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Reproduktionsmedizin. Lebensschutz von frühen menschlichen Entwicklungsstadien bei E. Schockenhoff und H. Kreß

Essay 2012 6 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

1. Einleitung

Die mir vorliegenden Texte von Eberhard Schockenhoff und Heinrich Kreß erörtern beide die Frage nach dem Beginn der Schutzwürdigkeit eines Menschenlebens. Dabei vertreten beide Autoren sowohl vereinbare als auch unterschiedliche Positionen. Dies zeigt sich in Bereichen der Moralität, der Art der Schutzwürdigkeit und der Abwägbarkeit. Im Folgenden werden beide Argumentationen mit Bezug auf die genannten Bereiche miteinander verglichen. Besondere Beachtung soll dabei der Einschätzung der Autoren hinsichtlich der prinzipiellen Abwägbarkeit in der Frage des Embryonenschutzes geschenkt werden. Die Arbeit bezieht sich ausschließlich auf Eberhard Schockenhoffs Text „Lebensbeginn und Menschenwürde – Eine Begründung für die lehramtliche Position der katholischen Kirche“ und Hartmut Kreß‘ Text „Reproduktionsmedizin im Licht theologischer Ethik“.

2. Vergleich

Zunächst wäre die Frage zu klären, ob der Embryo im logischen Sinne einen moralischen Status innehat. Beide Autoren beantworten diese Frage deutlich mit Ja. Eberhard Schockenhoff schreibt dem menschlichen Embryo, von dem Moment der Verschmelzung der Samen- mit der Eizelle an, die gleiche Achtung zu, die er auch jedem anderen Menschen in jeder Lebenslage zuschreiben würde.[1] Schockenhoff verweist dabei auf die Äußerungen von Immanuel Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“, welcher „die Rechte der Menschheit“ bereits 1797 auch auf Embryonen ausdehnte. So kann die Würde des Menschen nur dann das Zusammenleben der Bürger bestimmen, wenn sie jedem menschlichen Individuum von Anfang an zugesprochen wird.[2] Den Begriff der Menschenwürde definiert Schockenhoff als Minimalbegriff, welcher die Würde des Menschen nicht mit normativen Prinzipien zur Autonomie und Lebensgestaltung füllt, sondern mit einem Anspruch auf Achtung um des Menschen selbst willen. Dabei spricht er sich deutlich für ein Instrumentalisierungsverbot aus.[3] Ein jeder Mensch ist ein Individuum und darf seinen Lebensentwurf frei leben, wenn er das Leben anderer dabei nicht gefährdet. Die Artspezifität des Menschen schließt seine Unvergleichbarkeit und Unvertretbarkeit nicht aus, sondern begründet vielmehr seine moralische Schutzwürdigkeit. Die kleinste menschliche Entwicklungsstufe hat demnach sofortigen moralischen Wert, weil der Mensch nur durch und in seinem Leib gegeben ist und nicht von der Ausprägung von Selbstbewusstsein, Rationalität usw. abhängig gemacht werden darf, sondern sein gesamtes Ausdrucksfeld in Betracht gezogen werden muss[4]. Auch Hartmut Kreß schreibt dem embryonalen Leben die Würde zu, die auch jedem anderen menschlichen Leben zugeschrieben wird. Dabei bezieht er sich, wie Schockenhoff auch, ebenfalls auf die Gottebenbildlichkeit, als theologische Prämisse. Genau wie diese jedem Menschen ohne bestimmte Vorbedingungen zugesprochen wird, soll auch die Würde jedem voraussetzungslos zu Teil werden.[5]

Vertreten beide Autoren bei der anfänglichen Frage eine ähnliche Meinung, unterscheiden sie sich bei der Frage zur Schutzwürdigkeit doch sehr. So sagt Schockenhoff, dass für den Embryo ein kategorischer und somit unbedingter Schutz besteht. Dabei wird jegliche Ausnahme ausgeschlossen und der Embryo steht vom Zeitpunkt der Empfängnis unter absolutem Schutz. Für ihn ist klar, dass der Embryo schon ab diesem Zeitpunkt, neben der menschlichen DNA, auch über ein individuelles menschliches Genom verfügt, dass seine Entwicklung, bei Vorhandensein der erforderlichen mütterlichen Rahmenbedingungen, steuert. Der neu entstandene Embryo ist somit von Anfang an einzigartig. Auch wenn der Embryo in seiner Entwicklung auf den mütterlichen Organismus angewiesen ist, so verwirklicht er in Wechselwirkung mit eben diesem doch sein eigenes Entwicklungsprogramm und kein anderes. Der Vorgang von Implantation wird vom Embryo selbst gesteuert und in Eigenleistung vollbracht.[6] Er ist, so Schockenhoff weiter, artspezifisch und individualspezifisch eindeutig geprägt und als ‚dieses’ menschliche Lebewesen zu beschreiben.[7] Diese Ausführungen können unter dem Potenzialitätsargument zusammengefasst werden. Die früheste menschliche Entwicklungsstufe hat die Potenz sich unter bestimmten Schutzbedingungen aktiv zu einem Menschen entwickeln und zu nichts anderem. Schockenhoff vertritt die Meinung, dass der Embryo, auch vor der Nidation nicht als Phantomgebilde oder virtueller Informationsträger verstanden werden sollte, sondern als konkrete leibseelische, menschliche Einheit.[8] Allen anderen Datierungsversuchen, die ein Festlegen des Menschseins ab einer bestimmten Entwicklungsstufe anstreben und damit auch einen bestimmten Zeitraum für die beginnende Schutzbedürftigkeit festzulegen versuchen, wirft er absolute Willkürlichkeit vor. Unter anderem auch dadurch, dass diese Datierungsvorschläge von bildgebenden, diagnostischen und damit wissenschaftlichen Maßnahmen abhängen.[9] In der menschlichen Entwicklung ist es, seiner Meinung nach, nicht möglich an irgendeinem Punkt der Entwicklung einen Schnitt zu machen und diesen Punkt dann als Beginn des Menschseins zu benennen. Dazu verläuft die menschliche Entwicklung zu gradlinig und kann als ein Kontinuum beschrieben werden. Sein Kontinuitätsprinzip argumentiert deutlich gegen die Möglichkeit moralisch relevante Zäsuren festzulegen, weil nur ein gradueller und kein sprunghafter Wandel stattfindet, welcher jeden Schnitt willkürlich macht. Sprachliche Abgrenzungen der einzelnen Reifungsvorgänge, die uns heute durchaus geläufig sind, können nur dem Zweck der Kennzeichnung und Deutlichmachung dienen.[10] Hartmut Kreß spricht dem Embryo einen fundamentalen Schutz zu. Für ihn ist der Schutz des Embryos nichts was verabsolutiert werden kann und er möchte sich dieser kompromisslosen Ethik nicht anschließen. Die Außenwelt geht seiner Meinung nach schon von sich aus zu plakativ und undifferenziert mit dem Thema um, sodass sich die Ethik dem nicht auch noch anschließen muss. Er führt Beispiele wie den Tyrannenmord und die Selbstverteidigung mit Todesfall an, um seine Meinung zu untermalen. Seiner Meinung nach müssen schwere Notlagen, in welche schwangere Frauen geraten sein können oder zukünftig geraten könnten, auch bei der Frage nach der Schutzwürdigkeit des Embryos beachtet werden.[11] Er plädiert für eine Einzelfallentscheidung und stellt klar, dass es in Extremsituationen sehr gute Gründe geben muss, um trotzdem einen kategorischen Schutz zu fordern. Trotzdem schließt er sich den Argumenten von Schockenhoff bezüglich der gradlinigen Entwicklung des menschlichen Lebens an. Kreß bringt in seiner Schrift verschiedene Definitionsmethoden, wann das menschliche Leben seinen Anfang nimmt, an.[12]

Laut Hartmut Kreß kann unter gewissen Umständen auch das frühe menschliche Leben zur Disposition gestellt werden, wenn bestimmte Rahmenbedingungen zusammenfallen. Im Rahmen der Frage zur Abwägbarkeit des embryonalen Lebens befasst sich Hartmut Kreß mit dem Beispiel von gesundheitlich vorbelasteten Eltern, die vorgeburtlich herausfinden möchten, ob ihr Kind an ihrer Krankheit erkranken wird oder nicht. Er erörtert die Frage, ob Gesundheit oder Krankheit des Embryos seinen Schutzanspruch bedingen können und kommt zu einer Antwort, die dies zulässt. Der Autor bezieht sich dabei aber nur auf schwerwiegende Krankheiten und begrenzte Ausnahmefälle. Weiterhin thematisiert Kreß in seinem Artikel die Reproduktionsmedizin. So ist es für ihn sehr wohl möglich überzählige Embryonen nicht zur Adoption freizugeben und sie auch nicht alle ein und derselben Frau einzusetzen, damit diese sie dann austragen kann, sondern sie vielmehr absterben zu lassen. Er beruft sich dabei auch auf das deutsche Embryonenschutzgesetz. Kreß spricht sich auch in Fällen des Embryonenschutzes für eine Güterabwägung aus, was im nächsten Absatz eingehender beleuchtet werden soll.[13] Eine Abwägbarkeit des menschlichen Lebens steht für Schockenhoff nicht zur Debatte. Sein kategorischer Schutz des embryonalen Lebens schließt jegliche Abwägung aus. So ist es für ihn nicht wichtig, unter welchen Umständen der Embryo gezeugt wurde und auch das Umfeld der Mutter oder elterliche Vorbelastungen spielen keine Rolle.

[...]


[1] Schockenhoff, Eberhard. „Lebensbeginn und Menschenwürde“, S. 198

[2] Ebd. S. 199

[3] Ebd. S. 206

[4] Schockenhoff, Eberhard. Lebensbeginn und Menschenwürde“. S. 218

[5] Kreß, Hartmut. „Reproduktionsmedizin im Licht theologischer Ethik“. S. 131

[6] Schockenhoff, Eberhard. Lebensbeginn und Menschenwürde S. 215

[7] Ebd. S. 213

[8] Ebd. S. 214

[9] Schockenhoff, Eberhard. Lebensbeginn und Menschenwürde S. 216

[10] Ebd. S. 215/217

[11] Kreß, Hartmut. „Reproduktionsmedizin im Licht theologischer Ethik“. S. 135/136

[12] Ebd. S. 134

[13] Kreß, Hartmut. „Reproduktionsmedizin im Licht theologischer Ethik“. S. 134

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656728580
ISBN (Buch)
9783656728559
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279037
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Theologische Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
reproduktionsmedizin lebensschutz entwicklungsstadien schockenhoff kreß

Autor

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Titel: Reproduktionsmedizin. Lebensschutz von frühen menschlichen Entwicklungsstadien bei E. Schockenhoff und H. Kreß