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Leistungsbegriff in der Schule

Seminararbeit 2014 20 Seiten

Pädagogik - Bewertungsmethoden, Noten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Leistungsbegriff in unterschiedlichen Zusammenhängen
2.1 Leistung im soziologischen Zusammenhang
2.2 Leistung als objektive Norm
2.3 Leistung in der Schule
2.4 Gütekriterien einer Messung

3. Funktionen der Notengebung

4. Verschiedene Darstellungen von Leistungsbeurteilungen
4.1 Das Normative Zeugnis
4.2 Das schöne Zeugnis
4.3 Das deskriptive Zeugnis
4.4 Das Zeugnis auf dem Weg zum verbalen Entwicklungsbericht

5. Kritische Hinterfragungen

6. Schluss

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Mathematikunterricht im 3. Jahrgang: Schriftliche Addition, Lehrer Richter hat verschiedene Materialien vorbereitet, mit denen die Kinder arbeiten. Einige Schüler rechnen mit dem minicomputer von Papy und tragen die Ergebnisse in ihr Heft ein, andere Schüler haben sich den Abakus zur Hilfe genommen. Lehrer Richter selbst sitzt bei vier Schülern, erklärt ihnen in Ruhe den Algorithmus und hilft ihnen beim Lösen der Aufgaben. Auf dem Pult liegt ein Taschenrechner, an dem Schüler ihre Ergebnisse kontrollieren können.

Lehrer Richter sieht, daß den Schülern das Lernen Spaß macht. Nur wenn er an die Noten denkt, bekommt sein Gesicht sorgenvolle Falten. Ist die Arbeit am minicomputer höher einzustufen als die Arbeit mit dem Abakus? Sollen die Kinder bei der Klassenarbeit auch den Taschenrechner als Kontrollmittel benutzen?

Welche Anforderungen soll ich eigentlich als Lehrer stellen, wenn die vorgegebenen amtlichen Lehrpläne Rahmenpläne sind, aus denen ich auswählen muß?

Wenn ich verbindliche Vorgaben zugrunde lege, wie beurteile ich dann mögliche qualitative und quantitativ unterschiedliche Anforderungen an die Kinder?

Wenn ich die Grundanforderungen festgelegt habe, welche Note bekommt dann der Schüler, der sie erfüllt?

Oder verzichte ich aufgrund meines pädagogischen Freiraums ganz auf Noten?“(Preuß, 1994, S.15)

Dieses Beispiel zeigt das Tagesgeschäft eines Grundschullehrers im Fach Mathematik in einer dritten Klasse. Die Aufgabe des Lehrers ist es, den Schülern den Lehrstoff aus dem Lehrplan für dritte Klassen im Fach Mathematik zu vermitteln. Das ist aber nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, was auch die aufgeworfenen Fragen des Lehrers im Beispiel verdeutlichen. Aufgrund der hohen Heterogenität in Bezug auf Voraussetzungen der Schüler einer Grundschulklasse muss man sich klarmachen, ob man mit der Methodik, die man anwendet, auch alle Schüler in einem gewissen Maße ansprechen und mit in den Unterricht einbeziehen kann.

In Bezug auf die Anforderungen, die ein Lehrer an seine Schüler stellen kann, hat der Lehrer einen Freiraum, der nur durch oben genannte Rahmenpläne eingegrenzt wird: Er hat also die Qual der Wahl.

Die individuelle Förderung des Schülers soll gewährleistet sein, der Schüler soll sich selbst entfalten können und somit eigene Lernwege erschließen. Dies sollte durch den Unterricht gefördert werden und am Ende eines Halbjahres durch den Lehrer gerechtet bewertet werden.

Die Aufgabe der Lehrkraft ist also nicht nur die Vermittlung des Lehrstoffs, sondern vielmehr der Auftrag, dem Schüler zu mehr Selbstsicherheit zu verhelfen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Der Schüler soll auf diese Weise dazu in der Lage sein, seinen eigenen Fähigkeiten mehr Wert zu verleihen und diese in der Schule anwenden zu können. Dabei sollte der Konkurrenzgedanke und somit der Drang ständig erfolgreich sein zu wollen außen vor stehen, da eine Konkurrenzfähigkeit zunächst in der Schule geschult werden muss. Wäre es demnach sinnvoller, wenn die Notengebung wegfiele? Blenden Noten intrinsische Lernanreize aus und verdrängen kreative Gedanken des Schülers durch Angst vor einer schlechten Note? Deckt die Notengebung alle wichtigen Funktionen einer Leistungsbeurteilung in der Schule ab? Wenn nicht, gibt es eine denkbare Alternative zur Notengebung, die diese erfüllen kann?

Offenbar kommen mit der Verantwortung, den Kindern die Lehrplaninhalte zu vermitteln, oft Fragen auf, die immer wieder mit folgenden Begriffen zusammenhängen: Leistung, Leistungsbeurteilung und schließlich mit dem Begriff der Leistungserziehung.

2. Der Leistungsbegriff in unterschiedlichen Zusammenhängen

Die Fragen der Lehrer treten offensichtlich durch den sogenannten „Freiraum“ auf, der ihnen durch die Rahmenpläne zur Verfügung steht. Doch dieser Freiraum stellt nicht immer einen Vorteil dar, da die bereits genannten Fragen Probleme mit sich bringen, die von der Lehrkraft gelöst werden müssen. So spielt der Begriff der inneren Differenzierung des Unterrichts hier eine große Rolle, weil der Schüler mit seinen schulischen Aktivitäten im Mittelpunkt steht und seine Fähigkeiten und die Entwicklung seiner Sozialkompetenzen individuell gefördert werden sollen. Dabei wird aber nicht vergessen, dass in der Schule Klassen existieren und die individuelle Förderung, und somit die Leistung jedes einzelnen Schülers stets in den Unterricht der gesamten Klasse eingebunden werden müssen (Preuss, 1994, S.17f).

Was bedeutet eigentlich „leisten“?

2.1 Leistung im soziologischen Zusammenhang

Der Leistungsbegriff wird interdisziplinär verwendet. Denkt man an den soziologischen Zusammenhang, so verbindet man damit das zusammengesetzte Wort Leistungsgesellschaft. Neben anderen Nationen ist das Prinzip der Leistungsgesellschaft auch hier in Deutschland zu finden. Die Bezeichnung eines Prinzips soll verdeutlichen, dass Leistung in den verschiedensten Disziplinen sozialen Handels eine Rolle spielt. Das bedeutet, dass man in allen Zweigen gesellschaftlicher Vorgänge Leistung erkennen kann. (Jürgens, 2010 S.13) In diesem Zusammenhang werden vier Grundpfeiler von gesellschaftlicher Leistung unterschieden:

1. Leistung als Richtlinie zur gerechten Einkommensverteilung: Leistungen sollen mit angemessenen Gegenleistungen belohnt werden.
2. Leistung als Sicherung einer Gesellschaft: Durch Leistungen sollen Positionen und die Erwerbstätigkeit geregelt werden. Des Weiteren soll dieses Prinzip die Ertragfähigkeit eines Unternehmens, den Lebensstandard jedes Einzelnen und die Weiterentwicklung der Gesellschaft garantieren.
3. Leistung als Verteiler von sozialen und beruflichen Positionen: Erbrachte Leistungen prädestinieren die sozialen und beruflichen Positionen jedes Einzelnen in der Gesellschaft.
4. Leistung als Appel zur Entwicklung individueller Fähigkeiten

Der Leistungsgedanke innerhalb der Gesellschaft sichert die Ausbildung persönlicher Fähigkeiten, die das Individuum auf Konkurrenzkämpfe vorbereitet. In gewissem Maß entsteht in diesem Fall eine autarke Zuordnung.

(Jürgens, 2010, S. 14)

In den aufgeführten Punkten wird deutlich, dass nahezu die gesamte Gesellschaft gerade in Bezug auf berufliche Positionen durch Leistungen geregelt wird. Damit dieser Vorgang gerecht ausgeführt wird, sollte man jedem Einzelnen gewährleisten, dass Ziele, die auf Leistung basieren, nicht unerreichbar sein sollten. Um dies sicherstellen zu können, brauch man eine Chancengleichheit, die es jedem Individuum ermöglicht, seine Ziele zu verwirklichen. Die Existenz eines Leitgedanken der Chancengleichheit steht außer Frage. Nichtsdestotrotz stellt dies jedoch in der Realität noch einen Wunschgedanken dar. Es besteht daher immer noch ein Bedarf den Abbau von Chancenungleichheiten in Bezug auf Bildungschancen zu verstärken, auch wenn es in diesem Zusammenhang bereits erhebliche Fortschritte gab. Die beschriebenen Ungleichheiten resultieren aus unterschiedlichen Lebensstandards innerhalb der Gesellschaft. Das Leistungsprinzip ist durch die Regelung von gesellschaftlichen Positionen legitimiert. Nichtsdestotrotz muss man an dieser Stelle beachten, dass das bereits genannte Prinzip nicht deckungsgleich mit dem Leistungsprinzip der Schule ist. Es sollte Chancengleichheit in einer modernen Leistungsgesellschaft existieren. Somit sollen berufliche Positionen immer weniger von individuellen Leistungsindikatoren abhängen. Daher ist es teilweise widersprüchlich, wenn man das Ziel der Schule dahingehend beschreibt, die Schüler auf den späteren Konkurrenzkampf in der Leistungsgesellschaft vorbereiten zu wollen. Allein aus diesem Grund sind die Ziele der Schule einer modernen Gesellschaft anderweitig gesteckt und können mit der soziologischen Betrachtungsweise nicht beantwortet werden (Jürgens, 2010, S.15f).

2.2 Leistung als objektive Norm

In der Naturwissenschaft und in der Technik herrschen jedoch ganz andere Bedingungen. Wenn ein Naturwissenschaftler den Begriff Leistung hört, assoziiert dieser in erster Linie entweder den Begriff der Pferdestärke (PS) oder den technischen Leistungsbegriff, der einer Formel unterliegt. Auch wenn es sich um dasselbe Wort handelt, das in der Schule verwendet wird, muss man auch hier den Leistungsbegriff auf ganz andere Weise betrachten. Beispielsweise gibt es in der Technik eine mathematische Formel, mit welcher die Leistung ganz objektiv errechnet werden kann:

Leistung= Kraft x Weg / Zeit. Es ist also sehr leicht festzustellen, welche Leistung erbracht wurde oder nicht (Preuss, 1994, S.17f).

2.3 Leistung in der Schule

Da diese objektive Betrachtungsweise der Leistung in der Schule nicht verwendet werden kann, bleibt die pädagogische Untersuchung des Leistungsbegriffes weiterhin gefragt.

Ein Beispiel des Fachs Sports zeigt offensichtlich, dass eine Lehrkraft nicht in der Lage sein kann, die Leistung der Schüler so einfach bewerten zu können, wie es in der Technik der Fall ist.

Man baut im Sportunterricht zum Turnen ein Reck auf und setzt die Reckstange auf die Körpergröße des größten Schülers mit ausgestreckten Armen an, sodass dieser die Stange eventuell ohne Springen erreichen kann. Nun gibt man der ganzen Klasse das Ziel, die Reckstange zu erreichen. Der größte Schüler erreicht die Reckstange ohne Anstrengung und hat somit das Ziel der Aufgabe erreicht. Egal ob der Schüler gut springen kann oder nicht, die Aufgabe ist in diesem Fall erfüllt. Im Gegensatz zu diesem Schüler, versucht ein kleinerer Schüler, der mitunter auch kräftig ist, die ganze Stunde lang, die Reckstange zu erreichen. Er ist am Ende nassgeschwitzt, hat jedoch innerhalb der Schulstunde Fortschritte gemacht, was die Höhe seiner Sprünge angeht. Dennoch muss man nun in diesem Fall davon sprechen, dass das aufgestellte Ziel nicht erreicht wurde. Dieser Schüler hat sich jedoch ohne Zweifel mehr Mühe gegeben als der größere Schüler.

Dieses Beispiel veranschaulicht nicht nur die Problematik zur Findung einer Definition des Leistungsbegriffes im Fach Sport, sondern auch in allen anderen Schulfächern.

Es muss somit bestimmt werden, inwiefern das tatsächliche Erreichen der Vorgabe des Lehrers wie auch der Weg, also auf welche Weise man das Ziel erreicht hat, in die Leistungsbeurteilung einfließen soll. Daher ist es im oben genannten Beispiel sinnvoll, die Bemühungen des kleineren Schülers in Betracht zu ziehen und nicht nach Erreichen/ Nicht erreichen zu beurteilen. Der Fokus liegt aus diesem Grund nicht auf der Tatsache, ob die Reckstange erreicht wurde, sondern die Art und Weise, auf die versucht wurde die Stange zu erreichen und ob in der jeweiligen Zeitspanne Fortschritte gemacht wurden. (Preuss, 1994, S.18ff)

Dieses alltägliche schulische Bewertungsproblem zeigt auf, dass der Leistungsbegriff in der Schule eine differenzierte Betrachtungsweise benötigt. In der pädagogischen Betrachtungsweise von Leistung gibt es verschiedene Facetten, die alle grundlegend für das pädagogische Verständnis von Leistung sind.

a. Leistung gründet auf produkt- und prozessbezogenem Lernen

Das „Reckbeispiel“ zeigt deutlich, dass man nicht nur das Endresultat mit in die Bewertung miteinbeziehen sollte. Das Resultat wird sonst irrtümlicherweise „für das Lernen selbst gehalten“ (Jürgens, Sacher, S.48). Die eigentliche Lernleistung, die erbracht wurde, wird somit ausgeblendet. Auch wenn das Resultat dasselbe ist, stecken in den meisten Fällen verschiedene Anstrengungen dahinter, die berücksichtig werden müssen.

b. Leistung als individuelles und kooperatives Lernen

Im Vordergrund des Lernens in der Schule steht die individuelle Entwicklung jedes Schülers, der somit eigenverantwortlicher wird. Um später in einer demokratisch geprägten Gesellschaft zu bestehen sind Teamfähigkeit und Kooperation ebenso wichtig. Daher soll in der Schule nicht nur der individuelle Lernprozess, sondern auch das kooperative Lernen in einer Gruppe gefördert werden.

c. Leistung ist problemorientiertes und vielfältiges Lernen

Problemstellungen in der Schule sollten an den Alltag der Schüler anknüpfen um den extrinsischen Lernanreiz zu minimieren und den intrinsischen Lernanreiz zu stärken.

Weiterhin soll man den Schülern ermöglichen, selbst Lösungsstrategien zu entwickeln. Das erreicht man, wenn man nur so viel wie nötig, aber so wenig wie mögliche Rahmenbedingungen stellt. Diese Vorgehensweise fördert die Selbstverantwortung und erfordert unter anderem Durchhaltevermögen bei der Bewältigung der Aufgaben.

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Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656701606
ISBN (Buch)
9783656703020
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277458
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
leistungsbegriff schule

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Titel: Leistungsbegriff in der Schule