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Konfliktkultur in der Schule. Bausteine zur sozialen Kompetenz

von Klaus Hubelnig (Autor) Eleonore Hubelnig (Autor)

Hausarbeit 2012 39 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Hinweis:

1. Einleitung

2. Soziale und Kommunikative Kompetenz als Bildungsziel
2.1 Kommunikationsdefiziten wirksam begegnen
2.1.1 Kommunikation als Unterrichtsprinzip
2.1.2 ‚Soziales Lernen’ als eigenes Unterrichtsfach
2.1.3 Konflikte als Sprechanlässe nutzen
2.2 Handlungsorientierter, schülerzentrierter Unterricht
2.2.1 Konkurrenz- und Leistungsdruck vermindern

3. Die Klassengemeinschaft – ein Lernort für sozial kompetentes Verhalten
3.1 Umgang mit Konflikten schon vor der Pubertät trainieren
3.2 Konfliktprävention während der Gruppenentwicklung
3.2.1 Phase der Orientierung
3.2.2 Einführung von Normen
3.2.3 Erstes Auftreten von Konflikten
3.2.4 Regeln erleichtern das Zusammenleben

4. Konflikte in der Schulklasse
4.1 Differenzen
4. 2 Die Entstehung von Konflikten
4.3 Typische Konflikte in der Schulklasse
4. 4 Diagnose von Konflikten
4. 5 Konflikttypen
4. 6 Die Eskalationsstufen von Konflikten

5. Konfliktbehandlung
5.1 Präventive und kurative Konfliktbehandlung
5.2 Auf dem Weg zur Konfliktkompetenz
5.2.1 Wissen- die Selbstkenntnis
5.2.2 Wollen- unsere Bedürfnisse
5.2.3 Können- Kompetenzen erwerben

6. Kleiner Exkurs - Verbale und nonverbale Kommunikation
6.1 Die vier Seiten einer Nachricht
Der Sachinhalt oder : Worüber ich informiere
Selbstoffenbarung oder: Was ich selbst von mir kundgebe
Beziehung oder: Was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen
Appell oder: Wozu ich dich veranlassen möchte
6.2 Kommunikative Basisfertigkeiten
6.2.1 Feedback geben
6.2.2 Aktives Zuhören
6.2.3 ICH-Botschaften
6.2.4 Richtig verhandeln

7. Sozialtraining in der Klasse
7.1 Ziele des Sozialtrainings
7.1.1 Differenzierte soziale Wahrnehmung trainieren
7.1.2 Erkennen und Äußern von Gefühlen
7.1.3 Selbstbehauptung
7.1.4 Kooperation
7.1.5 Einfühlungsvermögen
7.2 Umsetzung in der Klasse
7.2.1 Lehrer fortbilden
7.2.2 Die Eltern einbeziehen
7.2.3 Gute Konfliktkultur erlernen - ein Praxisbeispiel:

8. Fazit

Hinweis:

Autorenschaft: Die Kopfzeile auf der jeweiligen Seite informiert darüber, wer der Verfasser des jeweiligen Kapitels ist.

Genderhinweis: Aus Vereinfachungsgründen zum Zwecke der besseren Lesbarkeit haben wir uns entschieden, die männliche Form (Lehrer/ Schüler) zu verwenden. Diese Bezeichnung schließt selbstverständlich auch die weibliche Form (Lehrerin/ Schülerin) ein.

1. Einleitung

Dass es vielen Kindern und Jugendlichen immer schwerer fällt, sich in einer Gruppe zurechtzufinden, sich an Regeln zu halten oder gar mit Konflikten konstruktiv umzugehen, das beobachten Pädagogen bei Schülern in allen Altersgruppen. Miteinander respektvoll, rücksichtsvoll und verantwortungsvoll umzugehen, kann gelernt werden. Schulen, die positives Befinden fördern, unterstützen ihre Schüler bei der Erfüllung der schulischen Aufgaben, fördern ihre Bereitschaft zum Lernen und leisten auch einen Beitrag zur Prophylaxe im Hinblick auf unerwünschtes Verhalten.

Eine Schulklasse ist ein Ort, an dem Schüler viele Stunden ihres Lebens gemeinsam mit anderen verbringen. Hier lernen sie, hier erleben sie Gemeinschaft, hier können sie Kooperation und Teamfähigkeit erwerben und hier werden auch Konflikte ausgetragen. Es besteht also die Chance, soziale Kompetenz als wichtige Schlüsselqualifikation für das Leben zu erwerben.

In dieser Arbeit soll auf die Bedeutung des Sozialtrainings in der Schule hingewiesen werden. Vor allem die Konfliktkompetenz soll dabei im Fokus stehen. Wie kann man also Sozialkompetenz und Kommunikationskompetenz, wie ein friedliches Miteinander fördern? Wie kann man Konflikten begegnen, wie durch gute Kommunikation eine Eskalation von Konflikten verhindern?

Das erste Kapitel beschäftigt sich zunächst kurz damit, warum soziale und kommunikative Kompetenz als wichtiges Bildungsziel verwirklicht werden sollten und welche Art von Unterricht diese Kompetenzen fördert.

Anschließend gehen wir der Frage nach, wie eine gute Klassengemeinschaft nicht nur Bedingung für ein förderliches Lernklima sondern auch Lernort für sozial kompetentes Verhalten ist. Schon während der Phasen der Gruppenbildung kann hier der Umgang mit Konflikten trainiert werden. Dabei spielt in der Sekundarstufe I auch die Pubertät eine wichtige Rolle.

Anschließend geht es grundlegend darum, wie Konflikte entstehen, um Konflikttypen und Eskalationsstufen und um typische Konflikte in der Schulklasse. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Pädagogik? Wie kann man Konfliktsituationen angemessen begegnen? Wie können Konflikte bearbeitet werden? In einem kleinen Exkurs werfen wir einen Blick auf grundlegende Phänomene, die bei der Kommunikation von Menschen möglicherweise zu Konflikten führen können.

Im letzten Kapitel wird das Sozialtraining in der Klasse besprochen. Welche Ziele werden verfolgt um zu einer guten Konfliktkultur zu gelangen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen konkret trainiert werden? Wie soll die Umsetzung in der Klasse vor sich gehen? Es wird gezeigt, wie man gute Kommunikation in der Klasse fördern kann. Welche Werkzeuge kann man den Schülern anbieten, die zu einer fairen Streitkultur beitragen können? Mit einem Praxisbeispiel soll gezeigt werden, wie eine Unterrichtseinheit zur Förderung sozialer Kompetenz als Beitrag zur guten Konfliktkultur konkret aussehen kann.

2. Soziale und Kommunikative Kompetenz als Bildungsziel

Ein erweitertes Lern- und Bildungsverständnis verlangt, die vorhandenen Potenziale der Schüler möglichst ganzheitlich zu entwickeln. Dabei hat auch der Bereich Kommunikation einen zentralen Stellenwert. Der Lern- und Berufserfolg und die persönliche Zufriedenheit im Privatleben hängen davon ab, ob man angemessen kommunizieren kann. Sozial kompetentes Verhalten kann man allerdings bei vielen Schülern nicht mehr voraussetzen. Petermann schreibt dazu: „Verhaltens-auffälligkeiten wie Aggression, Hyperaktivität sowie soziale Angst, die eine folgenschwere Verhaltenseinschränkung bewirken, rauben dem Kind die Möglichkeit, ein situationsangemessenes und differenziertes Verhaltensrepertoire zu entwickeln.“[1] Noch zu wenig untersucht sind die Auswirkungen von stundenlangem Internetkonsum unserer Kinder und Jugendlichen. In der Öffentlichkeit wird heftig diskutiert, ob exzessives Internetsurfen und Nutzen von sozialen Netzwerken grundlegende soziale Fähigkeiten, wie das Interpretieren von Mimik und Körpersprache verkommen lässt. Sozialtraining in der Schule kann einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es um die Aufarbeitung dieser Defizite geht.

Klippert weist darauf hin, dass das kommunikative Lernen häufig zu kurz kommt. Im Vergleich zu Früher wachsen Kinder heute vorwiegend in der Kleinfamilie auf. Er meint: „Diese fördert nicht nur den Individualismus und den Egoismus, sondern sie begünstigt tendenziell auch die Sprachlosigkeit. Es wird prinzipiell immer leichter, sich zurückzuziehen und ohne intensiveren Kontakt mit anderen Menschen durchs Leben zu kommen.“[2] Dass manche Schüler oft kaum mehr in ganzen Sätzen sprechen können, kann jeder Lehrer beobachten. Es ist daher eine unserer wichtigsten Aufgaben, auf diese Sprachlosigkeit angemessen zu reagieren und durch geeignete Programme mit Nachdruck gegenzusteuern.

2.1 Kommunikationsdefiziten wirksam begegnen

Sozialtraining und Kommunikationstraining bieten eine Entwicklungschance für jede Persönlichkeit und tragen zu einem positivem Schul- und Klassenklima bei. Es geht dabei auch um Wertorientierungen und Haltungen, Toleranz, Achtung und Respekt vor anderen Menschen, um soziales Engagement, um die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, um eine angemessene Selbsteinschätzung, um die Fähigkeit zu reflektiertem Handeln, um Gewalt- und Suchtprävention. Wenn eine Person über soziale Kompetenz verfügt, so trägt das dazu bei, dass sie von anderen akzeptiert wird und gibt ihr somit Selbstsicherheit. Wenn es ihr an sozial kompetentem Verhalten mangelt, sind Konflikte vorprogrammiert. Kommunikationstraining und Sozialtraining sind also immer auch Konfliktprävention. Es gibt in der Schule mehrere Möglichkeiten, kommunikativen Defiziten zu begegnen.

2.1.1 Kommunikation als Unterrichtsprinzip

Sozial- kommunikatives Lernen beugt der Sprachlosigkeit vor, indem es grundlegende Fähigkeiten trainiert: zum Beispiel das Zuhören, Begründen, Argumentieren, Fragen, Diskutieren, Kooperieren oder Präsentieren. Gemeint ist ein erweiterter Lernbegriff, der das Inhaltlich- fachliche Lernen, Methodisch-strategisches Lernen, Affektives Lernen und auch das Sozial- kommunikative Lernen umfasst.[3]

2.1.2 ‚Soziales Lernen’ als eigenes Unterrichtsfach

Im eigenen Unterrichtsfach ‚Soziales Lernen’ werden an manchen Schulen Verhaltensweisen und Kommunikationsformen vorgestellt, die dazu beitragen können, Sozialisationsdefizite im kommunikativen Bereich auszugleichen. Trainiert und geübt werden diese im alltäglichen Umgang, denn ein konstruktives Miteinander kann sich nicht auf einen Gegenstand beschränken. So können Schüler und Lehrer durch einen wertschätzenden Umgang miteinander Sicherheit und Respekt erfahren. Für Schulangst oder Frustration sollte dann kein Platz mehr sein.

2.1.3 Konflikte als Sprechanlässe nutzen

Häufig ergeben sich Sprechanlässe auch durch Konflikte in der Klasse. Früher noch hieß es: „Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir müssen weiter im Stoff. Klärt euer Problem in der Pause.“ Heute hat man erkannt, dass es hier um grundlegende Basiskompetenzen geht: Wie kann ich Konflikte lösen ohne Gewalt und böse Worte? Wie äußere ich meine Bedürfnisse richtig? Woran merke ich es, wenn es jemandem schlecht geht und wie kann ich helfen? Wie setze ich mich zur Wehr, wenn mich jemand drangsaliert? Was kann ich dazu beitragen, dass ich mit meinen Kameraden gut auskomme und dass wir uns wohl fühlen in unserer Klasse?

2.2 Handlungsorientierter, schülerzentrierter Unterricht

Kommunikationsdefiziten muss man aber auch generell durch einen Unterricht begegnen, der viele Sprechanlässe bietet. Handlungsorientierter, schülerzentrierter Unterricht, ein häufiges Wechseln der Methoden und eine neue Lernkultur bringen viele Möglichkeiten der Kommunikation und Kooperation. Klippert bringt eine Übersicht über handlungsorientierten Unterricht und teilt in die Berteiche Produktives Tun (Nachschlagen, Exzerpieren, Rätsel lösen, Plakate gestalten, Mindmap erstellen, Lernspiele…), Exploratives Handeln (Erkundung, Recherche, Interview, Exkursion, Projektarbeit, Experiment…) und Kommunikatives Handeln. Er führt eine Reihe von Lernaktivitäten an, die kommunikatives Handeln im Unterricht fördern, so z. B.: Gruppen- und Partnergespräche, Rollenspiel, Talkshow, Fishbowl- Gespräch oder Pro- und Kontra- Debatte.[4] Immer wieder sollte im Unterricht auch Zeit für Reflexion, für Entspannung und zum gemeinsamen Feiern und Spielen sein, alles Anlässe, die Kommunikation fördern.

2.2.1 Konkurrenz- und Leistungsdruck vermindern

Ein Unterricht, der auf ständiges Messen und Vergleichen aus ist, erzeugt Spannungen. Konkurrenz- und Leistungsdruck sowie Einzelkämpfertum und Sprachlosigkeit werden gefördert. Kooperation und Zusammenarbeit sind bei einem derartigen Unterricht sogar unerwünscht und untersagt, die Kommunikation untereinander wird verhindert, Leistungsunterschiede in der Klasse werden hervorgehoben, schwächere Schüler oder Schüler mit Defiziten an den Pranger gestellt. Ohne Zweifel werden auf diese Weise Aggressionen und Spannungen erzeugt. Insofern sind auch neue Formen der Leistungsbeurteilung notwendig, die vermehrt die konstruktive Zusammenarbeit in der Gruppe honorieren.

3. Die Klassengemeinschaft – ein Lernort für sozial kompetentes Verhalten

In der Publikation „Fragebögen zum Klassenklima“ des Hessischen Kultusministeriums wird darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Untersuchungen gibt, die ein positives Lernklima als wichtigen Einflussfaktor für das Leistungsverhalten, den Lernerfolg und die Einstellung zur Schule sowie das Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler belegen. Schulische Qualitätsentwicklung, so wird empfohlen, sollte daher das Klassenklima in besonderer Weise in ihre Überlegungen und Konzepte einbeziehen.[5]

Die Basis für ein friedliches, freundschaftliches Zusammenleben und damit auch für ein erfolgreiches Lernen sind gegenseitige Achtung und Wertschätzung, Hilfsbereitschaft und Respekt. Miteinander rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst umzugehen, niemanden auszugrenzen, andere Meinungen, andere Hobbys und Lebensweisen zu akzeptieren und nicht als Bedrohung zu empfinden, also ein Verhalten, von dem alle Beteiligten profitieren, stellt sich nicht von selbst ein.

Sozial kompetentes Verhalten ist nach Petermann ein Resultat aus dem Zusammenspiel von kognitiven Fähigkeiten und sozialen Fertigkeiten. Zu den kognitiven Fähigkeiten als Voraussetzung für kompetentes Verhalten zählen z. B. eine differenzierte Wahrnehmung, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und das Antizipieren von Konsequenzen. Fertigkeiten, die soziale Kompetenz zeigen, sind z. B. das Äußern von Gefühlen, Selbstbehauptung, allgemeine kommunikative Fertigkeiten und partnerbezogene Fertigkeiten wie Hilfsbereitschaft oder Kooperations- und Einfühlungsvermögen.[6] Dieses Verhalten muss gelernt und trainiert werden.

3.1 Umgang mit Konflikten schon vor der Pubertät trainieren

Besonders der konstruktive Umgang mit Konflikten, die in einer Klasse zwangsläufig auftreten, bedarf besonderer Beachtung. In fast jeder Klasse finden sich Kinder, die Schwierigkeiten mit der Selbstkontrolle haben und durch Verhaltensauffälligkeiten den Lehrern und Mitschülern zu schaffen machen. In der Sekundarstufe I kommt erschwerend hinzu, dass sich Schüler und Lehrer mit der stürmischen Entwicklungsphase der Pubertät auseinanderzusetzen haben.

Die Jugendlichen sind damit beschäftigt, ihre soziale Rolle zu festigen. Sie sind darauf konzentriert, wie sie im Vergleich zu ihrem eigenen Selbstgefühl in den Augen anderer erscheinen und wie sie früher aufgebaute Rollen und Fertigkeiten mit den Idealen und Leitbildern, die gerade modern sind, verknüpfen können. Wenn die Umgebung versucht, Jugendliche in dieser Zeit zu sehr ihrer Ausdrucksmittel zu berauben, können sie diese mit erstaunlicher Zähigkeit verteidigen.[7] Der junge Mensch löst sich von den Vorstellungen der Eltern und anderer Erwachsener, möchte Distanz, frei und unabhängig werden und muss die dafür notwendigen Kompetenzen erwerben. Es ist ein Konfliktstadium, in dem Erwachsene kritischer gesehen werden als vorher und die Gruppe der gleichaltrigen Freunde die dominierende Stellung bei der Orientierung einnimmt. Die Jugendlichen identifizieren sich mit Helden und Cliquen und sind, obwohl sie selbst Toleranz einfordern, oft sehr intolerant oder gar grausam anderen gegenüber, wenn es sich z. B. um andere Hautfarbe, Herkunft, Kleidung oder Musikgeschmack geht. Alles dient der Identitätsfindung. Der junge Mensch ist auf der Suche nach sich selbst, nach dem anderen Geschlecht, nach seiner Rolle in der Gruppe, nach seiner Aufgabe in der Zukunft. Viele sind beunruhigt über ihre Unfähigkeit, sich für einen beruflichen Werdegang zu entscheiden. Der ganze Körper und die Psyche sind in Aufruhr, das verängstigt und verwirrt, macht unsicher. In der Auseinandersetzung mit der Welt kann es zu Übertreibung, Auflehnung, Verweigerung und Rebellion kommen.[8] Eltern und Lehrer werden zum Reibebaum. Dass diese Zeit nicht konfliktfrei ablaufen kann, liegt auf der Hand.

Wichtig ist es daher, schon vor dieser Zeit eine gute Beziehung zu seinen Schülern aufzubauen und ihnen zu signalisieren, dass man auch in dieser schwierigen Phase für sie als verlässliche Bezugsperson und Ansprechpartner da ist und nicht jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage gelegt wird. Der Umgang mit Differenzen, Störungen und Spannungen, das faire Streiten, das Diskutieren, das Aushandeln und Schließen von Kompromissen sollte bereits trainiert werden, bevor diese schwierige Phase auftritt.

3.2 Konfliktprävention während der Gruppenentwicklung

Die Gruppenentwicklung in einer Schulklasse verläuft in bestimmten Phasen: Stanford unterscheidet fünf Stadien, die eine Gruppe durchläuft und die hier kurz vorgestellt werden. Orientierung, Einführung von Normen, Umgang mit Konflikten, Produktivität (Wir- Gefühl – die Gruppe arbeitet äußerst produktiv) und Auflösung (Trennung – die Gruppe geht auseinander).[9]

Hilfreiches Lehrerverhalten kann in jeder Phase die Entwicklung unterstützen und somit Konflikten vorbeugen. Besonders die Phase ’Umgang mit Konflikten’ ist für diese Arbeit interessant. Die Phasen ‚Orientierung’ und ‚Einführung von Normen’ haben allerdings großen Einfluss darauf. Daher werden im Folgenden diese drei Phasen etwas näher betrachtet.

3.2.1 Phase der Orientierung

Im ersten Stadium der Orientierung herrscht gespannte Neugier und eine gewisse Vorsicht. Was wird hier von mir erwartet? Wer sind die anderen? Schon jetzt beginnt die Konfliktprävention, wenn dafür gesorgt wird, dass die Kinder sich willkommen fühlen. So kann das Selbstvertrauen entstehen, dass man die Herausforderungen bewältigen wird, dass man ein wichtiges und wertvolles Mitglied der Gemeinschaft ist.

Lehrer können hier helfen und der Unsicherheit der Kinder vorbeugen, indem sie genaue Informationen geben, genügend Zeit für Fragen lassen und diese geduldig beantworten und indem sie Raum zum Kennenlernen schaffen. Die Lehrer sollten Beispiel für die Schüler sein durch ihre wertschätzende Art der Kommunikation. Es muss viel Gelegenheit geben zur Zusammenarbeit in ständig wechselnden Partner- und Gruppenkonstellationen. So lernen sich die Kinder kennen, entdecken Gemeinsamkeiten und lernen Verschiedenartigkeit zu akzeptieren.

Besonders wichtig ist es auch, gemeinsam Spaß zu haben, zu feiern, zu spielen und zu lachen oder als Team Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen. So lassen positive Erlebnisse eine Klasse zusammenwachsen.

3.2.2 Einführung von Normen

Als zweites Stadium bezeichnet Stanford die Einführung von Normen. Er nennt fünf Normen: Die Selbstverantwortlichkeit der Gruppe (Schüler übernehmen Verantwortung für sich selbst und die Mitschüler), das Eingehen auf die anderen (einander zuhören, auf andere achten), die Kooperation (statt Konkurrenz), das Treffen von Entscheidungen durch Konsens und die Notwendigkeit , sich Problemen zu stellen und diese auch zu bewältigen.[10]

Es geht also darum, Probleme nicht unter den Tisch zu kehren, sondern anzusprechen, was schief läuft. Hilfreich in dieser Phase ist ein schülerzentrierter Unterricht bzw. Gruppenunterricht, die Wahl einer Sitzordnung, die Zusammenarbeit ermöglicht und Lernarrangements, die Kooperation erfordern. Hier sollte auch gezielt mit dem Kommunikationstraining begonnen werden: konstruktives Feedback geben, aktives Zuhören, Ich- Botschaften senden, damit die Zusammenarbeit verbessert wird. Wir werden später darauf noch näher eingehen. Mit der letzten Phase, sich Problemen zu stellen, erreicht die Gruppe das dritte Stadium, das uns in dieser Arbeit besonders interessiert:

3.2.3 Erstes Auftreten von Konflikten

Stanford schreibt: „Wenn die Klasse erst einmal begonnen hat, offener und direkter miteinander zu kommunizieren, ist es völlig normal, daß zwischenmenschliche Konflikte zunehmen.“[11] Es ist keineswegs ein Zeichen für ein schlechtes Klassenklima, wenn Probleme auftreten, im Gegenteil: Oft gibt es unter der Oberfläche schwelende, unausgesprochene Konflikte, die eine gute Zusammenarbeit erschweren. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder Zeit für Reflexion zu nehmen und anzusprechen, was die Arbeit und das Zusammenleben stört oder beeinträchtigt. Stanford meint dazu: „Die „Büchse der Pandora“ muß geöffnet und Konflikte offen ausgetragen werden. Die Konflikte, die dadurch entstehen, sind nicht „neue“ Konflikte, sondern einfach die offene Austragung von Konflikten, die immer schon präsent waren, die aber ignoriert wurden.“[12] Jedes Mitglied der Klasse sollte dabei gehört und ernst genommen werden nach dem Grundsatz: „Jeder soll sich in der Klasse wohl fühlen, jeder ist gleich wichtig und gleich wertvoll und was uns stört, das sprechen wir offen aus.“ Die Art und Weise, wie man dabei vorgeht, damit es auch zu einem konstruktiven Umgang mit dem Problem kommt, das muss trainiert werden.

3.2.4 Regeln erleichtern das Zusammenleben

Üblicherweise wird zu Beginn eines Schuljahres auch die Hausordnung besprochen. Sobald die ersten Probleme auftreten, wird Schülern klar, dass auch klare Regeln für das Miteinander-Umgehen in der Klasse aufgestellt werden müssen und dass es Vereinbarungen geben muss, welche Konsequenzen ein Nichteinhalten dieser Regeln nach sich zieht. Wenn Schüler den Eindruck haben, es gäbe keine klaren Spielregeln, dann wird diese Situation zum Austesten von Stärke und Macht ausgenutzt. Soziale Systeme brauchen feste Regeln, sonst fordern sie geradezu heraus, selbst Regeln nach eigenen Machtansprüchen aufzustellen.[13] Lehrer müssen klar formulieren, was sie von den Schülern erwarten. Regeln geben Sicherheit und Orientierung, ermöglichen klare Rahmenbedingungen, sorgen für einen störungsfreien Unterricht und erleichtern damit das Lernen, während Regellosigkeit zu Unsicherheit und Aggression in der Klasse und somit zu Konflikten führt. Somit ist die Einigung auf gemeinsame Regeln ein wichtiger Beitrag zur Konfliktprävention.

[...]


[1] Petermann, F. et al (1999) : Sozialtraining in der Schule. Materialien für die psychosoziale Praxis, 2. überarbeitete Auflage, Weinheim, S.35.

[2] Klippert, H. (2002): Kommunikationstraining. Übungsbausteine für den Unterricht, 9. unv. Auflage, Weinheim- Basel , S.31.

[3] Vgl. Klippert (2002),S.31.

[4] Vgl. Klippert (2002), S.33.

[5] Vgl. Diel, E. / Nieder, T. (2010) :Fragebögen zum Klassenklima. Hessischer Referenzrahmen Schulqualität, 2. (überarbeitete) Fassung, Hessisches Kultusministerium Institut für Qualitätsentwicklung (IQ) (Herausgeber), Weinheim, S. 30.

[6] Vgl. Petermann (1999), S.10.

[7] Vgl. Reisch, R. / Schwarz, G. (2002): Klassenklima – Klassengemeinschaft. Soziale Kompetenzerwerben und vermitteln, Wien, S.74.

[8] Vgl. Stanford, G. (1980): Gruppenentwicklung im Klassenraum und anderswo. Praktische Anleitung für Lehrer und Erzieher, Hrsg.: Schreiner G., Braunschweig, S.192.

[9] Vgl. Stanford (1980), S.15-18.

[10] Vgl. Stanford (1980), S.15-18.

[11] Stanford (1980), S.17.

[12] Ebd., S.191.

[13] Vgl. Hurrelmann, K./ Bründel, H. (2007): Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise, 2. Auflage, Weinheim und Basel, S.44.

Details

Seiten
39
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656706120
ISBN (Buch)
9783656707219
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276656
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern – Human Ressources
Note
gut
Schlagworte
konfliktkultur schule bausteine kompetenz

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Titel: Konfliktkultur in der Schule. Bausteine zur sozialen Kompetenz