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Antike und mittelalterliche Wallfahrt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Ein Essay

Essay 2014 10 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Bezeichnung der Wallfahrenden

2 Wallfahrtsziele
2.1 Palästina, insbesondere Jerusalem
2.2 Konstantinopel und übriger Orient
2.3 Rom
2.4 Weitere abendländische Wallfahrtsorte

3 Busswallfahrten und Wallfahrten zwecks Ablasserwerb

4 Strassen, Unterkünfte und Kennzeichen der Wallfahrer

5 Pilgerberichte und -führer

6 Rechtlicher Schutz der Wallfahrer

7 Wallfahrtsverbote für Frauen

8 Schlussfolgerung

Quellen und Literatur

1 Bezeichnung der Wallfahrenden

Peregrinus heisst im klassischen und frühmittelalterlichen Latein der 'Fremde' ganz allgemein. Der Begriff bezeichnet hier jeden, der aus irgendeinem Grund unterwegs ist. Demgemäss waren in der damaligen antiken und frühmittelalterlichen Kirche religiös motivierte Reisen von peregrini ohne konkretes Ziel möglich. Erst als vom 8./9. Jahrhundert an religiöse Reisen zu heiligen Stätten zur vor­herrschenden Form des Pilgerns im lateinischen Westen wurden, begann der Begriff peregrinus ab etwa dem 8. Jahrhundert zunehmend besonders denjenigen zu bezeichnen, welcher auf dem Weg zu solchen Stätten war. Eine spezifische Wallfahrts-Terminologie, in der peregrinatio (althochdeutsch wal[l]on, mittelhochdeutsch wal[le]vart) als zielgerich­tetes Reisen zu bestimmten heiligen Orten ver­standen wurde, entstand erst in der rechtlichen Absicherung der Romwallfahrt am Ende des ersten Jahrtausends. Ab dem 12. Jahrhundert galt ausschliesslich der Pilger zu einer heiligen Stätte als peregrinus.

2 Wallfahrtsziele

In der Spätantike pilgerten Christen vornehmlich nach Palästina zu Orten, die mit der biblischen Tradition in Verbindung gebracht werden, und zu den Apostelgräbern. Im Frühmittelalter erweiterte sich der Kreis der Wallfahrtsziele.

2.1 Palästina, insbesondere Jerusalem

Bis in die Spätantike massen die Christen der Wallfahrt nach Palästina keine hervorgehobene Bedeutung zu. Erst die Kunde vom Fund des Kreuzes Christi durch die Mutter des römischen Kaisers Konstantin (306-337), Helena, im Jahre 326 löste die Pilgerbewegung nach Palästina richtig aus. In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten unternahmen die Christen zunehmend Wallfahrten nach Palästina, um auf den Wegen Christi zu wandeln, seine Spuren zu finden, die in der Tradition des Alten oder Neuen Testaments stehenden Gräber zu besuchen und dort zu beten. Dabei erfreute sich die Jerusalem-Wallfahrt zunehmender Beliebtheit. Aufgrund dieser Entwicklung begannen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts im alten Orient Wallfahrtszentren zu entstehen, welche im 5. und 6. Jahrhundert kontinuierlich zahlreicher wurden.

Die Abtrennung Syriens, Palästinas und Ägyptens vom oströmischen Reich durch die arabische Invasion (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) beendete diese Wallfahrten in den alten Orient nicht abrupt. Das in der Spätantike begonnene Interesse an Pilgerfahrten nach Palästina setzte sich im Früh­mittel­alter vielmehr trotz der islamischen Eroberung Jerusalems (637) fort. Die Wallfahrt nach Jerusalem, das iter hierosolymitanum, die in der Antike sehr grossen Zustrom hatte, wurde jedoch schwieriger und gefährlicher, die Pilgerreise aus dem Westen nach dem seit 638 von den Arabern beherrschten Palästina seltener und singulärer. Denn seit der arabischen Eroberung Syriens, Palästinas und Ägyptens konnten die aus dem Westen kommenden Pilger als Fremde nicht mehr, wie zur Zeit des spät­römischen Reiches, ungehindert aus Europa nach Palästina reisen, ohne eine Grenze zu überschreiten. Sie mussten nun die muslimischen Behörden zunächst um Einreise­genehmigungen bitten, wodurch das Mitführen eines Empfehlungsschreibens unerlässlich wurde. Der Bericht des pil­gern­den Bischofs Arkulf aus dem letzten Drittel des 7. Jahrhunderts vermittelt zwar noch den Eindruck, dass der christliche Wallfahrer aus dem Abendland damals nach wie vor frei und ohne Furcht vor irgendwelchen Repressalien in den islamischen Gebieten die heiligen Stätten des Christen­tums aufsuchen konnte. Gemäss späteren Pilgernachrichten änderte sich dies allerdings alsbald. Viele Pilger, aus dem Abend- wie aus dem Morgenland, unternahmen trotz wachsender Schwierigkeiten und Gefahren weiterhin Wallfahrten nach Palästina. Wegen der zunehmenden Widrigkeiten ging der Pilgerverkehr dorthin aber seit dem 8. Jahrhundert zurück. Erst als das wiedererstarkte Byzanz im 10. Jahrhundert erneut wie in der Antike das östliche Mittelmeer beherrschte und den weitgehend ungehinderten Pilgertransport garantierte, konnte das iter hierosolymitarum wieder den antiken Verhältnissen vergleichbar begangen werden. Daraufhin zog bis ins Spätmittelalter hinein – vor­nehmlich nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer (1099) – ein die spätantike Anzahl Wallfahrer weit übertreffender, kontinuierlicher Strom christli­cher Pilger nach Palästina, das seit der Kreuzfahrerzeit als 'Heiliges Land' bezeichnet wird. Nachdem die Mamluken dieses Land (Ende des 13. Jahrhunderts) und die Türken die Balkanpro­vinzen (Mitte des 14. Jahrhunderts) erobert hatten, wurde es für die Christen allerdings abermals schwieriger, nach Jerusalem zu pilgern. Waren dort vom 4. bis etwa zum 12. Jahrhundert Auf­enthalte von einem halben Jahr üblich, verringerte sich die Aufenthaltsdauer auf etwa 10-14 Tage im 14.-16. Jahrhundert, wesentlich mitbedingt durch die zunehmende Wallfahrtsorganisation und -betreuung durch die Franziskaner vom Berg Sion.

Die Anzahl der Heiligtümer, die man im Heiligen Land besucht haben musste, nahm seit der Spätantike über die Jahrhunderte immer mehr zu, doch lässt sich ein Kernbestand aus den über­lieferten Pilgerberichten herauskristallisieren: Jerusalem, Bethlehem, Jericho, die Stelle der Taufe Jesu am Jordan, die Orte des Wirkens Jesu am See Genezareth, die Abrahams-Heiligtümer im Hebron und Mamre sowie seit dem 6. oder 7. Jahrhundert Nazareth.

2.2 Konstantinopel und übriger Orient

Die Einnahme von Syrien, Palästina und Ägypten durch die Araber in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts leitete eine Rückentwicklung der Palästina-Wallfahrten und eine Zunahme der Pilger­reisen in die mehr abendländischen Gebiete des byzantinischen Orients ein. So wurde Konstantinopel nach dem 7. Jahrhundert neben Jerusalem ein grosser Anziehungspunkt für alle christlichen Pilger des Orients. Die anderen orientalischen Wallfahrtsorte des Christentums, die im eroberten Gebiet lagen, verloren nach und nach ihre Besucher aus fernen Ländern, verkümmerten, und verschwanden nach einigen Jahrhunderten schliesslich gänzlich. Die Wallfahrtsorte, in Kon­stantinopel und jene im übrigen Kleinasien konnten sich hingegen, über das Mittelalter hinaus, halten.

2.3 Rom

In der Spätantike und dem frühen Mittelalter war Rom mit seinen Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus der grosse Wallfahrtsort des Abendlands. Für den Pilger aus dem Osten wurde die Stadt hingegen erst im 6. Jahrhundert Wallfahrtsziel. Als sich der mit päpstlicher Billigung erstellte römische Katalog der Märtyrer- und Heiligennamen vornehmlich vom 7. Jahrhundert an verbreitete, begann diese an Rom orientierte Auswahl die Heiligenverehrung auch im übrigen Italien, in Gallien und England sowie im Frankenreich stark zu prägen, was die Attraktivität Roms für Pilger gegenüber der Antike weiter steigerte. So wurde die Stadt seit dem 7. Jahrhundert von Angelsachsen und seit dem 8. Jahrhundert auch von Franken orationis causa, um des Gebets an den Gräbern der Märtyrer und Heiligen willen, besucht. Erst im Hochmittelalter wurde unter den Christen eine gewisse Verminderung der Attraktivität der Wallfahrt ad limina apostolorum im Vergleich zur Antike erkennbar. Während in den Zeiten vor 1300 eher einzelne Christen individuell eine Rom-Wallfahrt unternommen hatten, entwickelte sich nach der Feier des ersten Heiligen Jahres 1300 eine klar als Wallfahrt abgrenzbare Form des Rombesuchs ohne andersartige Haupt- und Nebenab­sichten, welche auch Pilgergruppen anzuziehen begann. Die Stadt Rom ist demgemäss erst seit dem Spätmittelalter ein spezieller Wallfahrtsort mit entsprechender Infrastruktur.

2.4 Weitere abendländische Wallfahrtsorte

Im 5. und 6. Jahrhundert begann sich im gesamten Abendland eine Verehrung der einheimischen Märtyrer und Bekenner zu entwickeln. Der Zusammenbruch der mediterranen Verkehrsverbindun­gen im Frühmittelalter regionalisierte den Besuch heiliger Orte und machte Wallfahrten nach Palästina, Konstantinopel und in den übrigen Orient im Vergleich zur Antike zur Ausnahme. So bildete sich im Mittelalter in Europa eine grosse Anzahl an christlichen Pilgerstätten unterschied­licher Bedeutung. Bekanntestes Beispiel ist die Wallfahrt ins spanische Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren. Sie kam seit dem 9. Jahrhundert zu den beiden grossen Pilgerzielen Jerusalem und Rom hinzu, zählte seit dem 13. Jahrhundert zu den peregrinationes maiores und befand sich von nun an mit Rom und Jerusalem auf einer Stufe.

Überdies nahm man in der Antike nur selten Überführungen von Reliquien vor und pilgerte man nicht zu Bildern, weshalb sich die Gläubigen auf lange, schwierige und kostspielige Wallfahrten begeben mussten. Ab dem Ende des 5. Jahrhunderts begannen die Christen dann aber nebst zu Gebeinen auch zu Bildern zu pilgern, welche die Heiligen repräsentieren, und nahmen vom 8. Jahr­hundert an – aus Not oder Frömmigkeit – Überführungen von Heiligenreliquien aus Wall­fahrtszentren zu. Nachdem man seit der Mitte des 8. Jahrhunderts in Rom bereitwillig römische Reliquien an Bittseller auszuteilen begann und in der Karolingerzeit (751-987) den ganzen Okzident mit solchen Gebeinen versorgte, füllte sich Europa nach und nach mit Kultstätten, die Pilger an­zogen. Die Wallfahrt zu Bildern führte nach der arabischen Eroberung Palästinas (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) zudem dazu, dass es seit dem 9. Jahrhundert Wallfahrtsorte mit Nachbildungen des Grabes Jesu oder der Jerusalemer Grabeskirche vermehrt in den Gebieten des heutigen Deutsch­land, Frankreich, Italien und England gab. Aus Palästina und dem Orient kam erst durch die Kreuz­züge (1096-1396) eine Fülle von Reliquien nach Europa. Die Eroberung des Heiligen Landes und der Balkanprovinzen durch die Türken im Spätmittelalter brachte im Abendland immer häufigere 'Ersatzwallfahrten' zu Heiligen­reliquien und – vor allem – zu den erwähnten Nachbauten mit sich. Im 15. Jahrhundert entstanden sodann die ersten nachgebauten Kalvarienberge mit Kreuzwegen.

[...]

Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656707134
ISBN (Buch)
9783656710080
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277411
Institution / Hochschule
Universität Luzern
Note
bestanden (sehr gut)
Schlagworte
antike wallfahrt gemeinsamkeiten unterschiede essay

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