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Louis XV. – Der Vielgeliebte

Fachbuch 2014 77 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

V277619

Ernst Probst

Louis XV.

Der Vielgeliebte

Von Historikern wird Louis XV. (1710–1774), König von Frankreich und Navarra, oft negativ beurteilt. Man macht ihn vielfach für Missstände verantwortlich, die unter seinem Nachfolger Louis XVI. (1754–1793) zur Französischen Revolution (1789–1799) führten. Die Nachwelt kennt den führungsschwachen Louis XV. vor allem wegen seines ausschweifenden Lebenswandels und wegen seiner Beziehungen zur Marquise de Pompadour und zur Madame Dubarry, die als Inbegriff der Mätresse gelten. Kurioserweise bezeichnete das französische Volk diesen vielleicht missverstandenen Herrscher zunächst als „der Vielgeliebte“ („le Bien-Aimé“) und später als „der Ungeliebte“ („le Mail-Aimé“).

Louis XV. kam am 15. Februar 1710 als dritter Sohn von Louis von Frankreich, Herzog von Burgund (1682–1712), und dessen Ehefrau Maria Adélaïde, Prinzessin von Savoyen (1685–1712), zur Welt. Seine Eltern hatten am 7. Dezember 1697 geheiratet. Seine beiden jüngeren Brüder hießen ebenfalls Louis. Der älteste Bruder Louis, Herzog der Bretagne, wurde 1704 geboren und starb 1705. Der zweitälteste Bruder Louis, Herzog der Bretagne, kam 1707 zur Welt.

Urgroßvater von Louis XV. war der „Sonnenkönig“ Louis XIV. (1638–1715) von Frankreich. Sein Großvater war der Grand-Dauphin Louis (1661–1711) von Frankreich. Als sein Großvater Louis 1711 starb, wurde sein Vater Louis von Frankreich, Herzog von Burgund, neuer Thronfolger. Letzterer war als Kind halsstarrig und jähzornig gewesen, hatte sich aber dank der Erziehung durch den katholischen Theologen François Fénelon (1651–1715) total gewandelt. Bald galt er als äußerst intelligent und politisch begabt und gab zu großen Hoffnungen Anlass.

1712 traf die Familie von Louis XV. ein harter Schicksalsschlag. Damals erkrankten seine Mutter, sein Vater und sein fünf Jahre alter Bruder Louis, Herzog von Bretagne, an Masern oder Scharlach und starben. Lediglich der zweijährige Louis, Herzog von Anjou, der spätere Louis XV., überlebte die Krankheit und stieg durch den Tod seines Vaters und seines älteren Bruders zum Kronprinzen (Dauphin) auf. Nach 1349 wurde der jeweils älteste lebende Sohn bzw. Kronprinz oder Thronfolger des französischen Königshauses als Dauphin bezeichnet.

Der zwei Jahre alte Louis, Herzog von Anjou, verdankte seiner Gouvernante Charlotte-Éléonore Madeleine de la Mothe-Houdan-Court, Herzogin von Ventadour (1653–1744), sein Leben. Diese hatte einen Argwohn gegen Ärzte und hielt Aderlässe bei Kindern für unvernünftig. Als Ärzte am Krankenbett des fünfjährigen Louis, Herzog von Bretagne, über Behandlungsmethoden diskutierten, die ihr bedenklich erschienen, verschwand sie mit dessen jüngerem Bruder. Danach ließ sie ihn mit einer Mischung aus Ammenmilch, Wein und Biskuit ernähren. Der Zweijährige überlebte, während sein fünfjähriger Bruder die Krankheit und die rabiaten Behandlungsmethoden nicht überstand. In der Folgezeit wuchs der Kleine ohne jeden Kontakt zu Kindern auf.

Die bereits 1710 zur Gouvernante berufene Charlotte-Éléonore Madeleine de la Mothe-Houdan-Court, Herzogin von Ventadour, bildete für Louis XV. die wichtigste Bezugsperson in seiner Kindheit und eine Art von Ersatzmutter. Einer Empfehlung ihrer Freundin Françoise d’Aubigné, Marquise von Maintenon (1635–1723), folgend ließ die Herzogin von Ventadour dem jungen Louis einen liberalen Erziehungsstil zukommen. Der Junge lernte früh Schreiben und befasste sich gerne mit Geographie. Anfang 1715 ließ der Urgroßvater Louis XIV. den inzwischen Fünfjährigen an zeremoniellen Veranstaltungen des Hofes teilnehmen.

Am 1. September 1715 starb der Urgroßvater König Louis XIV. in Versailles. Von Rechts wegen fiel die Regentschaft für den minderjährigen König Louis XV. dessen Onkel, Philippe II. de Bourbon, Herzog von Orléans (1763–1743), zu. In seinem Testament hatte Louis XIV. die Funktion des Regenten aber zugunsten eines Regentschaftsrates eingeschränkt. Dagegen forderte der Herzog von Orléans die uneingeschränkte Regentschaft für sich. Tatsächlich wurde ihm am 2. September 1715 die uneingeschränkte Regentschaft zugesprochen, weil er als Einziger die Personen des Regentschaftsrates auswählen durfte. Als Gegenleistung hob er die Einschränkungen des Remonstrationsrechts des Parlaments auf, die 1667 und 1673 durch Louis XIV. erfolgt waren. Bei einer Remonstration handelt es sich um eine Gegenvorstellung oder eine Einwendung, die ein Beamter gegen eine Weisung erhebt, die er von seinem Vorgesetzten erhalten hat.

Der kleine König wurde vom Herzog von Orléans über den Tod seines Großvaters Louis XIV. informiert. Gemäß Zeremoniell stand der Fünfjährige dabei in einer prächtig bestickten Samtgarderobe allein in dem weiten Raum. Obwohl er so jung war, wusste er, was das Erscheinen des Herzogs, den er kaum kannte, und all der Anderen bedeutete. Er war nun König von Frankreich und Navarra und brach in Tränen aus. Alle Anwesenden starrten ihn an und er fühlte sich verloren.

Auch in seiner Residenz Vincennes lebte der fünfjährige Louis XV. allein unter Erwachsenen. Oft musste er nach Paris fahren und auf hohen Polstern sitzend langweiligen Reden lauschen. Von vielen fremden Herren und Damen sollte er sich deren Namen merken und sie später wieder erkennen, was ihm als Erwachsener noch schwer fiel. Wenn er nach Vincennes zurückkam, war er schon dunkel und er musste gleich ins Bett.

Der Herzog von Orléans übte von 1715 bis 1723 die Regentschaft aus. Durch das Amt des Regenten wurde er als „le Regent“ bekannt. Die Zeit seiner liberalen Herrschaft wird in der Geschichte von Frankreich als „Régence“ bezeichnet. Seine Mutter war die un-konventionelle Elisabeth Charlotte von der Pfalz (1652–1722), genannt Liselotte von der Pfalz, die zweite Ehefrau von Philippe I. de Bourbon, Herzog von Anjou, 2. Herzog von Orléans (1640–1701) und Bruder des „Sonnenkönigs“ Louis XIV.

Ab Dezember 1715 residierte der kleine König Louis XV. in den Tuilerien in Paris. Im Juni 1722 verlegte man die Residenz nach Versailles. Auch dort durfte er nicht hinauslaufen und mit Kindern seines Alters spielen. „Maman“ Ventadour erklärte ihm, das sei zu gefährlich für ihn und er dürfe sich nicht verletzen. Kinder dürften auch nicht zu ihm hereinkommen, weil sie krank sein und ihn anstecken könnten. Vor allem lernte er, er müsse stets Gott dienen, dürfte nie vergessen, dass er König sei und müsse sich entsprechend benehmen, Geheimnisse wahren und nie wahre Gefühle zeigen.

Ein neuer Abschnitt im Leben des kleinen Königs Louis XV. begann an seinem siebten Geburtstag im Februar 1717. Das Ganze kündigte sich mit einer seltsamen Zurschaustellung an. Der Siebenjährige musste völlig nackt auf einem Tisch sitzen, während sein Körper von Ärzten untersucht wurde und Höflinge an ihm vorbeidefilierten. Alle, die ihn so sahen, mussten im Protokoll die körperliche Unversehrtheit des Königs mit ihrer Unterschrift bestätigen. Danach musste Louis XV. von „Maman“ Ventadour seinen Abschied nehmen. Er weinte, klammerte sich an ihr fest und man musste ihn mit Gewalt von ihr losreissen. Abends aß er erst, nachdem man „Mamam“ geholt hatte. Am Tag darauf durfte er Madame de Ventadour zum Dank für ihre liebevolle Betreuung eine Schmuckschatulle schenken.

Gemäß des Testaments von Louis XIV. kam Louis XV. in die Obhut von François de Neufville, Herzog von Villeroy (1644–1730), der als Hofmeister (Gouverneur) wirkte. Als Hauslehrer (Präzeptor ) des Königs fungierte der frühere Bischof von Fréjus, André-Hercule de Fleury (1653–1743). Der fromme Fleury unterrichtete den verletzlichen und misstrauischen Louis XV. mit geduldiger Sanftmut. Dies tat er so erfolgreich, dass sein königlicher Schüler bald erfreuliche Fortschritte machte. Ungeachtet dessen hatte Louis XV. weiterhin Kontakt zur Herzogin von Ventadour.

Auf dem Stundenplan des kleinen Königs standen täglich Unterricht im Schreiben, Latein und Geschichte. Dreimal pro Woche gab es Übungen in Zeichnen, Mathematik, Tanz, Astronomie und Naturwissenschaften. Außerdem lernte Louis XV. sein zu Zornausbrüchen neigendes Temperament zu zügeln sowie Fehler zu vermeiden. Als Schüler war er fleißig und vielseitig interessiert und zeigte gute Leistungen. Weil man ihn nie gelobt hat, wurde er aber nicht selbstbewusst. Nachteilig für seine Entwicklung wirkte sich aus, dass Fleury die Sexualität rigoros verdammte. Sie sollte nur zur Erhaltung der Dynastie, nur in der Ehe und möglichst lustfrei erfolgen.

Um das Zeremoniell perfekt zu beherrschen, musste Louis XV. auch Balletttanz lernen. Obwohl er dies ganz ordentlich tat, hatte er daran keine Freude. Vergnügen bereiteten ihm dagegen das Reiten und vor allem die Jagd.

Der über 70 Jahre alte Herzog von Villeroy führte den jungen König vor allem in die zeremoniellen Angelegenheiten ein. Vom Charakter und von seiner Bildung her war dieser Mann für den Umgang und für die Erzie-hung eines Kindes denkbar ungeeignet. Innerhalb weniger Wochen machte er aus dem bis dahin aufgeweckten, freundlichen und lebhaften Louis XV. ein verstörtes, introvertiertes und völlig verschüchtertes Wesen. Ständig wurde ihm eingetrichtert, er sei der absolute Herrscher über alle ihn umgebenden Menschen. Statt normal zu gehen, musste er schwebend schreiten. Beim Anziehen reichten Dutzende von erwachsenen Männern dem Jungen umständlich jedes einzelne Teil seiner Kleidung. Schon ab Sommer 1717 wurde er bei Festen oder Staatsakten regelrecht vorgeführt. Allmählich steigerte sich seine angeborene Schüchternheit zu einer Phobie vor Menschenansammlungen.

Louis XV. lernte die lateinische und italienische Sprache und wurde in Religion unterrichtet. Besonderes Interesse zeigte er für Anatomie, Chirurgie, Astronomie und Geographie. Bischof Fleury entwickelte eine intensive persönliche Beziehung zum König, welcher er seinen späteren politischen Aufstieg verdankte.

Im Alter von elf Jahren setzte bei Louis XV. die Pubertät ein. Sein erster Samenerguss erschreckte ihn sehr. Er befürchtete, krank zu sein und vertraute sich einem Diener an, der ihn zu einem Arzt schickte. Der Mediziner beruhigte ihn, diese vermeintliche Krankheit sei ein Zeichen für Gesundheit. So entstand das geflügelte Wort von der „königlichen Krankheit“.

Mitte Juni 1722 kehrte der elfjährige Louis XV. in das Schloss Versailles zurück. Der Umzug erfolgte, weil es dort bessere Möglichkeiten zum Reiten und Jagen gab. Für Louis war es eine Rückkehr in das Reich seiner frühen Kindheit. In Versailles brachte man ihn in den Räumen seines Urgroßvaters unter.

Im Sommer 1772 wurde Louis XV. den lästigen Hofmeister Villeroy los, der keinen Augenblick von seiner Seite wich und weiterhin streng auf die Einhaltung der Etikette achtete. Wegen des allgegenwärtigen Villeroy konnte der Regent Orléans den König kaum jemals unter vier Augen sprechen. Villeroy besiegelte seinen Sturz, als er sich weigerte, den Raum zu verlassen, um dem Herzog von Orléans ein privates Gespräch mit dem König zu ermöglichen. Der Regent behielt die Fassung und verließ den Raum, nachdem ihm Villeroy angeboten hatte, er könne am Nachmittag mit ihm über diesen Vorfall sprechen. Wenig später erschien der Hauptmann der Wache und bat den Hofmeister, ihm kurz ins Vorzimmer zu folgen. Dort angekommen, wurde er verhaftet und in einer Kutsche nach Lyon gebracht. Vor der Abfahrt durfte er sich nicht vom König verabschieden.

Am Abend war auch der Erzieher Fleury verschwunden. Er hatte früher erklärt, falls Villeroy abgesetzt würde, werde er sein Amt abgeben. Louis XV. war bestürzt und konnte seine Tränen kaum zurückhalten. Doch man holte Fleury zurück.

Im August 1722 litt der Regent Orléans unter Depressionen. Einem Freund gestand er, sein ganzes derzeitiges Leben, die Rückschläge in der Politik und das ewige intrigante Gezänk des Hofes bereiteten ihm nur noch Überdruss. Sogar an Fressen, Saufen und Sex hatte er nur noch wenig Freude. Am liebsten hätte er sich auf eines seiner Landgüter zurückgezogen. Aus diesem Grund war der Herzog von Orléans bereit, endlich dem Wunsch seines ehemaligen Erziehers Kardinal Guillaume Dubois (1656–1725) nachzugeben und diesen zum Premierminister zu ernennen. Der König mochte Dubois nicht, weil jener ihn nicht respektvoll behandelte.

Der Herzog von Orléans führte den König – seinem kindlichen Alter entsprechend – allmählich in politische Angelegenheiten ein, wobei ihn Kardinal Dubois unterstützte. Am 25. Oktober 1722 salbte und krönte man Louis XV. in Reims. Entgegen der Tradition hatte das Volk bei dieser Zeremonie keinen Zugang zur Kathedrale. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war Louis XV. unnahbar, schätzte die Privatheit und erfüllte das steife Hofzeremoniell nur ungern. Vor großen Mengen wirkte er eher unsicher..

Am 15. Februar 1723 feierte Louis XV. seinen 13. Geburtstag. Gemäß der damals für Könige geltenden Regelung galt er jetzt als volljährig. Deswegen endete die Zeit der Regentschaft. Das Parlament bestätigte und registrierte die Großjährigkeit von Louis XV. in einer feierlichen Zeremonie. Statt des Regentschaftsrates gab es fortan einen Kronrat, dem außer dem König auch der Herzog von Orléans, dessen Sohn Chartres, Condé, Kardinal Dubois und Fleury angehörten. Kardinal Dubois fungierte weiterhin als Premierminister. Der Herzog von Orléans regierte faktisch für den jungen König.

Ungefähr ein Jahr nach seiner Ernennung zum Premierminister starb Kardinal Dubois im August 1723. Er erlag im Alter von 66 Jahren den Folgen einer Syphilisinfektion. Nach dem Tod des Kardinals bat der Herzog von Orléans den König, zum Premierminister ernannt zu werden. Diesen Posten hatte bis dahin in Frankreich noch nie ein Mitglied der königlichen Familie oder ein Mitglied des Hochadels bekleidet. Der Herzog von Orléans bemühte sich nicht aus Machtwillen um dieses Amt, sondern aus Pflichtgefühl.

Im Alter von 49 Jahren erlitt der Herzog von Orléans am 1. Dezember 1723 in Versailles einen schweren Schlaganfall. Er erlangte nicht mehr das Bewusstsein und starb einige Stunden später.

Kaum hatte Heinrich, Prinz von Condé, Herzog von Bourbon (1692–1740), die traurige Nachricht über den Tod des Herzogs von Orléans gehört, stürmte er im Laufschritt zum Schlafzimmer des 13-jährigen Königs. Dort angekommen, bat er noch ganz atemlos um seine Ernennung zum Premierminister. Louis XV. erfüllte diese Bitte. Sein Onkel Orléans hatte Condé selbst als seinen Nachfolger vorgeschlagen.

Der sehr reiche Condé besaß ein abstoßendes Aussehen und einen schlechten Charakter. Als er noch ein Kind war, hatte ihm der Herzog von Berry bei der Jagd versehentlich ein Auge ausgeschossen. Wegen seiner langen Storchenbeine, seines gebeugten Ganges und seines gedrungenen Körpers erinnerte er an eine Spinne. Biografen schilderten ihn als stolz, widerlich, gierig, intrigant und ehrlos.

Einziger ernsthafter Konkurrent von Condé für das Amt des Premierministers war der Erzieher Fleury gewesen. Zum Dank für sein Stillhalten belohnte ihn Condé mit der Verfügungsgewalt für alle Kirchenämter in Frank-reich. Fleury wurde damit nach dem Premierminister Condé der mächtigste Mann im Land.

Condé behielt die Minister von Dubois und Orléans, die er als Empfehlsempfänger behandelte. Die Linien der Politik wurden im Geheimen Rat bestimmt. Diesem gehörten nur der König, Premierminister Condé, Fleury und der alte Marschall Villars an. Die Finanzverwaltung wurde von Condé den Brüdern Pâris übertragen, mit denen er befreundet war.

Mit 14 Jahren war Louis XV. körperlich voll entwickelt, hatte aber noch kein Interesse an Frauen. Aus diesem Grund verlegte Condé den Hof für einen Monat nach Chantilly, wo eine freiere Atmosphäre als in Versailles herrschte. Dort hoffte er, dem König eine Geliebte zu verschaffen. Aber dieser Plan scheiterte an der Schüchternheit von Louis XV. und dem Einfluss des frommen Fleury. Damals fiel der König oft in Ohnmacht. Als Ursache vermutete man häufiges Onanieren.

Als der Kronrat für den jungen König von Frankreich und Navarra eine Braut suchte, hatte er die Qual der Wahl. 99 Namen heiratsfähiger Prinzessinnen aus Europa standen auf der Liste, die dem Kronrat vorgelegt wurde. Nach langen Diskussionen entschied man sich für die polnische Prinzessin Maria Leszczynska (1703–1768). Mit 21 Jahren erschien diese zwar eigentlich als zu alt für den 14-jährigen Louis XV., doch gesund und sofort gebärfähig. Am 7. Mai 1725 erhielt ihr Vater Stanislaus Leszczynski (1677–1766) die erfreuliche Nachricht, seine Tochter Marie sei für würdig befunden worden, die Ehefrau des Königs von Frankreich und Navarra zu werden. „Auf die Knie! Danket Gott!“ schrie er, als er mit dem offiziellen Schreiben in das Zimmer seiner Damen stürmte.

Maria Leszczynska hatte eine schwere Jugend hinter sich. Ihr Vater Stanislaus war 1704 nach der Vertreibung von August II. dem Starken, König von Sachsen und Polen (1670–1733), mit Unterstützung von Schweden zum König von Polen gewählt worden. Doch im „Nordischen Krieg“ verlor Stanislaus 1709 seinen Thron wieder an August den Starken und seine Güter wurden konfisziert. Danach zog Stanislaus mit Frau und Tochter Marie sowie einigen Getreuen durch Europa. Ab 1717 lebte er in Wissembourg (Weißenburg) im Elsass und bestritt sein Leben mit einer unregelmäßig bezahlten Apanage der französischen Krone.

Wegen fehlender finanzieller Mittel hat Stanislaus seine Tochter Maria weitgehend selbst unterrichtet. Sie konnte singen, musizieren (Klavierspielen) und tanzen. Aber es fehlte ihr noch der letzte Schliff. Ihr Charakter wurde durch ernste Literatur und Religion geprägt. Praktische Nächstenliebe erschien ihr als wichtiges Anliegen, da sie selbst mancherlei Entbehrungen erlitten hatte.

Wie viele andere Frauen ihres hohen Standes war Maria Leszczynska nicht besonders attraktiv. Allerdings hatte sie auch keinen störenden Schönheitsmakel. Das Lob an ihrem Aussehen beschränkte sich auf ihre aus-drucksvollen Augen.

Die geplante Heirat mit der Braut aus Polen stieß am Hof in Versailles nicht nur auf Gegenliebe. Bald kursierten Gerüchte, Maria Leszczynska leide unter Epilepsie oder anderen Krankheiten. Doch ein Ärzteteam, das ins Elsass fuhr, befand, Maria sei kerngesund und ihr Becken scheine gebärfreudig.

Nach einem Essen am 27. Mai 1725 gab der König feierlich seine Verlobung bekannt. Er tat dies mit einem Gleichmut, mit dem er alle öffentlichen Auftritte absolvierte. Fast schien es so, als sei es ihm völlig egal, wen er heirate.

Die polnische Braut sah ihren französischen Bräutigam zunächst nur auf einem aktuellen Bild des Königs, das man ihr zukommen ließ. Was sie erblickte, gefiel ihr sehr. Sofort verliebte sie sich in den jungen und attraktiven Mann.

Auch bei der Heirat am 15. August 1726 im Münster von Strasbourg (Strassburg) sah Maria Leszczynska ihren Bräutigam noch nicht persönlich. Denn es handelte sich um eine Trauung per Stellvertreter (per procurationem). Eine solche Eheschließung wurde formgültig vollzogen, obwohl einer der Brautleute bei der Trauung nicht persönlich anwesend war. Ein Stellvertreter des abwesenden Partners gab dabei per procurationem (per Vollmacht) in dessen Namen und Auftrag das Ja-Wort ab, mit dem die Ehe zwischen dem abwesenden und dem anwesenden Partner als geschlossen galt.

Nach der Heirat in der Kathedrale in Strasbourg stellte Mademoiselle de Clermont der Braut Maria Leszczynska ihren Hofstaat vor. Zahlreiche deutsche Fürsten überbrachten Glückwünsche. Für den Nachmittag hatte sich die fromme polnische Braut eine Vesper zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria gewünscht. Am Abend folgte ein Ball mit Feuerwerk.

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Details

Seiten
77
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656704447
ISBN (Buch)
9783656707639
Dateigröße
8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277619
Note
Schlagworte
Ludwig XV. Louis XV. Frankreich Dubarry Pompadour Mätressen

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Titel: Louis XV. – Der Vielgeliebte