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Josephe als Sünderin und Heilige in Heinrich von Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili"

Bachelorarbeit 2013 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Analyse

SCHLUSSFOLGERUNG

Vorwort

Heinrich von Kleists Novelle1 „Das Erdbeben in Chili“ lenkt die Aufmerksamkeit auf sich mit ihren verschiedenen Aspekten. Unter anderem reflektiert sie ein dezidiertes kritisches Verhältnis des Schriftstellers zu der Kirche und ihren Vertretern. Eines der Themen, mit denen sich dieser Schriftsteller beschäftigt, bezieht sich auf Problematik der Sündhaftigkeit und Heiligkeit. Sündhaftigkeit betrachtet er in der Domäne der Beziehung zwischen Männern und Frauen, in dem er bekannt gibt, was in der heutigen Gesellschaft und seitens der Kirche akzeptabel ist, und was nicht. Es zeigt sich, dass die Kirche konzeptionell die Beziehungen bestimmt und sehr strenge Einschränkungen erlässt. Sie ist eine sehr konservative Institution und traditionsverbunden. Hinter den göttlichen Gesetzen bedeckt sie sich und sieht sich als Vermittler zwischen Gott und Menschen, und alle Ereignisse erklärt sie als Ausdruck von Gottes Willen. Brutale Repressalien gegenüber sündigen Liebhabern interpretiert sie als Ausdruck vom Zorn Gottes, natürliche Phänomene (Erdbeben) stellt sie als Zeichen der Strafe Gottes dar oder als Zeichen der bevorstehenden noch brutaleren Sanktionen Gottes (das Jüngste Gericht). Kleist als Schriftsteller hat eine negative Haltung gegenüber dieser Rolle der Kirche. Er äußert sich zu seiner Einstellung mit einer Vielzahl von literarisch-künstlerischen Mitteln. Die besten Ergebnisse erreicht er anhand des biblischen Kontexts und der biblischen Anspielungen. Indem er manchmal biblische Motive verwendet, macht er bestimmte Änderungen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Sein Urteil ist besonders streng im Finale des Werkes, wo er Sittlichkeit der Kirche völlig verzerrt und karikiert. Der Raum der Kirchen scheint in diesem Werk als die Vorhölle und einige Figuren nehmen fast Bezug auf den Satan. Das Bild ist zweifellos hyperbolisch, aber sehr indikativ.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Figur von Josephe, die eine der zentralen Figuren des Werkes ist. Ausgerechnet am Beispiel dieser Heldin veranschaulicht Kleist Heuchelei, die abartigen Grundsätze der Gesellschaft und die Sündhaftigkeit, die nicht aus Liebe, sondern als Frucht der Bösartigkeit, Heuchelei und abartigen Neugier entstehen. Im Werk gibt es eine ganze Reihe von Sündern (die Eltern der Hauptprotagonisten, ihre Verwandten, Kleriker und eine riesige Anzahl von Personen der weltlichen Obrigkeit, die zu den verschiedenen sozialen Schichten gehören). Gerade durch die Konfrontation des Liebespaares und ihnen feindlich neigender Personen erzielt man die stärksten Ergebnisse in der Verzerrung des verzerrten religiösen Prinzipien, die nicht mehr auf der ursprünglichen christlichen Lehre beruhen, sondern das Ergebnis der Umdeutungen und Anstrebungen der Kirche, die Richter und Mediator in den menschlichen Beziehungen zu sein scheint. Im Werk gibt es nicht viel Rede von Heiligkeit. Doch wird dieses Thema unter der Oberfläche verborgen. Durch den ironischen Diskurs erzielt der Schriftsteller den Eindruck, dass Josephe tatsächlich das Attribut "heilige" verdient, indem sie sich mit ihren außerordentlichen Tugenden, Missbosheit und Bereitschaft für andere opfert. In dieser Arbeit wird die Beziehung des Autors gegenüber Sündhaftigkeit und Heiligkeit am Beispiel Josephes analysiert. Obwohl der Schriftsteller nach Objektivität strebt, bemüht er sich zweifellos, klar seine Sichtweisen anzudeuten. Daher werden die Textstellen, wo er von der Sündhaftigkeit oder Heiligkeit Josephes spricht, tiefer einer Prüfung unterzogen. Hier werden auch die anderen Standpunkte, nämlich der Zeitgenossen von Josephe, präsentiert, die vor allem ihre Kritiker und die Übeltäter für ihren Märtyrertod verkörpern.

Analyse

Josephe ist eine symbolische Figur, der Subjekt der Tragödie, die das Verhältnis von Kleist gegenüber der Gesellschaft, der Stadt, der Zivilisation, der Brutalität der städtischen Umwelt, religiöser Heuchelei, gescheiterter Moral, reflektiert. Er zeigt die Dekadenz der Ständegesellschaft, die hierarchisch festgelegte Beziehungen und verzogene moralische Prinzipien hat. Nach der Meinung einiger Kritiker (Walter Silz), sollte die ganze Novelle Josephes Namen tragen.2 Der Moralkodex stammt aus der Kirche, die die Grundsätze der Evangelien verzieht, wie etwa Nächstenliebe, Vergebung der Sünden durch Reue usw. Von der Kirche stammen schwere Strafen (im Geist von mittelalterlicher Inquisition verficht sie die Verbrennung der Sünder) und der Grundsatz, dass die Sünde nicht vergeben werden kann.

Die Kirche selbst stellt sich als ein Instrument des Handels Gottes vor, wobei sie jede ihre Verfahrensweise als Folge des Willens Gottes interpretiert. Sie ist der weltlichen Obrigkeit übergeordnet (Überordnung des sacerdotium über das regnum), während diese der Kirche untergeordnet ist. Josephe symbolisiert die wahre göttliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, die die heuchlerische kirchliche Obrigkeit zerstört, indem sie göttliche Prinzipien nach ihren Bedürfnissen umdeutet. Gott vergibt Sündern, indem er seine große Barmherzigkeit zeigt; Kirche manipuliert die Menschen, indem sie im Vordergrund Gottes Zorn und Rache betont. Durch die Vorführung dieser Wut rechtfertigt sie ihre brutalen Handlungen und Entscheidungen. Einerseits fungiert die Kirche als Gottes Haus, ein Ort, wo Gott wohnt (lebt), andererseits erscheint sie in diesem Fall als Ort, von dem der Ausruf zum brutalen Massaker stammt. Sie stellt eine konservative und unveränderliche Struktur dar, die auch nicht einmal das Erdbeben erschüttern kann; Kleist hebt die Festigkeit dieser Struktur hervor. Im Gegensatz zur göttlichen Menschenliebe äußert die Kirche Rachgier und absolute Unvergebenheit. Sie zeigt Selektivität und verurteilt Josephe nicht nur wegen einer intimen Beziehung mit einem Lehrer, sondern vor allem wegen der Verletzung der Gesellschaftsregeln und der Auswahl eines Mannes aus der niedrigen Schicht, während sie ein reiches, aristokratisches und wohlerzogenes Mädchen ist (er ist auf einer unteren sozialen Skala). Auf diese Tatsache weist besonders die Verfahrensweise des Bruders Josephes, den der Schriftsteller als bösartig, betulich und überaus stolz charakterisiert. Er kündet brieflich bei seinem Vater, Don Enrico Asteron, die unpassende Beziehung seiner Schwester an. Offensichtlich zeigt sich bei ihm ein Klassenbewusstsein stärker als brüderliche Pflichten gegenüber seiner Schwester. Das Gesellschaftsrecht ist dem menschlichen übergeordnet. Der Anspruch der Menschen auf persönliches Glück steht im Widerspruch zu den Forderungen der Gesellschaft. Für Don Asteron, der seine Tochter im Kloster einsperren wird, sind Berücksichtigungen der Klassegesetze über dem individuellen Glück seiner Tochter. Er opfert sie gerade wegen dieser sozialen und patriarchalischen Überzeugungen. Sanktionen gegen Josephe sind strenger als gegen Jeronimo, weil sie aus höheren Schichten kommt und sie wissen muss, was ihr ansteht (der Vater bringt sie zum Kloster, damit sie physisch von jedem Kontakt mit Jeronimo verhindert wird). Außerdem ist für sie ganz unmöglich, jede Art der ehelichen Beziehung in der Zukunft zu erreichen, weil sie Novizin, bzw. Prüfling für die Nonne geworden ist. Sie wurde auf eine andere Weise bestraft, indem ihre ganze Erbschaft (Mönch / Nonne geloben sich zu Armut und verzichten auf Eigentum oder geben es der Kirche) weggenommen wurde. Der Schriftsteller mischt sich nicht unmittelbar ein, um Josephe Schutz zu gewähren, sondern macht es indirekt, indem er indirekte Kritik an ihren Feinden übt Er tritt als ihr Anwalt auf und verwendet Ironie als Argument zu ihrer Verteidigung. Ironisch nennt er Josephe "junge Sünderin", indem er den Standpunkt der Bewohner von Chile, ihrer Gegner, übernimmt. Kleist will die Kirchenvorschrift der weiblichen Keuschheit (ironisch spricht er von "den frommen Mädchen", die hetzen, um die Hinrichtung zu sehen) kritisieren. Außerdem macht die Doppelmoral die Tragödie der Heldin möglich und dient als ein Mechanismus zur Veranschaulichung des weiteren Schicksals von Josephe. Als ein mächtiges literarisches Mittel in der Porträtierung der Figuren bei Kleist lässt sich auch Sarkasmus nennen. So legt er in den Mund eines der Fanatiker die von Christi an Satan gerichteten Worte, die etwas redigiert worden sind: "Weichet fern hinweg ..." (Das Erdbeben 36). Hier geht es nämlich um den Umtausch; der Fanatiker wird im Grunde genommen mit Satan identifiziert. Wie dies Susanne Gröble übrigens bemerkt, verzerrt Ironie das scheinbare Gute in eine groteske Grimasse: religiöse geistige Kraft ist hier der Wunsch zu töten, Gottes Dienst endet mit dem Ritualmord, Nächstenliebe ist nur eine Illusion.3

Josephe kann als Opfer betrachtet werden, die sich opfert und der blutdürstigen Masse überlässt. Man bemerkt eine weitere Parallele mit Leiden Christi, den die Juden verurteilt und getötet haben. Das chilenische Volk ist in der Kleists Interpretation so verdorben, dass es neue Juden darstellt. Die Rolle der Pharisäer spielt hier die Kirche. Wenn man etwas aus der Geschichte nicht lernt, was später jedoch wieder geschieht, wird man zur Wiederholung dieser Geschichte verdammt, wie das Beispiel in diesem Werk gezeigt hat. Bezüglich dessen kann man eine Parallele bemerken: Josephe und ihr Sohn Philipp; Maria (Mutter Jesu) und ihr Sohn Christus. Indessen folgt Kleist nicht authentisch der biblischen Geschichte. Bei ihm findet "neue Madonna" den Tod und ihr Kind überlebt.

Dieses Kind, obwohl in Sünde empfangen, kehrt zu seiner gesellschaftlichen Stellung zurück, und zwar durch Adoption bzw. Wiedergeburt. Es stellt sich heraus, dass die Eltern des Kindes aus höheren Verhältnissen kommen müssen, weil es nur auf diese Art und Weise gesellschaftlich akzeptiert werden kann. Kleist wirft vor, dass die frommen Menschen das Kind als ein aufdringliches Wesen sahen, als ein Bastard, der die Gabe der schamlosen Natur ist, die nicht das Sozialgesetz respektiert. Gott, der durch Kleist spricht, nimmt das Kind in Schutz, indem er zuerst der sensiblen Äbtissin (sie zeigt sich völlig anders als andere Vertreter der Kirche) zutraut, dass sie auf das Kind aufpasst, wonach er ihm ermöglicht, das Massaker zu überleben (das zweite Kind wird geopfert). In diesem Fall ähnelt das Schicksal Philipps dem Schicksal Christi. Herodes hat nämlich, suchend nach Christus-Messias, die Entscheidung getroffen, alle jüdischen männlichen Kinder bis zu zwei Jahren zu töten. Sie wurden geopfert, und Christus rettete sich mit der Vorsehung (seine Eltern konnten sich auf wundersame Weise mit ihm in Ägypten verbergen). Josephe fällt freiwillig auf den Boden vor der Kirche, einer Institution, die eigentlich ihr Mörder ist, und erfüllt damit ihr Schicksal als Menschenopfer. Sie wurde nach einem heidnischen Ritual ermordet - sie wurde gesteinigt. Die Steinigung ist eine Form der Strafe für Unzucht, so dass sie eine besonders schwere und beschämende Todesstrafe verkörpert. Sie ist weitaus schwerer als die Enthauptung (Guillotine), zu der Josephe von den weltlichen Behörden verurteilt worden ist, was die ursprüngliche kirchliche Strafe für sie (Verbrennung) abschwächt. Kirchliche Sanktionen sind strenger als weltliche, aber sonst kommen weltliche und kirchlichen Behörden miteinander gut aus. Mit der freiwilligen Zustimmung zur Steinigung nimmt sie ohne Zögern die Rolle des Opfers an. Indem sie ihr Leben für das Leben ihres Kindes tauscht, zeigt Josephe wiederum hohe ethische und elterliche Prinzipien. In der christlichen Tradition verdient diese Art der Opferung, die durch religiöse, aber auch durch hohe moralische Prinzipien geführt wird, manchmal Heiligkeit (der heilige Stephanus als erster christlicher Märtyrer). Anstatt absoluter Gerechtigkeit brach absolute Ungerechtigkeit aus, wo sich wiederum ironische Umkehrung der religiös-literarischen Quelle widerspiegelt, und zwar der Steinigung des Stephanus aus der apostolischen Geschichte des Märtyrers. Diese Anspielung zeigt deutlich, dass die Liebenden durch Märtyrertod starben. Gemäß dem Sichtpunkt der Kirche wird die unerlaubte Liebe als ein Vergehen behandelt, aber die Liebe kommt vom Gott, was zu bedeuten hat, dass dieser Sichtpunkt eigentlich falsch ist.

Die Kirche und das Volk stellen die Personifizierung der Stadt dar. Kleist, als Befürworter von Rousseau, betont den Vorteil der natürlichen Umgebung und sehnt sich nach einer Rückkehr zur Natur, während die Stadt Konventionen und Zivilisation verkörpert , gegen sie er selbst kämpft. Josephe erscheint als die Personifizierung dieser Natur. Es gibt viele Assoziationen im Werk; Josephe flüchtet in die Natur (zum Tal), sie findet mit ihrem Kind hier Ruhe, sie findet hier ihre Liebe (Jeronimo) und das ist der einzige Ort, wo sie zusammen sein können. Das fruchtbare Tal symbolisiert Paradies, locus amoenus.

Die Sünde, wegen der Josephe von kirchlichen Behörden verurteilt wurde, ist die Geburt des Kindes auf den Stufen des Tempels, und sogar am Tag des Fronleichnamfestes. Der Fronleichnam (lat. Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi), der vollständige Name lautet das Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi, ist ein katholischer Feiertag. Man feiert ihn am Donnerstag nach dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Für die katholische Kirche bedeutet das Fest die Erinnerung an die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag (wird im Sakrament der Eucharistie gefeiert). Die Treppen des Tempels haben einen mehrdeutigen symbolischen Sinn. Nach Interpretation von Eusebius und Origenes symbolisieren sie den Aufstieg zur Tugend, der stufenweise erfolgt; Die letzte Stufe ist das Himmlische Jerusalem.4 Die Psalmen des Aufstiegs, die man singt, symbolisieren die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft, d.h aus der Verwirrungen des gegenwärtigen Lebens (Babel, d.h. Babylon bedeutet "Verwirrung", "Durchmischung", "Mischung") und heben Volk Gottes, d.h. Christen über die Verwirrung der Leidenschaften empor. Die Psalmen, die auf den Stiegen des Tempels in Jerusalem gesungen wurden, bedeuten symbolisch die Geschichte der Juden (Gefangenschaft und Rückkehr nach Jerusalem). Der Tempel in Jerusalem hatte 15 Treppen.

Josephes tragische Ende stammt aus ihrer subjektiven Täuchung, dass sie von allen Engeln im Himmel (gerettet auf wundersame Weise) geschützt wird. Deswegen wird sie schließlich das Opfer ihrer eigenen Glaube an Gott und Kirche. Es ist ihre Entscheidung, trotz bestimmter Warnung seitens Don Fernandos Familie (Donna Elizabeth hatte schlechte Vorahnung in den Brüsten), in die Kirche zum Gebet zu gehen: „Josephe äußerte, indem sie mit einiger Begeisterung sogleich aufstand, daß sie den Drang, ihr Antlitz vor dem Schöpfer in den Staub zu legen, niemals lebhafter empfunden habe, als eben jetzt, wo er seine unbegreifliche und erhabene Macht so entwickle.“(Das Erdbeben 30). Der erste Eindruck bei der Ankunft Josephes und Jeronimos mit dem Kind in der Dominikanerkirche war beruhigend; man hörte die Klänge der Orgel. Kronleuchter zerstreuteten ihr Licht, Säulen warfen geheimnisvolle Schatten bei der ersten Dämmerung. Große Rose, die aus gefärbtem Glas gemacht worden ist, "flackte" im tiefsten Teil der Kirche, wie eben auch die Abendsonne flackte, die sie beleuchtet hat. Nach der christlichen Lehre ist die Rose das Symbol der Sonne und daher Christi und Maria, die rote Rose bedeutet das Leiden Christi und das Blut der Märtyrer. Nachdem die Klänge der Orgel still geworden sind, sind auch menschliche Stimmen nicht mehr zu hören; „... und Stille herrschte ..., als hätte keiner einen Laut in der Brust.“( Das Erdbeben 33)

Bewohner von St. Jago richteten ihre Gebete zum Himmel, und Jeronimo und Josephe taten es herzinniglich mit dem wärmsten Abgesandten des Zaren. Doch trat das Moment des entscheidenden Wendepunktes auf, als der Pfarrer begonnen hat, seine Rede zu halten, die nicht so sehr priesterliche Dankbarkeit für die Rettung war, sondern eher ein Aufruf zum Widerstreit mit Sündern in St. Jago. Der Predigt des Chorherrn zeigt deutlich, dass die Kirche die Meinung vertritt, dass das Erdbeben Vorahnung des Jüngsten Gerichtes darstellt; die Kirche versucht verzweifelt im Chaos, das als Folge der Katastrophe entstanden ist, die Bedeutung des Glaubens zu erhalten. Sie wird Erfolg haben, weil die Menschen Sicherheit benötigen, die sie sowohl von der sozialen Hierarchie als auch den religiösen ethischen Gesetzen bekommen können. Schrecklich ist auch die Tatsache, dass Josephe von dem Schuhmacher Pedrillo ermordet worden ist, der im Dienst ihres Vaters gestanden und der sie sehr gut gekannt hat. Seine Gnadenlosigkeit ist furchterregend: Er schlägt Josephe mit dem Stoss der Keule, so dass sie an den Boden fällt. Ganz von ihrem Blut angespritzt, mit einem neuen verbrecherischen unersättlichen Wunsch strebt er anschließend, ihren „Bastard" zu ermorden. Er greift das Kind auf seine Beine, das Don Fernando auf seiner Brust getragen hat; mit dem Spiel des Zufalls war das nicht der kleine Philipp, sondern Don Fernandos Kind Juan. Schwingend dieses Kind in einem hohen Schwung, warf er ihn auf die Eckpfeiler der Kirche, wodurch es zerschmettert wurde. An dieser Stelle wird der Höhepunkt der "frommen" Orgie erreicht, nachdem sich alles beruhigt hat und alle sich entfernt haben. Meister Pedrillo, wie Kleist es darstellt, ist der Fürst der Satanmasse, er ist blutdurstig: er leitete die Masse zu der blutigen Orgie.

Josephe zeigt selten menschliche Schwäche, sondern viel mehr menschliche Größe. Sie hilft Donna Elvira, die bei dem Erdbeben schlecht verletzt worden ist. Auf Wunsch des Don Fernandos stillt sie sein und Elviras Kind. Sie ist vielen Prüfungen gewachsen. Neben der Äbtissin, die ihre Zuneigung zu Josephe zeigt, zeigten ihr das Mitgefühl Don Fernando, Donna Elvira und Donna Elizabeth.

Im Werk wechseln sich die Ansichtspunkte; Kleist ist Regisseur und er stellt das gleiche Ereignis durch verschiedene Perspektiven der Akteure dar; damit gewinnt der Beobachter den Einblick in die Ansichten jeder Figur. Auf diese Weise erzielt man nicht nur den Wechsel der Perspektive, sondern dies beeinflusst auch die Intensität des Anteils eines Akteures. Ein Akteur spielt eine aktive Rolle, bis der Schriftsteller die Perspektive ändert, so dass diese Rolle einem anderen Akteur überlassen wird, während der vorige eine passive Rolle zugeschrieben bekommt. Im ersten Teil der Erzählung, während Jeronimo im Mittelpunkt steht, spielt Josephe eine passive Rolle; ihre Gefühle und Gedanken werden überhaupt nicht dargestellt.

[...]


1 Ich wollte unterstreichen, dass ich Protokollantin für die Sitzung „Kleist als Zeitungsmann: Anekdoten, Berliner Abendblätter“ am 07.05 gewesen bin.

2 Nach dem Buch „Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili/Die Marquise von O... “. Interpretation von Hartmut Kircher. Olldenbourg Interpretationen, S.56.

3 Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili. Von Susanne Gröble. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2004, S.47.

4 Angegeben nach der Interpretation von Jefimija Zigabena bei Psalm 119 (= Das Lied der Treppen). Die Interpretation wurde gemäß der Website benutzt:http://www.svetosavlje.org/biblioteka/Svetopismo/PsaltirAtanasijeVeliki/Lat_PsaltirAtanasijeVeliki120.ht m

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656700944
ISBN (Buch)
9783656702177
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276770
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
3
Schlagworte
josephe sünderin heilige heinrich kleists erzählung erdbeben chili

Autor

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