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Das Persönliche Budget. Erarbeitung eines Fortbildungskonzeptes für Menschen mit geistiger Behinderung

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paradigmenwechsel: Von der Verwahrung zur Selbstbestimmung

3. Die Leitidee der Selbstbestimmung

4. Das Konzept „Persönliches Budget“
4.1 Grundlagen
4.2 Idealtypisches Modell der Umsetzung
4.3 Vor- und Nachteile aus Nutzersicht

5. Fortbildungskonzept
5.1 Einführung und Aufgabenstellung
5.2 Organisation
5.3 Ablauf
5.4 Werbeplakat

6. Diskussion und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das deutsche Rehabilitationssystem befindet sich in einem gewaltigen Umbruch. Nicht mehr das „behandlungsbedürftige(…) Mängelwesen“ (Baur 2004, S.130), das in aussondernden Masseninstitutionen verwahrt und versorgt wird, steht im Vorder-grund, sondern eine ressourcenorientierte Perspektive mit dem Ziel der weitest-möglichen Partizipation an der Gesellschaft ist handlungsleitend geworden. Schlagwörter wie Normalisierung und Integration, Lebensqualität und Inklusion bestimmen die Fachdiskussionen.

Ausgehend von diesem Paradigmenwechsel und der Leitidee der Selbstbestimmung, werden Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Bürger betrachtet, denen genau die Unterstützung zusteht, die sie benötigen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dieses sich auch international wandelnde Verständnis von Behin-derung führte zur Entwicklung des Konzeptes eines „Persönlichen Budgets“, mit dem Menschen mit Behinderung ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechende Unter-stützungsleistungen selbst erwerben können.

Seit Einführung des SGB IX im Jahr 2001 gibt es auch in Deutschland die Möglich-keit, statt der Sachleistung diese Geldleistung zu wählen. Damit wird neben der Ver-wirklichung von Selbstbestimmung auch eine mögliche Kostendämpfung im Bereich sozialer Dienstleistungen als zentrales Ziel verfolgt.

Dieses Konzept soll in der vorliegenden Arbeit näher beschrieben werden.

Dabei wird zunächst versucht, den oben beschriebenen Paradigmenwechsel und die Leitidee der Selbstbestimmung, die den theoretischen Hintergrund des Persönlichen Budgets bilden, ausführlicher darzustellen. Anschließend sollen das neue Modell der direkten Geldleistungen für Menschen mit Behinderungen in seinen Grundzügen vor-gestellt und die Bedeutung dieser Veränderungen für Betroffene thematisiert werden.

Da das Modell des Persönlichen Budgets unbedingt auch als Bildungsaufgabe für Betroffene zu verstehen ist, steht im Zentrum dieser Arbeit die Erarbeitung eines ent-sprechenden Fortbildungskonzeptes. Organisation, Ablauf und ein Entwurf eines möglichen Werbeplakates werden vorgestellt.

Im abschließenden Teil der Arbeit wird dann der aktuelle Stand der Umsetzung des Modells in Deutschland noch einmal diskutiert und weitere Herausforderungen und Handlungsfelder für die Zukunft werden aufgezeigt.

2. Paradigmenwechsel: Von der Verwahrung zur Selbstbestimmung

In den letzten Jahrzehnten lässt sich im Fachbereich der Heilpädagogik ein fort-schreitender Paradigmenwechsel beobachten, der die theoretische Grundlegung für das Konzept des Persönlichen Budgets darstellt. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen hat sich von der Idee der reinen Verwahrung, über die Förderung bis zur Forderung nach Selbstbestimmung konsequent weiterentwickelt. Um zu ver-stehen, dass diese Entwicklung keine vorübergehende Erscheinung, sondern das Ergebnis einer inneren Logik in diesem Prozess ist, ist ein kurzer Überblick über die Geschichte der Behindertenhilfe sinnvoll.

Den Ausgangspunkt dieser Überlegungen bildet das Ende des 2. Weltkrieges 1945. Nachdem in der Zeit des Nationalsozialismus auf Basis des Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 und des Euthanasie-Programms tausende Menschen zwangssterilisiert und getötet worden waren, stand in der Nachkriegszeit zunächst das Konzept der reinen Verwahrung von Menschen mit Behinderungen in Kliniken und Anstalten im Vordergrund (vgl. Hähner 1998, S.25f.). Geistig behinderte Menschen wurden zum Großteil in psychiatrischen Kliniken untergebracht und rein pflegerisch als „Patienten“ versorgt. Eine andere Möglichkeit des Umgangs mit behinderten Menschen schien undenkbar. Hinter dieser Einstellung verbirgt sich der Gedanke einer Behinderung als ein „als unveränderbar angesehene(r) fest-stehende(r) Defekt“ (ebd. S.26), der ein selbstbestimmtes Leben nahezu unmöglich macht.

Erst ab den 60er Jahren wurde dieses Vorgehen zunehmend kritisiert und neue Prinzipien im Umgang mit behinderten Menschen entwickelten sich. Auf der Grund-lage vieler neuer Gesetze, z.B. des Bundessozialhilfegesetzes von 1961, wurden immer mehr Elterninitiativen, Fördereinrichtungen und auch Sonderschulen ge-gründet und das öffentliche Interesse an der Behindertenhilfe nahm stetig zu (vgl. ebd., S.29). Wie Hähner schreibt, entstand in dieser Zeit ein ganz neuer Gedanke zum Umgang mit behinderten Menschen; sie „wurden nicht mehr verwahrt und gepflegt, man begann sie zu behandeln, zu fördern.“ (ebd. S.30).

Durch die Gründung von zahlreichen Sondereinrichtungen für behinderte Menschen, in denen die Förderung ausschließlich durch spezielle Fachleute erfolgte, wurde jedoch auch eine Tendenz zur Isolierung und zur Ausgrenzung aus den Regel-einrichtungen gefestigt (vgl. ebd., S.29ff.). Seit den 80er Jahren wurde daher zunehmend Kritik an diesen Sondereinrichtungen laut und ein erneutes Umdenken hin zu einer individualisierten Sicht von Behinderung wurde offenbar. Deutlich wird dies beispielsweise im Bereich der Frühförderung, in dem sich eine Wende von expertengeprägten und defizitorientierten Therapiekonzepten mit den Eltern als Ko-Therapeuten, hin zu einer stärker kooperativen Zusammenarbeit zeigte (vgl. ebd., S.36f.). Auch im Bereich des Wohnens fand eine zunehmende Dezentralisierung statt, im Zuge derer große Wohnheime durch ein differenziertes System kleinerer Einrichtungen und betreuter Wohnmöglichkeiten ersetzt wurden (vgl. ebd., S.42).

Insgesamt gesehen fand also in allen Bereichen eine Weiterentwicklung von der reinen Verwahrung in Massenanstalten, über die Förderung in Sondereinrichtungen bis hin zur Forderung nach individualisierten, offenen Hilfen statt.

Diese organisatorischen Veränderungen sind Ausdruck eines Wandels der zugrunde liegenden Leitideen für die Arbeit mit behinderten Menschen. Das Normalisierungs-prinzip, von Bank-Mikkelsen als „Gesamtheit der Mittel, durch die ein geistig Behinderter dahin gelangt, ein Leben zu führen, das dem normalen so nahe wie möglich kommt“ (zit. n. Hähner 1998, S.33) definiert, hielt Einzug in die Behinderten-hilfe, ebenso wie die Idee der Selbstbestimmung.

3. Die Leitidee der Selbstbestimmung

Ende der 60er Jahre entstand in den USA die so genannte „Independent-Living-Bewegung“, ein Zusammenschluss behinderter Menschen, die Gleichberechtigung ohne Diskriminierungen oder Benachteiligungen auf Grund von Behinderungen forderten. Diese Bewegung war u.a. Anstoß für die Entstehung weiterer Gruppierungen im internationalen Raum, wie beispielsweise der „People-First-Bewegung“ in Kanada oder der „Krüppelbewegung“ in Deutschland. Sie alle ver-traten als Grundforderung das Konzept der Selbstbestimmung.

Die Forderung nach Selbstbestimmung drückt den Wunsch behinderter Menschen aus, individuelle Entscheidungen treffen und damit persönliche Vorstellungen und Ziele verwirklichen zu können (vgl. Wacker/Wansing/Schäfers 2005, S. 17). Dieser Wunsch, der der Kritik an der Unterbringung in zentralen Einrichtungen entsprang, bezieht sich sowohl auf kleine Entscheidungen des alltäglichen Lebens, wie bei-spielsweise Fragen des Essens oder der Kleidung, als auch auf größere Entschei-dungen im Lebenslauf wie das Wohnen oder die Berufswahl. Es geht also um das Recht, „das eigene Leben entsprechend den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten“ (Hähner 1998, S.35).

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Selbstbestimmung als relativer Begriff zu verstehen ist und nicht mit Selbstständigkeit verwechselt werden darf. Während sich Selbst-ständigkeit auf Handlungsautonomie bezieht, meint Selbstbestimmung demgegen-über eher eine Entscheidungsautonomie, d.h. Selbstbestimmung ist auch ohne Selbstständigkeit möglich (vgl. Wacker/Wansing/Schäfers 2005, S.18). Demzufolge verfolgen Vertreter des Selbstbestimmungs-Gedankens nicht das Ziel der vollkomm-enen Unabhängigkeit von Hilfen und lehnen professionelle Unterstützung nicht grundsätzlich ab. Sie fordern dagegen die Möglichkeit ein, über deren Umfang und Ausgestaltung weitestgehend selbst zu entscheiden (vgl. ebd.).

Dazu gehören Aspekte wie das Anbieten von Wahlmöglichkeiten, Mitspracherechte, partnerschaftliche Kommunikation etc., also Themen, die eng mit den Begriffen Assistenz, Empowerment, Regiekompetenz u.ä. zusammenhängen (vgl. Niehoff 1998, S.53ff.). Wacker/Wansing/Schäfers (S.18) betonen, dass diese Konzepte jedoch nicht nur Freiheiten mit sich bringen, sondern auch Eigenverantwortung, Risiken und Verpflichtungen einschließen.

Grenzen der Selbstbestimmung ergeben sich zum einen aus institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen, die die Berücksichtigung der Interessen anderer Personen erforderlich machen und bestimmen, ob einzelne Wünsche realisierbar sind oder nicht; zum anderen entstehen Grenzen natürlich in dem Moment, in dem eine Selbst- oder Fremdgefährdung droht. In diesem Fall müssen Betreuer auch gegen den Willen der Betroffenen eingreifen (vgl. Niehoff-Dittmann 1997, S.59).

Die Realisierung von Selbstbestimmung hängt in hohem Maße sowohl von den Chancen zur politischen, kulturellen und sozialen Teilhabe an der Gesellschaft, als auch von den materiellen Teilhabe-Möglichkeiten ab (vgl. Wacker/Wansing/Schäfers 2005, S.21). In diesem Sinne kann das Konzept des Persönlichen Budgets, das im Folgenden vorgestellt wird, als eine Möglichkeit zur Verwirklichung von Selbst-bestimmung gesehen werden.

4. Das Konzept „Persönliches Budget“

4.1 Grundlagen

Vor dem Hintergrund des beschriebenen Paradigmenwechsels in der Heilpädagogik und der verstärkten Betonung von Aspekten wie Ressourcenorientierung, Partizi-pation und Selbstbestimmung, ist auch ein Umdenken in der Versorgungsstruktur für Menschen mit Behinderungen notwendig geworden. Entsprechend den aktuellen Leitideen sind hier eine bessere individuelle Passgenauigkeit, eine höhere Wirksam-keit und die selbstbestimmte Organisation der Unterstützungsmaßnahmen hand-lungsleitende Ziele. Eine Möglichkeit zur Umsetzung dieser Vorstellungen bietet das Konzept des Persönlichen Budgets.

Folgt man den Forderungen nach Partizipation und Selbstbestimmung, so ist es vor-dringliche Aufgabe, zunächst mehr Wahlmöglichkeiten und Mitbestimmungschancen zu schaffen (vgl. Wacker/Wansing/Schäfers 2005, S.26f.). In der bisherigen Organi-sationsstruktur sozialer Dienstleistungen liegt die Verantwortung für Art und Umfang der Leistungen bei den jeweiligen Leistungsträgern, bzw. sie werden zwischen Leistungsträger und Leistungsanbieter vereinbart. Der Leistungsempfänger nimmt dann diese vorab definierten Angebote in Anspruch. Die Organisationsstruktur entspricht dem traditionellen Leistungsdreieck (Abb.1) aus Leistungsträger, Leistungsanbieter und Leistungsempfänger, wobei dieser eine rein passive Rolle einnimmt (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: traditionelles Leistungsdreieck Abb.2: Leistungsbeziehungen mit

(Abbildungen: vgl. ebd., S.27f.) Persönlichem Budget

Ein Persönliches Budget dagegen bedeutet den Wechsel von der traditionellen Sach-leistung zur Geldleistung, d.h. Menschen mit Behinderung erhalten nun nicht mehr direkt Unterstützungsleistungen, sondern sie bekommen einen bestimmten Geld-betrag zur Verfügung gestellt, mit dem sie die notwendigen Hilfemaßnahmen selbst einkaufen können. Dieser Geldbetrag soll in der Höhe genau so bemessen sein, dass der individuell berechnete Hilfebedarf gedeckt werden kann (vgl. ebd., S.32). Dadurch werden die Strukturen des traditionellen Leistungsdreiecks zugunsten des behinderten Menschen verschoben (Abb.2): er gelangt in den „Kernbereich des Hilfe-geschehens“ (ebd., S. 27), seine reine Empfängerrolle löst sich auf, ebenso die enge Beziehung zwischen Leistungsträger und Leistungsanbieter. Stattdessen befindet sich der Budgetnehmer in einer erheblich gestärkten Kundenposition, da er nun über die finanziellen Mittel verfügt, die Leistungen direkt einzukaufen. Die ausgezahlte Geldsumme versteht sich dabei als ein Budgetbetrag, d.h. sie überlässt dem Empfänger einen großen Entscheidungsspielraum bei der Nutzung. Er kann über Art, Zeitraum und Umfang der Hilfen selbst entscheiden, indem er nach persönlichen und wirtschaftlichen Aspekten abwägt, welchen Hilfeanbieter er auswählt. Damit nimmt er eine „arbeitgeberähnliche Position“ (Baur 2004, S.132) ein und wird zum „zahlende(n) Kunden“ (ebd.). Er kann trägerübergreifend „pflegerische, medizinische, arbeitsrehabilitative und soziale Leistungen“ (ebd.) als Sach- oder Geldleistungen individuell miteinander kombinieren.

In der weiteren Konsequenz führt dieses Modell zu einer erhöhten Konkurrenz zwischen den verschiedenen Leistungsanbietern, die sich verstärkt an den Kunden-wünschen orientieren und neue, v.a. auch ambulante Angebote entwickeln müssen (vgl. ebd.). Dementsprechend ist an das Konzept des Persönlichen Budgets die große Hoffnung geknüpft, dass neben der Stärkung von Selbstbestimmung und selbstständigen Entscheidungskompetenzen auf Seiten des Budgetnehmers, auch ein großer Fortschritt in Richtung Deinstitutionalisierung des Hilfesystems und zum Ausbau ambulanter Hilfen, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt einer möglichen Kostenersparnis erreicht wird (vgl. ebd., S.133).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656716716
ISBN (Buch)
9783656716686
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278872
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
Persönliches Budget Geistige Behinderung Selbstbestimmung SGB IX

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