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Die Lebenswelt von Prostituierten. Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes

Bachelorarbeit 2014 54 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prostitution
2.1 Rechtliche Situation in Deutschland und das Prostitutionsgesetz
2.1.1 Versicherungen
2.1.2 Steuern
2.2 Rechtliche Situation in Europa
2.3 Zahlen und Fakten
2.4 Zuhälter
2.4.1 Loverboys
2.4.2 Puffmütter
2.5 Freier
2.6 Prostitutionsformen
2.6.1 Straßenstrich
2.6.2 Bordelle und ähnliche Prostitutionsstätten
2.6.3 Hobbyprostitution
2.6.4 Begleitservice
2.6.5 Männliche Prostitution - Stricher und Callboys
2.6.6 Pädophilie und Kinderprostitution
2.7 Frauenhandel und Zwangsprostitution - Deutschland: Zielland Nr. 1
2.7.1 Das Rotlichtmilieu
2.7.2 Deutschlands bekannteste Milieus

3. Physische und psychische Belastungen
3.1 Motive
3.2 Doppelleben
3.3 Beziehungs- und Bindungsprobleme
3.4 Symptome der Überbelastung
3.4.1 Erniedrigung und geringes Selbstwertgefühl
3.4.2 Selbstverletzendes Verhalten und Essstörungen
3.4.3 Depressionen und Angststörungen
3.5 Sucht
3.6 Ausstieg aus der Prostitution

4. Institutionen in der Prostitutionsszene
4.1 Soziale Arbeit
4.2 Medizinische Hilfen
4.3 Polizei

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Prostitutionsgeschäft, auch bekannt als das Geschäft mit der käuflichen Liebe, wird mit der Zeit immer größer. Die Bandbreite der in der Prostitution tätigen Frauen ist sehr groß und vor allem vielfältig. Es gibt auf der einen Seite die selbstbewussten und für ihre Rechte eintretenden Prostituierten, die zu ihrer Tätigkeit stehen und diese niemals verleugnen würden. Auf der anderen Seite gibt es die, die aus materieller Not in das Milieu geraten, suchtkrank sind oder gar obdachlos. Auch Opfer von Gewalt und Menschenhandel sind gezwungenermaßen in der Prostitutionsszene tätig. Manche Frauen sind gerne als Sexarbeiterin tätig, für andere dagegen bedeutet Prostitution Erniedrigung, Ekel und Qual. Unabhängig von den individuellen Motiven und Lebensgeschichten haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie werden oftmals als Menschen zweiter Klasse betrachtet, aufgrund ihrer Tätigkeit stigmatisiert und nur auf diese reduziert.[1]

Für diese Thematik habe ich mich aufgrund des Moduls "Lebenswelten und Lebenslagen" entschieden, welches ich in meiner vergangenen Studienzeit besucht habe. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde mein Interesse bezüglich der Lebenswelt der Prostituierten und die dazugehörigen Probleme geweckt. Zum Einen wollte ich nachvollziehen können warum sich Frauen, teilweise sogar leidenschaftlich, prostituieren und zum Anderen in die Welt der Frauen eintauchen, die durch Zufall oder wegen anderer Gründe in das Milieu geraten sind, dieses verfluchen und einfach nur einen Ausweg suchen, ihn aber nicht finden.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Lebenswelt von Prostituierten. Es wird darauf eingegangen, was Frauen dazu bewegt ihren Körper zu verkaufen und warum Männer das Geschäft eingehen und sich sexuelle Dienstleistungen kaufen. Zudem werden die körperlichen und seelischen Folgen erörtert und wie verschiedene Institutionen, beispielsweise die Soziale Arbeit, die jeweiligen Frauen unterstützen können, auch in Bezug auf einen angestrebten Ausstieg aus dem Milieu. Auf die verschiedenen Formen der Prostitution und die rechtliche Situation in Deutschland und Europa wird ebenfalls eingegangen. Zudem wird sich in einem angemessenen Rahmen mit dem Tabuthema der männlichen Prostitution und der Zwangsprostitution befasst. Das Fazit bildet den Abschluss dieser Arbeit und greift die durch das Prostitutionsgesetz entstandenen Auswirkungen auf die Lebenswelt von Frauen, die der Prostitution nachgehen, auf.

Der bereits erwähnte Begriff "Lebenswelt" definiert das Umfeld, in dem sich der Alltag jedes Individuums abspielt. Bei Prostituierten ist dieses Umfeld meist das Milieu in dem sie tätig sind und auch Kontakte haben.

2. Prostitution

Der Begriff "Prostitution", abgeleitet vom lateinischen "prostituere", steht für "jemanden bloßstellen/ entehren". Prostitution, auch bekannt als Sexarbeit oder sexuelle Dienstleistung, ist die Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt.[2]

"Prostitution ist in fast jeder Kultur zu finden und sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart eine gesellschaftlich relevante Größe. Ihre soziale Wahrnehmung und Bewertung unterliegt einem starken Wandel und hängt von den zeitlichen und kulturellen Wert- und Moralvorstellungen einer Gesellschaft ab."[3]

2.1 Rechtliche Situation in Deutschland und das Prostitutionsgesetz

Zu den angewandten Rechtsprinzipien der Prostitution gehören das Prohibitionsprinzip, das Abolitionsprinzip, das Regulationsprinzip und das Entkriminalisierungsprinzip, auch Legalisierungsprinzip genannt. Im Rahmen des Prohibitionsprinzips werden alle in Zusammenhang mit Prostitution stehenden Handlungen und Personen bestraft. Beim Abolitionsprinzip, das auf das Verschwinden der Prostitution hinwirken will, werden alle Prostituierten als Opfer angesehen und deswegen auch nicht rechtlich belangt. Jedoch werden alle Handlungen, die im Zusammenhang mit Prostitution stehen, bestraft. Dazu zählen Zuhälterei, die Unterhaltung von Bordellen und Menschenhandel. Die Sexarbeit wird beim Regulationsprinzip als notwendiges Übel gesehen, welches aber staatlich kontrolliert wird, zum Beispiel durch Steuerpflicht für Prostituierte, Gesundheitskontrollen und Genehmigungen für Bordelle. Das Legalisierungsprinzip sieht die Prostitution als Erwerbstätigkeit an. Die Tätigkeit wird entkriminalisiert und einer Ausbeutung von Prostituierten wird entgegengewirkt. In Deutschland hat sich die Gesetzeslage vom Abolitionsprinzip zum Legalisierungsprinzip entwickelt. Prostitution ist dementsprechend zwar legalisiert worden, allerdings ist es möglich, dass durch die Kommune einige Gebiete zu Sperrgebieten erklärt werden. Diese Sperrgebiete sind bei Prostituierten sehr beliebt, da dort in den meisten Fällen viel Laufkundschaft anzutreffen ist. Auch das Nachgehen der Prostitution zu bestimmten Tageszeiten kann verboten und bei Nichteinhalten bestraft werden.[4]

Das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten trat ab dem 01. Januar 2001 außer Kraft und wurde durch das Infektionsschutzgesetz (IfSG) ersetzt. Dies hatte zur Folge, dass der Bockschein abgeschafft wurde und Prostituierte sich nicht mehr regelmäßig beim Gesundheitsamt untersuchen lassen müssen. Der Begriff "Bockschein" ergab sich aus dem gynäkologischen Untersuchungsstuhl, welcher auch als Bock bekannt war. Das Infektionsschutzgesetz bietet Hilfsangebote der Gesundheitsämter an, die auf freiwilliger Basis wahrgenommen werden können. Es werden keinerlei Kontrollen oder Zwangsmaßnahmen durchgeführt. Kurz nach der Abschaffung des Bockscheins führte das Bundesland Bayern in seiner Hygiene-Verordnung mit Wirkung zum 16. Mai 2001 einen Kondomzwang für männliche und weibliche Prostituierte und deren Freier ein. Die bayrische Polizei führt zur Überprüfung dieses Gesetzes Tests durch, bei denen sie Prostituierte in Hotels bestellen und sich als Freier ausgeben. Einer der Beamten führt ein Vorgespräch mit der jeweiligen Frau während die anderen Polizisten, die das Gespräch verfolgen, später als Zeugen auftreten, wenn sich herausstellt, dass sie ohne Schutz arbeiten würde.[5]

Das Prostitutionsgesetz (ProstG) hat sich seit den 70er Jahren entwickelt, bis es zum 01.01.2002 in Kraft getreten ist. Grundsätzlich soll die gesellschaftliche Anerkennung von Prostitution gefördert werden. Das Gesetz regelt die Rechtsverhältnisse der Prostituierten und besteht aus drei Paragraphen, zivil- und sozialversicherungsrechtlicher Art. Ziel des Gesetzgebers ist es, die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern und die damit verbundene Sittenwidrigkeit abzuschaffen. Die somit erfolgte Legalisierung der Prostitution sollte zur Verminderung der gesellschaftlichen Diskriminierung gegenüber der in der Prostitution tätigen Menschen beitragen.[6]

"Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begründet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses, für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält."[7]

In § 1 ist geregelt, dass erbrachte sexuelle Handlungen mit dem vorher vereinbarten Entgelt bezahlt werden müssen, da diese Vereinbarung eine rechtwirksame Forderung darstellt. Prostituierte haben einen einklagbaren Anspruch darauf.

"Die Forderung kann nicht abgetreten und nur im eigenen Namen geltend gemacht werden. Gegen eine Forderung gemäß § 1 Satz 1 kann nur die vollständige, gegen eine Forderung nach § 1 Satz 2 auch die teilweise Nichterfüllung, soweit sie die vereinbarte Zeitdauer betrifft, eingewendet werden. Mit Ausnahme des Erfüllungseinwandes gemäß des § 362 des Bürgerlichen Gesetzbuchs und der Einrede der Verjährung sind weitere Einwendungen und Einreden ausgeschlossen".[8]

§ 2 besagt, dass diese Forderung nicht abgetreten und nur im eigenen Namen geltend gemacht werden kann. Zudem beschränkt dieser Paragraph die Möglichkeit von Einwendungen seitens der Kunden gegen die Forderung. In § 3 werden die Voraussetzungen für die Aufnahme in Sozialversicherungen geschaffen.

"Bei Prostituierten steht das eingeschränkte Weisungsrecht im Rahmen einer abhängigen Tätigkeit der Annahme einer Beschäftigung im Sinne des Sozialversicherungsrechts nicht entgegen".[9]

Grundsätzlich sind drei Intentionen zu benennen, die das Prostitutionsgesetz verfolgt. Die Rechtsposition der Prostituierten soll gestärkt werden, der Zugang zu gesetzlichen Sozialversicherungen soll ermöglicht werden und die Arbeitsbedingungen von Prostituierten sollen sich durch das Gesetz deutlich verbessern. Außerdem ist es seit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes möglich, straffrei einen Bordellbetrieb zu führen. Davon sollen nicht nur die Bordellbetreiber selbst profitieren, sondern auch die Prostituierten, die dadurch für jemanden arbeiten, der in eine legale Betriebsform investiert und nicht mit dem kriminellen Milieu in Verbindung gebracht wird.[10]

Die Ausübung von Prostitution in einem Gebäude bedarf einer Baugenehmigung, da die Rechtsprechung davon ausgeht, dass Prostitution mit negativen Begleiterscheinungen verbunden ist. In diese Kategorie fällt der Lärm von betrunkenen und unzufriedenen Freiern, das Klingeln der Freier an der falschen Wohnungstür oder die Sorge, dass Frauen, die nichts mit Prostitution zu tun haben, angesprochen werden.[11]

2.1.1 Versicherungen

Obwohl die Prostitution seit mittlerweile mehr als 10 Jahren in Deutschland erlaubt ist, haben Frauen, die in diesem Gewerbe tätig sind, große Schwierigkeiten eine Krankenversicherung zu bekommen. Viele Krankenversicherungsunternehmen lehnen Prostituierte entweder komplett ab oder verlangen einen überdurchschnittlich hohen Beitrag. Ein Grund dafür ist die Annahme, dass bei Prostituierten eine größere Gesundheitsgefahr bestünde als bei Frauen, die gesellschaftlich anerkanntere Berufe ausüben. In machen Krankenversicherungsunternehmen erfolgen glücklicherweise angemessene Beratungen und die Vorstellung von verschiedenen Tarifmöglichkeiten. Bei der Tarifwahl spielen die Vorerkrankungen eine wichtige Rolle und die Prostituierte ist dazu verpflichtet wahrheitsgemäße Angaben zu machen. Abgesehen von den eben genannten Schwierigkeiten, versichern sich in der Realität die wenigsten Sexarbeiterinnen als Prostituierte, weil viele von ihnen ihre Tätigkeit geheim halten wollen. Prinzipiell können sie sich auch sozialversicherungspflichtig beschäftigen lassen oder ein Gewerbe anmelden. Diese zwei Möglichkeiten werden in der Prostitutionsszene jedoch ebenfalls kaum umgesetzt.[12]

Das Prostitutionsgesetz versucht der Gesellschaft klar zu machen, dass die Tätigkeit einer Prostituierten nicht sittenwidrig ist, sondern genau so sozialversicherungsberechtigt ist wie jede andere Tätigkeit auch. Selbständig arbeitende Frauen haben den vollen Beitrag der Sozialversicherung zu zahlen, abhängig beschäftige Frauen den halben, da die andere Hälfte vom Arbeitgeber übernommen werden muss. Bei einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis müssen Merkmale wie die Eingliederung in einen Bordellbetrieb, die Freiwilligkeit der Tätigkeit und die Weisungsbefugnis des Arbeitgebers in Hinblick auf die Zeit und den Ort der Tätigkeit erfüllt sein. Falls sich herausstellt, dass ein Bordellinhaber die bei ihm tätigen Prostituierten nicht sozialversichert hat, muss er nachträglich für sie den gesamten Beitrag alleine zahlen. Lebensversicherungen für Prostituierte sind seit Einführung des Prostitutionsgesetzes ebenfalls ohne Rechtsbarrieren möglich.[13]

2.1.2 Steuern

Bei Kontrollen durch den Zoll und das Finanzamt muss jede Prostituierte ihren gültigen Ausweis und ihre Steuernummer vorlegen. Ausländische Frauen benötigen zudem noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Wenn eine Frau in Deutschland nicht steuerlich beim Finanzamt gemeldet ist, muss sie in ihrer Heimat gemeldet sein. Der deutsche Zoll arbeitet mit den deutschen Finanzämtern zusammen und dort gibt es zuständige Abteilungen für ausländische Kooperationen. Wenn eine Prostituierte nirgends angemeldet ist, wird dies an das zuständige Finanzamt in der Heimatstadt der Betroffenen weitergeleitet, wo dann auch die jeweiligen Steuern entrichtet werden müssen.[14]

In manchen Städten Deutschlands gibt es eine Pauschalsteuer, die durch die Prostituierten direkt an den Betreiber bezahlt wird. Dieser entrichtet die Steuer für alle bei ihm tätigen Frauen an das Finanzamt. Der deutschlandweit höchste Steuersatz liegt bei 30 € und ist in Berlin vorzufinden. Die Städte, in denen es eine Pauschalsteuer gibt, kassieren diese nach dem sogenannten "Düsseldorfer Verfahren". Dieses ist ein vereinfachtes Verwaltungsverfahren und stellt eine Vorauszahlung zur Sicherheit der Steuererhebung dar. Das "Düsseldorfer Verfahren" wurde durch die Bundesländer Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen eingeführt. Prostituierte mit festem Arbeitsplatz zahlen täglich Abgaben an den jeweiligen Arbeitgeber. Diese liegen durchschnittlich bei 25 € und werden an das zuständige Finanzamt weitergeleitet. Manche Frauen wissen von dieser Regelung nichts und fallen deswegen häufig bei Zoll- oder Finanzamtkontrollen auf. Die Arbeitgeber sind dazu verpflichtet die Gelder weiterzuleiten. Es ist wichtig, dass die Prostituierten sich Quittungen geben lassen, da sie letztendlich in der Beweispflicht sind. Es kann jederzeit eine persönliche Steuererklärung der Frauen durch das Finanzamt verlangt werden. Dieses Recht hat das Finanzamt rückwirkend auf 10 Jahre, denn alle Dokumente und Quittungen für die Steuerberechnung müssen über diesen Zeitraum aufbewahrt werden. Wenn die geforderte Steuererklärung oder auch die Quittungen, die belegen, dass nach dem "Düsseldorfer Verfahren" Pauschalsteuern gezahlt wurden, nicht vorliegen, wird vom Finanzamt geschätzt welche Einnahmen die betroffene Prostituierte gemacht hat. Es ist allerdings keine Stadt oder Gemeinde an das "Düsseldorfer Verfahren" gebunden. Die Gewerbesteuer der Prostituierten kann eigenständig festgelegt beziehungsweise geschätzt werden. Üblich ist es, dass Prostituierte 19% Umsatzsteuer zahlen müssen. Wenn der Grundfreibetrag von 8004 € überschritten wird, fällt die Einkommenssteuer an. Die Ausgaben werden von den Einnahmen abgezogen und ergeben so das Einkommen. Die Vergnügungssteuer richtet sich nach den Quadratmetern der zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten und muss von den Betreibern gezahlt werden. Selbständige Prostituierte müssen zudem noch eine Buchführung machen, in der alle Einnahmen und geschäftlichen Ausgaben protokolliert sind. Zu diesen Ausgaben zählen zum Beispiel Fahrt-, Miet- und Telefonkosten, Hygieneartikel und auch der monatliche Beitrag der Krankenversicherung. Alle dazugehörigen Rechnungen und Quittungen müssen von der Selbständigen gesammelt werden. Alle ausländischen Prostituierten müssen als selbständige Prostituierte arbeiten und haben deswegen auch unter bestimmten Voraussetzungen ein Anrecht auf ein Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.[15]

2.2 Rechtliche Situation in Europa

Obwohl die Prostitution in fast jeder Kultur zu finden ist, sind die gesellschaftlichen Bewertungen in jedem Land unterschiedlich, was deutlich an den jeweiligen angewandten Rechtsprinzipien zu erkennen ist. Das Abolitionsprinzip, welches auf das Verschwinden der Prostitution hinwirken soll, ist in England zu erkennen. Island und Spanien weisen Tendenzen dazu auf. In Ländern wie Italien, Luxemburg, Dänemark, Island, Frankreich, Norwegen, Russland oder der Türkei gilt das Regulationsprinzip. Hier wird die Prostitution durch rechtliche Bedingungen staatlich kontrolliert. Es gilt beispielsweise in Luxemburg ein Verbot für Bordelle, die Straßen- und Wohnungsprostitution hingegen ist erlaubt. In Spanien, Bulgarien und Griechenland sind ebenfalls Tendenzen zur Regulierung zu erkennen. Das Prohibitionsprinzip ist ein strenges Verbot, bei dem alle im Zusammenhang mit Prostitution stehenden Personen und Handlungen bestraft werden. Das bedeutet, dass sich nicht nur die Prostituierten und gegebenenfalls auch die Zuhälter strafbar machen, sondern auch die Freier. Der Prohibitionismus herrscht in Schweden, Irland, Liechtenstein, Albanien, Bosnien & Herzegowina, Portugal und Rumänien. Obwohl in Albanien die Prostitution strengstens verboten ist, ist dieses Land häufig das Herkunftsland für Opfer des Menschenhandels. Auch in Bosnien & Herzegowina herrscht das Verbot und trotzdem werden viele Mädchen und Frauen zur Prostitution gezwungen. Bulgarien weist entgegen dem Verbot zur Prostitution auch Tendenzen zur Regulierung auf. Merkmale vom Prohibitionismus findet man trotz dem offensichtlichen Regulationsprinzip in Frankreich, Norwegen, Russland und in der Türkei. In der Türkei ist die Prostitution nur in staatlich konzessionierten, also in gesetzlich zugelassenen, Bordellen erlaubt. Außerhalb dieser Freudenhäuser herrscht ein Verbot. Die Legalisierung erkennt die Prostitution als freiwillige Ausübung an. Dementsprechend ist die Prostitution in Finnland, Österreich, Belgien, Griechenland, Ungarn, in der Niederlande und in der Schweiz legal. Allerdings gelten in den eben aufgeführten Ländern auch zusätzliche Aspekte des Prinzips der Regulierung. Ein Beispiel hierfür wäre Ungarn. Dort ist die Prostitution zwar legalisiert, allerdings nur in genehmigten Zonen, die auch kontrolliert werden.[16]

2.3 Zahlen und Fakten

Ein Bericht von FOCUS Online gewährte uns am 11. November 2013 einen Einblick in die Faktenlage der Prostitutionssituation in Deutschland. Es ist keine offizielle Datenlage über die Anzahl der in Deutschland tätigen Prostituierten bekannt, weswegen die angenommene Schätzung auch weit auseinander geht. Diese liegt bei 200 000 bis 400 000 tätigen Sexarbeiterinnen. Anhand von Polizeidienststellen und Stadtverwaltungen wurden die Prostituierten-Quoten in den jeweiligen deutschen Städten errechnet. An erster Stelle steht Augsburg mit 244 Prostituierten auf 100 000 Einwohner, dicht gefolgt von Trier mit 237 Tätigen auf die gleiche Einwohnerzahl. Nürnberg beispielsweise schreibt 225 Prostituierte auf 100 000 Einwohner, Berlin und München 200, Köln 138 und Hamburg hat in etwa die Hälfte von Augsburg, nämlich 122 Prostituierte auf 100 000 Einwohner. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass einige Städte falsche Angaben gemacht haben, da Dortmund eigentlich für eine hohe Anzahl an Prostituierten bekannt ist, in dieser Studie aber das Schlusslicht bildet. In ganz Deutschland sind insgesamt nur 44 tätige Sexarbeiterinnen sozialversichert, weshalb auch wieder über das Prostitutionsgesetz diskutiert und verhandelt werden soll. Laut Schätzungen des Statistischen Bundesamts setzt das Rotlichtmilieu jährlich 14,6 Milliarden Euro um. Desweiteren ist noch zu benennen, dass schätzungsweise 60 bis 70 % der Prostituierten einen Migrationshintergrund haben. Mehrheitlich stammen diese aus Südosteruropa, beispielsweise aus Rumänien oder Albanien.[17]

2.4 Zuhälter

Männer, die sich in der Prostitutionsszene aufhalten und ihr Geld durch die Leistungen der Prostituierten erwirtschaften, sind als Zuhälter bekannt und haben zumeist ähnliche Eigenschaften. Weitere Bezeichnungen für einen Zuhälter können beispielsweise Lude oder Stenz sein. Stenz ist ein althochdeutsches Wort für Stock oder Penis. Zuhälter sind oft süchtig nach Geld und schrecken nicht vor Gewalt zurück, eher im Gegenteil. In Bezug auf das Aussehen dieser Männer bestehen in Deutschland einige Klischees. Es wird an Goldarmbänder, teure Uhren, Solarium-Bräune und Lackschuhe gedacht. Dies ist allerdings in der Realität nur selten der Fall, da die meisten Zuhälter ganz gewöhnlich aussehen und äußerst gutmütig und freundlich wirken. Der Schein trügt, denn in Wirklichkeit sind sie oft brutal, skrupellos und leben vom Leid anderer Menschen. Desweiteren ist zu benennen, dass die Herkunft keine Rolle spielt. Im Geschäft des Menschenhandels und der Zwangsprostitution werden sie aufgrund des vielen Geldes als Helden angesehen und auch in der Gesellschaft ihres jeweiligen Wohnortes sind sie voll integriert, oftmals sogar beliebt. Die Zuhälter rechtfertigen das eigene Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber so, dass sie den betroffenen Frauen nur helfen Geld zu verdienen und ihnen ein Dach über dem Kopf bieten. Es ist keinerlei Unrechtsbewusstsein vorhanden, oftmals sind sie irgendwann sogar selbst von den Rechtfertigungen überzeugt. Fakt ist, dass Zuhälter die Frauen, die in ihrer Gewalt sind, als Ware beziehungsweise als eigenen Besitz ansehen und nicht als Mensch. Nicht die Persönlichkeit und der Charakter hinter den Frauen zählt, sondern nur die Funktion durch diese Geld zu verdienen. Wenn die jeweilige Frau nicht das tut, was von ihr verlangt wird, wird sie durch Gewalt oder Drogen gefügig gemacht, nicht selten auch weiterverkauft.[18]

2.4.1 Loverboys

Das Phänomen der "Loverboys" hat seinen Namen vor etwa 10 Jahren in den Niederlanden bekommen, wo es mit 1500 bekannten Fällen zum ersten Mal in den Akten auftrat. In diesem Land wurde die Prostitution bereits im Jahre 2000 legalisiert. Loverboys sind junge Zuhälter, oft gerade erst volljährig, die darauf ausgerichtet sind minderjährige Mädchen zur Prostitution zu zwingen. Den Mädchen werden teure Geschenke gemacht und sie bekommen die große Liebe vorgespielt. Die Opfer sind Mädchen aus normalen unauffälligen Familien und werden meistens in der Nähe von Schulen, Jugendtreffs oder im Internet von den getarnten Zuhältern kontaktiert. Die Betroffenen sollen von der Familie entfremdet und dem Freundeskreis entrissen werden. Das Ziel des Loverboys ist es, außer ihm keine weiteren sozialen Kontakte bestehen zu lassen, damit das Mädchen abhängig von ihm ist. Die Opfer sind schwer zu erkennen, da viele der betroffenen Jugendlichen gelernt haben ein Doppelleben zu führen, welches nur schwer aufzudecken ist. Es gibt verschiedene Auffälligkeiten, die auf ein Loverboy-Opfer deuten können. Dazu zählen beispielsweise deutliche Verschlechterungen in der Schule, extreme Stilveränderungen, Kontaktabbrüche und Kündigungen von Freundschaften, mehre Handys und heimliche Telefonate, häufiges und vor allem langes Duschen, auffällig viele blaue Flecken und teilweise auch selbstverletzendes Verhalten, meist in Form von Schnittverletzungen der Haut.[19] In den meisten Fällen findet das erste Treffen mit dem vermeintlichen Verehrer an einem Ort statt, wo sich viele Menschen befinden, damit das Mädchen sich wohl und vor allem sicher fühlt. Zu diesen Orten gehören beispielsweise Kinos, Einkaufszentren oder Fastfood-Restaurants. Den Loverboys wird schnell vertraut, da sie sich anfangs sehr viel Mühe geben die Ausgewählte zu begehren und gut zu behandeln. So kann es sein, dass die Mädchen schon beim zweiten oder dritten Treffen ohne Bedenken in das Auto des jeweiligen Täters steigen, der diese dann an einen verlassenen Ort fährt, wo seine Freunde bereits auf die beiden warten. Spätestens ab diesem Moment ist das Mädchen komplett in den Fängen des Zuhälters. Das Mädchen wird zuerst von ihm vergewaltigt, danach von seinen Freunden. Sie hat keine Chance sich zu wehren und alles wird auf Video oder Fotographien aufgezeichnet. Diese Aufzeichnungen dienen als Druckmittel und weil das Mädchen sich sehr schämt und extrem große Angst hat, dass diese an die Öffentlichkeit geraten könnten, macht sie nun alles was von ihr verlangt wird, vor allem mit fremden Männer schlafen. Das Geld, dass die Männer zahlen, bekommt der erpressende Zuhälter.[20]

"Tanz Prinzessin, tanz!", dies waren die Worte, die Annabel (13) von IHM hörte. Annabel liebte Musik, sang gern, doch tanzen war ihre ganz große Leidenschaft. "Prinzessin tanz für mich!" Sie tat es, sie tanzte für ihn, nackt, leidenschaftlich - Dank Kokain und Wodka. Sie tanzte für seine Freunde, sie hatte Oralsex mit seinen Freunden, sie tanzte weiter, sie trank weiter. Gegen Morgen des nächsten Tages fand die Polizei Annabel bewusstlos auf der Straße mit 1,79 Promille. Sie wollte doch nur für IHN tanzen, sie war doch seine Prinzessin".[21]

Eine weitere Vorgehensweise der Loverboys ist auch das Vorgeben falscher Tatsachen. Dies bedeutet, dass sie dem jeweiligen Mädchen eine Beziehung vorspielen und erzählen, dass sie hohe Schulden haben und das Mädchen anschaffen muss, damit er seine Schulden los ist und sie in eine gemeinsame schuldenfreie Zukunft gehen können. Wenn die Betroffene nicht für ihn anschaffen möchte, wird sie mit Gewalt oder Drogen gefügig gemacht.[22]

[...]


[1] vgl. Freund-Widder; Leopold in von Dücker: 2005, S.15-16.

[2] vgl. Einbock: 2014, www.juraforum.de/lexikon/prostitution.

[3] Vorheyer: 2010, S.173.

[4] vgl. Einbock: 2014, www.juraforum.de/lexikon/prostitution.

[5] vgl. Berlin: 2012, S.120.

[6] vgl. von Galen in von Dücker: 2005, S.236.

[7] Gesetze für die Soziale Arbeit: 2011, S.1224.

[8] Gesetze für die Soziale Arbeit: 2011, S.1224.

[9] Gesetze für die Soziale Arbeit: 2011, S.1224.

[10] vgl. von Galen in von Dücker: 2005, S.237.

[11] vgl. von Galen in von Dücker: 2005, S.238.

[12] vgl. Berlin: 2012, S.58.

[13] vgl. Heine in von Dücker: 2005, S.248.

[14] vgl. Berlin: 2012, S.102.

[15] vgl. Berlin: 2012, S.103-111.

[16] vgl. Koller-Tejeiro: 2007, S.195-223.

[17] vgl. FOCUS online: 2013, www.focus.de/politik/deutschland/dimension-ist-schwer-zu-beziffern-so-viele-prostituierte-leben-in-deutschland_aid_1154961.html.

[18] vgl. Bell: 2005, S.43-46.

[19] vgl. Louis in Schwarzer: 2013, S.126.

[20] vgl. Elterninitiative für Loverboy Opfer Deutschland, www.eilod.de.

[21] Kannemann, www.no-loverboys.de/aktuelles.

[22] vgl. Louis in Schwarzer: 2013, S.127.

Details

Seiten
54
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656763673
ISBN (Buch)
9783656763697
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277434
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,7
Schlagworte
Prostitution Prostitutionsgesetz Rotlichtmilieu Prostituierte Lebenswelt Bordell Prostitutionsszene

Autor

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Titel: Die Lebenswelt von Prostituierten. Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes