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Beweggründe für prosoziales Verhalten. Warum Menschen einander Helfen

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Grundlegende Theorien Prosozialen Verhaltens
2.1 Negative-State-Relief
2.2 Empathie und Altruismus
2.3 Gegenüberstellung beider Ansätze

3 Neuere Ansätze zur Erklärung prosozialen Verhaltens

4. Resumé

5. Literatur

Zusammenfassung

Zu der Thematik, warum Menschen einander helfen, gibt es verschiedene Betrachtungsweisen. Die Theorie der „Negative-State-Relief“ (Cialdini, Darby & Vincent, 1973) geht beispielsweise davon aus, dass Menschen mit prosozialem Verhalten egoistische Intentionen verfolgen: In diesem Verständnis sollen Menschen dazu neigen, andere Individuen zu unterstützen, um die eigene Stimmung zu verbessern und um auf diese Weise von der geleisteten Hilfe zu profitieren. Im Gegensatz dazu vertreten andere Theoretiker (Batson, Duncan et al., 1981) die Meinung, dass Menschen aus selbstlosen Beweggründen helfen. Dabei sei das übergeordnete Ziel des Hilfeverhaltens, das Leid einer anderen Person zu reduzieren. Der Mechanismus, der eine solche Form von prosozialem Verhalten auslösen würde, sei Empathie für den Hilfebedürftigen. Letztendlich postulieren neuere Theorien (Iredale, Van Vugt & Dunbar, 2008), dass altruistisches Hilfeverhalten eine wichtige Rolle im Kontext der Partnerwahl zukommen würde: Demnach würden vor allem Männer anderen Individuen aus selbstlosen Gründen helfen, um potentielle Partner des anderen Geschlechts zu beeindrucken. Für alle der genannten Theorien gibt es empirische Belege, die im Folgenden genauer ausgeführt werden.

1. Einleitung

Dass Menschen sich gegenseitig helfen, lässt sich im Alltag oft beobachten, z. B. wenn ein Passant einer nachfragenden Person den Weg erklärt oder wenn ein jüngerer Mensch einem Senioren die Einkaufstüten trägt. Neben solchen alltäglichen Hilfestellungen gibt es aber noch viele weitere Arten, in denen sich Hilfeverhalten äußern kann: Menschen können einander darüber hinaus beispielsweise psychologische (z. B. einer anderen Person zuhören) und logistische Hilfe, was die Bereitstellung finanzieller und anderer Mittel meint (z. B. Geld- oder Textilspenden), leisten (Prof. Dr. A. Gerlach, Vorlesung „Klinische Psychologie I“, 18.04.2012). Eine weitere Form von Hilfeverhalten ist freiwilliges soziales Engagement. Seit Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 kann man – unter der Voraussetzung, dass man die Pflichtschulzeit beendet hat – im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes soziale Arbeit leisten. Informationen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zufolge, war die Nachfrage für die ersten 35.000 eingerichteten Plätze so groß, dass diese Zahl nun aufgestockt werden soll (BAFzA, 2012). Dieses Beispiel veranschaulicht, dass Menschen offenbar eine starke Tendenz aufweisen, einander zu helfen. Schließlich können Menschen sich auch durch akute Krisenintervention gegenseitig unterstützen. Dies geschah z. B. im Jahr 2005 nachdem der Hurrikan „Katrina“ auf die Golfküste der USA traf und dort breite Flächen des Landes, vor allem aber die Stadt New Orleans, zerstörte und viele Menschen anreisten, um vor Ort Hilfe zu leisten (z. B. Ehrhardt, 2005). Auch nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 fuhren viele freiwillige Helfer in das Land um z. B. bei der Suche nach verschütteten Personen oder bei der Versorgung der Opfer, vor allem mit Trinkwasser, hilfreich zu sein (z. B. Wild & Das Gupta, 2010).

Von allen genannten Beispielen (alltägliche, psychologische und logistische Hilfe, freiwilliges soziales Engagement und akute Krisenintervention) hebt sich noch eine weitere Art menschlichen Hilfeverhaltens ab. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen unter Einsatz ihres eigenen Lebens helfen. Ein Beispiel dafür ist die Organspende lebender Personen. Sybille Beil, eine 61-jährige Krankenschwester aus Sillenstede spendete beispielsweise eine ihrer Nieren an ihre beste Freundin Karin Kühl, die unter einer lebensbedrohlichen Erbkrankheit der Nieren (ADPKD) litt und deshalb mehrere Male pro Woche zur Dialyse musste. Um ihrer Freundin zu helfen nahm Sybille Beil nicht nur eine mehrstündige Operation auf sich, die – wie jeder operative Eingriff – eine Gefahr für ihr eigenes Leben darstellte, sondern akzeptierte darüber hinaus auch das Risiko, selbst auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein, wenn ihre verbleibende Niere einmal nicht mehr funktionierte (Kopperschmidt, 2012). Auch wenn Menschen in Unfälle eingreifen, um dem Opfer zu helfen, leisten sie teilweise Hilfe unter Einsatz des eigenen Lebens. So taten es z. B. auch Bürger im US-Bundesstaat Utah als sie dem Motorradfahrer Brandon Wright das Leben retteten: Der junge Mann war zuvor mit einem BMW kollidiert und war dabei unter den Wagen geraten. Sein Motorrad fing Feuer und setzte auch das Auto in Brand. Ungeachtet der Explosionsgefahr hoben zwölf Passanten, die den Unfall beobachtet hatten, den brennenden BMW gemeinsam an, um Brandon Wright zu befreien (Roberts & Duell, 2011).

In der Psychologie werden solche Handlungsweisen, bei denen Menschen anderen Individuen Hilfe leisten, unter dem Begriff des „prosozialen Verhaltens“ zusammengefasst. Darunter versteht man „die positiv bewerteten Verhaltensweisen im Gegensatz zu negativ bewerteten, also helfendes Verhalten, Kooperation, Teilen (sharing), Spenden usw. im Gegensatz zu Aggression, Zerstörung, egoistischem Verhalten“ (Häcker & Stapf, 2009 , S. 782). Nun stellt sich die Frage, warum Menschen zu prosozialem Verhalten neigen und einander helfen. Gegenstand dieser Hausarbeit sind die Beweggründe prosozialen Verhaltens. Dabei werden verschiedene Erklärungsansätze für dieses Phänomen betrachtet.

Im zweiten Abschnitt werden zwei grundsätzliche Theorien zu prosozialem Verhalten, zum einen „Negative-State-Relief“ und zum anderen Empathie und Altruismus, erklärt. Im Anschluss daran werden beide Ansätze einander gegenübergestellt.

Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit neueren Konzeptionen zu menschlichem Hilfeverhalten. Diese gehen davon aus, dass prosoziales Verhalten im Kontext der Partnerwahl eine zentrale Rolle spielt und liefern damit eine evolutionäre Perspektive auf dieses Phänomen.

Der vierte Abschnitt bildet das Resumé, in dem die zuvor diskutierten Sachverhalte abschließend zusammengefasst werden. Im Anschluss daran werden Empfehlungen abgegeben, wie prosoziales Verhalten gefördert werden kann.

2. Grundlegende Theorien Prosozialen Verhaltens

Zur Erklärung prosozialen Verhaltens gibt es in er Psychologie zwei grundlegende Positionen: Der Ansatz der „Negative-State-Relief“ geht davon aus, dass Menschen anderen Individuen mit de Zweck helfen, eigene negative Empfindungen zu kompensieren. (Cialdini et al., 1973). In diesem Kontext werden demnach egoistische Beweggründe für prosoziales Verhalten postuliert. Im Gegensatz dazu vertreten Batson, Duncan, Ackerman, Buckley und Birch (1981) die Annahme, dass Menschen einander aus altruistischen, selbstlosen Gründen helfen würden; eigennützige Absichten würden dabei keine Rolle spielen. Der Mechanismus, der Hilfeverhalten in Gang setzt, ist gemäß dieses Modells die menschliche Fähigkeit zur Empathie. Im folgenden werden beide Perspektiven zur Erklärung prosozialen Verhaltens genauer beschrieben.

2.1 Negative-State-Relief

Um herauszufinden, ob Hilfeverhalten von Menschen durch eine persönliche negative Stimmung begünstigt wird, untersuchten Cialdini et al. (1973) 68 Versuchspersonen mithilfe eines 2x4-Designs. Bevor das im Rahmen der Cover-Story angekündigte Experiment begann, wurden die Versuchspersonen in einen Untersuchungsraum gebracht, wodurch die tatsächliche Studie bereits begann: Im Vorfeld hatte eine erste Versuchsleiterin angedeutet, dass dieser Raum gleichzeitig das Büro eines Kommilitonen sei, der zur Zeit an seiner Abschlussarbeit arbeitete. In dem Untersuchungszimmer befand sich ein Tisch mit zwei Stühlen. Sobald der jeweilige Studienteilnehmer das Zimmer betreten hatte, zeigte die Versuchsleiterin auf einen der Stühle und bat den Probanden, Platz zu nehmen. Bei der Hälfte der Teilnehmer handelte es sich hierbei um einen präparierten Stuhl, der – sobald die Versuchsperson ihn unter dem Tisch hervorzog – bewirkte, dass drei Kästchen mit Lochkarten zu Boden fielen. Bei der anderen Hälfte der Durchgänge zog die Versuchsleiterin diesen präparierten Stuhl unter dem Tisch hervor (UV 1: Schuld des Probanden vs. Schuld der Experimentalleiterin). In beiden Bedingungen reagierte die Versuchsleiterin identisch auf die zu Boden gefallenen Lochkarten: Sie sagte, dass diese Karten die Grundlage für die Abschlussarbeit ihres Kommilitonen seien, in dessen Büro sie sich befanden, und dass dieser sicherlich keine Zeit dafür haben würde, die Karten wieder in ihre ursprüngliche Reihenfolge zu bringen, weil er sich auf Prüfungen vorbereiten müsste. Dieser Schritt wurde durchgeführt, um bei den Probanden einen negativen Gemütszustand zu evozieren: Es wurde angenommen, dass sich die Versuchspersonen infolgedessen schlecht fühlten, dass einer anderen Person (entweder durch sie selbst oder durch die Experimentalleiterin) Leid zugefügt wurde (das Durcheinanderbringen der Lochkarten für die Abschlussarbeit eines Studenten).

Dann begann das innerhalb der Coverstory annoncierte Experiment, das tatsächlich die zweite unabhängige Variable darstellte und in vier verschiedene Bedingungen (No-relief Condition 1, No-relief Condition 2, Relief Condition 1 und Relief Condition 2) gegliedert war (Cialdini et al., 1973). Darüber hinaus gab es eine Kontrollgruppe. Die Gemeinsamkeit der No-Relief Conditions war, dass der zuvor hergestellte negative Gemütszustand nicht kompensiert wurde. In der No-relief Condition 1 mussten die Probanden keinerlei Aufgaben bearbeiten. Die Versuchsleiterin gab lediglich an, weitere Materialien besorgen zu müssen und verließ den Raum für ca. fünf Minuten. Dann betrat eine zweite Experimentalleiterin das Zimmer und bat den Studienteilnehmer um Hilfe: Sie gab vor, eine Studentin zu sein und an einem Projekt zu arbeiten, für das sie noch Interviewpartner bräuchte. Deshalb fragte sie den Probanden, ob dieser einige Leute anrufen könne, die sich eventuell für ein Interview zur Verfügung stellen würden. In der No-relief Condition 2 wurden die Teilnehmer dazu instruiert, Portraitfotos unter dem Gesichtspunkt, wie psychologisch aufschlussreich diese waren, zu bewerten. Die Probanden glaubten, dass es sich bei dieser Aufgabe um das eigentliche Experiment handelte. Nach ungefähr fünf Minuten endete die Bewertungsaufgabe und die erste Versuchsleiterin verließ den Raum. Auch in dieser Bedingung betrat dann die zweite Konföderierte das Zimmer und bat die Versuchsperson, Interviewpartner für sie zu gewinnen. Die beiden Relief Conditions glichen sich darin, dass den Probanden in diesen Bedingungen Kompensationsmöglichkeiten für ihren negativen Gemütszustand geboten wurden. Die Relief Condition 1 war ebenso strukturiert wie die No-relief Condition 2 (d. h. die Teilnehmer bearbeiteten die gleiche Bildbewertungsaufgabe) mit der Ausnahme, dass die erste Versuchsleiterin den Versuchspersonen einen Dollar als Vergütung für die fünfminütige Aufgabe aushändigte (Relief = Geld). Auch in dieser Bedingung verließ sie danach das Zimmer und die zweite Studienhelferin kam herein, um den Probanden um Telefonanrufe an potentielle Interviewpartner zu bitten. In der Relief Condition 2 wurden den Teilnehmern eine Reihe von Labyrinth-Abbildungen präsentiert, bei denen sie den richtigen Weg nachzeichnen sollten. Nachdem sie die Aufgabe beendet hatten, betonte die erste Experimentalleiterin, wie gut sie im Verhältnis zu den anderen Probanden bei dieser Aufgabe abgeschnitten hatten (Relief = Anerkennung). Dann verließ sie den Raum und wieder betrat die zweite Studienhelferin das Zimmer und bat die Versuchsperson um Hilfe. Letztendlich gab es eine Kontrollbedingung, in der die Probanden nicht mit dem Leid einer anderen Person konfrontiert wurden (d. h. in dieser Bedingung wurde der Schritt mit den zu Boden gefallenen Lochkarten ausgelassen). Ansonsten war die Kontrollbedingung identisch wie die No-relief Condition 1 strukturiert.

Als abhängige Variable wurde in dieser Studie (Cialdini et al., 1973) zunächst die angegebene Anzahl eines Probanden erfasst, wie viele Telefonanrufe er für die zweite Konföderierte tätigen wollte. Dabei konnte er Zahlen im Bereich von 0 bis 15 Telefonaten angeben. Als zweite anhängige Variable wurde die Bereitschaft der Versuchspersonen erhoben, überhaupt andere Leute zu kontaktieren, um diese als mögliche Gesprächspartner für die zweite Experimentalleiterin zu gewinnen (dichotomer Index: Anzahl derer, die sich bereit erklärten, Anrufe zu tätigen vs. Anzahl derer, die dies ablehnten). Die erste Hypothese war dabei, dass Probanden, die für das Herunterfallen der Lochkarten selbst verantwortlich waren, und solche, die dies nur beobachteten, ähnliche Formen von Hilfsbereitschaft entwickeln würden, da die Versuchspersonen in beiden Fällen in einen negativen Gemütszustand versetzt würden. Die zweite Hypothese beinhaltete, dass Teilnehmer, deren negative Stimmung kompensiert wurde (Relief Conditions) weniger helfen würden als jene, deren Stimmung nicht durch Geld bzw. Anerkennung verbessert wurde (No-relief Conditions).

Die Ergebnisse dieser Untersuchung (Cialdini et al., 1973) zeigten, dass es keine Unterschiede im Hilfeverhalten zwischen den Personen gab, die selbst für das Herunterfallend er Lochkarten verantwortlich waren, und denen, bei denen die Versuchsleiterin dieses Missgeschick ausgelöst hatte. Damit konnte die erste Hypothese bestätigt werden: Prosoziales Verhalten wird nicht nur dann begünstigt, wenn man selbst einer anderen Person Leid zufügt, sondern auch, wenn man nur beobachtet, dass dies geschieht. Darüber hinaus offenbaren die Ergebnisse, dass Studienteilnehmer der Relief Conditions signifikant weniger halfen als solche der No-releif Conditions. Auf diese Weise konnte auch die zweite Hypothese unterstützt werden: Wurde den Probanden eine Kompensationsmöglichkeit für ihre getrübte Stimmung geboten, halfen sie weniger als solche Teilnehmer, deren Stimmung nicht kompensiert wurde. Dies legt den Schluss nahe, dass Probanden, die weder Geld noch Anerkennung erhielten, Hilfe leisten und sich damit selbst eine Option schafften, ihren negativen Gemütszustand auszugleichen. Die gefundenen Effekte konnten anhand der beiden erhobenen abhängigen Variablen festgemacht werden.

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Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656694533
ISBN (Buch)
9783656698135
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276449
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
beweggründe verhalten warum menschen helfen

Autor

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