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Der Mythos "Europa" bei Ovid und Herodot. Ein Mädchenraub als Bezugspunkt kultureller Identität

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis.

A.DieEtymologiedesWortes„Europa“

B.DerMythosEuropa
I.DieBedeutungvonMythen
II.DerMythosEuropainderAntike
1.DerInhaltderErzählung
2.DerEuropamythosinderantikenLiteratur
a)DerEuropamythosinHerodotsHistorien
b)DieDarstellungdesMythosbeiOvid
c)Europa in den „Metamorphosen“
d)Europa in den Fasten
III.DerMythosinderGegenwart
1.Rezeption
a)PolitisierungdesMythos
b)RezetiondesMythosinLiteratur,KunstundandereErscheinungsformen
II.KannderMythosIdentitätsstiftersein?

C.Fazit...

„...Europa betritt die Bühne der Geschichte durch die Pforte der Mythologie.“

Wilhelm Tielker

A..Die.Etymologie.des.Wortes.„Europa“..

Im Zuge des Gesellschaftswandels erfuhr auch der Begriff „Europa“ einen vielfachen Bedeutungswandel. Er wurde auf vielerlei angewandt. Auf die mythologische Königstochter, Erdallegorie, politische Propaganda, Wirtschafts-, Glaubens-, Wertegemeinschaft und die kulturelle Identität. Allerdings war es die mythologische Figur, die den Mythos ins Leben rief und ihm den Nimbus verlieh der ihn auch heute noch auszeichnet.1 Doch die Herkunft des Wortes bleibt umstritten. In „Europa“ verbirgt sich das asyrische „erp“ (dunkel, finster, wo die Sonne untergeht) romantisierend eindeutig als das Abendland zu verstehen. Das Gegenteil zu „Asien“, dem Morgenland, dem Land der aufgehenden Sonne. Für die ältere Geschichte der Erdteile lässt sich das Gegensatzpaar erp-asis durchaus übertragen. Asien, als Wiege der glänzenden Hochkultur - Europa als finstere, barbarische Peripherie, zu der im Prozess der Zivilisation die Sonne der ersten Hochkulturen nur mühsam durchdrang. Auch die antiken Grammatiker befassten sich mit der Herkunft des Wortes im Hinblick auf die mythologische Person. Sie erkannten „Europa“ als eine Zusammensetzung der Wörter „breit“ und „sehen“, in der Bedeutung „weitsehend“ aufgefasst. Die Versuche moderner Sprachforscher, den Namen aus dem griechischen abzuleiten, müssen als gescheitert angesehen werden. Gegen die wiederholt aufgegriffene griechische Etymologie spricht der unerklärliche Ausfall einzelner Buchstaben. Heute neigt man eher dazu, den vorgriechischen Ursprung anzunehmen.2

In der folgenden Arbeit möchte ich nicht nur die Herkunft und die Bedeutung des Wortes „Europa“ hinterfragen. Vielmehr soll eine eingehende Betrachtung der Rezeption des Mythos durch Herodot und Ovid erfolgen. Ferner möchte ich der Frage nachgehen, in welcher Weise diese Geschichte um die phönizische Königstochter noch eine Bedeutung für die heutige Gesellschaft haben kann. Braucht Europa überhaupt einen gemeinsamen Mythos und kann ein Mädchenraub als ein solcher fungieren?

B.Der.Mythos.Europa.

I.Die.Bedeutung.von.Mythen.

Es handelt sich bei Mythen gemeinhin um Erzählungen. Dies verrät bereits die griechische Etymologie des Wortes „Mythos“. Auf Altgriechisch bedeutet das Wort nämlich „die Geschichte“ oder „das Wort“, also ein Synonym für „Logos“.3

Seit Menschengedenken werden Mythen geschaffen und mit ihnen die Umstände und Bedingungen, manchmal auch die Missstände, einer Gesellschaft zu erklären. Ändern sich diese, ändern sich auch die Mythen mit ihnen. Demzufolge sind sie also äußerst anpassungsfähig und zeitlos. Sie spiegeln das individuelle und kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft wider. In der Antike bediente man sich eines reichen Mythenschatzes, um Unverständliches oder unerklärbare Phänomene zu begründen und damit auch die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden. Erzählungen wie die der Europa wurden auch oft instrumentalisiert, um einen Grund für Überlieferungen, eine Rechtfertigung für geschichtliche Vorgänge zu finden oder sogar zum Ausdruck des eigenen Glaubens. Mythen dienten als Erzählungen mit einem gemeinsamen gesellschaftlichen Zweck. Vor allem die Vieldeutigkeit und Anpassungsfähigkeit verhalfen dem Mythos zu seiner, die Jahrtausend überdauernden Beliebtheit. Das Verständnis der Menschen von den Mythen änderte sich je nach Epoche. Für die Adeligen diente der Mythos beispielsweise noch bis über die römische Kaiserzeit hinaus zur Legitimation ihrer Autorität.4 Zu der Zeit der Renaissance fungierte er als Vermittler zwischen der Antike und dem Christentum. In der heutigen Gesellschaft wird der Mythosbegriff erneut mit der „fabula“ gleichgesetzt, die schlicht etwas Erfundenes und Unwahres bedeutet. Doch all seinen Gegnern und Kritikern zum Trotz überlebte der Mythos bis heute um „in überindividuellen, zeitlosen Bildern zu uns zu sprechen.“5

II.Der.Mythos.Europa.in.der.Antike.

1.Der.Inhalt.der.Erzählung.

All dies bestätigt auch der Mythos um den Raub der Europa. Er hat sämtliche Jahrhunderte von der klassischen Antike bis zur Gegenwart überdauert und sich jeweils den politischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen verschiedenster Epochen aufs Neue angepasst und dadurch seinen Fortbestand gesichert. „Der Europamythos (...) erreichte uns als Flaschenpost aus dem Meer des Vergessens. In ihm verknüpfen sich Geschichte, Mythologie, Literatur und bildende Kunst wie in einem Liederkranz (...)“6 Folglich lassen sich zahlreiche Nach- und Neuerschaffungen des Europamythos finden, insbesondere in der Kunst und Literatur. Dies bezeugt die differenzierte Rezeptionsgeschichte. Je nach Tradierung wurde die Entführung der Europa mal als Raub, aber auch als Verführung interpretiert und die Vereinigung des Zeus mit Europa bald als Liebesakt, bald als Vergewaltigung. Die Auslegungen divergieren nicht nur zeitabhängig, sondern auch je nach Autor. Die Darstellung der Europa zum Beispiel variieren von der naiven Jungfrau, der zu Gott hinstrebenden Seele bis hin zur verruchten Verführerin. Im Folgenden wird die Handlung des Mythos zusammengefasst.

Europa galt als Tochter der Telephassa und des Königs Agenor von Tyros, einer Stadt in Phönizien, die etwa dem Landstrich im heutigen Libyen entspricht. Zeus bemerkt die wunderschöne Königstochter, während sie mit ihren Gefährtinnen an einem Ufer spielt und verliebt sich sofort in sie. Er bittet seinen Sohn, den Götterboten Merkur, als Hirtenjunge zu den Ufern von Tyros herabzusteigen und die Rinderherde des Königs ans Ufer zu führen. Den geläufigsten Überlieferungen zufolge verwandelt sich Zeus daraufhin in einen weißen Stier und mischt sich unter jene Herde. Als Europa mit ihren Spielgefährtinnen in seine Nähe kommt, versucht er alles, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Europa, die sich zuvor ängstlich und schüchtern über seine zahme, menschliche Art wundert, fasst Vertrauen zu dem prächtigen Tier und erwidert seine Zärtlichkeiten. Als der Stier vor ihr niederkniet, setzt sie sich auf seinen Rücken und fordert ihre Freundinnen auf, es ihr gleichzutun. Doch der Stier richtet sich plötzlich auf und schwimmt mit seiner kostbaren Beute ins offene Meer hinaus. Auf diese Szene folgt meist eine ausgedehnte Schilderung der Meeresüberquerung von Asien nach Kreta. Auch in diesem Fall divergieren die literarischen Rezeptionen voneinander. In einigen Versionen wird die Meeresüberfahrt lediglich erwähnt, wie etwa in Ovids Metamorphosen. In anderen Werken zum Beispiel bei Lukians Meergöttergespräch wird ihr der Hauptanteil gewidmet und als Übergang von einer Welt in eine andere verstanden. Während der Meeerfahrt versucht Zeus, Europa milde zu stimmen, indem er ihr verspricht, dass sie seine Gattin werden, ihm drei Kinder gebären und die Namensgeberin eines Kontinents werden wird.

In Kreta angekommen verwandelt sich Zeus zurück und vereinigt sich mit der Prinzessin, die ihm wie prophezeit, drei Söhne gebärt. Nach mythografischer Tradition gibt Zeus dem kinderlosen König Kretas, Asterios, die Europa zur Frau und schenkt ihm als Entschädigung für ihre geraubte Jungfräulichkeit den Talos. Dieser soll das Reich des Astrios verteidigen. Asterios adoptiert Europas Söhne und setzt sie als zukünftige Herrscher ein. Einer der drei, Minos, wird sein Nachfolger und der Gründer der minoischen Dynastie. Als Agenor von Europas Entführung erfährt, bittet er seine Söhne, Europa zu suchen und sie nach Phönizien zurückzubringen. Europas Bruder Kadmos begibt sich daraufhin nach Delphi um das Orakel um Rat zu fragen. Dieses rät ihm, eine Kuh mit einem mondförmigen Flecken zu suchen und sich dort niederzulassen. Also folgt Kadmos der Kuh und gründet die Stadt Theben.

So hat die bildreiche Geschichte von der entführten Prinzessin über Jahrhunderte hinweg fortgelebt und wurde einer der bedeutendsten Mythen des Abendlandes und Ausgangspunkt eines großartigen Sagengeflechts, wie zum Beispiel die Kadamossage und weitere Sagen aus der minoischen Kultur. „ Reiht sich die schöne Europa anfangs nur als eine unter vielen in die Riege der Zeusliebeschaften ein, so gewinnt sie schnell an Eigenbedeutung und wird zur Identifikations- und Symbolfigur auch in der Literatur.“7

2.Der.Europamythos.in.der.antiken.Literatur.

In der Antike wurde der Raub der Europa keineswegs als gewaltsame Entführung verstanden. Vielmehr galt die Geschichte als eine Art „Glücksmetapher“8. Europa konnte sich glücklich schätzen, die Auserwählte und künftige Gattin des obersten Gottes sein zu dürfen. Die Tatsache, dass Zeus sich zu seiner Tat gedrängt fühlte, deutet zudem auf Europas Fruchtbarkeit und Schönheit hin.

Man begegnet dem Europamythos in der Antike vornehmlich an geweihten Orten, in der Kunst und auch der Literatur. Das Altertum verfügte über verschiedene literarische Quellen für den Mythos. Diese lassen sich in zwei Typen einteilen: die in griechischer Sprache, wie die Werke Homer, Hesiods, Moschos und Herodots. Außerdem existierte in der Antike der Mythos in lateinischer Sprache durch Überlieferungen von Horaz, Fulgentius, Laktanz und in den Metamorphosen und den Fasten des Ovids. In einigen Texten stimmt die Handlung stellenweise überein, in anderen widersprechen oder ergänzen sie sich. Ausschlaggebend für die Rezeption des Europamythos in der klassischen Antike waren jedoch zweifelsohne die Werke von Ovid.

Doch bevor das Augenmerk auf diese Hauptrezeption gerichtet wird, soll vorab ein Einblick in Herodots Auffassung über die Europa gewährt werden.

a).Der.Europamythos.in.Herodots.Historien.

Im dritten Jahrhundert vor Christus nimmt sich der heute umstrittene Geschichtsschreiber Herodot in seinen Historien des Themas an. Er bevorzugt eine „euhemeristische Interpretationsweise“9. Dadurch entsteht eine rationalistische Rezeption des Mythos, die sich auf historische Ereignisse beruft. Herodot berichtet über eine Kettenreaktion im Rahmen des griechisch-persischen Konflikts der als Vergeltungsmaßnahmen etliche Raubzüge mit sich brachte. Der Konflikt soll mit dem Raub der Io durch phönizische Kaufleute begonnen haben, dann sei Europa durch einen griechischen Kaufmann namens Tauros geraubt worden, und schließlich sollen sich die Phönizier mit dem Raub der Helena gerächt haben. In seinem VII. Buch der Historien gebraucht Herodot als erster klassischer Autor den Begriff „Europa“ für den Kontinent.

Warum dieser jedoch so genannt wird, will ihm nicht recht einleuchten.10 Es bereitet ihm regelrecht Unbehagen, die Namen Europas und Asiens von Frauennamen ableiten zu müssen. Deshalb will er die gängige Tradition, zunächst mit Rekrus auf eine angeblich asiatische Überlieferung relativieren: Den Lydern nach soll Asien nicht nach Asia, der Gattin des Prometheus heißen, sondern nach Asies. Woher sich aber „Europa“ ableite, sei gänzlich ungewiss. Denn die Kadmos-Tochter Europa habe als eine Phoinikerin Europa im eigentlichen Sinne nie betreten, sondern sei nur nach Kreta gelangt und von dort wieder nach Lykien. Es gebe somit also gar keinen Grund, den Namen des Kontinents von ihr abzuleiten. Diese Polemik lehrt, dass für Herodot Kreta nicht eigentlich zu Europa gehört und veranschaulicht das bipolare Weltbild des Autors. Da im Grunde alles Festland zusammenhängende Erde bildet, will Herodot eine Benennung mit drei Namen - Europa, Asien und Lybien, überhaupt nicht so recht einleuchten. Der Gegensatz von Europa und Asien ist ihm dagegen sehr wichtig, doch geht es dabei - wie schon in den Persern und in der Umweltschrift - um weit mehr als um geografische Kategorien. Der große Gegensatz zwischen Asien und Hellas, der sich in der Grundverfassung der Kontrahenten manifestiert:

[...]


1 vgl. Ferucci, Stefania (2010): Zur Rezeption des Europamythos in Italien, S. 11.

2 Bühler, Winfried (1968): Euroa. Ein Überblick über die Zuegnisse des Mythos in der antiken Literatur und Kunst, S. 44.

3 vgl. Graf, Fritz (1991): Griechische Mythologie. Eine Einführung, S.7.

4 vgl. Dietz, Günther (2003): Europa und der Stier. Ein antiker Mythos für Europa?, S. 57.

5 Traute, Petersen (2006): Europa. Eine Kulturgeschichte in Bildern, S.9.

6 vgl. Jattie Enklaar (1996): Europa: Entführte und Erwählte. Zur Verjüngung eines Mythos im 20. Jahrhundert, S.9.

7 Ißler, Roland Alexander (2006): Metamorphosen des „Raubs der Europa“, S. 10.

8 Schmale, Wolfgang (2001): Geschichte Europas, S. 25.

9 Ferucci, Stefania (2010): (wie Anm.1), S.15.

10 vgl. Bichler, Reinhold (2000): Herodots Welt, S.19.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656702832
ISBN (Buch)
9783656703426
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276750
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Sprachwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Ovid Herodot kulturelle Identität Mythos Griechenland Mädchenraub EU Europa europäische Kulturgeschichte

Autor

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