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Was ein Lehrer beim Vermitteln der Fähigkeit zur politisch-moralischen Urteilsbildung berücksichtigen muss

Essay 2012 10 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Gliederung

I) Einleitung

II) Hauptteil
A: Theoretische Überlegungen
B: Praktische Impulse

III) Schluss/Fazit

I) Einleitung

Persönliche Positionen zu bestimmten politischen Debatten einnehmen zu können, sollte fraglos zu den Fähigkeiten eines politisch mündigen Bürgers unserer Gesellschaft gehören, denn nur so kann er Stellung beziehen, politische Maßnahmen befürworten oder kritisieren.

Da es das erklärte Ziel sozialwissenschaftlichen Unterrichts ist, die Schülerinnen und Schüler zu eben solchen politisch fähigen Gliedern der Gesellschaft zu erziehen und ihnen so vollständige Teilhabe innerhalb dieser zu ermöglichen, ist es für den Politiklehrer immanent wichtig, genau zu beachten, was notwendig ist, um die Kompetenz politisch-moralischer Urteilsbildung bei den Schülerinnen und Schülern anspruchsvoll auszubilden. Dabei spielen neben den methodischen und didaktischen Fragen auch entwicklungspsychologische Aspekte eine bedeutende Rolle.

Es soll nun erläutert werden, wie das Verhalten des Lehrers im Politikunterricht sowie seine Unterrichtsgestaltung dem Anspruch gerecht werden können, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen und kritischen Individuen zu erziehen, ohne ihnen bestimmte Meinungen eintrichtern zu wollen.

Denn eine Erziehung zu unreflektierten und unhinterfragten Werten und Ansichten widerspricht dem emanzipatorischen Auftrag politischer Bildung[1], sodass es im Interesse aller Politiklehrer sein sollte, Kenntnisse darüber zu haben, wie eine reflektierte politisch-moralische Urteilsbildung seitens der Schülerinnen und Schüler entstehen kann. Denn eine Erziehung zu vorgegebenen Werten erhöht nur die Bereitschaft der Schüler/innen, sich mit mächtigen und abgesicherten Institutionen zu identifizieren[2].

Schließlich werden noch einige Beispiele aus der Unterrichtspraxis vorgestellt.

Hauptteil

A: Theoretische Überlegungen

Moralische Urteile, die von Schülerinnen und Schülern getroffen werden, haben eine unterschiedliche Struktur, die man unter qualitativen Aspekten systematisieren kann[3]. Als hilfreich beim Verstehen und Reflektieren solcher Urteilsbildungen erweist sich das entwicklungspsychologische Stufen-Modell von Lawrence Kohlberg, welches für den Einsatz zur Klärung der sozialen Reichweite von Argumenten für den Unterricht weiterentwickelt worden ist[4]. Es dient entweder dem Lehrer bei der Planung und Durchführung der Analyse oder es wird den Schülern bekannt gemacht, damit diese es selbst als Instrument nutzen können[5].

Kohlbergs Stufen-Modell lässt sich in drei Stadien mit jeweils zwei Stufen gliedern:

Im präkonventionellen Stadium (Stadium I) beruht die moralische Wertung auf äußeren, quasi-physischen Geschehnissen, schlechten Handlungen oder auf quasi-physischen Bedürfnissen statt auf Personen und Normen.

Im konventionellen Stadium (Stadium II) beruht die moralische Wertung auf der Übernahme guter und richtiger Rollen, der Einhaltung der konventionellen Ordnung und den Erwartungen anderer.

Im postkonventionellen Stadium (Stadium III) beruht die moralische Wertung auf Konformität des Ich mit gemeinsamen (oder potenziell gemeinsamen) Normen, Rechten oder Pflichten.[6]

Das Ergiebige an diesem Konzept besteht darin, dass die Urteilsformen situations- und bereichsunabhängig gedacht sind, keine Verhaltensregeln enthalten, sondern Begründungen von Verhalten auf ihre Struktur zurückführen[7]. Allerdings muss man hinsichtlich der Anwendung auf den politischen Unterricht berücksichtigen, dass die Beispiele (sog. Dilemmata), an denen Kohlberg das moralische Urteil erproben lässt, nur einfache Entscheidungssituationen mit zwei Alternativen sind, die keinen Ausweg bieten, da beide eine Verletzung von Normen verlangen und sich somit nicht mit dem höheren Grad an Komplexität und Unbestimmtheit politischer Entscheidungssituationen vergleichen lassen. Es muss daher geklärt werden, in welcher Beziehung das moralische Urteil zu politischem Denken steht[8].

Es muss die Frage geklärt werden, inwiefern dem Eigeninteresse ein Stellenwert bei der politisch-moralischen Urteilsbildung zukommt: Breit nennt die Kategorie „Eigeninteresse“ explizit als nicht zu verabsolutierende Urteilskategorie, die er gegenüber verallgemeinerungsfähigen Urteilskriterien bzw. den Perspektiven anderer abwägt[9]. Bei Massing wird das subjektive Eigengewicht dadurch ausbalanciert, dass dem Schüler zur Urteilsfindung zugleich auch Urteilskategorien aus der Politiker- und Systemperspektive angeboten werden[10]. Auch Juchler hält das vergleichende Abwägen zwischen dem eigenen interessegeleiteten Standpunkt und dem oder der Standpunkte anderer für ein „essentielles Qualitätsmerkmal“ des politischen Urteils. Allerdings betont er, dass der Grad der Akkommodation des eigenen Urteils an das politische Urteil anderer der individuellen Entscheidung des Schülers obliegt[11]. Eine solche Bereitschaft und Fähigkeit zu einer bewussten Entscheidung für eine bestimmte Position setzt beim Schüler eine geistig-moralische Verfasstheit voraus, welche mit dem Begriff „Mündigkeit“ zu bezeichnen ist[12].

Ferner sollte der Lehrer sich immer die Frage stellen, ob die von ihm gewünschten zu beurteilenden Entscheidungen mit dem Menschen- und Grundrechtskatalog der Verfassung in Einklang stehen. Die Schülerinnen und Schüler sollten vor moralischer Indifferenz und Gewaltakzeptanz gewarnt werden und fähig sein bzw. die Fähigkeit erlangen, Unrechtshandlungen zu erkennen sowie die Bereitschaft entwickeln, dagegen auch dann vorzugehen, wenn sie selbst nicht unmittelbar davon betroffen sind[13].

Wenn man davon ausgeht, dass sich Urteilsbildung in der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt vollzieht, dann weiß man eigentlich nur sehr wenig darüber, in welcher Weise das Individuum die vielfältigen Umwelteinflüsse verarbeitet, koordiniert, integriert und differenziert[14].

[...]


[1] Vgl. Schmiederer: Zur Kritik der politischen Bildung, S. 73

[2] Vgl. Ebenda, S. 73

[3] Vgl. Gagel: Einführung in die Didaktik des politischen Unterrichts, S. 169

[4] Vgl. Sander: Handbuch politischer Bildung, S. 369

[5] Vgl. Ebenda, S. 369

[6] Vgl. Ebenda, S. 370/371

[7] Vgl. Gagel: Einführung in die Didaktik des politischen Unterrichts, S. 169

[8] Vgl. Ebenda, S. 171

[9] Vgl. Eyrich-Stur: Wie urteilen Hauptschüler über Politik?, S. 17

[10] Vgl. Ebenda, S. 17

[11] Vgl. Ebenda, S. 17

[12] Vgl. Ebenda, S. 17

[13] Vgl. BPB (Band 344): Politische Urteilsbildung, S. 142

[14] Vgl. Ebenda, S. 75

Details

Seiten
10
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656698487
ISBN (Buch)
9783656700340
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276584
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Schlagworte
lehrer vermitteln fähigkeit urteilsbildung

Autor

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