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Die Thesen Sarrazins auf dem Prüfstand

Fakten oder Märchen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 9 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Einleitung

Als Thilo Sarrazin im Herbst des Jahres 2010 das Werk „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ publizierte, wurde damit eine umfassende Kontroverse in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen ausgelöst.

Ungeachtet der Zielorientierung, der Sachlichkeit und des nachhaltigem Nutzens der anschließenden Diskussion, ist zu konstatieren, dass das Thema ‚Integration‘ in Folge dessen auf der gesellschaftlichen wie politischen Agenda stand.

Neben Zustimmung im Sinne einer ‚Das wird man wohl noch sagen dürfen‘-Auffassung und reflexartiger Kritik darauf, löst die Publizierung auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Qualität Sarrazins Thesen beziehungsweise der verwendeten Quellen aus.

Eine zentrale Argumentationslinie Sarrazins lässt sich dabei auf die wissenschaftliche Arbeitsweise, beziehungsweise die Verwendung anerkannter empirischer Daten zurückführen.

Dem Titel entsprechend soll nachfolgend diskutiert werden, inwiefern die Thesen Sarrazins einer kritischen Prüfung standhalten, beziehungsweise, ob die Kritik der unwissenschaftlichen Arbeitsweise gerechtfertigt ist.

Dazu werden vier zentrale Thesen Thilo Sarrazins ausgewählt und exemplarisch diskutiert.

Im besonderen Maße soll dabei die empirische Datenlage im Fokus stehen, auf der ein Wesentlicher Teil Sarrazins Glaubwürdigkeit basiert.

Hauptteil

Im Zuge der Kontroverse um die inhaltlichen Aussagen Sarrazins prägte das im Titel festgehaltene Zitat die mediale Berichterstattung im besonderen Maße. Anhand dessen lassen sich mehrere Thesen identifizieren:

1. „Von den in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent Abitur.“
(Sarrazin 2010a: S. 286)
2. „Auch der Umstand, dass sich die Türken und die Araber zu großen Teilen kaum Mühe geben, Deutsch zu lernen, ist ein Ausdruck fehlenden Interesses an der Mehrheitskultur und mangelnder Bildungsbereitschaft“
(Topcu/Ulrich: 2010)
3. „Sichtbares Zeichen für die muslimischen Parallelgesellschaften ist das Kopftuch. Seine zunehmende Verbreitung zeigt das Wachsen der Parallelgesellschaft an.“
(Sarrazin 2010a: S. 299)
4. „Ein Gradmesser für die Integrationsbereitschaft ist das Heiratsverhalten. [...] Hier sieht es schlecht aus, denn nur drei Prozent der jungen Männer und acht Prozent der jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund heiraten einen deutschen Partner (...).“

(Sarrazin 2010a: S. 294)

Vor der inhaltlichen Auseinandersetzung soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass die begriffliche Exaktheit Sarrazins äußerst unbefriedigend ist:

„Ein Beispiel für die verwirrende Begriffspraxis ist das Hin- und Herspringen zwischen ‚muslimischen Migranten‘, ‚Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund‘, ‚Türken‘, ‚türkischen Migranten‘, ‚Menschen mit türkischem Migrationshintergrund‘: Mal müssen ‚Türken und Araber‘ stellvertretend für alle ‚muslimischen Migranten‘ herhalten, mal wird „Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund“ pauschal eine arabische oder türkische Herkunft zugewiesen.“ (Foroutan 2010: S. 7)

Diese dargestellte unscharfe Verwendungsweise verschiedener Begrifflichkeiten macht eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit spezifischen Fragestellungen zu einem schwierigen Unterfangen.

Die erste ausgewählte These Sarrazins nimmt Bezug auf bildungspolitische Entwicklungen und stellt dabei die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund und muslimischen Glaubens heraus. Nur 14% dieser Gruppe verfügen über das Abitur, während 30% die Schule ohne Abschluss verlassen – so die These. (Sarrazin 2010a: S. 286)

Gesetzt den Fall, dass an dieser Stelle tatsächlich von allen Muslimen auszugehen ist, widerspricht die Studie ‚Muslimisches Leben in Deutschland‘ deutlich.

Demnach können nur 13,5% der muslimischen Migranten keinen Schulabschluss vorweisen und 28,5% beenden ihre schulische Laufbahn mit dem (Fach-)Abitur. Die Werte unterscheiden sich also in beiden Fällen um mehr als 10%.

Festzustellen ist, dass die Zahlen Sarrazins in erheblichem Maße von denen der Studie zum muslimischen Leben in Deutschland abweichen und die Werte für Haupt- und Realschulabschlüsse gänzlich ausgespart werden. (Haug/Müssig/Stichs 2009: S. 212)

An dieser Stelle soll keinesfalls negiert werden, dass auch die Werte dieser Studie hinter denen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund zurückbleiben: Nur 2,3% der deutschen Bevölkerung hat keinen Schulabschluss. (Statistisches Bundesamt 2012: S. 25)

Allerdings lässt sich eine positive Tendenz erkennten, wird die Entwicklung zwischen der 1. und 2. Migrationsgeneration betrachtet: 68% der türkischen Migranten wurden als unqualifiziert eingestuft, demgegenüber steht die folgende, das deutsche Bildungssystem durchlaufende, Generation, die nur noch zu 27% dieser Kategorie entspricht. (Riesen 2011)

Auch in ‚Muslimisches Leben in Deutschland‘ wird diese Beobachtung für alle Herkunftsgruppen geteilt. (Haug/Müssig/Stichs 2009: S. 16)

Die zweite zu diskutierende These schließt an das Feld der Bildung an und trifft spezielle Fragen hinsichtlich der Sprachkompetenz von Migranten, beziehungsweise der Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen. Der Vorwurf lautet, Türken und Araber (wohl stellvertretend für muslimische Migranten) gäben sich kaum Mühe, die deutsche Sprache zu erlernen. Sarrazin deutet diesen Umstand als Zeichen mangelhaften Interesses. (Topcu/Ulrich 2010)

Empirische Daten belegen hingegen zwei wesentliche Aspekte: Zum einen sehen 97% der befragten Personen mit Migrationshintergrund das Erlernen der deutschen Sprache als zentral an, um in Deutschland akzeptiert zu werden, auch wenn 41% zu Hause ausschließlich in der Herkunftssprache kommunizieren. (Bertelsmann 2009: S. 78) Trotzdem weisen 67% der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund ‚sehr gute‘ oder ‚gute‘ Deutschkenntnisse auf.

Durchaus sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass türkische Migranten trotz guter Ergebnisse die schwächsten Leistungen im Zuge dieser Erhebung unter Türken, Russen, Jugoslawen, Polen, Griechen, Italienern und Spaniern vorweisen.

Differenzierter betrachtet lässt sich feststellen, dass es gravierende Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen hinsichtlich der Deutschkenntnisse gibt. Die Gruppe der türkischen Frauen 15- bis 34jährigen weist mit 55% ‚sehr gute‘ Deutschkenntnisse auf, die Männer sogar zu 63%. Unter der Altersgruppe der 35- bis 64jährigen weisen die Frauen nur noch 16%, die Männer 28% ‚sehr gute‘ Deutschkenntnisse auf. (Gostomsky 2010: S. 105)

Die jüngeren Generationen der Migranten bzw. Menschen mit Migrationshintergrund spricht also deutlich besser Deutsch, als die älteren.

Auf eine fehlende Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen, kann anhand dieser Daten allerdings nicht geschlossen werden.

Die dritte These von Thilo Sarrazin stellt das Kopftuch als Sinnbild für eine muslimische Parallelgesellschaft dar, die sich zurzeit im Wachstum befinde. (Sarrazin 2010a: 299) Weiterhin bedient sich Sarrazin der Daten aus dem Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung, stellt deren Zuverlässigkeit jedoch selbst in Frage. Dieser Umstand hindert den Autor jedoch in keiner Weise daran, zu behaupten, dass immer mehr junge Muslima ein Kopftuch trügen.

Die Daten aus der Studie ‚Muslimisches Leben in Deutschland‘ ergaben, dass nur 27% aller Muslima überhaupt ein Kopftuch tragen. Zudem steigt der Prozentsatz der kopftuchtragenden Frauen mit dem Alter: Während die Hälfte der Altersgruppe 66+ angibt ein Kopftuch zu tragen, sind es in der Gruppe der 26- bis 45jährigen Frauen nur 39% und bei den 16- bis 25jährigen nur noch ein Viertel der Befragten. (Haug/Müssig/Stichs 2009: S. 195f.)

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Details

Seiten
9
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656704980
ISBN (Buch)
9783656706342
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277995
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Thilo Sarrazin Sarrazin Integration Politische Kulturforschung Multikulturalismus Thesen Kontroverse

Autor

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Titel: Die Thesen Sarrazins auf dem Prüfstand