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Charlotte, North Carolina. Von der Textilstadt zum Finanzzentrum.

Der Strukturwandel einer New South City unter Bezugnahme auf das Konzept der Pfadabhängigkeit

von Sander Kebnier (Autor)

Hausarbeit 2014 32 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Pfadabhängigkeit
2.1 Zur Konzeption und Definition der Pfadabhängigkeit
2.2 Das Konzept der Pfadabhängigkeit in der Geographie
2.3 Drei Modelle der pfadabhängigen Entwicklung

3. Der Strukturwandel der Stadt Charlotte aus historisch-geographischer Perspektive
3.1 Erste Phase (1753-1880): Von der Gründung zum Agrar- und Handelszentrum
3.2 Zweite Phase (1880-1930): New South Era
3.3 Dritte Phase (1930-1983): Modern Business Era

4. Konklusion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kartenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„The South is moving forward. Charlotte is leading the way“ (Charlotte Chamber of Commerce 1948; zitiert nach LASSITER 2010, S. 28). Wie das vorausgehende Zitat der Handelskammer von Charlotte zeigt, war die aufstrebende Rolle der Stadt im Bundestaat North Carolina, im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika bereits seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ersicht- lich und in der Tat entwickelte sich Charlotte innerhalb von weniger als vier Jahrzehnten von einem regionalen Nebenschauplatz zu einer global aufsteigenden, aber gleichsam typischen Southern City. Einst das Zentrum der Baumwoll- und Textilproduktion, transformierte sich Charlotte zu einem der führenden Standorte für das Banken- und Finanzwesen der Vereinigten Staaten und hat gleichsam beachtliche Anbindungen an den globalen Markt generiert (vgl. SMITH; GRAVES 2010, S. 1). Demgemäß ist die Entwicklung der Stadt Charlotte ein Prä- zedenzfall des Strukturwandels des Südens, welcher bis vor wenigen Jahrzehnten die am we- nigsten urbanisierte Region der USA war (vgl. HANCHETT 1985, Kap. 1). Heute zählt Charlotte und die gesamte Region zu Städten wie Atlanta, Georgia; Columbus, Ohio oder Rochester, New York, in denen ein innovatives und offensives Management dazu geführt hat, dass auf dem nationalen und globalen Markt profilierte Nischen geschlagen wurden (vgl. KNOX 2000, S. 66). Somit ist es den diversen Führungspersönlichkeiten in der Historie der Stadtgeschichte zuzu- schreiben, dass trotz der ungünstigen Ausgangslage, auf die im Folgenden noch genauer einzu- gehen ist, die Realisierung einer globalen Anbindung und sonach Zukunft ermöglicht wurde und in den nächsten Jahrzehnten weiter gefestigt bzw. ausgebaut werden wird (vgl. SMITH; GRAVES 2010, S. 1f.). „Charlotte, North Carolina, is […] a globalizing [city]“ (ebd., S. 1).

Die folgende Arbeit soll sonach jenen Strukturwandel, jene wirtschaftsgeographische und his- torische Entwicklung Charlottes, welche die agrarwirtschaftlichen Anfänge über die Textilre- gion bis zu der Finanzstadt umfasst, zum Thema haben. Diese Entwicklungen und Veränderun- gen der einst ländlichen, bald städtischen Siedlung, der Infrastruktur, des Industrie- und Dienst- leistungsgewerbes, aber auch der politischen Situationen und Ereignisse können in den Rahmen der Historischen Geographie (vgl. DIX; SCHENK 2011, S. 1073), auch wenn diese nur schwer- lich trennscharf zu definieren ist (vgl. BRANDT 2012, S. 22f.), und in jenen der Wirtschaftswis- senschaften bzw. der Wirtschaftsgeographie eingeordnet werden. Ebendaher soll eingangs be- sonders das Konzept der sogenannten Pfadabhängigkeit untersucht und folglich die Entwick- lung Charlottes im Hinblick auf jene genauer betrachtet werden. Somit stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise ein Strukturwandel in Charlotte stattgefunden hat. Auf welche Ursachen ist jene besondere Entwicklung der Stadt zurückzuführen und welche Akteure bzw. Entwick- lungen und Ereignisse spielten eine entscheidende Rolle in jenen Prozessen?

2. Das Konzept der Pfadabhängigkeit

Das Konzept der path dependence, welches im folgenden Kapitel näher erläutert werden soll, hat innerhalb der letzten zwanzig Jahre in den diversen Teildisziplinen der Wirtschaftswissen- schaften immer weiter an Bedeutung gewonnen. Des Weiteren spielt jener Terminus, wie sich zeigen wird, in der wissenschaftlichen Forschung eine nicht zu unterschätzende interdiszipli- näre Rolle (vgl. MARTIN 2006, S. 47). Ebendaher ist jenes Konzept besonders geeignet, um die Entwicklung der Stadt Charlotte im dritten Kapitel genauer zu ergründen. Sonach gilt es zuerst die Grundidee, die Konzeption des Begriffs zu klären und dabei die Problematik seiner Ver- wendung, einer einheitlichen Definition zu spezifizieren, um anschließend etwaige Modellmög- lichkeiten vorzustellen, die sich gleichsam nicht alle auf Charlotte übertragen lassen werden.

2.1 Zur Konzeption und Definition der Pfadabhängigkeit

Trotz oder gerade aufgrund der weiten, gar interdisziplinären Verbreitung des Begriffes »Pfadabhängigkeit« wird ebenjener nur sporadisch, wenig exakt zu definieren gepflegt. Oftma- lig werden die Eigenschaften eines pfadabhängigen Prozesses äußerst disputabel beschrieben, wobei mehrheitlich unklar bleibt, ob es sich tatsächlich um etwaige Definitionskriterien oder um die Wirkungen, Resultate bzw. Implikationen handelt, die mit der Pfadabhängigkeit in di- rekter Verbindung stehen (vgl. ACKERMANN 2001, S. 9). Somit ist es nicht selten der Fall, dass, anstatt eine tatsächliche Definition von Pfadabhängigkeit anzuführen, eine Darlegung folgt, welche Konsequenzen jene zur Folge hat (vgl. DAVID 1997, S. 15). Ebendeshalb stellt sich die Frage, ob und wie das Konzept der Pfadabhängigkeit grundsätzlich zu definiert ist.

Maßgebend muss festgehalten werden, dass der Geschichte in sozialwissenschaftlichen Analy- sen und somit auch im Fall der Pfadabhängigkeit eine besondere Relevanz zugestanden wird. Den politischen und auch wirtschaftlichen Geschehnissen liegt zwangläufig ein historischer Kontext zugrunde, der mehr oder minder ausgeprägt auf diverse Entscheidungen und Ereignisse einwirkt. Gleichsam prägt jene Geschichte die Akteure, die aus ihr lernen und zukünftige Be- schlussfassungen auf jene Erfahrungen zurückführen (vgl. STEINMO 2008, S. 127f.). Somit wurde das Konzept der Pfadabhängigkeit, welches im Folgenden genauer expliziert werden soll, vor allem durch die wirtschaftshistorischen Forschungen von PAUL A. DAVID und W. BRIAN ARTHUR geprägt. Die sogenannten positive feedbacks, welche jedoch nicht normativ zu verstehen sind, sondern lediglich besagen, dass die Zunahme/Abnahme einer bestimmten Variablen zu deren weiteren Zunahme/Abnahme führt, zählen dabei zu den wichtigsten Mecha- nismen des Konzeptes der Pfadabhängigkeit (vgl. BABAJEW 2009, S. 44f.). Eine Möglichkeit, um dieses Rückkopplungskonzept zu veranschaulichen, bietet das Polya-Urnen-Modell, auf welches ebenfalls ARTHUR et al. (1994, S. 36ff.) zurückgreifen: In einer Urne befinden sich zwei verschiedenfarbige Kugeln in den Farben weiß und rot. Wird nun blind in die Urne hin- eingegriffen und eine Kugel herausgezogen, so beträgt die Wahrscheinlichkeit für die Ziehung einer der beiden Farben genau 0,5. Von der nun gezogenen Farbe wird nicht nur die soeben herausgenommene, sondern ebenfalls eine weitere, gleichfarbige Kugel zurückgelegt. Wurde somit anfänglich eine weiße Kugel gezogen, so beträgt die Wahrscheinlichkeit für die erneute Ziehung einer weißen Kugel im zweiten Durchgang 0,¯ (vgl. ACKERMANN 2001, S. 11). Dieser Standard-Polya-Prozess ist somit pfadabhängig, da die Wahrscheinlichkeit, eine Kugel mit ei- ner gewissen Farbe zu ziehen, mit der Anzahl der Kugeln jener Farbe in der Urne kohäriert (Abb. 1). Steigt demnach der Anteil der Kugeln einer bestimmten Farbe, so erhöht sich im Umkehrschluss ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass diese Farbe im nächsten Durchgang er- neut gezogen wird (vgl. WETZEL 2005, S. 7). Es liegen somit positive Rückkopplungen bzw. selbstverstärkende Effekte vor (vgl. ARTHUR 1994, S. 112). Den Ziehungen bzw. Ereignissen zu Beginn des Experiments kommt sonach eine besondere Relevanz zu, da die Anzahl der Ku- geln noch relativ gering ist und das Ziehen bzw. Hinzufügen von Kugeln einer bestimmten Farbe auf den späteren Verlauf signifikante Auswirkungen hat. Der Anteil einer Farbe in der Urne kann somit anfänglich noch entscheidend beeinflusst werden, während mit der Zeit die Gesamtzahl der Kugeln zunimmt und somit etwaige »Störungen« zu vernachlässigen sind (vgl. ACKERMANN 2001, S. 12). ARTHUR et al. (1994, S. 40ff.) nehmen dabei eine Verallgemeinerung des Gedankenganges vor, stellen dabei den nicht-linearen Polya-Prozess (Abb. 1) auf, und zei- gen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine weiße bzw. rote Kugel hinzugefügt wird, nicht kon- gruent zu dem Anteil der Farbe in der Urne sein muss (vgl. WETZEL 2005, S. 7). Während bei dem Standard-Polya-Prozess die Funktion durch die Winkelsymmetrale ausgedrückt wird, der Prozess bewegt und »pendelt« sich demnach auf jener Geraden ein, ein Gleichgewicht entsteht, so zeigt der nicht-lineare Polya- Prozess eine zu erwartende Bewegungsrich- tung an. Demnach gibt es nur zwei stabile

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.: Standard-Polya-Prozess und nicht-linearer Polya- S. 12ff.). Auf ein weiteres Modell, welches Prozess (nach ARTHUR et al. 1994, S. 39ff.).

von PAUL A. DAVID (1993, S. 212ff.) zu der Erklärung der Pfadabhängigkeit herangezogen wird und welches im Gegensatz zum Urnen-Modell Rückkopplungseffekte lokaler Natur impliziert, soll an dieser Stelle, um nicht zu weit von der zentralen Thematik abzuweichen, verzichtet werden. Von weitaus größerer Bedeutung sind in diesem Fall die vier Eigenschaften positiver Rückkopplungsprozesse, welche ARTHUR (1994, S. 112f.) wie folgt definiert:

1. Multiple Gleichgewichte: Es ist nicht vorherzusagen, welches der potentiellen Ergebnisse eintreten wird, da die (zufälligen) Ereignisse zu Beginn des Prozesses einen großen Ein- fluss darauf haben, welches Ergebnis endgültig eintritt.
2. Eventuelle Pfadineffizienz: Über längere Zeiträume hinweg kann ein gewählter, zweifels- ohne chancenreicher Pfad durchaus kleinere Erträge erzielen, als eine der nicht eingeschla- genen Alternativen erwirtschaftet hätte.
3. lock-in: Ein einmal eingeschlagener Bewegungspfad »verhärtet« sich mit der Zeit und ist sonach nur äußerst schwer zu verlassen bzw. zu revidieren. Andere, gar erfolgversprechen- dere Alternativen werden ausgeschlossen (lock-out).
4. Pfadabhängigkeit: Die frühe Verteilung der Marktanteile kann bestimmen, welches Ergeb- nis endgültig erzielt wird. Gleichsam weisen diese Marktanteile eine nicht-ergodische Dy- namik auf.

Insbesondere jene »Nonergodizität« ist als entscheidendes Definitionsmerkmal pfadabhängiger Prozesse zu benennen (vgl. BABAJEW 2009, S. 46). Diese Systeme und Prozesse sind demnach nicht in der Lage, sich von ihrer jeweiligen Geschichte unabhängig zu machen (vgl. MARTIN 2006, S. 50 und HIRSCH; GILLESPIE 2001, S. 71f.). Ein Beispiel für diese »Nonergodizität« und gleichsam positiven Rückkopplungen ist die QWERTY-Tastatur. Aufgrund jener Rückkopp- lungen wurde die QWERTY zum Standard und die Nutzer sind bis heute, obwohl es durchaus effizientere Alternativen geben mag, in diesem Entwicklungspfad eingeschlossen. Somit blieb diese Tastaturbelegung für Schreibmaschinen, welche ursprünglich dazu diente, ein Aneinan- derschlagen und Verklemmen der Hebel bei schneller Schreibgeschwindigkeit zu verhindern, bis heute erhalten (vgl. DAVID 1985, S. 333). Das allgemeine Verständnis der Pfadabhängigkeit kann somit auf die Logik der »history matters«-Annahme zurückgeführt werden (vgl. SYDOW; LERCH 2007, S. 200 und DAVID 1994, S. 208). Eine zu starke Verallgemeinerung kann jedoch zum »concept stretching« führen, vor welchem bereits an obiger Stelle gewarnt wurde (vgl. PIERCE 2004, S. 21). Nichtsdestominder bleibt einerseits festzuhalten, dass das Konzept der Pfadabhängigkeit eine Abkehr von der konventionellen Wirtschaftstheorie darstellt, welche davon ausgeht, dass eine Wirtschaft zu einem Gleichgewicht, eine Situation in welcher für alle Akteure der bestmögliche Zustand erreicht wurde (vgl. KEMPSKI 2013, S. 15), tendiert, unab- hängig davon, wie genau die Entwicklung eigentlich begonnen hat, welcher Pfad eingeschlagen wurde. Im Fall der Pfadabhängigkeit ist das System einerseits mitnichten ahistorisch zu verstehen (vgl. MARTIN 2006, S. 52f.) und andererseits darf die Pfadabhängigkeit nicht als historischer Determinismus, sondern muss als probabilistischer bzw. kontingenter Prozess (Abb. 2) verstanden werden, da sich die Gesamtheit der Gegenwert keinesfalls aus der Gesamtheit der Vergangenheit ableiten lässt (vgl. ebd., S. 55f.).

2.2 Das Konzept der Pfadabhängigkeit in der Geographie

Das Konzept der Pfadabhängigkeit findet heute Anwendung in der Politikwissenschaft, Ge- schichte, Soziologie, Anthropologie, in den Wirtschaftswissenschaften und in der Manage- mentforschung (vgl. HIRSCH; GILLESPIE 2001). Vor allem die Geographen haben die Idee der Pfadabhängigkeit in ihre Diskussionen übernommen. Die Pfadabhängigkeit ordnet sich sonach in die relationalen, institutionel- len und evolutionären Ansätze der Wirtschaftsgeographie ein und repräsentiert eines der zent- ralen Elemente der ökonomi- schen Landschaft (vgl. MARTIN 2006, S. 48f.). Nichtsdestomin- der haben Geographen bereits seit langem die Bedeutung des Raumes und seiner Geschichte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.: Illustration der Pfadabhängigkeit (nach MARTIN 2004, S. 55).

für die wirtschaftlichen Entwicklungen erkannt und zu untersuchen gepflegt. Die Standorte und die Verteilung der wirtschaftlichen Tätigkeiten stand demnach schon lange Zeit im Mittelpunkt der Wirtschaftsgeographie. Dabei betont die geographische Perspektive der Pfadabhängigkeit besonders die bedeutsame »Ortsabhängigkeit« (place dependence) für wirtschaftliche Entwick- lungen und Prozesse. Die Pfadabhängigkeit weist somit einen eindeutig ortsabhängigen Cha- rakter auf (vgl. ebd., S. 58ff.). „Sie produziert nicht nur Geographie, sondern Geographie pro- duziert auch Pfadabhängigkeit“ (ebd., S. 60). Die Geographie nutzt dabei das Konzept der Pfadabhängigkeit in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird die Entwicklung einer etwaigen In- dustrie, Technologie oder Institution an einem bestimmten Standort (Stadt, Region) und zum anderen über diese lokalen Standorte hinaus zu untersuchen gedacht. Dabei spielen vor allem die Stimuli, die als Auslöser für die Entwicklungen betrachtet werden können, und die selbst- verstärkenden Mechanismen eine entscheidende Rolle (vgl. MARTIN; SUNLEY 2010, S. 65).

Während somit die Ausgangsorte der Entwicklungen oftmals zufällig sind, so haben doch die folgenden lokalen Effekte einen ortsspezifischen Charakter. Dabei spielen besonders Wert- schöpfungsbeziehungen, (soziale) Infrastrukturen, politische Systeme und ökonomische Ver- netzungen eine relevante Rolle (Verflechtungen). Dennoch ereignen sich diese pfadabhängigen Prozesse nicht nur auf lokaler, sondern gleichsam auf diversen übergreifenden Maßstabsebe- nen. Somit neigen diese geographischen Strukturen oftmals dazu, sich über die Dauer zu repro- duzieren und zu verfestigen. Bestehende räumliche Strukturen haben folglich eine entschei- dende Auswirkung auf neu entstehende Strukturen (vgl. MARTIN 2006, S. 61ff.).

2.3 Drei Modelle der pfadabhängigen Entwicklung

In die Ökonomie findet häufig das Gleichgewicht und nicht die Geschichte als ein zentrales Konzept Eingang. Im Gegensatz zum Modell des wirtschaftlichen Gleichgewichts, auf welches an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll, spielen bei jenem Konzept der Pfadab- hängigkeit diverse Ereignisse in der Geschichte eine entscheidende Rolle. In jenen Modellen basiert die aktuelle Lage der Wirtschaft darauf, wo sie herkommt und wie sie dort hingekom- men ist. Der pfadabhängige Prozess weist dabei aus methodischer Sicht multiple Gleichge- wichte auf und unterscheidet sich sonach von der traditionellen Auffassung der Wirtschaftsthe- orie (vgl. MARTIN; SUNLEY 2010, S. 67ff.). Gleichsam lassen sich drei Entwicklungskonzepti- onen der Pfadabhängigkeit (Abb. 3) herausstellen, von welchen besonders das Letztere auf die folgende Untersuchung der Entwicklung Charlottes zu übertragen ist (vgl. ebd., S. 73ff.):

1. David-type Model of path-dependend Evolution: Die folgende Konzeption ist die wohl am stärksten restriktive. Jene definiert Pfadabhängigkeit im Hinblick auf eine historisch defi- nierte, gleichsam bedingte Auswahl von einem aus einer Vielzahl an möglichen stabilen Gleichgewichtsergebnissen. Folglich kommt es zum lock-in, aus welchem Gleichgewichts- zustand sich nur mittels eines externen Schocks gelöst werden kann.
2. Setterfield-type Model of path-dependend Evolution: Jenes Modell beschreibt einen Pro- zess der Pfadabhängigkeit, bei welchem ein »temporäres Gleichgewicht« erreicht wird. Von diesem Gleichgewichtszustand wird sich anschließend durch diverse endogene Erneu- erungsprozesse gelöst. Demnach werden wirtschaftliche Akteure angeregt, präventive Un- terbrechungen zu explorieren und anschließend ein neues Gleichgewicht zu generieren. Somit ist die Pfadabhängigkeit in diesem Schema eine Aufeinanderfolge diverser »tempo- rärer Gleichgewichte«.
3. Open, non-equilibrium-type Model of path-dependend Evolution: Das letzte Modell befreit das Konzept der Pfadabhängigkeit von jeglicher Verbindung zum Gleichgewicht. Die Pfadabhängigkeit ist dem- nach ein offener histori- scher Prozess, bei welchem sich Industrien, Technolo- gien und Institutionen ent- lang diverser, sich entfal- tender Trajektorien entwi- ckeln. Diese »Entwick- lungsbahnen« sind dabei

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Abb. 3.: Drei Modelle der pfadabhängigen Entwicklung (nach MARTIN; SUNLEY 2010, S. 73ff.).

nicht nur durch die Abfolge vorausgehender Entwicklungen und durch die Einflüsse frühe- rer Ereignisse, sondern ebenfalls durch die Entwicklung der Prozesse bzw. Mechanismen der Pfadabhängigkeit selbst geprägt. Sonach sind ebenfalls Wechselwirkungen zwischen den sich entwickelnden Technologien, Industrien, Institutionen und den diversen Pfadab- hängigkeitsprozessen (network externalities, learning) für die Ausformung jener verant- wortlich. Ein solches System erreicht demnach nie eine Form des Gleichgewichts, sondern erlaubt mehrere mögliche, koexistierende Entwicklungswege. Dieses Schema ermöglicht ebenfalls, über einen gewissen Zeitraum hinweg, die Anpassung und Veränderung einer Technologie, Industrie oder Institution. Ein gewählter Pfad muss sonach nicht unaus- weichlich seinen Verfall zur Folge haben (Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4.: Niedergang und Erneuerung eines Entwicklungspfades (nach MARTIN; SUNLEY 2010, S. 20. aus der veränderten und um Grafiken erweiterten Internetfassung).

Wie das vorherige, dritte Modell gezeigt hat, beinhaltet eine offene, non-equilibrium Interpre- tation des Modells der Pfadabhängigkeit, dass, ausgelöst durch die Dynamik der Entwicklungs- bahnen, Adaptionen und Startpunkte neuer Pfade entstehen können (vgl. Martin; Sunley 2010, S. 75). Übernehmen dabei in einer Region spezifische Industrien eine dominante Rolle, so prägen diese in höchstem Maße den Entwicklungspfad der Wirtschaft des jeweiligen Untersuchungsraumes (vgl. ebd., S. 78). Genau jener Fall wird im folgenden Beispiel anhand der Entwicklung der Stadt Charlotte expliziert werden.

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656715184
Dateigröße
4.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278755
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Geographie
Note
1,0
Schlagworte
charlotte north carolina textilstadt finanzzentrum strukturwandel south city bezugnahme konzept pfadabhängigkeit

Autor

  • Sander Kebnier (Autor)

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