebenenfalls tötet, sie vielfältige Varianten der Zerstörung her- vorbringt, sodass immer Opfer entstehen“ (Heitmeyer & Hagan, 2002, S. 16). Es wird er- kenntlich, dass bereits enorme Forschungsenergie in die Bemühungen floss, den Begriff der Aggression definitorisch exakt fassen zu können und diese Definitionsproblematik eventuell nie ihr Ende finden wird (Vgl. Städtler, 1998, S. 17).

Des Weiteren erscheint es schwer, zwischen Gewalt, Aggression und Devianz begriff- lich konkret zu differenzieren. Derweil Psychologen mit dem Konstrukt der Aggressivität arbeiten, widmen sich Soziologen dem Ausdruck des abweichenden Verhaltens. Ein enger Gewaltbegriff fokussiert lediglich körperliche Schädigungen, unterdessen eine erweiterte Auffassung von Gewalt ebenso strukturelle Gewalt mitaufnimmt. Letztlich liegt das Ausmaß des Gewaltakts auch immer im Auge des Betrachters, sodass eine Diskrepanz in der Auffas- sung einer Handlung, beispielsweise zwischen Lehrer-Schüler, Opfer-Täter, Eltern-Kind, etc. liegt (Vgl. Hofmann, 2008, S. 50).

Da sich die Gewalt heutzutage von physischer Tätigkeit, über Autoaggression bis hin zum Mobbing erstreckt, gilt es den Gewaltbegriff, inmitten seiner Zersplitterung, der Forschungsrichtung anzupassen (Vgl. Hofmann, 2008, S. 50 - 51).

Eine erste überzeugende Differenzierung zwischen Gewalt und Aggression liefert Gabler (2003c), denn nach solchem wird Gewalt als:

„ Oberbegriff für die Schädigung von Personen, Tieren und Sachen angewandt “ (Gabler, 2003c, S. 226).

Die Aggression wird derweil zu einer zweckmäßigen sportlichen Kategorie, wonach:

„ Aggressionen als normenabweichende Handlungen [ … ] im Rahmen eines sportspezifischen Regel- und Normensystems, den sich die Beteiligten freiwillig unterwerfen, zu verstehen sind. “ (Gabler, 2003c, S. 226).

Weiterhin kennzeichnet:

„ der Begriff der Aggression die unmittelbare Schädigung von Personen als aggressive Handlung [ … ], sofern die Schädigung beabsichtigt ist “ (Gabler, 2003c, S. 226).

Wichtig ist, dass Aggression und Gewalt keine zu trennenden Phänomene sind, sondern die Aggression sich dem Sammelbegriff der Gewalt untergeordnet wiederfindet. Pilz betonte 1993 die Bedeutsamkeit der psychischen Gewalt, deren Potenzial darin liegt, gravierende Wirkungen bei dem Menschen zu erzielen. Sie ist zumeist mit der körperli-chen Gewalt kollektiviert, und beide Gewaltarten vermögen es, der Seele Schaden zuzufügen. Insbesondere ist es wichtig, zu verstehen, dass bereits psychischer Druck ausreicht, damit eine Person ihr Ziel verwirklichen kann (Vgl. Pilz, 1993a, S. 15-17).

Um eine Handlung nun als gewaltvollen Akt zu klassifizieren, müssen folgende Krite- rien gegeben sein: 1. Es müssen diagnostizierbare Folgen vorhanden sein, also eine durch Gewalt verursachte Schädigung. Als sekundäres Kriterium wird die Absicht zur Gewaltaus- übung genannt. 2. Es muss die Existenz und Nutzung von Macht bestehen, sprich das Vor- handensein von Machtmitteln als Vorrausetzung der Gewaltausübung (Vgl. Pilz, 1993a, S. 17)

Die grundlegende Frage eröffnet sich nun, ob ein aggressives Verhalten anhand seiner Intention, das heißt die Absicht zur Beeinträchtigung ist zur Klassifizierung ausreichend, oder seiner Eigenschaften und Wirkungen zu deuten ist (Vgl. Gabler, 1987, S. 31). „Die relativ überdauernde Bereitschaft, sich (gegebenenfalls) aggressiv zu verhalten, wird dagegen Ag- gressivität genannt“ (Gabler, 1987, S. 31), wodurch Aggressivität nicht einzelne Handlungen, sondern eine Verhaltensdisposition, ein latentes Verhaltensmuster, darstellt (Vgl. Varbelow, 2003, S. 4)

Das Problem einer strikten Orientierung an den Merkmalen und Effekten eines aggres- siven Verhaltens besteht in der fehlenden Möglichkeit, beabsichtigte und unbeabsichtigte Wirkungen eines rüden Verhaltens zu differenzieren. Zwar besteht eine enorme Schwierigkeit darin, die genaue Intention einer Handlung zu erfassen9, sie ist aber essentiell, um fehlerhafte Klassifikationen zu unterbinden und vor allem, um pädagogische Maßnahmen an den Inten- tionen abzuleiten, denn letztendlich sind solche meist Auslöser des ruppigen Verhaltens. Die- se Mitaufnahme intendierter Handlungen zur Bezeichnung einer Handlung als aggressiv leitet auch den Schiedsrichter in der Ausübung seiner Aufgabe, da er Fouls nicht nur anhand des Regelwerks, sondern auch dahingehend ahndet, ob Absicht oder Unabsichtlichkeit zugrunde gelegt werden kann. (Vgl. Gabler, 1987, S. 30-40). Gabler kam zu folgender Auffassung:

Eine Handlung im Sport ist dann als „ aggressiv “ zu bezeichnen, wenn eine Person in Abweichung von sportlichen Normen mit dieser Handlung intendiert, einer anderen Person Schaden im Sinne einer „ personalen Schädigung “ zuzufügen, wobei diese Schädigung in Form von körperlicher (oder psychi scher) Verletzung und Schmerz erfolgen kann “ (Gabler, 1987, S. 40).

In einer modernen Ausführung unterteilt Gabler Aggression in explizites und instrumentelles Agieren unterteilt. Bei ersterem ist Sportler A darum bemüht, explizit die personelle Schädi- gung des Sportlers B herbeizuführen. Im Kontext instrumenteller Aggression wird aggressives Handeln hingegen zweckmäßig zur „Leistungsverbesserung“ verwendet. Diese Form der Ag- gression stellt ein Schlüsselproblem im Sport dar, da mit allen Mitteln versucht wird, das Ziel des Gewinnens zu erreichen. Gabler verweist weiterhin auf die Abhängigkeit der Klassifikati- on einer aggressiven Handlung von den jeweiligen Normen und Regeln einer Sportart, da gleiches leibliches Agieren je nach Sportart und deren normativem Kontext unterschiedlich zu gewichten ist, z. B. „body-check“ im Fußball und Eishockey (Vgl. Gabler, 2003a, S. 23).

Hofmann nahm eine weitere Ausdifferenzierung des Gewaltbegriffs vor: Die Gewalt akzeptanz gleicht einer Attitüde, ein gewalttätiges Verhalten von außen als angemessen und funktional zu bewerten, sodass der Einsatz von Gewalt zur Interessendurchsetzung hingenommen und befürwortet wird. Die Gewaltbereitschaft bezieht sich unterdessen auf die handelnde Person selbst, Ziele mit eigener Gewalt zu erreichen. Drittens, und für diese Arbeit am bedeutsamsten, drückt sich das Gewalthandeln in einer faktischen Anwendung von Gewalt aus (Vgl. Hofmann, 2008, S. 51-52).

Ein kurzer Exkurs in die Psychologie soll Aufschluss über die Unterscheidung von „konstruktiver“ und „destruktiver“ Aggression liefern. Die konstruktive Aggression dient der Selbstbehauptung, dem Aufbau von Selbstvertrauen, dem eigenen Schutz vor Übergriffen, der Abwehr von Unerwünschtem und der Entfaltung individueller Fähigkeiten zur Durchsetzung persönlicher Interessen, sodass diese Form der Aggression das eigene Bestehen in der Gesell- schaft gewährleistet. Destruktive Aggression ist dagegen zerstörerisch. Sie drückt sich in der Beschädigung von Objekten, einem Wutausbruch, einem Angriff gegen eine andere Person, dem Bedrängen anderer Menschen, oder auch in Rache aus. Sie ist die Folge eines externen Auslösers und kann ebenso auf Erfahrung betten (Vgl. Varbelow, 2003, S. 5). „Als ausdifferenziertes Teilsystem der funktional differenzierten Gesellschaft konsti- tuiert sich der Sport um einen binären Code, der ihn als „Wertsphäre“ […] gegenüber anderen Teilsystem wie Wirtschaft, Kunst oder Wissenschaft abgrenzt“ (Schimank, 2008, S. 69). Das sportliche Agieren und die sportliche Interaktion sind an dem Code der Sieg/Niederlage ange- lehnt. So versuchen die Athleten mithilfe leiblicher Leistung, Siege zu realisieren und sei es hierbei nur der Sieg gegen sich selbst durch eine bessere Zeit beim Joggen oder die Motivati- on, Niederlagen auf ein Minimum zu reduzieren (Vgl. Schimank, 2008, S. 69). Die Aggression, welche sich nun im Sport zeigt, ist somit von gesellschaftlichen Nor- men und Bezugssystemen abhängig. Weiterhin wirken sich die spezifischen Bezugssysteme verschiedener Sport- und Bewegungsarten durch ihre informellen Normen und Vorgaben auf aggressives Verhalten im Sport aus. Die Gewalt offenbart sich durch die Massenmedien ei- nem breiten Publikum, durch die Verhaltenstendenzen von Jugendlichen oder gar durch poli- tische Proteste. Doch ist dem Phänomen der Aggression mit genauerer Betrachtung und Sorg- falt zu begegnen. Beispielsweise enthalten Individualsportarten oder freizeitliches Sporttrei- ben weniger gewaltsames Potential, während einige andere Sportarten einem Mehr an körper- licher Behauptung bedürfen. So wird ein physisches Durchsetzungsvermögen zu einem „kon- stituierenden Element“ von Kampf- oder Ballsportarten. Zudem können die medialen Techni- ken der Dramaturgie und Überspitzung zu einer gefährlicheren und verzerrten Einschätzung der Existenz gewaltsamen Verhaltens im Sport führen. Vor allem aber korreliert der gesteiger- te Erfolgsdruck im Sport seitens einer fortschreitenden und sich entwickelnden Gesellschaft mit der Zunahme aggressiven Handelns im Sport. Hierbei bedienen sich die Sportler und Sportlerinnen einer instrumentellen Aggression, also einer rationalen Handlung zur Errei- chung eines bestimmten Zieles. Unterscheiden lässt sich zwischen der Gewalt von Zuschau- ern und der Gewalt von Sportlern (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 9). Der diagnostizierte Um- fang einer gewalttätigen Handlung folgert sich aus der Interpretation der Handlung seitens der Handelnden, indirekt Beteiligter und Unbeteiligter inmitten eines bestimmten kulturellen Kontextes, sodass „Gewalt eine soziale und kulturelle Konstruktion“ (Hofmann, 2008, S. 52) ist. Je nach Kultur verrichtet sich die Aggressionsverarbeitung anders. Während im Westen auf Verärgerung Aggression folgt, wird in Asien an Ärger Scham und dann die Suche nach der eigenen Schuld gereiht (Vgl. Städtler, 1998, S. 16). Die geistige Auseinandersetzung mit der Erscheinungsform der Gewalt hat bereits lange philosophische Tradition. So widmete auch Sokrates seine Überlegungen der Gewalt und kam zu dem Entschluss: "Wo es kein Ge- spräch mehr gibt, beginnt die Gewalt" (Sokrates, zitiert in Schulpsychologie, 2012).

Das Phänomen der Gewalt zeigt sich nach Pilz (2008) im Sport in Form von Persona- ler Gewalt (Gewalt zwischen Personen, also zwischen Sportlern, Trainern, Zuschauern und Funktionären, welche sich körperlich und psychisch ausdrücken kann), Struktureller Gewalt (Gewalt zwischen Organisationen oder gesellschaftlichen Strukturen, also zwischen Vereins- und Verbandsstrukturen) und Kultureller Gewalt (Gesellschaftliche Wertorientierungen, wie z. B. „Der Erfolg heiligt die Mittel“). Je nach Leitmotiv kann bei kultureller Gewalt differen- ziert werden zwischen Expressiver Gewalt (Gewalt schafft Befriedigung und Lust, wird vom Handelnden oder dem Umfeld akzeptiert und ohne soziales Gewissen vollzogen), Instrumen- teller Gewalt (Übergeordnete Ziele, z. B. der Erfolg, lässt Gewalt zu einem rationalen Mittel der Konfliktlösung werden. In der Gesellschaft wird dieser Gewaltstandard im Rahmen des Wettkampfsports toleriert, auch wenn es eigentlich ein illegitimes Verhalten darstellt) und Reaktiver Gewalt (Gegengewalt als Antwort auf erfahrene Gewalt, sei sie personal, physisch oder psychisch, als auch strukturell).

Die Erscheinungsform der Aggression zeigt sich nach Gabler (2003a) in Körperlicher Aggression (Mittels unterschiedlicher Körperteile - insbesondere Arme und Beine - und Sportgeräten), Verbaler Aggression (Personale Geringschätzung anderer durch Drohungen, Beschimpfungen, Flüchen, etc.) und Symbolischer Aggression (Pejorative Gesten oder Ge- bärden).

Auch sollte die Differenzierung zwischen Zuschaueraggression und der Aggression der Athleten nicht vergessen werden (Vgl. Gabler, 2003a, S. 23). Zuschaueraggression kann bedingt werden durch Ü berdauernde Verhaltensdispositionen (Motivationspsychologische Aspekte, wie a) Das Ziel, den Gegner zu schädigen und dem eigenen Team zur Seite zu ste- hen, b) Streben nach sozialer Anerkennung, c) Streben nach Gruppenzugehörigkeit, d) Macht- streben), Aktuelle individuelle Bedingungen (Individuelle Interpretations- und Reaktionsbe- reitschaft für mögliche Reize, wie a) Psychologisches Leibesbefinden durch Alkohol, Erre- gung oder Müdigkeit, b) Kognition und Motivation hinsichtlich der Intention eines Spieles (z. B. Derby), oder die Erwartungshaltung an den Ausgang eines Spieles), Soziokulturelle Be- dingungen (Gesellschaftliche Bewertung und Anzahl aggressiver Handlungen, wie a) Taktlo- se Darstellung von Aggression in den Medien, b) Gewalt in Film und TV, c) Aggressionsver- schärfende Erziehungsstile, d) Gewalt in Sozialbeziehungen, e) Aggressionen im Sport, f) Konkurrenzkampf in der Gesellschaft), Bezugsgruppenbedingungen (Mikrosoziologische Faktoren, nach welchen der Akteur im Sinne der Lerntheorien seine Einstellungen zur Ag- gression quasi erlernt durch a) Formelle Regeln innerhalb einer Gruppe, b) Informelle Nor- men innerhalb einer Gruppe, c) Leistungsorientierung) oder Aktuelle situative Bedingungen (Aggressionsbedingende Reize, wie a) Gegebenheiten des Spiels, beispielsweise Spielverlauf, Ergebnis, Dichte aggressiver Vorfälle, b) Spielklasse und Tabellenstand der Teams, c) Anzahl und Dichte der Zuschauer, d) Verhalten des Unparteiischen, e) Verhalten rivalisierender Fans, f) ökologische Bedingungen, beispielsweise Blockeinteilung im Stadion) (Vgl. Kübert & Neumann, 1994, S. 30-32).

Zur Untersuchung typischer Aggressionsformen10 wird die verdeckte Aggression ge- strichen, da solche nicht von außen beobachtbar ist. Zurück bleibt die offene (körperliche, verbale, symbolische) und zugleich missbilligende (negative) Aggression. Wichtige Handlun- gen stellen hierbei die Explizit destruktiv intendierte Handlung (Ziel = Verletzung), die Expli- zit negativ intendiert Handlung (Ziel = prekärer innerer Zustand der anderen Person) und die Implizit destruktiv & negativ intendiert e Handlung (Ziel = Verletzung oder prekärer innerer Zustand der anderen Person, nicht direkt gewollt, aber in Folge einer Handlung erwartet) dar (Vgl. Pilz & Trebels, 1976, S. 38-40).

Festzuhalten ist, dass soziale Interaktion, Schädigung und Intention/Absicht drei erforderliche Begrifflichkeiten zur Erfassung von Aggressionen im Sport bilden (Vgl. Pilz & Trebels, 1976, S. 38-40). Ebenso werden die Schädigungsabsicht und die personale Interaktion in der Psychologie zu entscheidenden Bestimmungsmomenten der Aggression (Vgl. Städtler, 1998, S. 17). „Einschränkend ist zu sagen, dass die Einschätzung dessen, was als Gewalt bezeichnet wird, immer auch historischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen unterliegt“ (Büser, 2008, S. 151).

2.2 Die Gewalt als Resultat multikausaler Zusammenhänge?

"Anstatt Fairness zu lernen, wird vielen Jugendlichen in den Vereinen gerade das Gegen- teil vermittelt “ (G. Pilz, Sportwissenschaftler (Aggressions- und Gewaltforscher), 1999, S. 220)

Das Zitat von Pilz will sagen, dass das plakative Heischen von Fair Play und die Erziehung junger Menschen zur Fairness solange unwirksam bleiben, solange der auf Sportlern und auch Trainern lastende Erfolgsdruck nicht gemäßigt wird. Ohne die geringste Abweichung von diesem Druck, erweisen sich unfaires Verhalten und die Handlungsmoral des „fairen Fouls“ als sinnvolle Handlungsschemata.

Die Ursachen der Gewalt sind vielfältig, und es besteht an dieser Stelle kein Anspruch darauf,

diese in vollem Umfang darzustellen. Es können jedoch einige genannt werden, welche in Anbetracht dieser Arbeit im Felde des Berliner Fußballs wichtig erscheinen Um nämlich Präventionsmaßnahmen der Gewalt bewerten und überhaupt erarbeiten zu können, bedarf es der Erörterung der Ursachen und Gründe von aggressivem Verhalten, da es solche Ursachenforschung ermöglicht, rüdes Verhalten vorhersagen und erklären zu können. Beim Vorhandensein gewisser Bedingungen wird das Auftreten aggressiven Verhaltens wahr-scheinlicher. Rollenerwartungen oder Leistungsanreize sind hierfür illustrative Beispiele (Vgl. Gabler, 2003a, S. 23).

2.2.1 Fußballspezifische Ansätze der Aggressionsentstehung

Die strukturelle Beschaffenheit des Sportspiels, niedergelegt in einem spezifischen Regel- werk, wirkt sich auf die Aggressivität von Sportlern aus, wonach sich auch die Foulhäufigkeit in Studien nachweisbar zwischen Sportarten unterscheidet. Die Kontrollierbarkeit eines Spiels ergibt sich für den Schiedsrichter daraus, wie präzise die sozialen Normen der jeweiligen sportlichen Disziplin ausformuliert sind (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 11-12). Das Einsetzen des Leibes und der unmittelbare Kampf sind wesenhafte Merkmale der Mannschaftssportart Fußball. Somit wird ein aggressives Bemühen im Wettkampfspiel nicht nur bejaht, es wird ferner zu einer Prämisse des sportlichen Erfolgs im Fußball. Unter diesen Aspekten wirken sich die Grundintention, Organisationsform und Spielrealisation nicht nur auf das Verhalten der Spieler, sondern auch auf das der Zuschauer aus. Dem Fußball wird sogar eine Sonder- weltlichkeit attestiert, da verletzungsbedingende Foulspiele, die nur der Eroberung und dem Treffen des Balles gelten, auf dem Spielfeld nicht gemaßregelt werden, indessen sie im Alltag womöglich eine Körperverletzung darstellen würden. (Vgl. Hüther, 1994, S. 11). Im Sport findet also eine Entkriminalisierung statt. Verhaltensweisen, welche in der Gesellschaft arg- wöhnisch und rügend wahrgenommen werden und gar juristische Strafen nach sich ziehen können, werden im Sport legalisiert (Vgl. Heinemann, 2007, S. 213). Die Akzeptanz körperli- cher Ruppigkeiten variiert je nach Sportart und es ist festzustellen, dass Sportarten, denen ein hohes Gewaltpotenzial innewohnt, insbesondere von sozialen/kulturellen Milieus ausgeübt werden, in denen Interessen üblicherweise mit aggressivem Verhalten verfolgt werden (Vgl. Pilz, 2008, S. 289).

„ Im Sport wird nach dem Prinzip derüberbietung und des Niederkämpfens des Gegners gehandelt; dieses Prinzip toleriert, ja fordert in gewissem Umfang Rücksichtlosigkeit, Feindlichkeit und Gegner- schaft gegenüber Wettkampfteilnehmer, das Ausnutzen ihrer Schwächen und Fehlern; Toleranz und Rücksichtnahme, die im Alltagsleben erwünscht sind, könnten den sportlichen Wettkampf eher bedro hen “ (Heinemann, 2007, S. 213).

An zweiter Stelle sind situative Einflussgr öß en zu nennen. Hierbei sind die Faktoren des Austragungsortes und der Leistungsklasse am stärksten zu gewichten. Von Wichtigkeit sind außerdem äußere Gegebenheiten in Form von Heim-/Auswärtsspiel, Spielstand, Schieds- richter, Trainer, die Intention des Spiels (Derby, Pokalspiel, Aufstieg, Abstieg, Finalspiel), Entwicklung und Verbleib der Spielzeit, Aufgabe und Position eines Spielers sowie die Loka- tion der Regelwidrigkeit (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 12-13). Die Intention des Spiels wird ebenso bestimmt durch Rückrundenspiele, deren Hinspiel besonders konfliktgeladen ausge- tragen wurde, oder auch Wettkämpfe mit interethnischem Hintergrund bergen hohes Eskalati- onspotenzial (Vgl. Büser, 2008, S. 157).

Es lässt sich weiterhin beispielhaft das Zusammenwirken struktureller und situativer Faktoren illustrieren. Im Fußball tätigen zurückliegende Mannschaften tendenziell mehr Fouls, als die führende Mannschaft. Dahingegen verhält es sich im Hallenhandball und Was- serball diametral (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 13). Ebenfalls ist die Anzahl an Foulspielen dann besonders hoch, solange der Ausgang des Spieles von Ungewissheit geprägt ist und mutmaßlich auf ein Remis hinausläuft (Vgl. Weis, 1981, S. 184). Darüber hinaus konnte er- hoben werden, dass eine ansteigende Tordifferenz zweier gegeneinander spielender Mann- schaften die Häufigkeit von Foulspielen senkt, Gastmannschaften häufiger foulen als Heim- mannschaften und dass Mannschaften, welche in der Tabelle weiter oben zu verorten sind, generell weniger Foulspiele begehen, als Teams aus der unteren Tabellenhälfte, dass jedoch eine ranghöhere Mannschaft in einem direkten Spiel gegen eine im Rang niedrigere Mann- schaft häufiger foult (Vgl. Pilz & Trebels, 1976, S. 89). Weniger die ruppigen Attribute des Fußballspiels oder Charakterzüge der Sportler bewirken aggressives Verhalten, vielmehr ist die Aggression „zum einen von der Struktur des konkurrenzorientierten sozialen Systems und der Stellung bestimmt, die der Einzelne in diesem System einnimmt, zum anderen durch die situativen Bedingungen des Spielablaufs“ (Heinemann, 2007, S. 217). Infolgedessen wirken die Dynamik des Spiels und Rollenerwartungen maßgeblich auf abweichendes Verhalten ein.

Die Gewalt ist ebenso von individuellen Dispositionen bestimmt, welche in unter- schiedliche Inkorporationen von Normen und Regeln münden. Aggressive Verhaltensmuster werden im Zuge eines sportlichen Sozialisationsprozesses verinnerlicht, um sie abwägend und zielgerichtet in sportliche Erfolge ummünzen zu können. Dies kann dazu führen, dass gewisse sportliche Regeln als Barrieren wahrgenommen werden, welche dann durch absichtlich unfai- re Verhaltensschemata übersprungen werden und gar, für den Schiedsrichter nicht sichtbare, Fouls im Training eingeübt werden. Somit besteht abseits des offiziellen Regelwerks ein ab weichendes/informelles aggressiveres Normenverständnis, nach welchem eine höhere Toleranz gegenüber regelwidrigen und unfairen Verhalten besteht, wenn es dem Zweck der Sache dient (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 13). „Das gesellschaftliche Primat des Erfolgsdenkens“ (Projektgruppe, 1982, S. 13) trägt keine geringe Mitschuld daran.

Aggression ist demgemäß das Ergebnis von Lernprozessen. Das bedeutet, dass aggres- sive Verhaltensschemata, die gelungen in Erfolg umgebucht werden konnten, mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder verwirklicht werden, als weniger erfolgreiche (Vgl. Gabler, 2003a, S. 24). Neben dem Lernen am eigenen Erfolg kann aggressives Verhalten auch durch Nach- ahmung am Erfolg anderer Sportler verinnerlicht werden (Vgl. Gabler, 2003a, S. 24). Dieses Imitationslernen sagt aus, dass Personen lernen, „welche sozialen Verhaltensweisen zur Be- friedigung eines Bedürfnisses erfolgreich anwendbar sind“ (Pilz & Trebels, 1976, S. 26).

Schließlich besteht ein Wirkungszusammenhang zwischen der Gewalt bei Sportlern und Zuschauern, aus welchem sich eine Verhaltenskette ableiten lässt (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 13). Diese Kette beginnt damit, „daß ein informelles sportartspezifisches Normenge- füge das aggressive Verhalten von Sportlern in hohem Maße fördert, und daß Regelverletzun- gen zu Rollenerwartungen unter der Perspektive von Erfolg und Statuszuweisung werden“ (Projektgruppe, 1982, S. 13). Diese Grundstruktur und Grundcharakteristika des Fußballspiels schlagen sich auch im Gemüt des Zuschauers nieder, welcher eine entsprechende Erwar- tungshaltung annimmt, er demnach Foulspiele als legalen Weg der Erfolgsrealisierung ver- langt. Die kampflustige Erwartungshaltung des Zuschauers wird dann verstärkt, wenn die Sportler dieser Erwartungshaltung gerecht werden und Regeln überschreiten, um Erfolg zu sichern. Zuschauer, welche sich extrem mit dem eigenen Verein identifizieren, beurteilen ag- gressive Foulspiele auf dem Spielfeld sehr subjektiv, wonach abweichendes Verhalten der eigenen Mannschaft bagatellisiert und gegebenenfalls durch Akklamation bekräftigt wird und rüdes Verhalten des Gegners große Aversion erfährt (Vgl. Projektgruppe, 1982, S. 13-14). Inmitten dieser Wechselwirkung zwischen Spieler und Zuschauer kann der Schiedsrichter „als situativer aggressiver Hinweisreiz fungieren und eine Eskalation der Aggressionen verursa- chen“ (Pilz & Trebels, 1976, S. 90). Urteile, Sanktionen, Nichtahndungen oder auch Bevor- zugungen, ob tatsächlich oder mutmaßlich, lösen beim Zuschauer unmittelbare Reaktionen aus. Einiges klischeehaftes Benehmen sei an dieser Stelle kurz anzureißen: Die Schiedsrich- terentscheidungen für Einwürfe, Eckbälle oder Freistöße, arge Foulspiele, Verwarnungen durch Karten von gelb bis rot und auch „Schwalben“ werden beanstandet (Vgl. Projektgrup- pe, 1982, S. 14).

Die Besucher eines Fußballstadions sind keineswegs eine homogene Masse, denn sie setzt sich aus Gruppen mit unterschiedlichen Erwartungen und Motiven zusammen (Vgl. Hüther, 1994, S. 9-10).

Der Vollständigkeit wegen sei noch kurz der Hooliganismus genannt, welcher im Berliner Amateurfußball und Jugendfußball weniger ein Problem darstellen sollte (Vgl. Pilz, 2008, S. 291). Unter dem Begriff Fußballhooliganismus versteht man

„ eine spezifische Form des Verhaltens der Zuschauer bei oder im Zusammenhang mit Fußballspielen, das nach Ansicht deröffentlichen Meinung und der Behörden „ ungehörig “ ist, kurz ein „ soziales Problem “ darstellt, das Gegenmaßnahmen erfordert “ (Vgl. Dunning, 1981, S. 123)

Hooligans rekrutieren sich aus jedwedem Milieu. Anreize liegen nicht zuletzt in einer „authentischen Erfahrung“, da Gewalt ersatzweise Abenteuerbedürfnisse befriedigt, während andere Bewegungsräume zunehmend verschwinden (Vgl. Pilz, 2008, S. 291-292).

Es besteht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass „Emotionen quasi zur serienmä- ßigen Grundausstattung aller Säugetiere gehören, also angeboren sind“ (Schauerte & Schwier, 2008, S. 224). Der tiefe Wunsch nach offenem Auskosten von Emotionen und Affekten wird in einer modernen Gesellschaft zunehmend durch die interne und externe Natur kontrolliert. Diesem Wunsch wird mit der Schaffung von „Enklaven“, von denen das Fußballstadion eines darstellt, zur Ermöglichung maßvollen Erregungsverhaltens versucht nachzukommen. Die menschliche Leidenschaft nimmt unter ansteigender innerer Beherrschung ab, sodass Erupti- onen größerer Erregung, seien sie kontrolliert oder unkontrolliert, zur Rarität geworden sind. Das Fußballspiel lässt sich nun in zwei Ebenen teilen. Erstere konstituiert sich auf dem Spiel- feld, dem Rasen. In einem „Ernstkampf“ in Anbetracht körperlicher Gegenüberstellung erfah- ren die rivalisierenden Athleten eine Triebenthemmung. Äquivalent zum Schlachtfeld vergan- gener Epochen durchleben die Sportler im Laufe des Wettkampfs eine enorme Ausschüttung von Adrenalin. Durch Regeln, Schutzausstattung und den Schiedsrichter wird das im Inneren brodelnde Emotionen-Feuerwerk beschwichtigt und somit versucht, Verletzungen zu mini- mieren. Dieser innere Sturm an Empfindungen kann beispielsweise durch einen begeisterten Torjubel zum Vorschein kommen. Ebenso vollzieht sich auf der zweiten Ebene, der Zuschau- erränge, eine Entladung von Affekten. Emotionales Ausleben, welches im Alltag eher pejora- tiv betrachtet wird, entspricht im Stadion und dem Fußballplatz den Erwartungen im Kontext dieser Sportart. Zuschauer identifizieren sich mit dem Spielgeschehen und drücken parallel dazu die abseits des Sportplatzes mit Argwohn beschauten Werte aus. Neben dem Spielver- lauf führt das gegenseitige Anheizen im Rahmen der Zuschauergemeinschaft zur unverhüllten Darbietung von Gefühlen. Dieses Anheizen wird durch akustische Verlautbarungen (z. B. Fangesänge) sowie wechselseitige Provokationen zwischen den Fanböcken geschaffen (Vgl. Moser, 2012, S. 80-81). Ein schmaler Grat durchläuft den emotionalen Charakter des Fuß- balls. Der Schiedsrichter befindet sich im Spannungsfeld des Anhebens von Spannung und Emotion auf ein Maximum auf der einen Seite und dem Schutze des Leibes des Sportlers auf der anderen Seite (Vgl. Moser, 2012, S. 81-82). Ebenso nutzen die Medien jeglichen Augen- blick, um Emotionen hervorzurufen, z. B. durch Ausdrücke wie „Meister der Herzen“ oder „Schicksalsspiele“. Der Anreiz und die Emotionalität des Fußballspiels resultieren aus einem Überschreiten der Spielregeln, wodurch auf Basis von Spielerfahrung, gemeinschaftlicher Strategien und persönlichen Neigungen „innovative Lösungen“ einer sportartspezifischen Bewegungsanforderung entstehen. Die Unvorhersehbarkeit des Fußballgeschehens lädt die Zuschauerwelt zur emotionalen Anteilnahme ein. Die Identifikation der Zuschauer mit Spie- lern oder der gesamten Mannschaft regt das Mitfiebern bei Spielaustragungen an (Vgl. Schau- erte & Schwier, 2008, S. 227).

Die Macht der Emotion hat selbstredend auch ihre positiven Konnotationen. Der emo- tionale Charakter des Spiels repräsentiert sich überwiegend durch die Ritualisierung des Fuß- balls in Form von Symbolen wie der Fahne, Hymne, Trikotfarbe und vielen mehr. Ein Identi- tätsgefühl, gleich dem spontanen Empfinden einer Zugehörigkeit zur gleichen Gemeinschaft, kann eine „Heilige Allianz“ heraufbeschwören. Im Rahmen dieser Allianz werden kulturelle Unterschiede und soziale Schichten für die Zeit des Spiels übergriffen (Vgl. Wahl, 1995, S. 349-351).

Im Kontext der Gewaltthematik dieser Arbeit lässt sich weiterhin die von Moser (2012) erläuterte Kategorie der Gemeinschaft anführen. Er beschreibt, wie aus einer kapitalis- tischen Gesellschaft ein Konkurrenzmodell entwächst, welches den Wettbewerb und die In- novation nährt. Auch in unteren Ligen erlangen zweifelsohne prestigereiche Wettkampfaus- tragungen eine immer größere Bedeutsamkeit. Die Gemeinschaft unter Zuschauern bildet sich auf dem Sportgelände auf zwei unterschiedliche Weisen. Zum einen formt sich die Gemein- schaft durch die physische Anwesenheit der Mannschaftsanhänger, die vor allem das gemein- same Ziel des Gewinnens verbindet. Zum anderen vollziehen sich kollektive Aktivitäten in akustischer (Fangesang), optischer (Dresscodes) und motorischer (Hüpfen, La Ola Welle, etc.) Weise und schaffen somit einen gemeinschaftlichen Korpus (Vgl. Moser, 2012, S. 68- 69).

Der Fußball kann weiterhin als „Rückzugsort“ und „Reservat“ einer sich ungehemmt entfal- tenden Maskulinität begriffen werden. Im Kontext dieser Konnotation des Fußballs als männ- lich, werden gesellschaftliche Wandlungen zumindest zeitweise nicht in den Fußballsport übertragen. Vielmehr werden im Fußball aufgrund seines populären Massencharakters kultu- relle Leitbilder eigens geprägt. Somit wird dieser Mannschaftssport zwar zum unbestreitbaren Bestandteil der Gesellschaft, allerdings nicht zum avantgardistischsten und auch keineswegs zum totalen Spiegelspiel der Gesellschaft (Vgl. Sülzle, 2005, S. 174). Durch die männerbün- dische Organisation des Fußballs schafft sich solch eine Wertegemeinschaft ein Grundpflaster emotionaler, affektiver sowie erotischer Bestandteile. Sülzle (2005) spricht hierbei auch da- von, dass Männer im Geflecht des Fußballs ihre Gefühle frei zum Ausdruck bringen können, sei es auf dem Platz oder als Zuschauer. Im Zentrum dieser männerbezogenen Gruppierungen lassen sich Gewalt und Sexismus verorten. Männergemeinschaften lassen sich mit charakteris- tischen Werten verbinden, beispielsweise der Treue, der Disziplin, der Gehorsamkeit oder auch der Ehre. Des Weiteren konstruieren sich solche Bünde kollektive Feindbilder, in Form anderer Vereine, und kollektive Zeremonien dienen der Festigung der Fangemeinschaft. Rit- terliche und militärische Leitvorstellungen bilden den Nährboden solch einer Fankultur, wo- bei vor allem Kameradschaft und Kämpfen wie auch Konkurrenz als lenkende Kräfte zu nen- nen sind. Der Fan, welcher unentwegt seinem Verein die Treue hält, fordert als Erkenntlich- keit seines beharrlichen Bekenntnisses zum Club einen aufopferungsvollen Kampfgeist seiner Mannschaft während der 90 Minuten Spielzeit. Die Gewalt, welche die konkurrierenden Spie- ler auf dem Rasen austragen, scheint das Reizvolle des Spiels zu sein, was auch beim Zu- schauer „Gänsehaut“ auslöst. Weiterhin sind es chaotische und laute Zustände, welche das Spezifische des Fußballs ausmachen. Den männlichen Wesen unserer Zeit wird zum Zeitraum des Fußballspiels die Chance zu Teil, männliche Traditionsvorstellungen in ihr Handeln und Tun einfließen zu lassen. Im Rahmen des Fußballer-Männerbundes werden unterschiedliche soziale Milieus, Verhaltensweisen und Menschen bedeutungslos, da sie alle gemeinsam als Männer geeicht werden (Vgl. Sülzle, 2005, S. 177-190), sodass eben auch männerbündleri- ches Verhalten fanblocktypisch ist (Vgl. Krisch, 2008, S. 206).

Es sei jedoch zu beachten, dass Gewalt „kein Privileg des männlichen Geschlechts“ (Pilz, 2008, S. 292) darstellt. Die Gewalt ist eben nicht naturgegeben, sondern Projektion von Machtverhältnissen sowie Machtgleichgewichten oder Machtungleichgewichten zwischen Frauen und Männern. Der gesellschaftliche Wandel reduziert solche Machtungleichheiten, sodass auch Frauen ein Mehr an „Gewaltchancen“ offeriert wird. Der Wettkampfsport eröff- net folglich auch Frauen Leitmaxime der Leistung, des Erfolgs und der Konkurrenz, welche sich in modernen Gesellschaften ebenso im Frauensport verankern (Vgl. Pilz, 2008, S. 292).

So kann folglich auch das weibliche Geschlecht „Gewalttätig, konkurrenzorientiert, leistungs- betont, risikofreudig […]“ denken und handeln, wodurch „eine Zunahme der körperlichen Gewalt von und unter Frauen und Mädchen “ (Pilz, 2008, S. 292) wahrzunehmen ist. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Sportarten mit hohen körperlichen und gewaltsamen Anteilen Frauen den Zugang eröffnen, wie auch bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften.

Dies schließt nicht aus, dass auch Frauen ihren eigenen Zugang zur Gewalt im Sport im Rahmen emanzipatorischer Prozesse finden. Weiterhin „gibt es zahlreiche Belege für die Beteiligung von Frauen beim Folk Football in Frankreich und England - trotz des hohen Gewalt- und Aggressionspotential des Spiels“ (Müller, 2009, S. 60).

Resümierend lassen sich im Bereich des (Amateur-)Fußballspiels vier grundlegende Ursachen der Gewalteskalation nennen, angelehnt an Büser (2008, S. 154 - 160):

1. Unfaires Verhalten von Trainern und Sportlern: Der Einsatz von Gewalt ist oftmals das reaktive Resultat einer unfairen Tat, da in vielen Fällen zu beobachten ist, wie körperliche Gewalt einer unfairen Begebenheit folgt, ohne hierbei den Anspruch eines Kausalzusammen- hangs zu stellen. Solche Unfairness11 strebt einen Spielvorteil an und löst beim Rivalen ag- gressives Verhalten aus. Der Trainer, dem die Aufgabe obliegt auf Unfairness zu reagieren, fördert und erwartet solch unfaires Handeln allerdings in vielen Fällen noch aufgrund seiner strikten Orientierung am Erfolg. Mancher Autor sieht eine mangelnde Vorbildfunktion des Trainers als einen Kern von Aggression auf dem Spielfeld, wie beispielsweise ständiges Re- klamieren von Urteilen des Unparteiischen durch den Trainer (Vgl. Büser, 2008, S. 155-156). Pilz entwickelte aufgrund eines üppigen empirischen Fundus die These,

[ … ], dass je höher das Interesse des Trainers für Fairplay ausgeprägt ist, desto eher sind dessen Spie ler auch dazu bereit, fair zu handeln/spielen. (Vgl. Anhäuser, 2005).

Spieler gaben an, dass sie viel seltener Gebrauch von Notbremsen, Schwalben, Zeitspiel oder Provokationen machen, wenn der Trainer ihnen ein faires Verhalten vorbildhaft vorlebt. Je eher der Trainer riskante „Grätschen“ als legales Verteidigungsmittel ansieht, desto häufiger treten Provokationen auf dem Spielfeld auf (Vgl. Anhäuser, 2005). „Das zeigt eindrucksvoll, dass Trainer das Fairnessverständnis der jungen Fußballer beeinflussen können“ (Pilz, zitiert in Anhäuser, 2005).

2. Die Konfliktperson des Schiedsrichters: Der Unparteiische ist weniger der Auslöser eines

Konflikts, als vielmehr ein Anreiz für das Entstehen von Aggression. Er vollzieht das beson- dere Amt des Spielleiters und seinen Entscheidungen werden von Trainern, Zuschauern und Spielern sehr unterschiedlich reflektiert, abhängig von deren Motivation und Sicht auf die Dinge. Vor allem bei „kritischen Entscheidungen gefährden bestimmte Szenarien die Kon- sensbereitschaft der am Fußballspiel Beteiligten besonders“ (Büser, 2008, S. 156). Inwiefern eine Schiedsrichterentscheidung Aggression hervorruft ist weiterhin von situativen Faktoren abhängig: Zeitpunkt und Relevanz12, Bedeutung des Spiels und der Referee selbst13 (Vgl. Bü- ser, 2008, S. 157).

3. Ethnisch-kulturelle Konflikte: Fußballer mit Migrationshintergrund sind signifikant häufi- ger in aggressive Auseinandersetzungen verwickelt als Fußballer als Fußball ohne migranten Hintergrund. Spielen sie zudem in einem (eigen)ethnischen Verein, ergibt sich eine spezielle Problematik. Treffen im Ligawettbewerb nun Vereine unterschiedlicher kultureller Kontexte aufeinander, können sich Spielsituationen schneller zuspitzen. Büser führt dies auf differente kulturelle Verhaltensweisen zurück. So sind beispielsweise junge Menschen türkischer Her- kunft darum bestrebt, auch mit rauem körperlichem Einsatz die Ehre der Familie zu wahren. Deutsche Spieler oder Zuschauer sind sich diesem Temperament der gegnerischen Mann- schaft durchaus bewusst und versuchen mithilfe von Provokationen das Ehrgefühl dieser zu kränken, woraus nicht selten eine affektive Reaktion folgt. Neben kulturellen Unterschieden wirken politische und soziale Faktoren mit hinein in solche Konflikte, wonach manche eigent- lich als „unechte“ interkulturelle Konflikte zu titulieren wären. Jugendlichen mit Migrations- hintergrund sind von der Ungleichheit gesellschaftlicher Teilhabe geprägt und einer allge- genwärtigen Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Dadurch sind sie auch auf dem Spielfeld von Motivationen, Frustrationen und einer Einstellung zum Sport geprägt, welche denen der deut- schen Spieler different sind. Solche Menschen mit Migrationshintergrund reagieren besonders sensibel auf eine (mutmaßliche) Ungleichbehandlung durch den Unparteiischen. Infolge er- lebter gesellschaftlicher Ungleichheit markiert, wollen die jugendlichen Migranten den Deut- schen ihre Ebenbürtigkeit auf dem Sportplatz demonstrieren. Rückschläge bezüglich des Be- weises der Gleichrangigkeit lassen türkisch Stämmige Frustration empfinden, und das Schiedsrichteragieren wird als diskriminierend aufgenommen. Auch dem Regelwerk entspre- chende Urteile des Referees werden lamentiert und sich selbst wird moralische Richtigkeit

[...]


1 Zur visuellen Akzentuierung werden Zitate mitunter kursiv wiedergegeben.

2 Sie mussten sich als Torpfosten aufstellen. Solche Riten endeten in der Regel in leiblichen Deformierungen der Neuen.

3 Zum Stichwort des Fußballs als Spiegelbild der Gesellschaft: Die Vorstellung, dass Subsysteme ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen verneint Niklas Luhmann. Er spricht von der Illusion gesellschaftlicher Einheit. Subsysteme besitzen demnach eine „systemeigene Ignoranz gegen die äußeren Zumutungen von Moral, Ethik und Gutmenschentum“ (Festenberg, 2007).

4 Manfred von Richthofen (ehemaliger DSB-Präsident), zitiert in Anhäuser, 2005.

5 Tackling = „Zweikampfverhalten, welches sich im Grenzbereich zwischen regelkonformem und regelwidrigem Verhalten bewegt“ (Büser, 2008, S. 155)

6 Vergleiche hierzu Kap. 4.2.1

7 Ein Beispiel hierfür ist das eilige und gewaltsame Entfernen des Kindes vom heißen Herd.

8 Beispielsweise Sachbeschädigung, Suizid, rebellisches Verhalten gegen Autoritätspersonen, Wettbewerbsverhalten, und so weiter.

9 Aufgrund von bewusst verfälschten Aussagen, Verdrängung, oder Erinnerungslücken seitens der Täter. 17

10 Wie z. B. Platzverweise, Verwarnungen oder Fouls.

11 Beispiele für erstrebenswerte Spielvorteile durch Unfairness sind: Wiederholte Tacklings zur Ängstigung des Gegenspielers, provozierende Handlungen wie verlangsamter Abstoß des Torwarts zum Zwecke des Zeitgewinns, „Schwalbe“ für Freistoß oder Elfmeter, wiederholte Provokationen zur Auslösung einer rüden Reaktion des Gegners, die im Bestfall zum Platzverweis führt.

12 Ein umstrittener Freistoß im Mittelfeld nach 30 Minuten ist weniger entrüstend, als ein nicht gepfiffener Elfmeter nach 89 Minuten.

13 Mangelnde Fitness und unzureichendes Regelwissen beschwören regelrecht Konflikte herauf, auch kleinliches Urteilen ist unangebracht.

Details

Seiten
251
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656727866
ISBN (Buch)
9783656727774
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275983
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern – Sozialwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Gewaltprävention Amateur- und Jugendfußball Berliner Fußball-Verband BFV Gewalt Zeitungsanalyse Interview Aggression Amateurfußball

Autor

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Titel: Gewaltprävention im Amateur- und Jugendfußball am Beispiel des Berliner Fußball-Verbandes