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Pflege bei Parkinson. Einsatz von Adjuvanten Therapien im Lagzeitpflegebereich

Diplomarbeit 2014 80 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Pflege bei Parkinson

1 Einleitung

2 Klinische Definition
2.1 Motorische Kardinalsymptome
2.1.1 Akinese und Bradykinese
2.1.2 Tremor
2.1.3 Rigor
2.1.4 posturale Instabilität
2.2 Nicht-motorische Symptome
2.2.1 Neuropsychiatrische Symptome
2.2.2 Schlafstörungen
2.2.3 Autonome Regulationsstörungen
2.2.4 Sensorische Symptome
2.2.5 Schmerzen

3 Stadieneinteilung
3.1 Hoehn und Yahr Skala
3.2 Unified Parkinson´s Disease Rating Scale (UPDRS)

4 Ganzheitliche Pflege – ABEDL-Pflegemodel
4.1 Kommunizieren können
4.1.1 Aufgaben der Pflege
4.2 Sich bewegen können
4.2.1 Aufgaben der Pflege
4.3 Vitale Funktionen des Körpers aufrechterhalten können
4.3.1 Aufgaben der Pflege
4.4 Sich pflegen können
4.4.1 Aufgaben der Pflege
4.5 Essen und trinken können
4.5.1 Aufgaben der Pflege
4.6 Ausscheiden können
4.6.1 Aufgaben der Pflege
4.7 Sich kleiden können
4.7.1 Aufgaben der Pflege
4.8 Ruhen und schlafen können
4.8.1 Aufgaben der Pflege
4.9 Sich beschäftigen können
4.9.1 Aufgaben der Pflege
4.10 Sich als Mann/Frau fühlen können
4.10.1 Aufgaben der Pflege
4.11 Für Sicherheit in der Umgebung sorgen können
4.11.1 Aufgaben der Pflege
4.12 Soziale Bereiche des Lebens sichern können
4.12.1 Aufgaben der Pflege
4.13 Mit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehen können
4.13.1 Aufgaben der Pflege

5 Adjuvante Therapien
5.1 Bewegungstherapie
5.1.1 Physiotherapie (früher Krankengymnastik)
5.1.2 Ergotherapie
5.1.3 Tai Chi, Qigong
5.1.4 LSVT®BIG
5.2 Logopädie
5.2.1 LSVT®LOUD
5.3 Kunsttherapie
5.3.1 Tanz
5.3.2 Musiktherapie
5.4 Entspannungs- und Atemtherapie
5.4.1 Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
5.4.2 Atemtherapie
5.5 Psychotherapie

6 Interdisziplinäre Zusammenarbeit
6.1 Multimodale Parkinson Komplexbehandlung
6.2 Schulung des Pflegepersonals
6.3 Befindlichkeitsspiegel

7 Zusammenfassung der Ergebnisse

8 Diskussion

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Anhang

Vorwort

Papst Johannes Paul II, der US-Schauspieler Michael J. Fox und der Kabarettist Ottfried Fischer – drei prominente Namen, ein gemeinsam verbindendes Schicksal: PARKINSON

Aus den Medien war mir Parkinson also ein Begriff, aber erst die Begegnung und in weiterer Folge die Zusammenarbeit mit einer von Parkinson betroffenen Frau, brachte mir diese Krankheit, sowie die Auswirkungen auf den täglichen Lebensalltag, wirklich näher Im Zuge einer Biografie-Arbeit, welche ich in meinem Stammheim durchführte, lernte ich Frau K. und ihre Lebensgeschichte eingehender kennen. Obwohl sie schon seit Jahren mit Parkinson, samt all den Auswirkungen, zu kämpfen hat, hat sie nicht resigniert und ist nach wie vor sehr daran interessiert, selbst aktiv gegen ein zu rasches Fortschreiten anzugehen. Mir wurde schnell klar, dass die professionelle Pflege und Betreuung eines von Parkinson betroffenen Menschen, eine große Herausforderung darstellt. Denn nicht nur, dass es sich um eine chronisch fortschreitende Erkrankung handelt, ist diese ja noch dazu täglichen Schwankungen unterworfen. Und gleichzeitig sollte man, als engagierte Pflegekraft, den Parkinson Betroffenen in seiner Selbstständigkeit fördern und in seinem Kampf, gegen ein weiteres rasches Fortschreiten der Krankheit, unterstützen.

Doch wie das alles im stressigen pflegerischen Alltag unterbringen, welche Therapien könnten dabei behilflich sein, dass möchte ich im Rahmen dieser Arbeit hinterfragen und soweit wie möglich abklären.

Danksagung

Vorweg möchte ich mich bei Frau Direktor Praher bedanken, die mich in der Wahl dieses Themas bestärkt hat. Mein besonderer Dank gilt vor allem meiner Betreuerin Anneliese Huemer, für die genaue Prüfung der Arbeit und die mir geschenkte Aufmerksamkeit, sowie Prim. Dr. Dieter Volc, für seine höchst profunden Ratschläge und für die vielen Stunden, welche er zum Korrekturlesen aufwenden musste.

Danke auch an Frau K., ohne deren Zutun der Stein gar nicht ins Rollen gekommen wäre – sie hat diese Arbeit überhaupt erst ermöglicht.

Last but not least darf ich mich auch noch ganz lieb bei meiner Freundin Katharina und meiner Familie bedanken, die immer da waren wenn ich sie gebraucht habe, mir aber auch den nötigen Freiraum ließen, wenn es mal wieder eng wurde.

Freistadt, Ing. Peter Kopf

Pflege bei Parkinson

Einsatz von adjuvanten Therapien im Langzeitpflegebereich

1 Einleitung

Schätzungen zufolge sind in Österreich 20000 Menschen an Parkinson erkrankt und mit zunehmendem Alter steigt das Risiko davon betroffen zu sein weiter an - ab dem 80. Lebensjahr liegt die Wahrscheinlichkeit bereits bei bis zu 3,5% (Gerschlager, 2009, S. 22). Durch die demografische Entwicklung verstärkt sich dieses Problem weiter und bis zum Jahr 2030 werden doppelt so viele Menschen an Parkinson leiden als heute (Dorsey et al., 2007, zit. aus Oertel et al, 2012, S. 35).

Parkinson stellt für Pflegekräfte eine große Herausforderung dar, da für eine professionelle Versorgung nicht nur die normale Grundpflege gefragt ist, sondern Betroffene eine, auf die jeweilige Lebenssituation abgestimmte ganzheitliche Betrachtung und Betreuung benötigen (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 49). Denn von Parkinson betroffene Mensch benötigen beispielsweise einfach mehr Zeit bei der Verrichtung alltäglicher Tätigkeiten und daher würde eine unter Zeitdruck vorgenommene Pflegehandlung, nur zu einer Verstärkung der Krankheitssymptome führen (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 53).

Die Behandlung von Morbus Parkinson hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, aber trotz aller Weiterentwicklung auf medikamentöser oder operativer Ebene, spielen ergänzende Therapien nach wie vor eine wichtige Rolle, im Kampf gegen diese Krankheit und den Auswirkungen (vgl., Trenkwalder et al., 2011, S. 31).

Krankengymnastik bei Parkinson dient sowohl dem Erhalt und der Förderung von körperlicher Aktivität, als auch der Prävention wie z.B. die Sturzprophylaxe. Zusätzliche alternative Methoden etwa Tai Chi oder Qigong wirkten sich positiv auf motorische Beschwerden, auf das Gangbild sowie auf die posturale Stabilität aus (Keus et al. 2007 und 2009, zit. aus DGN, 2012, S. 22).

Der Autor möchte mit dieser Arbeit aufzeigen, dass Parkinson-Betroffene chronisch erkrankte Menschen sind, deren jeweilige Tagesverfassung (noch dazu) abrupten Schwankungen unterworfen ist. Daher benötigen diese eine individuell kompatible und auf Ressourcenerhaltung ausgerichtete Pflege. Ein weiterer Focus der Arbeit liegt darauf, aufzuzeigen, wie adjuvante Therapien im Langzeitpflegebereich praktikabel in den täglichen Pflege- bzw. Betreuungsablauf integriert werden und dadurch die Lebensqualität, sowie das Wohlbefinden, der Parkinson Betroffenen verbessern können.

Forschungsfragen

1. Welche Art von Pflege benötigen von Parkinson betroffene Menschen?
2. Wie können adjuvante Therapien im Langzeitpflegebereich in die tägliche Pflege integriert werden?

Beschreibung der verwendeten Methode

Die Literaturrecherche erfolgte im Internet mittels Standard- bzw. wissenschaftlichen Suchmaschinen, in Portalen, an Literaturfachdatenbanken, Universitätsservern, sowie in Volltextdatenbanken, unter Verwendung von Booleschen Operatoren und Einbindung von Metasuche, mit folgenden Suchbegriffen:

adjuvant, aktivieren, akustisch, alternativ, balance, Behandlung, Bewegungstherapie, board, dance, Diagnostik, Diplomarbeit, Dissertation, Entspannung, Ergotherapie, Gleichgewicht, Gymnastik, idiopathisch, IPS, Kunst, Logopädie, Malerei, Methode, Morbus, Motomed, movement, music, Musik, Parkinson, Pflege, Physiotherapie, Psychotherapie, Qigong, rhythmisch, Smovey, Sport, Stimulation, Studie, Syndrom, Tai Chi, Tango, Tanz, Therapie, Training, Vibration, waltz, Wii.

Die gefundene Literatur wurde nach folgenden Kriterien aussortiert:

Sind ausführliches Literatur- bzw. Quellenverzeichnis vorhanden, wurden vom Autor noch andere Studien bzw. Bücher veröffentlicht?, entspricht das Thema der Problemstellung der FBA, basiert die Literatur am aktuellsten Wissensstand, wurden bereits mehrere Auflagen veröffentlicht, handelt es sich um eine renommierte wissenschaftliche Fachgesellschaft bzw. Verlag.

Geschlechtsneutrale Formulierung:

In dieser Arbeit hat der Autor, aus Gründen der Lesbarkeit, auf eine geschlechtsneutrale Formulierung verzichtet. Es sind jedoch immer beide Geschlechter im Sinne der Gleichbehandlung angesprochen.

2 Klinische Definition

Die Parkinson-Krankheit - Synonym: Morbus Parkinson bzw. idiopathisches Parkinson-Syndrom bzw. IPS (vgl., DGN, 2012, S. 4) ist die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer (vgl., EPDA, 2011, S. 8), wobei die Ursache bis heute nicht geklärt werden konnte, vermutlich sind mehrere Faktoren an der Entstehung beteiligt (vgl., Gerschlager, 2009, S. 26). Nach Zerstörung von Dopamin bildender Nervenzellen der Substantia nigra (Chaudhuri 2006, zit. aus EPDA, 2011, S. 8) können Botschaften aus dem Gehirn nicht mehr problemlos an die Muskeln übermittelt werden, was in weiterer Folge zu Schwierigkeiten in der Bewegungskontrolle führt - motorische Symptome (Jankovic 2008, zit. aus EPDA, 2011, S. 8). Zusätzlich treten aber auch Krankheitszeichen auf, welche nicht direkt mit Bewegungen zusammenhängen - nicht-motorische Symptome (Lees et al., 2009, zit. aus EPDA, 2011, S. 8).

2.1 Motorische Kardinalsymptome

Diese setzen sich aus 4 Komponenten zusammen: 1. Bradykinese (Synonym Akinese, Hypokinese) als Hauptleitsymptom, ohne dem die Diagnose Parkinson gar nicht gestellt werden kann. 2. Tremor im Ruhezustand, 3. Rigor und 4. Störung reflektorischer Ausgleichsbewegungen bzw. posturale Instabilität (vgl., Ebersbach, 2011, S. 3).

2.1.1 Akinese und Bradykinese

Akinese gilt als die schwerste Symptomatik bei Parkinson und fast Begriffe wie Dysarthrie, Hypomimie, Kleinschrittigkeit, verringerte Bewegungsamplitude bei zielgerichteten Bewegungen der Extremitäten, Mikrographie und das verminderte Mitschwingen der Arme beim Gehen, zusammen (Deuschl, 2008, zit. aus French, 2012, S. 8). Fast immer ist jene Körperseite, welche als Erste durch Störungen beeinträchtigt wurde, auch im weiteren Krankheitsverlauf stärker beeinträchtigt (Weintraub et al., 2008, zit. aus French, 2012, S. 69).

Bradykinese - die Verlangsamung von Bewegungsabläufen bei der willkürlichen Motorik - stellt das wichtigste Hauptsymptom bei Parkinson dar. Dadurch bilden sich funktionelle Einschränkungen und Defiziten bei circa 80 % - 90 % der Betroffenen aus (Weintraub et al., 2008, zit. aus French, 2012, S. 68).

Freezing

Eine Sonderform der Bradykinese stellt das „freezing“ dar, das plötzliche Einfrieren in der gerade beginnenden Bewegung, welches für eine gewisse Zeit lang anhält. Dieses Erstarren tritt hauptsächlich während der „Off-Phasen“, wenn also die Wirkung der Medikamente nachlässt und vor Hindernissen, wie z. B. einer Türschwelle oder einer Treppe, auf (Weintraub et al., 2008, zit. aus French, 2012, S. 68).

2.1.2 Tremor

Stellt oft das erste Anzeichen einer Parkinson-Erkrankung dar, wobei das meist einseitig auftretende Zittern bei gezielten Bewegungen verschwindet und bei Ruhe wieder auftritt - Ruhetremor (vgl., Gerschlager, 2009, S. 39).

Dieser klassische Parkinsontremor (Typ I) kommt bei circa 75% aller Betroffenen vor und hat dabei üblicherweise eine Frequenz von 4 bis 6 Hz. Bei Auftreten eines Händetremors bildet sich das typische Pillendreher-Erscheinungsbild aus. Daneben scheinen noch zwei weitere Tremorformen auf, der Haltetremor (Typ II), sowie der Aktionstremor (Typ III), welcher bei feinmotorischen Tätigkeiten sehr behindernd wirkt und vor allem bei Betroffenen mit starker Rigor Ausprägung gehäuft auftritt (Deuschl et al., 1998, zit. aus Oertel et al, 2012, S. 39).

2.1.3 Rigor

Rigor stellt eine dauernde Erhöhung des Muskeltonus dar, welcher oft als ziehender Schmerz in den Extremitäten oder als Steifigkeit des gesamten Körpers charakterisiert ist. Wenn die Extremitäten passiv durchbewegt werden, ist ein gleichförmiger, zäher Widerstand zu verspüren („Zahnradphänomen“), welcher durch das dauerhafte, leichte Anspannen der Agonisten bzw. Antagonisten bedingt ist - selbst in Ruhe findet keine vollständige Entspannung der Muskulatur statt. Die stärkere Ausprägung der Beugemuskulatur-Anspannung, führt schließlich zur Parkinson-typischen vorgebeugten Körperhaltung (Scharf, Weineck, 2004, zit. aus Augustijn, 2012, S. 5).

2.1.4 posturale Instabilität

Im mittleren Stadium der Parkinson-Krankheit stellt sich ein Verlust der posturalen (= Körperhaltung betreffend) Reflexe ein, dadurch treten vermehrt Stürze und in weiterer Folge Schädel-Hirn-Traumen auf (Grimbergen et al., 2004, zit. aus Oertel et al., 2012, S. 40). Der Gang wird kleinschrittig, was wahrscheinlich in einer Kombination von Bradykinese, Rigor, Verlust posturaler Reflexe und orthostatische Störung begründet liegt (vgl., Oertel et al., 2012, S. 40).

2.2 Nicht-motorische Symptome

Die Klinik der Parkinson Erkrankung beinhaltet aber, neben den bereits erwähnten motorischen Kardinalsymptomen, noch eine Reihe von weiteren nicht-motorischen Beschwerden, welche auch immer häufiger als Frühsymptome wahrgenommen werden. (vgl. Schmidt, 2013, S 57) Hyposomie (Riechstörungen) stellt einen dieser Frühmarker dar (- Oregano Riechtest, „Sniffin Sticks 12“ – Screeningtest) und wird mittlerweile schon als fünftes Kardinalsymptom diskutiert (vgl., Schmidt, 2013, S. 58).

Mit Fortschreiten der Erkrankung nehmen die nicht-motorischen Symptome an Häufigkeit zu, beeinflussen somit die Lebensqualität sowie den Behinderungsgrad wesentlich und stellen in all der Vielfalt eine große therapeutische Herausforderung dar (vgl., Oertel et al, 2012, S. 40).

2.2.1 Neuropsychiatrische Symptome

Diese gehören zu den am öftesten auftretenden nicht-motorischen Symptomen und beinhaltet unter anderem Depression, Apathie, kognitive Dysfunktionen, Psychosen, sowie Parkinson-Demenz (vgl., Oertel et al, 2012, S. 41).

2.2.2 Schlafstörungen

Typische Begleitsymptome bei Parkinson sind Schlafstörungen, welche teilweise schon vor der eigentlichen Diagnosestellung auftreten können und sich durch Einschlafstörungen, häufiges Aufwachen während der Nacht, aber auch verfrühtes Aufwachen abbildet. Außerdem kann die Ausbildung eines Restless-Legs-Syndroms erfolgen, wodurch die Schlafqualität zusätzlich herabsetzt wird (vgl., Trenkwalder et al., 2011, S. 14). Oftmals werden REM-Schlafverhaltensstörung (RBD) beobachtet, welche durch fehlende Muskelatonie dazu führt, dass Betroffene die Träume motorisch ausleben und um sich schlagen, wodurch Fremd- und Eigengefährdung gegeben ist (vgl., Oertel et al, 2012, S. 44).

2.2.3 Autonome Regulationsstörungen

Kardiovaskuläre-, Gastrointestinale- und Urogenitale-Symptome treten bereits im Frühstadium auf und werden mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer häufiger. Kardiovaskuläre Störungen äußern sich vor allem durch Benommenheit und Schwindel, welche durch orthostatische Hypotonie hervorgerufen sind (Goldstein, 2006, zit. aus, Jost et al., 2012, S 50). Hypersalivation bedingt durch ausgeprägte Schluckstörungen, eine verzögerte Magenentleerung und verlängerte Darmpassagezeiten bis hin zur Obstipation, beeinträchtigen den gesamten Gastrointestinaltrakt (vgl., Jost et al., 2012, S 52). Urogenitale Störungen sind hauptsächlich durch imperativen Harndrang, Nykturie und Harninkontinenz gekennzeichnet (vgl., Jost et al., 2012, S. 54).

2.2.4 Sensorische Symptome

Neben einer Störung der Geruchswahrnehmung, welche bei über 90% der an Parkinson Betroffenen festgestellt werden kann (Katzenschlager, Lees, 2004, zit. aus Oertel et al, 2012, S 44) können auch visuelle Beeinträchtigungen auftreten, welche aber nur durch aufwendige Untersuchungen nachgewiesen werden können. Zentrale visuelle Verarbeitungsstörungen werden auch als Auslöser für illusionäre Verkennungen und Halluzinationen diskutiert (vgl., Oertel et al, 2012, S. 44).

2.2.5 Schmerzen

Diesem Problemfeld wurde in der Vergangenheit zu wenig Beachtung geschenkt und auch aktuell dienen spezifische Schmerzsymptomatiken vor allem der Frühdiagnostik von Parkinson. Typischerweise sind diese Betroffenen jüngeren Alters, die Schmerzen treten vor allem im Rücken und Schultergelenk auf und sind bei zwei Drittel von chronischer Art, wobei eine Schmerzhäufung während der OFF-Phasen gegeben ist (vgl., Jost, 2013, S. 116).

3 Stadieneinteilung

Um den Beeinträchtigungsgrad von Parkinson betroffenen Personen zu ermitteln und so eine Beurteilung der Leistungsfähigkeit zu erhalten, wurden verschiedenste Skalen entwickelt (vgl., Köster, Clarenbach, 2010, S. 28).

3.1 Hoehn und Yahr Skala

Diese stellt ein einfaches Instrument zur Erfassung von Bewegungsstörungen dar, ist weltweit verbreitet und findet vor allem im klinischen Alltag Anwendung (Hoehn, Yahr, 1967, zit. aus, Oertel et al, 2012, S. 587).

Abb. 1 Hoehn & Yahr-Skala (Oertel et al, 2012, S. 587)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Unified Parkinson´s Disease Rating Scale (UPDRS)

Dieser 42 Punkte umfassende Fragebogen dient vor allem zur Verlaufsbeurteilung und geht inhaltlich näher auf die Bereiche kognitive Funktionen, ATL´s sowie motorische Untersuchungen ein (vgl., Schmidt, 2013, S. 140) - siehe Anhang 1. Schwachpunkt der UPDRS ist vor allem eine unzureichende Abbildung von nicht motorischen Symptomen, daher wurde von der Movement Disorder Society eine upgedatete Version entwickelt, die MDS-UPDRS, welche dem Rechnung trägt (Goetz et al., 2007/8, zit. aus Oertel et al, 2012, S. 588).

4 Ganzheitliche Pflege – ABEDL-Pflegemodel

Parkinson stellt eine chronische Erkrankung dar, daher sollten davon involvierte Menschen als Betroffene bezeichnet werden, da diese sich auch selbst durch Parkinson eher behindert als krank wahrnehmen. Zudem wird dadurch der Blick weg von den einzelnen Symptomen, hin zur ganzheitlichen Betrachtung des Menschen gelenkt und dadurch ermöglicht auch die gesunden Anteile am jeweiligen Leben zu erkennen (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 49). Dadurch wird vermieden, dass nur die einzelnen Krankheitssymptome bei der Pflege Berücksichtigung finden, denn in erster Linie soll die Selbständigkeit des Betroffenen weitestgehend erhalten werden. Je nach Schwere der Erkrankung sind selektive Hilfestellungen zu leisten, wobei diese aber gemeinsam in interdisziplinärer Zusammenarbeit vom behandelnden und pflegerischen Team festgelegt werden sollen, nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“, um eine optimale Betreuung zu gewährleisten (Berger, 1999, zit. aus, French, 2012, S. 83).

Allgemein gilt bei der Pflege von Parkinson Betroffenen, dass Unruhe, Nervosität aber auch jedweder Zeitdruck vermieden werden soll, denn dies führt in der Regel zu einer Verstärkung der Symptome (vgl., French, 2012, S. 83).

Nur durch eine ganzheitliche Pflege, welche sich aus den Komponenten körperliche Pflege, psychische bzw. spirituelle Begleitung und sozialer Beratung zusammensetzt, können Beeinträchtigungen ausgeglichen und vorhandene Ressourcen miteingebunden werden. Im Zuge der Pflegeplanung bieten sich verschiedene Pflegemodelle an, wobei sich für den Langzeitpflegebereich vor allem das ABEDL-Pflegemodell „Aktivitäten, Beziehungen und Existenzielle Erfahrungen des Lebens“ nach Krohwinkel gut eignet (vgl., Grond, 2009, S. 181).

4.1 Kommunizieren können

Eine leise und monotone Stimme, reduzierte Mimik und verlangsamte Gestik, sind alles störende Faktoren für eine lebhafte Kommunikation (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 102). Die nonverbale Kommunikation ist dadurch schwer in Mitleidenschaft gezogen und suggeriert dem Gegenüber ein Mangel an Interesse oder ein falsches Stimmungsbild wie etwa Ärger, Trauer (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 50). Aus verschiedenen Studien mit Gesunden ist erwiesen, dass ein sozialer Rückzug sowie ein Mangel an Zuwendung, abträglich für den Gesundheitszustand sind und schwere Beeinträchtigungen nach sich ziehen können (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 102).

4.1.1 Aufgaben der Pflege

Durch beachten einfacher Richtlinien wird die Kommunikation mit und für Parkinson Betroffene wesentlich verbessert (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 49):

- Für eine ruhige Umgebung sorgen – unnötige Lärmquellen abstellen (Fenster schließen, Radio abstellen)
- Betroffene in aufrechte Sitzposition bringen und auf korrekte Atmung achten
- Wertschätzender Umgang, trotz oder gerade wegen Hypersalivation, Dyskinesien
- Interesse am Gespräch zeigen – Blickkontakt halten
- Mimik richtig deuten und bei Unklarheit nachfragen
- Fragen einfach formulieren und genügend Zeit für eine Antwort geben

Zusätzlich können Betroffene dazu angehalten werden, im Zuge der täglichen Körperpflege, vorm Spiegel verschiedenste Grimassen zu schneiden – siehe Anhang 2. Diese können zusätzlich mit Gesten oder rhythmischen Geräuschen untermalt werden (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 102).

4.2 Sich bewegen können

Motorische Blockaden können jederzeit auftreten, zum einen durch Wirkungsfluktuationen der Medikamente, aber auch Stress, Ablenkung, Richtungsänderungen oder das bloße Durchschreiten eines Türrahmens kann der Auslöser für Startschwierigkeiten, oder eine Freezing-Attacke sein. Tritt dies während einer Off-Phase auf, kann eine medikamentöse Anpassung notwendig sein, bei On-Freezing sind physiotherapeutische Maßnahmen die erste Wahl. (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 59).

4.2.1 Aufgaben der Pflege

Bewegungsübungen sowie die korrekte Abfolge, stellt zwar die Domäne des Physiotherapeuten dar, doch im Sinne der interdisziplinären Zusammenarbeit und da das Pflegepersonal, im Gegensatz zum Physiotherapeuten, ständig vor Ort ist, müssen diese in der Lage sein, Parkinson Betroffene jederzeit die entsprechenden Hilfestellungen anzubieten (vgl., French, 2012, S. 84). Regelmäßig durchgeführte Übungen, wie z.B. große Schritte machen, oder Drehung mit Zwischenschritten, helfen Freezing-Attacken zu verringern. Falls diese dennoch auftreten, sind Betroffene über richtige Verhaltensweisen zu schulen, wobei dies idealerweise über Integration in den Pflegealltag geschieht, damit Betroffene in die Lage versetzt werden, motorische Blockaden durchbrechen zu können (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 59). Konkrete Deblockierungsmaßnahmen sind unter anderem:

- Auditive Kommandos (eins – zwei – drei)
- Gehen im Rhythmus der Musik, oder rhythmisches Klatschen auf den Oberschenkel
- Visuelle Stimuli wie z.B. Laserpointer, Taschenlampe, Streifen-Markierungen am Boden, künstliche Hindernisse (Fuß von Pflegeperson, Anti-Freezing Stock)
- Genügend Zeit einräumen – Stress vermeiden
- Nur jeweils eine Tätigkeit ausführen lassen (gehen oder reden)

Tritt durch diese Maßnahmen eine drastische Verbesserung der Blockade auf wird dies als paradoxe Beweglichkeit bezeichnet(vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 60).

4.3 Vitale Funktionen des Körpers aufrechterhalten können

Schwindel, drohende Ohnmacht oder das Schwarzwerden vor den Augen, sind Zeichen für eine Kreislauf-Regulationsstörung und finden in der oftmals auftretenden orthostatischen Hypotonie die Begründung, vor allem wenn diese Symptome kurz nach dem Aufstehen in Erscheinung treten – Verifizierung mittels Schellongtest möglich. Hinzu kommt, dass eine Dopamintherapie sich verstärkend auf die orthostatische Hypotonie auswirken kann(vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 83).

Verstärkte Transpiration (Hyperhidrosis) und plötzliche Schweißausbrüche sind Anzeichen für eine Wärmeregulationsstörung der Hautgefäße, welche bereits im Frühstadium der Parkinson Erkrankung auftreten kann (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 88).

Atemstörungen hervorgerufen durch eine erhöhte Atemfrequenz, und damit verbundener Atemnot, stellen ein großes Risiko für Parkinson Betroffene dar. Eine zusätzliche Belastung der Atemregulation sind das durch Rigor, Bradykinese, Dysphagie und Dysarthrie bedingte Pneumonie- bzw. Aspirationsrisiko (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 84).

4.3.1 Aufgaben der Pflege

Da Parkinson Betroffene oftmals einen erniedrigten Blutdruck aufweisen, ist eine etwaige antihypertensive Behandlung zu hinterfragen und falls notwendig auszusetzen. Neben einer medikamentösen Behandlung der orthostatischen Hypotonie, sind folgende Punkte zu beachten (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 83):

- Langsames Aufsitzen und Aufstehen
- Oberkörper beim Schlafen 30° erhöht positionieren
- Kochsalz- und flüssigkeitsreiche Ernährung
- Stützstrümpfe tragen
- Wechselbäder und nicht zu heiß Baden

Um der verstärkten Transpirationsneigung, vor allem bei erhöhten Außentemperaturen zu begegnen, ist Kleidung aus natürlichen Fasern vorzuziehen, da diese Feuchtigkeit besser aufnimmt und die Wärmeregulation erleichtert. Umgekehrt kann es bei kühlen Außentemperaturen auch leichter zu einer Unterkühlung kommen, daher ist in diesem Fall warme Kleidung angebracht (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 89).

Zur Reduzierung von Atembeeinträchtigungen ist eine bessere Lungenbelüftung anzustreben. Dazu stehen, neben Vibrations- und Klopfmassage, spezielle Atemübungen und inhalative Anwendungen zur Verfügung (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 84). Beim Atmen ist darauf zu achten, dass Betroffene vor allem gut ausatmen, dabei ist die Bauchatmung am wirksamsten, denn durch das Entspannen der Bauchmuskulatur sinkt der Bauchinhalt und bei der nun folgenden Einatmung nehmen die Lungen mehr Luftvolumen auf (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 88). Ein regelmäßiges Atemtraining, am besten unter Anleitung eines Therapeuten steigert die Sauerstoffaufnahme im Durchschnitt um 3,9% (vgl., Köhler, 2012, S. 24).

4.4 Sich pflegen können

Parkinson Betroffene versorgen sich in der Regel solange wie möglich selbst, aber mit Fortschritt der Krankheit sind verschiedenste Tätigkeiten nur mehr eingeschränkt durchführbar, oder Hilfsmittel werden benötigt. Defizite treten bevorzugt beim Waschen, Rasieren, in der Mundhygiene und in der Intimpflege auf (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 90-92).

4.4.1 Aufgaben der Pflege

Nur wer sich selbst gut sieht, kann auch den gewünschten Erfolg bei der Selbstpflege erzielen, daher ist vorab sicherzustellen, dass sich Parkinson Betroffene selbst gut im Spiegel sehen können – Größe und Neigungswinkel müssen stimmen. Wenn sich Betroffene nun vor das Waschbecken hinsetzen, sind beide Hände frei zur Körperpflege. Eine angebrachte Ellbogenauflage wirkt nicht nur dem Tremor entgegen, sondern vergrößert zusätzlich den Bewegungsspielraum und erlaubt so, sich elektrisch die Zähne zu putzen oder zu rasieren. Durch Verwendung eines weiten Frotteebademantels ist ein sich selbst abtrocknen am ganzen Körper einfach möglich (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 90-91). Der Einsatz von weiteren Hilfsmitteln wie z.B. verlängerter Kamm, Nagelknipser mit Saugnäpfen oder Vakuum-Haltegriffe, vergrößert den Handlungsspielraum zusätzlich (vgl., Jansenberger, Mairhofer, 2014, S. 88-90) – siehe Anhang 4.

4.5 Essen und trinken können

Für Parkinson ist keine spezielle Diät vorgesehen, dennoch ist, wie für jeden anderen Menschen auch, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten und krankheitsbedingte Abweichungen sind in die Ernährungsplanung miteinzubeziehen. Generell sollte für Parkinson Betroffene als Ziel das Normalgewicht angepeilt werden, um Langzeitauswirkungen positiv zu beeinflussen. Zuviel an Eiweiß hemmt die Aufnahme von L-Dopa (Eiweißakinese), eiweißreduzierte Ernährung wiederum führt zu Mangelerscheinungen, daher gilt als Richtlinie 1g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht (vgl., Ebersbach et al., 2010, S. 90-92).

Essen dient nicht nur der Nahrung, sondern ist Teil der sozialen und kulturellen Identität, aber durch die krankheitsbedingten Auswirkungen wie z.B. verstärkter Speichelfluss oder Schluckbeschwerden, wird von vielen Betroffenen vorgezogen, alleine zu essen (vgl., Van Seggelen, 2001, S. 99).

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Details

Seiten
80
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656711087
ISBN (Buch)
9783656712855
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278431
Institution / Hochschule
bfi Gesundheits- und Krankenpflegeschule
Note
1,0
Schlagworte
adjuvant aktivieren akustisch alternativ balance Behandlung Bewegungstherapie Entspannung Ergotherapie Gleichgewicht Gymnastik idiopathisch IPS Kunst Logopädie Morbus Parkinson Pflege Physiotherapie Psychotherapie Qigong rhythmisch Syndrom Tai Chi Tango Tanz Therapie Training

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Titel: Pflege bei Parkinson. Einsatz von Adjuvanten Therapien im Lagzeitpflegebereich