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Griechische Wahrnehmungen des deutschen Verhaltens im Zuge der EU-Währungskrise

Bachelorarbeit 2014 75 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formalia

3. Fragestellung und Hypothesen
3.1 Der Hegemoniebegriff
3.2 Erkenntnistheoretische Ausgangsposition und Herleitung der Hypothesen

4. Methodik
4.1 Das Printmedium als Instrument der Hypothesenprüfung
4.2 Medienwirklichkeit und der Konstruktivismus
4.3 Die qualitativ orientierte Inhaltsanalyse

5. Untersuchungszeiträume
5.1 Untersuchungszeiträume im deutsch-griechischen Kontext der Krise

6. Deutschland – der enttäuschende EU-Partner?
6.1 Eine europäische Krise – von der europäischen Idee zur Erwartungshaltung
6.2 Sparauflagen
6.3 Zu den unmittelbaren Auswirkungen der Sparauflagen
6.4 Deutschland – ein unsolidarischer, nutzenorientierter und unfairer EU-Hegemon?
6.4.1 Der unsolidarische EU-Partner?
6.4.2 Ein nutzenorientierter und unfairer EU-Partner?

7. Zwischenfazit

8. Eine Reaktivierung von Feindbildern?
8.1 Wie der Nationalsozialismus die Wahrnehmung der Griechen prägte
8.2 Von der Prägung zur Rückwirkung?

9. Zwischenfazit

10. Schlussbetrachtung

Quellverzeichnis
1. Quellen auf deutscher und englischer Sprache
1.1 Bücher und Zeitschriften
1.2 Internetquellen
2. Quellen auf griechischer Sprache
2.1 Zeitungen
2.2 Zeitungsbeiträge im Internet

1. Einleitung

Zu den Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland lässt sich zunächst einmal festhalten, dass diese bis zum Ausbruch der EU-Finanzkrise im Jahr 2010 überwiegend von wirtschaftlichen Verflechtungen geprägt waren (Dold 2012, Handelsblatt-Online 2012a). Daneben verband der Sommertourismus die beiden Länder, denn bis zum Jahr 2009 besuchten jährlich konstant mehr als 3 Millionen deutsche Urlauber das Reiseland (Hanser 2013). Seit Griechenland der Staatspleite vor vier Jahren nur knapp entkam, ist das Verhältnis vom ökonomischen Ungleichgewicht der beiden EU-Partner gekennzeichnet. So stehen sich nunmehr “EU-Exportmeister” und “Schuldenstaat” in Funktion von Kreditgeber und Kreditnehmer gegenüber

Als Interesse Deutschlands galt es, Griechenland bei seinen Bemühungen um den Verbleib im Währungsraum der Eurozone zu unterstützen und eine Staatsinsolvenz zu verhindern. Für die Gewährung der dafür nötigen Finanzmittel verpflichtete sich Griechenland im Gegenzug zu Sparauflagen und einer regelmäßigen Kontrolle durch die Troika[1], da das vordergründige Interesse des Landes in der Konsolidierung seines Staatshaushaltes lag (Höhler 2010, Focus-Online 2012, Handelsblatt-Online 2013).

Aus der ökonomischen Dominanz Deutschlands innerhalb der Europäischen Union ergab sich eine hegemoniale[2] Stellung, die in den Kreditverhandlungen von Bedeutung war.[3] Entsprechend rückte der Kreditgeber in den Fokus der Wahrnehmung der griechischen Gesellschaft. Diese Wahrnehmung wird als Katalysator verstanden, der die bilateralen Beziehungen der beiden EU-Staaten zueinander erheblich prägen dürfte. Ob und wie diese Prägung der Staatsbeziehungen erfolgt ist, soll jedoch nicht Thema der Arbeit sein. Vielmehr wird ein Teilbereich dieses Komplexes untersucht: die Frage danach, wie die Griechen die deutsche Krisenpolitik wahrgenommen haben. Denn innerhalb der griechischen Bevölkerung sorgte der Schock der Finanzkrise nicht nur für die Auseinandersetzung mit Versäumnissen von Gesellschaft und Politik im eigenen Land; es entstanden auch Fragen nach der Angemessenheit von Auflagen und Konsolidierungsmaßnahmen, sodass eine Entwicklungsdynamik in der Selbst- und Fremdwahrnehmung stattfand. Für die vorliegende Arbeit sind ebendiese Sichtweisen der Gesellschaft von Interesse.

Ihnen widmet sich die Forschungsfrage

„Wie wirkt sich die Krisenpolitik des EU-Hegemons Deutschland im Zuge der EU-Finanzkrise auf die Wahrnehmung in der griechischen Gesellschaft aus?“

Die hohe Relevanz der Fragestellung ergibt sich in erster Linie aus dem Mangel an aktuellen Untersuchungen der griechisch-deutschen Beziehungen. Obwohl die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Staaten im Zuge der Finanzkrise Veränderungen unterlag und in diesem Zusammenhang das Verhältnis zur jeweils anderen Nation kritisch hinterfragt wurde, zeigen erste Literaturrecherchen, dass bislang kaum eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen sehr facettenreichen Dynamiken stattgefunden hat.

Die Erklärung von Wahrnehmungsmustern innerhalb der griechischen Gesellschaft soll in drei Schritten erfolgen: Zunächst wird theoretisch geklärt, welche ontologischen Annahmen der vorliegenden Arbeit zugrunde liegen und auf welchen erkenntnisleitenden Hypothesen sie basiert (Kapitel 3). Darüber hinaus wird die methodische Rolle des Printmediums hinterfragt und die Vorgehensweise bei der Analyse der öffentlichen Wahrnehmung dargestellt (Kapitel 4 und 5). Diese Vorüberlegungen sind in Anbetracht der konstruktivistischen Perspektive der Arbeit von großer Relevanz, wohl wissend, dass ein gewisses Maß an Selektivität nicht vermeidbar sein wird. Die Abschnitte sechs und acht dienen der Überprüfung der beiden erkenntnisleitenden Hypothesen. Sie enden mit je einem Zwischenfazit, welches die bisherigen Erkenntnisse zusammenfasst.

Das letzte Kapitel bildet eine Schlussbetrachtung.

2. Formalia

Die vorliegende Arbeit basiert zu einem wesentlichen Teil auf griechischen Quellen. Bei ihrer Übersetzung wurde, sofern sinnvoll auf das PONS-Wörterbuch zurückgegriffen. Da sich die griechische Sprache durch die Anwendung einer Fülle metaphorischer Elemente auszeichnet und sich eine wörtliche Übersetzung oftmals als nicht zielführend erwies, erfolgte die Wiedergabe von Wahrnehmungsmustern teilweise ihrem Sinn nach und in freier Übersetzung. Die sprachliche Kompetenz der Verfasserin (Griechisch als Muttersprache), macht diese Vorgehensweise plausibel und sichert ein authentisches Ergebnis.

3. Fragestellung und Hypothesen

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, die Wahrnehmung der deutschen Krisenpolitik seitens der griechischen Bevölkerung zu erklären. Entsprechend lautet die Forschungsfrage:

Wie wirkt sich die Krisenpolitik des EU-Hegemons Deutschland im Zuge der EU-Finanzkrise auf die Wahrnehmung in der griechischen Gesellschaft aus?

Zu diesem Zweck werden die folgenden erkenntnisleitenden Hypothesen überprüft:

1.) Die griechische Bevölkerung zeigte sich im Hinblick auf die erwartete europäische Solidarität enttäuscht und nahm den Verhandlungspartner Deutschland als nutzenkalkulierenden und unfairen Akteur wahr.
2.) Die Krisenpolitik Deutschlands bei den Verhandlungen zu Kreditvergaben und Auflagenerteilungen führte zu einer Reaktivierung von Feindbildern aus der Zeit des Nationalsozialismus in Bezug auf die deutsche Bevölkerung.

In den Abschnitten des vorliegenden Kapitels werden die theoretische Grundlegung der Arbeit vorgestellt und die beiden oben genannten Hypothesen hergeleitet. Zu diesem Zweck wird zunächst auf den Hegemoniebegriff eingegangen (Kapitel 3.1), bevor der Abschnitt 3.2 den konstruktivistischen Rahmen der Analyse vorstellt. Diese theoretische Grundlegung scheint sinnvoll, weil sich die Fragestellung mit der Wahrnehmung des deutschen Krisenmanagements auseinandersetzt und der Konstruktivismus das Verständnis einer Gesellschaft von der Welt und dem Geschehen im Fokus hat. Allerdings unterscheiden sich die führenden Vertreter des Konstruktivismus erheblich in ihren Auffassungen und Konzepten. Da auf eine vollständige Darstellung des wissenschaftlichen Diskurses an dieser Stelle verzichtet werden muss, soll der Konstruktivismus im Hinblick darauf erörtert werden, wo die bekanntesten Vertreter die Schwerpunkte setzen. In diesem Zusammenhang wird die Relevanz der unterschiedlichen Sichtweisen für die Fragestellung geklärt, indem sie jeweils in einen Bezug zu der Forschungsfrage gesetzt werden.

3.1 Der Hegemoniebegriff

Das Wort Hegemon leitet sich vom griechischen Wort für “Führer” (ηγεμων) ab. Der deutsche Duden schreibt zur Bedeutung des Wortes, es handle sich bei einem Hegemon um jemanden, “der die Vorherrschaft über andere Herrschende hat”.

In der Politikwissenschaft wird der Begriff auf Staaten bezogen, denen eine Überlegenheit im internationalen Rahmen zugesprochen wird. Der Hegemon legitimiert dabei die Möglichkeit anderer Akteure, ihre Interessen durchzusetzen (Kundnani 2012: 21).

Die Auseinandersetzung mit einer Rolle Deutschlands als Hegemon innerhalb der Europäischen Union tendiert dazu, die Bundesrepublik als “widerwilligen Hegemon” darzustellen (Economist 2013, Schönberger 2012). Auch ist von einem “halben Hegemon” die Rede (Geppert 2013), weil Unklarheit über den Willen und die tatsächlichen Möglichkeiten Deutschlands bestehen, die EU zu lenken (Speck 2012, Speck 2013). Thomas Kleine-Brockhoff und Hanns W. Maull sprechen sogar von einem “überforderten Hegemon” (2011: 50 – 61). Dabei wird die aktuelle Dominanz Deutschlands weniger auf das Streben nach Vorherrschaft zurückgeführt. Die führende Rolle der Bundesrepublik scheint vielmehr mit ihrer ökonomischen Stärke und einem Führungsvakuum innerhalb der EU zusammenzuhängen (Brost et al. 2011).

Theoretikern hegemonialer Stabilität zu Folge, schafft ein Hegemon neben Normen auch Anreize für die “Beherrschten”, so dass es für sie von Vorteil ist, Teil des Systems zu bleiben (Kundnani 2012: 21). Allerdings erkennen die Zitierten Journalisten und Theoretiker weniger den Willen Deutschlands selbst Opfer im Interesse Europas zu bringen, da sein Verhalten von Selbstbezogenheit geprägt sei.

Für die vorliegende Arbeit spielen diese Debatten eine untergeordnete Rolle. Von Bedeutung ist lediglich, dass Deutschland eine Dominanz innerhalb der EU zuteil wird und dies im Prozess der Kreditvergabe und Auflagenerteilung von Bedeutung war, weil Deutschland den größten finanziellen Anteil trug.[4]

3.2 Erkenntnistheoretische Ausgangsposition und Herleitung der Hypothesen

Bei der Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsmustern kommt es weniger darauf an was tatsächlich ist, sondern darauf, was für wirklich gehalten wird. Und dafür muss von einer breiten Vielzahl möglicher Deutungen ausgegangen werden. Für die Untersuchung der Forschungsfrage soll eine Ausgangsposition helfen, die sich aus dem erkenntnistheoretischen Diskurs des Konstruktivismus ableitet. Bei diesem Ansatz handelt es sich nicht um eine einheitliche Theorie. Vielmehr bezieht der Konstruktivismus seine Begriffe und Inspirationen aus verschiedenen Bereichen und akademischen Disziplinen, insbesondere der Soziologie, der Psychologie oder der Literatur- und Medienwissenschaft[5]. So wird der Konstruktivismus je nach Schwerpunkt als Methode (Checkel 1998: 325), Forschungsansatz (Hopf 1998: 196) oder als allgemeine theoretische Orientierung (Katzenstein et al. 1998: 646) verstanden. Ein prominenter Vertreter des Sozialkonstruktivismus, John Ruggie, bezeichnet ihn sogar als „Projekt“ (Ruggie 1998: 28).

Was alle konstruktivistischen Epistemologien verbindet, ist die fundamentale Annahme, dass Erkenntnis nicht auf einer Korrespondenz mit einer tatsächlich existierenden Wirklichkeit beruht, sondern immer und unvermeidlich auf einer Konstruktion des Beobachters (Foerster/ Pörksen 1998: 154). Seinen Ursprung findet dieses Verständnis in den Werken “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” von Peter Berger und Thomas Luckmann aus dem Jahr 1969 sowie in Humberto R. Maturanas “Biology of Cognition” (1970).

Die Welt existiert demnach nicht nur in materiellen Realitäten, sondern vor allem in sozialen Konstruktionen, deren aktive Produzentin die Gesellschaft ist (Berger/ Luckmann 1969: 32, Riemer 2006: 74). Materielle Realitäten werden nicht geleugnet, jedoch bezieht der Konstruktivismus einen großen Teil dessen, was als Realität verstanden wird auf Interpretationen und konstruierte Ideen (Risse 2003: 105). Diese Annahme bedeutet in der Schlussfolgerung, dass politische Akteure und die Gesellschaft von relativen Wahrheiten umgeben werden. Typisierungen von Aussagen und Gestiken des Gegenübers werden interpretiert und „schubladisiert“.

Im Umgang mit entsprechenden politikwissenschaftlichen Fragestellungen wird der Konstruktivismus besonders häufig über folgende Varianten Teil der Analysen: den staatszentrierten Sozialkonstruktivismus[6] nach Alexander Wendt, der die Staaten als einheitlich handelnde Akteure betrachtet und den operativen Konstruktivismus[7] nach Niklas Luhmann, der den Beobachter selbst in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses stellt.

Der bekannteste Vertreter des Sozialkonstruktivismus in der Politikwissenschaft, Alexander Wendt, charakterisierte ihn anhand der folgenden Annahmen:

(1.) Staaten sind die wesentlichen Analyseeinheiten, aber die Beziehung zwischen ihnen ist (2.) sozial konstruiert, wobei (3.) die Interessen und Identitäten der Staaten in Bildern verwurzelt sind, die in den Gesellschaften bestehen (Wendt 1994: 385). Anthony Giddens entwickelte diesen Ansatz von Wendt weiter und stellte neben staatliche auch gesellschaftliche Akteure in den Mittelpunkt der Analyse. Gesellschaftliche Strukturen konstituieren Akteure, und umgekehrt konstituieren Akteure die Strukturen, die ihr Handeln ermöglichen (Giddens 1984: 25 – 28). Der Staat wird demnach zum Bindeglied zwischen der Gesellschaft und der Weltpolitik (Hartmann 2001: 68). Wie sich die Beziehungen zwischen zwei Staaten gestaltet hängt folglich auch von den Erfahrungen eines Staatsvolkes und vom Wandel seiner Anschauungen ab (ebd.).

Thomas Risse ging noch einen Schritt weiter: Ohne eine Analyse innerstaatlicher Vorgänge sei außenpolitisches Handeln nicht erklärbar. Die von ihm über soziale Identitäten konstituierten Akteure existieren innerhalb eines Raumes mit kollektiv geteilten Bedeutungsstrukturen (Risse 2003: 105). Die Relevanz systemischer Faktoren gewichtete er schwächer als Wendt. Durch die fortwährende Interaktion zwischen Staaten kommt es zu Übereinstimmungen und Regelhaftigkeiten, woraus die internationalen Beziehungen ihre Struktur gewinnen (Hartmann 2001: 69). Diese Struktur besteht aus historisch gewachsenen und standardisierten Erwartungen (ebd.).

Diese Erwartungshaltungen sind Teil der beiden arbeitsleitenden Hypothesen, da zum einen die Logik der Angemessenheit (Hypothese 1) und zum anderen die Frage nach der Wahrnehmung von Selbst- und Fremdbildern (Hypothese 2) die Auseinandersetzung mit Erwartungshaltungen impliziert. Allerdings geht es in der vorliegenden Arbeit nicht um die Erklärung des außenpolitischen Handelns im Kontext internationaler Beziehungen, worauf die theoretischen Weiterentwicklungen des Sozialkonstruktivismus (und er selbst) aber hinauslaufen. Die Fragestellung der Arbeit beschäftigt sich vielmehr mit der Wahrnehmung der deutschen Außenpolitik und soll weder das deutsche, noch das griechische außenpolitische Handeln erklären.

Der Frage, wie Wahrnehmen überhaupt möglich wird, widmet sich der operative Konstruktivismus nach Niklas Luhmann. Anknüpfend an die Neurobiologie[8], Soziologie[9] und Philosophie[10] ist nach Luhmann die Kognition selbst für die Wahrnehmung verantwortlich, da sie Bedeutungszusammenhänge erzeugt. In Arbeiten die sich an Luhmann orientieren, steht die Beobachtung des Beobachters im Zentrum, also beispielsweise die Beobachtung der Massenmedien (Luhmann 1996: 105). Der operative Konstruktivismus stellt also nicht die Frage danach, was beobachtet wird, sondern wie. Weshalb fällt die Beobachtungsweise so aus, wie sie ausfällt? Methodisch wird in entsprechenden Arbeiten die Beobachtung also rekonstruiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine aktive Aneignung des Beobachteten stattfindet (Weller 2000: 318), Beobachtung also nicht als Wahrnehmung einer externen Realität verstanden wird, sondern die Konstruktion einer systemeigenen Wirklichkeit darstellt (ebd.: 319).

Diese Methode eignet sich für die Fragestellung jedoch weniger, da nicht per Rekonstruktion die Wahrnehmung der griechischen Gesellschaft dargestellt oder die Mechanismen der Wahrnehmungskonstruktion erklärt werden sollen, sondern die Frage danach „was“ wahrgenommen wird im Vordergrund der Forschungsfrage steht. Neben den aufgeführten Kriterien ist auch die “Sprachlosigkeit” der vorgestellten konstruktivistischen Ansätze hinderlich für die Bearbeitung der Fragestellung.

Als Ergebnis des theoretischen Diskurses rückte Sprache zunehmend in den Vordergrund und damit die Tatsache, dass die Wortwahl einem Sachverhalt oder Gegenstand Bedeutungen verleiht und somit Wahrnehmung prägt. Daraus entwickelte sich in den vergangenen Jahren der sprachphilosophische Konstruktivismus mit dem Fokus auf der sprachlichen Dimension von Akteurshandeln.[11]

Als bekannteste Vertreter des sprachphilosophischen Konstruktivismus sind Friedrich Kratochwil und Nicholas Onuf zu nennen. In Auseinandersetzung mit dem Sozialkonstruktivismus kritisierte Kratochwil, dass Wendt Dinge als existent betrachtet, ohne dabei den ihnen zugeschriebenen Beschreibungen, Bewertungen und Referenzen eine Relevanz zuzusprechen (Kratochwil 2006: 42). Nach Kratochwil geht es bei der Betrachtung von Sachverhalten oder der Existenz von Dingen und Gegenständen aber eben genau darum: um die Frage, welche Zuordnung über die Beschreibung oder Benennung stattfindet.

Der Textbeitrag Kratochwils hebt die Relevanz des gewählten Wortes hervor. So kann beispielsweise ein Hund als “Hund” oder als “Dingo” in unterschiedlichen Kontexten auftauchen (Kratochwil 2006: 42). Sprache wird als Handlung verstanden, und anders als bei Wendt erlangen Dinge erst eine Bedeutung, weil ihnen Beschreibungen zugeordnet werden (Krachtowil 2000: 95, Krachtowil 2001: 15). Auch Nicholas Onuf verknüpfte die Analyse internationaler Beziehungen mit dem sprachphilosophischen Konstruktivismus.

In seinem Werk “World of our Making” schrieb er bereits im Jahr 1998 dazu: “(…) we make the world what it is, from the raw materials that nature provides, by doing what we do with each other and saying what we say to each other” (Onuf 1998: 4).

Der sprachphilosophische Ansatz nach Onuf und Kratochwil legt das Augenmerk auf die Wortwahl von Akteuren und akzentuiert ebendiese als Handlung. In Anlehnung daran wird im Folgenden davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Wahrnehmungen sozial konstruiert sind und dass diese Konstituierung über Kommunikation im Meinungsaustausch erfolgt.

Für die vorliegende Arbeit ist dieser Ansatz von besonderer Relevanz, weil bei der Frage nach der Wahrnehmung innerhalb der griechischen Gesellschaft die Sprache als Handlung in den Mittelpunkt gestellt wird. Dies ist der Fall, weil das Verhalten Deutschlands über Sprache stattfand. So prägten beispielsweise die Aussagen Angela Merkels das Bild vom Selbstverständnis des Kreditgebers (häufig wiederholte die Kanzlerin z.B. die Floskel, die Griechen müssten “ihre Hausaufgaben machen”[12] ). Es wird davon ausgegangen, dass seitens der Bevölkerung die jeweilige Wortwahl als Verhalten wahrgenommen wurde. Durch die Nutzung von Sprache entstand eine Wahrnehmung in der griechischen Gesellschaft, welche es mit Hilfe der Überprüfung beider Hypothesen zu hinterfragen gilt.

Sprache ist aber nicht nur Handlung, sie ist ein bewusst eingesetztes Instrument, denn ”each of us uses language as an instrument (…) to carry out our individual intentions (...)” (Onuf 2001: 115). Als Mittel im Bestreben nach bestimmten Zielen wird Sprache bewusst genutzt (Onuf 1998: 5). Als aktive Handlung produziert sie Konsequenzen, weil sie beim Gegenüber eine Erwartungshaltung auslöst. Grund hierfür ist, dass mittels der Wortwahl die Intention des Sprechers vermittelt wird (Onuf 2001: 116). Die erste Hypothese impliziert auch die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung der Intentionen Deutschlands und lautet:

Die griechische Bevölkerung zeigte sich im Hinblick auf die erwartete europäische Solidarität enttäuscht und nahm den Verhandlungspartner Deutschland als nutzenkalkulierenden und unfairen Akteur wahr.

Neben dem entscheidenden Aspekt der Sprache erweitert Onuf das Augenmerk auf die social rules (Onuf 1998: 4), da er neben den rein sprachlich vermittelten Zielen und Zwecken auch gesellschaftlichen Normen eine wesentliche Rolle in der Wahrnehmung zuspricht. Unter den Begriff “social rules” fasst er geschriebene und gelebte Normen. Diese sind für die Wahrnehmung von Bedeutung, weil sie beeinflussen, welches Verhalten einer Situation entsprechend als angemessen beurteilt wird (Onuf 1998: 4). Die social rules spiegeln die Relevanz der für die Hypothese 1 wesentlichen Logik der Angemessenheit wider. Sie erweitern eine rein sprachlich konstruierte Erwartungshaltung um den Punkt einer einstellungsbedingten Erwartungshaltung, in der es nicht zwangsläufig um die Einhaltung von Rechtsansprüchen geht (also die Frage was “rechtens ist”), sondern darum, welches Handeln (einstellungsbedingt) sozial angemessen und “richtig ist”.[13]

Auch dieser Punkt spielt bei der Überprüfung der Wahrnehmung der griechischen Gesellschaft eine wesentliche Rolle, da die Solidaritätsfunktion[14] der europäischen Gemeinschaft das Handeln des deutschen Hegemons vermeintlich begrenzt (so die annahmebedingte Erwartungshaltung der griechischen Bevölkerung).

Die zweite Hypothese befasst sich mit der Frage, ob ein Rückgriff auf Feindbilder aus der Zeit des Nationalsozialismus in Bezug auf die deutsche Gesellschaft erfolgt ist. Konkret geht es also um die Klärung der Frage, ob die griechische Bevölkerung das Verhalten des EU-Hegemons mit der Besetzung Griechenlands im Jahr 1941 in Verbindung bringt (indem sie zum Beispiel in den aktuellen Entwicklungen eine neue Besatzung zu erkennen meint). Welche Konsequenzen haben die Positionierungen Deutschlands für die griechische Gesellschaft in der Selbst- und Fremdwahrnehmung zur Folge gehabt? Für diese zweite Hypothese steht weniger die sprachliche Dimension im Vordergrund als vielmehr die (geäußerten) konkreten Handlungen Deutschlands. Während das Gewicht der ersten Hypothese auf dem verbalen Verhalten, also den Aussagen als aktiver Handlung liegt, konzentriert sich die zweite Hypothese auf die Wahrnehmung des stattfindenden Verhaltens. Dies kann beispielsweise eine unnachgiebige Haltung zu einzelnen Bitten der griechischen Regierung sein oder wiederholte Absagen an die Wünsche der griechischen Bevölkerung beinhalten. Die Hypothese lautet: Die Krisenpolitik Deutschlands bei den Verhandlungen zu Kreditvergaben und Auflagenerteilungen führte zu einer Reaktivierung von Feindbildern aus der Zeit des Nationalsozialismus in Bezug auf die deutsche Bevölkerung.

Neben diesen Verknüpfungen von konstruktivistischer Theorie nach Onuf und Kratochwil mit den beiden arbeitsleitenden Hypothesen ergibt sich die Sinnhaftigkeit einer konstruktivistischen Herangehensweise darüber hinaus auch aus der Tatsache, dass der Konstruktivismus materielle Realitäten nicht leugnet. Die Finanzkrise als solche und die Problemlage Griechenlands werden ebenso als gegeben hingenommen, wie die finanzielle Dominanz Deutschlands. Dennoch hinterfragt der sprachphilosophische Konstruktivismus einen großen Teil dessen, was als Realität verstanden wird, da er von einer interpretativen Verarbeitung von Fakten ausgeht. Ob die griechische Gesellschaft also mehr oder weniger Schuld an der Finanz- bzw. Schuldenkrise trägt, verursacht durch eine Trägheit oder Faulheit der Südländer, ist Teil der relativen Wahrheit, die Akteure und Gesellschaft durchzieht. Die beiden Zentralbegriffe sind also Beobachtung (beispielsweise eines wiederholten “Neins” Deutschlands) und die daraus resultierende Wahrnehmung (beispielsweise eine Schubladisierung Deutschlands als “nutzenorientiert”), wobei nahe liegt, dass keine inhaltliche Auseinandersetzung mit Sach- und Wahrheitsfragen an sich stattfinden kann. Fraglich ist, was beobachtet wurde und wie das beobachtete wahrgenommen wurde. Es geht darum, die Realitätskonstruktion zu erklären und nicht darum, sie zu widerlegen oder gar die Realität der Realitätsvorstellung zu untersuchen.

4. Methodik

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit der Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und Klärung der Quellenbezüge (4.1). Das Kapitel 4.2 widmet sich den Problematiken und dem Potential, welches die Quelle “Printmedium” birgt. Dabei soll die konstruktivistische Perspektive der Arbeit in einen Bezug zur Nutzung von Medieninhalten gesetzt werden. Ziel ist es, die Rolle der Zeitungen für die vorliegende Arbeit zu verdeutlichen. Der Abschnitt 4.3 beschreibt die qualitativ orientierte Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring und das Vorgehen in der Untersuchung großer Datenmengen.

4.1 Das Printmedium als Instrument der Hypothesenprüfung

Nicholas Onuf schrieb zum Zusammenhang von Methode und Theorie: “Constructivism (…) stands on its own as a system of concepts and propositions. Constructivism is not a theory as such. It does not offer general explanations for what people do, why society differ, how the world changes” (Onuf 1998: 3). Wie dieses Zitat verdeutlicht, stellt der konstruktivistische Ansatz keine substantielle, gehaltvolle empirische Theorie dar. Weder gibt der Konstruktivismus Auskunft darüber, welche sozialen Prozesse welcher Sinnkonstruktion unterliegen, noch bietet er empirische Aussagen über die soziale Struktur der Welt und das Handeln der Akteure (Risse 2003: 105).

Die Tatsache, dass es dem Ansatz an einem theoriegeleiteten Analyseraster fehlt, ermöglichte eine Flexibilität in der Herangehensweise. Daher wurde für die Untersuchung der Wahrnehmung der griechischen Gesellschaft eine Inhaltsanalyse von Printmedienartikeln in griechischen Tageszeitungen vorgenommen. Die qualitativ orientierte Inhaltsanalyse[15] erlaubte es, die Wahrnehmung der deutschen Krisenpolitik innerhalb der griechischen Gesellschaft zu erklären, ohne die Diskurse vor Ort oder in Echtzeit miterlebt zu haben[16]. Dabei dienten zum einen Berichte, zum anderen aber auch Kommentare und Leserbriefe als Quellen der Analyse. Ganz bewusst wurden Beiträge griechischer Politiker ausgespart, da im Zeitraum von 2010 bis 2013 Wahlen stattfanden und wahltaktisch geprägte Aussagen nicht in die Untersuchung einfließen sollten.

Das Ziel, gesellschaftliche Wahrnehmungen herauszuarbeiten, konnte mit Augenmerk auf folgenden Punkten verfolgt werden:

1. Wie wurde Deutschland wahrgenommen (sprachlicher Bezug)?
2. Welche Themenkomplexe wurden mit Deutschland in einen Kontext gebracht (handlungstheoretischer/ historischer Bezug)?

Zum Zweck der Analyse erfolgte die Auswertung folgender griechischer Tageszeitungen:

To Bhma (Το Βημα)

Kathimerini (Καθημερινη)

Die Auswahl der Zeitungen richtete sich in erster Linie nach dem verfügbaren Archivumfang griechischer Tageszeitungen in Berlin. Beide oben aufgeführten Blätter orientieren sich an einer gebildeten Zielgruppe. To Bhma steht der sozialdemokratischen Partei Panellinio Sosialistiko Kinima nahe, während die Zeitung Kathimerini am konservativen Meinungsspektrum der Partei Nea Dimokratia angesiedelt ist. Beide Parteien zusammen banden in den vergangenen Jahrzehnten die Mehrzahl der Wählerschaft an sich. Mit der Auswahl dieser Periodika wurde versucht, die unterschiedlichen Pole im Meinungsspektrum abzudecken. Bewusst wurden Zeitungen mit kontrastierenden politischen Standpunkten herangezogen, da das Ziel darin besteht, Wahrnehmungsmuster zu analysieren, die über mögliche parteipolitische Differenzen hinweg in der griechischen Gesellschaft nachvollzogen werden können. Da ein Großteil der Artikel in Internetarchiven abgerufen wurde, sind diese Quellenverweise im Text ohne Angabe einer Seitenzahl aufgeführt.

4.2 Medienwirklichkeit und der Konstruktivismus

Der Konstruktivismus findet in der politikwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der öffentlichen Meinung und den Massenmedien[17] vielerlei Anwendung.[18] Da nach konstruktivistischem Verständnis jede Wahrnehmung genau so ist, wie ein Beurteiler sie durch Aktivität erzeugt, ist alles Beobachtbare Eigenleistung des Beobachters, eingeschlossen das Beobachten von Beobachtern. Es gibt also nach konstruktivistischem Verständnis in der Umwelt nichts, was tatsächlicher Erkenntnis entspricht. Dieser Punkt ist insbesondere im Umgang mit Medien von Bedeutung, so dass kurz darauf eingegangen werden muss.

Im Bereich der Kommunikationsforschung wurde bereits vor der konstruktivistischen Debatte von der Illusion der Abbildung von Realitäten Abstand genommen (Großmann 1997: 28). Für die Medienwirkungsforschung war dies wegen des oftmals inszenierten Charakters von Fernsehbildern und Fotos der Fall (Burkart 1999: 61).

Aber (Medien-)Wirklichkeit ergibt sich über bloße Inszenierung hinaus auch dadurch, dass Journalisten bestimmte Ereignisse für berichtenswert halten und ebendiese Ereignisse in den Medienmittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen (Luhmann 1996: 116).[19] Schließlich konstruieren sie dadurch Realitäten.

Denn obwohl Individuen ihre eigene Wirklichkeitskonstruktion entwickeln, werden sie von der Gesellschaft und den unterschiedlichen sozialen Systemen ihres Umfelds beeinflusst (Großmann 1997: 14). Kommunikation stellt dabei das wesentliche Instrument der Realitätsausbildung und -adjustierung eines Individuums dar (ebd.). Durch die Vermittlung von Informationen der kollektiv akzeptierten Wirklichkeitskonstruktion kommt den Massenmedien eine wichtige Rolle bei der Realitätsausbildung zu. Denn neben der Wissenschaft prägt die Medienberichterstattung die öffentliche Wahrnehmung (Großmann 1997: 14). Niklas Luhmann fasst wie folgt zusammen: ”Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir Leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien” (Luhmann 1996: 9).

Die Tatsache, dass der Leser dem Wahrheitsgehalt von Nachrichteninhalten Vertrauen schenkt, liegt unter anderem in der Einigung auf journalistische Normen in demokratischen Staaten begründet (Hallin/ Mancini 2004: 34 - 36). Dies sind beispielsweise Objektivität[20], Pluralismus und Balance in der Berichterstattung (ebd.). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass ein Großteil der Journalisten die eigene Tätigkeit nicht als wirklichkeitskonstruierend, sondern als realitätsabbildend beurteilt (Weischenberg 1995: 443). Entsprechend vielseitig sind auch die Rollen, die den Medien innerhalb der systemtheoretischen Debatte zugeordnet werden (z. B. Kontrollfunktion, Agenda-Setting, Problemdefinition).

Aber wie soll man feststellen, ob der Inhalt eines Artikels stimmt, teilweise stimmt oder überhaupt nicht stimmt? Diese Frage wird im Folgenden ausgeklammert. In Anlehnung an Niklas Luhmann wird es zum Zweck dieser Arbeit als Garantie genug verstanden, dass die griechischen Printmedien nicht anders können, als zwischen Selbst- und Fremdreferenz zu unterscheiden (Luhmann 1996: 13). “Sie können nicht einfach (...) sich selbst für die Wahrheit halten” (ebd.).

Printmedien werden hier also in ihrer Funktion als Instrument genutzt, welches eine gesellschaftsweit akzeptierte Gegenwart liefert, von der ausgegangen werden kann, wenn es um die Selektion einer systemspezifischen Vergangenheit geht (Luhmann 1996: 120). Durch das Bekanntmachen des Bekanntseins werden der Verfasserin Wahrnehmungen und Eindrücke zur Verfügung gestellt.

Das Printmedium dient dem Zweck der Arbeit in besonderer Weise, weil es gesellschaftliche Meinungen aufgreift (Altmeppen/ Löffelholz 1998: 415). Wie bei Kohring und Luhmann steht die gesellschaftliche Funktion der Beobachtung im Vordergrund (Kohring 2002: 96, Luhmann 1996: 116). Den interpretativen Prozess der Bedeutungskonstruktion verortet die Arbeit also in der Gesellschaft. Printmedien dienen der Aufarbeitung und Präsentation von a) Fakten wie der Finanzkrise und b) Wahrnehmungsmustern aus verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen (Blöbaum 1994: 321ff). Der Gefahr, lediglich die Wirklichkeitskonstruktion eines Printmediums oder eines politischen Lagers zu analysieren wird dadurch begegnet, dass zwei Periodika unterschiedlicher Tendenzen als Basis der Analyse herangezogen werden.

Diese Vorüberlegungen sind von Bedeutung, weil die Darlegung des Vorverständnisses der Verfasserin insbesondere in Hinblick auf die Methodik der qualitativen Inhaltsanalyse klar dargelegt werden muss (Mayring 2010: 32). Dies betrifft nicht nur den theoretischen Hintergrund, sondern auch die impliziten Vorannahmen.

4.3 Die qualitativ orientierte Inhaltsanalyse

Ziel der qualitativ orientierten Inhaltsanalyse ist eine intersubjektiv überprüfbare Analyse von Material, welches aus “irgendeiner Art von Kommunikation stammt” (Mayring 2010: 11). Dabei sollen die latenten Sinngehalte des Materials in ihrem Bedeutungszusammenhang und sozialen Kontext interpretiert werden (ebd.). Gegenstand der qualitativen Inhaltsanalyse kann jede Art von fixierter Kommunikation sein (Mayring/ Brunner 2010: 323). Dabei zeichnet sich die Dokumentenanalyse durch die räumliche, zeitliche und soziale Nähe zum Untersuchungsgegenstand aus.

Neben der Nutzung in Interviews[21] und Tagebuchstudien[22] findet die qualitative Inhaltsanalyse auch in der Medienauswertung[23] Anwendung. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dominierte sie als systematische Methode der Publizistik um Zeitungsartikel zu analysieren (Mayring 2010: 26). Als in den späten 30er Jahren Massenmedien wie das Radio an Bedeutung gewannen, wurde mittels qualitativer Inhaltsanalyse versucht, die “öffentliche Meinung” zu untersuchen (ebd.).

Als einer der bekanntesten Vertreter entwickelte Philipp Mayring die qualitative Inhaltsanalyse ab dem Jahr 1980. In Abgrenzug zu quantitativen Methoden ging es ihm um eine stärkere Subjektbezogenheit der Forschung (Mayring/ Brunner 2010: 324).

Seine Kritik an standardisierten Skalen und Fragebögen richtete sich vor allem gegen die Reduzierung des Kontextes von Aussagen oder Textbestandteilen. Darüber hinaus kritisierte er, dass mittels quantitativ ausgerichteter Methoden keine Berücksichtigung latenter Sinnstrukturen stattfand. Allerdings wird die Gegenüberstellung qualitativer und quantitativer Forschung mittlerweile selbst von Mayring nicht mehr für sinnvoll erachtet (Mayring/ Brunner 2010: 331). Daher wird heute ein Methodenmix vertreten, den Mayring “qualitativ orientierte Inhaltsanalyse” nennt (Mayring/ Brunner 2010: 331). Dieser Methodenmix scheint sinnvoll, weil es bei der Frage nach Wahrnehmungsmustern um die Verallgemeinerung von Ergebnissen geht (Mayring 2010: 51).

Dabei existiert eine Vielzahl von Verfahrensweisen und Techniken.[24] Im Zentrum des inhaltsanalytischen Vorgehens steht ein Kategoriesystem, welches auf das zu untersuchende Material angewendet wird. In der vorliegenden Arbeit besteht diese Kategorisierung aus folgenden, oben genannten Punkten:

1. Wie wurde Deutschland wahrgenommen (sprachlicher Bezug)?
2. Welche Themenkomplexe wurden mit Deutschland in einen Kontext gebracht (handlungstheoretischer / historischer Bezug)?

Am Anfang des Forschungsprozesses stand also in Anlehnung an Mayring und Brunner eine qualitative Analyse in Bezug auf die Fragestellung und Kategoriefindung (Mayring/ Brunner 2010: 331). Daran knüpfte die qualitative und die quantitative Analyse an (ebd.): Zu Beginn wurden die Texte anhand der Punkte 1 und 2 kategorisiert (qualitativer Teil). Im Anschluss daran stellte sich aber nicht nur die Frage nach dem Sinngehalt von Inhalten, sondern auch die Frage nach der Häufigkeit des Aufkommens bestimmter Tendenzen (quantitativer Teil, vgl. z.B Fußnote 28). Der abschließende Schritt bestand aus einer qualitativen Analyse, da die Ergebnisse auf die Fragestellung zurückbezogen und somit interpretiert werden mussten (Mayring 2010: 21).

Die Herangehensweise der vorliegenden Analyse ist somit “qualitativ orientiert”, weil sie das mengenmäßige Aufkommen von Wahrnehmungsmustern mitberücksichtigt, ohne, dass eine bloße Auszählung vorgegebener Textbestandteile stattfindet. Dieses Vorgehen schien für die Bearbeitung der großen Materialmenge sinnvoll.

Darüber hinaus zeichnet sich die Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit darin aus, dass die Inhaltsanalyse theoriegeleitet ist. Die kommunizierten Inhalte sollen nicht für sich analysiert werden, sondern werden als Teil eines Kommunikationsprozesses verstanden. Daher eignet sich die Inhaltsanalyse als schlussfolgernde Methode, aus der sich Aussagen über die Wahrnehmung des “Senders” ableiten lassen (Mayring 2010: 13). Am Anfang der Untersuchung stand daher die Frage nach den Entstehungsbedingungen des untersuchten Materials[25] (also die Frage danach, in welcher Situation sich der “Sender”, die griechische Gesellschaft zum Zeitpunkt des Kommunikationsprozesses befand).

5. Untersuchungszeiträume

Nachdem die Vorgehensweise erläutert wurde, soll nun der Blick auf die Untersuchungszeiträume gerichtet werden. Im Rahmen der Vorüberlegungen wurden Zeiträume von Beschlussfassungen einzelner Hilfsmaßnahmen identifiziert. Der Untersuchungszeitraum soll im Jahr 2010 beginnen, da Griechenland zu diesem Zeitpunkt zahlungsunfähig geworden wäre und der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die Eurogruppen-Partner das erste Hilfspaket beschlossen. Um mögliche Entwicklungen in der Wahrnehmung analysieren zu können ist es erforderlich, aktuelle Berichte und Bewertungen in die Arbeit einzubeziehen bzw. einen gewissen Zeitraum abzudecken und nicht nur eine Momentaufnahme zu betrachten. Der Untersuchungszeitraum soll daher im August 2013 enden. Zur Orientierung folgt eine kurze Einführung in die deutsch-griechischen Entwicklungen der vergangenen vier Jahre mit Blick auf die ausgewählten Perioden.

5.1 Untersuchungszeiträume im deutsch-griechischen Kontext der Krise

Nachdem die griechische Regierung im Jahr 2009 die Staatsverschuldung drastisch nach oben korrigieren musste und Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit Griechenlands herabstuften, einigten sich die Finanzminister der Eurogruppe und der Internationale Währungsfonds auf Zusagen für bilaterale Kredite an den Mittelmeerstaat. Im April 2010 wurden Details geklärt und am 02.05.2010 der Umfang erster Sparmaßnahmen festgelegt (Tagesschau-Online 2010c). Das Rettungspaket hatte einen Umfang von 110 Mrd. Euro, die bis zum Jahr 2012 in Teilbeiträgen, den sogenannten Tranchen ausgezahlt werden sollten (ebd.). Im Gegenzug verpflichtete sich Griechenland zu Konsolidierungsmaßnahmen. Der deutsche Anteil am 110 Milliarden Euro-Rettungs-Paket lag bei 22,4 Mrd. Euro und war im Verhältnis zu den Anteilen weiterer Kreditgeber der Höchste. Die Hilfsgelder wurden über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ausgeschüttet (ebd.), bei der es sich um eine staatliche Förderbank handelt. Die KfW vergab das verzinslichte Darlehen und der Bund übernahm dafür die Garantien. Der Zinssatz belief sich auf 5 %. Im Gegenzug verpflichtete sich der Mittelmeerstaat zu Sparauflagen.

Im Zeitraum von Juni 2010 bis Mai 2011 kam es in Griechenland wiederholt zu Streiks und Protesten gegen diese Sparmaßnahmen, da sie im Verlauf der Zeit an Tiefe und Breite zunahmen (Tagesschau-Online 2010a, Tagesschau-Online 2010b). Die einzelnen Tranchen wurden regelmäßig an aktualisierte Auflagen geknüpft. Im Juli 2011 einigten sich die Eurostaaten und der IWF auf ein zweites Hilfspaket in Höhe von 109 Mrd. Euro unter freiwilliger Beteiligung privater Gläubiger (Faz-Online 2011). Im Unterschied zum Rettungspaket aus dem Jahr 2010 kam es hier nicht zu bilateralen Krediten zwischen Griechenland und Deutschland, sondern zur Errichtung eines Fonds, der durch die Bürgschaften der Eurostaaten arbeiten konnte.

In Folge des Rücktritts von Giorgos Papandreou im November 2011 fanden im Mai und im Juni 2012 Neuwahlen statt, aus denen eine Koalitionsregierung aus Nea Dimokratia, Panellinio Sosialistiko Kinima und der Demokratischen Linken hervorging. Kurz darauf reiste Angela Merkel im Oktober 2012 erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise als “Gast ohne Geschenke” nach Griechenland (Handelsblatt-Online 2012b). Anfang Juli 2013 besuchte auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble das Land.

Die Untersuchungszeiträume wurden so gewählt, dass sie die Verhandlungsperioden beider oben genannter Hilfspakete aus den Jahren 2010 und 2011 sowie die Besuche der Bundeskanzlerin und des Bundesfinanzministers umfassten. Konkret wurden die täglichen Zeitungsausgaben folgender Perioden untersucht:

6. Deutschland – der enttäuschende EU-Partner?

Das folgende Kapitel soll der Überprüfung der ersten Hypothese dienen. Diese lautet:

Die griechische Bevölkerung zeigte sich im Hinblick auf die erwartete europäische Solidarität enttäuscht und nahm den Verhandlungspartner Deutschland als nutzenkalkulierenden und unfairen Akteur wahr.

Die Überprüfung der Hypothese wird mit einer kurzen Erläuterung zum Solidaritätscharakter der EU eingeleitet. Ziel ist es, die Leitidee aufzuzeigen, auf der die angenommene Enttäuschung in der Hypothese basiert. In einem zweiten Abschnitt wird überblicksartig auf die Sparanstrengungen Griechenlands eingegangen. Die Verfasserin ist sich der Tatsache bewusst, dass diese Darstellung der Auflagen in Kapitel 6.2 keinem Anspruch auf Vollständigkeit genügen kann. Dennoch ist sie ein wesentlicher Teil der Analyse, da in einem dritten Schritt nach den unmittelbaren Auswirkungen ebendieser Auflagen gefragt wird. Ziel ist es, ein Bild von den Herausforderungen und Lebensumständen zu vermitteln, derer sich die griechische Gesellschaft gegenüber sieht. Von Interesse sind die Konsequenzen der Sparauflagen, die im Mittelpunkt der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung stehen und die im Fokus der Auseinandersetzungen mit Deutschland auftauchen. Ein vierter Unterpunkt fragt nach der Verknüpfung der Auswirkungen von Sparauflagen in Griechenland mit dem Verhalten Deutschlands. Zu diesem Zweck widmet sich das Unterkapitel 6.4.1 der Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der Situation der Bevölkerung und der Haltung Deutschlands gesehen wird. Wird der Kreditgeber also als unsolidarisch wahrgenommen?

Das Unterkapitel 6.4.2 setzt sich mit der Fragestellung auseinander, ob Deutschland in der Wahrnehmung der griechischen Gesellschaft nutzenorientiert und unfair handelt. Hier geht es um die konkrete Ausprägung des unsolidarischen Verhaltens.

Das Kapitel 6.4 wird in zwei Unterkapiteln bearbeitet, weil die Frage nach unsolidarischem Verhalten selbst noch nichts über die Ausprägung, also die Form des Krisenverhaltens aussagt. Wie im Kapitel 6.1 gezeigt wird, steht „unsolidarisches Verhalten“ für verantwortungsloses Handeln.

Verantwortungsloses Handeln ist aber nicht zwangsläufig nutzenorientiert und unfair. Es kann beispielsweise auch von Passivität gekennzeichnet sein. Daher ist es für die Überprüfung der ersten Hypothese von Bedeutung den nutzenorientierten und ungerechten Charakter einer eventuell unsolidarischen Krisenpolitik für sich zu untersuchen. Ein weiterer Grund hierfür ist, dass weder der eine, noch der andere Begriff klar definiert ist. Beide Charakteristika sind von einer Vielzahl von Deutungsmustern durchzogen, was dazu führt, dass ganz unterschiedliche Formen nutzenorientierten und ungerechten Verhaltens im Fokus der griechischen Wahrnehmung stehen können. Dieser Vieldeutigkeit soll Raum gegeben werden, indem kein Kategoriensystem im Sinne definitorischer Rahmen angesetzt wird, sondern eine offene Herangehensweise die Interpretation der Griechen untersucht.

Die Hypothesenprüfung schließt mit einem Zwischenfazit.

6.1 Eine europäische Krise – von der europäischen Idee zur Erwartungshaltung

Die tiefste Wirtschaftskrise seit der großen Depression in den dreißiger Jahren hat ihr Zentrum von den USA nach Europa verlagert. Was mit einer Krise des US-amerikanischen Immobilienmarktes begann, führte zu einer weltweiten Krise der Finanzmärkte (Gänger 2013). Als Symptome der Existenz einer europäischen Krise sind unter anderem der drohende Staatsbankrott Griechenlands, Finanzierungsdebatten und -probleme in Italien, Spanien, Irland und Frankreich sowie ein enormer Anpassungsdruck der auf selbigen Ländern lastet zu nennen.

Die von der Krise bedrohte Europäische Union ist eine Gemeinschaft, die auf einer gemeinsamen Kultur basiert. Sie hat einen Werte- und Normkonsens sowie ein freundschaftliches Verhältnis unter den Mitgliedsstaaten hervorgebracht. Darüber hinaus sieht sich die Union als solidarische Gemeinschaft. Das auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung verfügbare Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein bezeichnet Solidarität als ein Prinzip, „das gegen die Vereinzelung und Vermassung gerichtet ist und die Zusammengehörigkeit, d. h. die gegenseitige (Mit-)Verantwortung und (Mit-)Verpflichtung betont“ (Schubert/ Klein 2011).

Bereits die Präambel des EU-Vertrags (EUV) betont den „Wunsch, die Solidarität zwischen ihren Völkern unter Achtung ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Tradition zu stärken“. Im weiteren Verlauf greifen die Artikel 2 und 3 den Solidaritätscharakter auf, zum einen als Wert, der allen Mitgliedern gemeinsam ist (Art. 2) und zum anderen als Aufgabe, Solidarität zwischen den Generationen und Mitgliedern zu stärken und zu fördern (Art. 3). Darüber hinaus ist Solidarität auch in Artikel 3 Absatz 4 EUV als Ziel internationaler Politik aufgeführt.

Auch der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) hebt gemäß Art. 222 Abs. 1 folgendes hervor: „Die Union und ihre Mitgliedsstaaten handeln gemeinsam im Geiste der Solidarität, wenn ein Mitgliedsstaat von (…) einer von Menschen verursachten Katastrophe betroffen ist.“

[...]


[1] Unter der Bezeichnung “Troika” wird ein Gremium verstanden, welches die Erfolge von EU-Kreditnehmern bei der Haushaltskonsolidierung beurteilt und damit über die Auszahlung weiterer Kreditgelder entscheidet. Sie setzt sich aus Vertretern von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds zusammen (Stratenschulte 2013: 2).

[2] Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass eine Hegemonie Deutschlands innerhalb der EU in der Forschungsliteratur stark umstritten ist. Dies gilt insbesondere wegen der Frage danach, ob Deutschland diese Rolle annimmt. Vgl. hierzu Kapitel 3.1 sowie z. B. Rode 1992 oder Markovits/ Reich 1992.

[3] Weiterführend zu den Krediten bzw. den bilateralen Anteilen Deutschlands: Kapitel 5.1.

[4] Vgl. Kapitel 5.1.

[5] Ausführlich in: Pörksen 2011.

[6] Vgl. z. B. Ansorg 2013.

[7] Vgl. z. B. Weller 2000.

[8] Vgl. z. B. Roth 1999.

[9] Vgl. z. B. Luhmann 1996.

[10] Vgl. z. B. Glasersfeld 1997.

[11] Vgl. z. B. Diez 1999.

[12] Ausführlich zum Einsatz von Metaphern in der Politik: Onuf 2010.

[13] Dem gegenüber steht die Handlungslogik zweckrationalen Handelns.

[14] Weiterführend zur Solidaritätsfunktion in Kapitel 6.1.

[15] Weiterführend zur qualitativ orientierten Inhaltsanalyse: Kapitel 4.3.

[16] Weiterführend zum Verhältnis von Medien(-wirklichkeit) und Konstruktivismus: Kapitel 4.2.

[17] Der Begriff der Massenmedien erfasst hier alle Einrichtungen der Gesellschaft, die technische Mittel zur Verbreitung von Kommunikation nutzen (Luhmann 1996: 10).

[18] Vgl. z. B. Neverla/ Schäfer 2012, Weller 2000, Lindenberger 2006.

[19] Ausführlich zum Einfluss und zur bewussten Nutzung von Medien durch die Politiker: O'Heffernan 1991.

[20] Als Objektivität im konstruktivistischen Sinn wird die intersubjektive Vereinbarung über die Art der Wirklichkeitskonstruktion innerhalb des Systems Journalismus verstanden (Großmann 1997: 28).

[21] Vgl. z. B. Mayring et. al 2000.

[22] Vgl. z. B. Gerwin 1994.

[23] Vgl. z. B. Beck/ Vowe 1995.

[24] Vgl. z. B. Mayring 2007.

[25] Vgl. Kapitel 5 sowie die Teilabschnitte 6.2 und 6.3.

Details

Seiten
75
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656700579
ISBN (Buch)
9783656741527
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277389
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,1
Schlagworte
griechische wahrnehmungen verhaltens zuge eu-währungskrise

Autor

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Titel: Griechische Wahrnehmungen des deutschen Verhaltens im Zuge der EU-Währungskrise