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Die Berufswahl von Jugendlichen und deren Bedeutung für Unternehmen

Eine Studie zum Weimarer Land und zur Stadt Weimar

Masterarbeit 2014 70 Seiten

Führung und Personal - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Gender-Hinweis

1. Einführung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Demografie und Fachkräftemangel
2.1.1. Die aktuelle Situation am regionalen Ausbildungsmarkt
2.1.2. Vom Stellenmarkt zum Bewerbermarkt
2.2. Beruf und Berufswahl
2.2.1. Berufswahltheorien
2.3. Berufswahl und Schule
2.3.1. Der typische Berufswahlprozess an Thüringer Regelschulen
2.3.2. Das Thüringer Berufsorientierungsmodell (ThüBOM)
2.4. Untersuchungsleitende Fragestellungen
2.5. Methodik der Befragung

3. Empirischer Teil
3.1. Design und Stichprobe
3.2. Rahmenbedingungen
3.3. Durchführung
3.4. Ergebnisse
3.4.1. Beschreibung der Stichprobe
3.4.2. Forschungsfragen und -antworten
3.4.3. Zusammenfassung

4. Die Bedeutung der Befunde für die praktische Personalentwicklung in regionalen Unternehmen
4.1.Ausbildungsmarketing
4.1.1.Begriffsbestimmung
4.1.2. Praktikum
4.1.3. Vernetzung mit Schulen
4.1.4. Die zeitliche Anpassung des Auswahlprozesses
4.2. Employer Branding
4.2.1. Begriffsbestimmung
4.2.2. Arbeitgebermarke
4.2.3. Mitarbeiter als Markenbotschafter
4.3. Web 2.0
4.3.1. Begriffsbestimmung
4.3.2. Digital Natives/ Generation Y
4.3.3. Social Media
4.3.4. Mobile Recruiting

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Sinne einer besseren Lesbarkeit der Texte wurde vom Verfasser entweder die männliche oder weibliche Form von personenbezogenen Hauptwörtern gewählt. Dies schließt die jeweils andere Form ein und impliziert keinesfalls eine Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts.

„Wir brauchen für unser Unternehmen nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer.“

Chris Beck

(Ausbildungsleiter der Viega GmbH & Co. KG - Großheringen)

1. Einführung

Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung belasten zunehmend die Unternehmen im Weimarer Land und in der Stadt Weimar. Sie müssen sich schnell auf den Wandel von einem Stellenmarkt hin zu einem Bewerbermarkt und damit auf einen Kampf um den eigenen Fachkräftenachwuchs einstellen.

Aus dieser Situation heraus ergeben sich verschiedene Fragen. Wird der potentielle Fachkräftenachwuchs mit den aktuellen Instrumenten zur Personalgewinnung und Personalbindung überhaupt noch erreicht?

Berufswahl und Personalgewinnung beeinflussen sich wechselseitig. Welche besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die aktuelle Berufswahlsituation jugendlicher Berufswähler?

Gegenstand der Arbeit soll eine veränderte Perspektive auf die Sachlage ein. Denn in einem stärker werdenden Bewerbermarkt muss auch ein verändertes Berufswahlverhalten Jugendlicher mehr Beachtung finden. Werte und Einstellungen ändern sich. Neue Präferenzen entstehen. Regionale Besonderheiten müssen berücksichtigt werden.

Geschieht dies nicht, gehen bisher erfolgreiche Methoden und Instrumente der Personalentwicklung in Ihrer Wirkung an den Interessen der Zielgruppe vorbei. Und dies scheint der Grund zu sein, warum derzeit die Nachwuchsgewinnung und -bindung bei Thüringer Unternehmen, trotz großem Aufwand, nur mäßig funktioniert.

Die vorliegende Arbeit stellt deshalb zunächst die wesentlichen theoretischen Grundlagen zur Berufswahl dar.

Diese werden mit aktuellen Daten zum Berufswahlverhalten jugendlicher Berufswähler in der Region verglichen. Dabei wird insbesondere die aktuelle Berufswahlsituation von Absolventen der 10. Klasse der Sekundarstufe 1 im Landkreis Weimarer Land und der Stadt Weimar näher untersucht.

Die Befundergebnisse ermöglichen dann Rückschlüsse darauf, welche Aspekte in der Nachwuchsgewinnung und Nachwuchsbindung in der Region Weimarer Land und in der Stadt Weimar besonders an Bedeutung gewinnen.

2. Theoretische Grundlagen

Im folgenden Abschnitt sollen aktuelle Rahmenbedingungen und ausgewählte theoretische Grundlagen zur Berufswahl näher dargestellt werden.

2.1. Demografie und Fachkräftemangel

Die deutsche Volkswirtschaft ist stark kleinbetrieblich und mittelständisch strukturiert. Deshalb hat die Deckung der Nachfrage nach Fachkräften, insbesondere in klein- und mittelständischen Unternehmen, eine besondere Bedeutung für den Arbeitsmarkt. (vgl. IAB 2013: S.1) In der derzeitigen öffentlichen Diskussion, insbesondere zum Ausbildungsmarkt, dominieren die Themen demografischer Wandel und Fachkräftebedarf. Um die aktuelle Berufswahlsituation jugendlicher Berufswähler beurteilen zu können, ist es zunächst notwendig, die Begriffe Demografie, demografischer Wandel und Fachkräftemangel genauer zu definieren.

Der Begriff Demografie hat seine etymologischen Wurzeln in den griechischen Worten „démos“ für „Volk“ und „graphé“ für „Beschreibung“.

Demografie beschreibt eine Wissenschaft, die die Entwicklung der Bevölkerung und deren Strukturen untersucht. Dabei nutzt sie statistische Methoden und theoretische Grundlagen.

Entsprechend der theoretischen Ansätze und der Forschungsgegenstände lässt sich die Wissenschaft der Demografie grundsätzlich in vier Fachgebiete unterteilen, die sich mit der Theorie der Fertilität, der Theorie der Migration, der Theorie der Mortalität und der Theorie zur Struktur des Bevölkerungsbestandes beschäftigen.

Die Entwicklung der Bevölkerung und damit auch Veränderungen in der Bevölkerung sind zum Teil sich langsam vollziehende Prozesse. Dazu zählt auch die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Diese Veränderungen deuten auf einen demografischen Wandel hin, der sich auch erheblich auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt auswirken wird. (vgl. Krämer-Stürzl 2008: S.12) So werden die Geburtenzahlen weiter sinken und die Zahl der Sterbefälle zunehmen. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird langfristig altern und schrumpfen. Im Jahr 2050 wird voraussichtlich nur 50% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sein. Im Jahr 2005 waren es noch 61%. (vgl. ebd.:14)

Der demografische Wandel führt also unter anderem dazu, dass auch der Arbeitskräfteanteil an der Gesamtbevölkerung schrumpft und sich die Altersgruppenanteile bei den Erwerbstätigen verschieben wird. (vgl. ebd.: 15)

Mit der Verknappung des Arbeitskräfteanteils geht auch die Verknappung des Fachkräftenachwuchses einher. Die Marktverhältnisse auf dem Ausbildungsmarkt verändern sich rasant. Diese Entwicklung wirkt sich besonders auf kleine und mittelständische Unternehmen aus, die zum Teil nicht über die nötigen finanziellen und fachlichen Ressourcen im Personalbereich verfügen.

Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel hat sich auch der Begriff des Fachkräftemangels etabliert.

Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es bisher nicht. So wird Fachkräftemangel z.B. als „relative Angebotsverknappung auf einem Teilmarkt für bestimmte Qualifikationen„ verstanden (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2008: S.354). Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BiBB) spricht von einem Fachkräftemangel, wenn unter Berücksichtigung der beruflichen Flexibilität der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften erkennbar und dauerhaft über dem Angebot an ausgebildeten Fachkräften liege. (vgl. BiBB 2013) Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) definiert Fachkräftemangel als „dauerhafter Überschuss der Arbeitsnachfrage über das Arbeitsangebot“. (vgl. IAB 2013: 6)

Der überwiegende Teil der Definitionen betont die Dauerhaftigkeit eines Missverhältnisses. Unter Marktbedingungen dürfte der Begriff „dauerhaft“ aber kaum eine Rolle spielen. Deshalb grenzt Kettner zusätzlich den Fachkräfteengpass vom Fachkräftemangel ab. Ein Fachkräfteengpass liege vor, „wenn eine vorübergehende Diskrepanz zwischen Fachkräfteangebot und -nachfrage besteht, die Besetzung von offenen Stellen und der produktive Einsatz der Beschäftigten aber dennoch erfolgreich gelingen können, wenn Unternehmen und Arbeitssuchende bzw. Beschäftigte ausreichend hohe Kompromiss- und Investitionsbereitschaft zeigen“. (vgl. Kettner 2012: S.16)

Vom Fachkräftemangel sei auch der Arbeitskräftemangel abzugrenzen, der die notwendige berufliche Qualifikation nicht berücksichtigt und auch nicht formal Qualifizierte mit einbezieht. (vgl. BiBB 2013)

Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) würden sich derzeit zwar die Anzeichen verdichten, dass durch den demografischen Wandel bereits das Arbeitsangebot, insbesondere bei den jüngeren Gruppen im Arbeitsmarkt, sinkt. So werde sich das Arbeitskräftepotential bis 2025 um rund 6,5 Millionen Personen verringern. (vgl. BA 2011: S. 7) Dies müsse aber nicht zwingend zu einem Fachkräftemangel führen. (vgl. IAB 2013: S.7) So könne trotz der Engpässe in einzelnen Berufsgruppen und Regionen heute noch nicht von einem generellen Fachkräftemangel in Deutschland gesprochen werden. (vgl. BA 2011: S.6) Ein Fachkräfteangebot ließe sich unter anderem durch eine Erhöhung der Wertschöpfung durch die Arbeitskräfte, z.B. durch Ausbildung, nachhaltig steigern. (vgl. ebd.: S.10)

2.1.1. Die aktuelle Situation am regionalen Ausbildungsmarkt

Im folgenden Abschnitt soll zunächst ein kurzer Überblick über den regionalen Ausbildungsmarkt gegeben werden. Als Datenbasis und Beurteilungsgrundlage wird dazu die Statistik der Bundesagentur für Arbeit für den Landkreis Weimarer Land und die Stadt Weimar für das Berichtsjahr 2012/2013 herangezogen.

„Die Inanspruchnahme der Dienste der Berufsberatung und der Ausbildungsvermittlung durch Arbeitgeber und Jugendliche ist freiwillig und die darauf basierende Statistik kann somit nur einen Ausschnitt der gesamten Abläufe am Ausbildungsmarkt abbilden. In der Ausbildungsstellenmarktstatistik zählt jede Person als Bewerber bzw. Bewerberin, die sich im Laufe eines Beratungsjahres (jeweils 1.Oktober bis 30.September des Folgejahres) mindestens einmal zur Vermittlung auf eine Berufsausbildungsstelle bei einer Agentur für Arbeit oder einem Träger der Grundsicherung gemeldet hat“. (vgl. BA 2013b)

Im Berichtsjahr 2012/2013 wurden der BA für die Stadt Weimar 436 Berufsausbildungsstellen gemeldet. Dem gegenüber standen 296 gemeldete Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle. Für den Landkreis Weimarer Land wurden der BA 387 Berufsausbildungsstellen gemeldet. Dem gegenüber standen 431 gemeldete Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle. Insgesamt wurden der BA somit für die Region Weimarer Land und die Stadt Weimar 823 Berufsausbildungsstellen gemeldet. Dem standen 727 Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle gegenüber. Davon besaßen 253 Bewerber aus dem Landkreis Weimarer Land und 129 der Bewerber aus der Stadt Weimar den Realschulabschluss. (vgl. BA 2013d) Sie stellten damit den größten Anteil der Bewerber um eine Ausbildungsstelle.

Im Berichtsjahr 2012/2013 ergibt sich für das Weimarer Land ein Berufsausbildungsstellenüberangebot in den Bereichen Land- und Tierwirtschaft, Produktion und Fertigung, Bau, Verkehr und Logistik. Hingegen existiert ein Bewerberüberhang in den Bereichen Naturwissenschaften und Informatik, Handel und Dienstleistungen, Büro und Verwaltung, Gesundheit und Soziales sowie Gestaltung und Kultur.

Für die Stadt Weimar ergibt sich ein Berufsausbildungsstellenüberangebot in den Bereichen Land- und Tierwirtschaft, Produktion und Fertigung, Bau, Verkehr und Logistik, Handel und Dienstleistungen, Büro und Verwaltung, Gesundheit und Soziales sowie Gestaltung und Kultur. Ein ausgeglichenes Verhältnis ergibt sich im Bereich Naturwissenschaften und Informatik.

Diese Daten verdeutlichen zunächst, dass sich insbesondere Unternehmen im produzierenden Bereich bzw. im originär handwerklichen Bereich oft vergeblich um Fachkräftenachwuchs bemühen.

Andererseits liegt die Ausbildungsquote im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt von 5,6 % im Weimarer Land bei nur 4,3% und in der Stadt Weimar bei nur 4,6 %. Die Ausbildungsquote beschreibt den Anteil aller Auszubildenden an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Ein wichtiger Bestimmungsfaktor ist dabei das Ausbildungsangebot der Betriebe. (vgl. BA 2013e)

2.1.2. Vom Stellenmarkt zum Bewerbermarkt

Die vorliegenden Daten zum Ausbildungsmarkt im Weimarer Land und der Stadt Weimar geben Hinweise darauf, dass derzeit tatsächlich ein partieller Bewerberengpass im Bereich der Berufsausbildung und damit im Bereich der Fachkräfte-Nachwuchsgewinnung existiert.

Die Ausbildungsstellenangebote haben sich erhöht. Gleichzeitig ist bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern der Region ein Bewerberrückgang zu verzeichnen. (vgl. TMWAT 2012: 15)

Ein Wandel der Marktsituation verdeutlicht auch die Angebots-Nachfrage-Relation (ANR). „Sie gibt an, wie viele Angebote rechnerisch auf 100 Bewerber/-innen (Nachfrage) entfallen.“ (vgl. ebd.: 5) Nach der neuen, erweiterten Nachfragedefinition werden bei der Berechnung auch die bis zum 30. September eines Berichtsjahres noch weiter suchenden Ausbildungsnachfrager berücksichtigt. (vgl. ebd.:S.118) Dieser beträgt für den Agenturbereich der Arbeitsagentur Erfurt 98,0. (vgl. ebd.: S.74)

Die Region Weimarer Land und die Stadt Weimar werden durch die Geschäftsstellen (GST) der Agentur für Arbeit in Apolda und Weimar betreut. In der GST Apolda entfallen im September 2013 statistisch 0,8 gemeldete Berufsausbildungsstellen auf einen gemeldeten Bewerber. In der GST Weimar beträgt dieses Verhältnis sogar 1,3. (vgl. BA 2013d: S.1) Damit kann festgestellt werden, dass statistisch etwa einem Bewerber eine Berufsausbildungsstelle zur Verfügung steht. Diese Situation gab es in der Region Weimarer Land und der Stadt Weimar seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine Veränderung des Ausbildungsmarktes vom Stellenmarkt zum Bewerbermarkt ist deutlich erkennbar. So blieben z.B. in der GST Weimar 26,7% der gemeldeten Berufsausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig sank die Anzahl der unversorgten Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle um 60%. Es gab statistisch somit in der GST Weimar 7,1 unbesetzte Berufsausbildungsstellen je unversorgtem Bewerber gibt.

Der Berufbildungsbericht des Freistaates Thüringen stellt in diesem Zusammenhang fest, dass sich das Berufswahlverhalten nicht grundlegend geändert hat. „Erneut war eine starke Konzentration der Bewerber/-innen auf einige Dienstleistungs- und Fertigungsberufe festzustellen. Dies traf aber ebenso auf die von Unternehmen gemeldeten Berufsausbildungsstellen zu.“ (vgl. TMWAT 2012: 10) Dieser Feststellung kann bzgl. der relativen Konzentration auf einzelne Berufsbereiche grundsätzlich gefolgt werden.

Eine abstrakte Einschätzung des Berufswahlverhaltens jugendlicher Berufswähler auf der Basis der Verteilung der Bewerber auf einzelne Berufsbereiche erscheint aber zu pauschal, wenig differenziert und deshalb zweifelhaft.

2.2. Beruf und Berufswahl

Zur fundierten Einschätzung des Berufswahlverhaltens jugendlicher Berufswähler ist es notwendig, die theoretischen Grundlagen der Berufswahl genauer zu untersuchen. Zunächst müssen jedoch die Begriffe Beruf und Berufswahl näher definiert werden.

Der traditionelle Berufsbegriff wird durch drei wesentliche Merkmale geprägt: Ganzheitlichkeit, Dauer und Übung. Dem Dauercharakter kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Eine kurzfristig ausgeübte Tätigkeit wäre danach kein Beruf. Das Ideal wäre eine unbedingte Berufstreue, also eine lebenslange Bindung an einen begrenzten Berufbereich. Damit wäre die Berufwahl ein lebensentscheidender Akt. (vgl. Beinke 1999: S.33)

Dieses Leitbild erscheint im Industrie- und Dienstleistungszeitalter mit neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen als überholt.

Der Berufsbegriff ist in Deutschland grundgesetzlich verankert. Als Beruf im Sinne des Art. 12 I GG ist jede auf Dauer angelegte, der Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage dienende Betätigung anzusehen, die nicht schlechthin gemeinschädlich ist. (vgl. BVerfGE 7, 377 (397))

Die Berufswahl beschreibt eine Phase des interaktiven Lernens und Entscheidens unter bestimmten individuellen und gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüssen, deren Ergebnis zur Ausübung einer schulischen oder beruflichen Tätigkeit beiträgt und sich im Laufe des Lebens wiederholt. (vgl. Hofmann 2008: S.1)

Grundsätzlich bezeichnet der Begriff der Berufswahl somit einen Vorgang, in dem der Einzelne aus verschiedenen beruflichen Möglichkeiten frei seinen Beruf wählen kann. Dieser Vorgang der freien Wahl des Berufes ist in Deutschland ein durch Art. 12 Grundgesetz geschütztes Grundrecht.

2.2.1. Berufswahltheorien

Zur Beschreibung der Problemzusammenhänge innerhalb der Berufswahl wurden verschiedene theoretische Erklärungsansätze entwickelt. Diese Berufswahltheorien betrachten gemeinsam die Berufswahl als einen Interaktionsprozess zwischen einem Individuum und seiner Umwelt, der dazu führt, dass Menschen unterschiedliche berufliche Tätigkeiten ausüben. (vgl. Bußhoff 1989: S.11)

Im Folgenden sollen deshalb die wichtigsten Berufswahltheorien vorgestellt werden.

2.2.1.1. Berufswahl als Zuweisungsprozess

Ein Erklärungsansatz begreift die Berufswahl als einen gesellschaftlich gesteuerten Prozess einer Berufszuweisung. Dieser Prozess wird als „Allokation“ bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „ locare“ bzw. “allocare“ ab und bedeutet „platzieren“ oder „zuteilen“.

Der Zugang zu den Berufen unterliege vielen sozialen und ökonomischen Beschränkungen. So hätten sich aus der Interaktion der Gesellschaftsmitglieder bestimmte Regelungen für den Zugang zu Positionen herausgebildet. (vgl. Daheim 1967: S.72) Dieser Zugang würde durch „Agenten“ der Gesellschaft kontrolliert. Daneben nutze der Berufswähler Entscheidungskriterien, die ebenfalls unter dem Einfluss von sozialen und ökonomischen Bedingungen stehen und sich an gesellschaftlich bestimmten Handlungsrichtungen, Zielen, Normen, Motivationen und Kenntnissen orientieren. (vgl. Bußhoff 1989: S.13) Zu den ökonomischen Einflussfaktoren zählen z. B. die allgemeine Wirtschaftslage, die regionale Wirtschaftsstruktur, Einkommensverhältnisse und Verdienstmöglichkeiten. Soziokulturelle Determinanten sind z.B. das Image und Prestige der Berufe, die Familie, Schule und Institutionen der Berufsberatung. (vgl. Seifert 1977: S.231ff.)

Dieser Allokationsprozess unterscheide 3 Prozessstufen innerhalb der Berufswahl. Die erste Stufe sei geprägt durch die Entscheidung für eine Schulbildung, die den Ausgangspunkt für die weitere berufliche Entwicklung bestimmt. Überwiegend werde diese Entscheidung durch die Familie gefällt. Diese spiele damit eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer ersten vagen beruflichen Orientierung. Die zweite Stufe sei durch die Entscheidung für eine Berufsausbildung oder für eine andere berufliche Position bestimmt. In dieser Phase kämen weitere „Agenten“, wie Lehrer, Peergroup, Berufsinhaber oder Berufsberater hinzu. Die dritte Stufe sei durch die Wahl zwischen Berufspositionen im Laufe des Arbeitslebens geprägt. In dieser Phase seien insbesondere Vorgesetzte, Kollegen oder die durch den Berufsinhaber gegründete Familie als „Agenten“ beteiligt. (vgl. ebd.: S.14)

Im Rahmen Zielsetzung der Arbeit sind insbesondere die ersten zwei Stufen für die weiteren Betrachtungen von besonderer Bedeutung.

2.2.1.2. Berufswahl als Entwicklungsprozess

Dieser theoretische Ansatz betrachtet die Berufswahl in ihrer zeitlichen Ausdehnung und gliedert sie nach Lebensphasen. Berufswahl sei ein lebenslanger beruflicher Entwicklungsprozess, der stark von endogenen und exogenen Einflüssen bestimmt wird. (vgl. Decker 1981: 139)

Der Berufswahlprozess beginne nach dieser Theorie mit der vorpubertären Entwicklungsphase und ende mit dem Eintritt in einen Beruf. (vgl. Seifert: 181) Die Berufswahl startet mit der Phase der Phantasiewahl zwischen dem 7. bis 11. Lebensjahr. Sie ist in der Regel durch berufliche Wunschvorstellungen ohne Realitätsbezug gekennzeichnet. Überlegungen zu persönlichen Voraussetzungen, wie Fähigkeiten oder berufliche Optionen, spielen noch keine wesentliche Rolle. (vgl. Bußhoff 1989: S.16; Seifert 1977: S.181)

Daran schließe sich die Phase der Probewahl an. Diese umfasse das 11. - 17. Lebensjahr. In dieser Phase entwickelt sich das Bewusstsein für eine Berufswahlentscheidung. Neben einer beschleunigten geschlechtlichen Reife entwickle sich auch das Bestreben, sich von den Eltern und deren Normen zu lösen. (vgl. Bußhoff 1989: S.16) Die Berufsvorstellungen basieren deshalb in dieser Phase überwiegend auf subjektiven Faktoren. Zunächst würden die Berufswähler stark von eigenen Interessen geleitet. Zusätzlich trete das Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten in den Mittelpunkt der Berufswahlüberlegungen. In einem weiteren Schritt dominierten dann eigene Wertvorstellungen. Mit der Beruhigung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung würden dann die wichtigsten Laufbahnentscheidungen getroffen.

Die Periode der realistischen Wahl folge ab dem 17. Lebensjahr. In dieser Periode werde ein intensiver Realitätsbezug hergestellt. Dies erfolge über eine explorative Phase, in der Erfahrungen und Informationen gesammelt werden. Diese Informationen würden in der Kristallisationsphase zusammengeführt und eine Berufsentscheidung getroffen. In der folgenden Spezifikationsphase würden dann die Realisierungsmöglichkeiten geprüft werden. (vgl. ebd: S.16) Im Ergebnis wird durch den Berufswähler ein Kompromiss zwischen eigenen Fähigkeiten, Wertvorstellungen, Wünschen und Realisierungsmöglichkeiten gesucht, gefunden und immer wieder überprüft. Super konkretisierte dieses Phasenmodell durch sein 5-Stadien-Modell. (vgl. Bußhoff 1989: S.18) Zentraler Aspekt ist nach diesem Lebensphasenmodell die Entwicklung eines beruflichen Selbstkonzeptes. Super geht dabei von der Annahme aus, dass Individuen ihre beruflichen Entscheidungen in Übereinstimmung von beruflichen Anforderungen und Selbstkonzept treffen. (vgl. ebd: S.23) Unter Berücksichtigung der Zielstellung der Arbeit soll Supers Phase 2, also das Alter von 15 bis 24 Jahren, besondere Beachtung finden. Im Alter von 15 bis 17 Jahren befinden sich die Berufswähler nach diesem theoretischen Ansatz in einer Art Versuchsstadium. Dieses Stadium ist geprägt durch eine Zeit der Selbstexploration. Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten und Wertvorstellungen werden mit Realisierungsmöglichkeiten verglichen. Rollenerwartungen werden zum Teil erstmals bewusst wahrgenommen und verschiedene Rollen ausprobiert. Daneben findet Berufserkundung statt, die im Kontext mit schulischen Erfahrungen zu einer vorläufigen beruflichen Entscheidung führt und z.B. durch Gespräche, schulische Erfahrungen oder berufliche Tätigkeiten erprobt wird. (vgl. Bußhoff 1989: S.18)

Im Alter von 18 bis 21 Jahren folgt ein Übergangsstadium. Dieses ist durch den Versuch gekennzeichnet, das weiterentwickelte Selbstkonzept im beruflichen Bereich zu realisieren. Meist ist dieses Stadium mit dem Übergang in eine Beschäftigung oder eine Berufsausbildung verbunden. (vgl. ebd.: S.19)

Daran schließt sich das Erprobungsstadium an. Es umfasst das Alter zwischen 22 und 24 Jahren. In diesem Stadium sei ein geeignet erscheinendes Tätigkeitsfeld lokalisiert. Ein Einstieg sei erfolgt. Die neue Position werde danach auf berufslaufbahnbezogene Tragfähigkeit getestet. (vgl. ebd: S.19)

Im Ergebnis gibt der entwicklungstheoretische Ansatz insbesondere Hinweise darauf, in welchem Zeitraum welche Fähigkeiten bei jugendlichen Berufswählern zu erwarten sind. Zu beachten ist, dass nach diesem Modell eine stabile Berufswahlentscheidung bei 16-jährigen Absolventen der Regelschule nur in wenigen Fällen realisiert werden kann.

2.2.1.3. Berufswahl als Lernprozess

Eine weitere theoretische Betrachtung des Berufswahlprozesses erfolgt über den lerntheoretischen Ansatz. Krumboltz geht davon aus, dass ein Individuum über das Zusammenwirken von Erbfaktoren und Umweltbedingungen nach bestimmten Regeln ablaufende Lernerfahrungen macht. Auf der Basis dieser Lernerfahrungen entwickelt sich dann ein Selbstkonzept. Die eigenen Interessen und Fähigkeiten werden dabei zu wichtigen Komponenten des Selbstkonzeptes. Daneben entwickelt der Berufswähler ein Problemlösungskonzept, das Methoden umfasst, wie der Jugendliche an eine Problemlösung herangeht. Dazu zählen z. B. Informationsbeschaffung, Bewerten, Planen und das Entwickeln von Alternativen und Zielsetzungen. (vgl. Krumboltz et al. 1976: S.71ff.)

Selbstkonzept und Problemlösungsmethoden bedingen wiederum eine Berufswahltendenz und beeinflussen damit berufswahlrelevante und berufliche Handlungen. Dieser Prozess beinhaltet verschiedene Rückkopplungen, die den Prozess nachjustieren, vorantreiben und Konsequenzen für künftige Handlungen haben. So ermöglichen z.B. verschiedene schulische Angebote mit Praxisbezug jugendlichen Berufswählern neue Lernerfahrungen, die wiederum das Selbstkonzept, die beruflichen Vorstellungen und das eigene Problemlösungskonzept verändern. Es entstehen somit Handlungsketten, aus denen sich berufliche oder schulische Laufbahnen entwickeln. (vgl. Bußhoff 1989: S.32)

2.2.1.4. Berufswahl als Zuordnungsprozess

Eine weitere theoretische Betrachtungsweise ermöglicht das Matching - Modell. „Matching“ bezeichnet dabei einen Vorgang der Angleichung, Anpassung oder Passung. Dieser Erklärungsansatz wird auch als „Trait - Factor - Theorie“ bzw. „differential - psychologischer Ansatz“ oder „Person - Job - Fit - Ansatz“ bezeichnet. Grundlage bildet eine eigenschaftstheoretisch - faktorenanalytische Sichtweise. (vgl. Bußhoff 1989: S.33)

Die Faktorenanalyse ist ein strukturiertes, entdeckendes Verfahren. Dabei wird zu einer bestimmten Fragestellung eine Vielzahl von Variablen erhoben. Diese werden dann in Form von Faktoren verdichtet. (vgl. Backhaus et al. 2000: S.252) Sie nimmt Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale und ist somit auch grundlegend für den differential-psychologischen Ansatz. Dieser Ansatz vertritt folgende Annahmen (vgl. Seifert 1977: S.176):

- Berufstätige sind durch bestimmte, berufsspezifische Fähigkeits- und Persönlichkeitsschwerpunkte (traits) gekennzeichnet, die durch beruflichen Anforderungen definiert werden.
- Jeder Mensch ist nach individueller Ausprägung seiner Persönlichkeitseigenschaften (factors), insbesondere bezüglich seiner beruflich relevanten Fähigkeiten, für einen Beruf optimal geeignet. Die Schnittmenge von beruflichen Anforderungen und persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Eigenschaften wird in diesem Kontext als Eignung bezeichnet. Der Grad der Übereinstimmung zwischen beruflichen Eignungsanforderungen und den individuellen Eignungsmerkmalen bestimmt den individuellen Berufserfolg und die berufliche Zufriedenheit.
- Die Berufswahl ist nach dieser Auffassung ein bewusster, rationaler Problemlösungs- und Entscheidungsprozess und ein auf einen bestimmten Zeitpunkt beschränktes, einmaliges Ereignis. (vgl. ebd: S.176)

Auf diesem Erklärungsansatz basiert z.B. die Berufswahltheorie nach Holland. Seine Theorie des beruflichen Verhaltens verknüpft individuelle Persönlichkeitsmerkmale mit Zielen, Bedürfnissen, Rollenerwartungen und Fähigkeiten. Holland geht von der Annahme aus, dass ein Berufswähler versucht, den Beruf zu wählen, der am besten dem eigenen Persönlichkeitsmuster entspricht. (vgl. Hofmann 2008: S.4) Basierend auf dieser Kongruenz entwickelte er sechs Persönlichkeitstypen, denen bestimmten Berufspräferenzen zugeordnet werden können: den realistischen Persönlichkeitstyp (Realistic), den intellektuellen Persönlichkeitstyp (Investigative), den sozialen Persönlichkeitstyp (Social), den konventionellen Persönlichkeitstyp (Conventional), den unternehmerisch orientierten Persönlichkeitstyp (Enterprising) und den künstlerischen Persönlichkeitstyp (Artistic).

Unter Berücksichtigung der Zielsetzung der Arbeit ist eine vertiefte Betrachtung dieses Ansatzes an dieser Stelle jedoch nicht möglich. In Bezug auf das Berufswahlverhalten zeigt dieser Erklärungsansatz aber, dass jugendliche Berufswähler grundsätzlich bestrebt sind, eine für sie passenden berufliche Position zu finden. Basis dafür ist, dass sie in einen Prozess der Selbstexploration eintreten. Zudem muss der Berufswähler in der Lage sein oder in diese versetzt werden, sich mit berufsbezogenen Anforderungen auseinander zusetzen.

2.2.1.5. Berufswahl als Entscheidungsprozess

Innerhalb des Berufswahlprozesses muss nach diesem Erklärungsansatz ein Berufswähler bei bestimmten Übergängen Entscheidungen treffen, z.B. beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Er muss also Verfahren und Regeln entwickeln, die zur Beurteilung und Lösung von Handlungsalternativen geeignet sind.

Dieser Prozess verläuft nach Bußhoff in fünf Phasen. Zunächst ist erforderlich, dass der Berufswähler die Berufswahl als Problem wahrnimmt. In der Phase der Informationssuche und -verarbeitung sucht der Berufswähler alle zur Problemlösung notwendigen Informationen und setzt diese mit eigenen Erfahrungen in Verbindung. Mit dem Eintritt in die dritte Phase werden verschiedene Alternativen bewertet und gegeneinander abgewogen. Die vierte Phase kennzeichnet die Entscheidung für eine Alternative. In der fünften Phase, der Realisierung, kommt es dann zur konkreten Umsetzung der Handlungsmöglichkeiten. (vgl. Bußhoff 1989: S.50)

Auch Zihlmann beschreibt die Berufswahl als schrittweisen Entscheidungsprozess. Zunächst muss der Berufswähler die Möglichkeiten kennenlernen. Er muss in der Lage sein, die Möglichkeiten zu klassifizieren und einen Großteil der Möglichkeiten auszuschließen. Danach folgen die Herausarbeitung von Präferenzen und das Einholen relevanter Informationen. In einem weiteren Schritt folgt die Erarbeitung einer Hauptidee und allfälliger Alternativen in Sinne einer Vorentscheidung. Ein wichtiger Punkt ist im Anschluss das Ausprobieren der erarbeiteten Hauptidee und möglicher Alternativen. Das Ergebnis dieses Vorgehens ist eine berufliche Entscheidung und die Realisierung der Entscheidung. (vgl. Zihlmann 2001: S.2)

Das Berufswahlmodell nach Lange beschreibt die Berufswahl zudem als interaktiven Entscheidungsprozess. Die Berufswahlentscheidung ist nach dieser Auffassung abhängig von der Sozialisation des Berufswählers und das Ergebnis einer Interaktion von der subjektiven und soziökonomischen Berufswahlsituation. (vgl. Mosberger et al. 2012: S.15) Die subjektive Berufswahlsituation ist danach zum einen geprägt durch Entscheidungskriterien (evaluative Entscheidungsprämissen). Dabei handelt es sich um individuelle Merkmale, die zur Bewertung von Alternativen herangezogen werden. Dazu zählen z.B. eigene Interessen, Fähigkeiten und Werte. Weiterhin sind die wahrgenommenen Berufsalternativen (kognitive Entscheidungsprämissen) Bestandteil der subjektiven Berufswahlsituation. Zusätzlich wird das Berufswahlverhalten durch Entscheidungsregeln (modale Entscheidungsprämissen) beeinflusst. Eine solche Regel könnte lauten: Wähle einen Beruf, der zu dir passt! (vgl. Bußhoff 1989: S.45)

Die Berufswahlsituation wird andererseits durch sozio - ökonomische Faktoren beeinflusst. Zu diesen Einflussgrößen zählen z.B. Familie, Freunde, Schule, Berufsberatung, aber auch die regionalen Rahmenbedingungen, wie die wirtschaftliche Infrastruktur. Die Interaktion dieser beiden Bereiche bedingt beim Berufswähler eine Entscheidung. Dabei werden nach dem unterschiedlichen Grad der Rationalität drei typische Entscheidungssituationen differenziert:

- Die erste ist eine Vernunftwahl. Der Berufswähler in dieser Situation betrachtet Entscheidungskriterien differenziert, kennt eine große Anzahl von Berufen und kann Alternativen selektieren. Er verfügt über differenzierte Entscheidungsregeln und trifft die Entscheidung rational.
- Die zweite mögliche Entscheidungssituation wird als Durchwursteln (muddling through) bezeichnet. Kennzeichnend für diese Situation ist eine unzureichende Differenziertheit der Entscheidungskriterien. Die Anforderungen der Berufe sind wenig bekannt und Entscheidungsregeln finden kaum Anwendung.
- Die dritte Entscheidungssituation ist durch intuitives Wahlverhalten bestimmt. Es handelt sich dabei mehr oder weniger um eine Zufallswahl. Ein Zusammenhang zwischen der Wahl des Berufes und den subjektiven Ansprüchen besteht nicht. Entscheidungsbegründende Regeln und Strategien existieren nicht. (vgl. ebd.: S. 46)

Diese Entscheidungssituationen sind zudem durch ein differenziertes Informationsverhalten der Berufswähler bestimmt. Es lassen sich auf dieser Basis vier Entscheidungsstile beschreiben. Beim systematisch - internalen Entscheidungsverhalten zeigen die Berufswähler eine breite und zielorientierte Informationsaktivität, prüfen mehrere Alternativen und durchdenken die Situation gründlich. Die getroffene Entscheidung ist dann relativ stabil. Wenn ein Berufswähler zwar systematisch vorgeht, aber viel mit anderen sprechen muss, um ein Entscheidungsproblem zu lösen, zeigt dieser ein systematisch - externales Entscheidungsverhalten. Ein spontan - internales Verhalten zeigt hingegen ein Individuum in der Berufswahl, wenn es bei der Informationssammlung stark auf eigene konkrete Erfahrungen angewiesen ist. Diese Berufswähler lassen sich mehr von momentanen Gefühlen und Interessen leiten und sind in Bezug auf Alternativen sehr wankelmütig. Sie sind wenig bestrebt, Entscheidungsprobleme mit anderen zu besprechen. Haben die Berufswähler ein starkes Bedürfnis, ihre Gefühle und Überlegungen anderen unsystematisch mitzuteilen und auf Basis der Reaktionen zu entscheiden, handelt es sich um ein spontan - externales Entscheidungsverhalten. (vgl. Johnson 1978: S.530ff.) Unter Berücksichtigung der Zielsetzung der vorliegenden Arbeit unterstreicht dieser Erklärungsansatz, dass jugendliche Berufswähler ein zum Teil sehr unterschiedliches Entscheidungsverhalten zeigen und über eine unterschiedliche Rationalität, Aktivität und Selbständigkeit im Berufswahlprozess verfügen.

2.3. Berufswahl und Schule

Um die aktuelle Berufswahlsituation jugendlicher Berufswähler im Weimarer Land und Weimar beurteilen zu können, ist es weiterhin notwendig, die schulischen Rahmenbedingungen zur Berufsorientierung und Berufwahl näher zu untersuchen.

Im Folgenden sollen deshalb der typische Berufswahlprozess an Thüringer Regelschulen und das Thüringer Berufsorientierungsmodell (ThüBOM) betrachtet werden.

2.3.1. Der typische Berufswahlprozess an Thüringer Regelschulen

Neben der individuellen Berufswahl ist die Aufgabe Berufsorientierung im Freistaat Thüringen institutionell im Bereich der Schule verankert. Berufsorientierung wird dabei als Förderung der Kompetenz verstanden, Berufsbiografien zu entwerfen, vorzubereiten und zu gestalten. (vgl. TMBWK 2013: S.6) Die Schulen werden im Bereich der Berufsorientierung durch die Berufsberatung der Agentur für Arbeit unterstützt. Diese Zusammenarbeit beruht auf der Vereinbarung über die Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung zwischen dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2011. Ziel dieser Zusammenarbeit ist die Herausbildung von Berufswahl- und Entscheidungskompetenzen in den Abgangsklassen. (vgl. BA 2013a: S.4) Berufswahlkompetenz wird dabei als Bündel spezifischer kognitiver Fähigkeiten, motivationaler Orientierungen und Handlungsfähigkeiten verstanden, die es einer Person ermöglichen, eine wohlbegründete Entscheidung für eine nachschulische Ausbildung zu treffen sowie sich in wiederkehrenden berufsbiografisch relevanten Situationen zu bewähren. (vgl. ThILLM 2010: S.11)

Der institutionell begleitete Prozess der Berufsorientierung und Berufswahl startet in der Regel schon mit dem Eintritt in die Regelschule. Unterstützt wird die Berufsorientierung durch die Berufsberatung grundsätzlich ab Klassenstufe 7.

Insbesondere die praxisnahe Berufsorientierung steht in dieser Klassenstufe im Mittelpunkt. Dazu zählen Betriebsbesichtigungen, Berufserkundungen und Schülerbetriebspraktika als grundlegende Aktivitäten. Daneben werden Berufsfeldererkundungen und Berufsfelderprobungen als vertiefende Aktivitäten angeboten. (vgl. TMBWK 2013: S.8)

Der eigentliche Berufsorientierungs- und Beratungsprozess beginnt regelmäßig in Klasse 8. Die Schüler diese Klassenstufe sind überwiegend im Alter zwischen 13 und 14 Jahren. Diese Klassenstufe ist aus Sicht der Berufsberatung der Agentur für Arbeit von besonderer Bedeutung, da es sich in Bezug auf den Hauptschulabschluss bereits um die Vorabgangsklasse handelt. Unter Berücksichtigung der Zielstellung des TMBWK gilt dieser Klassenstufe bereits besondere Aufmerksamkeit. Im Weimarer Land und in der Stadt Weimar unterstützt die Agentur für Arbeit die Berufsorientierung und Berufsberatung in Klasse 8 überwiegend mit adressatengerechtem, informellem Input.

In Klasse 9 befinden sich die Schüler dann regelmäßig in Bezug auf den Hauptschulabschluss in der Abgangsklasse und in Bezug auf den Realschulabschluss in der Vorabgangsklasse. Sie sind im Alter zwischen 14 und 15 Jahren. Für einen Teil der Schüler bedeutet dies, dass sie am Ende dieser Klassenstufe eine Entscheidung für eine nachschulische Ausbildung getroffen haben „müssen“. Für Schüler mit dem Ziel Realschulabschluss beginnt in Klasse 9 die „heiße Phase“ der institutionell angebotenen Berufsorientierung und Berufsberatung.

Die Schüler befinden sich in dieser Zeit in der Adoleszenz. Der Begriff bezieht sich auf das lateinische „adolescere“ und bedeutet „heranwachsen“. In dieser Zeit besteht für Jugendliche die wichtigste Entwicklungsaufgabe, die eigene Identität zu entdecken. Sie machen sich Gedanken über die Wahl des späteren Berufes und entwickeln einen „Fahrplan“ für die persönliche Zukunft. Im Kontakt mit Gleichaltrigen kultivieren die Jugendlichen ihre sozialen Fähigkeiten und erproben unterschiedliche soziale Rollen und Verhaltensweisen. Die Beschäftigung mit der Anerkennung durch Gleichaltrige und der eigenen Beliebtheit steht für Jugendliche in dieser Zeit zunächst im Mittelpunkt. (vgl. Zimbardo 2003: S.494)

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Details

Seiten
70
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656700487
ISBN (Buch)
9783656703884
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276245
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern – Distance & Independent Studies Center/ Zentrum für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung (ZFUW)
Note
1,3
Schlagworte
berufswahlsituation berufswähler weimarer land stadt weimar bedeutung nachwuchsgewinnung nachwuchsbindung unternehmen

Autor

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Titel: Die Berufswahl von Jugendlichen und deren Bedeutung für Unternehmen