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Belastungen im Lehrerberuf. Theoretische Grundlagen, Belastungsfaktoren, -reaktionen und -folgen

Akademische Arbeit 2001 49 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Belastungen im Lehrerberuf

2 Zur Lehrertätigkeit und den Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer

3 Theoretische Grundlagen zur Belastung
3.1 Zum Begriff der Belastung
3.2 Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung (nach Rudow)
3.3 Belastungsmodelle
3.3.1 Reiz- oder situationsbezogene Modelle
3.3.2 Reaktionsbezogene Modelle
3.3.3 Relationale Modelle
3.3.4 Modell der Mehrfachbelastung

4 Belastungsfaktoren im Lehrerberuf
4.1 Belastungen auf der Organisationsebene
4.2 Belastungen auf der Individuumsebene
4.3 Belastungen auf der Systemebene

5 Belastungsreaktionen und –folgen
5.1 Stress und Angst
5.2 Burnout
5.3 Arbeitszufriedenheit

6 Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Literatur)

Abbildungsverzeichnis

Bild 1: Aufgabenkatalog

Bild 2: Belastungs-Beanspruchungs-Modell

Bild 3: Die Berufsbelastungen der Lehrpersonen nach Kramis-Aebischer (Selbsteinschätzung)

Bild 4: Die Berufsbelastung von Lehrpersonen nach Elbing/Dietrich (Selbsteinschätzung)

Bild 5: Die wichtigsten Berufsbelastungen der Lehrpersonen (Auszug)

1 Belastungen im Lehrerberuf

Diese Arbeit soll einen Überblick über die Belastungsforschung im Lehrerberuf geben. Dabei soll zuerst allgemein auf die Lehrertätigkeit eingegangen werden, um die Vielfalt der beruflichen Tätigkeiten zu zeigen, die sich zu Belastungssituationen entwickeln können. Danach sollen die unterschiedlichen Forschungsansätze gezeigt werden, um schließlich die durch Forschungen ermittelten Belastungssituationen und die daraus resultierenden Folgen darzustellen. Aufgrund der verschiedenen Forschungsansätze gestaltet sich ein Vergleich der Studien als sehr schwierig, erschwerend kommt die Vielzahl der Untersuchungen hinzu, so dass es nicht ganz einfach ist, sich einen umfassenden Überblick über die bisherige Forschung zu verschaffen.

2 Zur Lehrertätigkeit und den Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer

Der Lehrberuf stellt aufgrund seiner Vielseitigkeit komplexe Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule von ihnen zu erfüllen sind. Im Folgenden sollen diese dargestellt werden, um zu zeigen, woraus die Belastungen im Lehrerberuf überhaupt erwachsen können. Wirft man einen Blick in die Literatur, die sich mit den Aufgaben und Rollen im Lehrberuf befasst, erkennt man, dass es sich bei den an die Lehrkräfte gestellten Anforderungen um eine ungeheure Fülle von Kriterien handelt, die den Lehrberuf ausmacht. Dies resultiert unter anderem daraus, dass die Berufsausübung und das Lehrer- und Lehrerinnenverhalten von besonderem öffentlichen Interesse sind und jeder (z.B. Schüler, Eltern, Staat oder aber die Wirtschaft) andere Ansprüche an die Lehrer und Lehrerinnen stellt, außerdem sind „die Grenzen zwischen dem Anspruch an Schule als Institution und den explizit formulierten Erwartungen an den Lehrer fließend.“[1]

Den Versuch, einen den Lehrerberuf umfassenden Aufgabenkatalog zu erstellen, unternimmt Elfriede Maria Jung-Strauß in ihrem Buch „Widersprüchlichkeiten im Lehrerberuf.“ Dabei unterscheidet sie zwischen gesetzlich und außergesetzlich definierten Aufgaben, außerdem weist sie darauf hin, dass es keine begriffliche Eindeutigkeit bei der Definition der Aufgaben gibt, auch in Gesetzestexten nicht. Die außergesetzlich definierten Aufgaben untergliedert sie zudem noch in Aufgaben, die aus den Vorstellungen der Erziehungswissenschaften und verwandten Wissenschaften, aus politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen, aus sittlichen und religiösen Vorstellungen und aus Vorstellungen seitens der Schüler resultieren. In dem Aufgabenkatalog, den sie anhand dieser Ergebnisse erstellt hat, unterscheidet sie überdies, welche Aufgaben für welche Gruppen (z.B. Schüler, Eltern, Schule, Gesellschaft,..) von Bedeutung sind (Bild 1).[2]

Bild 1: Aufgabenkatalog

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle[3] )

Zur näheren Erläuterung der genannten Aufgaben verweise ich auf die Literatur.

Dieser Aufgabenkatalog stellt ein Beispiel für eine recht differenzierte Betrachtungsweise der Arbeitsaufgaben im Lehrberuf dar,

Eine ebenfalls recht eingehende Betrachtung der Arbeitsaufgaben eines Lehrers/einer Lehrerin liefern K.O. Bauer, A. Kopka und S. Brindt in ihrer Arbeit „Pädagogische Professionalität und Lehrerarbeit“.[4] Allerdings werden hier die Arbeitsaufgaben zuerst mit sechs umfassenderen Aufgaben beschrieben, nämlich: Unterrichten, Erziehen, Beraten, Betreuen, Entwickeln von Schule, und nur der Bereich des Unterrichten wird daraufhin wesentlich detaillierter beschrieben, da er den größten Zeitanteil der Lehrerarbeit in Anspruch nehme und damit gleichzeitig die wichtigste Aufgabe der Lehrer und Lehrerinnen sei. Auf der Ebene des Unterricht werden fünf verschiedene Aufgabenbereiche unterschieden und es wird ausführlich erläutert, welche Aspekte diese Aufgabenbereiche beinhalten, die von Lehrern und Lehrerinnen gefordert werden. An dieser Stelle sollen die fünf Bereiche nur genannt und kurz erläutert werden.

- Lehrer müssen soziale Strukturen hervorbringen und für geordnete Arbeitsabläufe sorgen, d.h. dass Kontakte und soziale Bindungen hergestellt werden sollten, den Schülern die Möglichkeit zur Selbstorganisation ermöglicht und diese gefördert wird, bei Bedarf aber auch der Lehrer Leitung und Führung übernehmen sollte, um z.B. Gruppen zu bilden und sie unterrichten zu können.
- Lehrer und Lehrerinnen müssen lebendig mit den Schülern interagieren, d.h. sie sollten Regeln für den Umgang miteinander einführen und einüben, Feedback geben und auch empfangen, Gefühle der Schüler wahrnehmen und selber zeigen und ein positives Gruppenklima als Basis für die Interaktion schaffen.
- Lehrer und Lehrerinnen müssen die Informationsprozesse lenken und steuern und unterrichtsinterne Kommunikation optimieren, d.h. sie müssen Fragen verständlich stellen, Anweisungen geben, Diskussionen leiten, zuhören, Streitgespräche moderieren, Vorträge halten und vieles mehr.
- Lehrer und Lehrerinnen müssen die Lernumgebung für alle Betroffenen adäquat gestalten, d.h. ihren eigenen Körper wirksam im Unterrichtsgeschehen einsetzen, etwas vorführen, interessante Unterrichtsmaterialien einsetzen, Ereignisse und Störungen zu Lernanlässen machen, Rituale zur Unterrichtsorganisation einsetzen, Materialien und Räume ansprechend und anregend gestalten, für Entspannung und Konzentration sorgen.
- Lehrer und Lehrerinnen müssen verborgene Arbeiten erledigen, die den Hintergrund professionellen pädagogischen Handelns bilden, d.h. den Unterricht vorbereiten und planen, die Arbeit der Schüler dokumentieren, Unterrichtserfahrungen dokumentieren und archivieren, häusliche Arbeit organisieren, Unterrichtsmaterial archivieren.[5]

Auch hier werden sehr viele Arbeitsaufgaben des Lehrerberufs beschrieben, die überhaupt erst einen Eindruck von der Vielschichtigkeit des Beruf und der damit zwangsläufig verbundenen Belastungsmöglichkeiten geben.

Die bisherigen Ausführungen über die Lehrertätigkeit lassen sich wie folgt zusammenfassen: Lehrer und Lehrerinnen haben eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen, die von verschiedenen Erwartungsträgern an sie gestellt werden.

Unbestreitbar gibt es viele andere Berufe, in denen ebenfalls eine Vielzahl von Aufgaben erledigt werden müssen; was sind also die besonderen Anforderungen, die den Lehrerberuf ausmachen?

Zum einen müssen Lehrer und Lehrerinnen die Fülle der Aufgaben zeitlich parallel bewältigen. „Der Unterrichtsstoff muss dargestellt und die Schülerbeiträge müssen dazu genutzt werden. Der Zeitrahmen muss eingehalten werden. Gleichzeitig müssen Beobachtungen über Schüler gemacht werden, die für die Bewertung notwenig sind (...) und solche, die für die Förderung einzelner Schüler notwendig sind. Wiederum gleichzeitig muss möglichst „glatt“ das Interesse und die Mitarbeit der Schüler aufrechterhalten werden.“[6] Außerdem müssen Lehrer und Lehrerinnen bei ihrer Arbeit vielen verschiedenen Erwartungen gerecht werden, z.B. denen der Schüler, der Eltern, des Kollegiums, der Vorgesetzten und der Öffentlichkeit[7], die häufig unvereinbar miteinander sind. Entspricht der Lehrer oder die Lehrerin beispielsweise mit offenen Unterrichtsmethoden den Erwartungen von Eltern und Schülern, kann dies schon wieder in Bezug auf die Erwartungen der Öffentlichkeit das falsche Verhalten sein, da diese der Meinung ist, die Schüler würden mit dieser Methode weniger lernen.

Eine weitere Besonderheit ist, dass Lehrer und Lehrerinnen wenig Kontrolle über die Wirkung ihrer eigenen Arbeit haben, da der Erfolg nicht unbedingt von ihren Bemühungen abhängt. Zudem bleibt häufig offen, wann eine Arbeitsaufgabe abgeschlossen ist, was für sehr engagierte Lehrerinnen und Lehrer bedeutet, das Gefühl zu haben, nie mit ihrer Arbeit fertig zu sein, denn: kann man beispielsweise die Förderung von Schülern in bestimmten Bereichen wirklich abschließen? Dies hat auch zur Folge, dass der Erfolg der Arbeit sehr schwer messbar ist.

Schwierig gestaltet sich die Tätigkeit auch durch das öffentliche Interesse an dem Beruf. Dies hat natürlich die Ursache darin, „dass in der Arbeit der Lehrer die Hoffnung und die Zukunft der ganzen nachfolgenden Generation begründet liegt.“[8] Außerdem meint jeder, sich qualifiziert zu dem Thema äußern zu können, denn er hat schließlich einmal die Schule besucht und weiß, was die Arbeit von Lehrern und Lehrerinnen ausmacht.

Hohe Anforderungen ergeben sich auch aus der Tatsache, dass Lehrkräfte während des Unterrichts sich selbst überlassen sind und in dieser Zeit inhaltliche, methodische und disziplinarische Probleme allein lösen müssen, denn im Regelfall arbeiten Lehrerinnen und Lehrer alleine mit einer Lerngruppe und müssen völlig eigenverantwortliche Entscheidungen häufig unter Zeitdruck und in komplexen Situation treffen.[9] Hinzu kommt, dass sich die Aufgaben weitgehend der Routinisierung entziehen, da die Klassen und somit die Schüler und Schülerinnen sowie die Situationen ständig wechseln.[10]

Artikel in Zeitschriften mit den Titeln „Horrorjob Lehrer“[11], „Tollhaus Schule“[12] oder „Höllenjob Lehrer“[13] machen außerdem auf Anforderungen im Lehrberuf aufmerksam, die einen wachsenden Druck zeigen, soziale Probleme zu bekämpfen. Damit nimmt die Aufgabe des Unterrichtens für Lehrer zwar immer noch den größten Zeitanteil in Anspruch, allerdings scheint der erzieherische Anteil durch die Bewältigung der gesellschaftlichen Schwierigkeiten immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. „Wo immer eine Gesellschaft mit einer Schwierigkeit (Aids, Gesundheitsprophylaxe, Aufklärung, Rassismus, Gewalt, Umgang mit Medien) nicht zurechtkommt, richtet sich der Anspruch an die Schule, korrigierend oder präventiv in gesellschaftliche (Fehl-) Entwicklungen einzugreifen.“[14] In diesen Bereich gehören auch die häufig zitierten zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten und Probleme der Schüler und Schülerinnen, die die Lehrerschaft vor neue Anforderungen stellen.

„Verspottet von Politikern und allein gelassen von vielen Eltern, müssen Pädagogen unter verschlechterten Bedingungen immer mehr Aufgaben bewältigen und immer schwierigere Kinder bändigen.“[15]

Die Anforderungen sind hoch, in diesem Punkt sind sich alle einig und auch darin, dass diese sich in der jüngeren Zeit gewandelt haben. Allerdings dürfen meines Erachtens nach bei der Betrachtung der Lehrertätigkeit und der sich daraus ergebenden Anforderungen auch nicht die Vorzüge (z.B. keine direkte Kontrolle durch Vorgesetzte, relativ freie Zeiteinteilung für die Arbeit, Arbeit mit Menschen, verhältnismäßig viele Ferien, gute Möglichkeiten der Teilzeitbeschäftigung...) vergessen werden, die zweifelsohne immer noch vorhanden sind und die die dargestellten Ansprüche an Lehrkräfte durchaus mildern. Häufig wird aber genau dieser Aspekt gerade in der Literatur, die sich mit der Belastungsthematik beschäftigt, vernachlässigt, was im Endeffekt das Belastungsempfinden verstärken könnte.

Des Weiteren fällt bei der Analyse der Lehrertätigkeit in der Literatur auf, dass fast gar nicht zwischen den verschiedenen Schularten differenziert wird. Unbestreitbar ist zwar, dass Lehrer aller Schularten mit den dargestellten Aufgaben konfrontiert werden, allerdings sind die Ausmaße doch recht unterschiedlich. Während für eine Gymnasiallehrkraft der Erziehungsaspekt eher in den Hintergrund tritt, ist dies für eine Grundschullehrkraft eine Aufgabe von großer Bedeutung. Dies zu berücksichtigen wäre vielleicht sinnvoll, um in der Forschung die Belastungen im Lehrerberuf nach allgemeineren Analysen noch schulformspezifischer analysieren zu können und so auch Belastungsbewältigungsstrategien entwickeln zu können, die stärker auf die jeweiligen Probleme der unterschiedlichen Schulformen zugeschnitten sind.

3 Theoretische Grundlagen zur Belastung

3.1 Zum Begriff der Belastung

Wenn über Belastungen geschrieben und gesprochen wird, wird häufig vernachlässigt, den Begriff vorher überhaupt zu definieren.

Belastung ist laut Medizin, Psychologie: „starke körperliche und seelische Beanspruchung durch anhaltende äußere oder innere Aktivität oder Reizeinwirkung.“[16]

An eine solche oder ähnliche Definition aus dem Brockhaus denkt wahrscheinlich der überwiegende Teil der Menschen, wenn von Belastung die Rede ist. Tatsächlich wird in der Literatur häufig unter Belastung nicht wie in o.g. Definition die körperliche und seelische Beanspruchung verstanden, sondern bevorzugt werden Definitionen wie z.B. folgende von Schönwälder:

Er orientiert sich bei der Beschreibung von Belastungen an den Arbeitswissenschaften und folgert, „dass alle aus Arbeitsaufgaben folgenden Anforderungen an einen Menschen, die geeignet sind, bei ihm physische und psychische Reaktionen hervorzurufen, als Belastungen zu bezeichnen sind; deren Folgen werden als Beanspruchungen benannt.“[17]

Rudow unterscheidet bei einer sehr ähnlichen Definition darüber hinaus körperliche (Anforderungen an Muskelkraft und physiologische Regulationsysteme), psychische (geistige Anforderungen) und soziale (sozial-interaktive Anforderungen) Belastungen[18]. Für die psychische Belastung und Beanspruchung hat sich folgende normierte Definition durchgesetzt:

„Psychische Belastung: Die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn wirken.

Psychische Beanspruchung: Die zeitlich unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung auf die Einzelperson in Abhängigkeit von ihren eigenen habituellen und augenblicklichen Voraussetzungen einschließlich der individuellen Auseinandersetzungsstrategie.“[19]

Statt der Begriffe „Belastung“ und „Beanspruchung“ findet man auch wiederholt den Begriff „Stress“ für berufliche Belastungen. Leider wird dieser Begriff häufig sehr unterschiedlich verwendet. So merkt Ulich beispielsweise an, dass sich Stress und psychische Belastungen nur schwer unterscheiden lassen. In seinen weiteren Ausführungen wird deutlich, dass die Belastung, z.B. Korrekturarbeiten unter bestimmten Bedingungen, wie Zeitdruck o.ä., zu Stress werden kann, der sich beispielsweise in dem Gefühl, der Anstrengung nicht gewachsen zu sein, äußert.[20] Der Übergang ist also fließend.

Vergleicht man diese Ausführungen nun beispielshalber mit der o.g. Definition Schönwälders, wird deutlich, dass Ulich Stress sowohl anstelle von Belastung als auch von Beanspruchung verwendet. Bevorzugt wird von vielen Autoren allerdings die Verwendung der Begriffe „Stress“ und „Stressor“. Auf Ulichs Ausführungen bezogen würden bei Verwendung dieser beiden Termini die Korrekturarbeiten als Stressor bezeichnet, die dann aber nicht unbedingt zum Stress führen müssen, der hier das Gefühl der Anstrengung darstellt.

Letztlich ist zu sagen, dass die Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „Stress“ von vielen Autoren nicht einheitlich verwendet werden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Belastungsforschung mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen vollzogen wird. Aus diesem Grund hat Rudow das Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung entwickelt.

3.2 Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung (nach Rudow)

Das Rahmenmodell stellt Belastungen, Beanspruchungsreaktionen und –folgen sowie die möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten dar. Damit soll es zu einem besseren Verständnis über Zusammenhänge zwischen Tätigkeitsanforderungen, Belastung, Beanspruchung und arbeitsbedingten Erkrankungen in der Lehrerarbeit dienen.[21]

Bild 2: Belastungs-Beanspruchungs-Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle[22] )

Rudow unterscheidet objektive und subjektive oder psychische Belastungen. Unter der objektiven Belastung versteht er alle vom Lehrer oder der Lehrerin unabhängigen Faktoren in der Tätigkeit, also den Arbeitsauftrag, womit die unter 2.1 beschriebenen Arbeitsaufgaben gemeint sind; außerdem die Arbeitsbedingungen, also die Bedingungen unter denen sie zu erfüllen sind, so z.B. die räumliche und materielle Ausstattung der Schule, die Schülerzahlen. Die objektive Belastung besteht für ihn aus drei Komponenten, den körperlichen, den geistigen und den sozialen Anforderungen, und ist als wertneutrales Phänomen zu sehen. Die subjektive oder psychische Belastung dagegen entwickelt sich erst durch die Bewertung der objektiven Belastungen. Rudow bezeichnet dies als „Widerspiegelung“ objektiver Belastungen. Vorerfahrungen sind für die Qualität der subjektiven Belastung von entscheidender Bedeutung. Wie eine Situation erlebt und bewertet wird, hängt außerdem stark von den jeweiligen Attributionsstrukturen ab. Dabei geht es um die Zuschreibung vermuteter Ursachen zu Erfolgen und Misserfolgen. Internal attribuierende Menschen schreiben den Erfolg eigenem Können und Wollen zu, external attribuierende schreiben ihn z.B. dem Zufall oder auch der Leichtigkeit einer Aufgabe zu. Diese Zuschreibungen haben großen Einfluss auf die Wahrnehmung künftiger objektiver Belastungssituationen.[23]

Wesentlichen Einfluss auf den Prozess und das Ergebnis der Widerspiegelung haben körperliche und psychische Handlungsvoraussetzungen. Komponenten psychischer Handlungsvoraussetzungen sind Kognitionen, Emotionen, Einstellungen und Motive. Von besonderer Bedeutung sind hier „Motive und Einstellungen zur Berufstätigkeit, die soziale Handlungskompetenz, die pädagogische Qualifikation, die Berufserfahrungen, die psychovegetative Stabilität und die körperliche Leistungsfähigkeit.“ Die subjektive Belastung kann sich als kognitive oder emotionale Belastung äußern, d.h. entweder ist die Schwierigkeit der Aufgaben belastend oder aber die Gefühle bei der Aufgabenerfüllung.[24] In der konkreten Tätigkeit werden nun die psychischen und physischen Handlungsvoraussetzungen des Lehrers und der Lehrerin gefordert und es tritt eine psychophysische Beanspruchung auf. Die Beanspruchungsreaktionen lassen sich in zwei Bereiche gliedern, die psychische Anspannung einerseits und die somatischen Veränderungen in verschiedenen Organen und Organsystemen andererseits. Ob und welche Beanspruchungsreaktionen auftreten, hängt also von der Bewertung der objektiven Belastung und von der Wirksamkeit der Belastungsbewältigung ab. Unter Beanspruchungsreaktionen versteht Rudow zeitlich begrenzte, reversible psychophysische Phänomene, unter Belastungsfolgen dagegen überdauernde, chronische, bedingt reversible psychophysische Erscheinungen.

[...]


[1] Grimm, M.A. (1993), S. 12.

[2] Jung-Strauss, E.M. (2000), S. 70-78.

[3] Ebenda, S. 77.

[4] Bauer, K.O.; Kopka, A.; Brindt, S. (1999)

[5] Vgl. Bauer K.O.; Kopka A.; Brindt S. (1999), S. 113-160.

[6] Bromme, R.: Zur empirischen Analyse beruflichen Wissens von Lehrer – Fachwissen ist mehr als Stoff und Menschenkenntnis. In: Schönwälder, H.-G. (Hrsg.) Lehrerarbeit, Freiburg 1987, S. 52, zit. nach: Ulich K. (1996), S. 24.

[7] Vgl. Barth A.-R. (1992), S. 93-96.

[8] Ebenda S. 89.

[9] Vgl. Grunder, H.-U.; Bieri, T. (1995), S. 92.

[10] Ulich, K. (1996), S. 27.

[11] Der Spiegel (1993).

[12] Der Spiegel (1991).

[13] Focus (2001)

[14] Ebenda, S. 93.

[15] Focus (2001), S. 64.

[16] Brockhaus 2000.

[17] Schönwälder, H.-G. (1989), S. 11.

[18] Vgl. Rudow, B. (2000), S. 36.

[19] ISO 10075. Ergonomic principles related to mental work-load – General terms and definitions, 1991, zit. nach: Rudow, B. (2000), S. 36.

[20] Vgl. Ulich, K. (1996), S. 65.

[21] Vgl. Rudow (2000), S. 38.

[22] Rudow (1990), S. 6

[23] Vgl. Grunder, H.-U.; Bieri, T. (1995), S. 97.

[24] Vgl. Rudow, B. (2000), S. 36.

Details

Seiten
49
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783656698593
ISBN (Buch)
9783656715771
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276803
Note
1,0
Schlagworte
belastungen lehrerberuf theoretische grundlagen belastungsfaktoren

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