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Die Varusschlacht bei Kalkriese? Bewertung der Quellenlage zu einer Legende

Seminararbeit 2009 15 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Die Varusschlacht bei Kalkriese? – Bewertung der Quellenlage zu einer Legende
2.1 Die Legende der Schlacht im Teutoburger Wald
2.2 Die Örtlichen Gegebenheiten von Kalkriese
2.3 Die schriftlichen Quellen
2.3.1 Cassius Dio
2.3.2 Tacitus
2.3.3 Velleius Paterculus
2.3.4 Florus
2.3.5 Bewertung der Schriftquellen
2.4 Die Funde von Kalkriese
2.4.1 Probleme bei Ausgrabungen
2.4.2 Die sog. militaria
2.4.3 Die numismatischen Befunde

3. Zusammenfassung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

„Quintili Vare legiones redde! – Quintilius Varus, gib mir meine Legionen zurück!“[1]

Mit diesem entsetzten Ausruf soll Augustus die Nachricht von der totalen Vernichtung seiner Legionen XVII, XVIII und XIX in der berühmt-berüchtigten Varusschlacht quittiert haben. Im Jahr 9 n. Chr. erlitt das römische Reich in dieser Schlacht, die man auch unter dem Namen Schlacht im Teutoburger Wald oder Hermannsschlacht kennt, einen herben Rückschlag in den Bestrebungen die Macht in Germanien zu stabilisieren. Diese Schlacht – so urteilen viele Historiker – stellt einen Wendepunkt der Weltgeschichte dar.[2]

Arminius, ein Cheruskerfürst, tat sich mit einigen anderen Germanenstämmen zusammen, lockte die römische Armee unter Führung des ungeliebten Statthalters Publius Quinctilius Varus in einen Hinterhalt und vernichtete sie in tagelangen Kämpfen vollständig. Diese Schlacht – von römischen Schriftstellern oft als clades variana, also die Varusniederlage bezeichnet – fand wohl statt, als sich das römische Heer zur Sicherung der Herrschaft in Germanien befand. Wegen eines angeblichen Aufstandes, wich das Herr von der geplanten Route ab, geriet in den Hinterhalt und erlitt eine Niederlage historischen Ausmaßes, die vor 2000 Jahren circa 20.000 Menschen[3] das Leben kostete.

Um kaum ein geschichtliches Ereignis ranken sich so viele Vermutungen und Mythen wie um diese legendäre Schlacht. In über 700 Theorien wurden Mutmaßungen zur Lokalität der Schlacht angestellt, aber bis heute gibt es Kontroversen darüber, an welchem Ort die Schlacht nun tatsächlich stattgefunden hat. In den letzten Jahrzehnten ist durch bedeutende Funde im Osnabrücker Land wieder Bewegung in die Debatte gekommen und es mehren sich Stimmen, die vermuten, dass die Varusschlacht bei Kalkriese am Wiehengebirge stattgefunden hat.

Diese Arbeit versucht eine Zusammenschau der zur Verfügung stehenden Quellen zu erstellen. Sie widmet sich den teils diffusen, teils widersprüchlichen Schriftquellen und bewertet sowohl numismatische, als auch archäologische Befunde in der gebotenen Kürze. Anhand der Ergebnisse soll abschließend eine kritische Stellungnahme zu den Vermutungen bezüglich des Schauplatzes und der Verortung bei Kalkriese gegeben werden.

2. Die Varusschlacht bei Kalkriese? – Bewertung der Quellenlage zu einer Legende

2.1 Die Legende der Schlacht im Teutoburger Wald

Etliche Historiker haben über Jahrhunderte hinweg versucht der Varusschlacht einen Schauplatz zuzuordnen. Als populärste Thesen sind wohl die sog. Nordtheorie (Wesergebirge), die Münsterländer Theorie (Westfälische Bucht), die Südtheorie (östl. Sauerland), und die Lippische Theorie (Teutoburger Wald)[4] zu nennen.[5] Meist begründeten diese Vermutungen sich nicht auf Bodenfunden, sondern auf der zweifelhaften schriftlichen Quellen. Allerdings entwickelte Theodor Mommsen bereits 1885 anhand von Münzfunden einiger römischer Aurei und Denare am Kalkrieser Berg seine Theorie über Kalkriese und vermutete, dass

„die in und bei Barenau gefundenen Münzen zu dem Nachlaß der im Jahre 9. n. Chr. im Venner Moor zu Grunde gegangenen Armee des Varus [gehören].“[6]

2.2 Die Örtlichen Gegebenheiten von Kalkriese

Da im folgenden Teil oft auf die Topographie des mutmaßlichen Schlachtschauplatzes verwiesen wird, ist es zuerst einmal von Nöten, die örtlichen Gegebenheiten von Kalkriese kurz zu umreißen.

Kalkriese befindet sich zwischen den Flüssen Hase und Hunte in der Nähe von Osnabrück. Das mutmaßliche Schlachtfeld wird im Süden vom staunassen Hang des Kalkrieser Bergs und im Norden vom Großen Moor begrenzt. Dazwischen befindet sich ein etwa 100 Meter breites trockeneres Gebiet, dass zur Mitte hin stark vom Grundwasser beeinflusst ist. Die Landschaft ist durch ihre Lage an der Grenze zwischen dem Norddeutschen Tiefland und dem Weserbergland durch Bäumen und Berge geprägt. Betrachtet man folgende Abbildung, wird schnell ersichtlich, dass es sich tatsächlich um einen Ort handelt, der für einen Hinterhalt gut geeignet zu sein scheint:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[7]

In der Kalkrieser-Niewedder Senke, die die Form einer liegenden Acht besitzt, soll der Engpass liegen, der den römischen Legionen zum Verhängnis geworden ist.[8]

2.3 Die schriftlichen Quellen

Historiker und Geschichtswissenschaftler stützen sich auf die vor allem auf die Schriften von Cassius Dio, Tacitus, Velleius Paterculus, Sueton, Strabon, Marcus Manilius und Florus. Diese Arbeit untersucht im gebotenen Rahmen die Überlieferungen von vier antiken Schriftstellern.[9]

2.3.1 Cassius Dio

Der Schriftsteller und Senator Cassius Dio widmet im 56. Buch seiner Römischen Geschichte dem Hergang der Schlacht die Kapital 18-24 - eine der umfangreichsten Schriftquellen zur clades Variana überhaupt. Im ersten Teil, der für diese Arbeit relevanten Schilderungen schreibt Dio, dass sich Varus mit seinem Heer weit rechtsseitig des Rheines befand und von den Germanen durch freundliches Verhalten ins Gebiet der Cherusker, bis an die Weser, gelockt worden sei[10]. Dann „ erhoben sich als erstes einige entfernt von ihm wohnende (Stämme), und zwar nach abgesprochenem Plan, damit Varus, wenn er gegen die zöge leichter überrumpelt werden könne, da er ja durch Freundesland zu ziehen glaubte.“[11] Die Landschaft, durch die die Römische Armee bei ihrem Marsch ziehen musste, war geprägt durch Berge, die von Schluchten durchzogen waren und eine Vielzahl von großen Bäumen.[12] Dio schildert dann dass die Römer, die durch die landschaftlichen Gegebenheiten und eine von Frauen, Tieren und Wägen durcheinander gewürfelte Marschordnung behindert waren und den schnellen Angriffen der Barbaren aus dem Schutz der Wälder wenig entgegenzusetzen hatten. „ Sobald sie einen geeigneten Platz gefunden hatten, soweit dies in einem Waldgebirge überhaupt möglich, schlugen sie dort ihr Lager auf, dann verbrannten sie die Mehrzahl der Wagen.“[13] Im Laufe der nächsten Tage der Schlacht, gelangten die Legionen über zum Teil freies Gelände wieder in waldiges Gebiet und mussten dort ihre schwersten Verluste hinnehmen. Als dann Wind und Regen einsetzte, waren die leicht gekleideten Germanen den Legionären mit den vollgesogenen Schilden und unbrauchbaren Waffen vollends überlegen.[14] Varus beging der Quelle nach Selbstmord und damit war das Schicksal der Varusarmee endgültig besiegelt.[15]

Die Erzählung des Cassius Dio scheint nicht politisch motiviert zu sein, denn er schildert ohne Wertung und rekapituliert weitestgehend nüchtern die Geschehnisse. Auch wenn eine Mehrzahl der Historiker der Meinung ist, dass der Bericht der Schlacht zwar zuverlässig sei, ist es doch so, dass diese Quelle kaum Nutzbares enthält und keine konkreten Hinweise auf die Lokalität der Schlacht geben kann.

[...]


[1] Orginalzitat aus Suet. Aug. 23, hier zitiert nach Wolters, 2008, S.125

[2] So zum Beispiel Peter S. Wells und Theodor Mommsen, nach Wolters, 2008, S.10

[3] Diese Zahl wird aber beispielsweise von Th. Fischer angezweifelt, der laut Johne, 2006, S.169 eher 10.000 Tote vermutet

[4] So wurde beispielsweise in Detmold das sog. Hermannsdenkmal errichtet

[5] nach H. v. Petrikovits häufen sich die Theorien häufen in diesen 4 Gebieten, Schlüter, 1993, S.14

[6] Zitiert nach Berger, 1996, S.VI

[7] Bildnachweis: Schlüter 1993, S.19

[8] Topographische Beschreibungen sinngemäß nach Schlüter 1993, S.20 ff.

[9] Sofern nicht anders angegeben Bezugnahme auf Wolters 2008, S.102 ff.

[10] Dio 56,18,2

[11] Dio 56,19,3-4

[12] Dio 56,20,1

[13] Dio 56,20,1

[14] Dio 56,20,3

[15] Dio 56,20,4

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656711780
ISBN (Buch)
9783656713319
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277499
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
varusschlacht kalkriese bewertung quellenlage legende

Autor

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