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Von der Bergbaufolgelandschaft zur Tourismuslandschaft

Ein Umdeutungsprozess des Räumlichen bei der Rekultivierung der Kohlereviere

Seminararbeit 2009 27 Seiten

Tourismus - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehen und Fragestellung

2 Theoretische Konstrukte zur Beschreibung des Umdeutungsprozesses vom Raum der Arbeit zum Raum der Erholung
2.1 Raumverständnis
2.2 Image
2.3 Naherholung und Tourismus
Kulturtourismus
Naherholungstourismus
Sanfter Tourismus
2.4 Landschaftswahrnehmung und -ästhetik
2.5 Kultur-, Kulturlandschaftsgeographie und Industriearchäologie
2.5.1 Kulturgeographischer Ansatz
2.5.2 Kulturlandschaft
2.5.4 Verknüpfung Kulturlandschaftsforschung und Industriearchäologie
2.5.5 Problematik Kulturlandschaft - Ästhetik - Tourismus

3 Images Raum der Arbeit versus Raum der Erholung
3.1 Einführung
3.1 Image Raum der Arbeit (Kohlerevier)
3.2 Umdeutungsprozess
3.3 Image Raum der Erholung (Revitalisierter Kohlerevier)

4 Fazit und Ausblick

Literatur:

1 Einführung

1.1 Problemstellung

Kohle war und ist in Europa ein bedeutender Energielieferant. Reviere befanden und befinden sich in der Lausitz, zwischen Magdeburg und Leipzig, im Südraum von Leipzig und am Rhein (Ruhrpott) (BERKNER & THIEME 2005: Kartenbeilage), sowie in einigen europäischen Staaten wie, Großbritannien, Polen, Tschechien, Serbien, Spanien und Frankreich (KOHLESTATISTIK 2008:o.S.). An den Abbaugebieten entwickelten sich Ballungszentren mit Millionen von Arbeitsplätzen, welche direkt sowie indirekt mit der Kohleindustrie verknüpft sind (MÜLLER-KRUG 2002:165, KLEHM 2004:269).

Die unfangreiche Ausbeutung einstiger Kulturlandschaften führte zu einem erheblichen Eingriff in das Landschaftsbild. Aufgrund der flächenbeanspruchenden Tagebauförde- rung kam es zu ökologischen, wie Absenkung des Grundwasserspiegels, als auch zu sozioökonomischen Problemen, wie Devastierung und Dorfumsiedlungen (HÜTTLE ET AL 1999:3). Sowohl wirtschaftliche (von Industrialismus zum Postindustrialismus, billi- gere Exportkohle, sowie Innovationen bei erneuerbarer Energietechnik) als auch politi- sche Entwicklungen (politische Wende, Umweltschutzbewegungen), bedingten Um- strukturierungsprozesse in der Energiewirtschaft und führten zum Zusammenbruch des Kohleabbaus in gesamt Europa (KLEHM 2004:269). Häufig blieben die allegorisch beti- telten Mondlandschaften zurück. Der Wegbruch dieses bedeutenden Industriezweiges führte zu Arbeitsplatzabbau und Abwanderung (MÜLLER-KRUG 2002:165). Vor allem Länder Osteuropas, welche einen intensiven, monostrukturellen Kohleabbau betrieben und dadurch einen hohen Lebensstandard erreichten, stehen aufgrund von finanziell strukturellen Missständen, nun vor der problematischen Frage des zukünftigen Weges (KLEHM 2004:269).

Anders wie in Osteuropa, sind in Deutschland die Revitalisierungsbemühungen weit vorangeschritten. Dies bedingt einen allmählichen Anstieg neuer wirtschaftlicher und ökologischer Impulse. Somit findet in den letzten Jahren ein Wandel vom Kohlebergbau zur Naturschutz-, Kultur-, Tourismus- und Impulsregion statt.

Diese Arbeit steht nicht für ein bestimmtes Kohlerevier, sondern ist exemplarisch für den Imagewandel aller Reviere in Deutschland. Denn der Fokus liegt auf der Dar- stellung des Umdeutungsprozesses einer industriell geprägten Landschaft zur Natur- schutz- und Tourismuslandschaft (vom Raum der Arbeit zum Raum der Erholung).

1.2 Vorgehen und Fragestellung

Die vorangegangene Einleitung schaffte einen thematischen Hintergrund, von diesem ausgehend die Fragestellung formuliert wird und somit die Problemstellung der Arbeit dargestellt ist (vgl. ATTELSLANDER 1993:32). Die Problemstellung bestimmt ferner den theoretischen Rahmen. Im Abschnitt der Theorie werden wesentliche Konstrukte von Raum, Landschaftswahrnehmung und -ästhetik, Tourismus sowie Kulturlandschaftsfor- schung, Kulturgeographie und Industriearchäologie als auch die Imageforschung, ein wesentliches Gerüst bilden.

Die Arbeit wird auf Dokumentenanalyse - vornehmlich Textanalyse - gestützt, um die Wissens- beziehungsweise Theoriebestände der jeweiligen Autoren zum Thema von der Bergbaufolgelandschaft zur Tourismuslandschaft hermeneutisch zu erarbeiten und neues Wissen zu generieren. Für die Thematik Image Raum der Erholung wurden der Regionalverband Ruhr sowie der Tourismusverein Leipziger Neuseenland mit einer Anfrage nach Materialien zu Imagekampagnen angeschrieben.

Nach dem Wegbruch des Westdeutschen und später Ostdeutschen Kohlemarktes wurde beschlossen, die Hinterlassenschaften zu rekultivieren. Aus der Eingangs erwähnten Umnutzung durch die Rekultivierung der Bergbaufolgelandschaften, unter anderem hin zu einer touristischen Impulsregion und der Zielstellung, den Umdeutungsprozess vom Kohlebergbau zur Naturschutz- und Tourismuslandschaft darzustellen, ergibt sich für diese Arbeit folgende Fragestellung:

Welchen Imagewandel erfährt ein einstiger Raum der Arbeit (Kohlerevier) bei der Transformierung zu einem Raum der Erholung?

Aus dieser Hauptfragestellung drängen sich mehrere Unterfragen auf, welche im Arbeitsverlauf analysiert und den roten Faden bilden werden:

Welche Bedeutung hat ein einstiger Raum der Arbeit für die Herstellung einer Touris- mus- und Naherholungslandschaft? Wie wird der Umdeutungsprozess vom Raum der Arbeit zu einem Raum der Erholung deutlich? Welche touristischen Nachnutzungs- effekte werden diesem industriellen Kulturraum zugeschrieben? Wie unterscheiden sich die Images vom einstigen Raum der Arbeit gegenüber des transformierten Raumes der Erholung?

2 Theoretische Konstrukte zur Beschreibung des Umdeutungsprozesses vom Raum der Arbeit zum Raum der Erholung

2.1 Raumverständnis

Das Raumverständnis der Geographie unterlag in den letzten 60 Jahren einem kontinu- ierlichen Wechsel. Wurde noch vor den 1950er Jahren geodeterministisch artikuliert, dass Raum „ein gegenständlicher Behälter (Container) [...][sei], der jedem Handeln der Menschen vorausgeht und in der Entwicklung von Kulturen als Selektionsinstanz wirkt“ (WERLEN 2004:392), kamen nach den 1950er Jahren Theorien auf, wie jene der hand- lungstheoretischen Sozialgeographie, welche Raum als „soziales Konstrukt“, als durch soziales Handeln entstehendes, beschreibt. Hier wandelte sich der Raumbegriff „vom gegenständlichen Charakter zum begrifflichen Charakter“ (EBD.:393). Soziales Handeln postulieren aufgrund der Körpergebundenheit von Individuen, eine stetige Verräum- lichung, denn die Handlungen bedingen den Raum (WERLEN 2007:145 & 151). Bezie- hungsweise nach BORMANN (2001:304) ausgedrückt, „räumliche Phänomene aller Art [sind] als Resultat sozialen Handelns zu begreifen“.

Die subjektive Bedeutungszuweisung vom Raum der Arbeit zum Raum der Erholung ist eng mit dem materiellen Objekten - Kohlerevier und Revitalisierungsgebiet- verbun- den. Somit ist nach der handlungszentrierten Perspektive davon auszugehen, dass die jeweiligen materiellen Objekte beziehungsweise „bestimmte Ausschnitte der Alltags- welt“ (WERLEN 2004:348.), ihre Bedeutungszuweisung durch die intentional han- delnden Subjekte und ihrer momentanen sozial-kulturellen Einstellung zugeschrieben bekommen. Sprich, eine Bergbaufolgelandschaft, welche aufgrund eines sozial kultu- rellen Perspektivenwechsel zu einer Seenlandschaft revitalisiert wurde, ist als Medium „der Orientierung alltäglichen Handelns“ im sozial-kulturellen Kontext (EBD.:310) zu verstehen. Diese Veränderung ermöglicht neues Handeln (u. a. Wassersport) sowie es auch bestimmte Handlungsmuster verhindert (u. a. Kohleabbau) (EBD.:311). Somit kristallisiert sich die Frage heraus, welche subjektive, symbolische, emotionale Bedeu- tungszuweisung erlangen diese jeweiligen materiellen Objekte (Kohlerevier und Revi- talisierungsgebiet) und welche sozialen, kulturellen, politischen sowie ökonomischen Veränderungen beziehungsweise Intentionen in der Gesellschaft bedingen diese Be- deutungsumschreibungen? Diese Art der symbolischen Aneignung ist Teil der Kommu-nikation und dient der Konstruktion der sozialen und geographischen Wirklichkeit (EBD.:349 und 2007:309, 311), welche durch Imagekonstrukteure verbreitet werden.

2.2 Image

Image kann als „Vorstellungsbild“ sowie als „pauschale Einschätzung einer Person oder Sache“ verstanden werden und wird durch einen komplexen Wahrnehmungsprozess formiert (TZSCHASCHEL 1986:30). Die Formierung eines Images über die Meinungsgegenstände - in dieser Arbeit die einstigen Kohlereviere sowie der Umdeutungsprozess vom Kohlerevier zur Naturschutz- und Tourismuslandschaft - werden durch die Subjekte gebildet (FAULSTICH 1992:7).

Räumliche Images resultieren aus bestimmten, für Individuen prägnanten Merkmalen, wie Gebäuden, Straßen, Formen, Persönlichkeiten, die mit einem Ort in Verbindung gebracht werden. Über die Sinne nehmen Individuen diese räumlichen Gegebenheiten auf und bewerten sie eventuell als interessante Landmarke. Diese tragen zum räumlichen Verständnis der Individuen bei. Denn die gedankliche Erfassung eines solchen Objektes setzt einen kognitiven Mechanismus in Gange, der das Objekt identifiziert und ihm gleichzeitig bestimmte Eigenschaften, wie Entfernung oder Gegebenheiten zuweist (DOWNS & STEA 1982:25, WEICHART ET AL. 2006:32). Der Landmarke wird dadurch eine Identität aufgetragen (DOWNS & STEA 1982:64ff.).

Identität kann nach WEICHART (1990:15ff.) als „die „Wahrnehmung“ eines Gegenübers, als das Produkt der Identifikation von etwas, als „Sich-Zueigenmachen“ des Gegen- übers oder als die „Identifikation mit etwas“, gesehen werden. „Raumbezogene Identi- täten“ werden als kognitiver Prozess und als „Bestandteil des Denkens“ beschrieben (WEICHHART ET AL 2006:29ff.). Somit sind die Subjekte auch Objekte von Identifika- tionen (EBD.:33). Neben der Zuschreibung von bestimmten Merkmalen und Eigen- schaften eines Subjektes, werden auch „raumbezogene Klassifikationskriterien“ vorge- nommen (EBD.). Diese raumbezogenen Identitäten des „being identified“ sind zumeist Eigenschaften, welche sich aus der räumlichen Position herleiten lassen (u. a. Wohnort). Im Prozess des „Being identified“ werden bestimmte Charaktereigenschaften einem räumlichen Hintergrund zugewiesen (z. B.: Geburtsort Ruhrgebiet: Industrievolk, hart arbeitende, widerstandsfähige Subjekte, vgl. Kap. 3.1) (EBD.:33).

Für die Geographie der Aneignung spielen die Medien als Element der Kommunikation in Bezug auf die Konstruktion der sozialen Wirklichkeit eine entscheidende Rolle, denn 6 diese konstruieren und prägen mittels „Sprache“ ein Image (WERLEN 2007:323f.). Vor allem Massenmedien, wie Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk, transportieren als Imagekonstrukteure, Images auf unterschiedlicher Sprachweise an die Subjekte. Für die Imagebildung einstiger Kohlereviere sind vor allem Tourismuswerbeagenturen und Regionalverbände verantwortlich. Diese kreieren ein bestimmtes Bild einer Landschaft, einer (Tourismus)Region, mit dem sich eine bestimmte Gruppe von Touristen als Imageempfänger auseinandersetzt (VOGEL 1993:289). Neben den potentiellen Touristen fungieren als weitere Imageempfänger die Bewohner der Bergbaufolgelandschaften, welche den jeweiligen Räumen (Raum der Arbeit, Raum der Erholung) eine subjektive Bedeutung zuweisen und somit bestimmte Handlungsmuster ermöglichen, als auch verhindern (vgl. STEGMANN 1997:17ff., WERLEN 2004:348).

Meist sind Images kein objektives Bild der Realität, sondern verwachsen mit Wünschen, Wertungen, Stimmungen, Wunschdenken sowie individuellen Erfahrungen (NAETHER 1981:173 zit. in VOGEL 1993:289). Welche Images durch Tourismusagenturen konstruiert und verbreitet werden, wird im folgenden Kapitel deutlich.

2.3 Naherholung und Tourismus

Die Freizeit- und Tourismusgeographie erlangt ihren Erkenntnisgewinn durch die „Analyse und Erklärung der raumbezogenen Dimensionen des Tourismus“ (STEINECKE 1993:51). Seit Beginn des 20. Jahrhunderts spielt der Tourismus eine wesentliche Rolle in der Geographie. Bis in den 1970er Jahren standen stets räumliche und ökonomische Fragestellungen von Tourismus und Freizeit im Zentrum (EBD.:52). Durch die Grundda- seinsfunktionen der Münchner Schule, rückte der Tourismus ins Blickfeld der Sozial- geographen. Sich erholen beziehungsweise die Sozialgeographie des Freizeitverhaltens war eine Teildisziplin, um regionale Differenzen und Gesellschaftsstrukturen zu erfas- sen und zu erklären (WERLEN 2004:177). Bezogen auf die Fragestellung, kann ein eins- tiges Kohlerevier als „Prozessfeld“ verstanden werden, auf welchem neue Strukturen, im Sinne des Wandels vom Raum der Arbeit zum Raum der Erholung, entstehen (vgl. EBD.).

Tourismus ist eine „Form räumlicher [...] Mobilität“ (STEINECKE 1993:51) sowie ein Teilsystem, welches die Werte des gesellschaftlichen Lebens regelt. Dementsprechend ist Tourismus kulturell geprägt, denn Subjekte unterschiedlicher Gesellschaften besitzen unterschiedliche Arten und Motive des Reisens (KRAMER 1993:56). Unter anderem gilt die für den Tourismus bedeutende „Neugier“, als „exploratives Verhalten“, welches un- abhängig von gesellschaftlicher Prägung existiert (ontogenetisch). Jedoch die Aus- prägung der Neugier, wird sozial vermittelt und ist Bestandteil des Aneignungspro- zesses (EBD. & WEICHART ET AL 2006:32). So variieren touristische Schwerpunkte ein- zelner Individuen anhand der jeweiligen sozial kulturellen Biographien (Sozialisation).

Im aktuellen Verständnis der Tourismusgeographie rückt der sozial-ökologische Aspekt in den Fordergrund. Demnach werden der „umwelt- und sozialverträgliche Tourismus“ sowie der „sanfte Tourismus“ als „Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Touristen, den wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der Bewohner der Zielgebiete, den Erfordernissen der Natur- und Kulturraumpflege sowie den ökonomischen Interessen der Anbieter“ (GÖTZ 2006:7), gesehen.

Es gibt je nach Reisemotiv unzählige Subkategorien des Tourismus. Für diese Arbeit sind im Wesentlichen der Naherholungs- sowie der Kultur- und Umwelttourismus von Bedeutung. Denn ehemalige Kohlereviere werden als Naherholungsziele für Kultur- und Umweltinteressierte sowie für Kurzerholungssuchende genutzt (siehe Kap. 3.3).

Kulturtourismus

Der Kulturtourismus verzeichnet in den letzten Jahren einen stetigen Interessenten- anstieg (EBD.:10). Wichtige Elemente sind die Kulturlandschaft und -veranstaltungen sowie die Ästhetik (BENTHIEN 1997:96f. zit. in EBD.). Charakterisiert wird der Kultur- tourist nach GÖTZ (EBD.) als kultur- und umweltinteressiertes, lern-, entdeckungs- und kontaktfreudiges Subjekt mit Wunsch nach „geistig-kultureller Erholung“. Dies trifft vor allem auf Personen zwischen 45 bis 65 Jahren, mit überdurchschnittlichen Ein- kommen und hoher Allgemeinbildung sowie Qualitätsbewusstsein, zu (EBD.). Die Ver- weildauer ist meist kurz, jedoch verreisen Kulturtouristen mehrfach im Jahr (EBD.). Da- durch hat der Kulturtourismus eine hohe Bedeutung im Inland und ist zweitstärkstes Segment (neben Erholungsreisen) (TÖDTER 2006:28). Die Tourismus- und Marketing- agenturen der einstigen Kohlereviere konzentrieren sich primär auf die außergewöhn- lichen Natur- und Kulturerscheinungen durch die Rekultivierung der Folgelandschaften (ARTMANN 2007:17).

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Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656701521
ISBN (Buch)
9783656702443
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277524
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Geographie
Note
1,7
Schlagworte
Raum Arbeit Kulturtourismus Naherholungstourismus Landschaftswahrnehmung Ästhetik Kulturlandschaft Kohlerevier Revitalisierung Geographie Werlen

Autor

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Titel: Von der Bergbaufolgelandschaft zur Tourismuslandschaft