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Der Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf die Lesekompetenz von Schülern

Spezielle Multivariate Analyseverfahren

Seminararbeit 2014 35 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Theoretische Fundierung

3. Hypothese, Variablen, (Re)Kodierungen

4. Material & Methoden

5. Ergebnisse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
a. weitere Tabellen
b. Syntax SPSS

Tabellen:

1. Leseleistung

2. Sozioökonomischer Index

3. Immigration

4. Geschlecht

5. Schultypen

6. Berufsschule

7. Berufsbildende mittlere Schule

8. Berufsbildende höhere Schule

9. Allgemeinbildende höhere Schule

10. Lern-, Lese- und Exzerpierstrategie

11. Lernstrategie

12. Lese- und Exzerpierstrategie

13. Regression

Abbildungen:

1. standardisierte Residuen

2. nicht standardisierte Residuen

1. Einleitung

Ein bekanntes Motto unserer Gesellschaft lautet „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, womit die Schule zu einem wesentlichen Instrument dafür wird, junge Menschen auf zukünftig an sie gestellte Anforderungen in ihrem späteren Lebensweg vorzubereiten. Jedoch ist die Schule keineswegs die einzige Instanz, die sich diesem ehrgeizigen Ziel verschrieben hat. Einen besonderen Einfluss hat die Familie auf die Kompetenzen und Praktiken ihrer Kinder. Ausschlaggebend dafür ist der sozioökonomische Status der Familie, der sich aus kulturellen, sozialen und ökonomischen Praktiken, sowie dem persönlichen Geschmack zusammensetzt (Bourdieu 1982). Nach dieser Idee „erben“ die Kinder den Status ihrer Eltern, welcher ihr Verhalten und in der Folge ihre Kompetenzen beeinflusst.

Schulische Leistungen der Kinder lassen sich in Form von Zeugnissen und Bildungsabschlüssen leicht und standardisiert – zumindest im nationalen Bereich - messen. Die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) verfolgt mit ihrem „Programme for International Student Assessment“ (PISA) einen anderen Zugang. Es geht um „… a collaborative effort among OECD member countries to measure how well 15-year-old students approaching the end of compulsory schooling are prepared to meet the challenges of today´s knowledge societies“ (OECD 2012 : 22). Somit stehen weder Zeugnisse noch Schulnoten im Fokus, sondern persönliche Fähigkeiten der SchülerInnen. Im Rahmen der Lehrveranstaltung bei dieser die vorliegende Seminararbeit entstand, wurde der internationale Teil der PISA-Studie 2009 für Österreich zur Verfügung gestellt und bildet somit die Datenbasis für diese Analyse.

Die Lesekompetenz erscheint im Hinblick auf zu Grunde liegende sozioökonomische Faktoren als besonders gut geeigneter Indikator für weitere Untersuchungen, da nach dem nationalen Bildungsbericht 2012 Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder nichtdeutscher Alltagssprache einem hohen Risiko ausgesetzt sind, nur schwache Leseleistungen zu erbringen, was im Speziellen für Österreich gilt, da die österreichischen SchülerInnen in internationalen Vergleichsstudien insgesamt nicht zufriedenstellend abschneiden (vgl. Bruneforth et. al. 2013 : 15). Hier stellt sich die Frage, welche weiteren sozioökonomischen Faktoren ausgemacht werden können, um Leistungsdefizite der SchülerInnen zu identifizieren.

Zur Beschreibung von Bildungs- bzw. Leistungsungleichheiten stehen zwar ausreichend Daten zur Verfügung, es besteht jedoch weiterer Forschungsbedarf mit dem Ziel der besseren Datenauswertung im allgemeinen und in Bezug auf Schulen und Schultypen im besonderen (vgl. ebda : 25). Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten und einerseits strukturprüfend, theoretisch benannte sozioökonomische Faktoren auf ihren Aussage- und Prognosewert untersuchen, andererseits auf Basis der PISA 2009-SchülerInnenbefragung weitere sozioökonomische Einflüsse strukturentdeckend ausfindig machen und adäquat analysieren.

2. Theoretische Fundierung

Dass die Familie nicht nur durch die Sozialisation sondern auch durch gelebte kulturelle Praktiken auf die Verhaltensweisen und damit auf den Kompetenzerwerb ihrer Kinder Einfluss nimmt, scheint unbestritten (vgl. Bourdieu 1982 : 18; Watermann 2006 : 79; Piwonka 2010 : 6). Die Präferenzen für bestimmte Literatur, Theater, Musik etc., die auch eine soziale Klasse prägen, erweisen ihren engen Zusammenhang primär mit dem Ausbildungsgrad, sekundär mit der sozialen Herkunft, die – ceteris paribus – niemals durchschlagender als in Bezug auf „freie Bildung“ wirkt. Damit werden Struktur- und Handlungsebene miteinander verbunden (vgl. Bourdieu 1982 : 18). Einerseits ist festzustellen, dass der Anteil, der durch die Akkumulation von Bildungskapital aufgestiegenen Personen stetig wächst (vgl. ebda : 447), andererseits treten in unserer heutigen, postmodernen Gesellschaft nach wie vor sozioökonomische Benachteiligungen auf vielfältige Weise in Erscheinung (vgl. OECD 2011 : 13), was zum Thema dieser Arbeit gemacht wird.

Leistungen bezeichnen eine soziale Zurechnung mit klassenspezifischen Ausprägungen. In der Soziologie sind Daten über die Entwicklung klassen- und zeitpunktspezifischer Leistungsinterpretationen wichtig, um ungleiche Lebensverläufe zu rekonstruieren, denn erst mit ihrer Hilfe könnte man sich dem Praxissinn von Mobilitätssituationen in Übergangsphasen nähern (vgl. Nollmann 2004 : 43). Wird der praktische Sinn von Aussagen über Leistungen und Fähigkeiten z. B. auf den Übergang von der Schule ins Berufsleben angewendet, wird auch die Konstitution ungleicher Lebensverläufe verständlicher (vgl. ebda : 25). An diesem Punkt setzt die PISA-Studie an, um praktische Kompetenzen von 15-jährigen SchülerInnen in dieser Übergangsphase aufzuzeigen. Der wesentliche Unterschied zwischen Schule und späterem Berufsleben besteht jedoch darin, dass die Schule ihre SchülerInnen zunächst als Gleiche unter Gleichen behandelt, d. h. für die SchülerInnen sieht es so aus, als ob Einschätzungen flüssig blieben, denn jede bzw. jeder könnte theoretisch im nächsten Schuljahr bessere Noten erreichen. Dagegen ist im Berufsleben die Zahl von hohen, mittleren und niedrigen Positionen limitiert, so dass der Gewinn des einen den Verlust des anderen bedeutet. Selbst wenn die SchülerInnen der Leistungsaufforderung in der Schule zustimmen und vermehrte Anstrengungen versprechen, ist damit noch wenig über ihr faktisches Verhalten in Situationen außerhalb der Schule gesagt, denn nachmittags zu Hause mag die Leistungszurechnung gerade für SchülerInnen mit niedriger, sozialer Herkunft ihre Plausibilität verlieren (vgl. ebda : 37f). Das kann zu Leistungseinbußen führen und sich in mangelnder Kompetenz ausdrücken.

Eine weitere Begründung, sozioökonomische Faktoren zu untersuchen, die die tatsächlichen, lebensrelevanten Kompetenzen der SchülerInnen beeinflussen, zeigt Müller-Benedict in einer deutschen Studie auf. Seiner Meinung nach besteht die soziale Ungleichheit des Schulerfolgs darin, dass die Kinder der unteren sozialen Schichten weniger hohe Bildungsabschlüsse machen, als es ihrem Leistungspotential entspricht. Als Beispiel nennt er gegebene Schullaufbahnempfehlungen in ihrer Verteilung nach Lesekompetenzen und sieht somit die Lesekompetenz als einen möglichen Indikator für das Leistungspotential der Kinder an (vgl. Müller-Benedict 2007 : 615f). Diese Einschätzung entspricht dem Fokus der PISA 2009-Erhebung und bildet zugleich die abhängige Variable dieser Untersuchung.

Welche konkreten sozioökonomischen Faktoren lassen sich nunmehr aus theoretischen Überlegungen ableiten? Neben den oben genannten Faktoren Ausbildung und Sprache nennt Bourdieu im Hinblick auf die Familie den Berufsstatus und das Alter (vgl. Bourdieu1982 : 413), das Geschlecht und Immigration, wobei er Frauen und AusländerInnen eine niedrige Position zuordnet (vgl. ebda : 185), sowie das ökonomische Kapital als Voraussetzung für kulturelles Kapital (vgl. ebda : 477) und die Auswahl der Schultypen, die Kompetenzen und weitere Lebenswege beeinflussen (vgl. ebda : 115ff; Bruneforth et. al. 2013 : 11). Tatsächlich sind Geschlechtereffekte bei Frauen in der Erwerbsbeteiligung auszumachen, die von der Schulbildung abhängt (vgl. Haug 2010 : 264). Zusätzlich werden auch Freundschaftsnetzwerke als wesentlich für den Kompetenzerwerb verortet (vgl. Kalter : 157), die hier nicht näher untersucht werden können, da dafür die Datenbasis fehlt.

Wie im nationalen Bildungsbericht 2012 (siehe Einleitung) sieht auch Kreckel einen Forschungsbedarf und meint dazu:

„Nur durch empirische und historische Forschung ist zu erkennen, wie die betroffenen Menschen tatsächlich mit ihren Handlungsbedingungen umgehen, wie sie sie wahrnehmen und bewerten, wie sie sie in ihrem alltäglichen Leben verarbeiten und welche organisatorischen oder politischen Konsequenzen sie eventuell daraus ziehen“ (Kreckel 2004 : 86).

Er nennt die vier Dimensionen Reichtum, Wissen, Organisation und Assoziation und ordnet ihnen ein „institutionalisiertes Tauschmedium“ bzw. soziales Kürzel Geld, Zeugnis, Rang und Zugehörigkeit zu, die als Währungen sozialer Ungleichheit angesehen werden, wobei die Zugehörigkeit ein inoffizielles Äquivalent des Ranges darstellt, das durch die geltende Prestigeordnung nicht legitimiert wird. Für die drei „legalen“ Formen lassen sich besonders naheliegende, empirische Indikatoren für die soziale Ungleichheitsordnung feststellen. Das Einkommen, der Bildungsstatus und der Berufsstatus der Menschen können individuell bestimmt und zur Grundlage für die empirische Beschreibung der sozialen Schichtung der Bevölkerung gemacht werden (vgl. ebda : 86ff). Diesem Aufruf will die vorliegende Arbeit nachkommen, sowie weitere Faktoren für die unterschiedliche Leseleistung der SchülerInnen ausmachen.

3. Hypothese, Variablen, (Re)Kodierungen

Aufgrund der theoretischen Überlegungen und der ausgemachten, fachliteraturbasierenden Faktoren, die Einfluss auf die Lesekompetenz der SchülerInnen nehmen können, wird im Folgenden eine Hypothese mit kausalem, probabilistischem Zusammenhang aufgestellt und die zugehörigen Originalvariablen bzw. rekodierten Variablen univariat beschrieben, die in der statistischen Auswertung auf ihre Relevanz bzw. ihren Erklärungswert überprüft werden. Die Syntax sämtlicher Rekodierungen und Berechnungen ist im Anhang aufgelistet. Aus Platzgründen unterbleibt hier eine detaillierte Beschreibung und Diskussion der im Datensatz vorgegebenen Variablen. Interessierte Personen werden auf den PISA 2009 Technical Report verwiesen (OECD 2012). Der Faktor Sprache ist im Datensatz vorhanden und fließt hier indirekt über das Geburtsland der SchülerInnen bzw. das ihrer Eltern (Variable immig_rec siehe unten) ein. Der Faktor Alter ist im PISA-Datensatz vorgegeben und somit konstant.

Als Ausgangspunkt (abhängige Variable) fungiert die berechnete Variable „read“, die ratioskaliert die Lesekompetenz der 15-jährigen SchülerInnen misst und den Durchschnittswert der Originalvariablen „PV1READ“, „PV2READ“, „PV3READ“, „PV4READ“ und „PV5READ“ (reading literacys) enthält.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Leseleistung, eigene Berechnung

Hypothese: Sozioökonomische Faktoren beeinflussen die Lesekompetenz

Unterfragen: Welche zusätzlichen Einflussfaktoren lassen sich ausmachen?

Wie wirken sich diese Faktoren auf die Lesekompetenz aus?

Wird eine sozioökonomische Benachteiligung durch den gewählten Schultyp verstärkt oder kompensiert?

Als intervallskalierte Variable für den sozioökonomischen Status fungiert „ESCS“ (PISA Index of economic, social and cultural status). Dieser Index wird aus den Variablen „HISEI“ (highest occupational status of parents), „PARED“ (the higher parental education) und „HOMEPOSS“ (home possessions) gebildet (vgl. OECD 2012 :312ff). Richtung: je höher der Wert, desto höher der soziökonomische Status.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Sozioökonomischer Index, eigene Berechnung

Als dichotome Variable für den Immigrationsstatus der Personen wurde die Originalvariable „IMMIG“ mit den Ausprägungen 1 = Native, 2 = Second Generation und 3 = First Generation auf die Variable „immig_rec“ mit den Ausprägungen 0 = Native und 1 = AusländerIn rekodiert. Dabei wird auf das eigene Geburtsland bzw. das von einem oder beiden Elternteilen referiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Immigration, eigene Berechnung

Als dichotome Variable für das Geschlecht der Personen wurde die Originalvariable „ST04Q01“ (Sex) mit den Ausprägungen 1 = Female, 2 = Male in die Variable „sex“ mit den Ausprägungen 0 = Frau, 1 = Mann rekodiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Geschlecht, eigene Berechnung

Die dichotomen Variablen für die einzelnen, österreichischen Schultypen lauten „schultyp_bs“ (Berufsschule), „schultyp_bms“ (berufsbildende mittlere Schule), „schultyp_bhs“ (berufsbildende höhere Schule“ und „schultyp_ahs“ (allgemeinbildende höhere Schule). Die Ausprägungen der rekodierten Variablen sind 0 = andere, 1 = jeweiliger Schultyp. Die Rekodierung erfolgte in zwei Schritten: erstens wurden die Originalvariablen „ISCEDL“ (programme level), „ISCEDO“ (programme orientation) und „ISCEDD“ (programme designation) in die Variable „schultyp“ rekodiert, zweitens wurde aus dieser Variable die einzelnen Schultypvariablen abgeleitet. Dabei fungiert der Schultyp „Pflichtschule“ als Referenz für die Berechnungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Schultypen, eigene Berechnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Berufsschule, eigene Berechnung

[...]

Details

Seiten
35
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656705925
ISBN (Buch)
9783656706915
Dateigröße
1015 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276551
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
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