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Kulturelle Vielfalt im Alter. Sind Einrichtungen in Deutschland vorbereitet?

Bachelorarbeit 2013 58 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitende Bemerkungen

2 Empirischer Teil

3 Interkulturelle Kompetenz
3.1 Kultur
3.2 Begriffsbestimmung
3.3 Erwerb interkultureller Kompetenz
3.4 Interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit

4 Ältere Migranten in Deutschland
4.1 Bezug zur Heimat
4.2 Spezielle Bedürfnisse
4.3 Wenige ältere Migranten in deutschen Alteneinrichtungen

5 Transkulturelle Pflege
5.1 Sprache & Kommunikation
5.2 Mögliche Unterschiede im Pflegealltag
5.2.1 Ernährung
5.2.2 Körperpflege
5.3 Aus- & Fortbildung

6 Kultursensible Sterbebegleitung
6.1 Sterben in den Religionen
6.2 Islam
6.3 Hinduismus
6.4 Buddhismus
6.5 Judentum

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitende Bemerkungen

In dieser Bachelorarbeit werden die Bedürfnisse älterer Migranten in Deutschland behandelt. Dies geschieht mithilfe der Ansätze der Interkulturellen Kompetenz, der Transkulturellen Pflege, und der kultursensiblen Sterbebegleitung. In diesem Zusammenhang wurden Experteninterviews geführt, in denen Leitungspersonen von Alteneinrichtungen nach ihrer Vorstellung und der Umsetzung dieser Ansätze befragt wurden.

Die Frage danach hat sich mir in meiner Praxis als Pflegediensthelferin gestellt.

Während ich im Studium darauf achte, auch interkulturelle Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, ist mir ein großes Defizit in diesem Bereich aufgefallen.

Interkulturelle Kompetenz und interkulturelle Öffnung von sozialen Diensten sind inzwischen zu relevanten Themen in der Sozialen Arbeit angewachsen. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Fortbildungen und auch Schwerpunktsetzungen im Studium der Sozialen Arbeit. Diese beziehen sich allerdings größtenteils auf Kinder, Jugendliche, junge Erwachsenen und allenfalls auf Erwachsene im erwerbstätigen Alter. Die Zielgruppe, die scheinbar unbeachtet bleibt, sind Senioren mit Migrationshintergrund.

Alteneinrichtungen sind nicht auf diese Personen eingestellt, und erkennen den Bedarf oftmals nicht an. Ältere Migranten wiederrum sind nicht ausreichend über die Versorgungsstruktur informiert und daher wird auch die Nachfrage bei fehlenden Informationen nicht steigen.

Ich sehe es als Aufgabe der Sozialen Arbeit, dass die Defizite in diesem Bereich beseitigt werden. Die Soziale Arbeit sollte hier als Vermittlung dienen und eine interkulturelle Öffnung ermöglichen.

Es kann nicht immer noch davon ausgegangen werden, dass ältere Migranten zurück in ihr Heimatland gehen und sich dadurch die Probleme von alleine lösen. Es muss etwas passieren, um Überforderung bei Angehörigen vorzubeugen und zu vermeiden.

Das erste Kapitel der Bachelorarbeit behandelt die Interkulturelle Kompetenz. Dieses Kapitel soll als Grundlage für die nachfolgenden Kapitel dienen. Es wird thematisiert was Interkulturelle Kompetenz bedeutet, und auch wie man sich diese aneignen kann. Eine weitere Frage, die behandelt wird, ist die bisherige Verankerung in der Sozialen Arbeit, besonders auch in der Altenhilfe.

Im zweiten Kapitel geht es um ältere Migranten, um den Bogen zu spannen ob eine Verankerung der Interkulturellen Kompetenz notwendig ist. Hier wird nicht nur die Anzahl und die Zusammensetzung der älteren Migranten in Deutschland thematisiert, es geht auch um den Bezug zur eigenen Heimat, den speziellen Bedürfnissen und auch über die Gründe, dass wenige ältere Migranten Alteneinrichtungen besuchen.

Weiterhin wird im dritten Kapitel näher auf die speziellen Bedürfnisse eingegangen, dies passiert im Rahmen des Ansatzes der Transkulturellen Pflege. Die Sprache und die Kommunikation und Möglichkeiten der Aus- & Fortbildung werden hier angesprochen. Außerdem werden exemplarisch Situationen der Essensaufnahme und der Körperpflege angesprochen, um den Leser auf die möglichen Bedürfnisse zu sensibilisieren.

Zuletzt wird noch die kultursensible Sterbebegleitung aufgegriffen. Aufgrund der Spiritualität, die den Sterbevorgang oft prägt, wird diese mithilfe von den Weltreligionen behandelt. Die Sterbebegleitung bedeutet hier nicht nur das Begleiten des reinen Sterbeprozesses, sondern auch die Bräuche nach dem Eintreten des Todes, sowohl die Bestattung.

In der Bachelorarbeit wird zugunsten der Lesbarkeit durchgängig die männliche Variante von Personen (z.B. Migrant) verwendet, es ist allerdings gleichermaßen das weibliche und das männliche Geschlecht gemeint.

2 Empirischer Teil

Für diese Bachelorarbeit wurden Interviews mit Experten geführt, Heimleitern von Pflegeeinrichtungen. Um diese auszuwerten, wurde die Grounded Theory verwendet.

Bei der Grounded Theory geht es nach Böhm gar nicht darum Theorien und Modelle zu finden, die allgemeingültig sind. Sie bietet sich vor allem in Sozialwissenschaften an, generell Forschungen, die das menschliche Handeln betreffen (Boehm 1994, S. 121f).

Innerhalb dieses Ansatzes gibt es keine strikte Reihenfolge, an die man sich im Forschungsprozess hält, es geht darum, das große Ganze im Gesamtblick zu behalten und immerwährend abzugleichen. Es handelt sich um ein Wechselspiel zwischen Datenerhebung, Datenanalyse und Theoriebildung (Ruge 2009, S. 9f).

Man kann die Grounded Theory gilt als eine Lehre einer Methode und eher als Forschungsstil zu sehen, bei dem die Wahl der Methode noch aussteht. Sie wurde deshalb gewählt um möglichst offen auf den Sachverhalt einzugehen, da bei diesem Vorhaben die Forschungsfrage erst im Prozess gefunden wird. (Universität Augsburg 2009, S. 5-6) Der Hauptbestandteil an der Auswertung der Grounded Theory ist der Vergleich.

Hierbei geht es aber nicht darum, wirklich identische Sachverhalte festzustellen, sondern vielmehr darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.

Weiterhin gibt es keine außerordentliche Trennung zwischen dem Auswerten und dem Erheben von Daten, auch weil zu Anfang der Grounded Theory keine Hypothesen aufgestellt werden, sondern im Laufe entwickelt werden. Der Auswertungsprozess beinhaltet im Wesentlich das Kodieren, hier wird der Text erforscht und interpretiert. (Boehm 1994, S. 124f)

Als Methode wurde das Experteninterview gewählt, das sich insofern von anderen qualitativen Interviewformen unterscheidet, dass nicht die Person mit allen Facetten im Mittelpunkt steht "sondern ein spezifischer organisatorischer oder institutioneller Zusammenhang, der mit dem Lebenszusammenhang der darin agierenden Personen nicht identisch ist und in dem sie nur einen Faktor darstellen.". (Universität Augsburg 2009, S. 56)

Es wurden insgesamt vier Interviews mit Menschen in Leitungspositionen in Altenheimen geführt. Drei der Interviews wurden persönlich vor Ort mit den Leitungen geführt, nicht zuletzt um auch auf visuelle Signale eingehen zu können und um außerdem eine bessere Situationskontrolle zu erreichen. Aufgrund von örtlichen Terminproblemen, konnte ein Interview nur als Telefoninterview geführt werden. Die Interviews werden in dieser Bachelorarbeit anonymisiert dargestellt. Von allen Interviews wurde mit Zustimmung der Experten eine Tonaufzeichnung gemacht, da eine Protokollierung mit großen Informationsverlusten einhergegangen wäre. Auch die Atmosphäre eines normalen Gespräches wäre abhandengekommen, da es eine große Schwierigkeit ist, gleichzeitig zu schreiben, den Interviewleitfaden im Blick zu haben und in angemessener Weise auf die Antworten des Partners einzugehen. Die wortwörtlich transkribierten Interviews werden auszugsweise in der Bachelorarbeit wiedergegeben, befinden sich im Besitz die Verfasserin der Bachelorarbeit, können aber bei Bedarf eingesehen werden. Die Zitate in der Bachelorarbeit sind mit der entsprechenden Seite des transkribierten Interviews versehen. Die Interviews dauerten zwischen 10 und 30 Minuten.

Die Experteninterviews wurden mithilfe eines Interviewleitfadens geführt, dies ermöglichte offen auf die Gespräche reagieren zu können, und immer das Wichtigste im Auge zu haben (Universität Augsburg 2009, S. 58).

Im Nachfolgenden die relevanten Quellendaten der Interviewpartner, mit Datum des geführten Interviews:

Experte 1, männlich, 46 Jahre, Heimleitung eines Altenheimes in Neumarkt, 10.06.13

Experte 2, männlich, 54 Jahre, Heimleitung eines Altenheimes in Regensburg, 11.07.13

Experte 3, weiblich, 47 Jahre, Pflegedienstleitung eines Altenheimes in Neumarkt, 30.07.13

Experte 4, weiblich, 48 Jahre, Gründerin und Leiterin eines ambulanten kultursensiblen Pflegedienstes in München, 01.08.13

3 Interkulturelle Kompetenz

Im folgenden Kapitel wird theoretisch aufgearbeitet, was unter Interkultureller

Kompetenz zu verstehen ist, auch aufgrund des Begriffes Kultur. Weiterhin werden der Erwerb und der Zusammenhang mit sozialen Einrichtungen dargestellt. Die Definitionen hierbei sind vielfältig, zu Anfang sei eine wörtliche Definition von Simon-Hohm angestellt:

„Interkulturelle Kompetenz ist ein komplexes Bündel von Kompetenzen, das Reflexionsvermögen und Handlungsfähigkeit in kulturellen

Überschneidungssituationen ermöglicht. Interkulturelle Kompetenz umfasst ein Repertoire an kognitivem Wissen und individuellen persönlichen Fähigkeiten.

Interkulturelle Kompetenz, bedeutet, dieses Bündel von Teilkompetenzen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten situationsgerecht und professionell einsetzen und mit ethischen Reflexionen verknüpfen zu können.“ (Simon-Hohm 2002, S. 41)

3.1 Kultur

Dornheims Ansicht besagt, dass etwas "Fremdes" per se nicht existiert, sondern etwas das nur auf sich selbst bezogen fremd erscheinen kann. Der Begriff Kultur ist sehr schwer zu fassen, da viele Konzepte und Definitionen parallel nebeneinander existieren. Wenn man geschichtlich zurückblickt, wurden viele Versuche unternommen, Kultur zu beschreiben. Zwei Grundkategorien werden in der Wissenschaft besonders diskutiert, der Sekundärstatus und der Primärstatus. Im Sekundärstatus besteht die Auffassung, dass die Grundvoraussetzungen des Menschen von der Natur gegeben sind, und die Kultur nur das, was ohnehin da ist, weiter bearbeitet. Der Primärstatus geht davon aus, dass das Naturgegebene nie wirklich existent war, da auch dies vom Menschen geformt wird. Abschließend kann man nach Dornheim zusammenfassen, dass beide Auffassungen wichtig für eine Kulturtheorie sind und beide aufeinander bezogen werden müssen (Dornheim 2001, S. 28-34).

Knapp beschreibt, wie viele Verwirrungen zwischen dem Kulturbegriff und der Interkulturalität bestehen. Besonders auffallend ist es, dass der Begriff sowohl vom Alltag und der Wissenschaft geprägt ist und dadurch eine große Vermischung dieser beiden stattfindet. Gleichzeitig passiert es, dass die Herkunft und die Kultur als eins betrachtet wird, und außer Acht gelassen wird, dass es einige Migrationsbewegungen gab und viele Nationen durch viele Kulturen geprägt worden sind. Außerdem werden hierbei auch regionale Unterschiede eines Landes nicht anerkannt. Immer mehr kommt es dazu, dass Menschen von mehr als einer Kultur beeinflusst wurden und die Frage einer Zuordnung gar nicht mehr gestellt werden kann (Knapp 2008, S. 83).

Teilweise wurden bereits Diskussionen angestoßen, die sich damit beschäftigten, den Kulturbegriff an sich in Frage zu stellen. Auch wenn sich im Laufe der Geschichte geändert hat, dass Kultur komplett abgegrenzt und als geschlossen wahrgenommen werden kann, macht es der Kulturbegriff sehr leicht, ihn zu ideologischen Zwecken falsch auszulegen. Dies ist zum einen bedenklich, da sich dadurch Möglichkeiten für Menschen bieten, sich sehr leicht von etwas Fremden abzugrenzen ohne auch nur darüber nachzudenken. Auf der anderen Seite ist es naheliegend jegliche Konflikte auf die kulturelle Ebene zu verschieben (Dornheim 2001, S. 36).

3.2 Begriffsbestimmung

Leenen, Wolf und Rainer gehen davon aus, dass Interkulturelle Kompetenz nicht nur in fachlichen Qualifikationen mündet, sondern dass diese auch viel mit persönlichen Eigenschaften zu tun hat.

Eine Expertin im Interview benennt auch in ihrer eigenen Definition diese fachlichen Qualifikationen mit persönlichen Eigenschaften:

„ Interkulturelle Kompetenz bedeutet für mich, dass ich fähig bin auf andere Kulturen und deren zugeh örigen Bräuchen, Glauben, und Gewohnheiten einfach eingehen kann

und dass man diese Menschen genauso einnimmt wie jeden anderen auch. “ (Exp. 4, S.

1)

Von Leenen, Wolf und Rainer wird die Interkulturelle Kompetenz näher in vier Bereiche unterteilt. Der Erste umfasst "interkulturell relevante allgemeine Persönlichkeitseigenschaften", zu denen beispielsweise Belastbarkeit und Emotionale Elastizität gehören. Hier wird eine gewisse Offenheit vorausgesetzt, welche beinhaltet, auch Fremd-Erscheinendes nicht zu verurteilen. Im zweiten Bereich geht es um "interkulturell relevante soziale Kompetenzen". Allgemein bedeutet dies, sich seiner eigenen Kultur bewusst zu sein und damit umgehen zu können, die Stimmungen der Kommunikationspartner einschätzen zu können und auch über einen längeren Zeitraum hinweg eine Interaktion über kulturelle Grenzen hinweg gestalten zu können. Der Bereich der „spezifischen Kulturkompetenzen“ umfasst unter anderem die Sprachkompetenz oder spezielles Deutungswissen. Es geht also darum, evtl. sogar die Fremdsprache zu beherrschen oder ein Verhalten kulturabhängig zu verstehen. Wiederrum bei „kulturallgemeinen Kompetenzen“ geht es z.B. darum, sich bewusst darüber zu sein, dass es eine allgemeine Kulturabhängigkeit gibt. Bei dieser Einteilung muss allerdings beachtet werden, dass diese nur im theoretischen Sinne getrennt werden können. In der Praxis wirken diese zusammen und können sogar Defizite in bestimmten Bereichen gegenseitig ausgleichen (Leenen Wolf Rainer et al. 2008, S. 110ff).

Geistmann sieht in der interkulturellen Kompetenz ebenfalls, dass nicht nur alleinig eigene Interessen und Ansprüche im Blickpunkt stehen, sondern auch die fremden Interessen und Ansprüche beachtet, die aus den jeweiligen Kulturhintergründen entstanden sind. Dies beinhaltet, die Schnittstellen der Kulturen wahrzunehmen, sowie die bestehenden Unterschiede (Geistmann 2002, S. 39).

Auch Gröschke vergleicht verschiedenste Definitionen von Interkultureller Kompetenz und kommt auf das Ergebnis, dass Interkulturelle Kompetenz "im Sinne einer abhängigen Variable ein mehrfaktorielles und mehrdimensionales und komplexes Konstrukt" ist. Dies bedeutet, dass sich die Mehrdimensionalität in drei notwendige, aber nicht hinreichende Dimensionen begründet: die Motivationsebene, die Handlungsebene und die Reflexionsebene. Während die Motivationsebene auf

Toleranz, Respekt und Wertschätzung für andere kulturelle Eigenheiten basiert, geht es zum Beispiel in der Handlungsebene speziell um Kenntnisse und Befähigungen die sich z.B. auch auf Konfliktlösungsfähigkeit beziehen können. Bei der Reflexionsebene wiederum geht es vielmehr um das, was im Menschen innerlich bei Interaktionen passiert, als auch wie man damit nach außen umgeht (Gröschke 2009, S. 42f).

In diesem Zusammenhang ist auch die Multireligiösität zu nennen, die als interreligiöse Kompetenz Bestand in der interkulturellen Kompetenz findet. Hierbei geht es nach Freise oft darum, wie man die verschiedenen Glaubensrichtungen unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt bringen kann, sodass alle Bedürfnisse der entsprechenden Klienten erfüllt werden können. Um Vorurteile zu verhindern und den Austausch zu fördern, gehört es dazu einen Dialog anzustiften und weiterhin das Wissen über die eigene Religion und der Fremden zu intensivieren (Freise 2005, S. 53- 58).

Nach Thomas et al muss sich der Mensch einerseits der religiösen Basis der eigenen Kultur, und andererseits auch der religiösen Basis der Kultur des Interaktionspartners bewusst sein, um von einer interkulturellen Kompetenz sprechen zu können (Thomas et al. 2006, S. 8).

"In weniger säkularisierten Gesellschaften und Kulturen als den sogenannten westlichen, euro-amerikanischen, spielen religiöse Elemente in den handlungsleitenden kulturellen Orientierungssystemen eine zentrale und explizite Rolle, und das nicht nur bei fundamentalistisch religiös eingestellten Personen. Wer also [...] interkulturell kompetent mit Partnern aus anderen Kulturen verständnisvoll kommunizieren und effektiv kooperieren will, muss über interreligiöse Kompetenz verfügen." (Thomas et al. 2006, S. 8)

3.3 Erwerb Interkulturelle Kompetenz

Es gibt nach Freise viele Möglichkeiten Interkulturelle Kompetenz zu erwerben. Zum einen sind dies speziell für diesen Zweck organisierte Seminare. In diesen wird Interkulturelle Kompetenz trainiert und geübt, dies kann beispielsweise mit Rollenspielen geschehen. Des Weiteren bietet es sich an, an internationalen Begegnungen und internationalem Austausch teilzunehmen. Begünstigend für den Erwerb wirken Auslandsaufenthalte (Freise 2005, S. 158f). Waters betont die Notwendigkeit von Austausch in Seminaren zur interkulturellen Kompetenz. Im optimalen Fall besteht ein solches Seminar aus Teilnehmern von Mehrheits- und Minderheitskultur, wobei die Gruppenarbeit im Vordergrund stehen sollte. Mehrheits- & Minderheitskultur bedeutet, dass Einheimische und Migranten an diesem Seminar teilnehmen. Dadurch besteht die Möglichkeit, den Umgang mit verschiedenen Standpunkten zu erlernen und diese zu berücksichtigen. Weiterhin werden verschiedene Kommunikationsformen der unterschiedlichen Kulturen erlernt bzw. werden die Teilnehmer darauf sensibilisiert. In diesem Konzept zur Aneignung von Interkultureller Kompetenz, geht es somit nicht nur um pure Wissensaneignung, sondern vielmehr auch darum, seine sozialen Kompetenzen auszubauen (vgl. Waters 1990, S. 369f).

Gröschke geht zwar davon aus, dass man sich Interkulturelle Kompetenz aneignen kann, allerdings ist dieses Aneignen als immer fortschreitender und nie endender Lernprozess anzusehen, der sich durchaus einmal zeitweise anhalten könnte.

Dabei werden von ihm zwei Entwicklungsansätze genannt. Der eigenschaftsorientierte Ansatz stützt sich darauf die kognitive, affektive und konative Ebene zu verknüpfen. In der kognitiven Ebene sollen den Lernenden die fremdkulturellen sowohl auch die eigenen kulturellen Einordnungsprozesse und die Wahrnehmung klar werden. Die affektive Ebene will ein Interesse bei den Lernenden wecken. Um die eigenen Handlungen in Bezug auf die Interkulturalität zu erweitern, setzt die Verhaltensebene an (Gröschke 2009, S. 45-48).

3.4 Interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit

Interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit kann nach Freise keinem bestimmten Handlungsbereich zugeordnet werden, weil Interkulturelle Kompetenz generell in jedem Bereich notwendig ist. Man kommt in der Sozialen Arbeit immer in die Situation, mit Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund zu arbeiten (Freise 2005, S. 19).

Ein oft bestehendes Problem ist hierbei, dass es sogar spezielle Dienste für Migranten gibt, diese allerdings nur für die typischen Probleme, die nur Migranten betreffen, bestehen. Diese Dienste haben allerdings dann keine Kapazitäten und Kenntnisse was das komplette vielfältige Feld der Sozialen Arbeit betrifft. Bei anderen Problemlagen wird auf Regeldienste verwiesen, die aber nach Freise meist nicht auf Migranten vorbereitet sind (Freise 2005, S. 107).

Nach Hinz-Rommel herrscht eine Isolierung zwischen Interkulturelle Öffnung und interkultureller Kompetenz, alle Einrichtungen die nicht sowieso schwerpunktmäßig mit Ausländern konfrontiert sind, bleiben außen vor. Um dies zu lösen, wird nun darauf vertraut im Falle von der Notwendigkeit wieder auf spezielle Dienste zu verweisen, oder sich konkret an diese zu wenden, was allerdings eher zu einer weiteren Abspaltung führt und nur noch unterstützt, dass in Einrichtungen keine interkulturelle Kompetenz vorhanden ist (vgl. Hinz-Rommel 1995, S. 14).

Mecheril geht konkret darauf ein, was Interkulturelles Handeln im Allgemeinen in der Sozialen Arbeit bedeutet und kommt dabei zu dem Schluss, dass in der Regel eine, der Mehrheitsgesellschaft angehörende, in professioneller Funktion tätige, Person mit Klienten arbeitet, die einer Minderheit in der kulturellen Gesellschaft gehören. Als Beispiel wird hier eine Beratungsstelle genannt, die von deutschen Mitarbeitern geführt wird und von einer Person mit anderem kulturellen Hintergrund aufgesucht wird.

Es wird kritisiert, dass sich Angebote einer Schulung für interkulturelle Kompetenz nur an Angehörige der Mehrheitsgesellschaft richten, und auch interkulturelle Arbeit von Menschen in der kulturellen Minderheit nicht anerkannt wird. Mercheril führt dazu zwei Überlegungen an, warum dies der Fall ist. Auf der einen Seite könnte es sein, dass es für unsere Gesellschaft immer noch abwegig sein könnte, dass jemand, der als Einwanderer selbst Hilfe benötigt hat, inzwischen ein Professionell Handelnder geworden sein könnte. Der zweite Grund für fehlende Schulungsangebote für Migranten, könnte auch die Annahme sein, dass diese Menschen bereits über Interkulturelle Kompetenz besitzen. Da diese ohnehin in einem interkulturellen Umfeld aufgewachsen und hineingewachsen sind, wird erwartet, dass sie sich von selbst Interkulturelle Kompetenz angeeignet haben. Hierbei muss aber natürlich beachtet werden, dass dies zwar wertvolle Erfahrungen mit der Herausbildung derartiger Kompetenzen sein können, dass es allerdings beim Herausbilden einer Professionalisierung nicht nur um persönliche Erfahrungen gehen kann (Mecheril 2008, S. 16-19).

Nach Leenen, Wolf und Rainer wurde erkannt, dass ein großer Bedarf für interkulturelle Öffnung für soziale Organisationen besteht. Allerdings wird dies oft als nicht näher bestimmte Forderung definiert, was eine Umsetzung erschwert und keine Überprüfung zulässt. Das Ziel der interkulturellen Öffnung kann nur mithilfe einer gut geplanten Personalentwicklung funktionieren. Es ist notwendig, dass ein Unternehmen als Ganzes und in den einzelnen Bereichen des Unternehmens analysiert wird, wo Bedarf besteht und wo so gearbeitet wird, dass fremde Kulturen ausgegrenzt werden. Nach Veränderungen, die anschließend vorgenommen werden müssen, muss natürlich anschließend auch reflektiert werden, ob die gewünschten Maßnahmen das gewünschte Ziel erreicht haben. Das neue Wissen muss auch weiterentwickelt und weitergegeben werden, dies kann mithilfe regelmäßiger Teambesprechungen oder kollegialen Fallbesprechungen geschehen (Leenen Wolf Rainer et al. 2008, S. 114ff). Auch Hinz-Rommel weist darauf hin, dass vor allem Ziele festgelegt werden müssen, um die Umsetzung von interkultureller Kompetenz zu ermöglichen, ein offenes Leitbild bringt hierbei wenig Hilfe. Vielmehr müssen eindeutig feststellbare Messgrößen entstehen, um diese auch überprüfen zu können. Eine Überprüfung erfordert weiterhin ein Qualitätsmanagement (vgl. Hinz-Rommel 1998, S. 15).

Freise stellt als besonders vernachlässigten Bereich der Interkulturellen Sozialen Arbeit den Altenbereich an. Es trifft die Einrichtungen scheinbar unterwartet, dass viele Migranten wider eigener Erwartungen aus verschiedenen Gründen in Deutschland geblieben sind und hier auf das Alter zugehen (Freise 2005, S. 19f). Von Migranten wird in Deutschland Integration verlangt, wobei dies selten genau definiert oder konkret zu fassen ist und eher mit Assimilation verwechselt wird. Diese Anforderungen setzen sich weiter fort und machen auch im Alter nicht Halt. Es wurden Anforderungen von den Alteneinrichtungen an die älteren Migranten gestellt, die nach Zeman nicht immer erfüllt werden können (Zeman 2002, S. 9).

Außerdem besteht die Möglichkeit, dass der Bedarf bei Migranten nicht so hoch eingestuft wird, so wurde im Experteninterview mit einem Heimleiter in Regensburg erwähnt:

„ Man hat eigentlich im Pflegeheim, weniger jetzt so, Ausländer. Meistens wären es jetzt so Türken oder Moslems, also, ich mein jetzt, die jetzt eine andere Kultur haben. Also wenn Sie jetzt einen Polen haben, das ist ja dann wie ein Deutscher. Und, man hat ja, aus westlichen Ländern keine Alten, sagen wir mal, wenn dann aus osteuropäischen Ländern, die Aussiedler, praktisch. Das sind ja die Klassischen, die jetzt alt werden. Die so in den 90er Jahren gekommen sind, mit 50, 60 und jetzt dann.. Aber da gibt es ja nicht,.. Das sind ja Deutsche, diese Aussiedler. Da gibt es ja nicht so große Besonderheiten. Außer die bei jedem Menschen sind. Und so Türken.. Wir haben auch schon mal einen Türken gehabt, einen jüngeren sogar. Aber der war jetzt, sagen wir mal, einkultiviert. Da war da jetzt nichts Spezielles dann. “ (Exp. 2, S. 1)

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Details

Seiten
58
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656733058
ISBN (Buch)
9783656732990
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278899
Institution / Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
Note
2,3
Schlagworte
Migranten Senioren ältere Migranten Deutschland Transkulturelle Pflege Interkulturelle Kompetenz Sterbebegleitung kultursensibel

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Titel: Kulturelle Vielfalt im Alter. Sind Einrichtungen in Deutschland vorbereitet?