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Umgang mit und Förderung von Kindern mit Mutismus in der Schule

Akademische Arbeit 2005 37 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundsätze im Umgang mit schweigenden Kindern

3. Kommunikation: eine Begriffsklärung

4. Nonverbale Kommunikationsformen und Interaktionsmöglichkeiten

5. Förderung der Interaktion im Rahmen schulischer Möglichkeiten

6. Weitere Anregungen für die Arbeit mit schweigenden Schülern

7.Möglichkeiten der Benotung

8. Die Frage nach der richtigen Schulform

9. Schlussbemerkungen

10. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

A. Anhang
A.1. Micky geht zur Schule
A.2. „Die Sprache der Fische - ein stilles Märchen für stille Augenblicke”

1. Einleitung

„Die Schule stellt sich als ein Kommunikationsort dar, an dem [...] vom Schüler Leistung erwartet wird, wodurch seine Kommunikation stärker unter permanentem Bewertungsdruck steht, der Sprechdialog das hauptsächliche Mittel der Unterrichtsführung ist, um untereinander in wechselnder Hierarchie vielfältige Informationen auszutauschen, Erkenntnisprozesse zu führen, das Verhalten zu regulieren, um Bildungsresultate zu bewerten” (DOBSLAFF 2005, 83).

Häufig tritt mutistisches Verhalten im Schulalter auf. Mutistische Kinder werden in der Schule anfangs leicht übersehen, nicht nur weil sie so still sind, sondern auch, weil ihr Schweigen in den ersten Wochen von einigen Lehrern noch toleriert wird. Viele Lehrer gehen davon aus, dass der Schüler nur etwas Zeit braucht, um sich einzuleben. Doch bald müssen auch die vorerst gutmütigen Lehrer feststellen, dass diese Kinder hartnäckig an ihrem Schweigen festhalten. Nicht selten wird ihr Schweigen als Trotzigkeit, Dickköpfigkeit und z.T. sogar als Beleidigung und Ablehnung des Lehrers verstanden. Jedenfalls irritiert es die Lehrer und stellt sie spätestens gegen Ende des ersten Halbjahres der dritten Klasse vor das Problem der Notengebung. Die mündliche Mitarbeit ist Bestandteil der Zeugnisnote. Auch basiert Unterricht größtenteils auf Sprache - häufig gesprochener Sprache. Mutistische Kinder aber wirken teilnahmslos, lesen nicht laut vor, tragen keine Gedicht vor, singen nicht mit, fragen nicht nach und äußern im schlimmsten Fall nicht einmal, dass sie auf Toilette müssen. Sie „verweigern” meist jegliche lautsprachliche Äußerung. Je nachdem wie stark sie sich sozial zurückziehen, sind auch Mimik und Gestik auf ein Minimum reduziert, sodass die Kommunikation selbst darüber schwer fällt. Manche bewegen sich nicht einmal ohne Aufforderung oder sogar Führung. Sie bleiben einfach still sitzen. Wie kann man diesen Kindern nun im Unterricht gerecht werden? Um dem Kind eine positive emotionale, soziale und intellektuelle Entwicklung und eine seinen intellektuellen Fähigkeiten gerecht werdende Schulausbildung zu ermöglichen, ist es erforderlich, dass Lehrer und Mitschüler mit diesen Kindern umzugehen wissen.

Eine weitere Schwierigkeit stellt gerade bei Schülern mit Mutismus die „Gratwanderung zwischen Führen und Wachsenlassen, zwischen Fordern und Rücksichtnahme, zwischen Anpassung an Normen und Förderung autonomer Entscheidungen” (BAHR 2004, 77) dar. Um diese Gratwanderung zu meistern sollen im nächsten Kapitel einige grundsätzlich gültige Prinzipien für die Begegnung mit dem mutistischen Kind genannt werden.

2. Grundsätze im Umgang mit schweigenden Kindern

„Was ich mit, vor einem oder für ein Kind ’mache’, ist von untergeordneter Bedeutung gegenüber der Art, wie ich dem Kind begegne”

(KOBI 1996; zit. n. ebd., 78).

Dem Kind sollte immer mit Achtsamkeit begegnet werden, das bedeutet ihm Wertschätzung entgegen zu bringen und ihm zur Selbstbestimmung zu verhelfen bzw. sie ihm nicht zu nehmen. „Achtsamkeit geht mit Wachheit und Besonnenheit einher” (BAHR 2004, 80). Sie ist aufmerksam und beobachtet. Ein Hineinversetzen in das Kind hilft dabei, einen Zugang zu ihm zu finden (vgl. ebd., 79-85). Auf keinen Fall darf der Schüler mit Mutismus im Unterricht ignoriert werden.

Eine gute Atmosphäre, also ein Klassenklima, das förderlich wirkt, sollte geschaffen werden. Dabei spielt nicht nur das Verhalten des Lehrers (Freundlichkeit, Humor, Geduld) und der Schüler eine Rolle. Auch die Gestaltung des Raumes (mit Farben, Nischen und Kuschelecken etc.) oder Unterichtselemente wie das Hören von Musik und Phantasiereisen tragen zu einer angenehmen Atmosphäre bei (vgl. ebd., 85-88). Unterstützen Sie auch die nonverbale Kommunikation unter den Schülern durch entsprechende Spiele (Geräusche-Memory, pantomimisches Berufe-Raten etc.). Eine gute Möglichkeit bietet das Einführen von Briefbüchern. Hierbei führt eine Gruppe von Kindern gemeinsam ein Briefbuch. Das Briefbuch wird reihum jeweils einem Kind mitgegeben und dieses schreibt einen Brief hinein. Die anderen können dann, wenn sie an der Reihe sind, darauf antworten.

Das Kind benötigt aufgrund seiner Gehemmtheit und Ängste die emotionale Unterstützung des Lehrers. Es zu unterstützen bedeutet u.a. es zu ermutigen und ihm offen, mit Achtung, Interesse, freundlicher Mimik und Stimme sowie mit respektierender Distanz (das Kind muss erst Vertrauen schöpfen) zu begegnen. Ein Kind bemerkt, wenn man sich ihm nur in der Absicht nähert, es z.B. zum Sprechen zu bringen. Denken Sie daran, dass das Kind Ihre Erwartungen und die der Mitschüler spürt (vgl. ebd., 88ff). Es fällt ihm aufgrund seiner Ängstlichkeit und seines mangelnden Selbstbewusstseins schwer, aus sich heraus zugehen und sich zu öffnen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mutistische Kinder gerade die Teilnahme im Sport- oder Musikunterricht verweigern. Ist ein Kind neu in der Klasse, so sollte es darum die Möglichkeit erhalten, sich zuerst in Ruhe mit dem Klassenraum, der Schule und den Mitschülern (durch Kennenlernspiele) vertraut zu machen. Erkundet es nicht von selbst den Klassenraum, so kann der Lehrer ihm diesen vorstellen. Die Vertrautheit wird ihm helfen sich zu öffnen.

Der Lehrer sollte immer wieder die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, als auch die des Kindes, bedenken: Die Stärken des Kindes sollten genutzt werden und das Kind sollte für Leistungen gelobt werden. Das stärkt sein Selbstvertrauen und hilft ihm dabei, sein Schweigen einmal zu brechen. Häufig kennen Kinder mit Mutismus ihre Stärken nicht. Aber auch die Schwächen und Grenzen des Kindes dürfen nicht übersehen werden. Das Kind braucht Zeit diese zu überwinden. Es ist hilfreich ihm mitzuteilen, dass man dies weiß und dass man ihm helfen wird. Dabei sollte der Lehrer dem Kind Zuversicht vermitteln. Auf jeden Fall sollte, wenn das Kind zu sprechen beginnt, ein flüsterndes Sprechen akzeptiert werden. Es ist für viele Kinder ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zum Sprechen. Gelassenheit: Auch die eigenen begrenzten Möglichkeiten sollte sich der Lehrer bewusst machen und akzeptieren: Das Kind kann nicht zum Reden gezwungen werden, es braucht Zeit.

Im Umgang mit Kindern mit Mutismus fühlen sich immer wieder Menschen überfordert und ohnmächtig. Es gibt kein Rezept zur Überwindung des Mutismus.

„A year after the onset of the treatment, John asked his mother why he could not talk to his therapist. He told her how nice his therapist was to him and that he almost talked to him when he gave him a present. He described to her how his heart was thumping, how frightened he was and how difficult it was to actually come out and say something.”

(ATOYNATAN 1986; zit. n. HARTMANN 1997, 22)

Am Fall John wird deutlich, dass das Schweigen eines Kindes gegenüber einer Person nicht einfach auf eine Ablehnung dieser Person zurückzuführen ist, dass im Gegenteil sogar z.T. gegenüber vertrauten und beliebten Personen nicht gesprochen werden kann. Es ist wichtig, dass sich Lehrer dies immer wieder ins Bewusstsein rufen.

Ein sinnvoller Schritt zur Entlastung des Kindes, als auch aller Beteiligten, ist das Ersetzen der sozialen durch die individuelle Bezugsnorm, d.h. die Leistungen des Kindes nicht an den Leistungen der Mitschüler zu messen, sondern am Kind selbst und seinen individuellen Fortschritten (vgl. BAHR 2004, 134).

Eine Liste pädagogischer Grundlinien in der Betreuung mutistischer Schüler legt auch HARTMANN vor, die ich hier in Auszügen zitieren möchte:

- „ordernSieeinemündlichenBeiträgeein,wennSiemeren,dassdieSchülerinbz.derSchülermitSchweigen,körpersprachlicherGehemmtheitund deutlichreduziertemBlickontaktreagiert[...].
- Pflgen SieeinenengmaschigenAustauschsohlmitdenElternalsauch mitdenTherapeuten[...].
- AkzeptierenSieauchschriftlicheAntortenundBeiträgederSchweige.
- LobenSiediemutistischenKinderundJugendlichenfürmündliche,schriftliche undsozialeerhaltensmuste.[Siestärendamitihr Selbstertrauenund förderndieBereitschaftsichzuöfnen.]
- SetzenSieSchweigernichtunterDruck.
- GrenzenSieBetrofeneniemalsaus.
- StellenSiediemutistischenSchülerinnenundSchülernichtindenMittelpunkt.
- ReagierenSienormalundnichtmiteinerfreudigenÜberreaktion,wenndie bz.derehemalsSchweigende anfängt,imUnterrichtzusprechen.[Diese KinderollennichtimMittelpunktstehen;eineÜberreaktionwürde sieunnötigerunsichern.Auchkannonihnennichterartetwerden,abderersten erbalenÄußerungimmerzusprechenodermitallenzusprechen.]
- RedenSienieüberdieSchweige, sondernimmer(mündlichund/oder schriftlich)mitdenSchweigern”

(2004, 50)

Ergänzend möchte ich dazu auffordern, dem Kind unbedingt aufmerksam und interessiert zu zuhören, wenn es redet. Das Kind soll wissen, dass es ein geachteter Gesprächspartner ist und dass das, was es mitzuteilen hat, gut und wichtig ist.

Das systemisch-verhaltenstherapeutische Behandlungsmodell von KÜRSCHNER sieht unter anderem vor, dass Lehrer und Mitschüler ihre Zuwendung zu dem Kind mit Mutismus reduzieren und möglichst nur auf verbale Äußerungen mit intensiver Zuwendung reagieren. Damit soll verhindert werden, dass das mutistische Kind ohne Sprache auskommt. Da sein Umfeld jedoch normalerweise seine Wünsche und Gedanken zu erahnen versucht und detaillierte Fragen stellt, reichen häufig Nicken und Kopfschütteln aus, um alles, was es möchte, zu erhalten. Die Kinder sollen jedoch erfahren, dass sprachliche Kommunikation ein sinnvolles und notwendiges Mittel ist, um am sozialen Leben teil zu haben und Bedürfnisse stillen zu können (vgl. 1998, 166). Auch HARTMANN betont die Wichtigkeit, einen subjektiven Krankheitsgewinn durch erhöhte Aufmerksamkeit oder auch niedrigere Anforderungen zu vermeiden. Diese verstärken das Schweigen und verringern die ohnehin eingeschränkte Selbstständigkeit des mutistischen Kindes zusätzlich. (vgl. www.drhartmann.mynetcologne.de/mutismus-all.htm)

Einige weitere Punkte, die im Umgang mit Kindern mit Mutismus zu beachten sind, nennt SCHOOR (vgl. 2002, 223f):

- NehmenSiedasSchweigenernstunddeutenSieesnichtorschnellalsAusdruckonSchüchternheit,daesfürKindermitMutismus sehrunangenehm ist,dieeigeneGehemmtheitbwusstgemachtzubeommen.
- GebenSiedemKinddieMöglicheitaufnoerbalerEbenezuundegwissernSiesich,obSieseinenichtsprachlichen Aussagen richtigerstehen.
- RedenSiemitdemBetrofenenüberseinSchweigen,zeigenSieerständnis undZuersicht!
- Letztereskannallerdingsorallem,wennnocheineertrauensbasisbestehtund dasKindinderSchulenochnichtgesprochen hat,dazuführen,dassderSchüler sichnochmehrzurückzieht.

Weiterhin sollte der Lehrer sein Kommunikationsverhalten überdenken, um dem Schüler die mündliche Beteiligung am Unterricht zu erleichtern. Er sollte auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen sprachlichem Agieren und Reagieren im Dialog mit dem mutistischen Schüler achten, er darf weder zu sehr fordernd auftreten und damit das Kind einschüchtern noch den Mutismus durch ein sehr offensives, eher agierendes Verhalten unterstützen. Er muss dem Schüler ausreichend Möglichkeiten einräumen, seine Meinung äußern zu können und vor allem eine eigene Meinung haben zu dürfen. In einigen Fällen ist eine direkte Aufforderung sich zu äußern sinnvoll, da es den Schüler zu viel Überwindung kostet, sich freiwillig zu melden. In jedem Fall muss der Lehrer aktiv zuhören (nichts parallel machen) und damit signalisieren: deine Äußerungen sind wichtig. Allerdings könnte es m.E. für einige Schüler hilfreich sein, wenn man einen allzu langen Blickkontakt meidet und ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit widmet, um sie dadurch nicht zu verunsichern (vgl. DOBSLAFF 2005, 71f).

Finden die genannten Grundprinzipien im Umgang mit Kindern mit Mutismus genügend Beachtung, so ist für das Kind der Grundstein gelegt, sich zu öffnen und trotz seiner Hemmungen am Unterrichtsgeschehen teil zu haben.

3. Kommunikation: eine Begriffsklärung

Kommunikation geht auf den lateinischen Ausdruck communis (= ’gemeinsam’, ’gemeinschaftlich’) zurück. Es bedeutet so viel wie „’gemeinschaftliches Handeln’, [...] ’Austausch’, ’Verständigung”’ (www.wissen.de - Basiswissen zum Thema „Kommunikation”: Kommunikation).

Kommunikation ist nicht auf die Verständigung mittels Verbalsprache begrenzt. Der Großteil der Informationen wird nonverbal vermittelt und dies meist unwillkürlich. Kommuniziert wird also auch über nonverbale Zeichensysteme. Dazu gehören „Blicke, der Gesichtsausdruck (Mimik), Körperhaltungen oder -bewegungen (Gestik), Berührungen (Taktilität), die räumliche Distanz zum anderen und nichtsprachliche stimmliche Signale (wie Stöhnen, Sprechpausen, Betonungen und Laute wie „mhm” oder „Äh”)” (www.wissen.de - Basiswissen zum Thema „Kommunikation”: Kommunikation - Der Mensch als multimedialer Sender).

„Man kann nicht nicht kommunizieren” (WATZLAWICK et al. 1972, 53).

Auch im Schweigen kann kommuniziert werden (vgl Kap. 4.1). Man kann z.B. unterscheiden zwischen einem verlegenen Schweigen, einem trotzigen, einem ergriffenen oder angsterfüllten Schweigen. Bei Mutisten wird es sich meist um ein Schweigen aus Angst handeln. Festzuhalten ist, dass auch Personen mit Mutismus über nonverbale Zeichensysteme verfügen, die von ihnen mehr oder weniger eingesetzt werden. In extremen Fällen von Mutismus findet leider auch die nonverbale Zeichengebung kaum Verwendung. Die Körpersprache stellt jedoch zumindest anfangs ein sinnvolles Medium dar, um dem schweigenden Kind Kommunikation zu ermöglichen. Sie darf allerdings nicht zum Alleinersatz für Verbalsprache werden, da sie sonst die Kommunikationsmöglichkeiten stark eingrenzt.

4. Nonverbale Kommunikationsformen und Interaktionsmöglichkeiten

Es ist wichtig, dass sich jeder Schüler am Unterricht beteiligen kann, dies dient dem Selbstwertgefühl, das gerade bei Kindern mit Mutismus gering ist. Da es dem schweigenden Kind über Lautsprache nicht möglich ist am Unterrichtsgeschehen teil zu haben, ist es erforderlich, ihm auf alternativen Wegen die Kommunikation zu ermöglichen. Nicht jedes Kind wird sich darauf einlassen; dann bleibt immer noch das genaue Beobachten des Kindes, um etwas über seinen Gefühlszustand zu erfahren. Selbst in den (scheinbar) regungslosen Gesichtern mutistischer Kinder kann man noch Anzeichen von z.B. Zufriedenheit, Trauer, Wut und Angst entdecken.

Auch die Körperhaltung und das Schweigen verraten uns etwas über das Kind und bieten somit Anknüpfungspunkte für „Gespräche” mit dem Kind.

Wichtig erscheint mir, dass das Kind auf jeden Fall eine Therapie erhalten muss und nach und nach vermehrt Lautäußerungen von dem Kind gefordert werden müssen, da sonst die Gefahr besteht, dass eine Situation geschaffen wird, die keine Lautäußerungen des Schülers mehr erfordert und ihm somit jegliche Motivation mit dem Reden zu beginnen nimmt. Die Kinder sollen nicht die Erfahrung machen, dass sie auch ohne Sprache ausreichend kommunizieren können. So berichtet zum Beispiel SCHW ETZ (zit. n. BAHR 1996, 78), dass ein Mädchen nonverbale Kommunikationsmuster entwickelte, die das Sprechen nicht erforderten. Es ist also Vorsicht geboten, bei der Verwendung von nonverbalen Interaktionsformen. Dennoch dienen sie dazu einen ersten Zugang zum Kind zu erhalten und dem Kind eine soziale Isolation weitgehend zu ersparen. Die DT. GES. F. KINDER- UND JUGENDPSYCHIATRIE (2003) rät dazu, nichtsprachliche Kommunikation zumindest in der Therapie nicht zu unterstützen.

Wollen Kinder mit Mutismus nonverbal kommunizieren? Dass diese Kinder im Normalfall trotz ihres Verstummens kommunizieren wollen, zeigen ihre Bemühungen über Mimik, Gestik oder Schriftsprache zu kommunizieren (vgl. HARTMANN 1992, 493). Doch nicht jede betroffene Person zeigt diese Bemühungen. Es gibt durchaus Mutisten, die auch nonverbal keinen Kontakt aufnehmen. Für die gemeinsame Kommunikation kann es bei diesen schwerwiegenden Formen von Mutismus erst einmal wichtig sein, das Interesse des Kindes zu wecken und es damit zum Beobachten anzuregen (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 31). Dennoch gilt:

„Die meisten selektiv mutistischen Kinder WOLLEN sprechen, aber das empfundene Angstgefühl ist größer als der Wunsch zu sprechen”

(BROWN - www.mutismus.de/schule2.html).

Wie sehr manche Kinder mit Mutismus sprechen wollen, es aber nicht schaffen, soll ein Beispiel von HAYDEN zeigen. Sie berichtet von einem Jungen, den sie aufforderte etwas vorzulesen, folgendes:

„Er hob eine Hand an den Mund und versuchte, die Lippen in die Form des Wortes zu bringen. Das Wort war ’endlich’. Schließlich nahm er beide Hände zu Hilfe, um die Lippen in die Form eines E zu ziehen. Schweiß tropfte von seiner Stirn aufs Buch hinunter. Das Geräusch seiner klappernden Zähne widerhallte in unserem Käfig.”

(1988, 22)

Nonverbale K ommunikation Für besonders empfehlenswert halte ich die Vorgehensweise nach BAHR. Er rät, dem Kind zuerst die Kommunikation mit dem ganzen Körper anzubieten, wobei es sich einfach nur durch den Raum bewegen muss oder pantomimisch etwas nachspielt. In einem zweiten Schritt werden Arme und Hände zur Kommunikation hinzu genommen: Das Kind antwortet durch Zeigen und kommuniziert durch Malen. Hat sich das Kind darauf eingelassen, können Fingerzeichen (z.B. Daumen nach oben oder unten für ja/nein) zur Kommunikation verwendet werden. Ein letzter Schritt stellt die Kommunikation mit Kopf und Gesicht dar: das Kind nickt und schüttelt den Kopf, richtet seinen Blick auf etwas, zwinkert und ahmt Gesichtsausdrücke, Mundstellungen etc. nach. M.E. ist es sinnvoll, diese Kommunikationsformen zuerst in (Rate-)Spielen zu erproben, bevor das Kind diese im normalen Unterrichtsgeschehen verwenden soll. Das Kind sollte nicht dazu gezwungen werden. Nonverbale Kommunikation soll ein Angebot an das Kind sein (vgl. 2004, 96ff). Es wird nicht bei jedem Kind notwendig sein mit der Kommunikation mit dem ganzen Körper zu beginnen. Es gibt sicherlich Kinder, die schon nonverbale Kommunikationsformen anwenden. Auf diese kann selbstverständlich aufgebaut werden.

Beispiele für Kommunikation mit dem Körper im Spiel (vgl. ebd., 96f):

- DerSchülerbeantortetRätselfragen,indemerzueinemGgenstand(der Lösung)hingeht.
- Der Schülerführtandere(derenAugenerschlossensind) zuGgenständen, imRaum,diedieseertastenunderratenmüssen.
- Pantomime: Tätigkeiten (z.B. auf Bild- und Wortkarten, oder solche, die ein anderer vormacht) werden nachgestellt und können dann von den anderen erraten werden.

Beispiele für Kommunikation mit den Händen und Armen im Spiel (vgl. ebd., 97f):

- BeidemSpiel:„Ichseheetas,asdunichtsiehstunddasist..”(arbe oderormetc.nennen)kanndasKindmitMutismus, aufdieLösung(den GgenstandimRaum)zeigen.Umselbstandereratenzulassen,kannesKartenhochhalten,aufdenen dieentsprechendearbeoderormdesgesuchten Ggenstandesabgebildetist.
- DieSchülermalenzuerratendeGgenstände, Buchstabenetc.mitdenFingernindieLuft.
- DieSchülermalengemeinsam(ambestenzuzweit)einBild.MaltderLehrer gemeinsammitdemSchüle,sokanner„Reaktionen desKindesherausfordern,indemererartungswidrigeElementeeinbringt(z.B.einepechschwarzeBlume)”(ebd.,97).

Beispiele für die Kommunikation mit Kopf und Gesicht im Spiel (vgl. ebd., 98):

- BeidemRatespiel „asistes,asichsehe?”schautderSchüleranzkurz aufeinenGgenstand,derondenMitschülernerratenwerdenmuss.
- Zublinzeln:EineHälftederSchülersitztineinemStuhlkreis(einStuhlbleibt frei),dieanderenstellensichjweilshintereinenStuhl.Derjenige, derhinterdemleerenStuhlsteht,zwinerteinemsitzendenSchüler(unaufällig)zu. DiesermussdanndenPlatzsoschnellwiemöglichwechseln.HältderHintermannihnrechtzeitigfest,mussersitzenbleiben.

Man kann dem Betroffenen Schilder (ikonische Antworten) zur Kommunikation bereitstellen: eine Karte mit einer Toilette, Ja- und Nein-Karten, eine Karte auf der Dolmetscher oder Sprachrohr oder der Name des Freundes steht, dem das Kind mit Mutismus etwas ins Ohr flüstert, was dieser dann laut sagt. Hilfreich sind hierfür auch Karten von Symbolsystemen wie dem LÖB-System[1]. Für andere Antworten und Mitteilungen kann eine Schreibtafel verwendet werden. Oder der Schüler erhält eine zusätzliche Karte mit dem Bild oder Begriff „Tafel” bzw. „Overhead- Projektor”. Er schreibt dann etwas, was er der ganzen Klasse mitteilen möchte, an die Tafel oder auf eine Folie für den Tageslichtprojektor. Letzterer bietet dem Schüler die Möglichkeit auf seinem Platz in Ruhe und ohne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, sein Anliegen oder seine Antworten auf Folie zu schreiben. Er braucht hierzu auch weniger Zeit als an der Tafel. Die einfachste Lösung ist das Aufschreiben der Antwort auf einen Zettel.

Man kann in der Klasse auch gegenständliche Codes vereinbaren, mit dem das Kind z.B. anzeigen kann (indem es beispielsweise ein Lineal in eine Ecke des Tisches legt), ob es kommunizieren möchte oder nicht. Bei extrem gehemmten Kindern kann man vereinbaren, dass das Senken des Blick es ’nein’ und ein Blinzeln ’ja’ bedeutet.

Auch elektronische Kommunikationsmittel können eingesetzt werden. Sie ermöglichen die Kommunikation über Symbole, Schriftsprache und Lautsprache, indem zuvor aufgenommene Sätze abgespielt werden. Aufgrund der Anschaffungskosten wird dies jedoch nur selten umgesetzt werden können (vgl. DOBSLAFF 2005, 172f). Anhand von Kassetten- und Videoaufnahmen kann der Schüler der Klasse oder dem Lehrer Nachrichten zukommen lassen, kann ihnen Texte vorlesen, ein auswendig gelerntes Gedicht vortragen oder ein Lied vorsingen.

Eine gute Möglichkeit ist es, neben dem gezielten Verwenden von Zeichensprache (gestische Antworten, Lautgebärden), dem Schüler mit Mutismus verschiedene Lösungen anzubieten, auf die er dann nur zeigen muss oder mit Nicken bzw. Kopfschütteln antworten kann. Lösungen von Rechenaufgaben können mit den Fingern angezeigt werden.

Arbeiten vor dem Klassenraum erleichtern dem Schüler beispielsweise die Kommunikation mit Mitschülern bei einer Partner- oder Gruppenarbeit. Da hierbei nicht die gesamte Klasse zuhört und -sieht. Auch kann der Schüler allein vor dem Klassenraum Leseübungen ausführen oder etwas auf Kassette aufnehmen.

Ein Freund kann als Sprachrohr bzw. Dolmetscher fungieren, sofern das Kind bereit ist mit einem Mitschüler zu sprechen. Hierbei darf das Kind seine Mitteilungen einem Freund ins Ohr flüstern, welcher diese dann der Klasse laut mitteilt.

Kommunikationsmittel „Handpuppe”, Lieblingsstofftier oder -puppe, Fingerpuppe oder Marionette - als Gegenüber oder als Sprachrohr: Eine weitere Möglichkeit mit dem Kind zu kommunizieren sind Puppen und Stofftiere. Hierbei muss das Kind jedoch selbst sprechen. Für das Kind entsteht jedoch der Eindruck das Tier bzw. die Puppe spreche bzw. es spreche mit einer Puppe, einem Tier. Durch diesen Verfremdungseffekt kann es den Kindern durchaus möglich sein zu sprechen. Das Puppen- oder Rollenspiel gibt dem Kind die Möglichkeit in eine andere Rolle zu schlüpfen. Ist die Puppe so groß, dass das Kind sich dahinter „verstecken” kann, erleichtert dies dem Kind die Kommunikation noch mehr, ebenso ein Puppentheater (vgl. BROWN - www.mutismus.de/schule2.html). Weitere Verfremdungsmöglichkeiten sind das Tragen einer Maske, einer Sonnenbrille oder das Bedecken des Gesichtes mit den Händen. Auch hilft es manchen Kindern, wenn sie zunächst beim Sprechen hinter einer Stellwand, einem Vorhang oder ähnlichem stehen dürfen (vgl. DOBSLAFF 2005, 177).

Zeigt das Kind mit Mutismus Hemmungen die alternativen Kommunikationsmittel zu benutzen, sollte der Lehrer diese zu Beginn ebenfalls gebrauchen, um dem Betroffenen Schüler den Einstieg zu erleichtern. Auch können sie von den Mitschülern zur Kommunikation verwendet werden (vgl. ebd., 174).

5. Förderung der Interaktion im Rahmen schulischer Möglichkeiten

Es ist wichtig, den Mutismus auch in der Schule, sofern er dort auftritt, anzugehen. Das Kind und der Lehrer dürfen sich nicht mit den Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation zufrieden geben. Spätestens wenn der Schüler in der ambulanten oder stationären Therapie das Schweigen bricht, sollten schulische Maßnahmen getroffen werden, um das Sprechen auch auf die Schule zu übertragen. In der Schule und im Klassenunterricht sollte bewusst die (verbalsprachliche) Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit des Schülers gefördert werden.

Lehrer verbringen, im Gegensatz zu Therapeuten, viel Zeit mit dem Kind. Vor allem der Klassenlehrer hat die Möglichkeit, das Kind dort zu fördern, wo der Mutismus hauptsächlich zum Problem wird. Er kennt das Kind besser und ihm bieten sich mehr Möglichkeiten zur Förderung (vgl. BROICH 1981, 183). Hierbei darf natürlich nicht übersehen werden, dass der Lehrer seine Aufmerksamkeit nicht ungeteilt dem mutistischen Schüler schenken kann, da er auch die anderen Schüler berücksichtigen muss und mit den Unterrichtsinhalten fortfahren muss.

Das Verhalten gegenüber dem Schüler mit Mutismus sollte mit dem Lehrerkollegium und dem behandelnden Therapeuten abgesprochen werden, um zu einem einheitlichen Konzept zu gelangen und das Kind nicht zusätzlich zu verunsichern. In der Förderung von Kindern mit Mutismus findet man sich widersprechende Ansätze, z.B. dahingehend, ob ein Kind nur Zuwendung bei sprachlichen Äußerungen erhält, ob sprachliche Äußerungen belohnt werden, ob man das Schweigen zu Beginn zulässt und sich dem Kind zuerst annähert oder ob man gleich zu Beginn versuchen sollte, dem Kind Äußerungen zu „entlocken” und in wieweit nonverbale Kommunikation und Kommunikation über „Sprachrohre” akzeptiert wird. Gerade deshalb sind Absprachen zwischen den unterschiedlichen Bezugspersonen und den Therapeuten dringend geboten.

Die Fördermöglichkeiten werden je nach Schule und vor allem Schulform variieren. Während an einer Regelschule Förderung hauptsächlich im Klassenunterricht stattfinden kann, gibt es z.B. an Sprachheilschulen die Möglichkeit in kleinen Gruppen während der Förderstunden zu intervenieren. Hier ist eine Zusammenfassung aller schüchternen Kinder zu einer Fördergruppe zu überlegen.

[...]


[1] LÖB, E. u.a.: Deutsch Lernen mit LÖB-System. Amberg 1998

Details

Seiten
37
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656694670
ISBN (Buch)
9783656715962
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276530
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Schlagworte
umgang förderung kindern mutismus schule

Autor

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