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Emotion und Sprache

Wie kann man mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation dazu beitragen, dass Missverständnisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation verhindert werden?

Akademische Arbeit 2012 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen

3. Der Zusammenhang zwischen Emotion und Sprache

4. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg
4.1 Die vier Komponenten der GFK

5. Die Gewaltfreie Kommunikation in der Schule
5.1 Die Gewaltfreie Kommunikation in der Primarstufe

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Unsere Gefühle beeinflussen unsere Sprache, genauso wie auch das gesprochene Wort unsere Emotionen beeinflussen kann. Die Art und Weise wie wir das Gesagte verarbeiten hängt eng mit unserem momentanen affektiven Zustand zusammen.1 Dies ist uns im Alltag oft nicht bewusst. Dennoch gehört kommunikative Kompetenz zu einem wichtigen Mittel, um mit negativen und positiven Gefühlen umzugehen. Es ist sogar möglich, mit einer bewussten Sprache die Gefühle anderer Menschen so zu beeinflussen, dass Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt wird. Marshall B. Rosenberg hat mit seiner Gewaltfreien Kommunikation ein Konzept entwickelt, dass eben dazu beitragen soll, indem es zu einer bewussteren Sprache verhelfen soll, die gekennzeichnet ist von Äußerungen über unserer persönliches, momentanes Wohlbefinden sowie unsere Bedürfnisse. Dieses Konzept soll in allen Beziehungen des Lebens anwendbar sein: in Partnerschaften, mit Kindern und Jugendlichen, mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten etc. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie man mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation dazu beitragen kann, dass Missverständnisse und Konflikte vermieden werden und wie dieses Wissen im Rahmen einer Unterrichtseinheit in der Primarstufe vermittelt werden kann. Um dies herauszustellen möchte ich zunächst auf den Zusammenhang zwischen Emotionen und Sprache eingehen, was als Grundlage für die anschließende Betrachtung von Rosenbergs Modell dienen soll. Der zweite Teil der Arbeit soll sich der Anwendbarkeit der Gewaltfreien Kommunikation innerhalb der Schule widmen.

2. Begriffsbestimmungen

Im Folgenden werden eine Reihe von Begriffen verwendet werden, die ich zunächst für den Zusammenhang dieser Arbeit definieren möchte. Problematisch erweist sich dies vor allem, weil die Definitionen verschiedener Forscher auseinander gehen können. Die aufgegriffenen Begrifflichkeiten spiegeln diejenigen wider, die ich für diesen Zusammenhang am passendsten und angebrachtesten erachte.

Bei Emotionen handelt es sich um körperlich-seelische Reaktionen, „durch die ein Umweltereignis aufgenommen, verarbeitet, klassifiziert und interpretiert wird.“2 Dies geschieht zunächst vor allem unter physischen Aspekten. Ein Reiz wird aufgenommen und wirkt sich in der einen oder anderen Weise auf das vegetative Nervensystem sowie verschiedene Organsysteme aus.3 Galiker fügt dem hinzu, dass der Begriff der Emotion somit umfassend für den inneren Aspekt des Erlebens steht. Dieser werde nicht unbedingt auch bewusst wahrgenommen. So kann durchaus eine emotionale Regung stattfinden, ohne dass wir diese kognitiv realisieren. An dieser Stelle zeigt sich der Unterschied, so Galiker, zum Gefühl. Dieses beschreibt eine bewusste innerliche Regung. Die subjektive Wahrnehmbarkeit ist bedeutsam an dieser Stelle. Das Gefühl bezeichnet also nur einen Teilaspekt der tatsächlichen emotionalen Reaktion.4

Ein Affekt wiederum ist eine starke seelische Erregung. Dieser geht oft mir einer unmittelbaren Reaktion, die oft auch als unkontrollierbar empfunden werden kann, einher.5 Bei der Motivation handelt es sich um eine umfassende Bezeichnung für die Beweggründe für das menschliche Handeln hinsichtlich Inhalt, Richtung und Intensität.6 Somit stellt die Motivation eines Menschen immer die Antwort auf die Fragen nach dem „Warum“ und „Wozu“ dar.7 Galiker unterscheidet zudem Motivation deutlich von Willen. Bei diesem handele es sich um ein Streben, dass ausgehend von einer bewussten Entscheidung zu einer Handlung führe und diese wohlmöglich in Gang halte.8 Während Motivation als umfassend gesehen werden kann, wird das Bedürfnis enger definiert. Dies stellt einen „körperlich in Erscheindung tretenden Mangel bezüglich eines Gutes, das zum Leben notwendig ist“9, dar. Die Definition des Begriffes Kommunikation möchte ich an dieser Stelle von Ross Buck übernehmen, nach dem Kommunikation immer dann geschieht, wenn das Verhalten eines Individuums, des Senders, das Verhalten eines anderen, dem Empfänger, beeinflusst.10 Sie kann demzufolge nur in der Interaktion geschehen. Innerhalb dieser Arbeit werde ich mich mit Kommunikation immer auf den verbalen Austausch beziehen und es andernfalls explizit erwähnen.

3. Der Zusammenhang zwischen Emotion und Sprache

Die Definition des Begriffes Emotion hat bereits gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen einer Emotion und der resultierenden Handlung besteht, da auf diese immer eine bewusste oder unbewusste emotionale Regung folgt. Diesem Verständnis schließt sich die allgemeine Lehrmeinung an. Dennoch sind die Begründungen dafür unterschiedlich und jeweils geprägt vom emotionspsychologischen Kontext, in dem diese aufgestellt werden sowie der jeweiligen Gefühlsregung.11 Da es sich bei der menschlichen Sprache auch um eine Form von Handlung handelt, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass auch ein Zusammenhang zwischen Emotion und Sprache besteht. Dennoch wurde in der Psychologie und besonders in der Psychotherapie und -analyse diesem Zusammenhang bislang eher wenig Beachtung geschenkt.12 In den 70er Jahren des 21. Jahrhunderts erfuhren allerdings evolutionsbiologische Emotionstheorien dahingehend eine Erweiterung, dass nun auch mehr Augenmerk auf kulturelle und soziale Einflüsse gelegt wurde. Im Rahmen dieser kontextuellen Emotionstheorien wurde auch der Einfluss von Kommunikation näher untersucht.13 Die Untersuchung des Zusammenhanges von Emotion und Sprache bewegt sich an dieser Stelle also im Bereich der kontextuell- kommunikativen Emotionstheorien, die sich sowohl auf den sozialen und kulturellen als auch auf den momentanen Kontext beziehen.

Auf verschiedenen Ebenen der gesprochenen Sprache lassen sich eindeutig die Einflüsse von erlebten Emotionen nachweisen. Schon auf der linguistischen Ebene der Phoneme lassen sich emotionale Reaktionen feststellen. In einer von Ertel 1969 durchgeführten Studie, bei der Probanden mit Kunstwörtern konfrontiert wurden, schätzten diese Worte, in denen vor allem kurze Vokale vorkamen, als erregender und stärker ein, als diejenigen mit langen Vokalen. Konsonanten hingegen wurden als dynamischer eingeschätzt. Diese Erkenntnisse spielen in der täglichen Kommunikation allerdings nur eine geringe Rolle und sind beim tatsächlichen Sprechen wohl kaum zu berücksichtigen; doch besonders für die Entwicklung von Markennamen, waren diese Erkenntnisse von großer Bedeutung.14

Auch das Sprichwort „Der Ton macht die Musik“ trifft auf die Verarbeitung von Emotionen zu. Ladd und Silvermann zeigten, dass man Emotionen auch auf lautlicher Ebene erkennen kann. Diese muss allerdings nicht immer mit der Ebene der Wortwahl übereinstimmen. So stellten sie fest, dass ein Sprecher seinen Gegenüber verbal attackieren kann, dabei auf der lautlichen Ebene aber freundlich und ruhig bzw. neutral bleiben kann. So variieren Sprecher häufig bewusst ihre Sprache, um einen anderen Eindruck zu erzeugen und nutzen demzufolge dieses Instrument wissentlich.15

Wichtiger für die zwischenmenschliche Kommunikation ist die Betrachtung der verwendeten Wörter. Suslow stellt fest, dass die Grundannahme der affektiven Sprachanalyse das sogenannte Frequenztheorem ist. Dieses besagt, dass je häufiger gewisse Inhalte in einem Text auftreten, die jeweils passende Emotion umso stärker ist.16 Grundlage dafür ist, dass sprachliche Reize und somit auch Wörter über emotionale Aspekte verfügen können. Diese werden als konnotative Bedeutung bezeichnet. Einfach gesagt, verstecken sich in vielen Worten emotionale Bedeutungsinhalte, denen wir uns mehr oder weniger bewusst sind.17 Das Auftreten besonders vieler als positiv eingeschätzter Worte in einem Text, führt also zu Rückschlüssen über das momentane, emotionale Befinden des Sprechers, der in diesem Fall von positiven Gefühlen wie Glück erfüllt sein wird. Auch das Wiederholen von Worten sowie das Beharren auf einem Thema tragen dazu bei.18 Emotionen und vor allem Affekte nehmen somit Einfluss auf unsere Wortwahl. Natürlich muss man an dieser Stelle erwähnen, dass wir auch Anteil an unserer Wortwahl nehmen und nicht alles unbewusst geschieht. So sieben wir Gedanken, die wir im jeweiligen Kontext als unangebracht erachten, aus und sprechen nicht alle Worte aus, die uns in den Sinn kommen.19

Battacchi, Suslow und Renna verwenden in ihrer Abhandlung „Emotion und Sprache“ eine Grafik zur Zusammenfassung, die auch hier aufgegriffen werden soll. Sie zeigt auf, wie die Sprachproduktion auf verschiedenen Stufen von den eigenen Emotionen beeinflusst wird.20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten21

Die unterschiedliche Stärke der Pfeile, die von der Emotion ausgehen, zeigt an, wie gesichert der Einfluss davon auf die jeweilige Stufe der Sprachproduktion ist. So gilt es als sehr sicher, dass diese eine Auswirkung auf die Artikulation sowie die Selektion haben. Obwohl einige Studien durchgeführt wurden, bei der der Einfluss auf die Enkodierung der Sprache untersucht wurde, ist dieser Zusammenhang noch bestritten und es fehlen gesicherte Ergebnisse diesbezüglich.22

Doch auch die Sprachverarbeitung wird von Emotionen beeinflusst. Im Rahmen der Wahrnehmungsforschung wurde der Einfluss der affektiven Valenz, also der Empfindung als angenehm-unangenehm, von Wörtern auf deren Wahrnehmungsschwelle untersucht. Hierzu wurden die Probanden tachistoskopisch23 mit Wörtern konfrontiert, die entweder eine positive (angenehm, z.B. Sonnenschein), eine negative (unangenehm, z.B. Tod) oder neutrale Valenz (z.B. Tisch) aufwiesen. Nun wurde die Zeit gemessen, die derjenige benötigte, um ein Wort zu erkennen. Die Studie fand heraus, dass die Personen längere Zeit brauchten, um emotional unangenehme Wörter zu erkennen als für Neutrale und Positive. Emotional angenehme Worte wurden am schnellsten erkannt. Die Studie zeigte, dass unangenehme Worte schon vor dem eigentlichen Erkennen unterbewusst abgewehrt wurden. Auch eine Studie nach Eysenck zeigte, dass emotional angenehme Inhalte besser behalten werden als Unangenehme. 24

Diese Studien zeigen, dass Emotionen sowohl Einfluss auf die Sprachproduktion als auch auf die Sprachrezeption haben. Die Ergebnisse der kontextuell-kommunikativen Emotionspsychologie haben einen großen Einfluss auf viele Kommunikationsmodelle gehabt. Zu nennen wären an dieser Stelle beispielsweise das Organon-Modell von Bühler sowie das Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation von Schulz von Thun25, denn man kann daraus schlussfolgern, dass Emotionen ein wichtiger, zu beachtender Faktor in der Kommunikation sind. Man kann weiterhin darauf schließen, dass es durchaus möglich ist, mit der Verwendung einer positiven Sprache unseren Gegenüber positiv zu beeinflussen, da dieser besser und schneller auf angenehme Reize reagieren wird. Diese Annahme bildet die Grundlage für das Konzept Rosenbergs, in dem er auch davon ausgeht, mit einer positiven Sprache Missverständnisse und Konflikte vermeiden zu können.

4. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein Konzept Marshall B. Rosenbergs, welches der Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikation dienen soll. Es soll dabei helfen, sowohl den sprachlichen Ausdruck als auch die Art zuzuhören umzugestalten, indem es ein Bewusstsein dafür fördern soll, gewohnheitsmäßige, automatische Reaktionen zu bewussten Antworten werden zu lassen. Auf diese Weise soll es zugleich die Beobachtungsfähigkeit für auf den Gegenüber sowie einen Selbst und die Ausdrucksweise schulen.26 Die GFK ist stark an das Aktive Zuhören angelehnt, was vermutlich auch daher rührt, dass Rosenberg Schüler Carl Rogers war, welcher seinen Fokus darauf im Rahmen der klienten-zentrierten Gesprächstherapie legte. Die GFK greift viele Teile des Aktiven Zuhörens auf, geht aber noch weit darüber hinaus.27 Dies soll hier nur kurz Erwähnung finden, da im Folgenden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten nicht weiter erörtert werden sollen.

Grundlage des gesamten Konzepts der GFK bildet Empathie. Rosenberg definiert diese in Bezug auf die GFK folgendermaßen:

[...]


1 Rummer, R.; Engelkamp, J.: Sprache und Emotion. In Otto. Euler. Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. 325.

2 Hülshoff, T.: Emotionen. S. 14.

3 Ebd.

4 Galiker, M.: Psychologie der Gefühle und Bedürfnisse. S. 16.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Euler, H. A.; Mandl, H.: Emotionspsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. S. 249.

8 Galiker, M.: Psychologie der Gefühle und Bedürfnisse. S. 17.

9 Ebd.

10 Buck, R.: The Communication of Emotion. S. 4.

11 Es ergeben sich Unterschiede in den Begründungen von emotionalen Handlungen in Bezug auf verschiedene Emotionen. Negative Emotionen wie Furcht resultieren beispielsweise in Abwehrreaktionen, die evolutionsbiologisch natürlich anders begründet werden, als Handlungen der Freude oder des Glücks. Izard, C.E.: Die Emotionen des Menschen. S. 37 ff.

12 Es ist tatsächlich die Psychoanalyse, die der Untersuchung dieses Zusammenhanges die meiste

Aufmerksamkeit schenkte. Dennoch gibt es bis heute kein psychoanalytisches Modell, welches das Verhältnis von Zustandsemotionen und sprachlichen Äußerungen untersucht. Auch die emotionspsychologischen Untersuchungen weisen kaum nennenswerte Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Emotion und dem Inhalt spontaner Sprachproduktion auf, die auch tatsächlich theoriebildenden Anspruch haben. Battacchi, M.W.; Suslow, T.; Renna, M.: Emotion und Sprache. S. 9.

13 Galiker, M.: Psychologie der Gefühle und Bedürfnisse. S. 241.

14 Rummer, R.; Engelkamp, J.: Sprache und Emotion. In Otto. Euler. Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. 326.

15 Battacchi, M.W.; Suslow, T.; Renna, M.: Emotion und Sprache. S. 100 f.

16 Battacchi, M.W.; Suslow, T.; Renna, M.: Emotion und Sprache. S. 95.

17 Osgood hat zur Messung der emotionalen Bedeutung eines Wortes eine Methode entwickelt, die drei Dimensionen untersucht: Valenz (angenehm-unangenehm), Aktivität (erregend-beruhigend) und Potenz (stark- schwach). Rummer, R.; Engelkamp, J.: Sprache und Emotion. In Otto. Euler. Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. 326.

18 Battacchi, M.W.; Suslow, T.; Renna, M.: Emotion und Sprache. S. 95.

19 Ebd. S. 97.

20 Ebd. S. 102.

21 Grafik: Ebd. S. 103.

22 Siehe dazu beispielsweise die Studie von Herrmann und Grabowski (1994). Battacchi, M.W.; Suslow, T.; Renna, M.: Emotion und Sprache. S. 99 ff.

23 Bei diesem Verfahren wird das Wort den Probanden in länger werdenden Intervallen vorgeführt.

24 Rummer, R.; Engelkamp, J.: Sprache und Emotion. In Otto. Euler. Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. 327 f.

25 Ebd. S. 254 f.

26 Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. S. 22.

27 Wikipedia-Artikel Gewaltfreie Kommunikation.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656728894
ISBN (Buch)
9783656728887
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279463
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde
Note
1,7
Schlagworte
emotion sprache gewaltfreien kommunikation missverständnisse

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Titel: Emotion und Sprache