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Die Lebensdauerprognose für die Tragstruktur von Windenergieanlagen

Studienarbeit 2014 30 Seiten

Ingenieurwissenschaften - Bauingenieurwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Formelverzeichnis

1 Einleitung

2 Windenergieanlagen
2.1 Grundlagen
2.2 Turm-Konstruktionsarten
2.2.1 Stahlfachwerk
2.2.2 Stahlrohr
2.2.3 Stahlbeton
2.2.4 Spannbeton
2.2.5 Sonstige

3 Restlebensdauerprognose
3.1 Eingangsdaten
3.1.1 Anforderungen
3.1.2 Pre-Processing
3.2 Berechnung der Restlebensdauer
3.2.1 Berechnung der Dehnung
3.2.2 Berechnung der Spannungsschwingbreite
3.2.3 Berechnung der ertragbaren Schwingungszyklen
3.2.4 Abschätzen der Restlebensdauer

4 Zusammenfassung und Fazit

5 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

A Parameter der Ermüdigungsfestigkeitskurve

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

2.1 Verschiedene Konstruktionsarten von Türmen von WEA

3.1 Ablauf der Restlebensdauerberechnung

3.2 Ablauf des Pre-Processing

3.3 Spannstahlgeometrie in Abhängigkeit der Bauweise

3.4 Rechnerische Spannungs-Dehnungs-Linie des Spannstahls

3.5 Form der charakteristischen Ermüdungsfestigkeitskurve Formelverzeichnis

3.1 Berechnung der neuen Länge des Spannstahl

3.2 Berechnung der Dehnung Spannstahl

3.3 Berechnung der Spannung des Spannstahl

1 | Einleitung

1990 wurde durch den Bundestag das Stromeinspeisungsgesetz beschlossen. In der Hoffnung, die Konkurrenzfähigkeit von erneuerbaren Energien gegenüber umwelt- schädlicheren Stromerzeugungstechniken zu steigern, wurde in diesem eine Min- destvergütung für die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien gesetzlich verankert. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) agiert seit seiner ersten Fas- sung aus dem Jahr 2000 als dessen Nachfolger und führte die Entwicklung fort. Im Rahmen dieser Gesetze wurde die Förderung durch Abnahme zu einem festge- legten Strompreis auf einen Zeitraum von 20 Jahren begrenzt. Dies hat zur Fol- ge, dass die Bemessungslebensdauer für Windenergieanlagen (WEA) als wichtiger Bestandteil der Energiegewinnung durch erneuerbare Energien, oftmals ebenfalls nur auf 20 Jahre festgelegt wurde. Während dieser Zeit kann auch mit massi- ven Schwankungen der Einspeisung einer WEA mit hoher Wahrscheinlichkeit der wirtschaftlich rentable Bereich erreicht werden. Aufgrund dessen und durch die Begrenztheit der in Deutschland zur Verfügung stehenden geeigneten Bauflächen, kann es einerseits zum Ende der Förderung sinnvoll sein, die bestehende Anlage zurückzubauen und eine modernere Anlage mit Neubeginn der Förderung gemäß EEG zu errichten. Andererseits ist die bestehende Anlage bereits abgeschrieben, und ein Weiterbetrieb kann sich auch mit wegfallender Subvention als wirtschaft- lich sinnvoll erweisen.

Mittlerweile nähern sich viele WEA ihrer veranschlagten und von lokal zustän- digen Bauämtern genehmigten Betriebsdauer. Dies hat zur Folge, dass Genehmi- gungen zum Weiterbetrieb eingeholt werden müssen, welche voraussetzen, dass die Standfestigkeit und Dauerhaftigkeit der Anlage auch weiterhin gegeben sind. Prin- zipiell sind hierbei sämtliche Baugruppen der WEA betroffen, wobei im Sinne der Standsicherheit insbesondere der Turm neu nachzuweisen und eine Prognose der Restlebensdauer durchzuführen ist [vgl. RiWbWEA 2009, 12.2 (3)].

Die Berechnung der Restlebensdauer geschieht für jede der dynamisch belaste- ten Komponenten gesondert und ist deswegen stark abhängig von der Bauwei- se der WEA. In der Regel bestehen die Türme von WEA aus kostengünstigen Stahlring- oder Stahlfachwerkkonstruktionen, größere Anlagen werden auch in Stahlbetonbauweisen durchgeführt. Innerhalb dieser unterscheidet man weiter zwi- schen Stahlbeton-, Spannbeton- und Hybridtürmen. Die zu führenden Nachweise sind hier getrennt für den Beton, die eingesetzte schlaffe Bewehrung sowie die Spannstahlglieder des Systems zu erbringen. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf den Spannstahl und somit auf das Bauteil, von dem aufbauend aus Erfah- rungen aus dem Brückenbau, vermutlich das höchste Gefahrenpotential für Lang- zeitschäden ausgeht.

Gemäß des derzeit gültigen Eurocode 2 wird für die Bemessung der Dauerschwingfestigkeit von Spannstahl die Wöhler-Linie in Verbindung mit der Palmgren-Miner- Schadensakkumulationshypothese herangezogen. Im Rahmen dieser Arbeit wird dieser Vorgehensweise folgend ein auf Microsoft Excel basierendes Tool entwickelt, das die Restlebensdauer von Spannstahlgliedern einer WEA durch Verwendung von am Turmkopf erfassten Beschleunigungdaten prognostiziert.

Hierfür wird in Kapitel 2 auf die Geschichte von WEA sowie die verschiedenen Kon- struktionsarten der WEA-Türme eingegangen. In Kapitel 3.1 werden zunächst die Anforderungen an die Messdaten und Verfahren zum Pre-Processing beschrieben, bevor in Kapitel 3.2 die Erläuterung der gesamten Berechnungskette vom klas- sierten Schwingungskollektiv bis hin zur Restlebensdauerabschätzung erfolgt. Den Abschluss bilden in Kapitel 4 Zusammenfassung und Fazit sowie in Kapitel 5 ein Ausblick auf weitere Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Themengebietes.

2 . Windenergieanlagen

Im folgenden Kapitel wird zunächst die geschichtliche Entwicklung der Nutzung von Windkraft zur Stromerzeugung dargestellt und eine kurze Übersicht über die Konstruktionsarten von WEA gegeben.

2.1 Grundlagen

Die pionierhafte Nutzung von Windkraft zur Energieerzeugung lässt sich auf den Dänen La Cour zurückführen, der im späten 19. Jahrhundert Windkraftanlagen mit angeschlossenen Generatoren für die Energieversorgung ländlicher Gebiete konstruierte. Bis zum Jahr 1920 errichtete er zusammen mit der Firma Lykke- gard insgesamt etwa 120 Anlagen mit Leistungen im Bereich von 10-35 kW. Die beiden Weltkriege sowie sehr günstige Rohstoffpreise für Öl, Kohle und Gas waren bis in die frühen siebziger Jahre die Hauptgründe dafür, dass WEA mit Ausnahme weniger Forschungsvorhaben und Versuchsanlagen kaum Beachtung fanden. Erst mit dem aufkommenden Zweifel an der Versorgunssicherheit während der Ölkrise 1979/80 rückten regenerative Energien und damit auch die Windenergie wieder vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit - auch wenn zu diesem Zeitpunkt die Wahrnehmung der Umweltbelastung noch kaum eine Rolle spielten. Erst Anfang der 1990er Jahre kam mit einem steigenden Umweltbewusstsein der Wunsch nach Erhöhung des Anteils der regenerativen Energien an der Stromerzeugung der Bun- desrepublik auf, woraufhin das EEG bzw. dessen Vorgänger beschlossen wurden [vgl. Kapitel 1] und damit die öffentliche Förderung der Windenergie in Deutsch- land begann. Aktuell sind hierzulande etwa 24000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von ca. 33000 MW in Betrieb. Durch diese wird eine Abdeckung von etwa 1,3 % des Energieverbrauchs in Deutschland erreicht. Zusätzlich wer- den jährlich etwa 1.000 Anlagen mit einer Leistung von im Schnitt 3 MW neu errichtet.1

Kapitel 2 Windenergieanlagen

Die Baugruppen der hier betrachteten Onshore-WEA können wie folgt unterteilt werden:

- Gondel und Rotorblätter
- Maschinenhaus mit Generator
- Turm
- Gründung

Dem Fokus dieser Arbeit entsprechend wird im Folgenden lediglich auf Unterschiede in den Konstruktionsarten der Türme eingegangen, für eine detailliertere Betrachtung sämtlicher Komponenten von WEA wird auf die entsprechende Standardliteratur verwiesen.2

2.2 Turm-Konstruktionsarten

Türme von WEA sind durch verschiedene Konstruktionsarten verwirklichbar. Während zu Beginn der Nutzung von Wind zur Stromerzeugung noch hauptsächlich Stahlgitterkonstruktionen gebaut wurden, sind heute je nach Einsatzgebiet vorwiegend Stahlbeton- und Stahlrohrtürme im Einsatz [vgl. Hau 2008, S. 474]. Die ideale Konstruktionsart kann jedoch nicht pauschal aufgrund einer einzelnen Einflussgröße bestimmt werden, sondern ist stark abhängig von der Kombination einer ganzen Reihe an Parametern. Hierzu gehören:

- Turmhöhe
- zu erwartende Einwirkungen
- Transportmöglichkeiten zum Standort
- Kosten
- On-/Offshore
- Anforderungen an die Dauerhaftigkeit
- ästhetische Ansprüche
- zu minimierender Einfluss auf das Landschaftsbild

In Abbildung 2.1 werden die wichtigsten Konstruktionsarten von WEA-Türmen sowie einige ihrer Abwandlungen dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Verschiedene Konstruktionsarten von Türmen von WEA3

Über die genaue Ausprägung der Verteilung der verschiedenen Turmkonstrukti- onsarten in Deutschland liegen keine genauen Statistiken vor. Auf Basis der in den letzten Jahren vergleichsweise günstigen Stahlpreise kann jedoch davon aus- gegangen werden, dass vorwiegend Stahlrohrtürme verwirklicht wurden. Aufgrund der im Vergleich zu anderen Material überproportional steigenden Stahlpreise [vgl. Döhrn 2012] und neuer technischer Entwicklungen alternativer Konstruktionsarten liegt die Vermutung nahe, dass die Bedeutung von Bauweisen wie Stahlfachwerk und Stahlbeton gegenüber Stahlrohrtürmen in den nächsten Jahren bedeutend zunehmen wird.

Nachfolgend wird kurz auf die Eigenschaften der verschiedenen Konstruktionsarten von WEA-Türmen eingegangen.

2.2.1 Stahlfachwerk

Stahlfachwerk- bzw. Gittertürme waren zu Beginn des Aufkommens von WEA die bevorzugte Bauweise. Vergleichbar mit Hochspannungsmasten sind sie aus gefüg- ten Winkelprofilen oder Stahlrohren gefertigt. Diese Konstruktionsart ermöglicht trotz hohem Montageaufwand das Erreichen hoher Festigkeiten und Steifigkeiten bei gleichzeitig sehr geringem Materialverbrauch und insgesamt gesehen niedrigen Kosten. Aktuell erlebt die Stahlfachwerkbauweise eine Renaissance, was insbeson- dere an ihrer guten Eignung für Turmhöhen über 100 m liegt. Des weiteren wird argumentiert, dass Stahlfachwerktürme aufgrund ihrer Blickdurchlässigkeit einen geringeren Einfluss auf das Landschaftsbild haben [vgl. Hau 2008, S. 496].

2.2.2 Stahlrohr

Stahlrohrturmkonstruktionen stellen in Deutschland die Mehrheit der aktuellen WEA-Türme. „Der wichtigste Grund hierfür liegt in der schnellen Montierbarkeit am Aufstellort und in der Vergangenheit in den vergleichsweise niedrigen Stahl- preisen“ [ebd., S. 480]. In dieser Bauweise konstruierte Türme bestehen zumeist aus mehreren Sektionen von bis zu ca. 30 m Länge, die in Hallen vorgefertigt wer- den. Die einzelnen Segmente können auf Schwerlast-LKWs transportiert, vor Ort mit einem Kran aufgerichtet und über Flansche miteinander verbunden werden [vgl. ebd., S. 482].

2.2.3 Stahlbeton

Betontürme spielten in Deutschland lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle. Sie werden in der Regel in Ortbetonbauweise oder aus Betonfertigteilen in Segmenten ausgeführt. Erstere hat den Vorteil, dass, verglichen mit der Anlieferung großer Fertigteile, kaum Einschränkungen in Hinblick auf die Transportwege bestehen. Allerdings muss mit einer verlängerten Bauzeit und einer aufwendigeren Baustel- lenplanung gerechnet werden. Des Weiteren gestaltet sich die Qualitätskontrolle aufgrund der Herstellung vor Ort und der von vielen Parametern abhängigen und stark schwankenden Ausführungsqualität als schwierig. Für die Segmentbauweise gilt - ähnlich wie für Stahlrohrtürme - dass eine kurze Bauzeit und hohe Quali- tätsstandards durch Fertigung in Hallen einem erschwerten Transport gegenüber- stehen. Häufig werden deswegen sehr kurze Betonsegmente hergestellt, die vor Ort miteinander verbunden werden [vgl. Hau 2008, S. 489].

2.2.4 Spannbeton

Sowohl die Ortbeton- als auch die Fertigteilvariante aus Kapitel 2.2.3 sind als durch Spannstahl verstärkte Spannbetonkonstruktion ausführbar. Hierfür werden entlang der vertikalen Bauteilachse Spannglieder aus hochwertigem Stahl verlegt, die unter hohem, durch Pressen aufgebrachten Zug das gesamte Turmtragwerk auf Druck belasten. Dieses in der Ausführung von Brückenbauwerken gängige Vorgehen ermöglicht durch Überdrucken des Betonquerschnitts eine Erhöhung der Steifigkeit sowie der Widerstandsfähigkeit des gesamten Tragwerks. Je nach Bauweise können die Spannglieder entweder innerhalb des Betonquerschnitts, im Inneren entlang der Wand des Turms, zentrisch frei schwingend oder an Konsolen geführt werden [vgl. Hau 2008; vgl. Grünberg und Göhlmann 2013].

2.2.5 Sonstige

In den letzten Jahren wurden Anlagen entwickelt, deren Türme in der sogenann- ten Hybdrid- oder in Holzbauweise ausgeführt wurden. Während erstere versucht die Vorteile von Stahl- und Betonkonstruktionen zu vereinen und so besonders hohe Türme zu errichten [vgl. Hau 2008; vgl. Grünberg und Göhlmann 2013], wird letztere eingesetzt um die Energie- und Umweltbilanz von WEA weiter zu ver- bessern. Aufgrund der hohen Spezialisierung auf einen kleinen Teilbereich für den diese Bauweisen jeweils interessant sein könnten, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass diese in absehbarer Zukunft einen relevanten Anteil der WEA in Deutschland stellen werden.

3 | Restlebensdauerprognose

Im folgenden Kapitel wird der Ablauf der Restlebensdauerberechnung des inner- halb eines Spannbetonturms verbauten Spannstahls dargestellt. Hierfür wird in Kapitel 3.1 zunächst beschrieben, welche Anforderungen an die von den Sensoren der WEA aufgezeichneten Daten gestellt und wie diese für die weitere Berechnung vorbereitet werden sollten. Aufbauend auf dem aus Kapitel 3.1 gewonnenen Aus- lenkungskollektiv wird in Abschnitt 3.2 unter Verwendung der Wöhlerline sowie der Palmgren-Miner-Schadensakkumulationshypothese die Restlebensdauer line- ar extrapoliert. Die im jeweiligen Kapitel aufeinanderfolgenden Schritte sind in Abbildung 3.1 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.1: Ablauf der Restlebensdauerberechnung

3.1 Eingangsdaten

Im folgenden Abschnitt werden zunächst die Anforderungen an die aufgenommen Beschleunigungsdaten dargestellt. Im Anschluss daran wird beschrieben, welche Schritte notwendig sind, um aus den Rohdaten sinnvolle Eingangsdaten für den weiteren Berechnungsverlauf zu gewinnen.

3.1.1 Anforderungen

Für die Berechnung des Auslenkungskollektives stehen Daten eines am Turmkopf befestigten Schwingaufnehmers zur Verfügung. Hieraus lassen sich aus der Amplitude die Beträge der Auslenkung sowie deren jeweilige Zyklen berechnen. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine ausreichend genaue zeitliche Auflösung dieser Daten: Das Nyquist-Shannon-Theorem [vgl. Shannon 1998] veranschlagt hierfür die Speicherung diskreter Messpunkte in einer Frequenz, die mindestens doppelt so hoch ist wie die der zu erfassenden Schwingungen.

Der relevante Frequenzbereich von WEA liegt bei circa 1-10 Hz [vgl. Gellermann 2009, S. 25], weswegen während einer Messstrecke die Beschleunigungswerte des Schwingungssensors mindestens sekündlich, besser sogar alle 50 ms erfasst und gespeichert werden sollten. Die International Electrotechnical Commission (IEC) schlägt für qualitativ hochwertige Messungen sogar eine Auflösung vor, die dem mindestens Achtfachen der zu überwachenden Schwingungen entspricht [vgl. IEC 61400-13 2001, S. 24].

Im vorliegenden Fall sind aufgrund von Bandbreitenbeschränkungen des Messsys- tems der betrachteten WEA jedoch ausschließlich Beschleunigungswerte verfügbar, deren Messpunkte in einem Abstand von 10 s liegen. Somit sind Rückschlüsse auf die resultierende Auslenkung nicht oder nur mit großen Unsicherheiten möglich. Dies hat zur Folge, dass auf die Berechnung der realen Auslenkung auf Basis der zur Verfügung stehenden Daten zunächst verzichtet werden musste. Anstatt des- sen wurde das im Rahmen diese Arbeit erstellte Berechnungstool für eine Vielzahl an Eingabeparametern und Auslenkungskollektiven vorbereitet.

Nichtsdestotrotz wird im folgenden Kapitel 3.1.2 beschrieben, wie aus ausreichend hoch aufgelösten Beschleunigungsdaten das Auslenkungskolletiv als Ausgangslage für die Berechnung der Restlebensdauer abgeleitet werden kann.

3.1.2 Pre-Processing

Bevor die von Beschleunigungssensoren erfassten Rohdaten der WEA als Auslenkungskollektiv in die Berechnung der Restlebensdauer eingehen können, sind, um eine hohe Qualität der Ergebnisse zu gewährleisten, eine Reihe von aufeinanderfolgenden Schritten nötig, die in Abbildung 3.2 dargestellt und im folgenden Abschnitt erläutert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.2: Ablauf des Pre-Processing

Validierung der Daten

Der erste Schritt in der Kette des Pre-Processing ist die Sicherstellung der Validität der Eingangsdaten. In der IEC 61400 sind hierfür eine Reihe von Kriterien angegeben, die die Qualität von Messdaten sicherstellen sollen und dementsprechend Beachtung finden sollten::

- Ungültige Messungen durch Abdeckung oder Verschattung
- Überschreiten von Betriebsparametern
- Unzuverlässige oder nicht durchgeführte Kalibrierung
- Sensordrift
- Unstimmigkeiten im Vergleich gekoppelter Daten

Bei Nichteinhaltung dieser Kriterien wird empfohlen, die entsprechenden Daten zu korrigieren oder, falls dies nicht zuverlässig möglich ist, die Daten von der wei- terführenden Berechnung auszuschließen. Nichtsdestotrotz kann es nützlich sein, Daten, die unter abnormen Betriebsbedingungen wie etwa während Stürmen auf- gezeichnet und deshalb von der regulären Untersuchung ausgeschlossen werden mussten, gesondert zu betrachten. Dies kann helfen, Rückschlüsse auf das Antwort- verhalten von WEA auf Extremereignisse besser zu verstehen [vgl. IEC 61400-13 2001, S. 27].

Berechnung der Auslenkung

Aus den validierten Beschleunigungsdaten kann nun der zurückgelegte Weg berechnet werden. Hierfür müssen die diskreten Daten zunächst sinnvoll interpoliert und dadurch in kontinuierliche Daten überführt werden. Im Anschluss erfolgt die doppelte Integration der Beschleunigung über die Zeit.

Klassierung des Auslenkungskollektivs

Die Berechnung der Restlebensdauer setzt voraus, dass das Auslenkungskollektiv berechnet wird. Für diese Standardaufgabe der Ermüdungsberechnung werden in der Regel sogenannte Rainflow-Algorithmen eingesetzt [vgl. ASTM E1049 2011; vgl. Köhler et al. 2012, S. 23ff.]. Aus dem, durch die vorangegangenen Schritten berechneten Zusammenhang zwischen Auslenkung und Zeit w(t), wird so durch die Klassierung der Daten das Auslenkungskollektiv berechnet und somit die Überfüh- rung der Daten in das Format Auslenkungen pro Auslenkungsintensität ermöglicht.

3.2 Berechnung der Restlebensdauer

Für die Berechnung der Restlebensdauer des verbauten Spannstahls auf Basis des im vorangegangenen Kapitel 3.1.2 ermittelten Auslenkungskollektivs ist es zu- nächst nötig, die jeweilige geometrische Auslenkung in eine Belastung in Form von Spannungsänderungen zu überführen. Hierfür wird in Abhängigkeit der Bau- weise in Kapitel 3.2.1 zunächst die Dehnung der Spannstahlglieder hergeleitet, bevor darauf aufbauend in Kapitel 3.2.2 die daraus resultierende Veränderung der Spannung berechnet wird.

Im Anschluss wird auf Basis der Wöhlerlinie die ertragbare Anzahl an Lastwechseln für jedes Spannungs-Delta ausgelesen und zusammen mit den jeweiligen tatsäch- lich während der Messung ertragenen Lastwechseln (siehe Kapitel 3.1.2) in der Schadensakkumulationshypothese nach Palmgren-Miner verrechnet. Hieraus wird im Folgenden die Restlebensdauer des in der Struktur verbauten Spannstahls ab- geschätzt.

3.2.1 Berechnung der Dehnung

Ausgehend von den geometrischen und konstruktiven Details des Turms können für jede der im Post-Processing errechneten Auslenkungen Dehnungsveränderungen des Spannstahls berechnet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.3: Spannstahlgeometrie in Abhängigkeit der Bauweise

In Abbildung 3.3 sind die verschiedenen Möglichkeiten der Spannstahlführung innerhalb des Turms sowie deren jeweiliges Verhalten während der Auslenkung des Turms dargestellt. Die neue Länge des Spannstahls aufgrund einer Verschiebung w des Turmkopfes berechnet sich dementsprechend wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (3.1)

Darauf aufbauend lässt sich die Dehnung des Spannstahls berechnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (3.2)

Die Dehnung kann im folgenden Schritt dazu genutzt werden, die durch die Auslenkung verursachte Spannungsveränderungen im Spannstahl zu berechnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.2 Berechnung der Spannungsschwingbreite

Unter der Annahme, dass die Spannung des Spannstahls dessen Fließgrenze nicht überschreitet, ist der Zusammenhang zwischen Spannung und Dehnung gegeben durch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser lineare Zusammenhang findet sich auch in der rechnerischen Spannungs- Dehnungs-Linie des Spannstahls für die Querschnittsbemessung in Abbildung 3.4 wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.4: Rechnerische Spannungs-Dehnungs-Linie des Spannstahls4

Es kann davon ausgegangen werden, dass WEA in Spannbetonbauweise sich zumindest teilweise wie kritisch gedämpfte Systeme mit einem logarithmischem Dekrement der Strukturdämpfung δs = 0.05 verhalten [vgl. Faber 2012, S. 23]. Dies hat zur Folge dass periodische Schwingungen nur mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit auftreten werden und somit die Spannungsschwingbreite für jede Auslenkung gesondert betrachtet berechnet werden sollte.

[...]


1Daten zusammengetragen aus [Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2014] sowie [Bundesverband für Windenergie 2013].

2Insbesondere Hau 2008 sowie Gasch 2011 bieten eine hervorragende Übersicht zum Thema.

3Nach: Hau [2008, S. 499], gegenüber der ursprünglichen Version um die Bauweisen Hybrid und Holz erweitert.

4Vgl. DIN EN 1992-1-1 2011, S. 46, Bild 3.10

Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656705109
ISBN (Buch)
9783656709404
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277600
Institution / Hochschule
Technische Universität München – Lehrstuhl für Zerstörungsfreie Prüfung
Note
1,0
Schlagworte
Restlebensdauer Windenergie WEA Palmgren-Miner Lineare Schadensakkumulationshypothese Excel

Autor

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Titel: Die Lebensdauerprognose für die Tragstruktur von Windenergieanlagen