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Abrechnung mit der Theodizee. Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Chili

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

I. Das Erdbeben von Chili – eine Stellungnahme

II. Zwischen Polarität und Einheit

III. Zum Menschenbild

IV. Begrifflichkeit des Weltsystems
1. Der Glücksbegriff
2. Der Schicksalsbegriff

V. Auserwählt oder verdammt

VI. Christliche und menschliche Werte

VII. Schlussbetrachtung

Abrechnung mit der Theodizee –

Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Chili

I. Das Erdbeben von Chili – eine Stellungnahme

Ein Erdbeben ist vordergründig ein Ereignis der Natur, in seinem Wesen neutral und frei von jeder Wertung. Erst die Folgen und gesellschaftlichen Phänomene, die es mit sich bringt, lassen es für den Menschen zu einer Katastrophe werden. Um ein solches Ereignis dreht sich die erstmals im Jahre 1807 unter dem Titel „Jeronimo und Josephe“ erschienene Erzählung Heinrich von Kleists. Obwohl darin ein Rückbezug auf ein im Jahre 1647 tatsächlich stattgefundenes Erdbeben in Chile vorhanden ist, handelt es sich nicht um eine Historienerzählung. Der zeitgenössische Leser assoziierte mit der Thematik viel mehr das für die Epoche wesentlich stärker prägende schwere Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, welches viele Menschenleben forderte.

Das Lissabonner Erdbeben war unter anderem Auslöser einer zentralen Diskussion um die vorherrschende Gottesanschauung und die Herkunft des Bösen in der Welt, an welcher sich die bedeutendsten Theologen, Philosophen und Schriftsteller der Zeit beteiligten. Die meisten Anhänger fand das Weltenmodell von Leibniz, welches er in seinem Werk „Essais de théodicée sur la Bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal“ darlegte: Unsere Welt ist die beste aller möglichen Welten und basiert auf einer von Gott prästabilierten Harmonie aller Dinge, d. h. alle Ereignisse sind im Vorhinein festgelegt, zwangsläufig auch das Übel, weil alles Geschaffene nicht perfekt sein kann, da es in diesem Fall gottgleich wäre. Eine ähnliche Ansicht vertrat auch Pope in seiner Schrift „An Essay on Man“, welche in der griffigen Formel endet: „Whatever is, is right.“

Während der junge Kant und vor allem Rousseau sich diesem Optimismus anschlossen, dementierte Voltaire deren Ansichten vehement und stellte sich auf die Seite der Optimismuskritiker. Heftigen Widerspruch gegen die Philosophen, die trotz aller Katastrophen noch immer von der „Besten aller Welten“ sprachen, leistete Voltaire mit seinem Gedicht „Poème sur la désastre de Lisbonne” und seinem satirischen Roman „Candide”.

Kleist griff verschiedene Aspekte der Theodizeediskussion auf und entwickelte daraus in seiner Erdbeben-Erzählung sein eigenes Weltbild. Ziel dieser Arbeit soll sein, „Das Erdbeben von Chili“ als Stellungnahme zur Theodizeediskussion anhand einiger ausgewählter Thesen zu analysieren.

II. Zwischen Polarität und Einheit

Außerordentlich markant an Kleists Erzählweise ist das Spiel der Extreme, und zwar nicht willkürlich gewählter Extreme, sondern hervorgehobener Gegensatzpaare. Das irdische Dasein wird geschildert als ein Leben in Polarität. Diese Polarität setzt Kleist auf allen Ebenen seiner Erzählkunst um: in der dreigeteilten inhaltlichen Struktur, im Erzählstil und in den Eigenschaften der Protagonisten.

Die Dreiteilung der Handlung bewegt sich in sofern in Extremen, wie sie ein Umschlagen vom Weltuntergang, ausgelöst durch das Erdbeben, zum Paradies und letztendlich in eine neue Katastrophe darstellt.

Mehrfach kommen die Pole in der Ausdrucksweise des Erzählers zur Geltung. Während im ersten Abschnitt alles eher nüchtern, sich anscheinend an Fakten orientierend, geschildert wird, ändert sich die Sprache im zweiten Teil schlagartig in einen blumigen, poetischen Stil. Eingeleitet durch den Satz „Indessen war die schönste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag.“ (S. 149)[1] spiegelt die Ausdrucksweise den Inhalt wieder. Des Weiteren verwendet Kleist oft gegensätzliche Begriffspaare wie Glück / Unglück oder Zufall / „Wunder des Himmels“ (S. 148).

Auch die Charaktere der Protagonisten vereinen Extreme. Jeronimos Reaktionskette ist ein andauerndes Hin- und Herschwanken zwischen den Polen: Anfangs hofft Jeronimo, dass Josephe nicht hingerichtet werde, verliert dann die Hoffnung und möchte Selbstmord begehen. Als ihm der Tod droht, unternimmt er alles um weiterleben zu können. Nach dem Erdbeben ist Jeronimo selig über seine Errettung, dankt Gott dafür, verfällt daraufhin in tiefste Trauer um Josephe, verflucht das „Wesen, das über den Wolken waltet“ (S. 147) und hegt einen erneuten Todeswunsch. Schon bald schöpft er neue Hoffnung, gibt diese wieder auf, findet unverhofft seine Geliebte und schwelgt in paradiesischer Begeisterung. Er fühlt sich sogar so sicher, dass er den vernünftigen Fluchtplan verwirft und begibt sich schließlich in religiöser Begeisterung in die Kirche, wo er sein grausames Ende findet. Ein weiterer Gegensatz ist beispielsweise, dass ausgerechnet ein Dominikanerpater Verdammnis statt Vergebung predigt und Auslöser für das blutige Gemetzel auf dem Kirchplatz wird.

Alle diese Gegensätze dienen der Verstärkung des Kontrasts, und zwar nicht allein der Spannung wegen. Viel bedeutender ist für den Leser, die Polarität als die irdische Daseinsform zu begreifen. Das Gegenteil hierzu, das Paradies, bedeutet eine Aufhebung der beiden Pole. In der Erzählung beginnen die Opfer des Erdbebens sich zu verbrüdern. Es entsteht eine Einheit, eine Gemeinschaft, welche die Charakterzüge der Rousseauistischen Menschheitsfamilie[2] und Merkmale des goldenen Zeitalters ohne Klassen und Gesetze nach Ovid[3] trägt. Gleich zu Beginn der Paradiesszene findet eine symbolische Vereinigungshandlung statt: Josephe legt das fremde Kind an die Brust, und als Gegenzug nimmt ihre Familie am Mahl der fremden Familie teil. Der Tausch der Nahrung[4] ist auch ein Zeichen für Gottes Vergebung der Sünden. Die Familie Don Fernandos als Vertreter der ehemaligen Gesellschaft versöhnt sich mit der „Sünderfamilie“ und verschmilzt mit ihr zu einer Einheit, welche bis zum Schluss durch die vertauschten Rollen Jeronimos und Don Fernandos erhalten bleibt. „Es war als ob alle Gemüter […] versöhnt wären.“ (S. 151) Diese Aussage steht allerdings im Konjunktiv und gilt nicht als Faktum.

Polarität ist irdisch, die Einheit göttlich – der Mittelteil stellt also eine Gotteserfahrung dar. Wenn sich Gott in dieser Erzählung offenbart, so geschieht dies jedoch nicht wie von den Protagonisten interpretiert während des Erdbebens, sondern danach. Allerdings ist seine Gegenwart keineswegs allumfassend. Während die Gruppe vor den Toren der Stadt einen Vorgeschmack des Paradieses durchlebt, erfährt der Leser von der Gesellschaft innerhalb der Stadtmauern in fortdauernden Schreckensnachrichten. Man hört von Weibern, die alle vor den Augen ihrer Männer niedergekommen seien, von Mönchen, die das Ende der Welt verkünden, vom Aufrichten von Galgen für die Hinrichtung von Dieben und von der Tötung Unschuldiger. Der Gegensatz zwischen der Gesellschaft innerhalb und außerhalb der Stadt relativiert die Gottesgegenwärtigkeit, dennoch ist diese im Mittelteil stärker als das Übel.

[...]


[1] Zitat aus dem Primärtext: Das Erdbeben von Chili. In: Heinrich von Kleist. Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. Hrsg.: Helmut Sembdner. München 1977. Alle weiteren Seitenangaben im Textkorpus beziehen sich auf den Primärtext.

[2] Idealbild, nach welchem alle Menschen in Frieden und Fürsorge unabhängig von ihrem Stand wie eine große Familie zusammenleben können: „Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen [...]: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.“ (S. 152).

[3] Karlheinz Stierle: Das Beben des Bewusstseins. Die narrative Struktur von Kleists Das Erdbeben in Chili. In: Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists Das Erdbeben in Chili. Hrsg.: D. E. Wellbery. München 1985, S. 62.

[4] Vgl. auch Werner Hamacher: Das Beben der Darstellung. In: Positionen der Literaturwissenschaft (wie Anm. 2). S. 165.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638296953
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27729
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Neuere Literaturwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Abrechnung Theodizee Heinrich Kleist Erdbeben Chili

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Titel: Abrechnung mit der Theodizee. Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Chili