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Schule als Prävention gegen ein Wiederholen von Auschwitz?

Essay 2014 6 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland besagt: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden (Grundgesetz).

Vergleicht man diesen Artikel des Grundgesetzes mit der vorherrschenden Realität, sieht das Bild leider etwas anders aus: Seit Jahrzehnten gehören Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zum deutschen Alltag, wobei es sich hierbei um Beschimpfungen, Bedrohungen und Diskriminierung gegenüber Menschen anderer Herkunft handelt (vgl. Ahlheim 2005: 379). Dabei muss man sich ganz klar vor Augen halten, dass niemand als Rechtsextremist zur Welt kommt, vielmehr ist es das soziale Umfeld, das einen wesentlichen Einfluss auf das Individuum hat.

Für viele Kinder und Jugendliche ist neben dem familiären Umfeld vor allem die Schule eine entscheidende Sozialisationsinstanz. Diese wird von Kindesbeinen an über Jahre hinweg besucht, sodass davon auszugehen ist, dass sie die jungen Lerner in ihrer Entwicklung, sowie ihrem Denken und Handeln entscheidend prägt. Der Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule, der „[…] auf der Grundlage des Grundgesetzes und der Landesverfassung […]“ (Hessisches Schulgesetz) geschehen soll, ist also nicht zu unterschätzen, wobei in diesem Zusammenhang vor allem die Erziehung zu Offenheit, Toleranz sowie die Achtung der Menschenrechte zu nennen sind. Ein in diesem Kontext zentraler Punkt, der laut Adorno „die allererste an Erziehung“ (Adorno 1977: 674) sein sollte, ist „die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei“ (ebenda), womit er im Wesentlichen eine Erziehung gegen die Unmenschlichkeit meint, die den Kindern und Jugendlichen in der Schule vermittelt werden soll.

Doch ist es möglich, dass Schule das Potential hat, einem Wiederholen von Auschwitz gezielt entgegenzuwirken? Welche Möglichkeiten gibt es und inwiefern spielen die Ideen Adornos, die er in seinem Aufsatz „Erziehung nach Ausschwitz“ darstellt, eine Rolle?

Ich persönlich bin der Ansicht, dass durch geeignete Methoden und Arbeitsformen, sowie entsprechendes Unterrichtsmaterial durchaus dazu beigetragen werden kann, Schüler/innen aufzuklären und sie sowohl zu offenen und toleranten Menschen zu erziehen als auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des Nationalsozialismus zu bewegen.

Wirft man einen Blick auf die Lehrpläne der Länder, so wird deutlich, dass politisches Lernen heutzutage fächerübergreifend stattfindet. So wird im Englischunterricht beispielsweise das Thema Islamphobie erörtert, sich im Deutsch-, Politik- und Geschichtsunterricht mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt, und im Religionsunterricht etwas über verschiedene Kulturen, Ansichten und Glaubensvorstellungen gelernt.

Betrachtet man nun zunächst das Konzept der fehlenden Bindungen, von dem Adorno in seinem Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ spricht (vgl. Adorno 1977: 678f.), so wird schnell klar, dass dies, so wie er es beschreibt, keine Gefahr für die schulische Erziehung von Kindern und Jugendlichen darstellt. Diese werden fächerübergreifend dazu animiert, in Gruppen zu arbeiten, wobei darauf geachtet wird, dass alle Kinder – unabhängig von ihrem Glauben oder ihrem ethnischen und familiären Hintergrund – integriert werden. Hier wird das Konzept der Bindungen nicht dazu missbraucht, sich in eine Gruppe zu integrieren, mit dem Ziel, mehr Macht zu haben. Der Zweck ist vielmehr darin zu sehen, dass Schüler/innen lernen, dass alle gleich sind und gleich viel leisten können. Sie werden in ein soziales Netz integriert, das ihnen Stabilität gibt und sie dazu veranlasst, teamfähig zu werden. Vor allem aber lernen sie, die Gleichheit eines jeden Mitgliedes in der eigenen Arbeitsgruppe zu erkennen und nicht zuletzt, anzuerkennen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Schüler/innen, die regelmäßig in verschieden zusammengestellten Gruppen arbeiten, offener, freundlicher und toleranter gegenüber ihren Mitschülern/-innen sind. Dabei sollte man als Lehrer/in darauf achten, immer wieder neue Gruppen zusammenzustellen, um eine allgemeine Akzeptanz und Toleranz herzustellen und um zu verhindern, dass sich eine zu starke Gruppendynamik herausbildet, die andere Gruppen möglicherweise übertrumpfen will.

Auch beim Sport, dem Adorno sowohl positive als auch negative Aspekte zuschreibt (vgl. Adorno 1977: 681), versucht man heute an Schulen die Teams – ähnlich wie bei den Gruppenarbeiten – zu fördern und auf Disziplin und Fairness zu achten. Das gegnerische Team wird nicht als Feind angesehen, was man beispielsweise beim Fußball durch das Wechseln der Trikots am Ende des Spiels beobachten kann. So geben sich auch die gegnerischen Teams an Schulen vor und nach dem Spiel die Hand.

Verhält sich jemand auf dem Sportplatz unfair, hat er dort nichts verloren, lautet die ungeschriebene Devise an vielen Schulen, denn Schüler/innen sollen beim Sport nicht nur teamfähig werden, sondern auch lernen, auf eine faire und gesunde Art Aggressionen abzubauen, ohne aggressiv auf andere Menschen loszugehen. Sport in einer Mannschaft soll Spaß machen und deutlich zeigen, dass jedes Mitglied der Mannschaft ein gleich gestelltes Glied in einer Kette ist. Dabei geht es nicht um die Macht des Kollektivs oder die „blinde Identifikation“ (ebenda) mit diesem, sondern darum, gemeinsam etwas zu erreichen, ganz gleich welchen ethnischen oder familiären Hintergrund man hat oder wie sportlich man ist.

Weiter spricht Adorno von der „Entbarbarisierung des Landes [als] eines der wichtigsten Erziehungsziele“ (Adorno 1977: 680). Obwohl es sicherlich noch immer deutliche Unterschiede zwischen auf dem Land und in der Stadt lebenden Menschen gibt, sind diese nicht mehr so groß wie zu Adornos Zeiten, allein schon durch das Vorhandensein des Internets. Darüber hinaus ist heute in allen Lehrplänen das Thema Nationalsozialismus zu finden, und es findet für alle Lerner fächerübergreifend politischer Unterricht statt. Das von Adorno angedachte Konzept mobiler Erziehungsgruppen, die die Leute auf dem Land aufklären sollen (vgl. ebenda), wird unserem Zeitalter wohl kaum gerecht, zumal eine an allen Schulen beliebte Methode, die Schrecken des Nationalsozialismus zu erörtern, die ist, Gedenkstättenpädagogik zu betreiben. In deren Rahmen besuchen die Schüler/innen ehemalige Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager wie Buchenwald, Auschwitz oder Dachau und werden durch Gräber und Mahnmale hautnah mit dem Leiden und Sterben der Häftlinge und Gefangenen konfrontiert.

Der Zweck solcher Besuche besteht darin, „[…] die Gedenkstätten als Orte der Trauer und der Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen zu bewahren, […] und sie in geeigneter Weise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, […] und […] damit verbundene historische Vorgänge zu fördern“ (Bildungsserver). Oft gibt es einen pädagogischen Dienst, der Projekttage und Führungen ermöglicht. Gedenkstättenpädagogik ist sicherlich sinnvoll, allerdings ist dafür erst eine theoretische Einführung, beispielsweise im Geschichts- oder Politikunterricht notwendig, sowie das Berücksichtigen des Alters der Schüler/innen.

Weiter spricht Adorno in dem genannten Aufsatz das Erziehungsbild der Härte an, das er vollkommen ablehnt (vgl. Adorno 1977: 682). Dies ist heutzutage auch an Schulen der Fall: Anstatt den Schüler/innen zu vermitteln, dass man alles ertragen und über sich ergehen lassen muss und keine Angst haben darf, setzen viele Schulen heute auf Kommunikation in Form von Gesprächen. Kommt es zu einer Prügelei, droht nicht etwa Prügel oder Strafe, stattdessen findet eine gezielte Auseinandersetzung mit Täter und Opfer statt, meistens in Anwesenheit eines unparteiischen Vertrauenslehrers. Der Täter wird mit den Schmerzen und Gefühlen des Opfers, die dieses während der Tat empfunden hat, konfrontiert, was häufig dazu führt, dass beim Täter Gefühle der Reue entstehen sowie der Wunsch, so etwas nie wieder zu tun.

[...]

Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656690979
ISBN (Buch)
9783656691037
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276282
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Auschwitz Adorno

Autor

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