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Das Geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes und seine Auswirkungen auf Ost- und Mitteleuropa

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Quellenkritik
1.1. Quellenbeschreibung
1.2. Innere Kritik
1.2.1. Sprachliche Aufschlüsselung
1.2.2. Sachliche Aufschlüsselung

2. Quelleninterpretation
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Einordnung in den historischen Kontext
2.2.1 Zur Genese des Hitler-Stalin-Paktes
2.2.2 Notwendiger Zeitgewinn oder Imperialistisches Hegemonialstreben? Die Rolle der Sowjetunion
2.2.3 Das Geheime Zusatzprotokoll prägte Europa nachhaltig

3. Ergebnis und Ausblick

4. Auswahlbibliographie
4.1. Quellen
4.2. Literatur

5. Anhang

1. Quellenkritik

1.1. Quellenbeschreibung

Bei der ausgewählten Quelle handelt es sich um das Geheime Zusatzprotokoll des „Deutsch-sowjetischen-Nichtangriffsvertrages“, welcher am 23. August 1939 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion geschlossen wurde. Während der Nichtangriffsvertrag von beiden Staaten publiziert wurde und die Existenz eines Zusatzprotokolls den Westmächten spätestens seit den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozessen bekannt war[1], stritten die Sowjetunion sowie die mit ihr verbündeten Staaten des Warschauer Paktes die Existenz des Protokolls bis 1989 ab.[2] Die Quelle liegt sowohl in Textform als auch als Fotokopie vor.[3]

1.2. Innere Kritik

1.2.1. Sprachliche Aufschlüsselung

Sprache und Ausdruck des Geheimen Zusatzprotokolls gleichen weitestgehend dem aktuellen Sprachgebrauch, lediglich die geographische Bezeichnung „Bessarabien“ ist nicht mehr geläufig. Letztere beschreibt die historische Landschaft Bessarabien, welche größtenteils auf dem Staatsgebiet des heutigen Moldawiens sowie zum Teil der Ukraine liegt[4].

Bemerkenswert erscheint hingegen die Disparität des Hitler-Stalin-Paktes in Bezug auf seine sprachliche Bezeichnung, welche im Kalten Krieg ihren Hochpunkt erreichte und partiell noch in der Gegenwart besteht: Während die späteren Westalliierten Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten bereits nach Bekanntgabe des offiziell als „Deutsch-sowjetischer-Nichtangriffsvertrag“ titulierten Abkommens die Bezeichnung „Hitler-Stalin-Pakt“ und somit eine negative Konnotation verwendeten, gab die Diktion der Sowjetunion den offiziellen Usus „Deutsch-sowjetischer-Nichtangriffsvertrag“ vor, welcher wiederum die Deutung des Paktes als rein defensiver Natur implizierte.[5]

Nach Bekanntwerden der Existenz des Geheimen Zusatzprotokolls in den Staaten des Nordatlantik-Vertrages manifestierte sich die Bezeichnung des Vertragswerkes als „Pakt“ zwecks Offenbarung des totalitären Charakters sowohl der Signatarstaaten als auch des Zusatzprotokolls selbst. Konträr zu der beschriebenen Entwicklung im Westen hielt man in den Staaten des Warschauer Paktes in Anbetracht der Existenzleugnung des Zusatzprotokolls weiterhin am offiziellen Terminus „Deutsch-sowjetischer-Nichtangriffsvertrag“ fest.[6]

Diese Hausarbeit orientiert sich an der westdeutschen und angelsächsischen Historiographie und wird im Folgenden die Bezeichnung „Hitler-Stalin-Pakt“ für die Gesamtheit von Nichtangriffsvertrag und Geheimen Zusatzprotokoll verwenden.

1.2.2. Sachliche Aufschlüsselung

-„Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den (..) baltischen Staaten“ (S. 199, Z. 7f.):

Da keiner der genannten baltischen Staaten – zu denen man zeitgenössisch auch Finnland zählte – eine territoriale Änderung anstrebte, kann die obige Formulierung ausschließlich als Euphemismus für einen Angriff einer der Vertragspartner auf die beschriebenen souveränen Staaten gelten.[7]

-„Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete“ (S. 199, Z. 12f.):

Der zweite Artikel des Protokolls gilt ebenso im Fall einer territorial-politischen Umgestaltung, welche nun wiederum den polnischen Staat beträfe. Die „Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete“ würde in dieser Causa durch den unmittelbar bevorstehenden Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Polen vollzogen, von dem die Sowjetunion Kenntnis hatte.[8]

-„Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht sein lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden“ (S.199, Z. 16-19.):

Diese Formulierung ist ein Indikator für die Erwartung eines schnellen Sieges der Deutschen Wehrmacht über Polen. Zusammen mit der a priori getroffenen Vereinbarung über die beiderseitigen Interessensphären in Polen manifestierte sich de facto die Aufteilung Polens und dessen zukünftige Nichtexistenz auf der politischen Landkarte. Im heutigen Polen spricht man diesbezüglich auch von der vierten Teilung Polens.[9] Mit dem Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 stellte sich letztendlich heraus, dass die Existenz eines polnischen Staates nicht „erwünscht“ war.[10]

Während der Nichtangriffsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion singulär internationalem Recht entsprach, verstieß das dem Pakt zugehörige Geheime Zusatzprotokoll massiv gegen das Völkerrecht, das es untersagt, territoriale Absprachen über souveräne Staaten ohne deren Einbezug zu treffen.[11] [12]

2. Quelleninterpretation

2.1. Inhaltsangabe

Das Geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes wird mit der Feststellung eingeleitet, dass in geheimer Absprache die Abgrenzung der Interessensphären zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion erfolgt sei. Diese Absprache habe zu dem Ergebnis geführt, dass im Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den baltischen Staaten die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphären des Deutschen Reichs sowie der Sowjetunion sei. Den polnischen Staat betreffend werde die Interessensphäre durch den Verlauf der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt, wobei im Laufe der weiteren Entwicklung geklärt werden müsse, ob eine weitere Existenz des polnischen Staates wünschenswert sei. Es wird des Weiteren betont, dass die Frage bezüglich der Existenz Polens durch freundschaftliche Verständigung zu lösen sei. Die Sowjetunion betont zudem ihr Interesse an Bessarabien, wohingegen Deutschland erklärt, es sei hieran nicht interessiert.

Das Protokoll endet mit der Feststellung, dass es von beiden Seiten streng behandelt geheim werde. Unterzeichnet ist das Dokument von den Außenministern der Signatarstaaten, Joachim von Ribbentrop sowie Wjatscheslaw Molotow mit Datum des 23. August 1939.

2.2. Einordnung in den historischen Kontext

2.2.1 Zur Genese des Hitler-Stalin-Paktes

Dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Geheimen Zusatzprotokoll gingen zahlreiche sowohl bilaterale als auch multilaterale Verhandlungen voraus. So war die Sowjetunion seit dem deutsch-polnischen-Nichtangriffsvertrag von 1934, der eine deutliche Abkühlung der diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich zur Folge hatte, bemüht, sich Frankreich und Großbritannien anzunähern. Dies führte schließlich zum französisch-sowjetischen-Beistandsvertrag von 1936.[13]

Gleichwohl bestand auf sowjetischer Seite Misstrauen gegenüber den Westmächten, welches im Angesicht vor allem britischer antisowjetischer Ressentiments durchaus berechtigt erscheint. Dies, sowie die Tatsache, dass die Sowjetunion von allen relevanten Konsultationen der Westmächte mit dem Deutschen Reich wie ein „Pariah“[14] ausgeschlossen wurde, potenzierte Stalins Ängste bezüglich einer vermeintlichen „imperialistischen Einkreisung“ durch eine deutsch-britisch-japanische Interessensgemeinschaft.[15] Unterstützt wird diese unter Umständen zunächst diffus erscheinende Angst Stalins durch die These Gerhart Hass‘, laut derer die deutsch-sowjetische Konfrontation als ideologisch geführter Kampf zweier – aus westlicher Perspektive – zu verabscheuender Weltanschauungen durchaus im Interesse Großbritanniens und Frankreichs gewesen sei.[16]

Das Vereinigte Königreich hingegen suchte mit seiner Appeasementpolitik des Premierministers Chamberlain das aggressive imperialistische Bestreben Hitlers durch territoriale Zugeständnisse einzudämmen und somit einen neuen Weltkrieg zu vermeiden. In der Konsequenz wurden die souveränen Staaten Österreich und die Tschechische Republik mit Billigung Großbritanniens und Frankreich vom Deutschen Reich okkupiert respektive annektiert. Obwohl die Appeasementpolitik spätestens mit dem Bruch des Münchner Abkommens im März 1939 offensichtlich scheiterte, hielt Chamberlain grundlegend an ihr fest. Zwar signalisierte man dem Deutschen Reich mit der Erklärung des Existenzrechts Polens am 31. August 1939, dass man weitere territoriale Bestrebungen Deutschlands nicht zu tolerieren bereit war, gleichwohl hatten bilaterale Verhandlungen mit dem Deutschen Reich weiterhin Bestand.[17]

Währenddessen war man seit dem Sommer 1939 in Berlin hochgradig bemüht, eine Einigung mit der Sowjetunion zu erzielen, da eine Reinkarnation des Cordon Sanitaire einen für das Deutsche Reich positiven Ausgang des Krieges a priori unmöglich gemacht hätte. In einem Telegramm wies von Ribbentrop den deutschen Botschafter in Moskau, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, daher an, dem sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow mitzuteilen, dass „Reale (sic!) Interessensgegensätze“[18] zwischen beiden Staaten nicht bestünden und dass er die Bereitschaft des Deutschen Reiches signalisieren solle, über (territoriale) Fragen – das Baltikum, Polen und Süd-Ost-Europa betreffend – mit der Sowjetunion zu verhandeln. Das Telegramm von Ribbentrops aufgreifend, sprach Molotow gegenüber Schulenburg erstmalig den Gedanken eines geheimen Zusatzprotokolls an, welches sich dem noch zu verhandelnden Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 anschließen solle. Die Initiative bezüglich des Geheimen Zusatzprotokolls ging folglich von der Sowjetunion aus, wenngleich die Bereitschaft des Deutschen Reiches zu territorialen Konzessionen in Süd-Ost-Europa hierfür ursächlich war.[19]

2.2.2 Notwendiger Zeitgewinn oder Imperialistisches Hegemonialstreben? Die Rolle der Sowjetunion

Am 24. Dezember 1989 unterzeichnete Michail Gorbatschow den „Beschluß (sic!) des Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR über die politische und rechtliche Bewertung des sowjetisch-deutschen- Nichtangriffsvertrages von 1939“[20], in dem erstmalig von sowjetischer Seite die Existenz des Geheimen Zusatzprotokolls anerkannt wird. Des Weiteren erkennt der Kongress die Völkerrechtswidrigkeit des Zusatzprotokolls an und erklärt es für „null und nicht nichtig vom Augenblick seiner Unterzeichnung an.“[21]

Nachdem es 50 Jahre dauerte, bis die Menschen in den Staaten des Warschauer Paktes die Wahrheit über den Pakt erfahren durften, welcher ihr Leben und die politische Landkarte Europas nachhaltig veränderte, stellt sich nun die Frage, inwieweit der Sowjetunion eine Mitschuld gegeben werden kann an dem Krieg, der letztendlich mindestens 50 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.[22]

[...]


[1] Hass, Gerhart: 23. August 1939: Der Hitler-Stalin-Pakt. Berlin 1990, S. 9.

[2] Ebd., S. 11.

[3] Ebd., S.199-204.

[4] Der Grosse Ploetz. 32., neu bearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 1998.

[5] Kaminsky, Anna; Müller, Dietmar; Troebst, Stefan (Hrsg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer. In: Siegrist, Hannes; Troebst, Stefan (Hrsg.): Moderne Europäische Geschichte. Göttingen 2011, S.22.

[6] Kaminsky; Müller; Troebst (Hrsg.), 2011, S.22.

[7] Hass, 1990, S. 65.

[8] Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop in einem Telegramm an Botschafter Schulenburg am 20. August 1939. In: Hass, 1990, S. 178.

[9] Kaminsky; Müller; Troebst (Hrsg.), 2011, S.23.

[10] Fleischhauer, Ingeborg: Der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939: Die deutschen Aufzeichnungen über die Verhandlungen zwischen Stalin, Molotow und Ribbentrop in Moskau. In: VfZG 39, 1991, S. 447-470.

[11] Hass, 1990, S. 66.

[12] Lipinsky, Jan: Das Geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 und seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von 1939 bis 1999. Frankfurt am Main 2004 (Europäische Hochschulschriften), S. 86f.

[13] Fleischhauer, Ingeborg: Die sowjetische Außenpolitik und die Genese des Hitler-Stalin-Paktes. In: Wegner, Bernd (Hrsg.): Zwei Wege nach Moskau: Vom Hitler-Stalin-Pakt zum „Unternehmen Barbarossa“. München 1991, S. 20f.

[14] Buchner, Richard: Todfeinde-Komplizen-Kriegsbrandstifter: Der Hitler-Stalin-Pakt und die Folgen. Leipzig 2009, S. 36f.

[15] Buchner, 2009, S. 28.

[16] Hass, 1990, S. 24.

[17] ebd., S. 25.

[18] Telegramm des deutschen Außenministers Joachim von Ribbentrop an den deutschen Botschafter in Moskau, Fritz-Dietlof von der Schulenburg. In: Hass, 1990, S. 156.

[19] Hass, 1990, S. 61.

[20] Beschluß (sic!) des Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR über die politische und rechtliche Bewertung des sowjetisch-deutschen- Nichtangriffsvertrages von 1939. In: Hass, 1990, S. 302ff.

[21] ebd S. 11.

[22] Buchner, 2009, S. 135.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656696636
ISBN (Buch)
9783656697268
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276484
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
geheime zusatzprotokoll hitler-stalin-paktes auswirkungen ost- mitteleuropa

Autor

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Titel: Das Geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes und seine Auswirkungen auf Ost- und Mitteleuropa