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Der Neo-Gramscianishe Ansatz in den Internationalen Beziehungen

Essay 2014 6 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

I. Einleitung

Antonio Gramsci war ein italienischer Schriftsteller, Politiker und marxistischer Philosoph des beginnenden 20. Jahrhunderts. Aus dem Gefängnis heraus schrieb er seine Ansätze zu Hegemonie, Staat und Gesellschaft nieder. Robert Cox hat diese Ende der 1970er Jahre aufgegriffen und für die Internationalen Beziehungen nutzbar gemacht. Die zentralen Elemente von Cox‘ Ansatz sollen hier nun erläutert werden, um schließlich anhand eines Beispiels der Frage nachzugehen, welche Vor- und Nachteile dieser Ansatz birgt.

II. Zentrale Elemente

In seinen einleitenden Gedanken zur Methode seines Ansatzes unterscheidet Cox zwischen „problemlösenden Theorien“ und „kritischen Theorien“. Wenn erstere dazu nutzen, Konflikten, die die bestehende Weltordnung gefährden, Lösungen zuzuordnen, die sogar Allgemeingültigkeit beanspruchen, dann suchen zweite nach Konflikten, die die Weltordnung transformierten oder das Potenzial dazu haben. Die einen beschränken sich auf ein Bezugssystem und scheinen ahistorisch. Die anderen stellen den Wandel von verschiedenen Bezugssystemen in ihren Mittelpunkt. Cox, der sich als kritischer Theoretiker einordnet, pickt sich aus den konkurrierenden Schulen des (Neo-)Realismus und des Marxismus die zu diesem Gerüst passenden Elemente heraus, um die Annahmen für seinen eigenen Ansatz zu formulieren. Diese Annahmen sind die folgenden: Das Bewusstsein, dass eine Handlung unfrei innerhalb eines Handlungsrahmens, den die kritische Theorie als Startpunkt nutzt, stattfindet. Das Bewusstsein, dass auch Theorien von jenem Handlungsrahmen beeinflusst werden und dass eine Theoriebildung unbeständig ist. Handlungsrahmen sind Veränderungen, dessen Verständnis das Hauptziel für kritische Theorien ist, ausgesetzt. Der Handlungsrahmen nimmt die Gestalt einer historischen Struktur an, die aus Denkstrukturen, materiellen Bedingungen und menschlichen Institutionen besteht und einen Handlungskontext aus Bräuchen, Spannungen, Erwartungen und Beschränkungen entstehen lässt. Diese Struktur muss aus einer äußeren Perspektive, die eine Veränderung des Handlungsrahmens nicht verneint, betrachtet werden.

Der Handlungsrahmen nimmt bei Cox die Gestalt einer Kräftekonfiguration an. Die wirkenden Kräfte werden in drei wechselseitigen Kategorien, auch Potenziale, eingeordnet: Ideen, materielle Möglichkeiten und Institutionen. Diese Potenziale stellt Cox als ein dialektisches Dreieck dar. Die Ausprägung der Konfiguration ist entscheidend dafür, ob und in welcher Art Hegemonie vorherrscht oder nicht. Daneben benutzt er eine solche Darstellung für die drei Ebenen, auf welche er die Methode der historischen Strukturen anwendet: Soziale Kräfte, Staatsformen und Weltordnungen. Die Ebenen beeinflussen sich gegenseitig. So kann beispielsweise eine Veränderung von sozialen Kräften die Staatsform verändern. Wenn dies ein Ausmaß annimmt, das viele Staaten inkludiert, färbt das auch auf die Weltordnung ab und vice versa. Bei der Anwendung dieser Methode geht es Cox im Übrigen nicht darum, die ganze Welt zu beschreiben. Er sagt vielmehr dass, „the historical structure does not represent the whole world but rather a particular sphere of human activity in its historically located totality”.[1]

Durch die Frage, warum in historischen Strukturen Stabilität herrschen kann, kommt Cox auf sein Konzept der Hegemonie. Er stellt in Anlehnung an den Neo-realistischen Ansatz fest: „Dominance by a powerful state may be a necessary but not a sufficient condition of hegemony.”[2] Vielmehr muss ein hegemonialer Staat in allen drei Elementen des ersten dialektischen Dreiecks bestimmend sein. Eine weitere Bedingung ist eine breite Akzeptanz anderer Teile der Weltordnung für die Ideen und Institutionen des Hegemons im Gegensatz zur reinen Durchsetzung von Interessen durch Macht und Gewalt. Die Beispiele der Pax Britannica und der Pax Americana sollen diese Aussage unterstützen. So stellt Cox eine historische Abfolge von Konfigurationen fest, die wechselnd eine hegemoniale Struktur stützen oder stürzen. Auf der Suche nach der Ursache für diese Veränderungen bewertet Cox den Einfluss der sozialen Kräfte, national wie transnational, dabei die Produktionsbeziehungen betonend, am höchsten.

Zusammenfassend geht Cox von einer historischen Abfolge von konsensual hegemonialen oder nicht-hegemonialen Weltordnungen, die durchaus durch Veränderungen von sozialen Kräften oder Staatsformen entstehen, aus. Sowohl Weltordnung als auch soziale Kräfte und Staatsform werden durch eine Mischung aus Ideen, materiellen Möglichkeiten und Institutionen konfiguriert. Die sozialen Kräfte, ob national oder transnational, sind für Cox hierbei der entscheidende Treiber für Veränderungen. Vor allem ist für Cox internationale Hegemonie nicht nur eine Struktur zwischen Staaten, sondern impliziert einen vorherrschenden Produktionsmodus, der alle Länder durchdringt, und internationale soziale Beziehungen, die soziale Klassen verschiedener Staaten verbinden.

III. Vor- und Nachteile

Anhand des Beispiels der EU-Osterweiterung von 2004, die von Dorothee Bohle untersucht wurde, sollen nun Vor- und Nachteile des Neo-Gramscianishen Ansatzes gegenüber gestellt werden. Bohle stellt fest, dass die osteuropäischen Länder, die 2004 Mitglieder der Europäischen Union wurden, ungleich behandelt wurden, indem bestimmte soziale und wirtschaftliche Rechte der EU nicht auf sie angewandt wurden. Sie wirft in diesem Zusammenhang die Fragen nach einer „second-class membership“[3] auf. Den Neo-Gramscianishen Untersuchen über die Europäische Integration folgend, bestätigt sie eine Veränderung der Hegemoniekonfiguration innerhalb der EU, so dass wir zum gewählten Zeitpunkt eine neoliberale Hegemonie beobachten können. Der Produktionsmodus hat sich vom Fordismus hin zu einem Modus, „centred on knowledge-based information and communication technologies“[4] gewandelt. Um internationale Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit von den USA zu erreichen, wurde ein „transnationally integrated European economic space“[5] installiert. Dazu entstanden diverse Verbindungen zwischen Akteuren des Kapitals, die dessen Transnationalität ermöglichten, wie dem European Round Table of Industrialists (ERT). Beschleunigt wurde dies durch die Passivität der nationalen Gewerkschaften. Außerdem wurde auf staatlich-politischer Ebene der frühere Keynesianismus durch den Neoliberalismus ersetzt, unterstützt durch Think Tanks und Experten. Die neoliberale Hegemonie drückt sich zwar nicht allgemein in Europa aus, weil es eine hörbare, wenn auch fragmentierte Opposition gibt. Dafür ist sie eindeutig in den wichtigen EU-Projekten. Die Wirtschafts- und Währungsunion, der Binnenmarkt und das Europäische Währungssystem seien als die wichtigsten genannt. Diese Projekte stehen für die neoliberale Prägung der Vertiefung der Beziehungen innerhalb der EU.

Die kritisch diskutierte Erweiterung der EU um die osteuropäischen Staaten wurde dafür genutzt, auch im Ausdehnungsprozess nach neoliberalen Interessen zu agieren. Schließlich wurden die Aufnahmen an tiefgehende und radikale Reformen nach neoliberalen Vorbild geknüpft und das, im Gegensatz zu früheren Fällen, noch vor der Mitgliedschaft. Im Ergebnis stellen diese Länder eine markt-radikalere Version der westeuropäischen Staaten mit eingeschränkten Rechten dar. Die Erklärung für diesen Zustand findet Bohle in der Bildung eines neuen transnationalen historischen Blocks des Kapitals. Das transnationale Kapital profitiert nämlich enorm von der Erschließung der neuen Märkte im Osten, die bereits nach und nach mit dem Kapital aus EU-Staaten verknüpft worden sind. Die vorsichtige Haltung sozial-demokratischer Einflüsse, auch von Gewerkschaften, hat dem Interesse des Kapitals, eine ungleiche Integration durchzuführen, Zuspruch erteilt. Auf der anderen Seite fand eine „passive Revolution“, während der Eliten die internationale Entwicklung nach innen spiegeln, in den Beitrittsländern statt, womit die hiesige Akzeptanz der Mitgliedschaft erreicht wurde.

Die Vorteile dieser Analyse betreffen vorranging die Schwächen der von anderen Theorien abhängigen Erklärungen. Zuerst findet eine Erweiterung der Akteursperspektive statt. Indem nicht nur Staat in das Blickfeld des Forschers gerät, können auch andere Akteure untersucht werden. Gerade das Phänomen der Ost-Erweiterung, das viele Fragen nach der Befriedigung von staatlichen Interesse auf beiden Seiten aufwirft, scheint von komplexeren Mechanismen beeinflusst zu sein. Das transnationale Kapital, dessen großer Einfluss selbst in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist ein plausibler Akteur. Dessen Interessen entsprechen auch der Rationalitätsannahme, die in diesem Fall bei einer rein staatlichen Einflussnahme zu hinterfragen wäre. Ebenso weist Bohle zu Recht darauf hin, dass bei einer so komplexen Entscheidung mit vielen Unsicherheiten eine Kosten-Nutzen-Analyse nicht praktikabel ist. Zuletzt wird der offensichtliche Unterschied zwischen verschiedenen Aufnahmewellen (vgl. die Aufnahmen 1995) durch den neo-gramscianishen Ansatz besser erklärt.

Die Analyse Bohles offenbart aber auch Schwächen, die als Nachteile des neo-gramscianishen Ansatzes interpretiert werden können. So ist die Rolle von transnationalen Akteuren schwer greif- und messbar. Auch wenn sich Interessen von diesen Akteuren mit den beobachteten Phänomenen decken, reicht dieses Argument nicht, um eine Kausalität aufzudecken. So überschätzt meiner Meinung nach Bohle den Einfluss des ERT auf die Ost-Erweiterung massiv. Außerdem werden gewisse kulturelle und ereignisgeschichtliche Aspekte zu wenig einbezogen. So werden das Trauma des Balkankonflikts, die deutsche Teilungserfahrung oder die langfristige kulturelle Einheit, die durch die eher kurze Periode des Eisernen Vorhangs gestört wurde, schlicht ignoriert.

IV. Schlussfolgerung

Robert Cox hat durch das Aufgreifen von Gramscis Ideen eine interessante Erweiterung der Theorien der Internationalen Beziehungen bewirkt. Die rege Nutzung des neo-gramscianischen Ansatzes zahlreicher Wissenschaftler bis heute ist ein Zeichen dafür, dass diese Theorie Gehalt und Bestand hat. Während der Fokus auf soziale Kräfte und die Symbiose aus Ideen, materiellen Kapazitäten und Institutionen es ermöglicht, unsere Perspektive kritisch zu erweitern, stößt auch dieses Konzept auf seine eigenen Probleme. Orthodoxe Marxisten halten es für zu wenig rigoros und Globalisierungstheoretiker bemängeln den überschätzten Einfluss von nationalen sozialen Kräften auf den weltweiten Prozess. Auch die tatsächliche Stärke des transnationalen Kapitals ist fraglich. Insbesondere wird aber offen gelassen, wie alternative Konzepte zum befundenen neoliberalen hegemonialen System aussehen könnten.

V. Literatur

- Bieler, Andreas/Morton, Adam David: Neo-Gramscianishe Perspektiven, in: Schieder, Siegfried/Spindler, Manuela (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, 3. Auflage, Opladen & Farmington Hills 2010, S. 371-398.
- Bohle, Dorothee: Neoliberal hegemony, transnational capital and the terms oft he EU’s eastward expansion, in: Capital & Class 88, 2006, S. 57-86.

[...]


[1] Cox (1981): 137.

[2] Cox (1981): 139.

[3] Bohle (2006): 58.

[4] Bohle (2006): 64.

[5] Bohle (2006): 64.

Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656711421
ISBN (Buch)
9783656712367
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278452
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
neo-gramscianishe ansatz internationalen beziehungen

Autor

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